M 252.
Dienstag, 1. November 1927.
Fulbaef Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Acttendruckerei, Fulda
Iungbauer, erwache!
Don Heinrich Krone, Mitfllied des Reichstags
Unter diesem Titel hat vor einigen Jahren der bekannte Volksschriftsteller Anton Heinen vom Lolksverein für das katholische Deutschland in München-Gladbach ein Buch herausgegeben. Es wendet sich an die katholischen Iungbauern und meist sie hin auf den Wert und die Würde, die in einem naturverbundenen Bauerntum liegt. Inzwischen hat der Verstädterungsprozeß auf dem Lande noch weiter um sich gegriffen. Die innere Kraft und das Selbstbewußtsein des deutschen Bauern hat abgenommen, man steht vielfach, besonders bei der Landjugend, voll Verehrung vor ollem Städtischen und Modernen, man hat Ängst, als rückständig zu gelten. Die Stadt dringt in Mode, Baustiel, in Festen und Bällen auf das Land vor. Diese Erscheinung wirft sich nach der religiösen und politischen Seite aus Für jeden wahren Volkspolitiker ersteht hier die Aufgabe, diesem Zersetzungsprozeß Einhalt zu tun und unsere deutsche Bauernschaft wieder mit Stolz und Selbstbewußtsein, mit Hochachtung vor ihrem Lande, ihrer Scholle zu erfüllen.
Im Bereich dieser Aufgabe spielt die -Siede- lungsfrage eine besondere Bedeutung. Wir wollen es dem neuen deutschen Staat dankbar zuerkennen, daß er die volks- und nationalpolitische Bedeutung der Siedlungsflage in ihrer ganzen Bedeutung als gesundheitliche u. moralische Höherführung des deutschen Volkes erkannt hat. Zentrumspolitiker und Zentrumsminister haben hier ein besonderes Verdienst.
Wir leben im Zeitalter der Maschinen und Fabrcken, der Zechen und Schlote. Vom Lande geht der Volksstrom in die Städte und Industriebezirke, Mietskasernen. Wohnungsnot. Eine großzügige Sozialpolitik hat sich dieser existenz- und wurzellos gewordenen Menschen angenom- mien. Doch immer deutlicher erkennen wir die Richtigkest der Forderung: Geht der Wurzel des Nebels zu Leibe! Nicht nur eine exportfähige Industrie, sondern ebenso eine starke und leistungsfähige Landwirtschaft. Erhaltung des Bauernstandes und des Bauernbefitzes. Noch mehr: Vermehrung unserer Volkskraft durch eine starke, zielbewußte Neusiedlung: Durch Oedlandkultivierung, durch Anliegersiedluna, durch Ansiedlung und Seßhaftmachung von Bauern und Landarbeitern im deutschen Osten.
Land, Leute, Geld. Das sind die Grundpfeiler des deutschen Siedlungswerkes: Land ist da; namentlich im Osten. Menschen, die siedeln wollen, sind auch da. Doch hier eine Einschränkung. Bauernjungen, die nicht mehr den Wagemut und die Entbehrungskiast ihrer Väter haben, deren Ideal der feine Anzug, der steife Kragen, das Caie und das Kino des Städters sind, kommen nicht in Betracht. Und das Geld? Hier hapert's! Die Neuverschuldung der deutschen Landwirtschaft trotz der hypothekarischen Entschuldung in der Inflation -st da. Doch hat eine großzügige Finanzierung der Siedlung seitens des Reiches und Preußens eingesetzt. Wir freuen uns, daß Politiker und Minister von uns hier führend vorangegangen sind.
Wohin mit den nachgeborenen Bauernsöhnen? Früher. wurden sie Lehrer, Arzte, Juristen, gingen in die mittlere und höhere Beamtenlaufbahn. Sollen sie heute das akademisch Prole- tanat noch vermehren? Sollen sie Tagelöhner auf dem Hofe ihres Bruders werden? Zum Leben, zur Familie, gehört eine materielle Grund- möe‘, k rail f*e unserem Landvolk durch Neuland. Wir sind als Christen dazu verpflichtet. » ,^n unseren Ostgrenzen wohnt ein wachsendes Volk. Die deutschen Ostprovinzen sind aber sehr
Zum Feste Allerheiligen.
Von I. Hatzfeld.
Die Welt sagt „Schaffe, wirke!" Der Himmel sagt — dasselbe. Sind sie sich also einig? Wir wissen allzugut, daß sie das nicht sind und es niemals werden sein können.
Es ist ein Unterschied da. Diesen Unterschied fühlt auch die Welt und drückt ihn etwa mit den Worten aus: Heiligkeit mache unbrauchbar für diese Welt. Wenn sie damit meint, daß ein Heiliger schlecht zum Direktor eines Syndikates zu brauchen sei, das unbekümmert um die Not der Mitbrüder die Preise hochtreiben soll, so mag sie wohl recht haben. Wenn sie damst meint, daß ein Heiliger nicht zum Impresario einer Großstadtrevue geeignet sei, so mag sie noch einmal recht haben. Und man könnte in dieser Weise ganz leicht noch von Dutzend von Beschäftigungen und Aein- tern aufzählen, die als ganz honett und durchaus gefsllfchaftstüchtig gelten, dennoch aber —, ja, man kann nicht sagen, daß sie bei einem Heiligen in den allevschlechtesten Händen wären, weil er sie ja niemals in die Hand nehmen wird. Wenn die „Welt" also das meint, so hat sie mehr als zweimal recht. Ist aber je schon einmal einer soweit gegangen zu behaupten, das Heil der Welt hänge von Syndikats-, Film- und Revuedirektoren, von Reklamechefs, von Tänzern und Dielengrößen ab?
Nimmt man aber das Wort so, wie es dafteht, dann darf man sogar umgekehrt sagen, daß echte Frömmigkeit erst die höchsten und'besten Kräfte für ein tatkräftig in der Welt wirkendes Leben entbinde.
Fromm sein heißt, sein Lebenszentrum in Gott haben. Der Frömmling gibt nur vor, es in Gott zu haben. Wer aber sein Lebenszentrum in Gott gefunden hat, dessen Wille zum Wirken ist zum ersten frei geworden, frei von aller Rücksicht und von allen Spekulationen auf das Gemeine. Dieser Wille kann sich ungehemmt betätigen, kein Geiz, kein Neid, kein Hochmut steht ihm im Wege; und wir wissen doch, wie viel die totschlagen können und immerfort totschlagen. Solange ich nicht in und mit Gott einen Herrn gefunden habe, habe ich deren tausend und einen, die recht durcheinander kommandieren.
Wer sein Lebenszentrum in Gott gefunden hat, dessen Wllle ist zum zweiten gesammelt, ist
gesammelt, weil er frei ist, alle Dinge nur unter der Rücksicht des einen Notwendigen sieht, nicht hin und her gezerrt wird, nicht heute hier und morgen dort hin läuft, sondern, indem er das Verschiedenste tut, in Wirklichkeit doch überall nur das eine schafft.und vollendet. Es ist auf Niemand soviel Verlaß, als auf einen Heiligen.
Es ist aber zum dritten auch kein Wille so stark, als der des echten Heiligen, eben, weil er sich nicht verzettelt und in der Vielfalt immer die Einheit sieht, und zu finden weiß; weil er die große Verantwortung hinter sich spürt und weil ihn der Atem Gottes, zu dem er sich immer gefunden hat, belebt und befeuert.
Sollten die Menschen des freien, gesammelten und starken Willens für die Welt wirklich nichts bedeuten?
Es ist wahr, sie haben heute wirklich nicht das Regiment da draußen. Die Welt will ohne sie auskommen, ohne sie das Dasein gestalten, oder besser, sie wollte es und hat es versucht. Und der Erfolg? Sie sitzt verzweifelt neben ihrem eigenen Werke, falls sie es nicht vorzieht, nach der Bombe zu suchen, die es in die Luft sprengen könnle. Könnten wir da nicht einen Helligen der Kultur wie St. Benedikt, einen Heiligen der Lebensfreude wie St. Franziskus, eine Heilige der sozialen Liebe wie St. Elisabeth und tausend andere gebrauchen? Und wo werden diese Erbauer einer neuen Welt und eines neuen Lebenswillens Herkommen, wenn nicht aus den Reihen derer, denen das Fest Allerheiligen mehr ist, als eine selige Träumerei? Wenn nicht aus der Reihe derer, denen auch der Allerseelentag ein Aufruf und Antrieb zu wirkender Tat ist?
Hier aber ist der Punkt, wo Allerheiligen und Allerseelen zum bitteren Seelenstachel für jeden gläubigen Christen werden sollte. Ist es nicht etwa so, daß wir deshalb noch nichts Rechtes für die Welt bedeuten, weil wir noch nicht recht für den Hümmel taugen? Es wäre schon viel, wenn uns die Frage einmal in eine rechte Unruhe versetzen würde, und es gibt wohl keinen geeigneteren Tag, sie zu stellen, als das Fest Allerheiligen.
schwach bevölkert. Es besteht im Leben der Völker ein Naturgesetz, daß in menschenleere Räume die menschenreichen Nachbarn eindringen. So wird die deutsche Ostsiedlung <^ache des ganzen deutschen Volkes, deutscher Reichspolitik. Sie darf an Zu- ständigkeitsschwierigkeiten nicht scheitern.
Siedlung hat nichts mit Enteignung zu tun. Wer heute diesen Satz noch aufstellt, wer heute von einer Aushöhlung des christlichen Eigentumsrechts spricht, der weiß nichts von der Sache oder sagt die Unwahrheit.
Auf eines fei noch verwiesen: Die Bauernsiedlung muß in erster Linie von den deutschen Bauernorganisationen getragen werden. Schutz der landwirtschaftlichen Produktion besteht nicht nur in einer vernünftigen Zollpolitik, die wir aus verschiedenen Gründen, namentlich aus erzieherischen und siedlungspolitischen Gründen durchaus bejahen, für die auch in den Kreisen der deutschen Arbeiterfchaft Verständnis vorhanden ist. Wahrer Schutz des Bauerntums besteht m feiner Gefamt- sicherung, in einer zielsicheren Bauernpolitik, wobei die Mehrung von bäuerlichen Wirtschaftsheim- st ästen mit an erster Stelle steht. Sie besteht nicht zuletzt in der polistfchen und sozialen Verständigung zwischen Arbeiterschaft und Bauernschaft auf der Grundlage des neuen deutschen Staates.
Der Reichsverband der deutschen Wiudthorst- bunde hat im Oktoberheft seiner Zeitschrift „Das junge Zentrum" der Siedlungsfrage eine Sondernummer gewidmet. Sie steht unter dem Leitgedanken „Inngbauer, erwache" und wendet sich besonders an den Kreis unserer Iungbauern. Schon einmal hat dis Siedlungsfrage in der Zentrumsjugend eine Rolle gespielt, auf ihrer Reichstagung zu Soest und Recklinghausen im vergangenen Jahr, wo über dieses Thema der Reichstagsabgeordnete Dr. Brüning und von den christlichen Bauernvereinen Dr. Wild sprachen (Heft 9/10 „Das Junge Zentrum" 1926).
Das Sonderheft bringt Aufsätze von Anton Heinemann, Dr. Schauff, Dr. Dierkes, dem Lester des Archivs für innere Kolonisation Dr. Stolt, Dr. Wagenbach, Abgeordneten Dr. Krone.
Anton Heinen spricht vom echten Bauern, der an seiner Scholle hängt und sie liebt; diesem Bauern stellt er den modernen „aufgeklärten Landwirt" gegenüber, den modernen, nur auf Gewinn und Verdienst eingestellten „Agrar-Industriellen".
Von der kulturellen Krise spricht Dr. Schauff; er fordert den systematischen Aus- und Weiterbau des ländlichen Bildungswesens, Deutsche Bauern-Volkshochschulen als Kraftzentren des Bauerntums und Ausgangspunkte der Erneuerung.
Dr. Dierkes behandelt die Bedeutung der Agrarreform für eine gesunde Volksordnung und weist auf den Kampf hin, der im deutschen Sozialismus über die Agrarfrage geführt worden ist. Die deutsche Sozialdemokratie hat sich aus ihrem diesjährigen Parteitag in Kiel ihr Agrar- proqramm gegeben und damit eine Wendung vorgenommen. Es erhebt sich für die Zentrumspartei die Äufgabe, sich noch eindeutiger als kosher zu der Bauernfrage von heute zu äußern. Grotz- grundbesitz muß sein, Großbauerntum muß fein, aber dem kleinen und mittleren Bauern gehört ein besonderer Schutz. Ergänzend zu Men Ausführungen bringt das Heft aus der Feder Dr. Wagenbachs eine Ueberficht über Agrarreformen, die sich in unseren Nachbarländern im letzten Jahrzehnt vollzogen haben, insbesondere Rußland, Estland Lettland, Litauen, Polen, Tschechoslowakei; ferner Ungarn, wo die Agrarreform durch den kürzlich verstorbenen großen Bischofs und Sozial« polistker Prohahska eingeleitet worden ist.
Der Aufsatz Dr. Stolt's über Siedlung und bäuerliche Wirtschaftsweise legt dar, inwiefern die Siedlung zur technischen und betriebswirtschaftlichen Hebung der bäuerlichen Produktionsweise beiträgt. Eingehend wird in dem Heft die gesetzliche Grundlage der deutschen. Ostsiedlung, die Siedlungsträger, die Siedler, die Finanzierung der Siedler und über zuverlässige Belehrung in Siedlungfragen unterrichtet. Eine statistische lieber« sicht über die Verteilung der deutschen Bevölkerung auf Industrie, Handel und Landwirtschaft, über die landwirtschaftlichen Betriebe, deren Fläissm und Größengliederung schließt das Heft. Hieroei ist der prozentuale starke Rückgang der in der Landwirtschaft beruflich tätigen Personen sticht zu erkennen.
Dem Sonderheft ist eine Bildbeilage ancefügt, die die Photographie einer von der Landgesell-
1 CHA Schallplatten nur beste Aufnahmen dop- pelseitig von 95 Pfg. an am Lager. Festgesetzte Mindestverkaufspreise. Verzeichnisse auf Wunsch. Fachmännische Bedienung nur in einem
Musikhaus. — J. Mollenhauer & Söhne, Fulda.
schäft „Eigene Scholle" Frankfurt a. d. Ober eingerichteten Siedlung wiedergibt, desgleichen eine Grundrißzeichnung eines Wohn- und Stallgebäudes, wie sie von der Schlesischen Landgesellfchaft Breslau gebaut werden.
Dieses Sonderheft des „Jungen Zentrums", das von dem Reichsverband der Deutschen Windt- horstbunde, Berlin NW. 23, Brückenallee 24, zu beziehen ist, will besonders die katholische Landjugend zu neuem Selbstbewußtsein und gesundem Bauernstolz wachrufen und darüber hinaus für die Bedeutung der Siedlungsfrage als eine der wichtigsten Fragen der deutschen Bauernschaft Berftändnis wecken. Die soziale Frage von heute ist nicht nur eine Frage der deutschen Arbeiterschaft, sie bedeutet im Tiefsten Sicherung der Eigenpersönlichkeit und der Eigenständigkeit gegenüber Bestrebungen, die auf die Aufsaugung der kleineren und mittleren Existenzen hinausläuft. Es gilt nicht nur, möglichst viele selbständige Existenzen zu erhalten, sondern wo immer nur möglich, sie neu zu schaffen, sowohl in der Bauernschaft, wie in dem Mittelstand und der Arbeiterschaft. So wie es in den Richtlinien der Deutschen Zentrumspartei heißt: „Die Erhaltung einer großen Anzahl lei- stungsfähiger Eigenbetriebe ist eine Volkswirt- schaftliche und staatspolitische Notwendigkeit, die Landflucht einzudämmen. Die Zentrumspa>. tei hält I grundsätzlich am Privateigentum fest und ist bestrebt, die Zahl der Eigentümer ständig zu mehren."
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Mein weg nach yinkekhagen.
Eine Danbergeschichte von Fr. Donatus pfannmütler.
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' „Nun warum denn?"
„Heut Nacht is was pafffiert. In der Hinnergaß !s beinah einer erschossen worden. Der Säutony hat sechsmal geschosse, aber nix getroste."
»Auf wenn hat er denn geschosse?" fragt Meister Dorus.
„Auf e dickes Holzscheit," sagt die Katt und will sich totlachen.
„Das müht Ihr uns genauer erzählen, Kathrine!" bittet der Meister.
„Wfo paß auf, Emil! Du weißt doch, daß ich im Säutony fei'm Häusche in der Oberstube wohne. Gestern abend, es mag so Uhre Elf gewese sein, da hör' ich drunte an der Haustür ebb es rumple. Ich steig aus dem Bett und guck zum Fenster naus. Da seh ich, wie ein Kerl von unserer Haustür wegschleicht, und es steht noch öbbes Dunkles, Großes an der Tür. Erft dacht ich, es wär noch'» Kerl, aber dann merkt ich, daß es nur e Holzscheit war. Du weißt ja, in der Hinnergaß brennt bloß e einzige Straßelatern. Der Kommandant meint, die wär' für uns arme Leut dort schon zu viel.
Alles war wieder still. Der Säutony hat das Rumpeln net gehört. Wer drübe im Dunkeln war der Kerl ftchegebiiebe. Auf einmal tats en Rappel, der Kerl hatte mit nem Stein widder die Haustür geworfe. Gleich darauf riß der Säutony drunne das Fenster auf und guckt raus. — „Was geht hier vor?" rief er ganz vornehm. Mer es kam keine Antwort. Da halle er den schwarze Stock vor der Haustür auf der Trepp gssehn.
„Scheren Sie sich weg von meiner Haustür!" rief der Tony erbost. Aber der schwarze Kerl gab kerne Antwort. Dann roars e bißche still. Auf einmal ruft der Tony ganz feierlich zum Fenster naus: „Herr! Ich fordere Sie auf, mein Haus zu verlassen, sonst schieße ich. Ich haue einen sechsläufigen Revolver." Der Kerl an der Dir gab keine Antwort. Und, meiner Seel', mir wars auch e bißche Angst. Mer ich muht doch sehn, wie die Geschichte weiterging, urrd steckt die Ras zum Fenster naus. Wenn der Tony mit dem Revolver Meßt, wer'n die Kugeln net gleich zu mir raufkommen.
Ich seh, wie unten ein hemdsärmerlicher Arm aus dem Fenster kommt, und gleich tuts en Knall, dah die Fenster gittere. Aber der schwarze Kerl an der Tür stand bombefest. Der Tony steckt den Kopf zum Fenster naus und guckt. Dann spricht er so feierlich, wie der Herr Dechant auf der Kanzel: „Ich fordere Sie noch einmal auf, meine Haustür zu verlaßen." — Der Holzstock tut sei Maul net auf. Und Widder knallts, und Widder, — drei-, vier-, fünfmal. Ich glaub, wenn ich Haar austn Kopp hätt und net mei Sarit, die Haar wärn mir ter- Zsgrad gestände." — Die Baricke-Katt lacht über ihren eigenen Witz. — „In der ganze Nachbarschaft wars mäuschestill. Ich mein immer, die sind all tief unter die Bettdecke gekroche. Nur einmal war mers, als wenn drübe im Dunkle en Mensch gekichert hätt."
„Beim letzte Schuh tat's unte en kleine Klaps, bann lief der schwarze Kerl vor der Haustür auf die Seit Dabei rumpelte es e bißche. Der Säutony hat das auch gefjört und rief: „Ach du lieber Gott! Nun hab ich chn totgeschosse." Und er schlug das Fenster zu. Ich aber kroch in mei Bett und lachte mir eins. Ich häll's dem Tony ja sage könne, daß es nur e Holzscheit war, aber der hat mir letzthin die Miete um 50 Pfennig erhöht, und da könnt ihm e bißche Angst gar net schade." —
„Und Ihr meint nun, Kathrine," fragte Meister Dorus, „daß sich wegen dieser Sache der Bürgermeister aufgeregt hätte?"
„Aber freilich hat er das. Ich hab ja vorhin gehört, wie er das Jaköbche abgekanzelt hat. Der Kommandant hat doch sicher den Knallerich auch gehört; er wohnt ja gar net weit von der Hinnergaß. Ich kam vorhin grab vorbei, als er das Jaköbche fragte, wer gestern Abend geschosse hätt. Und das Jaköbche wußfe nix. Er wär' um elf Uhr auf fei’m Gang in der Oberstadt gewese, sagte er. Da schimpfte der Kommandant und rief: „Da hat mer en Nachtwächter, en Schan- barm und en Polizeibiener in Hinkelshage unb ist boch seines Lebens net sicher." Er will e strenge Untersuchung anstelle; ober ich werd schön mei altes Maul halle, unb Ihr zwei dürft aber auch nix aus der Schul schwätz«. Ich Habs Euch nur erzählt, weil Ihr mir ge« hälfe habt, daß mein Franz im Beirische den Brief richtig kriegt." Damit verabschiedete sie sich. Die Baricke- Katt hielt chr „altes Maul" so gut, baß binnen kurzer Zeit der Säutony neben feinem tchönen SchrveinMr-
tentitel noch einen anderen führte. Er hieß von nun an auch noch „ber Scheitholztöter". —
Unser „nördlicher" Nachbar war ber Bäckermeister Klinger. Dieser Name stand aber nur in seinen Personalakten und auf seinem Firmenschild; im gewöhnlichen Leben wurde er in Hinkelshagen nur „Mehlhepp" genannt. Der Mehlhepp war von gewaltiger Figur, sang im Gefangoerein den tiefften Baß und stand mit der deutschen Sprache auf sehr gespanntem Fuße. Er redete für gewöhnlich nur im Dialekt, verstieg er sich aber einmal ins Hochdeutsche, dann gab es gleich drollige Schnitzer. So erklärte er an einem Sommersonntag, als der Gesangverein einen Ausflug in den Thüringer Wald unternahm, nach längerem, tiefsinnigen Betrachten des Himmels: „In Hinkelshagen könne mer heut Regen gehoben."
Besagter Meister Mehlhepp besaß nun ein Faktotum, bas ebenso ein Original war wie fein Herr und Meister. Der alte Hansranz (Johann-Franz) stammte vom Niederrhein und war halb Geselle, halb Knecht: das letztere vielleicht mehr als das erstere. Denn der Mchlsepp knetete mit seinen gewaltigen Händen ferne Teig, wie drei Gesellen. Außerdem besaß der Mehlhepp, wie fast alle Einwohner von Hinkelshagen, einige Landwirtschaft, die zum großen Teil vom alten Han- franz besorgt wurde. Aber auf den breiten Schultern des Hansranz lastet auch die Sorge für das Wasser. In Hinkelshagen ist beständig Wassernot, wie das ja auch in manchen noch berühmteren Städten der Fall sein soll. Wasserleitung kennt man bei uns in Hinkrishagen nicht. Nur zwei öffentliche Brunnen befinden sich in der Stadt, einer droben auf dem Markt, der andere in der Unterstadt. Wer in ber Nähe eines ber beiden Bäche wohnt, die an Hinkelshagen vorüberfließen, holt sich dort sein Wasser. In jeder Küche in Hinkelshagen steht eine Tragbütte, bie „Butt" genannt. Mit dieser Butt auf dem Rücken ziehen die Hinkelshagener Frauen und Mädchen nach einem ber beiden Brunnen. Irn Sommer, wenn bie Wasserfluten fabenbünn aus den Brunnenröhren träufeln, sind die Brunnen Tag und Nacht umlagert.
Wenn wir nach Feierabend auf unserer Bank vor der Haustür sitzen, kommt auch der Hanftanz mit seiner Frau daher. Dann bändelt Meister Dorus gewöhnlich mit ihm an.
„Franz! Am Sonntag hast du die Orgel wieder großartig gespielt. Sag', wie machst du bas nur?
Man merkt doch stets sofort, daß du an der Orgel bist."
Der Hansranz bleibt geschmeichelt stehen. An den Sonntagen nämlich löst er im Hauptgottesbienst ben Balgtreter, einen alten Kriegsveteran, freiwillig ab. Unb bann trampelt er so gewaltig unb so lärmenb auf den Balgtritten herum, dah der Kantor, um den Lärm zu übertönen, stärkere Register zieht. Der Hansranz aber ist der Meinung, daß sein gewaltiges Strampeln die Orgel lauter ertönen läßt. Und er stampft, wenn möglich, noch stärker drauf los.
Wenn ihn nun Meister Dorus fragt, wie er es mache, daß die Orgel so gewaltig tönt, bann streckt ber Hansranz eine seiner mächtigen Pratzen aus, spreizt alle fünf Finger und spricht: „Ja, weißt du, Emil, das muß man verstehn. Da (»inner der Orgel sind so drei-Dinger, da mußt du drauf beten. Immer eins nach dem andern. Aber auf die richtige Reihe kommts an, — auf die richtige Reihe. Also roenns ordentlich stark brummen soll, bann kommt erst der Tritt, dann bet unb zuletzt d e r." Und dabei tippt ber Franz bie „rid> tige" Reihenfolge ber Schöpfertritte an seinen ausge» spreizten Fingern ab. Das tut er aber mit solcher Wichtigkeit, daß wir jedesmal einen Riesenspaß haben-
Hinter unferm Hause hat ber Nachbar Mehlhepp seinen Grasgarten liegen. Da hinein will er nun eine neue Scheuer bauen. Der Hansranz mutz in seiner freien Zeit auf dem Bauplatz ausschachten unb Erde bewegen. Allmählich ist er dahintergekommen, daß das Karrenschieben eine recht lästige Arbeit ist. Nun hat er sich irgendwo einen großen, zweirädrigen Handwagen geliehen, und ich sehe an einem Mittag, wie sich der Hanftanz bemüht, ein Oechschen in bie Schere der beladenen Karre zu spannen. Doch bas Oechschen geht nicht in die enge Schere hinein unb diese ist auch viel zu kurz, um am Geschirr einen Halt zu finden. Hansranz kratzt sich das wirre Kraushaar und überlegt. Endlich kommt ihm ein gescheiter Gedanke. Er hängt das Oechschen vorne ganz dicht an die Schere und kriecht dann selbst zwischen diese, um die beiden Scherenarme während der Fahrt zu heben und zu halten. Dann geht es unter Hüh und Hott den Berg hinan, genau in der Richtung, wie es das Oechschen will. Denn ber Hansranz ist zwischen seiner Schere hilflos gefangen. Er kann nicht einmal das Oechschen lenken, weil er ja die Scherenarme halten muh, die sonst zu Boden fallen.
(Fortjetzung folgt).