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Anzeiger für die Lkadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.

Ar. 259.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilaaen: Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlaa der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

>:Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Donnerstag, 10. November 1927.

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54.Zahrg.

Marx über bie Arbeit für bas Auslaabsbeutschtum

Der Reichsverband für die katholischen Aus- kandsdeutschen, der von Reichskanzler Dr. Marx geleitet wird und 72 Verbände umfaßt, veranstal­tete im Sitzungssaale des ehemaligen Herrenhauses eine Feftverfammlung. Reichskanzler Dr. Marx führte hierbei folgendes aus:

Die Pflicht zur Arbeit am Auslandsdeutschtum, an den kleinen und kleinsten Splittern des deutschen Volkstums schien bis vor kurzem fast der Vergessen­heit anheimgefallen zu sein. Das ist anders geworden. Und das Verdienst hieran darf der Reichsverband für die katholischen Ausländsdeut­schen für sich in Anspruch nehmen. Die Arbeit, die der Reichsverband am Auslandsdeutschtum leistet, ist nationales Wirken im besten Sinne des Wortes, ein Wirken, das der eigenen Nation dient, aber auch die berechtigten Interessen der­jenigen Nationen achtet, welche deutsch« Minder­heiten bei sich beherbergen. Dieses Wirken hat mit Chauvinismus nichts zu tun. Cs dient der Erhaltung und Pflege des eigenen Volkstums, das inmitten fremder Nationen um sein Dasein ringt. Dieses Wirken strebt danach, ein harmonisches Ver­hältnis herzustellen zwischen deutschem Volkstum im Mutterlands und deutschem Volkstum im Aus- lande, aber auch zwischen Auslandsdeutschtum und fremder Nation. Es vermeidet geflisientlich jene Ueberfteigerung des nationalen Prinzips, die wir so häufig als Feste! empfinden im Zusammen­leben der Völker. Es mündet letzten Endes aus im christlichen Universalismus, dem erstrebenswerten Ziel aller derer, die ernstlich die Völker versöhnen wollen.

Reichskabinettssitznng.

Das Reichskabinett wird am Mittwoch nach­mittag zu einer Sitzung zusammentreten. Auf der Tagesordnung stehen zunächst kleinere laufende Angelegenheiten. Wie es in den Blättern heißt, wird man sich im Kabinett auch über den Eindruck unterhalten, den die Veröffentlichung des Gil­bert-Memorandums und der deutschen Antwort im In- und Auslande gemacht hat. Die Wiederaufnahme der persönlichen Verhandlungen zwischen dem Reichsfinanzminister Dr. Köhler und dem Reparationsagenten werden nach Beendigung des Studiums der deutschen Antwort durch Parker Gilbert wieder ausgenommen werden und zwar, lautB. $.*, noch im Laufe dieser Woche.

Im Bayerischen Landtag kam bei der Beratung des Etats des Finanzministeriums die Svracke auch auf das Memorandum des Repara­tionsagenten. Der Redner der Bayerischen Volks- Partei übte scharf» r} h « »rff»rte. Sie Alliierten würden sich einer Täuschung hingeben, wenn sie glaubten, daß der E i n h e i t s st a a t die Revarationslasten leichter tragen würde als der

Staat in der jetzigen Form. Auf die Dauer würde Deutschland die furchtbaren Kriegslasten überhaupt nicht aufbringen können.

Für die Sozialdemokratische Fraktion erklärte Abg. Ackermann, es sei zuzugeben, daß der Reparationsagent die Grenzen, die ihm durch seine Aufgabe gezogen seien und die besonders ein takt­volles Vorgehen verlangen, wenn es sich um die Behandlung innerdeutscher Angelegenheiten han­dele, nicht streng eingehalten habe. In der Ant­wort der Reichsregierung vermisse man vollständig, daß der Reparationsagent in seine Schranken zurückgewiesen worden wäre. Im übrigen könne aus dem Schritt Gilberts nicht ein Vorwurf gegen die Unitaristen abgeleitet wer­den. Der Redner betonte weiter, daß die An­sprüche Bayerns an das Reich hinsichtlich der Bahn- und Postabfindung berechtigt seien und daß es ein Armutszeugnis für die Reichs­regierung fei, wenn sie sich in dieser Frage hinter den Widerständen der preußischen Regierung ver­schanze. Der Forderung des bayerischen Finanz­ministers auf eine Erhöhung des Anteils der Län­der an der Einkommen- und Körperschaftssteuer könne man ebenfalls zustimmen.

Auf der Schlußsitzung der Führer­tagung des Reichslandbundes legte Pröf. Halle r-Tübingen in einem Referate über Lehren aus der deutschen Vergangenheit, insbe­sondere der Bismarck-Zeit, für den künftigen Auf­bau des Reiches" ein Bekenntnis für den deutschen Einheitsstaat ab. Bismarcks Verfassung sei auch in der Austastung »Bismarcks selbst nur eine Ueberganqslösung gewesen. In der DebMte traten Reichstagsabgeordneter Dr. E v e r l i tt g und Prof. Spahn diesen Dar­legungen entgegen und betonten ihren Witten zum föderativ gegliederten Deutschen Reich. Prof. Haller erklärte in seinem Schlußwort, daß es sich bei der Verwaltung und Verfassungsreform nicht nur um Vereinfachungen handele, sondern um den deutschen Menschen, der bisher nur in kleinem Kreise gelebt habe und aus diesem Grunde den weiten Blick für die Weltge­schichte vermissen lasse.

3um Rerchrschulae^etz.

Für den 13. November ist dem B. T. zufolge in Frankfurt a. M. eine Tagung der volk partei­lichen Vertreter aus allen Simuttanschulländern vorgesehen. Das Referat hat Geheimrat Dr. Run- k e l übernommen. Die Beratungen in Frankfurt a. M. haben den Zweck, der Sitzung des Zentral- vorstandss der Partei, die am 21. November in Braunschweig stattfindet, Anträge unterbreiten zu können.

Politische Aussprache in England.

In England. Schottland und Wales haben Ge- meindewahlen stattgefunden, die mit einem be­trächtlichem Siege der Arbeiterpartei endigten. Diese Siege gingen fast insgesamt auf Kosten der Konservativen Partei, aber auch die Liberalen be­trachteten das Ergebnis mit großer Enttäuschung. Wenn bei den Gemeindewahlen auch die Fragen die Enstcheiduna beelnflusien. die nicht unter hem Begriff der ..hoben Politik" zusammenzufassen sind, so ist es dock natürlich, daß das Für oder Wider zurhoben Politik" der Parteien erheblich mit­spricht. Insofern ist der Wahlausgang ein günsti­ges Vorzeichen für die politische Stellung der Ar­beiterpartei und ein recht ungünstiges für die der regierenden Konservativen Partei. Es muß auf­fallen, daß sich die Liberalen so wenig durchoesetzt haben. Nach der Einigung der Liberalen Par­tei unter der Führerschaft Lloyd George hatte man geglaubt, daß sie zu neuer stärkerer Geltung im Aufschwung sei. Die Gemeindewahlen bestätigen solche Berechnung noch nicht. Zur Erklärung wird von den Führern der Arbeiterpartei darauf hinge­wiesen, daß der demokratische Sinn des engli­schen Volkes es ablehne, eine kleine Mittelvartei fc> stark zu machen, daß sie das Züngelein an der Waage werden können, also bei den politischen Ent- scb-idungen trotz ihrer zablenmäßioen B»deutungs- losiakeit einen ansschlaggeb-nden Faktor bilde. Das englische Volk halte am Zweiparteiensystem fest und dieser Umstand müsse alle optimistischen Re­gungen bei den Liberalen enttäuschen. Die Li­beralen selbst wollen diese Erklärungsversuche nicht gelten lasten, sie meinen, daß der Wahlausgang für ihre Partei günstiger gewesen wäre, wenn man nicht nur in einem Teil der Gemeinden libe­rale Kandidaten aufgestellt hätte.

Soweit die hohe Politik in die Gemeindewah- ken hineinsoielt. nimmt man es den Konservativen Übel, daß sie sich nicht führend an der Organisa­tion des europäischen Friedens beteiligen'. Es scheint dieser Vartei doch sehr geschadet zu haben, baß ein Lord Cecil, der englische Dölkerbundsdele- pierte, seine Aemter in Genf und im Londoner Kabinett niedergelegt hat mit der Begründung, daß er die müde Art der englischen AbiMnng-- politik nickt weiter mitmachen könne. Lord Ceci! hat es zudem bei diesem Schritt nicht bewenden lasten sondern sich beeilt, ihn auch in der Oeffent- lichkeit zu begründen. Er hat am 21. Oktober eine Redetournee begonnen, um sich dafür einzusetzen, daß die allgemeine Herabsetzung und Begrenzung der Rüstungen für die Aufrechterhaltung eines dau­ernden Friedens und für die Erfüllung der inter­nationalen Verpflichtungen Großbritanniens und für die Durchführung nationaler Sparpolitik durch international» Abkommen geregelt werde.

| Es ist selbstverständlich, daß, wenn die englische |Abrüstungspolitik" des letzten Jahres schon so in­nerhalb konservativ denkender Kreise hart« Kritik erfährt, die Ovvosition nicht milder kritisiert. Das Programm der Arbeiterpartei, die jüngst ihren Par­teitag abgehalten hat, ist ihr ebenso entgegenge­setzt wie die Haltung des Führers der Liberalen, Lloyd George, der am 24. Oktober sich in einer großen Rede ebenfalls für eine kühne Politik der Schiedsgerichte und des konstruktiven Friedens ein­gesetzt hat und das Scheitern de Dreimächtekon­ferenz bedauerte. Lloyd George hat wie wenige Staatsmänner den Mut zu fortschrittlichen Aeube- rungen, wenn auch nicht immer das Zielbewußt­sein und die organisatorische Kraft, die nötig ist, um entgegenströmende Hemmungen zu beseitigen. Er sprach von Fehlern des Friedensvertrages und verlangte eine Revision einzelner territorialer Be­stimmungen, kritisierte die Behandlung nationaler Minderheiten in einzelnen Ländern und setzte sich für die Befreiung des Rheinlandes ein, nachdem ^Deutschland einen aufrichtigen und erfolgreichen Versuch gemacht habe, den Verpflichtungen nach­zugeben, die ihm auferlegt worden seien". Lloyd Georg« meint allerdings, daß eine Revision nur ourch den Völkerbund geschehen dürfe. Von Lord wie von Lloyd George unterscheiden sich vle Politik des Außenministers Chamberlain we- sentlich dadurch, daß sie es ablehnt, für England weitere Bindungen einzugehen, als durch den'Ver­sailler Friedensvertrag und durch das Locarno- abkommen bereits gegeben sind. Sie unterscheidet sich auch in der Frage der Abrüstungen, da Cham- englische Prestige hauptsächlich in der Aufrechterhaltung der Rüstungsmacht begründet sieht.

Was den letzten Punkt angeht, so weisen Lord Cecil und Lloyd George darauf hin, daß sich seit dem Weltkrieg die strategische Position Englands wesentlich geändert habe. Durch die Entwicklung der Luftwaffe sei Großbritannien der sicheren Po­sition verlustig gegangen, die es bis zum Kriege gehabt »Hobe, wo die Luftwaffe noch in ihren An­fängen stand und die englische Seeflotte die Welt­meere beherrschte. Den so aufsteigenden Gefahren könne auf, die Dauer nur dadurch begegnet wer­den, daß di« englische Politik ein System an Frie­denssicherungen sckiaffe, das den Krieg nicht mehr aufkommen lasse. Es sieht so aus, als wenn sich die Meinung des enalischen Volkes bemächtige-, daß es sich auf seiner Insel nicht mehr so sicher fühlt als bi-her.

Mit dem Gesagten ist das Verhältnis zu Deutsch­land bereits umrissen. Es ist anzunehmen, daß der englischen Politik mit der Zeit immer mehr daran liegen wird, daß die politischen VerMtnM

auf dem europäischen Festland möglichst stabil wer­den und daß vor allem der östliche Gefahrenherd ausgeschaltet wird. Das bedeutet ober letzten En­des eine Hinneigung zu der französischen Auffas­sung von der Endgültigkeit des Versailler Ver­trages gerade auch bezüglich der Ostverhältnisse. National« Fortschritte wird darum Deutschland nur durch Einordnung in die vertragsmäßig festgeleg­ten Verhältnisse durchsetzen können. Das gilt in jeder Beziehung. Auch auf reparationspolitischem Gebiet. Bei den bevorstehenden Reichstagswahlen sollte das der deutsche Wähler gar wohl beachten.

Die indische Verfassungsreform.

Premierminister Baldwin teilte im Unterhaus den Beschluß der Regierung mit, den Ausschuß so­fort zu ernennen, um die Frage der indischen Ver­fassungsreform zu prüfen. Der Ausschuß, der un­ter dem Vorsitz des liberalen Abgeordneten, Rechtsanwalt John Simon, stehen wird, wird auch zwei bekannte Abgeordnete der Arbeiterpartei zu feinen Mitgliedern zählen.

Um Carol.

wtb. patte, 9. Nov. (Gig. Funkm.). Nach einer Meldung desNew Park-Herold" aus Bu­karest veröffentlicht die ZeitungCuventul" ein offenes Schreiben an den Minister­präsidenten Bratianu, in dem dieser auf­gefordert wird, sich nicht allzusehr gegen die Rück­kehr des Prinzen Carol zu sperren, die die natio­nale Bauernpartei sowie sämtliche Volksparteien fordert» n.

* Der Reichspräsident empfing Mittwoch vor­mittag den Reichskanzler Dr. Marx und nahm außerdem einen Vortrag des Reichsministers des Innern, von Keudell, entgegen.

* Der Gefandfe von Guatemala in den Ver­einigten Staaten, Sanchez Latour, der einer der bekanntesten zentralamerikanischen Diplomaten war, ist g e st o r d e n.

Mussolinis Regiment.

wtb. Rom, 9. Nov. (Eia. Funkm.). Hier tagte unter dem Vorsitz des Preniierminifter» di« f a s ch i st i s ch e P ä r t e i l e i t u ng. In der gestri. gen Sitzung hielt der Premierminister eine Rede über die in- und ausländische Lage, die drei Stunden dauerte, über deren Inhalt die Blätter jedoch keine weiteren Angaben machen. Die Parteileitung stellte u. a. fest, daß die jetzt auf Grund des neuen Statuts erfolgten Ernen­nungen sämtlicher Par teileiter statt der frühe­ren W a h l e n sich gut bewährt haben. Etwa 20Ö0 Personen wurden aus leitenden Stellen entfernt und 3000 aus der Partei ausgeschlossen. Cs wurde beschlossen, daß in leitende Stellen in Zukunft nur langjährige und erprobte Partei­mitglieder ernannt werden sollen. Eine An­gliederung von früheren Parteigegnern aus den verschiedenen Lagern soll abgeroiefen werden. Der italienische Generalkonsul in Düssel­dorf wurde zur Disposition gestellt und auf seinen Posten der bisherige Pariser General« konsul Pullino berufen.

Die Reiie nach Wien.

wtb. Berlin, 9. Nov. (Gig. Funkm.) Der Reichs- tangier und der Reichsaußenmini st er werden am 13. d. M., abends, von Berlin abfahren und am 14. November in Wien eintreffen. Beide werden in der deutschen Gesandtschaft wohnen, während die fierren ihrer Begleitung in einem Wiener Hotel ole Gälte der österreichischen Regierung untergebracht werden Am Vormittag des 14. November steht ein Besuch beim Bun. deskanzler Seipel bevor, ferner ein Frühstück beim Bundespräsidenten Hainisch. Abends um 8 Uhr ist ein großer Empfang der österreichischen Regierung für die reichsdeutschen Herren vorgesehen, bei welcher Gelegen­heit Ansprachen gehalten werden. Abends ist eine Vor­stellung im Opernhaus und ein Essen beim österreichischen Unterrichtsminister Schmitz. Am 16. November wird der Reichskanzler sich nach München begeben, wo er 24 Stunden verweilen wird. Der Reichsminister des Aeuhern dürfte am 16. noch in Wien bleiben und dann nach Berlin zurückkehren.

Amerika unö kie Verurteilung des Augriilskriegs.

Die Frage der Einbeziehung der Vereim'crten Staaten in die Reihe der Staaten, die den An­griffskrieg als verbrecherisch erklären, wird jetzt wieder lebhafter erörtert. Zunächst sandten ver­schiedene religiöse und pazifissische Organisationen Appelle an Coolidge, der Anremmg Br'and näher­zutreten. Sodann trug kürzlich der Herausgebrr der Londoner Revue of Revues in Wickham, Steeo, Coolidge den Plan vor, die Regierung der Ver­einigten Staaten möge feierlichst erklären, daß sie den Nationen, die Angriffskriege führen, jede finanzielle und industrielle Hilfe ver- sagen werde. Schließlich brachte Senator Borah seinen Antikriegsplan vor, der über den Vor­schlag Briands noch hinausgeht.

Im Weißen Hause wurde zu den Vorschlägen Briands und Steeds erklärt, die Regierung stehe allen Bemühungen, den Krieg zu verhindern, sym­pathisch gegenüber, sie fürchte jedoch, daß di« Definition des Angriffskrieges Schwierigkeiten ma­cken werde. Es könnten Fälle einfteten, in denen die Reckt« der amerikanischen Bürger verletzt wür­den und Ame'cka infolgedessen ae^wunaen fr, eimu- orecken. Man trage daher Bedenken, sich auf eine Politik feftzuleaen, die noch zu verschwommen fei und einer weiteren Klarstellung bedürfe. ..Neuyork Times" glaubt, daß Senator Borah als Vorsitzen­der des Auswärtigen Senatskomitees jedenfalls die Resolution durchsetzen werde, die den An­griffskrieg verurteilt.

Dom Völkerbund.

Aus Genf wird gemeldet: Das Internationale Uebereinkommen über die Abschaffung der Ein- und Ausfuhrverbote und Beschränkungen samt dem zugehörigen Ergänzungsprotokoll und der Schlutz- atte wurde von 18 Ländern unterzeichnet, darunter Deutschland, Oesterreich, Dänemark, Bel­gien, Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan Holland, Schweiz, Tschechosiowakei und Ungarn. Ferner wurden die Schlußakte von den Vertretern der Internationalen Handelskammer unterzeichnet. Der Vertreter der Vereinigten Staaten, Wilson, erklärte, Amerika behalte sich sein« end­gültige Stellungnahme vor. Ein Mitglied der In­ternationalen Handelskammer betonte, daß das llebereinkommen die Erwartungen der Geschäfts­welt nicht vollkommen befriedige, aber als ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege der vollständi­gen Abschaffung der Verbote und Beschränkungen aufzufassen sei. Di« Internationale Handelskammer werde deshalb ihre nationalen Sektionen ersuchen, bei den Regierungen der betreffenden Länder für die rasche Ratifikasion des Uebereinkommens einzu­treten. In seiner Schlußrede -führte der Präsident der Konferenz, der ehemalige holländische Minister- präsident Golijn, aus, man sei sich im Laufe der Verhandlungen klar geworden, daß es zur Zeit nicht möglich sei, alle Beschränkungen des inter­nationalen Handels abzuschaffen. Bedauerlich fei auch, daß das Prinzip der Schiedsgerichtsbarkeit nicht zu einer weitergehenden Anwendung gelangt fei. Durch die Konferenz sei aber eins der wichtig­sten Postulate der Weltwirtschaftskonferenz der Ver­wirklichung näher gebracht worden.

Dazu wird uns noch geschrieben:

Die beendete Konferenz zur Beseitigung der Ein- und Ausfuhrbeschränkungen hatte die Aufgabe, die rein platonischen Erklärungen der Welt- wirffchaftskonferenz in eine feste Form zu bringen.

Die Ein- und Ausfuhrverbote gehören an sich einer vergangenen Epoche an und ihre Abschaffung und Einschränkung ist ein rein europäisches Problem, an dem insbesondere bie östlichen Staa­ten interessiert sind. Der erste Entwurf der Kon­vention enthielt eine Anzahl vager Klauseln. Ar- tifet 4 z. B. hätte Ein- und Ausfuhrverbote auf Grund der Klausel der Landesverteidigur: ermöglicht. Mit Erfolg kämpfte die deutsche Del gation auf der Grundlage des deutsch-italienisch und des deutsch-französischen Handelsvertrages ge­gen die zu lose Fassung dieses Artikels an, sodaß England gezwungen war, seinen Vorbehalt auf di« Beibehaltung bet Einfuhrverbote aus Farbstoff« anzumelden. Wenn die deuffche Delegation zuerst für die völlige Streichung des Artikels 5 ein­trat, so konnte sie sich doch damit begnügen, erreicht zu haben, daß dieser Artikel lediglich die Form einer Katastroph enklausel erhalten hat,denn keines der Verbote kann unter diesem Artikel be­stehen bleiben. Der englische Farbstoffvorbehalt hatte zur Folge, daß Deutschland sein Kohlenvor­behalt und Frankreich fein Schrottvorbehalt anmel­deten. Diese riefen dann ihrerseits eine Reche von Vorbehalten hervor, die weniger internationale Be­deutung haben. Das -rumänische Petroleumvorbe­halt bestand in ähnlicher Form schon vor. dem Kriege. Sehr wichtig ist, daß es der Tschechosiowakei nicht gelang, ihre zahlreichen Vorbehalte, so für Holz, Häute und Knochen auftechtzuerhalten. Was die Landwirtschaft anbelangt, so hat man sich darauf beschränkt, di« Erklärungen gutzuhei­ßen, die die Wirtschaftskonferenz angenommen hatte. Den Antrag der weinbautreibenden Länder nahm Deutschland nicht an, da es den Standpunkt vertrat, daß er in der vorliegenden Form aus innerpolitischen Gründen gemacht war. Wenn die Konvention 18 Länder unterzeichneten, so ist das als ein großer Erfolg der Konferenz zu bezeichn^

Die Zreundschaftsverträge.

Der®olr" besprich, bi» v«richt«denen tn bex Nachkrte-izet, adoelchlosieven Freundickons« und AManzvenräge. Er siedr in bhien etn» Ge­fahr, denn nach lefner Ansicht ähnelten diele diplo­matischen Kombinationen der NackkriegsreN denen der Vorkriegszeit. Europa fei in eine Art Netz von Bündnissen und Kombinationen ver­strickt, die jeden Konflikt zu einem Weltkonflikt machen würden. Frankreich, Italien, England, Deutschland, die Kleine Entente, Polen ufro. seien in diesem Netz gefangen. Man habe schnell die feierlichen Versprechungen von 1918 vergessen.

*

Zu einem Artikel der englischenMorninß Post", wonach die Einstellung neuer Polß zisten ein lehrreiches Beispiel der p r e u ß i. schen Verschwendung fei und der Heran- blldung von militärisch geschulten Polizisten diene, wird den Blättern mitgeteilt, daß diese Ausfühnin. gen darum völlig unverständlich feien, weil die preußische Polizei aus der Polizeischule heraus alle Jahre nur soviel neue Polizisten ein- stelle, wie dem Abgang entspreche. Die Zahl der preußischen Polizisten sei durch Abmachungen mit der Botschafterkonferenz feftgelegt und diese Zahl fei überhaupt noch nicht einmal erreicht. Eine mili­tärische Ausbildung erhielten die Polizisten über- Haupt nicht, sie würden nur in der Polizeischule polMimäöia ausaebiltcl