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uldaerZertung
Anzeiger für die Staöf Fulda und den Landkreis Fulda. Amkliches Kreisblakt.
Jlr. 252.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.
Dienstag, 1. November 1927.
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54.Zahrg.
Dr. Marx über das kommende Wahljahr.
Der Reichskanzler spricht in Essen.
Im großen Saal des städtischen Saalbaues m Essen, der mit Blumen und Fahnen in den Farben des Reiches, des Staates, der Provinz und der Stadt reich geschmückt war, fand Sonntag abend eine große öffentliche Kundgebung der Zentrumspartei statt, die sehr gut besucht war. Nach einem Orgelvortrag und Eröffnungsansprachen nahm Reichskanzler D r. Marx das Wort.
Der Reichskanzler würdigte zunächst die Bedeutung des Wahljahres 1928 für das politische Leben Deutschlands. Für die Wählerschaft gelte es, so führte der Reichskanzler aus, in den nächsten Monaten ruhige Nerven zu behalten und die Entwicklung der Dinge kühl zu überschauen. Das Zentrum sei zu seinen Entschließungen der letzten Jahre, sowie zur Bildung der Koalition nur durch feste Staatsgesinnung geführt worden und durch den festen Willen, dos Allgemeinwohl zu fördern, ein Borgehen, Das wohl auch in einigen Zentrumskreisen noch immer nicht recht verstanden werde, was unter anderem dadurch bewiesen fei, daß man ihm selber ja nach demunverständlichen Sturze des Kabinetts der Mitte durch die Sozialdemokratie die Bildung des neuen Kabinetts unter Einschluß der Deutschnationalen verübelt habe. Unberechtigt sei der Dorwurf, er hätte die den republikanisch gesinnten Kreisen des Wolke? versprochene Treue gebrochen. Wenn einer Veranlassung hätte, sich zu beklagen, so wäre er es, dessen Kabinett man stürzte, als er in bezug auf die Reichswehr Zusagen machen konnte, die den Forderungen der sozialdemokratischen Fraktion vollauf entsprachen, dann auf seine Veranlassung ins Programm des neuen Kabinetts ausgenommen und inzwischen durchgeführt worden sind. Die jetzige Koalitionsregierung habe durch ruhige Politik vernünftige und erfolgreiche Arbeit geleistet. Gerade im letzten Jahre sei die Republik g e f e st i gt worden, wie unter anderem die Verlängerung des Republikschutzgesetzes beweise. Auch die Sozialpolitik sei von der jetzigen Koalition nicht vernachlässigt worden. Daß in rechtsgerichteten Zeitungen Artikel erscheinen und in Versammlungen Worte fallen, die sich mit der Achtung vor der Republik und den verfassungsmäßigen Farben nicht vereinbaren lassen, sei bedauerlich. Eine Koalition sei keine Gesinnung?-, sondern nur eine Arbeitsgemeinschaft. Das werde manchmal vergessen. Er bedauere den so leidenschaftlich geführten Flaggenstreit und noch mehr würde er es bedauern, wenn etwa der bevorstehende Wahlkampf unter dieser Parole geführt werden sollte, einer Parole, die nichts besage für die Lösung der schwierigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Aufgaben, vor denen die deutsche Politik in den nächsten Jahren stehen werde. Wer schwarz-weiß- rot in Ehren halte brauche deshalb nicht schwarz- rot-gold zu schmähen und schwarz-rot-go'd sei keine Verkeberung und Verkennung von schwarz- weiß-rot. Wer in dem Flaqgenstreit mehr sehe als einen Streit um ein Symbol, dem vermöge er nicht mehr zu folgen. Staatsform fei und bleibe die Republik und er könne sich nicht vorstellen, daß ein seiner Verantwortung bewußter Politiker heute im Ernst daran denke, auch noch den Kampf um die Staatsform in die politische Debatte zu werfen. An der gradlinigen Außenpolitik Deutschlands habe sich durch den Eintritt der Deutschnationa- l e n in die Regierung nichts geändert. Dies habe auch das Ausland eingesehen. Von deutscher Seite dürfe nichts geschehen, was auf der anderen Seite Mißtrauen erwecken könne. Für die„ nächsten Wochen sei die Zurücknahme einer größeren Zahl siemder Besatzungstruppen aus dem besetzten Gebiet zugesagt und bereits eingeleitet, und er sei davon überzeugt, daß die französische Regierung ihr Versprechen loyal und in vollem Umfange erfüllen werde. Dabei erneuern wir immer wieder den dringenden Hinweis auf rimer Recht, die völlige Räumung des besetzten Gebiets zu verlangen, nachdem unsere Entwaffnung vollkommen durchgeführt ist und die Politik der letzten Jahre den besten Beweis für die friedliche Einstellung des deutschen Volkes in seiner weitaus größten Mehrheit geliefert hat.
Hierauf kam Dr. Marx auf die Rede des Reichspräsidenten v. Hindenburg bei der Enthüllung des Tannenberg-Denkmals zu ftncechen. DaS Aussehen, das diese Rede in manchen Kreisen des Auslandes erregt habe, sei ausfallend. Sowohl er, wie der Reichsminister des Aeußern, hätten die Rede gebilligt und in Bezug auf die uns vorqeworfene Schuld am Krieg hätten sowohl er, der Reichskanzler, wie auch andere verantwortliche deutsche Staatsmänner be-ftüheren Gelegenheiten vielleicht noch schärfere Worte gebraucht, als der Reichsvräsident bei der Tannen- berg-Feier, z. D. am 29. 8. 1924 bei Annahme der Dawesgesetze. Die Frage der Kriegsschuld könne allerdings nicht durch Reden entschieden werden, sondern nur durch ernste wissenschaftliche Forschung und unparteiische Prüfung. Eine wahre Versöhnung der Nationen sei unmöglich, solange ein Mitglied der großen Völkerfamilie in den Augen der anderen Mitglieder gebrandmarkt bleibe.
Nunmehr wandte sich der Reichskanzler dem Schreiben des Reparationsagenten Parker Gilbert an den Reichsfinanzminister zu: Der Finanzminister und die Reichsreqierung sind nach dem Bekanntwerden der Tatsache, daß der Reparationsagent sich schriftlich über die schwebenden Finanzfragen geäußert habe, von deutschen Blättern schärsstens kritisiert und sogar der Repa
rationsagent sei angegriffen worden, obwohl er doch nur seine Pflicht als Vertreter der Gläubigerstaaten erfüllt habe. Richtig sei, daß Parker Gilbert sich über Bedenken äußerte, die Deutschlands Finanzgestaltung bei khm hervorgerufen haben. Dies sei jedoch in durchaus vorsichtigerWeise geschehen und unter der nachdrücklichen Verwahrung dagegen, daß er sich in die innerpolitischen Verhältnisse Deutschlands e'nmifchen wolle. Gerade die Politik des Finanzministers Köhler habe eine Reihe schwerer, lange hinausgeschobener Probleme von erheblicher Tragweite zum Vorschein gebracht. Die in der Besoldungsvorlage vorgesehene, einem dringenden Bedürfnis entsprechende Erhöhung der Beamtengehälter könne wenig st ensfür das erste Jahr aus den zur Verfügung stehenden Mitteln ohne neue Steuern gedeckt werden.
In bezug auf das Schulgesetz habe die Opposition wohl nicht die Tragweite erkannt, als man geradezu phantastische Berechnungen über die Höhe der entstehenden Mehrkosten anstellte. Dadurch sei die Kulturfrage zu einer Finanzfrage gemacht worden, die somit auch die Aufmerksamkeit des Auslands und des Reparationsagenten erregen mußte. Er hoffte, es werde gelingen, dem Regierungsentwurs zum Volksschulgesetz eine Gestaltung zu geben, die allen berechtigten Wünschen der verschiedenen Parteien und Weltanschauungsgruppen gerecht werde. Niemand solle gezwungen sein, seine Kinder in eine Schule zu schicken, die seiner Weltanschauung, seinem Erziehungsideal nicht entspreche. Ob das Volksschulgesetz von einer mehr nach rechts neigenden Koalition gemacht werde oder von einer, in der die Linke den Einfluß besitze, den heute die Rechte habe, die Gleichberechtigung der drei Schularten: christliche Schule, weltliche Schule, staatliche Einheitsschule, werden in jedem Fall in diesem Gesetz enthalten sein, das unter Mitwirkung des Zentrums zustande kommen soll. Selbst einen Wahlkampf, in welchem es um die Schule gehe, fürchte die Zentrumspartei nicht.Die Verantwortlichkeit aber für die Folgen, die ein solcher Wahllampf für unser politisches Leben nach sich zieht, lehne das Zentrum ab.
Vor einigen Tagen habe er einen Appell an das Bürgertum zu lesen bekommen, der in der Aufforderung gipfele, alle bürgerlichen Parteien sollten sich zum gemeinsamen Kampfe gegen die den Klassenkampf propagierende Linke zusammenfinden. Er sei der Ueberzeugung, daß dieser Aufruf im Zentrum keinen Anklang finden werde. Es sei stets das Bestreben des Zentrums gewesen, keinen Vollstell, der guten Willens ist, von der Arbeit M den Staat au szu - schließen, insbesondere nicht die zahlreichen und wertvollen Kreise der deutschen Arbeiter.
Der Reichskanzler schloß mit folgenden Worten: Hier und da hört man bereits Parolen für den nächsten Wahlkampf. Es scheint mir verfrüht, schon jetzt auf Einzelheiten einzugehen. Es kann sein, daß Reichstaqswahlen bald bevorstehen, es kann sein, daß sie erst im Herbst oder Winter des nächsten Jahres kommen. Die politischen Verhältnisse find so sehr in der Bewegung, als daß man heute schon den Zeitpunkt der Wahlen voraussehen könnte, geschweige beim kann man bereits Nnzelheiten für die im neuen Reichstag zu verfolgenden Ziele darlegen. Nur das eine kann ich jetzt schon mit aller Bestimmtheit feststellen, das Zentrum wird nach den kommenden Wahlen, in die es, wie ich mit Nachdruck betone, ohne jede Bindung hineingehen wird, genau so wie Mher eine Kraft dem Staat zur Verfügung teilen und mit denjenigen Parteien die Staats- wlisik betreiben, die geneigt sind, mit ihm zusammen die bisherige Politik im wesentlichen sortzu- setzen und auf dem Boden der Verfassung das Staatswohl zu fördern.
Demokratische Kandidaten.
Besprechungen zwischen der demokratischen Parteileitung und den Landesausschüssen haben, wie der „Montag Morgen" erfahren haben will, bereits zur Feststellung einer Reihe von Kandidaten geführt, die bei den bevorstehenden Reichstagswahlen an möglichst sicherer Stelle zur Wahl gestellt werden sollen. Zu den bereits festgelegten Kandidaten gehören der frühere Reichsfinanzminister Dr. Reinhold ,der Berliner Oberbürgermeister Dr. B ö ß und der Chefredakteur der „Voss. Ztg." Bernhard, der im Wahlkreis Potsdam aufgestellt werden soll.
Reue Besprechungen mit Parker Gilbert.
Im Laufe des Samstag hat, wie die Blätter berichten, zwischen dem Reparationsagenten Parker Gilbert, Reichsminister des Aeußern Dr. S tresemann und dem Reichsfinanzminister Dr. Köhler eine Unterredung im Reichsfinanzministerium stattgefunden, die sich mit dem kürzlich überreichten Memo randum des Reparationsagenten befaßte. Wann die Beratungen mit Parker Gilbert zum Abschluß kommen werden, steht nicht fest, doch ist anzunehmen, daß man bis Mitte der Woche zu einem abschließenden Ergebnis gelangt sein wird. Alsdann wird eine Sitzung des Reichskabinetts stattfinden ,in der mau sich erneut mit dem Memorandum Parker Gilberts befassen und die Antwort der Reichsregierung festlegen wird.
Dom Reichstag.
Im Reichstag finden am Montag weder Ausschuß- noch Fraktionssitzungen statt. Die Ausschüsse werden ihre Arbeit er st am Mittwoch aufnebmen. Der Bildungsausschuß wird dann
das Reichsschulgesetz und der Strafausschuh das Strafgesetz weiter beraten.
* Das Satkowißer Sladkparlament endgültig aufgelöst. In einer Sitzung des Wojwod- fchaftsrates wurde die Auflösung des Kattowitzer Stadtparlaments endgültig befchloflen und gleichzeitig die kommissarische Verwaltung gebildet. Diese umfaßt 15 Mitglieder, von denen zehn polnischen und fünf den deutschen Parteien (Frei- deutsche Wahlgemeinschaft und Sozialdemokraten) angehören.
* Vollstreckung der Mo sauer Todesurteile. Aus Moskau wird gemeldet: Das vom Obersten Gerichtshof gegen die Brüder Prowe und Kore- panow wegen Spionage zugunsten Englands gefällte Todesurteil ist vollstreckt worden.
Vie Lage in Gesterre'ch.
Dr. Bauer über die Politik der österreichischen Sozialdemokraken.
Auf dem in Wien stattfindenden sozialdemokratischen Reichsparteitag erklärte Abg. Dr. Otto Bauer, der 15. Juli und seine Nachwirkungen hätten die politische Lage in Oesterreich grundlegend verändert, sodaß die Partei gezwungen sei, ihrer Politik einen neuen Kurs zu geben. Diejenigen Parteimitglieder, die an eine Koalition mit der Regierungspartei und einer Teilnahme an der Staatsregierung rechnen, muteten der Partei große Opfer zu. Wenn eine Phase eintrete, in der das Gleichgewicht der Klassenkräfte so fei daß die Bourgeoisie nicht mehr imstande sei, ohne die Sozialdemokratie zu regieren, während andererseits die Sozialdemokratie noch nicht allein regieren könne, werde eine Koalitionsregierung am Platze sein. Er lehne sie aber durchaus nicht für die Zukunft ab. Dr. Otto Bauer sprach sich endlich über das Abrüsten der Parteien im Lande aus, Voraussetzung sei aber, daß der Verständigungswille bei den Gegnern vorhanden sei.
Auf dem Parteitag der österreichischen Sozialdemokraten führte nach der bereits gemelderen Rede Otto Bauers Dl. Renner aus» die Fehler des 15. Juli müßten für die Zukunft vermieden werden, indem den Leidenschaf
ten der Massen kaltwägende Vernunft entgegengesetzt werde. Das Organisationswerk der Partei müßte nachgeprüft und für eine taktisch bessere 1 innere Geschlossenheit gesorgt werden. Ein faschistischer Bürgerkrieg werde weder von der Arbeiterschaft, noch von der großen Mehrheit der Bauern oder Bürgerlichen gewünscht. Da auch eine Revolution auf absehbare Zeit nicht möglich sei, dürfe man von einer solchen nicht reden. Der Redner entwickelte dann seine Gedanken über die Koalition, die prinzipiell nicht verurteilt werden könne, da sie gegen das Prinzip des Klassenkampfes nicht verstoße. El erklärte dann: Aber was wir jetzt brauchen ist ein Waffenstillstand, um erne Dreständigung und Abrüstung in den Parteien anzubahnen. ————————
* Canbfagsabgeorbnefer Oelsen gestorben. In Ahausen, Kreis Syke in Hannover, verstarb der Landtagsabgeordnete Heinrich Oetjen, Hof- und Ziegeleibesitzer. Oetjen vertrat seit 1924 den Wahlkreis Hannover-Süd für die Deutsche Volksvar t_e_L_____
Die innere Politik Frankreichs.
Beschlüsse der Radikalen Partei.
In der Schlußsitzung des Kongresses der Radikalen Partei in Paris wurden verschiedene Reso- lutionen gefaßt, u. a. auch eine über Elsaß - Lothringen, in der gegen eine Politik protestiert wird, die die Schaffung eines Sonderregimes für Elsaß-Lothringen anstrebt und in der die Einführung des Unterrichts in zwei Sprachen, sowie die Trennung von Staat und Kirche verlangt wird. In einer programmatischen Erklärung nahm die Konferenz zur Außenpolitik Stellung, wobei mit Nachdruck eine Politik der Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland gefordert wurde. Unter Hinweis auf das von Deutschland freiwillig unte^eichnete Locarnoabkommen wird die Forderung aufgestellt, daß Frankreich innerhalb des Völkerbundes die Bemühungen fortfetze, die internationalen Pakte zu tieitiielfältigen, Die Schiedsgerichtsbarkeit allgemein durchzuseken und die Rüstungsherabsetzung sowie die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit vorzuberciten. Es wird Aufrechterhaltung der diplomatischen Beziehungen mit Rußland gefordert, gleichzeitig je-
Ein Anschlag aus kn griechischen Priisiknten.
Aus Athen wird gemeldet: Auf den Präsidenten Konduriotis wurde, als er nach Eröffnung einer Bürgermeisterversammlung im Rathaus seinen Kraftwagen bestieg, durch einen jungen Mann ein Revolveranschlag verübt. Der Präsident wurde im Gesicht leicht verletzt. Er begab sich in eine nahe gelegene Klinik. Die Menge versuchte den Täter bei seiner Verhaftung zu lynchen.
Der Mann, der den Anschlag auf Konduriotis vollführt hat, ist etwa 30 Jahre alt. Er ist von Schwermut befallen oder fniegelt sie vor. Sein Name ist Zafirios Gussios. In einer schriftlich niedergelegten Erklärung gibt er an, daß er arbeitslos sei und schon seit längerer Zeit die Absicht habe, seine Notlage durch einen Anschlag auf den Präsidenten zu rächen. Noch anderen Mitteilungen ist der Täter Hotelkellner gewesen und vor etwa 14 Tagen nach Athen gekommen, um ein Ohrenleiden behandeln zu lasten. Wie weiter angegeben wird, sollen in seinem Besitz mehrere kommunistische Schriften gefunden worden sein. Nach den ärztlichen Berichten ist der Präsident an den Weichfeilen der rechten Stirn und am Knochen leicht verletzt. Der Präsident überstand die geringfügige Operation in voller Ruhe. Sein Zustand ist durchaus befriedigend, sodaß er in feine Privatwohnung zurückkehren konnte. Die Bevölkerung legt große Entrüstung wegen des Anschlags an den Tag.
Wie zu dem Anschlag auf den Präsidenten der Republik Konduriotis weiter bekannt wird, hat die Kugel, deren Schlagkraft dadurch abgeschwächt worden war, daß sie ein Fenster des Kraftwagens durchschlug, die Stirn des Präsidenten nur gestreift. Die Mitglieder des Kabinetts beglückwünschten den Präsidenten zu seiner Rettung aus Lebensgefahr.
Ruf*e in Rumänien.
Die Agentur Orient Radio bezeichnet die Mel- ungen einiger Blätter, die von blutigen Kämpfen, zahlreichen Verhaftungen, sowie militärischen Maßnahmen berichten, als gänzlich erfunden. Im ganzen Lande herrsckie vollkommene Ruhe, kein Zwischenfall habe sich ereignet. Auch wurde keine Verhaftung vorgenommen außer derjenigen Ma- noislescus. Ebenso wurden keine außerordentlichen Maßnahmen ergriffen. Die Gericküsver- bandlung gegen Manoislescu findet nächste Woche statt.
Prinz Carol von Rumänien hat einen Vertreter des „Intransigeant" empfangen und ihm erklärt: „Ich habe gesagt und ich wiederhole es, daß ich mich niemals in die Politik meines Landes einmischen werde, um Unruhen hervorzurufen oder um die Leidenschaften zu entfesseln. Ich habe hinzugefügt, daß, wenn die öffentliche Meinung mich rufen wird, ich es als eine Feigheit betrachten würde, mich diesem Rufe zu entziehen. Seit mehr als drei Monaten haben gewisse Parteiführer, namentlich der nationalen Bauernpartei, von mir verlangt, daß ich eine Erklärung als Kandidat ab» geben soll. Drei Monate hindurch habe ich mich geweigert, weil ich diese Geste als verfrüht ansah. Ich habe lange gezögert, sogar in der jüngsten Vergangenheit, aber jetzt endlich habe ich nachgegeben. Meine Erklärung ist nur eine Antwort auf
eine an mich gerichtete Frage. Die Antwort, bit ich erteilt hatte, hat Staatssekretär' Manoilescu überbracht. Man beschuldigt ihn jetzt des Hochverrates und sperrt ihn in ein Militärgefängnis. Entweder die öffentliche Meinung erregt sich und ist geneigt, ihren Prinz zu empfangen oder aber es werden Zwangsmaßnahmen ergriffen, die dazu bestimmt sind, den Ausdruck des Volkswillens zu ersticken. Ich will keine Erregung Hervorrufen. Ich warte, bis meine Stunde geschlagen ho* und diese Stunde wird eines Tages schlagen."
Italien und Tanger.
Die Ankunft eines italienischen G e schwaders im Hafen von Tanger veranlaßte den „Temps und das „Journal des Debais" diese Tatsache mit dem fünften Jahrestag des Marsches der Faschisten gegen Rom in Verbindung zu bringen. Auch die Hatsache, daß der Kommandant des Geschwaders, Prinz v. Udine, nur einem Vertreter des Sultans einen Besuch abstattete, findet das „Journal des Dedats" seltsam. Dieses Ereignis hätte die Erinnerung an die sensationelle Landung Wilhelms H. in Tanger, trotzdem sie nicht den gleichen Charakter und nicht die gleiche Bedeutung hatte ,wachgerufen. Aber das Blatt glaubt trotzdem das Erscheinen des italienischen Geschwaders in Verbindung bringen zu können mit der Haltung des spanischen Kabinetts in der Tangerfrage.
Madrid unterstützt von Rom, habe sich nach Paris und London gewandt, um eine Abänderung dieses Statuts zu feinen Gunsten zu erreichen. Nach langwierigen Berhandlungen sei alsdann be- schloffen worden ,daß die Verhandlungen in zwei Etappen geführt werden sollen. In der ersten sollten Frankreich und Spanien sich unter sich verständigen, in der zweiten sollten England und Italien die französisch-spanischen Vorschläge prüfen, damit die vier Mächte ein Abkommen über ein neues Tangerstatut abschließen könnten. Der geräuschvolle Besuch des Geschwaders des Prinzen o. Udine und das italienische Manifest störten also die fran- zösisck-spanischen Verhandlungen am Vorabend ihrer Wiederaufnahme.
3um Jahrestag der- Faschistenmarsches auf Hom.
Anläßlich der fünften Jahresfeier des Marscyer auf Rom fand in Villa Glori, einer Vorfravr Roms, in Anwefentheit des diplomatischen Korps eine feierliche Truppenschau statt, an der Faschisten und alle bewaffneten Kräfte des Landes teilnah- men. Rach der Truppenschau hielt Muffolini eine Ansprache an die Truppen, in der er sagte: Die Siebe zum Daterlande und die Treue zum König beseelte die Nation. Der Wille, Italien großzumachen und den Faschismus zu verteidigen, fei allgemein. Die Feinde des faschistischen Regie- rungssystems seien entwaffnet und zerstreut. Er mahnte zur ftrengen Disziplin und schloß seine Rede mit der Aufforderung, Italien durch Arbeit und Opfer großzumachen.
Havas meldet aus Nizza, daß die Schwester der Königin von Italien, die Prinzessin Wera von Montenegro, in ihrer Villa am Cap d'Anti» des an den Folgen einer Operation gestorben ist.