Anzeiger für die Stabf Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
M- 254.
Jreifag, 4. November 1927.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.
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54.Zahrg.
vor den klbrüftung-verhandlungen
Der russisch» Kommissar des Auswärtigen, T t s ch i t s ch e r i n, hat dem Generalsekretär des Völkerbundes Sir Eric Drummond ein Telegramm geschickt, auf dem er ihm, weniger zur lieber» raschung des Generalsekretärs als zur lieber» raschung des politischen Europa die Mitteilung macht, daß Rußland an den Arbeiten zur Vorbereitenden Abrüstungskommission t e i l z u n e h » men gedenke. Wie man hört, haben seit der Septembertagung des Völkerbundes zwischen dem Generalsekretariat, zwischen Mitgliedern der Vorbereitenden Abrüstungskommifsion und den Vertretern der Räteregierung in Moskau inoffizielle Be» spechungen stattgefunden, die sich auf die Teilnahme Rußlands bei den Abrüstungsverhandlungen bezogen. Das Telegramm Tschitscherins bezieht sich auf eine Einladung des Völkerbundsrates vom 12. Dezember 1925, also auf eine Einladung, die bereits 2 Jahre alt ist. Diese Einladung ist damals obgelehnt worden, und man sollte meinen, daß sie damit ihre Gültigkeit verloren hat. Sie ist setzt mit Absicht erneuert worden» obwohl die Russen höchstwahrscheinlich einen einen solchen Wunsch vorgebracht haben, weil man sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, mit dieser Einladung nochmals vor verschlossene Tür zu kommen. Die Etikettefrage hat einen etwas komischen Beigeschmack, da aus den Erörterungen, die mit den Russen inzwischen gepflogen worden sind, doch zu entnehmen gewesen wäre, ob eine nochmalige Ablehnung befürchtet werden mußte. Man muß darum den Schluß ziehen, daß die Russen in Genf nicht ganz willkommen sind. Vor zwei Jahren hat die russische Regierung die Genfer Einladung damit beantwortet, daß diese nicht ernst gemeint sein könne, denn man wisse in Genf doch ganz genau, daß es den Russen nicht möglich wäre, Schweizer Boden zu betreten solange nicht die Worowski-Affäre vereinigt sei. Der Genfer Völkerbund hätte wohl nur deshalb seine Einladung abgelassen, um das schöne Gesicht zu wahren, daß man die Russen wirklich erwartet, würde kein Mensch glauben.
Diese Antwort gewinnt heute nach zwei Jahren an Berechtigung, da eine neue Einladung nicht ergeht, wo die Russen wirklich hmzukommen wünschen, nachdem inzwischen die schweizerisch-russischen Beziehungen geklärt worden sind. Auf der anderen Seite ist aber auch das russische Verhallen ausierorventlicki merkwürdig. Als sie vor zwei Jahren die Einladung ablehnten, haben sie das Inoffiziell vor der Arbeiterinternationale damit begründet, daß die ganzen Genfer Abrüstungsverhandlungen nichts Anderes als ein großes Täuschungsmanöver fein würden. In Genf säßen die kapitalistischen Staaten zusammen, und was sie dort zusammenbrauten, sei nichts als Intrigen, um die Fortsetzung der Rüstungen zu maskieren. Heute denken darüber die Russen anders, wenn sie sich nicht etroa überlegt haben, daß es besser für sie sei, anwesend zu sein, um sich an den Intrigen zu beteiligen. Die „Rote Fahne" erzählt ihren Lesern nichts davon, daß sich in dem Verhältnis des russischen Außenkommissariates zu den Genfer Abrüstungsverhandlungen eine Wandlung vollzogen have. Wahrscheinlich hat sie von Moskau noch keine Informationen bekommen. Sie zieht darum das Register, das ihr bei Fehlanzeigen immer zur Hand ist, nämlich das Register: E n g la n d. „Es wird interessant sein", so schreibt das Blatt, „den englischen Widerhall der Sowjet-russischen Ankündigungen zu hören. England wollte die Sowjet-- Union von den Abrüstungsbesprechungen fern halten." Rach russischen Erklärungen soll das England schon vor zwei Jahren getan haben wollen. Ja, die „Rote Fahne" erinnert daran, daß noch vor zwei Jahren die „Times" erklärt habe, daß das Bestehen der Sowjet-Union jede Abrüstung unmöglich mache. Rach dieser Erinnerung hat also die russische Regierung vor zwei Jahren die Abneigung Englands respektiert, sie hat keine Schem- einladung annehmen wollen. Heute nach zwei Jahren gilt die Abneigung Englands als ein Grund, nun erst recht dabei zu fein. Denn so, fährt die „Rote Fahne" fort: „Run wird die Sowjet-Delegation in Genf in den am 29. Rovbr. beginnenden Vorverhandlungen den ehrlichen, wirklichen Friedenswillen des Arbeiterstaates der Heuchelei der imperialistischen „Abrüstungspolitik" gegenüberstellen Es wird schwierig sein, in Anwesenheit bet Sonyet-Delegation die üblichen Betrugsmanöver fortzusetzen."
Bei Licht betrachtet, haben sich sowohl die Mächte, die an der Abrüstungskommission teil- nehmen, wie auch die Sowjet-Regierung bei dieser Hin- und Hervolitik von Einladung und Ablehnung» von Nichteinladung und Besuch nicht gerade mit Ruhm bedeckt. Aber da man nach wie vor keine klare Haltung zeigen will, wird man natürlich die Russen mittun lassen, und sich dabei möglichst bemühen, sie kalt zu stellen. Wenn zwei Gegner beisammensitzen, die nicht mit irgend einer Derständigungslaune zusammengekommen, sind, wenn sie sich gegenseitig mit ihrem Haß und ihrer Abneigung, mit ihrer prinzipiellen Feindseligkeit ansauchen, dann wird wahrscheinlich die Atmo- spähre nicht zustande kommen, in der eine wirkliche Abrüstung möglich wird.
Für die Rusien hat es sich inzwischen herausgestellt, daß sie vorteilhafter fahren, wenn sie dabei sind. Ihre Zeitungen sind jetzt schon seit mehr als einem Jahre voll von der Sorge, daß England gegen Rußland eine Sammlungs- und Cin- kreifungspolitik betreibe. Man hat sich darum in Moskau überlegt, daß es wohl lohnender wäre, statt an der eigenen Isolierung mitzuarbeiten» sich unterdieVölker Europas zu mischen, um sie nach Möglichkeit von einander getrennt zu halten. Diese Gründe liegen ziemlich offen auf der Hand. Aber der diplomatische Verkehr steht noch
Ire Antwort an den
In einer Sitzung der Reichsminister wurde, wie offiziös mrtgeteilt wird, der Gesamtkomplex der Reparationsfragen erörtert. Zunächst wurde die Stellungnahme zu dem letzten Memorandum des Reparationsagenten Parker Gilbert behandelt. Eine Antwort auf das Memorandum wird dem Reparationsagenten voraussichtlich in den nächsten Tagen zugehen. Ferner erörterte das Kabinett den Vorschlag, die Denkschrift des Reparationsagenten gemeinsam mit der deutschen Stellungnahme zu veröffentlichen. In politischen Kreisen wird nach der „D. A. Z." angenommen, daß diese Veröffentlichung im Laufe der nächsten Woche erfolgt, sobald nämlich die deutsche Denkschvist Herrn Parker Gilbert überwiesen worden fft.
Zur Frage der organischen Zusammenfassung der Reparationsangelegenheiten wird den Blättern mitgeteilt, daß unter keinen Umständen die Bildung eines Reichskommffsariats in Frage kommt. Es besteht nur die Absicht, int Rahmen des Finanzministeriums eine besondere Stelle zur einheitlichen Vertretung der Reparationspolitik gegenüber dem Reparationsagenten zu schaffen, natürlich in Verbindung mit den anderen in Bettacht kom- ntenben Ressorts, lieber die Personalsrage lasse sich noch nichts sagen.
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In Ergänzung zu der halbamtlichen Mitteilung über die Reichskabinettsfitzung, die sich mit dem Memorandum des Reparationsagenten beschäftigte, teilt der „Lok. Anz." mit, daß die Antwort der Reichsregierung im Laufe des Donnerstags fer» tiggestellt und dem Reparationsagenten übergeben werden wird. Die Frage der Zusammenfassung der Reparationsangelegenheiten ist dem genannten Blatt zufolge noch nicht abschließend behandelt worden. Man stehe auf dem Standpunkt, daß irgend ein Weg der v erh andlnngstech - nischen Vereinfachung gefunden toerben soll. Ob bafür. bie Form eines neuen selbständigen Reichskommissariats gewählt werden soll, sei noch zweifelhaft.
Im Reichstag fand am Mittwoch eine interfraktionelle Besprechung statt, die sich insbe- sondere mit der Beamtenbesoldungsvor- lage beschäftigte.
Das Geheimnis der Reichsanleihe
Reichsfinanzminister a. D. Dr. Reinhold und Reichsbankpräsident Dr. Schacht veröffentlichen gemeinsam folgende Erklärung:
Zu den Ausführungen, die der Reichsbankprä- sident am 27. vor. Mts. vor dem Haushaltsausschuß des Reichstages über die fünfprozentige Reichsanleihe gemacht hat, stellen wir gegenüber irrigen Ausdeutungen in der Presse gemeinsam fest:
Es ist richtig, daß die Reichsbank, als sie am 11. Januar den Diskontsatz ermäßigte, von der Absicht der baldigen Begebung einer Reichsanleihe keine Kenntnis haben konnte, da zu jener Zeit die Regierung selbst sich nicht mit einer solchen Absicht trug. Als indessen die sich häufenden Anlei- hepläne von Ländern und Gemeinden nach Ansicht des Reicbssinanzministeriums befürchten ließen, daß der Markt sich erschöpfen würde, ehe das Reich mit seiner Anleihe herauskam, entschloß sich die Regierung zur sofortigen Auflegung einer Anleihe, zumal der Markt der festverzinslichen Werte eine lebhafte Nachfrage zu steigenden Kursen zeigte. Wie diese Marktlage damals in der Oeffent- lichkeit aufgefaßt wurde, illustriert ein beliebig herausgegriffener Artikel im Handelsteil einer großen Handelszeitung, wo es wörtlich heißt:
Unter diesen Umständen scheinen die Aussichten einer Reichsanleihe gerade in dem jetzigen Augenblick besonders günstig. Die Bedingungen» zu denen die Anleihe aufgelegt wird, {offen deutlich in Erscheinung treten, in wie großem Umfange sich der Landeszinsfuß wieder dem normalen Maß nähert. Noch vor einem halben Jahr wäre die Auflegung einer Reichsanleihe mit 5 Prozent nomineller Verzinsung bei einem Ausgabekurs von 92 Prozent undenkbar gewesen. Heute, wo öproz. Hypothekenpfandbriefe zu 93% und 97% Prozent, 5proz. Stadtanleihe zu 93 und 95 notieren, erscheint der Ausgabekurs nicht mehr gekünstelt. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß bei den genannten Papieren die Kursbildung wesentlich dadurch beeinflußt ist, daß es sich um Zwergemissionen handelt. Trotzdem ist anzunehmen, daß die Reichsanleihe, von der 200 Millionen bet
öffentlichen Stellen mit Sperrverpflichtung fest untergebracht und auch die restlichen 300 Millionen selbst von den Banken übernommen sind, glatt im Publikum Absatz finden werden.
Diese Beurteilung der Marktlage war dem Reichsfinanzministerium für die Auflegung eines 5-Prazent-Typs maßgebend, dem die Reichsbank, die am 20. Januar von der Anleiheabsicht informiert worden war, zustimmte, während sie hinsichtlich des Betrages eine niedrigere Summe empfahl. Nachdem aber das Reichsfinanzministe- rium die vom Konsortium gewünschte Marktfreiheit von weiteren Reichsanleihen bei einem niedrigeren Betrage nicht glaubte zusagen zu können, haben weder die Konsortialmitglieder noch die Reichsbank Einwendungen erhoben.
Um Dr. Nöhler.
Vereinheitlichungsgesetzes erklärte der Finanzminister, die württembergische Regierung habe ihren Gesandten in Bersin angewiesen» im Reichsrat zu beantragen, die Reichsregierung möge den Gesetzentwurf solange zurückftellen, bis sie gleichzeitig den Entwurf des neuen Zwangsausgleichge- fetzes vorlegen kann.
Der badische Politiker Adam Röder schreibt in seiner „Süddeutschen Konservativen Korrespon-
Unfer Landsmann Reichsfinanzminister Dr. Köhler wird heute von vielen Seiten scharf angelassen. Das ist nicht zu verwundern, denn wer für die Finanzen sorgen muß, hat einen schweren Stand. Niemand will Steuern zahlen und Alle wollen etwas haben. Da ist es schwer, die „Etats zu balancieren", den Beamten Aufbesserung ihrer Gehälter zu verschaffen, neue Steuern zu vermeiden, die Länder zu befriedigen und an der Charybdis des Dawesplanes vorbeizukommen, ohne von der Skylla einer von so vielen begehrten Anleihepolitik verschlungen zü werden. Auch ein sozialdemokratischer Finanzminister, begabt mit der Erbweisheit des wurm- stichfreien Marxismus, würde ein so schweres Problem trotz aller Intelligenz-Zuschüsse einer unentwegten Presse nicht ohne weiteres lösen.
Es muß nun einigermaßen auffallen, daß es gerade das badische Sozialisten-Organ, der Karlsruher „Volksfreund" ist, der die kreischenden Register des oppositionellen Diskants so geschäftig zieht, um Dr. Köhler zu diskreditieren. Der „Volksfreund" weiß doch aus Köhlers badischer Tätigkeit, daß er die Irr- und Wirrgänge einer im Wirtschaftlichen oft bösartig verwurzelten Finanzpolitik hinreichend kennt, um auch dort noch gestaltend einzugreifen, wo die Kompliziertheit Der Finanz- und Wirtschaftsgebarung den harten Widerstand Derer erzeugt, die von der Freudigkeit des Steuerzahlens durch Neigung und Beruf in chronischer Beharrlichkeit entfernt find. Es ist em laueres Stück Arbeit, unter solchen Verhältnissen Finanzminister zu sein. Das könnte man ohne weiteres einsehen. Hart im Raume stoßen sich die Sachen. Es ist ein leichtes, Opposition zu machen, aber schwer, gangbare Wege zu zeigen. Herr Dr. Köhler ist nach wie vor der demokratische und f o z i a l e Politiker, als den ihn Badens Geschichte feit der Revolution kennt. Auch das ist unschwer einzusehen. Ich meine nur, das ist kleinlich und unvornehm, wenn gerade die badische Sozialdemokratie sich in Angriffen betätigt, auf die ein politisch und landsmannschaftlich intendiertes Gefühl für journalstische Reinlichkeit verzichten müßte.
Die Finanzlage Württembergs.
In seiner Etatsrede im Württembergischen Landtag führte der Finanzminister Dehlinger unter anderem aus, daß man für das Jahr 1928 auf das Entgegenkommen des Reiches angewiesen sei, weil eine Erhöhung der Landessteuern unmöglich sei. Da die Länder in der Desoldungserhöhung zwangsläufig dem Reich folgen müßten, hätten sie auch einen verfassungsmäßigen Anspruch auf Unterstützung durch das Reich. Würden dem Land die ihm vom Reiche für die Ueberlassung der Steuer- und Zollgebäude sowie der Bahn und der Post verttagsmäßig zustehenden Entschädigungen bezahlt, dann könnte es auch die Besoldungserhöhung aus eigner Kraft tragen. Der Minister wandte sich bann gegen hie unitarischen Bestrebungen der Länder, die verlangen, daß die Zuständigkeit auf den öffentlichen Gebieten klar abgezirkelt werden. Zu dem Entwurf desSteuer- ' ' ..... ' ' ' " erklärte der
unter den. alten Regeln des Verschweigens der Gedanken, und darum das Vordrängen der Etikette- ftage. Auch wir halten von den Genfer Ab- rüstungsverhandlungen nicht viel, aber die Russen könnten einiges tun, um sie mit einer pikanren Note zu versehen; Sie sollten Trotzki hinschicken.
Das Echo aus Frankreich.
Mit der Note der Sowjetregierung an den Völkerbund beschäftigt sich das „Journal des Debats". Es fragt: „Wird Graf Bernstorff in der Person des ersten bolschewistischen Delegierten einen Verbündeten sinden? Das ist wohl möglich, aber diese Allianz würde sehr kompromittierend in den Augen der ungeheueren Mehrheit der Kollegen sein und würde die beiden Verbündeten nicht sehr weit führen. Die Gefahr siegt anderswo. Es ist wahrscheinlich, daß die Sowjetdelegierten sich als Mitarbeiter am Werke des Friedens ausgeben wollen, um das Mißttauen zu befeitigen und um für den Augenblick Kredite zu erlangen. Man muß aufmerksam die Delegierten Tschitscherins beobachten und ihre Attionen bekämpfen. Die nega
tive Kritik, in der einige französische Zeitungen sich gefallen, dient nicht unseren Interessen. Man muß manötierierert und in Genf ganz besonders ist das Mcmöverseld groß. „Anstatt anzuklagen, mutz man handeln."
♦ König Alfons auf Reifen. Der König von Spanien hat sich in Begleitung des Herzogs von Miranda und eines Adjutanten an Bord eines Kreuzers nach Neapel begeben, wo er an der Hochzeitsfeier des HerzogsvonApulien und der Prinzessin Anna von Bourbon teilnehmen wttd. Die Königin ist in Begleitung ihrer Töchter und des spanischen Botschafters in Paris nach Paris und London ab gereift.
* Der Anschlag auf, den griechischen Staatspräsidenten. Aus Athen wird gemeldet, der Prozeß gegen den früheren Hotelkellner aus Larissa, Gussios, wegen Mordanschlages auf den Präsidenten Kondiriotis habe begonnen. Der Angeklagte bestritt die Absicht gehabt zu haben, den Präsidenten zu ermorden und führte die Tat auf nervöse Ueberreiztheit zurück, die eine Folge seiner schlechten Gesundheit fei.
von der neuen Türkei.
Das neue Kabinett in Angora. — Der neuge- wählte Präsident über die türkische Republik.
wtb. Angora, 3. Nov. (Eig. Funkm.). Das neugebildete türkische Kabinett, das wiederum von Ismet Pascha geleitet wird, weist gegenüber dem bisherigen folgende Veränderungen auf: Inneres: Schükri Saia, Finanzen: Saradjoglu Schiikri; der bisherige Finanzminister Mustafa Abdul Halik übernimmt das Ministerium für Nationalverteidigung und führt einstweilen die Geschäfte des Ma- rineminifteriums. Handelsminister Rehmi übernimmt gleichzeitig das Landwirtfcbaftsministe- rium. Das Marine- und das Landwirtschafts- Ministerium sollen in einiger Zeit aufgelöst werden. Außenminister Tewfik Ruschdi Beni und die anderen Minister haben ihre Posten beibehalten Der Präsident der Republik hat die Bildung des neuen Kabinetts dem Parlament offiziell mitgeteilt.
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In feiner anläßlich feiner Wiederwahl zum Präsidenten der Republik an die Nation gerichteten Kundgebung erklärt Kemal Pascha erneut, daß er fest entschlossen sei, sein Leben in den Dienst des türkifchen Volkes zu stellen. Nach einem Hinweis auf die Hebung der Wohlfahrt des Landes durch die Republik führt er weiter aus: „Meine Hauptaufgabe während der neuen Stints« Periode wird darin bestehen, die Ruhe im Lande, die nationale Einigkeit sowie das Ansehen und die Macht der Revublik zu erhalten. Die wesentliche Gnindlage unserer Anschauungen besteht darin, daß wir in der Kraft der Gesetze und der Achtung vor ihnen die Faktoren des Glückes und der Sicherheit erblicken. Der Präsident der Republik, der ein einfacher Bürger ist, wird streng und ohne Zaudern die ihm übertragene höchste Macht ausschließlich dazu verwenden, den Gesetzen Achtung zu verschaffen. Ich bin fest davon überzeugt, daß die gemeinsamen Bestrebungen für das Glück des Vaterlandes in Zukunft ebenso wie in der Vergangenheit von Erfolg gekrönt sein werden. Wir werden uns bemühen, die hohe Aufgabe zu erfüllen, die unserem edlen Volke in der Entwicklung der Welt obliegt. Diese Pflichten werden dazu beitragen, die ehrenvolle und roürbhe" Stellung des türkischen Volkes zu erhalten und zu erhöhen. Eine Nation, die aegebenenfalls wie ein einziger Mann zu arbeiten versteht, ist zweifellos eine große und besitzt die Anwartschaft und den Anfpruch auf eine große Zukunft."
Ium Reicksschulyesetz.
Die Reichstagsfraktion der Deutschen Dolkspartei bat durch ihre Vertreter im Bildungsausschuß dem Reichsinnenminister Dr. v. Keudell ihre Wünsche für die Gestaltung des Schulgesetzentwurfes in schriftlicher Form zur Kenntnis gegeben.
Man rechnet, laut „D. A. Z." in den Kreisen der Koalitfon damit, daß auf Grund der demnächst offiziell fotmulierten volksparteilichen Wünsche die Kompromißverhandlungen über die wesentlichsten Teile des Gesetzentwurfes beginnen können.
Die Erfolgausfichten dieser Verhandlungen würden durchaus positiv beurteilt, weil man sich bewußt fei, daß der Wille zur Fertigstellung des Schulgesetzes bei den Parteien der jetzigen Koalition durchaus vorhanden und die Möglichkeit für eine Einigung auf einer mittleren Linie durchaus gegeben fei.
Frankreich.
Die vom ftanzöfifchen Ministerrat gebilligte französische Antwortnote auf die letzte amerikani- fche Note in der Zollfrage ist dem amerikani- fchen Geschäftsträger überreicht worden. Die fron« zösifche Regierung schlägt darin den Vereinigten Staaten die Aufftellung eines Provisoriums bis zum Abschluß eines Handelsvertrages zwischen den beiden Mächten vor.
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Der ehemalige Senator Charles Humb er i, der während des Krieges eine zeitlang Besitzer des „Journal" war und der deshalb in Konflikt mit Clemenceau geriet und vor ein Kriegsgericht gestellt wurde, von dem er freigesprochen worden ifc ist einem Schlaganfall erlegen.
Russische Festtaoe.
Bevorstehender Amnesiieerlaß.
Aus Moskau wird gemeldet: In Erfüllung des Manifestes des Zentralexekutivkomitees der Sowjetunion werden am 10. Jahrestage der Revolution ein Regierungserlaß über die Amnestie sowie Gesetze über die Streichung der Schulden der Bauernschaft für Staats-, darlehen und über die Befreiuung der unbemtt« testen Bevölkerung von Steuerrückständen veröffentlicht werden.
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(Ein Land mit neun Regierungen.
Nach einer Meldung der Agentur Jndopazific aus Schanghai, ist China gegenwärtig in neun Regierungen geteilt; nämlich Peking, Nanking, Wuhan, die unabhängige Zone Fengjusiangs, Kanton (das halb unabhängig ist, wenn es auch mit Nanking alliiert ist), Seschuen, Sowjettegierung der Mongolei, $)unan und die unabhängige Zone des musemranischen Staates im Nordwesten. Sämtliche Regierungen haben ihre eigenen Armeen und unterhalten gegenwärtig mehr als 5 Millionen Mann, darunter 1 Million vollkommen ausgebildeter und ausgerüsteter Soldaten.