Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Dienstag, S. November 1927
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Die Revolutionsfeier der Bolschewisten
harten Friedensbedingungen und Reparationsleistungen. Alle irgendwie unnötigen Ausgaben müssen erspart werden. Nur auf die unbedingt erforderlichen Ausgaben müssen wir eingeschränkt bleiben. Es dürfe nicht dadurch, daß einzelne Schichten sich übertriebenen Ausgaben und unverantwortlichem Luxus Hingaben, ein vollständig falsches Dlld über unsere Wirtschafts- und Finanzlage im Ausland Hervorrufen werden. Die furchtbare Not und das entsetzliche Elend, das heute noch in gewissen Volkskreisen herrsche, müßten von allen anderen Ständen und von allen Verwaltungsgruppen gewertet werden. Die notwendige Erhöhung der Beamtenbezüqe habe leider mehrere Jahre hmausgeschoben werden müssen, da es unbedingtes Pflichtgebot gewesen sei, an erster Stell'» der 'totlage der am schwersten Geschädigten abzuhelfen, insbesondere der Krieg beschädigten und
sorge betroffenen Volkskreise. Jetzt habe die Bearbeitung der Beamtenbesoldungsvorlage mit Recht das gesamte Finanz- und Wirtschaftsproblem aufgerollt, und die unabweisbare Notwendigkeit zentraler Behandlung der ineinander flie- ßenden Steuer- und Finanz-, Wirtschafts- und Sozialprobleme beleuchtet. Zur Festigung unserer Währung und Konjunktur sei gemeinschaftliche Arbeit der beteiligten Ressorts mit der Reichsbank unerläßlich. Unter Berücksichtigung unserer gesamten Finanzlage und der Auswirkung der Besoldungsvorlage auf die Wirtschaftslage müsse auf eine befriedigende Lösung des Besoldungsproblems in dem Sinne hingewirkt werden, daß eine angemessene Erhöhung der Bezüge, sowohl der unteren und mittleren, wie der höheren Beamten erfolge. Im Anschluß an die eingehenden Dar- legungen des Finanz- und Wirtschaftsministers müsse zugleich alles darangefetzt werden, um bte
Die Moskauer Presse veröffentlicht einen vom Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale anläßlich des 10. Jahrestages der Oktoberrevolution erlassenen Aufruf. Der Aufruf zählt die Leistungen der Sowjetunion in den verflossenen zehn Jahren auf und spricht von der Gefahr eines neuen 'Angriffs auf die Sowjetunion. Er erklärte dabei: Das Weltproletariat, die Unterdrückten und Ausgebeuteten der ganzen Welt müssen die Sowjetunion und die Chinarevolution in der drohenden Stunde eines heraufziehenden Krieges verteidigen.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. x Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.
loren hätten. Selbst ein gewonnener Weltkrieg würde uns Sparsamkeit aufgenötigt haben; erst __________ ______________ ... _____
tcdjt aber der Verlust des Krieges mit den sehr Hinterbliebenen, sowie der durch die soziale Für'
Wie aus Moskau gemeldet wird, begann die Feier des Zehnjahrestages der Oktoberrevolution mit einer Festsitzung der Moskauer Sowjets unter Teilnahme der Regierungs- mstglieder und ausländischen Delegationen in dem fesllich geschmückten großen Theater. Auf der Bühne war auf einem Postament die Düste L e- nins unter einem leuchtenden roten Stern aufgestellt Um das Postament stand eine Ehrenwache mit Bannern. Unter den Ehrengästen sah man greife Teilnehmer der Pariser Kommune und hervorragende Führer der internationalen Revolutionsbewegung. Ansprachen hielten namens des Zentralkomitees der Kommunistiichen Partei Bucharin, namens aller ausländischen Delegationen Henri Barbusse, ferner Vertreter aus
Zu dem Memorandum Gilberts und der Antwort der Reichsregierung, die unsere Leser an anderer Stelle des Blattes mitgeteilt finden, nehmen die Berliner Blätter ausführlich Stellung.
Die deutschnationale „Kreuzzeitung", die in den Ausführungen des Reparationsagenten die Absicht erblickt, einen Druck auf die Regelung der deutschen Verhältnisse auszuüben im Interesse der Sicherheit der Reparationszahlungen, begrüßt es, wenn die Reichsregierung in ihrer Entgegnung ausführlich darauf hinweist, daß es außerhalb des Rahmens der dem Reparationsagenten übertragenen Aufgaben liege, sich in die inneren Angelegenheiten einzumischen und damit eine Verantwortung für die Aufrechterhaltung der finanziellen Ordnung und Sicherheit in Deutschland zu übernehmen, die der Sachverständigenplan ausdrücklich bei Deutschland belassen hat.
Aehnlich äußert sich die gleichfalls deutschnatio- nale „Deutsche Tageszeitung". Der Reparationsagent ist Amerikaner und mit nur amerikanischen Augen, nämlich als kühler Rechner und reiner Finanzmann, sieht und beurteilt er den doch so ungeheuer vielseitigen Komplex des deutschen Wiederaufbaus und der Reparationspolitik. Das Reichskabinett hat daher vollkommen recht, wenn es in feiner Antwort diese Einseitigkeit in der Darlegung des Reparationsagenten unterstreicht und sie dahin ergänzt, daß die Fragen der deutschen Steuerpolitik, des Finanzausgleiches, der Besoldungsordnung, der Derwaltungsreform und andere auch vor dem Hintergrund der staatspolitischen Möglichkeiten und Auswirkungen betrachtet werden müssen.
Der deutschnational-völkische „L o k a l a n z e i- ger" sieht in seiner bekannten Ablehnung des Dawesplanes in dem Memorandum einen neuen Beweis dafür, daß unter der Herrschaft des Dawesplans die Welt nicht zur Ruhe und zum Frieden gelangen kann.
Auch die rechtsstehende „B ö r f e n z e i t u n g" legt Verwahrung gegen eine Kritik des Repara- tiönsagenten ein, die die Souveränität des Deutschen Reiches antastet und fragt: Soll das deutsche Volk nur der Sklaverei leben, indem es feine Verpflichtungen bis zur Grenze feiner Leistungsfähigkeit erfüllt? Es muß ihm ein Mindestmaß der inneren Entwicklung das zur Erhaltung feiner Existenz notwendig ist, gewährt werden."
Die der Volkspartei nahestehende „Deutsche AllgemeineZeitung" sieht für den Augen- blick die schlimmste Gefahr darin, daß die Irrtümer, die die Denkschrift des Reparationsagenten hinsichtlich einiger wichtiger Zusammenhänge der Wirtschafts- und Finanzpolitik enthält, zu praktischen Auswirkungen führen könnten, die der ungestörten Fortsetzung des deutschen Wiederaufbaues abträglich sind, lieber die rein finanzpolitischen Probleme sollte dagegen nach Ansicht des Blattes eine Einigung um so eher möglich fein, als auch die Mehrheit des deutschen Volkes mit dem Agenten und mit der Regierung der Auffassung ist, daß es im öffentlichen Finanzwesen viel zu vereinfachen und viel zu verbessern gibt Man muß uns nur Zeit lassen.
Die „Tägl. Rundschau" des Herrn Dr. Stresemann schließt ihre Betrachtung mit folgender Mahnung: Die Dinge, die hier schwarz auf weiß dem deutschen Volke vor Augen geführt werden, haben ihre Bedeutung darin, daß sie zur Nachdenklichkeit auffordern und dies besonders bei denjenigen Stellen, die mit einer geringeren formalen Verantwortlichkeit arbeiten, als diejenige der Reichsregierung ist, die aber der direkten Kontrolle der Reichsregierung nur im begrenzten Umfange unterstehen.
Die „G e r m a n i a" betont: Hinter der Antwort des Finanzministers steht die gesamte Reichsregierung, nicht nur moralisch, sondern auch virtuell. Sind doch an der Abfassung des Schriftstückes sämtliche zuständigen Ressorts beteiligt. Hinter ihr sollten alle verantwortungsbewußten Parteien stehen, die die Annahme des Dawes-Gutachtens ermöglicht haben.
Das demokratische „Berliner Tageblatt" beschränkt sich auf eine referierende Wiedergabe der Kritik Parker Gilberts und der Replik der Reichsregierung und sagt lediglich in der Einleitung: Es ist ein Schriftwechsel, der der deutschen Oestentlichkeit nicht viel Freude bereitet.
Die „Soff. Zeitung" warnt davor, fachliche Angelegenheiten mit dem Patriotismus zu verknüpfen. Man sehe vielmehr endlich der Tatsache ins Auge, daß man Geld schuldig ist und sich wie ein anständiger Schuldner benehmen muß. Ein Schuldner ist seinem Gläubiger Rechenschaft schuldig.
Der sozialdemokratische „Vorwärts" spricht die Hoffnung aus, daß dis Zuspitzung, die die Re
von Deutschland vereinnahmten Devisen zu transferieren. .
Aus englischen Blättern seien folgende Stimmen hervorgehoben: „Financial Times" sagt in einem Leitartikel: Die deutsche Antwort auf Parker Gilberts Rote ist in gewissem Matze beruhigend. Trotzdem scheint es, daß die gegenwärtigen Beherrscher Deutschlands die mit dem Sachverständigenbericht angenommenen Verbindlichkeiten noch immer als übertrieben betrachten, wenn sie auch nicht so weit gehen, für ihre Abänderung einzutreten. Die gegenwärtig geäußerte Absicht, für Reparationszahlungen ohne Zuhilfenahme von Anleihen zu sorgen, muß entsprechend ihrem Inhalt eingeschätzt werden. Aber der a 11» gemeine Ion bet Antwort läßt die Vermutung zu, daß die von den deutschen Behörden von Parker Gilbert erteilte Warnung zeitgemäß und notwendig war. Der Finanzredakteur der „Westminster Gazette" weist darauf hin, wie wich- tig es ist, daß die Welt von Deutschlands ehrlichem Willen überzeugt ist und führt weiter aus, bte grunblegenbe Schwierigkeit in ber Reparationsfrage sei, baß die Gläubigernationen bezahlt werden wollen, es aber ablehnen, die Güter und Dienste anzunehmen, in denen allein umfangreiche Zahlungen erfolgen können. Der Wunsch der Gläubigernationen, ihre einheimischen Märkte zu schützen und die damit zusammenhängende Politik der Errichtung von T a r i f s ch r a n k en sei gründ- legend für das Problem. „Times" nennt in einem Leitartikel die Denkschrift Parker Gilbens eine furchtbare Anklage gegen das deutsche Finanzwesen und sagt: Der Generalagent hat wiederholt gewarnt. Als er tm letzten Monat erklärte, daß der Gang der Ereignisse zu einer ernsten Krise führen müßte — eine Tatsache, die einer Anzahl aufmerksamer Deutschen vollkommen klar ist, — ging er dazu über, auf Ersuchen des Finanzministers eine feierliche und präzise Warnung vor den unvermeidlichen Folgen zu erteilen. „Times" bespricht anschließend den Inhalt der Denkschrift im Einzelnen und sagt am Schluß: Der Generalagent legt endlich dar. daß die Kreditpolitik der Reichsbank und die Politik der öffentlichen Finanzen nach verschiedenen Grundsätzen geführt worden sind. Dieses Auseinanderlaufen ist in der Verwirrung des deutschen Geldmarktes peinlich zu Tage getreten und ist in sich selbst eine Antwort auf Herrn Köhlers nicht übs-rzeugende Antwort auf die Denkschrift des Generalagenten.
Don den Neuyotker Blättern schreibt „World": Angesichts der Entwicklung des deutschen Budgets sei Parker Gilberts kritische Schärfe verständlich. „Neuyort Times" bezeichnete die (SiTbertrrote als ernstlichen Hinweis für Deutschland darauf, baß die Niederlage im Weltkriege internationale Verpflichtungen hinterlaß fen habe, die nicht außer Acht gelassen werden könnten. Sowohl der Friedensvertrag wie der Dawesplan ermächtigte Gilbert zu, seiner Kritik, indessen berühre es angenehm, daß diese Kritik von der deutschen Negierung ohne Empfindlichkeit entgegengenommen worden sei, und daß die I deutsche Regierung ihr Versprechen auf Einhaltung | der Dawesplanverpflichtungen erneuert habe.
ländischer kommunistischer Parteien, darunter Murphy, Saklatvala, Klara Zetkin, Vaillant- Couturier u. a. Zu den ausländischen Delegierten gewandt erklärte Bucharin unter allgemeinem Beifall: „Die Oktoberrevolution hat eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit eröffnet. Der Kapitalismus wird, trotz relativer Stabilisierung, niemals in feine Vorkriegslage zurückkehren können. Die Sowjetunion steht in der Avantgarde jener Kräfte, die einzig im Stande sind, die Menschheit vor einer drohenden Katastrophe zu
■ retten."
Besondere Beifallskundgebungen löste die Rede des 92jährigen Anton Gay, eines Teilnehmers ber Pariser Kommune, aus, ber Episoden aus dem Kampfs ber Kommune schilderte. Die Sitzung tauschte mit den gleichzeitig tagenben Sitzungen ber ßenmgraber unb Charkower Sowjets Radiobegrüßungen aus.
Anläßlich ber 10. Jahresfeier ber Oktober- reoolution werden vom Zentralexekutivkomitee unb dem Rat ber Volkskommissare zwei Erlasse veröffentlicht, burch bie die Schulden ber Bauernschaft für Darlehen, bte infolge ber Mißernte im Haushaltsjahr 1924/25 gewährt würben, an« n u liiert, sowie alle mit Steuern zusammen- hängenden rückständigen Geldstrafen den Mitgliedern der unbemittelten Bevölkerungsschichten erlassen werden.
paraiionsfrage durch diesen Notenwechsel erfahren hat, hoffentlich überwunden werde. Auch das so- ztaldemokratische Organ hält die Besorgnisse der Reparationsagenten in wesentlichen Punkten für übertrieben und erklärt dies zu einem guten Teile aus dem Mangel an Erkennninis für die wirtschaftlichen Funktionen der deutschen Länder und Gemeinden, die man in ähnlicher Art in Amerika nicht kenne.
Das Ausland.
Die französische Presse beschäftigt sich eingehend mit dem Gedankenaustausch über die Ausführung des Dawesplanes. Die nationalistische Presse nennt Parker Gilberts Vorgehen einen heilsamen Schritt, erklärt aber, wie beispielsweise „Echo de Paris", daß die Kontroverse vorläufig zu nichts geführt habe. Die linksstehende Presse ist in ihrem Urteil zurückhaltender und hält die Frage, die angeschnitten wurde, noch nicht für erledigt. Das „Oeuvre" bringt die Angelegenheit in Verbindung mit den inter alltierten Schulden. Wenn es eines Tages unmöglich fein werde, ohne Gefahr für den Schuldner und für die Gläubiger, hohe Summen zu transferieren, so sei es von Wichtigkeit, daß sich die Schlußfolgerungen aus dieser Lage klar zeigten. Wenn man bann weder auf den schlechten Willen noch auf die Unklugheit sich beziehen könne, würden die gleichen Erkenntnisse auch für die interalliierten Schulden gelten. Der „TI a t i n" betrachtet die Antwort der Reichsregierung als einen politischen Akt von höchster Bedeutung. Es fei ein Vorteil des Da- wesplanes, daß durch direkte Verhandlungen zwischen Deutschland und den interessierten Mächten eine loyale Aussprache ermöglicht werde. Der Reichsfinanzminister Dr. Köhler äußerte am Schluß seiner Antwort einen Zweifel über bie Transfermöglichkeit. Diese Warnung sei zu beachten, obwohl im Augenblick bie Kontroverse geschlossen sei. Das „Journe Inbustrielle" erklärt, vom Stanbpunft Deutschlands gesehen, bestätige die Lage die Schlußfolgerungen Parker Gilbe. is, daß bas künstl. ersetzte Kapital sich nur durch Ordnung, Wirtschaftlichkeit unb S p ar- samkeit wieder bilben könne. Das Interesse Deutschlanbs decke sich hier mit dem feiner Gläubiger.
Der sozialistische „Populaire" schreibt,schon heute könne man sich sagen, daß in zwei Jahren, wenn nicht schon früher, alle Mächte, die die Abkommen von London unterzeichnet haben, in ihrem eigenen Interesse veranlaßt werden würden, die Zahlungsbedingungen einer neuen Prüfung zu unterziehen. Dies werde vielleicht der Augenblick fein, endgültig bie Höchst- fumme der deutschen Reparationszahlungen feft- zufetzen. „Homme Libre" erklärt, trotz des Dawesplanes und trotz der Londoner Abmachungen fei das Reparationsproblem noch nicht vollständig gelöst. Deutschland wisse weder, was es insgesamt zu bezahlen habe, noch wie viele Jahre es noch jährlichen Belastungen unterworfen sei und wie es dem Transfer-Komitee gelingen werde, die
Wirkung der Erhöhungen nicht durch Preisverteuerungen zu beseitigen und auch den übrigen Volksschichten, namentlich den Arbeitnehmern unb bem Ttittelftanb ihr Realeinkommen nicht zu verkürzen. Dr. Bell gab fobann an Hanb ber statistischen Unterlagen einen Ueberblick über unsere Finanz- unb Wirtschaftslage. Zu einem übertriebenen Pessimismus fei trotz bes unverkennbaren Ernstes unserer Wirtschaftslage kein Anlaß. 2tbci durch intensive Bewirtschaftung auf allen Wirtschaftsgebieten, durch Qualitätsarbeiten und Qualitätserzeugnisse müsse in Verbindung mit äußerster Sparsamkeit und Vermeidung unnötiger Ausgaben fortgesetzt auf Besserung unserer Wick« schafts- unb Finanzverhältnisse hingewirkt werde». Dabei werbe das Zentrum nach wie vor seiner ruhmvollen sozialpolitischen Vergangenheit getreu bleiben unb mit der tatkräftigen Fürsorge für alle Stände und Erwerbsgruppen den betontere«.
Die politische Lage.
Sfaafcgebanfen und Rechtsentwicklung im deutschen Volksstaat.
Eine Rede des Reichsministers a. D. Dr. Bell.
Auf bem Zentrumsparteitag für Düsseldorf- West in Cleve besprach der Abgeordnete, Reichsminister a. D. Dr. Bell in einem längeren Referat unsere gesamte außen- unb innenpolitische Lage unb behandelte bann im zweiten Telle seines Vortrages bas Thema: Staategebanten unb Rechtsentwicklung im deutschen Volksstaat.
In bezug auf die Außenpolitik, die auf ber großen Einheitslinie mit der Innenpolitik zu führen sei, verlangte er die lebenskräftige Anteilnahme des gesamten deutschen Volkes an den außenpolitischen Problemen. Die Außenpolitik bürste nicht mehr, wie wir es leiber in der Vorkriegszeit und in ber Kriegszeit erlebt hätten, Monopol und Geheimwissenschaft einer zünftigen Diplomatie sein, sondern müsse im Bewußtsein und Verantwortungsgefühl aller Volksschichten leben. Nur bann seien weitere Fortschritte in unseren internationalen Verhältnissen unb in der zielbewußt weiterführenden Verständigungspolitik möglich. Was an Fortschritten in ber Außenpolitik unverkennbar erzielt sei, lasse sich zurüchführen auf die konsequente Einhaltung der Weimarer Linie. Das Weimarer Verfassungswerk in Verbindung mit ber Weimarer Außenpolitik haben DeutschlarÄ erst die Möglichkeit geschaffen, aus bem Trürnmerfelde bes verlorenen Weltkrieges unb ber Umwälzung wieder allmählich aufzubauen. Heute könnte, zumal nach den deutlichen Enthüllungen des englischen Premierministers Lloyd George unb bes amerikanischen Oberbefehlshabers Allen, unter ernsthaften Politikern kein Zweifel mehr bestehen, daß ohne die unter schwersten Gewissensnöten erfolgte Annahme des Versailler Zwangsdiktates Deutschland in Stücke zerschlagen unb zur dauernden Ohnmacht verurteilt worden wäre. Habe uns die Befreiungs- politik auf dem dornenvollen Aufstiegswege vorwärts gebracht, so müsse doch gerade zum Zwecke der Durchführung einer praktischen Verständigungspolitik unter den Nationen unb eines friedlichen Zusammenwirkens ber Nachbarstaaten eine doppelte Voraussetzung baldigst geschaffen werden; einmal die durch Artikel 431 des Versailler Vertrags gewährleistete Aushebung ber Besatzung und weiter die Reinigung Deutschlands von der Belastung mit der alleinigen Kriegsschuld. Unsere nationale Ehre und Würde verlange es, daß wir im Völkerbund als gleichberechtigtes und gleichwertiges Glied nach außen und nach innen mit« arbeiteten, was aber durch Aufrechterhaltung der Besatzung ebenso erschwert werde, wie durch bie Weiterbelastung mit bem Makel ber alleinigen Kriegsschuld. Da unser ernstes unb von rein idealen Beweggründen geleitetes Bestreben bie Frage ber Kriegsschuld unb ber Völkerrechtsverletzungen im Weltkrieg burch ein unparteiisches Forum entscheiden zu lassen, bisher leider an bem Widerstande anderer Staaten gescheitert fei, fo gebiete es unser Ehrenstandpunkt, nach Oeffnung aller unserer Geheimarchive unb Veröffentlichung ber Geheimbokumente, streng sachliche Feststellungen und Beurteilungen hierüber durch bie parlamentarischen Untersuchungsausschüsse herbeizuführen. Dabei blieben wir von dem ehrlichen Wunsch geleitet, daß durch entsprechende Beröffeml.chun- gen und Untersuchungen der anderen Länder bie Bahn für eine Verständigung unb unparteiische Eeschichtsfcrjchvng geöffnet werbe. Nichts liege uns ferner, als etwa einseitig uns zu entlasten und unsere ehemaligen Kriegsgegner zu betaften.. Zu einer derartigen Annahme gäben aber auch die auf tiefgründiger Verwertung des gesamten Materials beruhenden Veröffentlichungen des Untersuchungsausschusses keinen begründeten Anlaß. Nach wie vor blieben wir zu gemeinsamen Untersuchungen unb Feststellungen unb zur Anrufung eines unparteiischen Gerichtshofes bereit, ba uns alles baran liege, bie reine Wahrheit zu ermitteln, aus der Vergangenheit unb ben entsetzlichen Kriegsgefahren für alle beteiligten ßänber bie notroenbigen Lehren zu ziehen unb in einer wahrhaft humanen und neuzeitlichen Ausgestaltung des Bölkerrechts den Weg zu bereiten. Nachdem weiter die Kriegsjchuldlüge als ausgeräumt gelten dürfe, werde das deutsche Kolonialproblem von selbst aufgerollt auch im Hinblick auf Deutschlands Sitz in der Mandatskommission. Diese anerkanntermaßen restlos durchgeführte Entwaffnung Deutschlands müsse die vereinbarte Abrüstung auch ber anderen ßänber zur notwendigen Folge haben Solange die Abrüstung nicht gleichmäßig durchgeführt werde, fei ein wahrer Frieden unter ben Völkern nicht vorhanden. Gerade bas Wettrüsten unb das wechselseitige Mißtrauen unter ben Völkern fei in Verbinbung mit imperialiftifchen Tendenzen die wahre Kriegsurfache geworden. Darum bestehe die beste Sicherung für alle beteiligten Nationen in der Abrüstung und in ver- trauensvoller Gemeinschaftsarbeit. Wiedergesun- bung des europäischen Gesamtorganismus sei un» möglich, solange das Herz Europas, und das bliebe Deutschland als geographischer und wirtschaftlicher Mittelpunkt des Abendlandes, in chronische Ohnmacht versetzt werde.
Zur Innenpolitik übergehend glaubt Redner die warnende Mahnung ausfprechen zu sollen, in allen Kreisen des Volkes und bei allen Verwaltungen des Reiches, der ßänber unb Gemeinden die notigen Schlußfolgerungen aus der Tatsache zu ziehen, daß wir den Well'rc» rer=
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FuldaerZeitung
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