Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Dienstag, S. November 1927

7lr. 257

Die Revolutionsfeier der Bolschewisten

harten Friedensbedingungen und Reparationslei­stungen. Alle irgendwie unnötigen Ausgaben müs­sen erspart werden. Nur auf die unbedingt er­forderlichen Ausgaben müssen wir eingeschränkt bleiben. Es dürfe nicht dadurch, daß einzelne Schichten sich übertriebenen Ausgaben und unver­antwortlichem Luxus Hingaben, ein vollständig fal­sches Dlld über unsere Wirtschafts- und Finanzlage im Ausland Hervorrufen werden. Die furchtbare Not und das entsetzliche Elend, das heute noch in gewissen Volkskreisen herrsche, müßten von allen anderen Ständen und von allen Verwaltungs­gruppen gewertet werden. Die notwendige Er­höhung der Beamtenbezüqe habe leider mehrere Jahre hmausgeschoben werden müssen, da es un­bedingtes Pflichtgebot gewesen sei, an erster Stell'» der 'totlage der am schwersten Geschädigten ab­zuhelfen, insbesondere der Krieg beschädigten und

sorge betroffenen Volkskreise. Jetzt habe die Be­arbeitung der Beamtenbesoldungsvorlage mit Recht das gesamte Finanz- und Wirtschaftspro­blem aufgerollt, und die unabweisbare Notwen­digkeit zentraler Behandlung der ineinander flie- ßenden Steuer- und Finanz-, Wirtschafts- und So­zialprobleme beleuchtet. Zur Festigung unserer Währung und Konjunktur sei gemeinschaftliche Ar­beit der beteiligten Ressorts mit der Reichsbank unerläßlich. Unter Berücksichtigung unserer ge­samten Finanzlage und der Auswirkung der Be­soldungsvorlage auf die Wirtschaftslage müsse auf eine befriedigende Lösung des Besoldungspro­blems in dem Sinne hingewirkt werden, daß eine angemessene Erhöhung der Bezüge, sowohl der un­teren und mittleren, wie der höheren Beamten erfolge. Im Anschluß an die eingehenden Dar- legungen des Finanz- und Wirtschaftsministers müsse zugleich alles darangefetzt werden, um bte

Die Moskauer Presse veröffentlicht einen vom Exekutivkomitee der Kommunistischen Internatio­nale anläßlich des 10. Jahrestages der Oktober­revolution erlassenen Aufruf. Der Aufruf zählt die Leistungen der Sowjetunion in den verflosse­nen zehn Jahren auf und spricht von der Gefahr eines neuen 'Angriffs auf die Sowjet­union. Er erklärte dabei: Das Weltproletariat, die Unterdrückten und Ausgebeuteten der ganzen Welt müssen die Sowjetunion und die Chinarevo­lution in der drohenden Stunde eines heraufzie­henden Krieges verteidigen.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. x Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

loren hätten. Selbst ein gewonnener Weltkrieg würde uns Sparsamkeit aufgenötigt haben; erst __________ ______________ ... _____

tcdjt aber der Verlust des Krieges mit den sehr Hinterbliebenen, sowie der durch die soziale Für'

Wie aus Moskau gemeldet wird, begann die Feier des Zehnjahrestages der Oktober­revolution mit einer Festsitzung der Mos­kauer Sowjets unter Teilnahme der Regierungs- mstglieder und ausländischen Delegationen in dem fesllich geschmückten großen Theater. Auf der Bühne war auf einem Postament die Düste L e- nins unter einem leuchtenden roten Stern auf­gestellt Um das Postament stand eine Ehrenwache mit Bannern. Unter den Ehrengästen sah man greife Teilnehmer der Pariser Kommune und hervorragende Führer der internationalen Revo­lutionsbewegung. Ansprachen hielten namens des Zentralkomitees der Kommunistiichen Partei Bu­charin, namens aller ausländischen Delegatio­nen Henri Barbusse, ferner Vertreter aus­

Zu dem Memorandum Gilberts und der Ant­wort der Reichsregierung, die unsere Leser an an­derer Stelle des Blattes mitgeteilt finden, nehmen die Berliner Blätter ausführlich Stellung.

Die deutschnationale „Kreuzzeitung", die in den Ausführungen des Reparationsagenten die Absicht erblickt, einen Druck auf die Regelung der deutschen Verhältnisse auszuüben im Interesse der Sicherheit der Reparationszahlungen, begrüßt es, wenn die Reichsregierung in ihrer Entgegnung ausführlich darauf hinweist, daß es außerhalb des Rahmens der dem Reparationsagenten über­tragenen Aufgaben liege, sich in die inneren Ange­legenheiten einzumischen und damit eine Verant­wortung für die Aufrechterhaltung der finanziel­len Ordnung und Sicherheit in Deutschland zu übernehmen, die der Sachverständigenplan aus­drücklich bei Deutschland belassen hat.

Aehnlich äußert sich die gleichfalls deutschnatio- nale „Deutsche Tageszeitung". Der Re­parationsagent ist Amerikaner und mit nur ame­rikanischen Augen, nämlich als kühler Rechner und reiner Finanzmann, sieht und beurteilt er den doch so ungeheuer vielseitigen Komplex des deutschen Wiederaufbaus und der Reparationspolitik. Das Reichskabinett hat daher vollkommen recht, wenn es in feiner Antwort diese Einseitigkeit in der Darlegung des Reparationsagenten unterstreicht und sie dahin ergänzt, daß die Fragen der deut­schen Steuerpolitik, des Finanzausgleiches, der Be­soldungsordnung, der Derwaltungsreform und an­dere auch vor dem Hintergrund der staatspolitischen Möglichkeiten und Auswirkungen betrachtet wer­den müssen.

Der deutschnational-völkische „L o k a l a n z e i- ger" sieht in seiner bekannten Ablehnung des Da­wesplanes in dem Memorandum einen neuen Be­weis dafür, daß unter der Herrschaft des Dawes­plans die Welt nicht zur Ruhe und zum Frieden gelangen kann.

Auch die rechtsstehende „B ö r f e n z e i t u n g" legt Verwahrung gegen eine Kritik des Repara- tiönsagenten ein, die die Souveränität des Deut­schen Reiches antastet und fragt: Soll das deutsche Volk nur der Sklaverei leben, indem es feine Ver­pflichtungen bis zur Grenze feiner Leistungsfähig­keit erfüllt? Es muß ihm ein Mindestmaß der inneren Entwicklung das zur Erhaltung feiner Exi­stenz notwendig ist, gewährt werden."

Die der Volkspartei nahestehende „Deutsche AllgemeineZeitung" sieht für den Augen- blick die schlimmste Gefahr darin, daß die Irrtümer, die die Denkschrift des Reparationsagenten hin­sichtlich einiger wichtiger Zusammenhänge der Wirt­schafts- und Finanzpolitik enthält, zu praktischen Auswirkungen führen könnten, die der ungestör­ten Fortsetzung des deutschen Wiederaufbaues ab­träglich sind, lieber die rein finanzpoliti­schen Probleme sollte dagegen nach Ansicht des Blattes eine Einigung um so eher möglich fein, als auch die Mehrheit des deutschen Volkes mit dem Agenten und mit der Regierung der Auffas­sung ist, daß es im öffentlichen Finanzwesen viel zu vereinfachen und viel zu verbessern gibt Man muß uns nur Zeit lassen.

Die „Tägl. Rundschau" des Herrn Dr. Stresemann schließt ihre Betrachtung mit folgen­der Mahnung: Die Dinge, die hier schwarz auf weiß dem deutschen Volke vor Augen geführt wer­den, haben ihre Bedeutung darin, daß sie zur Nachdenklichkeit auffordern und dies beson­ders bei denjenigen Stellen, die mit einer gerin­geren formalen Verantwortlichkeit arbeiten, als diejenige der Reichsregierung ist, die aber der direkten Kontrolle der Reichsregierung nur im begrenzten Umfange unterstehen.

Die „G e r m a n i a" betont: Hinter der Ant­wort des Finanzministers steht die gesamte Reichsregierung, nicht nur moralisch, son­dern auch virtuell. Sind doch an der Abfassung des Schriftstückes sämtliche zuständigen Ressorts beteiligt. Hinter ihr sollten alle ver­antwortungsbewußten Parteien stehen, die die Annahme des Dawes-Gutachtens ermöglicht haben.

Das demokratische „Berliner Tageblatt" beschränkt sich auf eine referierende Wiedergabe der Kritik Parker Gilberts und der Replik der Reichsregierung und sagt lediglich in der Einlei­tung: Es ist ein Schriftwechsel, der der deutschen Oestentlichkeit nicht viel Freude bereitet.

Die „Soff. Zeitung" warnt davor, fach­liche Angelegenheiten mit dem Patriotismus zu verknüpfen. Man sehe vielmehr endlich der Tatsache ins Auge, daß man Geld schuldig ist und sich wie ein anständiger Schuldner benehmen muß. Ein Schuldner ist seinem Gläubiger Rechenschaft schuldig.

Der sozialdemokratische „Vorwärts" spricht die Hoffnung aus, daß dis Zuspitzung, die die Re­

von Deutschland vereinnahmten Devisen zu trans­ferieren. .

Aus englischen Blättern seien folgende Stimmen hervorgehoben: „Financial Times" sagt in einem Leitartikel: Die deutsche Antwort auf Parker Gilberts Rote ist in gewissem Matze beruhigend. Trotzdem scheint es, daß die ge­genwärtigen Beherrscher Deutschlands die mit dem Sachverständigenbericht angenommenen Verbind­lichkeiten noch immer als übertrieben betrachten, wenn sie auch nicht so weit gehen, für ihre Ab­änderung einzutreten. Die gegenwärtig geäußerte Absicht, für Reparationszahlungen ohne Zuhilfe­nahme von Anleihen zu sorgen, muß entsprechend ihrem Inhalt eingeschätzt werden. Aber der a 11» gemeine Ion bet Antwort läßt die Vermutung zu, daß die von den deutschen Behörden von Parker Gilbert erteilte Warnung zeitgemäß und notwendig war. Der Finanzredakteur der „Westminster Gazette" weist darauf hin, wie wich- tig es ist, daß die Welt von Deutschlands ehrlichem Willen überzeugt ist und führt weiter aus, bte grunblegenbe Schwierigkeit in ber Reparations­frage sei, baß die Gläubigernationen bezahlt wer­den wollen, es aber ablehnen, die Güter und Dienste anzunehmen, in denen allein umfangreiche Zahlungen erfolgen können. Der Wunsch der Gläubigernationen, ihre einheimischen Märkte zu schützen und die damit zusammenhängende Politik der Errichtung von T a r i f s ch r a n k en sei gründ- legend für das Problem. „Times" nennt in einem Leitartikel die Denkschrift Parker Gilbens eine furchtbare Anklage gegen das deutsche Finanzwesen und sagt: Der Ge­neralagent hat wiederholt gewarnt. Als er tm letzten Monat erklärte, daß der Gang der Ereig­nisse zu einer ernsten Krise führen müßte — eine Tatsache, die einer Anzahl aufmerksamer Deutschen vollkommen klar ist, — ging er dazu über, auf Ersuchen des Finanzministers eine feierliche und präzise Warnung vor den unvermeidlichen Fol­gen zu erteilen. „Times" bespricht anschließend den Inhalt der Denkschrift im Einzelnen und sagt am Schluß: Der Generalagent legt endlich dar. daß die Kreditpolitik der Reichsbank und die Poli­tik der öffentlichen Finanzen nach verschiedenen Grundsätzen geführt worden sind. Dieses Ausein­anderlaufen ist in der Verwirrung des deut­schen Geldmarktes peinlich zu Tage getre­ten und ist in sich selbst eine Antwort auf Herrn Köhlers nicht übs-rzeugende Antwort auf die Denkschrift des Generalagenten.

Don den Neuyotker Blättern schreibt „World": Angesichts der Entwicklung des deutschen Budgets sei Parker Gilberts kritische Schärfe verständ­lich. „Neuyort Times" bezeichnete die (SiTbertrrote als ernstlichen Hinweis für Deutschland darauf, baß die Niederlage im Weltkriege in­ternationale Verpflichtungen hinterlaß fen habe, die nicht außer Acht gelassen werden könnten. Sowohl der Friedensvertrag wie der Dawesplan ermächtigte Gilbert zu, seiner Kritik, indessen berühre es angenehm, daß diese Kritik von der deutschen Negierung ohne Empfindlich­keit entgegengenommen worden sei, und daß die I deutsche Regierung ihr Versprechen auf Einhaltung | der Dawesplanverpflichtungen erneuert habe.

ländischer kommunistischer Parteien, darunter Mur­phy, Saklatvala, Klara Zetkin, Vaillant- Couturier u. a. Zu den ausländischen Delegier­ten gewandt erklärte Bucharin unter allgemeinem Beifall: „Die Oktoberrevolution hat eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit eröffnet. Der Kapitalismus wird, trotz relativer Stabili­sierung, niemals in feine Vorkriegslage zurückkeh­ren können. Die Sowjetunion steht in der Avant­garde jener Kräfte, die einzig im Stande sind, die Menschheit vor einer drohenden Katastrophe zu

■ retten."

Besondere Beifallskundgebungen löste die Rede des 92jährigen Anton Gay, eines Teilnehmers ber Pariser Kommune, aus, ber Episoden aus dem Kampfs ber Kommune schilderte. Die Sitzung tauschte mit den gleichzeitig tagenben Sitzungen ber ßenmgraber unb Charkower Sowjets Radio­begrüßungen aus.

Anläßlich ber 10. Jahresfeier ber Oktober- reoolution werden vom Zentralexekutivkomitee unb dem Rat ber Volkskommissare zwei Erlasse ver­öffentlicht, burch bie die Schulden ber Bauern­schaft für Darlehen, bte infolge ber Mißernte im Haushaltsjahr 1924/25 gewährt würben, an« n u liiert, sowie alle mit Steuern zusammen- hängenden rückständigen Geldstrafen den Mitglie­dern der unbemittelten Bevölkerungsschichten er­lassen werden.

paraiionsfrage durch diesen Notenwechsel erfahren hat, hoffentlich überwunden werde. Auch das so- ztaldemokratische Organ hält die Besorgnisse der Reparationsagenten in wesentlichen Punkten für übertrieben und erklärt dies zu einem guten Teile aus dem Mangel an Erkennninis für die wirt­schaftlichen Funktionen der deutschen Länder und Gemeinden, die man in ähnlicher Art in Amerika nicht kenne.

Das Ausland.

Die französische Presse beschäftigt sich ein­gehend mit dem Gedankenaustausch über die Aus­führung des Dawesplanes. Die nationalistische Presse nennt Parker Gilberts Vorgehen einen heilsamen Schritt, erklärt aber, wie beispiels­weise „Echo de Paris", daß die Kontroverse vor­läufig zu nichts geführt habe. Die linksstehende Presse ist in ihrem Urteil zurückhaltender und hält die Frage, die angeschnitten wurde, noch nicht für erledigt. Das „Oeuvre" bringt die Angelegenheit in Verbindung mit den inter alltierten Schulden. Wenn es eines Tages unmöglich fein werde, ohne Gefahr für den Schuldner und für die Gläubiger, hohe Summen zu transferieren, so sei es von Wichtigkeit, daß sich die Schlußfolgerun­gen aus dieser Lage klar zeigten. Wenn man bann weder auf den schlechten Willen noch auf die Unklugheit sich beziehen könne, würden die glei­chen Erkenntnisse auch für die interalliierten Schul­den gelten. Der „TI a t i n" betrachtet die Antwort der Reichsregierung als einen politischen Akt von höchster Bedeutung. Es fei ein Vorteil des Da- wesplanes, daß durch direkte Verhandlungen zwi­schen Deutschland und den interessierten Mächten eine loyale Aussprache ermöglicht werde. Der Reichsfinanzminister Dr. Köhler äußerte am Schluß seiner Antwort einen Zweifel über bie Transfermöglichkeit. Diese Warnung sei zu be­achten, obwohl im Augenblick bie Kontroverse ge­schlossen sei. Das „Journe Inbustrielle" erklärt, vom Stanbpunft Deutschlands gesehen, be­stätige die Lage die Schlußfolgerungen Parker Gil­be. is, daß bas künstl. ersetzte Kapital sich nur durch Ordnung, Wirtschaftlichkeit unb S p ar- samkeit wieder bilben könne. Das Interesse Deutschlanbs decke sich hier mit dem feiner Gläu­biger.

Der sozialistische „Populaire" schreibt,schon heute könne man sich sagen, daß in zwei Jah­ren, wenn nicht schon früher, alle Mächte, die die Abkommen von London unterzeichnet haben, in ihrem eigenen Interesse veranlaßt werden wür­den, die Zahlungsbedingungen einer neuen Prüfung zu unterziehen. Dies werde vielleicht der Augenblick fein, endgültig bie Höchst- fumme der deutschen Reparationszahlungen feft- zufetzen. „Homme Libre" erklärt, trotz des Da­wesplanes und trotz der Londoner Abmachungen fei das Reparationsproblem noch nicht vollständig gelöst. Deutschland wisse weder, was es insge­samt zu bezahlen habe, noch wie viele Jahre es noch jährlichen Belastungen unterworfen sei und wie es dem Transfer-Komitee gelingen werde, die

Wirkung der Erhöhungen nicht durch Preisver­teuerungen zu beseitigen und auch den übrigen Volksschichten, namentlich den Arbeitnehmern unb bem Ttittelftanb ihr Realeinkommen nicht zu ver­kürzen. Dr. Bell gab fobann an Hanb ber stati­stischen Unterlagen einen Ueberblick über unsere Finanz- unb Wirtschaftslage. Zu einem übertriebe­nen Pessimismus fei trotz bes unverkennbaren Ernstes unserer Wirtschaftslage kein Anlaß. 2tbci durch intensive Bewirtschaftung auf allen Wirt­schaftsgebieten, durch Qualitätsarbeiten und Quali­tätserzeugnisse müsse in Verbindung mit äußerster Sparsamkeit und Vermeidung unnötiger Aus­gaben fortgesetzt auf Besserung unserer Wick« schafts- unb Finanzverhältnisse hingewirkt werde». Dabei werbe das Zentrum nach wie vor seiner ruhmvollen sozialpolitischen Vergangenheit getreu bleiben unb mit der tatkräftigen Fürsorge für alle Stände und Erwerbsgruppen den betontere«.

Die politische Lage.

Sfaafcgebanfen und Rechtsentwicklung im deutschen Volksstaat.

Eine Rede des Reichsministers a. D. Dr. Bell.

Auf bem Zentrumsparteitag für Düsseldorf- West in Cleve besprach der Abgeordnete, Reichs­minister a. D. Dr. Bell in einem längeren Re­ferat unsere gesamte außen- unb innenpolitische Lage unb behandelte bann im zweiten Telle sei­nes Vortrages bas Thema: Staategebanten unb Rechtsentwicklung im deutschen Volksstaat.

In bezug auf die Außenpolitik, die auf ber großen Einheitslinie mit der Innenpolitik zu füh­ren sei, verlangte er die lebenskräftige Anteil­nahme des gesamten deutschen Volkes an den außenpolitischen Problemen. Die Außenpolitik bürste nicht mehr, wie wir es leiber in der Vor­kriegszeit und in ber Kriegszeit erlebt hätten, Monopol und Geheimwissenschaft einer zünftigen Diplomatie sein, sondern müsse im Bewußtsein und Verantwortungsgefühl aller Volksschichten leben. Nur bann seien weitere Fortschritte in unseren internationalen Verhältnissen unb in der zielbe­wußt weiterführenden Verständigungspolitik mög­lich. Was an Fortschritten in ber Außenpolitik unverkennbar erzielt sei, lasse sich zurüchführen auf die konsequente Einhaltung der Weimarer Linie. Das Weimarer Verfassungswerk in Ver­bindung mit ber Weimarer Außenpolitik haben DeutschlarÄ erst die Möglichkeit geschaffen, aus bem Trürnmerfelde bes verlorenen Weltkrieges unb ber Umwälzung wieder allmählich aufzu­bauen. Heute könnte, zumal nach den deutlichen Enthüllungen des englischen Premierministers Lloyd George unb bes amerikanischen Oberbe­fehlshabers Allen, unter ernsthaften Politikern kein Zweifel mehr bestehen, daß ohne die unter schwersten Gewissensnöten erfolgte Annahme des Versailler Zwangsdiktates Deutschland in Stücke zerschlagen unb zur dauernden Ohnmacht ver­urteilt worden wäre. Habe uns die Befreiungs- politik auf dem dornenvollen Aufstiegswege vor­wärts gebracht, so müsse doch gerade zum Zwecke der Durchführung einer praktischen Verstän­digungspolitik unter den Nationen unb eines fried­lichen Zusammenwirkens ber Nachbarstaaten eine doppelte Voraussetzung baldigst geschaffen wer­den; einmal die durch Artikel 431 des Versailler Vertrags gewährleistete Aushebung ber Besatzung und weiter die Reinigung Deutschlands von der Belastung mit der alleinigen Kriegsschuld. Unsere nationale Ehre und Würde verlange es, daß wir im Völkerbund als gleichberechtigtes und gleich­wertiges Glied nach außen und nach innen mit« arbeiteten, was aber durch Aufrechterhaltung der Besatzung ebenso erschwert werde, wie durch bie Weiterbelastung mit bem Makel ber alleinigen Kriegsschuld. Da unser ernstes unb von rein idealen Beweggründen geleitetes Bestreben bie Frage ber Kriegsschuld unb ber Völkerrechtsver­letzungen im Weltkrieg burch ein unparteiisches Forum entscheiden zu lassen, bisher leider an bem Widerstande anderer Staaten gescheitert fei, fo gebiete es unser Ehrenstandpunkt, nach Oeffnung aller unserer Geheimarchive unb Veröffentlichung ber Geheimbokumente, streng sachliche Feststellun­gen und Beurteilungen hierüber durch bie parla­mentarischen Untersuchungsausschüsse herbeizufüh­ren. Dabei blieben wir von dem ehrlichen Wunsch geleitet, daß durch entsprechende Beröffeml.chun- gen und Untersuchungen der anderen Länder bie Bahn für eine Verständigung unb unparteiische Eeschichtsfcrjchvng geöffnet werbe. Nichts liege uns ferner, als etwa einseitig uns zu entlasten und unsere ehemaligen Kriegsgegner zu betaften.. Zu einer derartigen Annahme gäben aber auch die auf tiefgründiger Verwertung des gesamten Materials beruhenden Veröffentlichungen des Untersuchungsausschusses keinen begründeten An­laß. Nach wie vor blieben wir zu gemeinsamen Untersuchungen unb Feststellungen unb zur Anru­fung eines unparteiischen Gerichtshofes bereit, ba uns alles baran liege, bie reine Wahrheit zu er­mitteln, aus der Vergangenheit unb ben entsetz­lichen Kriegsgefahren für alle beteiligten ßänber bie notroenbigen Lehren zu ziehen unb in einer wahrhaft humanen und neuzeitlichen Ausgestaltung des Bölkerrechts den Weg zu bereiten. Nachdem weiter die Kriegsjchuldlüge als ausgeräumt gel­ten dürfe, werde das deutsche Kolonialproblem von selbst aufgerollt auch im Hinblick auf Deutsch­lands Sitz in der Mandatskommission. Diese an­erkanntermaßen restlos durchgeführte Entwaff­nung Deutschlands müsse die vereinbarte Abrüstung auch ber anderen ßänber zur notwendigen Folge haben Solange die Abrüstung nicht gleichmäßig durchgeführt werde, fei ein wahrer Frieden unter ben Völkern nicht vorhanden. Gerade bas Wett­rüsten unb das wechselseitige Mißtrauen unter ben Völkern fei in Verbinbung mit imperialiftifchen Tendenzen die wahre Kriegsurfache geworden. Da­rum bestehe die beste Sicherung für alle be­teiligten Nationen in der Abrüstung und in ver- trauensvoller Gemeinschaftsarbeit. Wiedergesun- bung des europäischen Gesamtorganismus sei un» möglich, solange das Herz Europas, und das bliebe Deutschland als geographischer und wirtschaftlicher Mittelpunkt des Abendlandes, in chronische Ohn­macht versetzt werde.

Zur Innenpolitik übergehend glaubt Redner die warnende Mahnung ausfprechen zu sollen, in allen Kreisen des Volkes und bei allen Verwaltungen des Reiches, der ßänber unb Ge­meinden die notigen Schlußfolgerungen aus der Tatsache zu ziehen, daß wir den Well'rc» rer=

■ blWlmiWtt 10 M (mit Zllllftr. VklIlM 15 As.)

FuldaerZeitung

Anzeigen. Preise: Kleinzeile (Golontl) lotal 0,15 JUl, auswärts 0,20 JUL Reklamezeile: lokal 0,60 .O K4 auswärts 0,80 JUL Bei Wiederholungen Rabatt, v-x.jwyty

Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051_______'■<