Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.
Ur. 255,
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.
Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.
Samstag, 5. November 1927.
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Zer englische Minislerprasikient über ben Völkerbund.
Der englische Ministerpräsident Baldwin hat sich in Edinburg in einer Rede über den Völkerbund und die Abrüstungsfrage in bemerkenswerter Weise geäußert. Premierminister Baldwin führte aus, internationale Konferenzen seien zu einer allgemeinen Gewohnheit geworden, und der Völkerbund vollbringe ein großes Werk dadurch, daß er von einander abweichende Standpunkte ausgleiche. Die britische Regierung sei so überzeugt von der Wichtigkeit dieses Teiles der Dölker- bundstätigkeit, daß sie es während der letzten drei Jahre zur Regel gemacht habe, daß Chamberlain jeder Völkerbundstagung beiwohnen konnte. Daß Chamberlain warnende Worte geäußert habe, sei im besten Interesse des Völkerbundes gewesen, denn es sei die Pflicht eines treuen Freundes des Völkerbundes, dessen Aufmerksamkeit auf die Tatsachen zu lenken und idealistische Auffassungen mit den Tatsachen der praktischen Politik in Uebereinstimmung zu bringen.
Baldwin sagte weiter: Die letzte Völkerbundsversammlung habe dazu beigetragen, den Weg zu zeigen, wie ein größeres Gefühl der Sicherheit in Europa hervorgerufen werden könne, hinsichtlich der abweichenden Ansichten über das Protokoll vom Jahre 1924 sprach Baldwin die Hoffnung aus, daß der offene Austausch der Ansichten im September des Jahres alles getan habe, um das Protokoll in die Wirklichkeit umzusetzen. Der Völkerbund müsse sich bei seiner unmittelbaren Tätigkeit in den Grenzen des im gegenwärtigen Augenblick Möglichen halten. Locarno habe viel dazu getan, die Besorgnisse und den Argwohn abzuschwächen, aber es sei noch viel zu tun übrig. Der Abrüstung müsse zunächst eine Beschränkung der Rüstungen vorangehen. Diese Frage sei von der vorbereitenden Äbrüstungskommission gründlich geprüft worden. Wichtige grundsätzliche Punkte seien bereits erörtert und gegensätzliche Ansichten offen dargelegt worden. Es liege kein Grund vor, an einem schließlichen Abkommen zu zweifeln. Wenn die
erste Abrüstungskonferenz zu einer Beschränkung derRüstungen führen würde, so wäre das an sich schon ein großer Schritt vorwärts, der irgendein weiteres Anwachsen der Rüstungen undenkbar machen würde.
Italien und das Mittelmeerproblem'
Ein Leitartikel des „Lavoro d'Jtalia" entwickelt die Auffassung Italiens gegenüber den verschiedenen Seiten, die das Marokkoproblem zeigen könne. Von aktueller Bedeutung sei vorläufig nur das Tangerproblem, das Frankreich absichtlich verschleppe. Das einzige Mittel, das Tangerproblem zu lösen, sei die Einberufung einer Konferenz zwischen Frankreich, Spanien, England und Italien. Frankreich aber wolle nichts von einer derartigen Lösung wissen. Frankreich allein trage die Verantwortung für die anormale Lage von Tanger und die Folgen, die sich daraus entwickeln könnten. Das französische Ministerium des Auswärtigen suche, Italien den Weg im Mittelmeer zu versperren. Aber nicht nur in Marokko, sondern überall, in Tanger, Tunis, auf dem Balkan und im Danäubecken bekämpfe die französische Politik teils offen teils heimlich die italienische. Jetzt spreche man wiederum davon, daß Frankreich vor dem 15. November einen französisch-jugoslawischen Pakt unterschreiben werde, um Jugoslawien zum Angelpunkt der französischen Politik auf dem Balkan zu machen. Ein solcher Pakt wäre, solange die italienischjugoslawischen Beziehungen nicht geklärt seien, sehr bezeichnend für den Geist, der in Paris gegenüber Italien herrsche. Frankreich könne diejenige Politik einschlagen, die ihm beliebe, aber man sollte die Heimlichtuerei beiseitelassen und nicht behaupten, daß die Freundschaft mit Italien sich vertragen könne mit einer solchen politischen Richtung. Sollte sich Frankreich auf diesen WiZ begeben, dann wäre der Weg Italiens gleichfalls gekennzeichnet.
Verwaltungsreform!
Die Schaffung eines Reichsverrvaltungsgerlchtes.
Unter dem Vorsitz de» Reichskanzlers fand am 3. dieses Monats in der Reichskanzlei M eine Besprechung über die Schaffung eines I Reichsverwaltungsgerichtes statt, an der der f preußische Ministerpräsident, die be- s teiligten Reichsminister, der preußische Minister des Innern und die Referenten des preußischen Oberverwaltungsgerichtes sowie der Reichs- fparkommissar teilnahmen. Die eingehende Aussprache führte zu einem positiven Ergebnis. Der preußische Vorschlag, das preußische Ober- rerwaltungsgericht in dem in Berlin zu schaffenden Reichsverwaltungsgeiricht aufgehen zu lassen und die Zuständigkeit dieses Reichs- verwaltungsgerrichtes auch für die Sachen zu begründen, für welche bisher das Preußische Oberverwaltungsgericht zuständig war, wurde allseitig begrüßt. Der Reichsminister des Innern wird sofort aus der so gewonnenen Grundlage gemeinsam mit allen beteiligten Stellen die noch erforderlichen Schritte vornehmen.
Die Besprechung in der Reichskanzlei über die Errichtung eines Reichsoerwaltungtzgerrchtes ist insofern von besonderer Bedeutung, als sie neben der schon bekannt gegebenen Neuordnung der Landesarbeitsämter die erste größere Aktion des Ausschußes für die Verwaltungsreform ist, den die Reichsregierung unter Zuziehung des Sparkommfffars aus Mitgliedern des Kabinetts eingesetzt hat. In den Besprechungen ist allerdings mit Preußen zunächst nur eme grundsätzliche Einigung erzielt worden. Die weiteren Verhandlungen über die Errichtung des Reichsverwaltungsgerichtes müssen nach zwei Richtungen geführt 'werden, einmal sind noch Einzel- verhandlungßn mit den zuständigen preußischen Stellen über Detailfragen notwendig. Es besteht der Plan, daß das Reich das preußische Oberverwaltungsgericht, das seinen Sitz in der Hardenbergstraße hat, und die dazugehörigen Beamten übernimmt. Die Verhandlungen mit Preußen dürfte also unter anderem die finanziellen, personellen, ferner Zuständigkeitsfragen umfassen. Dozu kommen dann noch die Verhandlungen mit den übrigen Ländern, soweit diese Verwaltungsgerichte haben. Es ist anzunehmen, bah das Reich diese Besprechungen unverzüglich einleiten wird. Das Reichsverwaltungsaericht würde sich sinngemäß auf den Kreis der Aufgaben dieses Gebietes erstrecken, die jetzt bei den Ländern liegen.
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Das Reichskabinett führte in feiner Donnerstag-Sitzung die Beratungen über die dem Reparationsagenten auf das Memorandum zu erteilenden Antwort zu Ende.
Deutschland und polen.
Die deutsch-polnischen Handelsbeziehungen.
Das Reichskabinett beschäftigte sich mit der Frage der deutsch-polnischen Handelsbeziehungen. Es wurde beschlossen, daß der Reichsminister des Auswärtigen mit einem Vertreter der polnischen Regierung nunmehr in die kn Aussicht genommenen Verhandlungen «intritt.
Rach der Auflösung des Stadtparlaments in dem polnischen Kattowitz haben die deuffchen bürgerlichen Parteien, darunter die katholische Partei, ihre Mandatare aus der Kommission zurückgezogen. Die deutsche Sozialdemokratie, die mit zwei Sitzen in der kommissarischen Verwaltung der Stadt Kattowitz vertreten ist, hat sich dem Schritt der deutschen bürgerlichen Parteien nicht angeschlossen. Sie gibt eine Erklärung bekannt, in der rs heißt, daß sie die Stellungnahme der deutschen Wahlgemeinschaft zwar verständlich finde, sich ihr aber selbst aus parteilichen Gründen nicht an- Wießen könne.
Ein Berliner Blatt meldet in seiner Expreßausgabe, daß Ministerialdirektor Posse zum Leiter der deutschen Delegation für die Handelsvertragsverhandlungen mit Polen ernannt worden sei. Diese Nachricht scheint den Tatsachen vor- luellen. In der Mitteilung über den Beschluß der Kabinettssitzung wurde von den Verhandlungen mit einem Vertreter der polnischen Regierung gesprochen. In der Tat war mit der polnischen Regierung vereinbart worden, daß sie zunächst einen Spezialvertreter nach Berlin entsende, mit »em Reichsminister Dr. Stresemann verhandeln wird. In der polnischen Presse ist für diese Mis- ron der frühere Handelsattache an der polnischen Gesandtschaft in Berlin, Sokolowski, genannt. Es ist anzunehmen, daß die Verhandlunaen zwischen Dr. Stresemann und dem polnischen Sonderbeauftragten in erster Linie der endgültigen Erledigung der politischen Fragen gelten,'die mit dem Handelsvertrag zusammenhänaen. In politischen Kreisen ist man der Auffassung, daß der Schwerpunkt des Kabinettsbeschlusses vor allen Dingen darin liegt, daß auf deutscher Serke innerhalb der beteiligten Stellen nun eine Einigung über diePunkte erzielt worden ist, in denen die Auffassungen bisher auseinandergingen, und daß damit die Verhandlungen mit Polen, die seit Februar dieses Jahres unterbrochen waren, wieder definitiv beginnen.
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Aus Kattowitz wird gemeldet: Als am Sonntag nachmittag der auf der Neuhofgrube anaeftellte Steiger Fitzner auf der Rückkehr vom Besuch seiner Schwiegereltern in Schar- ley die Grenze passierte, fand man bei ihm bei der Zollrevision Papiere, die ihn als Mitglied des deutschen „Stahlhelms" auswiesen. Er wurde verhaftet, in das Gefängnis in Tarnowitz singe- 1
liefert und am Mittwoch von der polnischen Polizei einem Verhör unterzogen.
Der verfassungskampf in Polen.
Der polnische Landtag, der zu seiner ordentlichen verfassungsmäßig vorgesehenen Tagung zusammengetreten war ,wurde einige M i n u - t e n nach Eröffnung der Sitzung durch ein Dekret des Präsidenten, das vom Vizepräsidenten Dr. Bartel verlesen wurde, bis zum 28. ds. Mts., also dem Tage des Ablaufes der Legislaturperiode vertagt. Wie in parlamentarischen Kreisen erklärt wird, dürfte die Regierung offenbar fürchten, daß der Ausschuß an den der Voranschlag verwiesen werden soll, das von der Regierung eingebrachte stark abgekürzte und nicht in die Einzelheiten gehende Budget als nicht geeignet für eine Beratung ansehen werde. Die Vertagung ist von den Abgeordneten aller Parteien mit Entrüstung ausgenommen worden. Als Dr. Bartel das Dekret verlesen hatte, sprangen die Abgeordneten von ihren Sitzen und man hörte Rufe wie „Feiglinge! Ihr fürchtet Euch vor der Kontrolle über Eure Finanzwirtschaft!"
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Im Zusammenhang mit der Vertagung der Sejm-Session wurde auch die ordentliche ' Sena t s s e s s i o n bis zum 28. November vertagt.
Französische Ehrung für Pilsudski.
wtb. Warschau, 4. November. sEig. Funkm.). Me die polnische Presse erfährt, wird hier in den nächsten Tagen der französische Marschall Fran- chet d'Esperay eintreffen, um Marschall Pilsudski die höchste französische militärische Auszeichnung, die Militärmedaill«, zu überreichen. Wie es heißt, haben bisher nur König Albert von Belgien und Marschall Fach diese Auszeichnung erhalten.
Der neue Botschafter in Washington.
Die Associated Preß meldet, daß das Staatsdepartement in Washington verlauten ließ, der deuffchen Regierung werde wahrscheinlich alsbald mitgeteilt werden, daß Botschaftsrat v. Pritt- witz der Washingtoner Regierung als Boffchafter in Washington durchaus angenehm sei.
Nach Eintreffen einer zustimmenden Antwort des amerikanischen Staatsdepartements dürfte Sie Ernennung von Prittwitz und Gaffron zum Boffchafter offiziell bekanntgegebenwerden.
Zu den Ausführungen in der Mendausgabe des „Lok. Anz." über „Merkwürdige Vorgänge" bei der Ernennung des deutschen Boffchafters für di« Vereinigten Staaten wird amtlich folgendes mitgeteilt: „Die Ernennung der Beamten des auswärtigen Dienstes erfolgt durch den Reichspräsidenten unter Gegenzeichnung des Außenministers, ohne daß das Reichskabinett sich mit solchen Personaffragen zu befassen hätte. Die Nachsuchung des Agreements in Washington ist auch im vorliegenden Falle erfolgt, nachdem nach Rücksprache des Außenministers mit dem Reichskanzler die Zustimmung des Reichspräsidenten eingeholt worden war. Eine Stellungnahme des Reichsministerrums ist weder nachgesucht worden, noch hat sich der interfraktionelle Ausschuß der Regierungsparteien mit der Frage überhaupt befaßt.
Herr v. Prittwitz, der auf dm wichtigen Was- hinatonsr Eesandtschaftsposten geschickt wird, gilt als" hochbefähigter Diplomat. Der Berliner Lokal
anzeiger ist nicht für ihn, weil er die Reichsverfassung anerkennt. Im übrigen Deuffchland gmießt v. Pri'ttwitz volles Vertrauen, was zur Uebernahme des Botschasterpostms in Amerika auch vollkommen genügt. _____
* Die deutschen Aufschriften in der Prager Hauptpost. Wie eine Prager Korrespondenz erfährt, besteht bei der Direktion der Prager Hauptpost die Absicht, die bisher einsprachigen, tschechisch oder tschechisch-französischen Aufschriften in der Schalterhalle der Prager Hauptpost nunmehr auch in deutscher Sprache anzubringen.
* Rücktritt des estnischen Außenministers. Aus Reval wird gemeldet: Der Minister für auswärtige Angelegenheiten Akel ist z u r ü ck g e t r e t en.
Carols pulschplane.
Aus B u k a r e st wird gemeldet: Der Unterstaatssekretär Tataresco gab vor Pressevertretern folgende Erklärung ab: Die Regierung hat sich entschlossen, jetzt nach Beendigung des Verhörs Manoilescus der öffentlichen Meinung den Inhalt einiger Dokumente zu unterbreiten, die zusammen mit anderen Tatsachen und Beweisen zur Verhaftung Manoilescus führten.
Vor einigen Monaten bekam die Regierung Meldungen über Vorbereitungen im Ausland mit dem Ziele einer Aktion zum Umsturz der monarchischen Regierung. Bald gaben neue Informationen die Gewißheit, daß den Vorbereitungen Taten folgen -sollten. Nun beschloß die Regierung, deutlich revolutionäre Handlungen zu verhindern. So wurde Manollescu, der als Anstifter galt, fest genommen. Man fand bei ihm Akten, Briefe, Telegramme, die den ganzen Plan enthielten. Nach dem Tagebuch Manoilescus begann feine Tätigkeit am 18. Juli. Das Tagebuch Manoilescus setzt auch die Mittel zur Verwirklichung des Planes auseinander. Ta- tarescu fuhr fort: Das sind handgreifliche Beweise dafür, daß Manollescu selber Mittel erwog, um die Aktion gegen die Regenffchaft zu g u n st en Karols zu verwirklichen. Zur Propaganda und zur Schaffung einer der Rückkehr Karols günstigen Atmosphäre sollte eine Zeitung „Kraiu Nou" (Der neue Prinz) erscheinen, die jedoch von der Regierung verboten wurde. Manoilescu sollte mit der Kampagne im Laufe des Monats Februar beginnen; er wartete auf die letzten Mittellungen aus Paris. _____
♦ Reichslandbund gegen das preußische Ren- kenlbankgeseh. Im Siedlungsausschuß des Reichslandbundes wurde der Entwurf zu einem preußischen Rentenbankgesetz, insbesondere im Hinblick auf die gegenwärtige Lage des Geldmarktes nicht als ein geeigneter Voffchlag für die Dauerfinanzierung der Siedlerstellen bezeichnet. Er müsse daher abgelehnt werden. Dagegen wurde das 70 Millionen-Bürgschaftsgesetz des Reiches, dessen Durchführung in der Hand der Rentenbankkreditanstalt liegt, als geeignet angesehen für die endgültige Sanierung der Flüchtlings- und Nachkriegssiedlungen
* Wiederaufnahme der deutsch-schwedischen Verhandlungen. Aus Stockholm wird gemeldet: Die zuletzt im Frühjahr dieses Jahres in Berlin geführten Verhandlungen zwischen der deutschen und der schwedischen Regierung zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Gebiete der direkten Steuern und der Rechtshilfe in Steüersachen sind am 3. November in Stockholm wieder ausgenommen worden.
Parlamentstagung in Frankreich.
Kammer und Senat in Paris haben ihre Arbeiten wieder ausgenommen. Zu Beginn der Kammersitzung brachte der kommunistische Avge- ordnete Gare eine Tagesordnung ein, in der er forderte, daß die wegen Presse- und politischen Bergehen verurteilten kommunistischen A bgeordneten, die gegenwärtig ihre Strafen verbüßen, unverzüglich freigelassen würden, damit sie an den parlamentarischen Arbeiten teil» nehmen könnten. Der Abgeordnete Maqinot wandte sich heftig gegen diesen Antrag und erklärte, daß man ihm schon desbalb nicht Folge ge- ben dürfte, weil die Gefahr bestehe, daß die Freigelassenen wiederum ihre parlamentarische Immunität benutzen würden, um aktive kommunistische Provaganda zu treiben. . "
Im weiteren Verlauf der Beratungen in dsr Kammer über die eingebrachten Anträge auf sofortige Freilassung der Gefängnisstrafen ver- büßenden kommunistischen Abgeordneten erklärte der Justizminister, es handele sich nicht um Presse- und politische Delikte, sondern um Pro- Dotationen und um Ungehorsam zum Schaden der nationalen Sicherheit. Würde man die Abgeordneten freilassen, dann würde das eine Art Am« n e st i e sein und das wolle die Regierung nicht. Die Regierung werde übrigens von ihrem Reckt, die gen Abgeordnete eingeleiteten Strafverfahren bis zur Aburteilung fortzusetzen, Gebrauch machen. Abgeordneter Renaudel widersvricht und fordert, daß man nicht Märtyrer schaffen und Kandidaten für die kommenden Wahlen vorbereiten solle. Bei der Abstimmung unterliegt Justiz« Minister Bartbou trotz seines Widerivruches. Der Antrag auf Freilassung der Abgeord- n e t e n wird mit 264 gegen 221 Stimmen a n: genommen.
Es wird hierauf des längeren über die Frag! diskutiert, wann die Regierung die vorliegenden Internellationen zu beantworten , ’nhni. sterprösident Poincare erklärte, die Diskusfior solle erst nach der Verabschiedung des Budget erfolgen. Es gebe aber gewisse Jntervellationer über technische Fragen ,in die man sofort eintreteii könne und hierfür schlage die Regierung die Diskussion an jedem Freitag vor. Der Abgeordnete Blum forderte, daß gewisse eilige Interpellationen, z. B. über die Außenpolitik und die allgemeine Politik nicht verzögert, sondern sofort diskutiert würden. Poincare erwiderte, er wolle nicht .daß die -Regierung während der Debatte über das Budget gestört werde. Alles was er tun könne, fei, die Diskussion über die Finanzpolitik bei der Generaldebatte über das Budget vorzunehmen. Schließlich wurde dieser Vorschlag Poincares angenommen. Auf eine Anfrage des Vorsitzenden des Herresausschuffes erklärte der Ministerpräsident, daß der Gesebentwurf über die, Reorganisation des Heeres noch vor Ende des Jabres verabschiedet werden soll.
Der Senat hat nach unwesentlicher Debatte beschloffen stich zunächst bis zum 8. November zu vertagen . Er wird alsdann einige weniger wichtige Gesetzentwürfe diskutieren.
Die „Liberte" glaubt zu wissen, daß Franklin Bouillon, der aus der Radikal. Partei ausgeschlossen worden ist, eine neue Partei unter dem Namen „radikal-unionistiscke Partei" zu gründen beabsichtigt und daß er nach einem 14tögigen Erholungsurlaub eine Agitation im ganzen Lande einleiten werde.
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Die kommuni st ischen Abgeordneten Do- riot, Cachin, Marty, Duclos sind auf Grund des oben erwähnten kommunistiscken Beschlusses aus der Haft entlassen worden.
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Nach einer vom „Temps" wiedergegebenen Meldung aus Straßburg hat Baron Claus Zorn von Bulach in seiner Zeitung „Die Wahrheit" die Einstellung dieses Blattes angekündigt, weil ihm das weitere Erscheinen durch die scharfe lieber« wachung durch die Polizei unmöglich gemacht werde.
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Zu der von dem Pariser Korrespondenten des „Daily Herald" Derbreiteten Nachricht, daß die französische Regierung am 15. November einen Bündnisvertrag mit Südslavien ab« schließen und damit dieses Land zum Pfeiler der französischen Balkanpolitik machen werde, erklärt die Havasaqentur, die Regierungen von Paris und Belgrad verbandelten feit mehreren Monaten über den Abschluß eines Schiedsgerichts- und Freundschaftsvertrages, doch sei der Zeitpunkt für die Unterzeichnung noch nicht festgesetzt. Diese Verhandlungen könnten übrigens weder Italien noch England beunruhiaen, da beide Länder durch Frankreich über Mm Charakter und den Gegenstand der Verhandlungen auf dem laufenden ge» halten worden seien.
Die Tätigkeit der Anti-Mlitaristen.
wtb. Paris. 4. Nov. (Eig. Funkm.). Wie dem „Echo de Paris" aus Rochefort gemeldet wird, hat die Polizei bei einigen kommunistischen Führern Haussuchungen abgehalten und dabei Exemplare von antimilitari st ischen Flugschriften beschlagnahmt, die heimlich in den Kasernen der Kolonial-Jnfanterie und auf den Kriegsschiffen verteilt worden sind.
* Politische Personennachrichten. An Stelle des zum AVinisterialdirektoi im preußischen Handelsministerium ernannten Ministerialrat Dr. Staubinger ist, wie den Blättern mitgeteilt wird, der bisherige Redakteur der „Deutschen Allgemeinen Zeitung", Dr. Pohl, als Pressereferent für das Reichswirtschaftsmirristerium gewonnen worden» _ .