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Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblall.

7lc. 236.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,80 Mk.

Donnerstag, 13. Oktober 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JUl auswärts 0,20 Ml. Reklamezeile: lokal 0,60 Ml. auswärts 0,80 Ml. Bei Wiederholungen Rabatt. :-: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr 4051 :»:

54.Zahrg.

primo de Rivera.

Der Beherrscher Spaniens, Primo de Rivera, ist sozusagen ein Diktator mit umgekehrtem Vor­zeichen. Die Diktatoren tragen, wie die Geschichte beweist, gern ein nationalistisches und militaristi­sches Gewand, und es ist eine natürliche Neigung der mit der Toga der Diktatoren bekleideten Staats- Imker, möglichst chr Reich zu „mehren". In unse­rem demokratischen Zeitalter erwecken deshalb Dik­taturen gleich politisches Mißtrauen. Sie gelten als Unruheherde, als Quellen fortwährender Friedens­störungen, man ist ihnen gegenüber in einem unab­lässigen Alarmzustand. Der Typ einer solchen Dik­tatur, die Europa in Atem hält, ist beispielsweise die Mussolinis. Auch die Geschichte des jüngsten Griechenlands bestätigte die Sorgen, die man ge­meinhin den Diktaturen entgegenbringt. Würde die Diktatur Pilsudskis in Polen nicht noch sehr unter innenpolitischen Schwierigkeiten leiden, so würde er wohl nicht weniger ein Sorgenkind der euro­päischen Mächte sein.

In diesem Rahmen nimmt Primo de Rivera eine eigentümliche Sonderstellung ein. Ob­wohl er General ist und sich mit Hilfe von Sol­daten seine allmächtige Stellung in Spanien er­rungen hat, trägt seine Herrschaft doch keinen ausgesprochen militaristischen Charakter. Im Gegen- tell. Gerade in der Armee hat er seine erbittertsten B Bei den vielfachen Verschwörungen gegen gime, deren Bedeutung man übrigens nicht tzen soll, waren neben prinzipiellen An­hängern der Demokratie Offiziere führend beteiligt. Es ist aber auch sehr merkwürdig, daß Primo de Rivera nicht daran denkt, im extensiven Sinne des Wortes Mehrer seines Reiches sein zu wollen. Schon ehe er die Zügel der Regierung an sich riß, hat er sich dahin geäußert, daß chm der Kolonial­krieg in Marokko nicht gefalle, daß die Erhaltung und Betreuung dieser Kolonie Opfer fordere, die in keinem Verhältnis zum politischen und wirtschaft­lichen Gewinn ständen, und daß es chm sehr lieb wäre, wenn er das Spanische Nordafrika gegen das Englische Gibraltar umtauschen könnte. Wenn er sich vor zwei Jahren so heftig um Tanger be­mühte, tat er es weniger um einige Quadratkllo- meter Landes mehr zu erhallen, als vielmehr des­halb, weil über das internationale Tanger die aufftändischen Marokkaner mit Kriegsmaterial ver­sehen wurden. Nun hatte er zwar den marokka­nischen Kolonialkrieg zu Ende führen können, aber die Kapitulation der aufftändischen Volksstämmö hat einen endgültigen Frieden noch keineswegs herbeigesührt. Spanische Soldaten verbluten weiter in den Klemkämpsen dieses nordafrrkanischen Ee- birgslandes. Auch wenn man Primo de Rivera nicht zu den Politikern zählen will, die die Zett für vergangen halten, wo noch erfolgreiche Kolo- nialpolittk in imperialistischer Form getrieben wer­den könnte, wird man zugeben müssen, daß es an triftigen Gründen nicht fehlt, die den spanischen Diktator marokkomüde machen können. So ist denn der Nattonalismus und Milttarismus des spanischen Diktators durch Politik sehr gemäßigt, und wenn es wahr ist, daß insbesondere auch die Diktatoren des Beifalls der Menge nicht entraten können, so wäre es nicht einmal verwunderlich, wenn Primo de Rivera mit einem Unternehmen Schluß machte, das bisher nichts anderes als Not und Elend ein­gebracht hat.

Es brauchte jedenfalls nicht als große Ueber- raschung zu wirken, wenn die englische Zeitung Sunday Times in der vorigen Woche in Form eines angeblichen Interviews die Absicht des spa­nischen Dittators bekannt gab, daß Spanisch- Marokko verkäuflich sei. Dieses Interview ist inzwischen von Madrid her in scharfer Form de­mentiert worden. Seit Palma wlll Primo de Rivera kein Interview mehr gewährt haben. In der Unterredung mit Chamberlain seien keinerlei feste Abmachungen getroffen und von einer Auf­gabe Marokkos und von Gibraltar überhaupt nicht gesprochen worden. Mit Chamberlains Pariser Mit­teilungen gehe er völlig konform. Spanien wünsche ausschließlich die Sicherhett, daß das Gebiet von Tanger nicht den Treffpuntt von Verschwörern und die Angriffsbasis auf daS spanische Protektorat bilde. Diese aber sei durchaus mit der Souveräni­tät des Sultans, mit der Jnternattonalität der Tanger-Zone und mit dem Tanger-Statut ver­einbar. Dieses Dementt hebt bei genauer Prüfung das Interview der Sunday Times in der Sache nicht auf. Trotzdem wird man abwarten müssen, was die Sunday Times selber zu der neuesten Ver­lautbarung PrimoS de Riveras sagen wird. Es ist übrigens bemerkenswert, daß zu gleicher Zett aus Madrid gemeldet wird, daß auf alle Fälle eine Tanger.Konferenz der vier beteiligten Mächte stattfinden wird. Man weiß, daß die Diplo­matie des spanischen Dfttators gern mit Effekten arbeitet und gern eine etwas laute Sprache führt. ED waren denn die zcchlreichen Kommentare zu dem Interview in der Sunday Times bereits zu der Schlußfolgerung gekommen, daß, wenn man alles abziehe, was von den Andeutungen, die dort ge­macht wurden, abgezogen werden müsse, man zu dem Schluß kommen würde, daß höchstwahrscheinlich die Pariser Besprechungen über die Tangerfrage gu. einer neuen Tangerkonferenz größeren Stlles mlsgeweitet werden sollen. Diese Schlußfolgerung aber trifft sich inhaltlich völlig mit der eben ange­führten Meldung aus Madrid. Bei der Eröffnung der neuen spanischen Nationalversammlung am 11. Oftober ist der Zusammenkunft in Palma keiner- Ui Erwähnung getan worden.

* Strafantrag des Zentrumsabgeordneten Blank. Nach Blättermeldungen hat der Zentrumsabgeord­nete Blank wegen eines tm „Montag Morgen" erschienenen Arttkels über „Buchmacherbeaürffti- vung" Strafantrag gegen das Matt gestellt. -

Der Reichstag hat das Wort.

Der Zusammenftitt des Reichstages wird, wie nun fefffteht, am Dienstag, den 18. Oktober 1927, nachmittags 3 Uhr, erfolgen.

Es ist erfreulich, daß es der Reichsregierung gelungen ist, diesen Termin einzuhalten, da eine weitere Verschiebung der Inangriffnahme der Reichstagsberatungen die politische Unruhe, die nun schon seit einiger Zeit Platz gegriffen hat, nur noch vermehrt hätte. Es erscheint auch not- wendig, daß die augenblicklich wieder sehr stark durcheinandergehenden Kundgebungen von Seiten verschiedener Parteivertreter in einen engeren und zwar logischen Zusammenhang mit der Realttät der Dinge gebracht werden.

Der R e i ch s r a t wird in der Donnerstags- Sitzung voraussichtlich das Beamtenbesol- dungs-Gesetz verabschieden, und die Voll­sitzung vom Freitag ist zur Verabschiedung des Reichsschulgesetzes in Aussicht genommen. Der Reichstag wird dann alsbald gerade diese beiden Vorlagen vorfinden, zu denen dann noch das Liquidationsfchädengefetz kommt.

Mit der Inangriffnahme der Beratung dieser gesetzgeberischen Vorlagen werden auch noch eine Reihe anderer Dinge zwischen den Parteien zu be­reinigen sein. Von demokratischer Seite wird die Gelegenheit der Beratung der Besol­dungsreform, wie aber auch der reichsgesetzlichen Regelung der Schulfragen zum Anlaß genommen werden, um die Finanzpolitik der Re­gierung einer nachdrücklichen Kritik zu unter­werfen. In diesem Sinne find Ausführungen, dir der demokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Her­mann Fi scher-Köln dieser Tage machte, zu deuten, der der Auffassung Ausdruck gab, daß ttotz erheblicher Steigerung gewisser Einnahmen der Haushalt letzten Endes mit einem Defizit abschließen würde, und der weiter aussprach, daß die Deckung für die Besoldungsvorlage sehr ng fei, und daß die Ausgaben des Reiches aus Anlaß des R e i ch s f ch u l g e f e tz e s mit min­destens 500 Millionen Mark zu beziffern wären. Diese Darlegungen, die auf der anderen Seite energisch besttitten werden, dürften auch im Reichstag selber ein Echo finden. Die gesamten demnächst bevorstehenden Beratungen im Reichs­tag werden ja auch weniger unter außenpoliti- schem als innenpolitischem Druck stehen und gerade diese Fragen werden erst die eigent­lichen politischen Auseinandersetzungen unter den Parteien, bringen, die man schon als Vorläufer für die kommenden Wahlen,bezeichnen muß.

Die Außenpolitik der Reichsregierung zu besprechen, liegt nicht im Programm der ohnehin nur auf eine kurze Frist bemessenen kommenden Zwischentagung des Reichstags. Nachdem aber inzwischen die Zurückziehung der Besatzungstrup-

pen nicht in dem anfänglich zugesagten Ausmaß erfolgt, nachdem sogar nach neueren Meldungen französische militärische Kreise einem offiziell zu­gesagten Abbau im Ausmaße von 10 000 Mann sich wiedersetzen, dürfte diese Angelegenheit doch auch, wenn sie bis dahin keine entsprechende Re­gelung findet, zum Gegenstand einer Aussprache im Reichstage gemacht werden. Für diesen Fall werden von den Oppositionsparteien bereits Anfragen und Interpellationen an die Reichsregierung beabsichtigt.

Hindenburg als Wahlparole.

Nicht ein ^beliebiger deutschnationaler Agitator, sondern der deutschnationale Reichsjustizminister und Vizekanzler H e r g t hat am sonntäglichen Parteitag der Deutschnationalen West-Sachsens in Oschatz ohne alle Umschweife ausgesprochen, daß die Deutschnationalen bei den kommenden Wahlen sich der Person Hindenburgs als Wahlhelfer bedie­nen wollen. Er sprach von dem „Hindenburg- Gedanken", den die Deutschnationalen als Wahlparole ausgeben wollen, und mit drohend erhobenem Finger sprach er aus, daß sich gegen die­sen „Hindenburg-Gedanken" die Regierungspar­teien nicht wenden könnten und dürften. Die Deutschnationlaen beabsichtigen also offenbar, mit einer solchen Parole jegliche Kritik an ihren Worten und Taten im Lager der Regierungspar­teien von vornherein totzuschlagen.

Es ist geradezu frivol, die Persönlichkeit des Reichspräsidenten, der der Repräsentant nicht ei­ner einzelnen Partei, sondern des ganzen Vol­kes ist, und der sich als solcher durchaus fühlt und betätigt und dafür gerade an seinem achtzigsten Geburtstage schöne Beweise gegeben hat, als Wahlhelfer zu reklamieren. Gegen diesen Versuch der Deutschnationalen, der in der Tat ernsthaft be­trieben wird, müssen wir auf das allerentschie- denste schon jetzt Einspruch erheben.

Die „Germania" sagt zu diesem deutschnatio­nalen Plan folgendes:

„Schon vor dem 2. Oktober hat es nicht an Versu­chen gefehlt, den Geburtstag des Reichspräsidenten aus­zumünzen. Nach den Ausführungen des Reichsmini­sters H e r g t haben die Deutschnationalen vor, den Mißbrauch mit dem Namen des Reichspräsidenten so­weit zu treiben, daß sie ihn zum Gegenstand einer Wahlparole machen wollen. Cs braucht nicht mehr dar­gelegt zu werden, daß diese parteipolitisch» Beschlag­nahme des Hindenburg-Gedankens das Gegenteil des­sen darstellt, was Hindenburg will. Das ganze Wir­ken des Reichspräsidenten steht im Zeichen der Eini­gung und des Zusammenschlusses des deut­schen Volkes. Dieser echte Hindenburg-Gedanke muß zwar von allen Parteien unterstützt werden, aber keine darf ibn für sich reklamieren oder gar zum Gegenstand einer Kampfparole machen."

Und im „Vorwärts" wird unter dem Stichwort: „Deutschnationale Wahlkampfparolen — Sie wol»

französisch-amerikanischer Zollkonflikt.

Paris hatte kürzlich den Besuch der „amerika­nischen Legion". Aber obwohl sich die Presse in übertriebenem Begrüßungsjubel erging, ist der Be­such nicht ohne Betrübnis verlaufen. Einmal haben sich die Legionäre sehr wenig an das offtzielle Festprogramm gehalten, indem sie ihrer Dergnü- gungslust da frönten, wo es ihnen am meisten paßte, und dann aber litt der pofitische Hintergrund der ftanzösisch-amerikanischen Beziehungen wegen der H andelsdif fer enz en unter heftigen Span­nungen. Auf Grund der deutsch-französischen Hcm- delsvertragsverhcmdlungen sind durch allgemeine Erhöhung gewisser Zollsätze für solche Tarifposi­tionen, an denen Deuffchland Interesse hatte, die Länder betroffen worden, die mit Frankreich kei­nen besonderen Handelsvertrag abgeschlossen haben. Dazu gehören die Vereinigten Staaten. Diese Wir­kung hat in Amerika recht viel böses Blut gemacht, und der amerikanische Botschafter in Paris hat sich beeilt, die ftanzösische Regierung zu Handelsver- ttagsverhandlungen aufzufordern, ja, h<tt ihr einen fertigen Vertragsentwurf vor gelegt. Die Vereinig­ten Staaten verlangen darin, daß für die ameri­kanischen Einfuhrwaren die Meistbegünsti­gung gewährt werde. Sie stellen dieses An­finnen, ohne dabei ihrerseits zn Zugeständnissen bereit zu fern. Allerdings ist die amerikanische Re­gierung auch nicht in der Lage, Zugeständnisse zu machen, da die amerikanische Zollpollttk grund­sätzlich eine gleiche Behandlung aller Nattonen Vor­sicht, die in Amerika Waren einführen wollen. Die Forderung der Washingtoner Regierung, daß Frank­reich den Amerikanern ohne wetteves die Meist- begtinftigung zubillige, ist aber in Paris abgelehnt worden. Die ftanzösische Zollpolitik lchnt das un­bedingte Meistbegünstigungsprinzip, wie sich ja auch bei den Verhandlungen mit Deuffchland gezeigt hatte, ab und will für jedes tarifliche Zollzuge- ständnis Gegenvorteile eingeräumt haben. Die Grundsätze der Zollpollttk der Vereinigten Staa­ten und die der ftanzösischen Regierung stehen also in einem harten Gegensatz zueinander, der so leicht nicht ausgegllchen werden, kann.

Die amerikanische Regierung hat in einer Note vom 20. September, die ftanzösische Zollpolitik scharf fritifiert und ihre Auffassung grundsätzlich bargelegt. Frankreich hat am 30. September ge­antwortet und darin dem von Washington vertre­tenen Meistbegünstigungsprinzip folgendes entgegen­gehalten: „Das Prinzip der Gleichmäßigkeit in den .Handelsbeziehungen, das die Regierung der Vereinigten Staaten für bie einzig gesunde Grund­lage internationaler Beziehungen und für den ein­zigen Schutz polftischer und wirtschaftlicher Gefahren hinstellt, hat keineswegs die einstimmige Annahme gefunden, die chm die Regierung der Vereinigten

Staaten zuschreibt. Frankreich konnte bei seinen Verhandlungen fesfftellen, daß die Mehrzahl der europäischen Länder es nicht als einen bandels- politischen Fortschritt, sondern als einen Rückschritt empfinden würde und demgemäß die Behandlung nach dem Meistbegünstigungsprinzip allen Staa- ten einräumen müßte, ohne Rücksicht auf den Pro­tektionismus der einen und dem Liberallsmus der anderen. Denn daraus würde sich ein Vorteil für jene, ein Nachteil für diese und eine Verleugnung der Gerechtigkeit gegenüber dem Staat ergeben, der sich handelspolitische Vorteile durch Zugeständnisse erlauft hat." Für Frankreich find also die Zoll­tarifsätze Verhandlungsobjette. Mit Amerika aber sind Verhandlungen über einzelne Tarifposittonen nicht möglich, da hier die Zollpolitik als eine innerpolitische Angelegenheit betrachtet wird. So bleibt es in der Tat schwierig einzusehen, daß die wechselseitigen Zugeständnisse, die sich die euto- päischen Staaten bei Asten Handelsverträgen machen, ohne weiteres außereuropäischen Ländern zugute- kommen sollen, die sich selbst mft hohen Zollmauern einschlleßen, wenn diese auch jeden ftemden Staat gleichmäßig treffen.

Vor diesem Notenwechsel hatte die Pariser Re­gierung, um ihre Versöhnlichkeit zu zeigen, den Amerikanern das Anerbieten gemacht, sofort die im ftanzösffch-dmtschen Abkommen vorgesehenen Zölle des Eeneraltariss, soweit Waren von beson­derem amerikanischen Ausfuhrinteresse in Frage kämen, um 50 Prozent herabzusetzen. Die Ameri­kaner haben sich aber in ihrer Note vom 20. Sep­tember auf dieses Entgegenkommen nicht eingelassen. Es ist noch nicht abzusehen, wie bei der verschie­denen grundsätzlichen Einstellung der beiden Re­gierungen eine Einigung zustande kommen kann. Obwohl die amerikanische Einfuhr nach Frantteich erhebllch größer ist als die ftanzösische Einfuhr nach den Vereinigten Staa'en, scheint man in Frank­reich doch einem ernsthaften Zollkonflitt aus dem Wege gehen zu wollen. Das wirtschaftliche und finanzielle Ueoergewicht Amerikas über Frantteich ist ja außerordentlich groß und die französische Verschuldung läßt die Pariser Politiker recht vorsichtig fein. Es ist übrigens bemerkenswert, daß die Washingtoner Regierung außerordentlich Wert darauf gelegt hat, daß ihre Note vom 20. Sep­tember sofort veröffentlicht würde. Frantteich hat sich gegen diesen Druck auf die öffentliche Meinung heftig gesttäubt, aber doch nachgeben müssen. Im übrigen hetzt man in amerikanischen Zeitungen zu Repressalien. Der amerikanische Präsident hat zwar, wie gesagt, keine Rechte zu Zollermäßigungen, wohl aber das Recht zu Tarifverschärfun­gen.

len im Zeichen Hindenburgs unterliegen" — fol­gendes ausgefprochen:

„Also jetzt soll Hindenburg dafür herhalten, daß den Deutschnationalcn wegen ihres fortgesetzten Volksbetru- ges im Wahlkampf keine Vorwürfe gemacht werden dür­fen. Im Namen Hindenburgs sollen sich Zentrum und Deutsche Dolkspartei jeder Kritik enthalten und sich skla­visch den Parolen der Hergt, Keudell und Konsorten fü­gen. Man kann mit Recht gespannt sein, wie sich die Koalitionsfreunde der Deutschnationalen zu dieser Zu­mutung verhalten werden.

Sicher ist jedenfalls, daß kein Hindenburg und kein „Hindenburg-Gedanke" die Deutschnationalen davor schützen wird, im Wahlkampf die Wahrheit zu hören. Dafür wird schon die Sozialdemokratie sorgen. Abel die Angst der Deutschnationalen vor den nächsten Wahlen cheint wirklich schon sehr groß zu sein, wenn sie in die- er Weise die Person des Reichspräsidenten als Schutz- child benutzen wollen.

Es wird ihnen alles nichts helfen! Dis nächste Wahl bringt die Abrechnung. Nach dem Hindenburg-Tag di? Hamburger Wahl — das ist die Antwort an die Deutsch nationalen und Schwarz-weiß-roten!"

Der Kanzler in Mainz und Speyer.

Von Koblenz hat sich der Reichskanzler Dr. Marx nach Mainz begeben.

In Erwiderung auf die Wünsche der Vertreter der einzelnen deutschen Jntereisentengruppen, die er in Mainz empfing, hielt ReichskanKer Dr. Marx eine Rede, in der er ausfüh-rte:

Es ist mir eine befonbere Freuds, im Hel­fe nl a n d e zu weilen. Ich bin hier in der drit­ten Besatzungszone, in der alles, was die Be­setzung Drückendes an sich hat, sich oerftärtt aus­wirkt. Die Bevölkerung wünscht eine Erleichte­rung. Sie hat auch Anspruch auf besondere Be­rücksichtigung. Ich werde wohl aber keinen Wider­spruch finden, wenn ich sage, daß im Reichsm nl- fterium für die besetzten Gebiete Hessen für seine besonderen Besatzungsverhältnisse Vefftändnie ge­funden hat. Was für das besetzte hessische Gebiet im ganzen gilt, das gilt auch für die Stadt Mainz im besonderen. Sie weist eine Besatzung auf. die weit über das Maß der deutschen Friedensgarni- son hinausgeht und daher notwendigerweise liber- all drängt und drückt. Daß ich dem besetzten hes­sischen Gebiet in Erkenntnis feiner besonders sch wie- rigen Lage ein besonderes Wohlwollen bei Füh­rung meines Amtes entgegenbringe, brauche ich nicht zu versichern. Ich möchte hier nicht im ein­zelnen sagen, wie wir die Füfforgetätigkeit für das besetzte hessische Gebiet und im besonderen für Mainz fortfetzen wollen. Ich möchte schließen mit der Ueberzeugung, daß, wie bisher so auch in Zu­kunft in der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwi­schen Land und Reich fortgefahren wird, um die schweren Nöte zu lindern, die die Besatzung ge­bracht hat, bis die Sonne wieder scheint über dem Goldenen Mainz.

In Mainz überbrachte ein höherer Offizier des Stabes des Generals G u i l l a u m a t dem Reichskanzler im Hotel die Karte des Generals. Hierauf ließ Reichskanzler Dr. Marx durch einen höheren Beamten des Reichskommissariats für die besetzten Gebiete ebenfalls seine Karte überbringen.

*

rotb. Speyer, 12. Oft. (Eig. Funkm.). Reichs­kanzler Dr. Marx und die Herren seiner Beglei- tung, sowie der Reichskommissar für die besetzten Gebiete, Botschafter Freiherr Langwerth von Sim­mern, Präsident Collatz von der Reichsvermögens, Verwaltung, sind Mittwoch vormittag 10 Uhr im Auto von Mainz kommend hier eingetroffen.

Die polnische Stabilisierungsanke he.

wtb. Warschau, 12. Ott. (Eig. Funkm.) Finanz- minifter Czehowicz hat den hier weilenden Ver- tretern der amerikanischen Finanz gruppen ein in einem außerordentlichen Ministerrat ausgesetztes Schreiben überreichen lassen, in dem als Ergeb- nis der mündlich erfolgten Einigung zwischen der polnischen Regierung und den Vertretern der ame­rikanischen Geldgebergruppen u. a. festgestellt wird: Der Emissionskurs der polnischen Sta- bilksierungsanleihe wftd 92 betragen. Der Rück- kaufskurs beträgt 103. Die Amortisierung wird in der Weise vollzogen werden, daß in den erften vier Jahren 4 Prozent der zu amoftisierenden Summe zu zahlen sind. In jedem weiteren Jahr- viert erhöht sich dieser Satz um ein halbes Prozent. Ueberdies ist Polen das Recht Vorbehalten, nach zehn Jahren dre Anleihe vorzeitig zum Kurse 103 zurückzukaufen. In dem Briefe heißt es weiter: Die polnische Regierung wird sofoft nach dem Ein- treffen der amerikanischen Antwort die Bestim­mungen über den Kauf der Obligationen unter­zeichnen und alsbald ein Dekret des Staatspräsi­denten über den Stabilffierungsplan veröffentlichen, durch das der Finanzminister ermächtigt wird, den Anleihevertrag abzuschfießen. Gleichzeitig mit der Unterzeichnung des Anleiheverttages wird ein De- ttet des Staatspräsidenten über die Stabilisierung des Zloty erlassen werden. Nach Aeußerungen des Vizeministerpräsidenten Dr. Battel beträgt die no­minale Höhe der Anleihe 62 Millionen Dollar und 2 Millionen Pfund Sterling, zusammen also unge- fähr 72 Millionen Dollar. Die Antwort der Amerikaner erwartet man für heute und die Unter­zeichnung des Anleiheverttages für morgen.

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wtb. Warschau, 12. Ott. (Eig. Funkm.) Die Lemberger Zweigstelle der nationalistischen Organi­sation „Lager des großen Polens" ist gestern von den polnischen Behörden wegen staatsfeindlicher Tätigkeit geschlossen worden.

* Eine albanische INilitärkommission in Rom. Nach einer Meldung aus Tirana hat der Prä­sident der Republik ein Dekret unterzeichnet, das die Errichtung einer Militärkommission in Rom verfügt.