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Fahrrad - Faulstich spricht: Die neuesten Schallplatten bei mir. Mittelstrasse.

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Sonntag, 6. November 1927.

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klu§ dem Nachbargebiet.

= Vom Vogelsberg. Einen gefährlichen Fund machte ein Arbeiter beim Ausräumen tees Weid- Hockenteichs bei Grebenhain, nämlich sieben große Granaten: Sie find sicher bei teer Demobilmachung 1918 .19 von Artilleristen in den Teich geworfen worden. Bei teer Sprengung der Granaten durch Fuldaer Feuer­werker bekamen die Bewohner eine Vorstellung von der Wirkung dieser „Zuckerhüte", denn in den Nachbaror­ten klirrten die Fensterscheiben. Das Gelände war in großem Umkreis abgesperrt.

— Diez a. b. Lahn. Am Donnerstagabend hat das in Schloß Oranienstein, teer ehemaligen Kadetten- anstatt, liegende Bataillon des 150. französischen Infan­terieregiment Dietz verlassen. Das Bataillon marschierte, von der Bevölkerung kaum beachtet, jang- unb klanglos auf Umwegen zum Bahnhof, von wo es mittels Cxtrazuges mit der Bestimmung Pfalz abfuhr. Der Rest der Besatzung hat am Freitagabend Diez ver­lassen. Die Familien der Besatzungstruppen werden vorerst noch hier bleiben, müssen aber bis zum 20. d. Ms. die Stadt verlassen und sollen in Neustadt und Landau einquartiert werden.

= Laubach. Die Laubacher Jugendher­berge, die ein wichtiges Bindeglied zwischen der Gie- ßener Jugendherberge und den Jugendherbergen des hohen Vogelsberges darstellt, soll nach einem Ueberein- kommen zwischen dem Gau Main-Rh ein-Lahn- Fulda des Jugendherbergsverbandes und unserer Stadtverwaltung im Laufe dieses Winters vollkommen neu mlsgestattet werden. Es werden m zwei Schlaf- räumen 24 Betten aufgestellt: außerdem wird noch ein großer Raum für den Tagesaufenthalt eingerichtet. Für die wanderlustige Jugend soll das Heim eine gute Er­holungsstätte werden.

--- Laubuseschbach. Auf der steil abfallenden Straße von Wolfenhausen ereignete sich mitten im hiesigen Ort ein schwerer Autounfall, bei welchem der 23- jährige Fahrbegleiter Färber aus Disz (Lahn) den Tod fand. Färber, der auf dem Trittbrett des der Diez er Saufirma Gebr. Baltzer gehörigen Lastautos ftanb, wurde beim Nehmen einer Kurve gegen einen Telegraphen-Mast gedrückt und erlitt dabei so schwere innere Verletzungen, daß er nach wenigen Minuten starb. Nach der eingeleiteten Untersuchung trifft den Autolen­ker kein Verschulden.

Aufgespetcherle Sonnenenergie bietet uns das Pflanzenreich in seinen Edelfrüchten dar. Ie mehr Sonnen- kraft teer Körper ht sich aufnimmt, desto mehr Lebenskraft besitzt er. Seit Jahren hatte Deutschland keinen wahrhaft sonnigen Sommer. Mehr als je bedarf daher heute die heimische Kost teer Krönung durch Energiespender aus dem Sonnenparateies teer Tropen. England und Amerika, die Länder teer praktischen Vernunit, erheben deshalb keinen Zoll auf die ebfe Kakao frucht und verzehren allein die halbe Welternte.

Wenn des Herbstes Stürme brausen, werden im Haus- halt wie hn Gasthaus wärmende, nahrhafte Gettänke be­vorzugt. Dann ist wieder die Zett des Kakaos gekommen, der von Kindheit an al« Frühstücks- und Abendgettänk dienen muß, wenn bit Nerven der Erwachsenen die hohen Anforderungen kommenden Zeiten überstehen sollen. Wer von jung an diese Gewohnheit pflegt, wird nie seine Nerven durch Alkohol oder mit Nikotin abstumplen. Täglicher Kakaogenuß unterbietet da« Verlangen nach diesen Reiz­mitteln und läßt fte, wo st, dennoch genommen werden, leichter ertragen.

Kakao krästtgt den Gesamtorganismus und befähigt ihn, die Strapazen, die die tägliche Arbeit häufig mit sich bringt, leicht auszuhalten.

Sache der Hausstau ist es, den Kakao dem Geschmack ihrer Familie mundgerecht anzuvaffen, der eine mag ihn mit Wafier, der andere mit Milch trinken. Da der Appetit bei jedem Menschen ht anderer Form auftritt, so muß er auch individuell bestiedigt werden. Deshalb scheue man nicht die Kosten für Milch, wo Milch-Kakao lieber als Wasier-Kakao getrunken wird. Im übrigen nimmt Kakao der Milch nicht nur ihren für viele unangenehmen Geschmack, sondern macht sie in Fällen, wo sie nicht gut dertragen wird, bekömmlicher, da Kakao Verkäsung von Milch im Magen verhindert.

Zu welcher Vollendung Kakao heute durch überlegene deutsch« Technik entwickelt ist, wird unter dem Stichwort I „Wissen nur Weise, was satt und doch schlank macht?" an anderer Stelle in dieser Nummer dargelegt.

Fulöaef Zeitung

2. Blatt.

Druck der Avwaer Hefienbrnderei, Fulda

Rund um die Woche.

Der milde November. — Musik, Tanz und Haifische. — Carl Hauptmanns Mathilde. — Chestertons

Franziskus. -

Wie kann der November so sanft und mild sein. Er will der Natur das Sterben leicht machen, und so hüllt er die dürren Glieder der Kranken in feinen leichten Nebel und so schenkt er den letzten Rosen noch die warmkosende Sonne. Die Menschen streichelt er mit lauen Winden und zeigt ihnen noch einmal die ganze Pracht seiner farbigen Wälder. Man hat das nicht erwarten dürfen, und eben bat um empfindet man es als reinste Gabe. Mit zartester Rücksicht gedenkt er auch der Stimmung des Menschenherzens, das den ganzen Monat seiner Toten gedenkt und zugleich seiner Heiligen. Es ist das ein dämmeriges Gefühl, in dem Licht und Dunkel seltsam durcheinander weben. Daß es rauschende Freude wird, das verhindern die Gräber, daß es düstere Trauer werde, das ver­hindert der noch geöffnete Himmel. Und so ent­steht ein Zwischenreich, so recht wie es zum Leven paßt, webt es Wch unausgesetzt dunkele und helle Fäden nach dem in einer anderen Welt vorge­sehenen Muster. Am schönsten sind die Augenblicke, in denen die Sonne stille über dem großen Welken steht, in wahrer Klarheit und doch wie in tiefem Sinnen. Nur leise raschelt irgendwo etwas Laub, während der Habicht oben lautlos kreist. Das Blau des Himmels trägt nicht mehr den Stahlpanzer des Sommers und fühlt sich weich an wie ein wolliges Gewand. Aus Hecken und Gärten aber schaut es heraus, wie aus Augen, die noch feucht sind von der Träne, die sie eben geweint und nun aussehen wie ein sinnendes Wunder. Ueber dich kommt ein ungewisses Staunen und deine Seele fällt in ihre eigene Tiefe, und es entsteht jene ge­heime Zwiesprache des Gemütes mit all den merk­würdigen Dingen und Ereignissen, die flüsternd vor sich gehen, wie das Raunen zwischen den dunklen Uferweiden und ihrem ernsten Gegenbild im Spiegel des träumenden Teiches, der ganz stille hält, um die Aussprache nicht zu stören.

Von ferne her rauscht eine jauchzende Musik. Es ist da Tanz und Lust. Schon naht die Däm­merung, und die ersten Lampen leuchten über das Meer, noch schwach und matt gegen das sinkende Himmelslicht, bald aber wird es sein, wie ein märchenhaftes nächtliches Fest. Freundlich spricht der Kapitän mit seinen Offizieren, denn es ist ein selten schöner Tag, und ruhig ist bas Meer der Tropen. Auf einmal ein mächtiger Stoß, daß das ungeheure Schiff erzittert Jäh bricht die Tanz- freude zusammen, aber horch, die Musik spielt, und es muß doch alles gut sein. Freilich nur ein Schraubenbruch, keine Erfahr, tanzen wir weiter. Da wieder ein Schrecken, sine furchtbare Explo­sion und gleich darnach das Hereinrauschen vieler gieriger Wasser. Schon neigt sich das Schiff. Aber die Musik spielt. Nur keine Panik. Nur ruhig an die Boote. Aber das ist nun bald ein Bild der Hilflosigkeit und der Leidenschaften des Kampfes um das Leben. Und die Musik spielt dazu, immerfort. Tanzmelodien zu dem Grauenhaften, was nun geschieht. Tiefer neigt sich das Schiff. Verzweifelnde stürzen sich in die Fluten. Schreie der Frauen und der Wahnsinnigen. Und die Musik spielt immer noch. Schon längst hat sich ein gefräßiger Hai an die Beute gemacht, die hilflos im Wasser treibt. Nicht lange kann es mehr dauern, dann wird die stolze Mafalda sich noch einmal hoch aufrecken, um dann in die gurgelnde Tiefe zu schießen. Und noch immer spielt die Musik. Ja, es ist ein Spielmann, der heißt Tod.....

Wie ichs so bedenke zwischen der Sonne und dem Nebel eines Novembertages, da verwandelt sich auf einmal dieses Schiff in das größere der Welt, die uns alle durch das Meer des Aethers und unendliche Räume trägt. Und ich höre die Musik, die kein Ende nimmt. Gerade dieses er»

Spökabend.

greift mich so. Eben die nüchterne Tatsache, daß ein Teil der Menschheit tanzt und ein anderer von Haifischen verschlungen wird. Es ist doch wirklich so. In dem einen Land ist Krieg und in dem anderen Frieden. In der einen Stadt ist Wohlstand und in der anderen Armut. Auf der gleichen Straße wohnen Elend und Luxus dicht nebeneinander, ja es sitzt nicht selten der Wohl­stand im Vorderhaus und der Jammer im Hinter­haus. Manchmal sogar, wenn ich aus den wohl­habenden unteren und mittleren Etagen hinauf- stieg in die luftigeren oberen, es war, als ob man von einem Tanz ins Gebiet der Haifische käme. Und was noch viel schlimmer ist, es scheint die Natur selber sich nur auf diese Weise erhalten zu können, daß sie auf der einen Seite sich Tänzer hält, damit man Werfehe, daß auf der anderen kn ihr die Haifische am Werke sind. Oft, wenn ich wieder von irgend einer Tragik gehört habe, etwa von zwei Menschen, die Zusammenleben müssen, obwohl sie gar nicht zueinander passen und chr Zusammenleben nichts anderes mehr ist als ein Zusammenstreiiten und gar Prügeln, oder wenn irgendwo ein Kind plötzlich gestorben, das einzige Kind, oder der Gatte, oder der Vater, der Vater von neun unmündigen Kindern — das alles kommt doch vor, Tag für Tag — und wenn kch dann die Sterne betrachte, die so still leuchten, wie wohl auch die Sterne des Atlantik geleuchtet haben, nachdem der Ozean so viele Menschen ver­schlungen hatte, so als wäre nichts geschehen, dann wird mir ganz rätselhaft zumute. Groß, unge­heuer groß muß der Gott fein, der bann noch lächeln kann. Groß, ungeheuer groß muß das Reich fein, in dem es dafür noch einen Ausgleich gibt. Und ich muß zu den letzten Tiefen meines Glaubens steigen, da, wo die Herrlichkeit Gottes strahlt in unzugänglichem Licht, um bann wieder froh zu werden.

Jetzt verstehe ich auch die Sehnsucht der Men­schen nach diesem Glauben, den mir einst lächelnd die Mutter gab. Dor einigen Tagen las ich Carl Hauptmanns Buch „Mathilde". Es ist nicht für unreife, aber für erfahrene Menschen ergreifend. Sie hat etwas Klares und Edles in sich, diese Mathilde, obwohl sie aus niederster Proletarier­schicht kommt. Ihr Leben geht hin wie das eines Naturwesens, dem wohl die Stimme des Ge­wissens gilt, das Ober durch Schuld und Sühne muß. Sie leidet am Leben, das ihr immerhin einige Liebe und endlich einen erträglichen Gatten schenkt. Aber sie überwindet es durch eine Seelen« stärke, die doch mehr Trotz ist und die auf enr größere Siebe wartet. O, wie dieses Werk, ähn­lich wie manches von Hermann Hesse, anpocht an die Pforte des verlorenen Paradieses! Der letzre Satz dieses Buches lautet: „Und niemand sieht sie im Stöbet, wie sie die beiden Jungen, die kräftig aufblühen, ins Reinliche bettet, wenn sie sie ein« schlasen sieht unter weichen Lidern — niemand sicht, daß sie bann noch immer reich aussieht, wie eine Gottesmutter, die an bas Leden glaubt, und die ein Lachen und eine Liebe verklärt, voraus­schauend, daß es doch kommen muß. — Wer weiß woher?" So ruft ein Dichter, der nun gestorben ist, ehe sich ihm dieses letzte Wissen ganz offenbart hat. Ich glaube, er hätte es gefunden, wenn er Ehest-ertons St. Franziskus gelesen hätte, das jetzt in deutscher Uebersetzung vorliegt, eines der wun­derbarsten Bücher, die in unserer Zeit geschrieben wurden und zwar — für unsere Zeit. Wir muffen eben rote St. Franziskus lernen, wieder im Wunder zu wandeln. Aus dem Rationalismus und aus dem Zweifel müssen wir heraus. Es muß wieder der Glaube kommen, der Berge ver­setzt, auch Berge von Leid. Mir scheint fast, daß

Kalk­mangel

des Körpers ist die Ursache vieler

Schwächezustände.

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dieses auch der Smn der Geschehnifie von Kon­nersreuth ist, das in Zukunft vor aller Sensation geschützt sein wird. Es ist ein Hinweis auf die Welt des Wunders. Ehesterton sagt darüber etwas sehr Tiefsinniges: „Ob jemand glaubt, daß in einem bestimmten Falle bas Feuer es unterlaßt zu brennen, hängt davon ab, worin er es de- gründet sieht, daß es gewöhnlich brennt. Wenn es neun von zehn Holzscheiten verbrennt, weil das feine Natur oder fein Schicksal ist, so wird es das zehnte ebenso verbrennen. Wenn es neun Schetke verbrennt, weil es also Gottes Wille ist, dann könnte es auch Gottes Wille fein, daß das zehnte untrerbrannt bleibt .... es gibt nur emen em< zigen sinnvollen Grund, warum jemand nicht an ein Wunder glaubt, und er besteht darin, daß er an den Materialismus glaubt . ." Wir muffen Geduld haben mit der Menschheit von heute. Sie hat zu lange im dunklen Keller gelebt, als daß sich ihr Auge schnell an das Licht gewöhnen könnte.

Wie still es nun geworden ist. Ein Auto rast der fernen Landstraße zu. Ueber die Häuser hin streicht der Nebel, und alle Lichter umgibt er mit einer luftigen Aura. Man sieht nicht Mond und Sterne, aber ein matter Schimmer liegt blaß auf den Dächern und läßt die großen Bäume wie riesige Gespenster hervortreten. Aber irgendwo geht noch eine Musik. Ohne Unterlaß dreht sich der Tanz. Man hört es deutlich genug. Von dem Weinen der Untergehenden und von den Seufzern der Versinkenden aber hört man nichts ....

Der Mann im Monde.

Wie wird das weiter?

Vorübergehend wirte unser Gebiet unter dem Ein Nutz etwas kühlerer Nord- und Nordwestwinde kom­men. Gleichzeitig ist mit dem Auftreten vereinzelter Niederschläge zu rechnen. Bei Island entwickelt sich jedoch ein neues Hochdruckgebiet, sodaß eine starke Ab­kühlung noch nicht wahrscheinlich ist.

Witterungsaussichten bis Sonntag abend: Noch etwas kühler, sonst keine wesentliche Veränderung. _______

Auszug ÜUS den kkgMrn ses WO SMS Wdll.

Sterbefälle vom 28. 10. bis 4. 11. 27.

z 28. Okt. Ehefrau Luise Hambach, geb. Wenzel au« Lehnerz, 42 I. 8 M. 17 X.; Kaufmann Karl Stüber, 39 I., 8 M. 2 T.; Invalide Friedrich Hartmann, Hetten- hausen, 44 I., 2 M., 29 T. 30. Okt. Ehefrau Eva Roß­bach, geb. Betz, 71 I., 10 M., 1 T.; Katharina Nau, 51 I_, 3 M. 13 T. 1. Noo. Ehefrau Katharina Jahn, geb. Höhl, 68 I., 4 M., 6 1. 2 Noo. Auszüger Witwer Franz Baumann, 76 I., 10 M., 28 T.; Schuhmacher, meister August Schicketanz aus Schlüchtern, 60 I., 9 M., 6 Tage.

WM- Einer Tellauilaae teer heutigen Ausgabe liech t Flugblatt der Alrma Gebrüder Schultheis Fried ricksttaße bet, um teeren Beachtung wir unsere Leser hös! bitten.

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Nein weg nach Yinkekhagen.

Sine wandergeschichke von $t. Donatus psannmüller.

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5n Hinkelshagen fließen die Tage still und friedlich dahin. Es gibt nicht viele Festlichkeiten, weil es nicht viele Vereine gibt. Manchmal zieht ein Bärenführer durchs Städtchen oder die „Linsenmusikanten" spielen auf der Straße oder es kommt eine Drehorgel mit ei- ner großen „Moritat". Im Sommer gehen die Bürger mit ihren Frauen an den Sonntagen in eine Garten­wirtschaft vor die Stadt, wo die Hausväter Kegel schie­ben und Bier trinken; die Frauen sitzen draußen beim Kaffee zusammen. Zum Abendessen sind sie wieder da­heim. Später gchen manche Männer noch einmal fort; über länger als bis 11 Uhr bleibt keiner. Genau so foüb find wir junge Burschen. Die meisten denken an die Zukunft mtb halten ihre Groschen beisammen. Im Sommer machen wir Sonntags Spaziergänge in die umliegenden Wälder und trinken dabei auch ein Glas Mer in einem der Dörfer. Mehr als eine Mark geben nur wenige „Protzen" unter uns jungen Leuten in teer Woche aus. Bei mir fft in dieser Mark auch noch das Porto, für einige Briefe enthalten. Wenn man vor­wärts kommen will, muß man in der Jugend sparen. Unser Leben ist dabei durchaus nicht trosttos. Wir sind luftige Vögel und spielen den braven Bürgern gern einen Streich. Aber das lernen wir von den Mten und Würdigen. Kein Wunder, wenn wir es nachmachen.

Da wohnt zum Beispiel in der Nähe des Gymna­siums innerhaD der alten Stadtmauer teer alte Vieh­händler Meier Rosenblatt, genannt der Kühmeier. Er trägt eine Perücke und muß darob viel leiden. Wegen seiner Perücke nimmt er in der Oeffentlichkeit niemals den Hut ab. Nun haben sie chn neulich im Gasthaus zmn Adler dazu überredet, daß er seinen Hut an den Nagel hängt. Während er in aller Gemütsruhe sein Bier trinkt, schmieren sie ihm heimlich einen Klebstoff in den Hut, damit die Perücke festkleben soll. Und sie tut es auch. Als nämlich der „Kuhmeier" fortgeben will und feinen Hut schon aufgestülpt hat, sagen sie ihm, daß es sich gezieme, vor den Gästen den Hui abzuneh­men und Gute Nacht zu sagen. Auch dazu versteht er sich endlich; aber seine Perücke hängt im Hut und er selbst stcht skalpiert vor der lachenden Schar.

Ein andermal hat ihm sogar die hohe Polizei einen ähnlichen Streich gespielt. Seine Fenster sind so tief gelegen, daß er davor Jalousien haben muß, die er abends schließt. Eines Abends pocht es noch spät an die Jalousien. Er öffnet und schaut hinaus. Aber sogleich reißt ihm eine unheimliche Gestalt die Perücke vom Kopf und verschwindet in der Dunkelheit. Der alte Meier schreit um Hilfe. Kurze Zeit darauf er­scheint der Gendarm und nimmt ganz ernsthaft ein

Protokoll auf. Aber er selbst war es, der ihm vorher den Skalp genommen hat. Und am andern Morgen findet Meiers Nettchen den Skalp des Vaters draußen am Gartenzaun hängen.

Solche Sachen werden in Hinkelshagen nicht tragisch genommen. Der Betroffene schimpft ein wenig über die Missetäter, dann beschließt er, dem oder den ver­mutlichen Sündern ebenfalls einen Streich zu stielen.

Eines Menüs, als ich mich bei einem Freunde etwas verspätet hatte, war ich Zeuge, wie teer Gesangverein unferm Nachbar Mehlhepp zum Namenstag ein Ständ­chen brachte. Irgend einer der würdigen Herren hatte den Vorschlag gemacht, und nun zogen sie leise durch die schlafende Stadt vor Mehlhepps Haus. Dr. Schoberg, einer der Gymnasiallehrer, stielte den Anführer.

Sie klopften mit einem Spazierstock an Mehlhepps Fenster, einmal, zweimal, dreimal. Endlich wird ein Fenster des untern Stocks geöffnet und es erscheint eine weiße Gestalt. Es ist der Mehlhepp. Eine Helle Zipfelmütze baumelt um fernen Kopf.

„Was ist los?" brummt er verschlafen.

Einer teer Sangesbrüder klopft ihm ein wenig mit feinem Spazierstock auf dem Schädel herum, damit er völlig erwache. Dr. Schoberg hält eine kurze Gra­tulationsrede, dann beginnt der Ehor fein Lied mit tie­fer, leiser Stimme, damit die Nachbarschaft nicht er­wache. Sie singen In einem einzigen, sich stets gleich- bleibenden Ton:

In der Wüste der Sahara

Ging der Natan mit der Sarah.

Er hausiert mit Hosenfutter,

Sie war seine Schwiegermutter.--

Sanft fließen die Töne. Droben wird leise ein Fenster geöffnet. Da wohnt die Sabine, eine muntere alte Jungfer, die da glaubt, das Lied gelte ihr. Klatsch! — saust ein wässriger Sturzbach aus ihrem Fenster herab, gerade vor Mehlhepps Nase vorbei. Keiner der Sänger ist getroffen; vielleicht sollte auch keiner getrof­fen werden.

„Verdammte Hex!" flucht einer.

„Die ©abin’ glaubt wohl gar, wir bringe chr e Ständche," sagt ein anderer.

„Don euch allem Ehstandsgelichter will ich gar keins gebracht haben", erwidert die Sabine und klappt lachend ihr Fenster zu. Drunten rüstet sich der Mehl- Hepp zu einer Dankrede.

„Meine Herrn! — Verehrte — Hm! — Zechbrü­der! Als ich Saldat war, da war es Mode, daß man abends um 9 Uhr ins Bett ging. Aber die modernen Herrn von Hinkelshagen steige noch nachts um Elfe auf der Straß rum, singe Lieder, die wer Gaffehau.er nennt un lasse sich von alte Jungfersleut mit wässerige Sache begieße. Nixteestoweniger danke ich Ihne schön­stens für Ihre Aufmerksamkeit zu mel'm Namenstag. Liewer wär merfch awer gewsf«, Sie wäre schon vor

zwei Stund gekomme und hätte mich net aus dem Schlaf un auf den Kopp gekloppt. Awer nix für ungut, — auf e Fäßche Bier soll mersch net ankomme. Das trinke mer am Donnerstag nach der Gesangstund, wo­zu. ich die Herrn freundlichst einlad. Un nun Gut Nachr! Mei Frau hat schon dreimal gerufe. Die denkt gewiß, es sind Räuber brauste. —"

Gerade will der Mehlhepp das Fenster zuschlagen, da sagt Dr. Schoberg: „Unser dicker, aller, zipfelmützi» ger zweiter Baß lebe — leise! — hoch! — hoch! — hoch!" — Und leise, so leise es geht, lasten sie den Mehl­hepp hochleben, der aber schon das Fenster schließt und sich in seine Schlafkammer zurückzieht.

Als ich nach wenigen Schritten unsere Haustür er­reiche, ist sie verschlossen, und ich habe keinen Haus- schlüstel. Was nun? Den Meister aus den Federn pochen? Nein, das geht nicht. Eine Hoffnung habe ich noch. Ich gehe nach dem Gäßchen, das zwischen uyferrn Haus und dem des Nachbar Schneider und weiter um di« alle Stadtmauer führt. Da ist die Tür zum Geißenstall der Frau Meisterin. Das Fensterchen in der Stalltür ist nur angelchnt und ich kann hlndurch- greifen und den Riegel zurückschieben. Die schlummern- den Geißen springen entsetzt in die Höhe. Ich aber steige die Treppe hinauf, die zur Küche emporführt. Hoffentlich steht kein Eimer ober Topf auf der Falltür. Nein, die Tür läßt sich heben. In Hinkelshagen ist man nicht ängstlich vor Spitzbuben und Einbrechern. Es ist auch nicht viel zu holen. Durch die Küchentür finde ich meinen Weg zum oberen Stockwerk und zu meiner Kammer. Sogar meine Feindin, die alte Dorusten, die da oben ihre Auszugswohnung hat, scheint mich nicht gehört zu haben.

Ja, die alte Dorusten! Das ist eine aus der „sieben­ten Bitt'", wie man in Hinkelshagen sagt. Schon als ich das erste Mal hier in Stellung war, habe ich man- chm Kampf mit ihr ausgefochten. Sie drangsaliert ihren Sohn, meinen Meister, und mehr noch die Meisterin, daß es nicht mehr schon ist. Der Meister muß ihr jährlich eine bestimmt?. Summe Geldes, Brenn- Hotz, Kartoffeln ufw. als „AuHug" liefern, und er tut es, denn er kennt das 4. Gebot. Und jeden Herbst beginnt ein Kampf um den Keller. Dieser ist klein und ^rft nachträglich unter dem uralten Steinbau ausgehoben. Jeden Herbst verlangt die alle Dorusten für ihre Kar­toffeln einen anderen Platz im Keller, nur um die jungen Leute zu ärgern. Und jeden Herbst müssen die Scheidewände für Kartoffeln und Gemüse im Keller anders gezimmert werden. Anfangs hat dies der Mei­ster durch einen Zimmermann ausführen lasten, dann haben wir es selbst gemacht. Einmal habe ich der allen Frau in Güte zugeredet, es sei doch gleichgültig, auf welchen Platz ihre Kartoffeln lägen, da erwiderte sie mir: „Das geht dich gar nichts an. Mir steht ein Platz im Keller ml und wenn ich im Jahre dreimal einen

anderen verlange, müßt ihr dreimal den Keller umräu­men." Darauf habe ich ihr erzürnt geantwortet: „Ihr feite eine alte Hexe, Frau Dorus!" Da ging sie auf mich los und wollte mir teie Augen auskratzen, aber ich hielt ihr die Hände fest. Nun versuchte sie mir ins Ge- sicht zu spucken, was chr aber auch nicht gelang. — So liebe alte Leute gibt es auf der Welt. Ich wolüe hier nur einmal auch daran erinnern. — Sell jener Zeit sind wir Feinde.

Die alte Dorusten hat die böse Gewohnheit, an den Türen zu lauschen. Im Sommer, wenn es abends so lange hell ist, geht das nicht gut. Aber desto bester im Winter. Da brennt in unferm Treppenhaus abends ein ganz kleines Lämpchen. Wenn wir abends im Wohnzimmer beim Esten sitzen und uns etwas erzählen, bann schleicht bit alle Dorusten von oben herab, bläst das Lämpchen aus und drückt chr Ohr an das Schlüffe!» loch. Ich habe ein gutes Gehör und ein feines Gefühl für so etwas. Die Treppe zum oberen Stock knarrt nämlich ein wenig. Auch teie Meisterin „fühlt" es förm­lich, wenn die Lauscherin vor der Zimmertür stcht. Dann wird sie blaß und schweigt, denn sie grämt sich zu schr über bas unwürdige Verhalten ber alten Frau. Ich aber freue mich, wenn ich die alte Dorusten Mo­nitoren kann. Ich erhebe mich leise vom Tisch, schleiche zur Stubentür unb reiße diese plötzlich auf. Da fährt die Lauscherin erschrocken zurück, öffnet die Dorplatztür unb eilt die Treppe hinab.

Einmal habe ich ihr einen gehörten Schreck ringe- jagt. Eine ganze Woche lieh ich sie ungestört lauschen um sie in Sicherheit zu wiegen. Dann ölte ich die An­geln der Küchentür gut, damit sie nicht quiekten, wenn ich die Tür öffnete. Abends, als wir zum e<en gerufen wurden, entschuldigte ich mich für ein Weilchn unb be­gab mich in teie Küche, wo ich mir die „klan.'reichften" Topfdeckel auswählte und dann in der Dunkelheit war­tete. Ich brauchte nicht lange zu warten. Leise, leise kam die Alte die Treppe herabgefchlichen Je'» hörte nur bas leise Rascheln ihrer Röcke auf den Treppen­stufen. Dann verlöschte auch wieder draußen das Flur- lämpchen, das immer wieder vom „Wind" ausgel lasen würbe. Nun schlich auch ich aus der Küche auf den kleinen Flur. Ganz dicht ftanb ich neben meiner 'au- sch enden Feindin. Und nun knallten die blecher ren Topfdeckel aufeinander, daß die Lauscherin ausschrie und der Meister entsetzt die Stubentür aufriß. Da sta ch die Alle erschreckt unb beschämt im Hellen Lichtschein, aber gleich begannen ihre Augen vor Wut zu funkeln „Ihr — ihr — chr!--Was geht es euch an, wenn

ich vor der Tür ein bißchen verschnaufe? —"

„Mutter, schämt euch doch," sagte der Meister trau­rig, „und laßt das Lauschen an den Türen sein. Ihr werdet ja zmn Gespött für die Kinder."

^Fortsetzung folgt)