Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt
Sonntag, 13. November 1927
Nr. 262
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Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.
Politische Entscheidungen reisen heran
Lin deutschnationaler Führer zur politischen Lage.
Die Abrüstungskonferenz.
Rußlands Teilnahme.
Bekanntlich hatte die Sowjetunion dem Senk», ralfekretär des Völkerbundes mitgeteilt, daß sie an der kommenden Session der vorbereitenden Abrüstungskommission teilnehmm wolle. Gleichzeitig hatte die Sowjetteqierung Angaben über das Da- tunt der Eröffnung und die Tagesordnung verlangt. Die gewünschten Auskünfte wurden dann Tschitscherin übermittelt und dieser hat mit Datum vom 10. November an den Generalsekretär bestättgt, daß seine Regierung die Einladung zur Teilnahme annehme. Der General- sekretär wird weiter ersucht, sich mit der schwei!- S"'chen Regierung wegen der Reise und des
enthalts der russischen Delegation m Genf ms Einvernehmen zu fetzen. *
Der Reichsminister des Auswärtigen, Dr. S t r e - f e m a n n, wird an der am 5. Dezember beginnen- den Tagung des Bölkerbundsrates wiederum persönlich teilnehmen.
Die französischen Frontkämpfer.
Auf dem in Versailles eröffneten Kongreß der stanzösischen Frontkämpferverbände, dessen Er- öfsnungssitzung der Präsident der Republik biS zum Schluß der Begrüßungsrede des Pensions- Ministers beiwohnte, kam es bei der Festsetzung des Arbeitsprogramms zu lebhaften Auseinandersetz ungen, die den Vorsitzenden veranlaßten, die Zwischenrufer zur Ordnung zu rufen mit den Worten: „Wenn Sie nicht in der Lage sind, Disziplin zu halten, dann schließen wir wieder den Kongreß und sprechen nicht mehr von der Vereinigung der ehemaligen Frontkämpfer." Ms dann der ehemalige Kriegsminister Magi- not die Rednertribüne bestieg, wurden aus den Reihen der Delegierten Kundgebungen für und gegen ihn laut, die mehrere Minuten anhielten und, wie Havas berichtet, zu einem unbeschleiblichen Tumult führten. Erft nach zweimaliger Unterbrechung der Sitzung, während der em Teil der Delegierten auch die Marseillaise angestimmt hatte, konnte Maginot seine Rede hasten, in der er zur eiicheitlichen Zusammenfassung der Verbände aufforderte.
* Rücktritt des badischen Landbundpräsidenten. Die Wochenschrift des Badischen Landbundes, „Der Landwirt", veröffentlicht einen Brief des badiichen Landbundpräsidenten G e b h a r d an den gefchasis- führenden Vorstand des Landbundes, in dem dieser seine Absicht kundgibt, aus gesundheitlichen und geschäftlichen Rücksichten sein Amt als Präsi- dent des Badischen Landbundes niederzuleaen.
Der Parteivorstand und der Reichsausschuß der D. D. P. haben, wie die „Nationalliberale Korrespondenz" meldet, nach Entgegennahme der Berichte der Minister Dr. Sttesemann und Dr. Curtrus zur gegenwärtigen, insbesondere durch den Meinungsaustausch d«S Reparationsagenten mit der Reichsregierung beeinflußten Lage, eine Entschließung gefaßt, ht bet es heißt:
Ein Einspruch des Reparationsagenten gegen die zur Zeit von der Reichsregierung vorgelegten großen Gesetze mit finanzieller Auswirkung, insbesondere die Besoldungsvorlage und das - gungsschlußgesetz liegt nicht
Berechtigung könnte auch in Zukunft nicht anerkaimt werden. Die Deutsche Volkspartei hält daran fest, daß die beiden genannten Vorlagen schleunigst zu verabschieden sind. Dagegen verlangt sie mit gleichem Nachdruck die Jnan^ " "r durchgreifenden Derwaltungsreform, die unter Umständen auch vor einer Aenderung der Verfassung, soweit das Verhältnis des Reiches zu den Ländern in Frage kommt, nicht Halt rna-
auf die Länder und Gemeinden im Sinne sparsamster Haushaltsführung ist deshalb unbedingt notwendig. In erster Linie gehört dazu eine starke Einschränkung der Anleiheausnahme, die nur unter der Kontrolle des Reiches in Zukunft möglich sein darf.
Reich und Länder.
Als Ergebnis der von uns bereits berichteten gemeinschaftlichen Aussprache der vereinigten Zentrumsfraktionen des Reichstags und Landtags, dl- fich mit dem Problem: Reich und Länder beschäftigte, kann folgendes festgestellt werden:
' Das Zentrum wird diese Frage im Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit gegenüber der Gesamtheit des Volkes behandeln, getreu seiner föderalistischen Tradition, jedoch ohne den Blick für die Aufgaben und Notwendigkeiten der neuen Zeit zu verschließen. Das Zentrum wird sich mit aller Kraft einsetzen, um dort, wo es möglich ist, Ersparnisse ohne Verletzung der Interessen der Allgemeinheit herbeizuführen.
Es wurde beschlossen, einen Untersuchungsausschuß zu bestellen, der das von den Referenten und in der Debatte vorgebrachte Material prüfen und einer erneut zufammenzuberufenden gemeinschaftlichen Sitzung der beiden Zentrumsfraktionen vorgelegt werden soll. Diese Sitzung soll stattfinden, wenn die beiden Parlamente des Reichs- und Larstitags wieder gemeinschaftlich tagen.
Als Mitglieder dieses Ausschußes wurden bestimmt die Äba. Dr. Brünning, Heß, Dr. Lauscher, Boh; (für Württemberg), Bockius (für Hessens Frau Weber, ferner die Vorsitzenden der beiderseitigen Fraktionen, von Guörard und Dr. Porsch.
Besoldung und Schulgesetz.
Aus dem Reichstag wird uns mitgeteilt:
Die Kommissionsberatungen des Reichstags in der abgelaufenen Woche waren von hoher Bedeu- ttung. Bei der Besoldungsvorlage, die dem wichtigsten Ausschuß des Reichstags, dem Haushaltsausschuß, überwiesen worden ist, wurden alle Probleme der Finanz-, Wirtschasts- und Sozialpolitik des Reiches angeschnitten. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß außerdem nun auch noch durch den Schritt des Reparationsagenten dieser Fragenkomplex nach der außenpolitischen Seite hin erweitert worden ist, so wird ersichtlich, welche außerordentliche Bedeutung diesen Beratungen jetzt beizumessen ist. Heute stehen wir trotz aller Fähr- lichkeiten, die inzwischen sich geltend gemacht haben, doch immerhin auf einem gewissen sicheren Punkte, auf dem man aussprechen kann, daß die Vorlage in ihren Grundzügen Gesetz werden wird. Es ist auch dabei gebsieben, daß die vom Reichsfinanzminister selbst vorgeschlagene Grundlage zum Ausgangspunkt der neu zu schaffenden Regelung gemacht worden ist. Jedenfalls darf man heute wohl sagen, daß wir politisch und parlamentarisch mit dieser Besoldungsvorlage über den Berg der Schwierigkeiten hinweg find und daß voraussichtlich eine Regelung getroffen wirb, die den berechtigten Interessen der Beamten sowohl wie aber auch denen der Allgemeinheit gerecht wird.
Viel kritischer liegt es bei dem Reichsschulgesetz. Hier sind die Schwierigketten innerhalb der Regierungsparteien selber noch nicht ausgeglichen. Zentrum und Deutschnationale stehen bezüglich dieser Vorlage geeint. Aber die Absichten der Deutschen Volkspartei sind nicht völlig geklärt, und diese Tatsache hat das Zentrum in der Sorge, daß das Gesetz verschleppt und schließlich vollständig zum Scheitenr gebracht werden könnte, nunmehr veranlaßt, eine Klärung der Absichten der Deutschen Volkspartei herbeizuführen. Es ist dabei kein Zweifel darüber gelassen worden, daß das Zentrum diese Frage als eine Kabinettsfrage ansieht, gegebenenfalls also entschlossen wäre, eine Koalitionskrise und eine Reichtagsauflösung dem Scheitern vorzuziehen.
Neben diesen sicherlich sehr wichtigen Fragen rollt sich nun im Rechtsausschuß das ganze große Problem der Strafrechtsreform auf. Hier wird eine unsäglich mühsame Arbeit geleistet, die auch schon eine wesentliche Förderung erfahren hat, ohne daß man aber im Augenblick in der Lage wäre, sich ein Bild über die schließliche Gestaltung dieses umfassenden Fragenkomplexes zu machen. Jedenfalls wird der Reichstag bei seinem demnäch- stigen Sufamm en tritt eine Fülle von Material vor- finben, über die dann im offenen parlamentarischen Kampfe die Entscheidung herbeigeführt werden
k, Der Reichsjustizminister und deutschnationale Mrer Dr. Hergt hat sich in Mainz über eine Reihe politischer Probleme vom deutschnationalen Standpunkt aus geäußert. Er erklärte u. a.:
Bei dem Dawesvlan sei die nächste Aufgabe die, den Kredit Deutschlands, der unter der hochgespannten Situation seit dem Memorandum zu leiden gehabt habe, neu zu festigen, um jede Krisis zu vermeiden und die noch unentbehrlichen Au s l a n d s k r e d i t e für produktive Zwecke weiter zu ermöglichen. Dieser Aufgabe diene die Aufklärung der Regierung, die fortgesetzt werde, und die Herstellung dauernder engster Beziehungen zum Reparationsagenten. Die Warnungen, die der Reparationsagent ausgesprochen habe, seien von ihm selbst wohl nicht so gemeint gewesen, daß sie nun durch die ganze Welt als schwere Krisenzeichen hinausposaunt werden sollten und zu heftigen Dorwürfen, wie sie der „Temps" und bte „Times" erhoben hätten, Anlaß hätten geben sollen. Sei doch gerade der Reparationsagent vom Standpunkt der Reparationsgläubiger wie der amerikanischer Gläubiger aus daran intereffiert, daß Deutschlands Kredit nicht erschütterr werde und man dürfe wohl von der Einsicht und der Objektivität Gilberts erwarten, daß er selbst zur Beruhigung im Auslände das Erforderliche betreiben werde. Andererseits habe die Reichsregierung das größte Interesse daran, unter Ablehnung jedes Zwanges Positives zu leisten, um für dauernde finanzielle und wirtfchaflliche Ordnung zu sorgen und die soeben bekanntgege- benen Maßnahmen wie die absolute Beschränkung der Ausländsanleihen auf produktive Zwecke, die Einrichtung eines reparationspolitischen Ausschusses, das Betreiben einer durchgreifenden Derwaltungsreform und die A b d r o f f e - lung des außerordenllichen Reichsetats bewiesen ihren guten Willen Im übrigen sei der Dawesplan ja nach beiderseitiger Auffassung im Zustande der Erprobung. Dieses gerade rechtfertige es, daß die Regierung noch vor Ablauf der Probezeit die unerläßlichen Maßnahmen wie die Befoldunas- und die Liquidationsschädenregelung — erster- im Dawesgutachten selbst, letztere im Versailler Vertrag vorgesehen — vornehmen wolle, da sie später die endgültige Basis nur wieder erschüttern würden.
Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen kam der Minister auch auf innerpolitische Fragen zu sprechen. Die Frage des Verhältnisses zwischen Reich und Ländern müsse wohl ausführlich geprüft, dürfe aber nicht übers Knie gebrochen werden. Der Redner bezweiflete, ob bei einer Zentralisierung dieselben kulturellen und wirtschaftlichen Erfolg» gezeitigt werden würden, wie unter den jetzigen Verhältnissen. Die jetzige Regierungskoalition habe auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet schon manches erreicht. Aber vieles bleibe noch zu tun übrig. Dek Besiedlung der Ostmar- ken wendet die Regierung die größte Aufmerksamkeit zu. Bei Erwähnung des Reichsschulge- s e tz e s erklärte der Redner, daß die Koalition mn dieser Vorlage stehe und falle. Der Gang der Verhandlungen gebe zum Optimismus Anlaß. Es werde und müsse zu einem Kompromiß kommen. Das Aufwertungsproblem könne nicht mehr wefentlich geändert werden, denn durch die Kämpfe, die wieder heraufdeschworen würden, würde bte Zersplitterung im Volke nur noch größer werden. Erst wenn alle Teile Deutschlands von der Besatzung frei wären, könne nach deutschnationaler Aufsaffung an die Festlegung eines Nationalfeiertages gedacht werden. Bei dem Zwie- fpalt, der gegenwärtig durch unser Volk gehe, laße sich die F l a g g e n f r a g e vorerst nicht lösen.
Die Politik der Volkspartei.
mentlich nicht im Lager der Opposition, hat ein Interesse daran, sich vor den Neuwahlen mit neuen Verantwortungen zu belasten. Man rüstet sich vielmehr darauf, die angeblichen und wirklichen Sünden dieses Kabinetts und dieser Regierungs- Mehrheit zu buchen, sie zuweilen auch zu ver- grobem, um die nötige Plattform für einen frisch« fröhlichen Oppositionskampf, der ja immer leichter als ein Kampf unter der Belastung der betont- wortung auszuführen ist, zu bekommen. Man kann ruhig zugeben, daß die gegenwärtige Opposition das Menschenmögliche leistet, um der Regierung und den Regierungsparteien Schwiengkeiten zu bereiten und ihnen das politische und parlamentarische Leben so sauer wie möglich zu machen. Man kann es andererseits ebenso ruhig aussprechen, daß im Lager der Regierungskoalitlon selber sicherlich keine ungemischte Freude herrscht, und daß man mancherorts je eher, desto lieber bereu märe, aus gewissen Bindungen, die nachgerade lästig werden, herauszukommen.
Darüber muß man sich freilich klar sein, daß jedes Rütteln an der gegenwärtigen Koalition oder gar eine Minister- oder Regierungskrisis unweigerlich die sofortige Auflösung des Reichstages zur Folge hätte. Denn es ist unter dem Schatten einet kommenden Wahl vollständig unmöglich, eine neue Regierungskoalitlon zu schaffen. Das wird vollkommen klar, wenn man sich daran erinnert, wie ungeheuer schwer es schon war, unter sozusagen normalen Verhältnissen zu einer Regierungskoalition zu kommen. Das hat oft wochen-, ja monatelang gedauert, und es wäre unter den gegenwärtigen Verhältnissen überhaupt keine Aussicht vorhanden, eine neue arbeitsfähige Regierung auf anderer parteipolitischer Basis zustandezubringen.
Die große Gefahr für unsere innerpolitischen Verhältnisse besteht darin, daß durch die Vertiefung der Gegensätze, noch ehe in die eigentliche Wahlpropaganda eingetreten worden ist, sich die allgemeinvolitischen und und die parteipolitischen Spannungen letzten Endes so verschärfen müssen, daß der Blick für die Wirklichkeit getrübt wirb, und daß daraus dann peinliche Folgen für die Bildung und Erklärung des Willens der Wählerschaft sich ergeben. Man redet sich jetzt schon in eine Aufregung und Verwirrung hinein, die schlimme Wirkungen auslösen muß, wenn sie nicht verstandesmäßig gebändigt wird. Die Aufwuh- hmg der Massen, wie sie jetzt schon verschieben!, ich betrieben wirb, tarnt sich unter diesen Umstanden sehr leicht auch gegen die Unruhestifter selber wenden. Wir haben im politischen Leben Beispiele genug, Beispiele, deren Spuren schrecken sollten! _ m „
Wer es gut meint mit dem Volke und wer eine ruhige geordnete Entwicklung unserer politischen und sozialen Verhältnisse wünscht, der wird seine warnende Stimme gegen Erscheinungen erheben muffen, die wir mehr und mehr heute im öffentlichen Leben beobachten müssen.
chen darf. Die Wirtschaft Deutschlands bedarf der dringenden Milderung der aus ihr ruhenden Lasten. Die Haushaltsgebarung des Reiches muß so gestaltet werden, daß der künftige Reichshaushalt nicht nur ohne Steuererhöhung abgeglichen, sondern daß auch eine Senkung der Realsteuern tatsächlich durchgeführt werden kann.. Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer leiden gleichermaßen unter der Höhe der sozialen Lasten, denen noch immer nicht entsprechende Leistungen gegenüber.« stehen. Zur Erreichung dieser Ziele müssen die Reichsregierung und der Reichstag Zusammenwirken. Es wird ein Weg zu suchen sein, der geeignet ist, ine hemmungslose Bewilligung von Mehrausgaben durch das Parlament
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Der Haushaltsausschuß des Reichstages hat am Freitag das eigentliche Besoldungsgesetz, dassin 14 Paragraphen die allgemeinen Bestimmungen enthält, in erster Lesung erledigt, wobei jedoch zu beachten ist, daß mehrere wichtige Paragraphen für die zweite Lesung zurückgestellt wurden. Es handelt sich bei diesen zurückgestellten Paragraphen, über die keine Eini- aerzielt werden konnte, u. a. um die Frage der näre und Hinterbliebenen, um die Frage der Amts- nungen und um den finanziellen wichtigsten Paragraphen 39a, der auf einstimmigen Beschluß des Reichsrates in die Bcsoldungsvorlage hineingekommen ist und für Abdeckung der durch die Besoldungsvorlage entstehenden Mehrausgaben der Länder und Gemeinden, die vom Reich an die Länder zu leistenden U e b e r Weisungsanteile von dem Aufkommen der Einkommen- und Körperschafts st euer auf 80 Prozent er«
Das Reickskabinett beschäftigte sich unter bem Vorsitz bes Reichskanzlers Dr. Marx mit bem Entwurf des Gesetzes über bie Feststellung bes Reichs- Haushaltsplanes für bas Rechnungsjahr 1928. Die Beratungen werben anfang nächster Woche fortgesetzt.
Zentrum und Kleinrentner.
Aus bem Reichstag wirb uns geschrieben:.
Die Zentrumsfraktion bes Reichstags hat sich in ihrer Sitzung vom Freitag unter anberent auch sehr eingehenb mit ber Frage bet Kleinrentner« Versorgung beschäftigt, über bie Frl. Teusch referierte. Bekanntlich haben bie Demokraten tm Reichstag in dieser Angelegenheit einen Gesetzentwurf eingebt acht, ber aber rein agitatorisch zu bewerten ist, da er nichts anberes barstellt, als eine Abschrift bes früheren beutschnationalen Antrages. Das Zentrum kann darauf Hinweisen, daß es als erste Partei nach bet Inflation die Frage ber Rentnerverforgung gegen starke Widerstände von anderen Parteien ins Rollen gebracht hat. Im Einklang mit der Wahrung bet Interessen ber Gesamtheit wirb das Zentrum auch in dieser Frage alles zu erreichen suchen, was den Bedürfnissen dieser wirklich AermstenallerAtmen zweckdienlich erscheint. Aber das Zentrum muß es ablehnen, in dieser Stage, wie auch in anderen, ich von agitatorischen und lediglich auf die Wah l- iropaganda berechneten Anträgen beeinfluf« en zu lassen......
Dasselbe gilt auch gegenüber merkwürdigen Anträgen, die gegenwärtig die Deutschnationale n in der Frage des Abbaues bet Wo hnungs- zwangswirtschaft im Wohnungsausschuß des Reichstags stellen. Diese Anträge sind ebenfalls ausschließlich wahlaktiich und propagandistisch gedacht und sie verfolgen das Ziel, ber Wirtschaftspartei diejenigen Anhänger abzujagen, bie aus der öeutfdjnationalen Partei herausgegangen sind. Es ist aber ein unmöglicher Zustand, und muß absolut in der interfraktionellen Besprechung geklärt werben, baß selbst Koalitionspar- teien mit Agitationsanträgen anberen Parteien der gleichen Koalition den Rang abzulaufen suchen. Das ist keine fachliche Polltik mehr, sondern Sigita- timt, die unvereinbar ist mit den ber Allgemeinheit gegenüber wahrzunehmenden Interessen.
politische Nervosität.
Aus dem Reichstag wird uns von einem parlamentariscken Mitarbeiter geschrieben:
Es hat Zeiten gegeben, in denen man wünschte, daß der Reichstag nicht beisammen wäre, um den Herd politischer' Unruhe und Nervosität auszu- schalten. Heute ist es schier umgekehrt: die Zeit ber Reichstagspause wirb von verschiebenen Seiten her, die an ber Schürung ber politischen Unruhe und Nervosität ein parteipolitisches Interesse haben, dazu benutzt, um Gegensätze zu konstruieren und Verwirrung in das Lager der Parteien zu bringen. Alles das geschieht unter dem Schatten einer kommenden Reichstagsauflösung unb Neuwahl.
Daß dieser Reichstag ein normales Ende finden würde, ist vollkommen ausgeschlossen. Dieser Reichstag wird lange vor feinem gesetzlichen Ablauf, ber in den Dezember 1928 fiele, einem Nachfolger Platz machen müssen. Selbst wenn alles ganz gut unb ohne gefährliche Störungen in den nächsten Monaten vor sich ginge, würbe doch spätestens im Mai ober Juni des kommenden^ Jahres ber große Wahlgang vollzogen werden müssen.
Die Frage ist jetzt nur noch, ob bis zu diesem Zeitpunkt die gegenwärtige Koalition sich halten läßt oder ob sie einer neuen Platz machen würde. Das erste ist wahrscheinlich, denn niemand, na»
höhen wkll. „, .
Bekanntlich hatte die Reichsreglerung sich diesem Beschluß des Reichsrates nicht angeschlaßen und dem Reichstag eine besondere Vorlage zugehen lassen. lieber ausgaben durch das Parlament ■ diese Frage konnte unter den Parteien noch keine Eini- schr änken. Die Einwirkung des Reiches i gung erzielt werden, da die Reichsregierung nach wie vor
einer Erhöhung der Länderanteile auf 80 Prozent ver- chärften Widerstand entgegensetzt. Der Aus- chuß hat sich daher nach einer längeren, teilweise recht türmischen Geschäftsordnungsdebatte dahin entschlossen, zunächst die eigentlichen Gehaltssätze zu beraten. Inzwischen soll versucht werden, unter den Parteien und mit der Regierung eine Einigung über die strittigen Fragen zu erzielen.
Die Beratung der Gehaltsgruppen.
Auf der Tagesordnung des Haushaltsausschusses des Reichstages stand am Samstag die Besoldungsordnung A, die die Gehaltsgruppen der Beamten festlegt.
Abg. St ein köpf (Soz.) beantragte, nicht den Gruppenaufbau des neuen Besoldungsgesetzes, sondern das Besoldungssystem von 1980 der Erörterung zugrunde zu legen. Die Sozialdemokraten begründeten diesen Antrag mit dem Hinweis auf die vermehrte Zerreißung an den Besoldungsgruppen und die Manget der jetzigen Zusammenlegungen. Die Verzahnung der einzelnen Gruppen müsse wieder hergestellt werden. Abg. S ch u l d t (Dem.) trat gleichfalls für eine Verbindung des Guten aus der neuen Vorlage mit den bewährten Grundsätzen von 1920 ein und entwickelte seine Gedanken über ein gerechtes Gruppenausstiegsschema mit besonderen Verzahnungsstellen zwischen unteren und mittleren, mittleren und oberen. Die Stellenzulagen eien dabei in die Grundgehälter einzubauen. Die untersten Gruppen wollte der Redner im Anfangsgehalt um etwa 100 Mk. bester stellen. Rach kurzer Erörterung beschloß der Ausschuß, diese Vorschläge des Aba. Schüldt schleunigst drucken zu lassen. Abg. Morath (D. Vp.) forderte die Ablehnung des Antrages Steinkop). Abg. Torgler (Komm.) wendete sich gegen die Stellenzulagen statt Beförderung und bezeichnete den Antrag Schüldts als ein schwächliches Kompromiß.
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Der Vorstand des Deutschen Stabte« tages hat bem Bildungsausschuß des Reichstages eine Eingabe übermittelt, worin er erneut bte Forderung betont, daß die Kosten aus der Durchführung des Reichsschulgesetzes den Schulträgern vorn Reich ersetzt werben. Nicht die Gemeinden seien es, bie die Neugründung von Schulen betrieben, sondern das Reich führe durch das Reichs- schulgesetz eine sehr weitgehende Umgestaltung ber Derwaltungsgrundlagen ber Volksschulen herbei.