Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt

Dir. 224

Donnerstag, 29. September 1927

Unsere Stellungnahme zur Finanzresorm

rufen worden, um Herrn Dr. Wirth Gelegenheit zu geben, seine Bedenken gegen das Reichsschulgesetz im Kreise seiner engeren Landsleute zu besprechen. Wenn es Herrn Dr. Wirth wirklich nur aus eine sachliche Klärung und auf die beste Lösung der Schulfrage ankommt, dann hätte er mit Freuden diese Gelegenheit zum Meinungs­austausch ergreifen mässen. Statt dessen bleibt er der Tagung fern, schickt ein Memorandum und zwingt so die badische Partei, in einen Notenaustausch mit ihm einzutreten. Dieses Verhalten des Herrn Dr. Wirth ver­steht niemand mehr. Wirth geht immer mehr seine eige­nen Wege, ohne sich im geringsten um die Gesamtpartei und um das badische Zentrum, das sich doch so viele Mähe zu einem Ausgleich gibt, zu kümmern. Herr Dr. Wirth ist sich offenbar nicht klar darüber, daß ihm auf diesem Wege keiner folgen wird . . .

Herr Dr. Wirth isoliert sich selbst immer mehr, denn es ist ganz ausgeschlossen, daß die Parteiinstanzen und die Wähler ihm folgen können, wenn er auf einem Ge­biete die Geister zu verwirren sucht, auf dem es bei dem vom Zentrum vertretenen katholischen Volksteil nur eine einheitliche Auffassung gibt."

Die Auffassung innerhalb der Zentrumspresse deckt sich fast durchweg mit dieser Kritik, die gerade in denjenigen Kreisen schmerzlich empfunden wird, die auch in den schwersten Zeiten Dr. Wirth zur Seite gestanden haben.

Ganz außerordentlich bemerkenswert ist aber, was die' politischen Gegner über Wirths Verhalten gegenüber dem badischen Zentrum sagen. Das „Verl. Tageblatt" hat schon damals, als die Absicht Dr. Wirths, dem badischen Partei­tag fernzubleiben, bekannt wurde, auf das drin­gendste Dr. Wirth vor einer solchen Entschließung gewarnt und ausgesprochen, daß man seine Hal­tung nicht verstehe. Die oben erwähnten Aeuße- rungen der „Germania" begleitet nun das „Perl. Tageblatt" mit folgenden Zusätzen:

„Aus dieser Stellungnahme geht ebenfalls hervor, daß Dr. Wirth seiner Sache und seiner Stellung innerhalb der Partei zweifellos nicht gedient hat, als er sich auf die Nebermittlung eines schriftlichen Exposees beschränkte. Bereits als feine Absicht, der Tagung des badischen Zen­trums fernzubleiben, bekannt wurde, ist hier gesagt wor­den, daß eine persönliche Aussprache jederzeit einer Aus­einandersetzung auf schriftlichem Wege vorzuziehen sei.

Das galt selbst dann, falls Dr. Wirth auf Grund des Verlaufes des Dortmunder Katholikentages zu der Be­fürchtung gekommen fein sollte, daß im Augenblick in der Frage des Reichsschulgesetzes auch die besten Argumente auf das Zentrum wirkungslos bleiben würden."

In der sonstigen linksdemokratischen Presse ver­hehlt man gleichfalls nicht eine vorherrschende starke Enttäuschung und zwar ergibt sich aus den diesbezüglichen Aeußerungen, was alles von die­ser Seite von Dr. Wirth erwartet wird, bezie­hungsweise erwartet worden ist. Schon vor eini­ger Zeit hat die „Welt am Montag" (Nr. 37) auf Wirth einzureden versucht, daß er in der Schul­gesetzfrage es nicht zu einem Bruch mit dem Zen­trum kommen lasse. H. v. Gerlach sagte damals:

„Wirth steht vor einer unendlich schweren Entschei­dung. Will er Führer des besten Teils des katholischen Volkes bleiben oder — will er sich einen anderen Füh­rerposten suchen?

Linksradikale Naturburschen werden ihm sicherlich ein „Immer feste druff!" zurufen.

Besonnene Republikaner werden, im Interesse der Re­publik, den leidenschaftlichen Wunsch hegen, daß er das Band mit dem Zentrum erhalte. Selbst unter Opfern. Seine Charakterstärke bliebe auch dann unanfechtbar. Sie ist erprobt genug.

Seid klug wie die Schlangen!"

In demselben Sinne äußert sich nun auch die linksdemokratische Zeitung „Der Montagmorgen" (Nr. 39). Es heißt da:

„Warum also die Resignation, dieses plötzliche Sin­kenlassen der eigenen Fahne? Wie oft hat Wirth, dem die unter Deutschen seltene Gabe der Rede in di« Wiege gelegt wurde, im Kreise von Widerstrebenden, ja feind­lich Gesinnten mitzureißen gewußt. Sollte ihm im eigenen christlichen Lager unmöglich scheinen, was ihm unter atheistischen Sozialdemokraten so oft gelungen? Hat er den heimatlichen Dialekt verlernt? Um eine bloße Stimmung, ein Sich-gehenlassen kann es sich in so ernster Sage nicht handeln. Ein Politiker, der sich selbst im Stiche läßt, irritiert dadurch seine treuesten Anhänger.

Indem Wirth die Türe hinter seiner eigenen Partei zuwirft .verhindert er beinahe schon, daß sich ihm andere Türen öffnen. Der kämpfende Republikaner Wirth wird überall willkommen sein, der kampfesmüde Wirth wird

Mtrglied des Landtags.

keinen Umständen ihre Hand dazu bieten, daß durch die vorgelegten Rahmengesetze aus dem Gs- samtkomplex des zukünftigen Finanzausgleiches Bruchstücke vorweggenommen werden. Da sich tue endgültige Regelung der Finanzen des Reiches und der Länder zu einander, in Verbindung mit den Reparations- u Kriegshinterbliebenenversorgungs- Problemen, heute noch nicht übersehen läßt, dürfen unter keinen Umständen Teilkomplexe dieser Rege­lung vorweggenommen werden, deren Vorweg, nähme die Länder schwer zu bereuen haben wür­den.

Diese Besorgnisse nahmen einen breiten Raum ein, auch bei den Diskussionsrednern derjenigen Parteien, die den Zentralismus um jeden Preis auf ihre Fahnen geschrieben haben. Preußen hat jedenfalls schon jetzt erklärt, daß es von § 447 Gebrauch machen wird, wonach es den Ländern möglich ist, die Gebäude-Entschuldungssteuer bis auf weiteres hinsichtlich ihrer Festsetzung und Zer­legung dem Reichsfinanzminister noch vorzuenthal­ten. Wenn die Bedenken gegen die Uebertragung der Gebäude- Entschuldungssteuer auf das Reich schon zu dieser Maßnahme geführt haben, so wird sich meiner Meinung nach auch bei den übrigen Steuerarten Herausstellen, daß ihre Uebertragung auf das Reich für die Länder in Zukunft nicht von Nutzen fein wird.

Zu welchem Beschluß der Hauptausschuß auch kommen möge, eines steht jetzt schon fest, alle Be­teiligten, einschließlich der preußischen Regierung, stehen der Sache mit außerordentlicher Vorsicht, und das mit vollem Recht, gegenüber. Verein­fachung und Vereinheitlichung der Besteuerungs­sätze sind auf anderem Wege zu erreichen, als durch Verzicht der Länder und Gemeinden auf die selb- ständige Verwaltung ihrer Steuerque.en zu Gun­sten des Reiches.

Die bevorstehende Regelung berührt die ver­fassungsmäßigen Bestimmungen über die Steuer­quellen der Länder und des Reiches in ihrem Ver­hältnis zueinander derart, daß die preußische Re­gierung auf dem Standpunkt steht, daß sie ver­fassungsändernden Charakter haben und daher zur Verabschiedung einer qualifizierten Mehrheit be­dürfen.

*

Folgende Kleine Anfrage der Herren Abgeord­neten Schmedding, Rhie'l, Dr. Graß, Kölges wurde dieser Tage im Landtag eingebracht:

Zu 8 9 Abs. 2 der Hauszinssteuerverordnung vom 2. Juli 1926, wonach die Steuer zu stunden oder niederzuschlagen ist „bei gewerblich genutzten Gebäuden, deren Räume durch Betriebseinschrön- kungen, ungünstigen Geschäftsgang oder infolge schlechter Saison gegenüber der Vorkriegszeit er­heblich geringer ausgenutzt werden", hat der Herr Finanzminister angeordnet, daß diese Steuerver­günstigung nur Platz greifen soll, wenn das Be­triebsvermögen sich im letzten Jahre nicht mit 5 Prozent verzinst hat. Diese Beschränkung ent­spricht nicht mehr dem z. Z. üblichen Zinsfüße, sodaß Betriebe, die mit fremdem Kapftal arbeiten, hierfür mehr als 5 Prozent aufbringen müssen und bei einem Geschäftsertrage von nur 5 Pro­zent die weiter schuldigen Zinsen nicht mehr vom Geschästsgewinn zahlen können, vielmehr aus der Substanz zu nehmen gezwungen sind.

Ist die Staatsregierunq bereit, im Hinblick auf diese Umstände die Anordnung des Finanzmini­ster den heutigen Verhältnissen entsprechend dahtn zu ändern, daß die Steuewergünstigung nur dann gewährt werden kann, wenn das Betriebsver­mögen sich nicht mit 8 Prozent verzinst hat?,

* Unterzeichnung des Konkordats zwischen dem Heil. Stuhl und Litauen. In Rom wurde im Vatikan das Konkordat zwischen dem Heil. Stuhl und Litauen unterzeichnet.

nicht auf politisches, nur auf menschliches Verständnis rechnen können. Man wird es, würde es mit Teil­nahme hinnehmen, wenn Wirth sich als Politisch-Le­bensmüder offenbarte, hinnehmen und bedauern; denn eigentlich ist Wirth für den dauernden politischen Ruhe­stand noch zu jung und zu lebendig."

Endlich geben wir eine Zuschrift wieder, die von unterrichteter Seite dem Sozialdemokratischen Pressedienst zu derselben Angelegenheit übermittelt worden ist. Sie lautet:

„Am Sonntag trat in Freiburg bas Komitee der Badischen Zentrumspartei zusammen. Der Zweck der Veranstaltung war, dem Reichskanzler a. D. Dr. Wirth nicht nur Gelegenheit zu geben, seine Stellungnahme zum Reichsschulgesetz zu verteidigen, sondern gleich­zeitig auch die Meinung seiner badischen Landsleute und Wähler zu hören. Man wählte als Tagungsort ausdrücklich die Heimatstadt Wirths, um ihm unnötige Strapazen zu ersparen und um gleichzeitig nach außen zum Ausdruck zu bringen, daß es sich nicht um em Parteigericht, sondern um eine freundschaftliche Aus­sprache handeln sollte. .

Wirth hat wiederum darauf verzichtet, dem Ruf sei- ner engeren Freunde Folge zu leisten und hat sich damit selbst den schlechtesten Dienst erwiesen. Er hat wieder einmal wie so oft enttäuscht. Das muß gesagt werden im Interesse Wirths und im Interesse der von ihm nach außen vertretenen Sache. Er selbst wünscht und propagiert es öffentlich immer wieder, daß in dem nächsten Reichstag mindestens 15 Republikaner mehr sitzen muffen, um so wenigstens eine Basis für die Wei­marer Koalition zu schassen. Das ist schön und gut, aber das erreicht man weniger durch Reden als durch energische Kleinarbeit, und dazu bedarf es zunächst wie­derum des Vertrauens der eigenen Anhängerschaft. Die Taktik von Wirth läuft aber in ihrer Wirkung auf das Gegenteil hinaus und widerspricht seinen eigenen Zie­len. ,

Von diesen Gedankengängen war auch ine Freibur­ger Tagung des badischen Zentrums beherrscht, lieber ihren internen Verlauf wird dem Reichskanzler a^ D. Dr. Wirth im einzelnen Kenntnis gegeben werden.

Wir können nur auf das dringendste wün­schen, daß Dr. Wirth seine Stellungnahme revi­diert. Er darf sicher sein, daß er die wärmste Un­terstützung vom gesamten Zentrum erfahren wird, wenn'er seine reichen Kräfte und Fähigkeiten der Bartei in offener Vertretung und Begründung seines Standpunktes zur Verfügung stellt. Dazu ist aber unerläßlich, daß er in den offiziellen In­stanzen, in der Fraktion wie in den berufenen Barteiorganisationen, sich auch zur Verfügung stellt. Noch immer, wenn Dr. Wirth beispielsweise in der Reichstagsfraktion für seine Sache persön­lich warb, hatte er den Erfolg auf seiner Seite. Wenn er sich einer gemeinschaftlichen und freund- schaftlichen Aussprache allerdings entzieht, ist es ja auch feinen Freunden und Anhängern nicht mehr möglich, ihm beizustehen.

wirkhs Rückkehr.

Wie das „Berl. Tageblatt" meldet, fährt Dr. Wirth am Mittwoch von Lugano, wo er zur Erholung weilt, nach Deutschland zurück. Er hat für Donnerstag an einen Kreis von Freunden im Zentrumslager Einladungen zu einer Besprechung nach Heidelberg ergehen lassen, an der, wie verlautet, auch die Zentrumsabgeordneten Joos und Dr. Dessauer teilnehmen werden.

Der llbschlutz in Senf.

Der Präsident der Völkerbundstagung, G u a n i, fjat in feiner Schlußrede versucht, das Ergebnis ber Tagung möglichst positiv in die Erscheinung treten zu lassen. Das-Echo der Tagung in der Welt ift mehr negativ. Das kommt vor allem in der fran­zösischen Presse zum Ausdruck. Leon Blum sagt im „Populair": Ohne Zweifel hat man zu viel von Genf erwartet. Der Vorschlag Paul Boneourszur Sicherst eitsfrage ist einstimmig angenommen wor­ben, aber mit Zusätzen von Aenderungen, die so­wohl feine praktische Tragweite als auch sein: ideale Bedeutung vermindern. Der Völkerbund ist eben noch nicht in der Lage, alle Hoffnungen zu er­füllen. Die radikale „Volonte" vertritt die Ansicht: Die Versammlung hat neue politische und wirt­schaftliche Organismen geschaffen ,um die verschie­denen Fragen des allgemeinen Friedensproblems nachdrücklicher zu behandeln, der Völkerbund hat mit einem Wori alle Aktionsinstrumente geschmie­det, jetzt wird man an die Aktion selbst Heran­gehen müssen. „Paris matinal" schreibt: Die einzige wichtige nnd wirksame Tat während der Völker­bundstagung war diejenige Dr. Stresemanns. Er hat im Namen,Deutschlands der Fakultativ­klausel der obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit zugestimmt. Das ist die öffentliche Bilanz.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nc. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.

* Auflösung der lateinischen wünzunion. Die lateinische Münzunion, die seit 1885 zwilchen Frankreich, Belgien, Griechenland, Italien und der Schweig bestand, ist bekanntlich aufgelöst. Die Kassierer der öffenlichen Zahlstellen sind demnach m Frankreich angewiesen worden, keine belgischen Silbermünzen nach dem 30. Sept. d. Js. in Zah­lung anzunehmen. Dieselbe Verfügung wird be­züglich der griechischen und italienischen Silber­münzen getroffen werden. Die Schweizer Fünf- Frankenstücke behalten nach wie vor ihren Zah­lungswert in Frankreich.

Vor Dr. Fritz Graß,

Der Entwurf des Gesetzes über die Vereinheit­lichung des Steuerrechts steht demnächst zur Bera­tung im Reichstag. Bevor die Stellung Preußens zu diesem Gesetzentwurf festgelegt werden sollte, hatte der Hauptausschuß, der für die Finanzgeba­rung des preußischen Staates verantwortlich ist, die Erwartung geäußert, gutachtlich gehört zu wer­den. Diesem Wunsche ift dadurch entsprochen, daß sich der Hauptausschuß in den letzten Tagen mit dieser Frage befaßte. Er beschäftigte sich mit dem Grundsteuer-Rahmengesetz. Gebäudeentschuldungs- Steucrgesetz, sowie mit dem Steuer-Anpassungs­gesetz. Es ist naturgemäß nicht Sache des preu­ßischen Parlaments, sich mit den Einzelheiten der Gesetzentwürfe zu beschäftigen, vielmehr ist es Sache des Reichstages nach der materiellen Seite hin, die Gesetze so zu bearbeiten, daß sie den Wün­schen der Betroffenen nach Möglichkeit Rechnung tragen.

Für Preußen ist die Angelegenheit eine emi­nent politische, d. h. staatspolitische Frage. Dieses Moment zog denn auch wie ein roter Faden durch die Diskufsion im Hauptausschuß. Bedeutet doch die bevorstehende Reichsrahmen-Gesetzgebung ihrem Inhalt nach keinen bloßen Rahmen für die Landesgesetze. Das Reich greift vielmehr durch die Bestimmungen reichsgesetsticher Natur in die Rechte der Landeshoheit ein. Der jetzt vorliegende zweite Entwurf bedeutet gegenüber dem ersten eine wesentliche Milderung. Diese Milderung ist das Ergebnis der Beratung der Reichsfinanzver­waltung mit den Vertretern der Länder.

Speziell von Süddeutschland aus machten sich die größten Bedenken gegen den Entwurf geltend. Er stellt auch in seiner heutigen Form nichts an­deres dar, als einen weiteren Schritt zur vollkom­menen Zentralisation nach der Richtung der Reichs­zentrale hin . Die Meinung, ob auf steuerlichem Gebiete eine zu scharfe Zentralisation das richtige ist, war außerordentlich geteilt. Die Verhältnisse auf dem Gebiet der Gewerbebesteuerung z. B. las­sen sich von einer Zentralstelle bei der Vielgestal­tigkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse nicht über­sehen. Hier wird die Bewegungsfreiheit der Län­der und Gemeinden derart eingeschränkt, daß ich Gefahr für die wirtschaftlichen Verhältnisse darin sehe. Die ursprüngliche Einengung der Länder und Gemeinden bat ja in dem jetzigen Entwurf gegenüber dem ersten eine Lockerung erfahren, je­doch ist auch der jetzige Zustand noch nicht dazu angetan, die Wirtschastsbedenken zu zerstreuen Ging doch das Reich sogar soweit, für sich die Entscheidung in Anspruch zu nehmen, über Er­mäßigung, Erlaß, Stundung und Niederschlagung der Landes- und Gemeindesteuern. Nach dem ersten Entwurf blieben zur freien Verfügung der Länder nur die Stempelsteuer und bei den Gemeinden die HundesÜeuer. alles übrige war in einen Zwangsrahmen hineingezwängt. Man mag noch so sehr Vereinheitlichung und Entwirrung begrü­ßen, sie darf aber nicht erreicht werden unter Preisgabe der vollen Selbständigkeit der Länder und Gemeinden. Ersparnisrücksichten, die im Ent­wurf eine große Rolle spielen, können in der Praxis doch nicht zur Auswirkung gelangen; was an der einen Ecke gespart wird, wird durch die er­forderliche Aufschwemmung der Finanzämter un­weigerlich wieder wettgemacht.

Es ist durchaus noch nicht der Gedanke Allge­meingut der Bevölkerung, daß wir mit Naturnot- wendigkeit zu einer Zentralisierung des gesamten staatlichen Lebens Deutschlands kommen werden. Diejenigen, die der Meinung sind, das staatliche Eigenleben müsse erhalten bleiben, dürfen unter

Dr. Wirth.

In der am letzten Sonntag in Freiburg abge- yaltenen Sitzung des Zentralkomitees der Badi­schen Zentrumspartei sollte auch Dr. Wirth Ge­legenheit gegeben werden, seine Auffassung zur gesamtpolitischen Situation, wie insbefondere zum Reichsschulgesetzentwurf vor seinen badifchen Par­teifreunden und Landsleuten zu vertreten. Dr. Wirth ist nicht zu der Sitzung erschienen und aus »en Berichten über die Tagung ergibt sich, daß "tefe Tatsache starkes Befremden hervorgerufen hat. Man mußte diese Abwesenheit Dr. Wirths umso mehr peinlich empfinden, als die Anberau­mung der Sitzung auf Veranlassung des nicht nur uu Lande Baden, sondern in ganz Deutschland hochverehrten badischen Parteichefs Prälat Dr. Schofer erfolgte, der den Wunsch hatte, mit Dr. Wirth eine, man möchte schon sagen freundschaft- uche Auseinandersetzung herbeizuführen, um an­derweitige Erörterungen in anderen Kollegien, bei benen Dr. Wirth nicht über diejenigen persönlichen Verbindungen verfügt, wie das in seiner Heimat öer Fall ist, dadurch unnötig zu machen.

Daß Dr. Wirth nun der Tagung fernblieb und A^lich ein schriftliches Memorandum über seine ..""Juahme einreichte, also darauf verzichtete, persönlich für seine Auffassung zu werben, hat lerne Position nun auch im Lande Baden schwie- Fl9 gemacht und zwar insbesondere deshalb, weil seinen persönlichen Freunden damit die Möglich­keit genommen war, für ihn sich unmittelbar ein- Nutzen. Die Unzufriedenheit, um nicht zu sagen Bestürzung, über diese Einstellung Dr. Wirths ist

Zentrum allgemein. So schreibt die „Ger­mania" unter anderem:

„Sas starke Befremden, das das Fernbleiben Dr.

-5.ÖDn bie!er Tagung hervorgerufen hat, beschränkt nicht auf die badischen Parteifreunde. Soviel wir Wlllen, ist die Sitzung besonders zu dem Zwecke einbe­

Die Wahrheit über den ZaU Zagorski

Don Kattowitz und Krakau aus ist ganz Po- I e n mit einer anonymen Flugschrift überschwemmt worden, die den Tstel trägt: „Die Wahrheit über den Fall Zagorski" und nach der der General nach feiner Enthaftung in Wilna in einem in der Nähe von Warschau gelegenen Fort von einigen Offizieren ermordet und seine Leiche in die Weichsel geworfen worden sei. Die Regie- rungsprejfe stellt fest, daß es sich hierbei um eine abscheuliche Verleumdung handelt. Von der oppositionellen Presie wird jedoch verlangt, daß die Behörden ihr Schweigen brechen, um sich mit den Vorwürfen der Flugschrift auseinander* zusetzen. _____

Frankreich und Argentinien.

wtb. Buenos Aires, 28. Sept. (Eig. Funkm.) Reuter: Frankreich hat Argentinien eine An­leihe von 50 Millionen Pesos angeboten, die zum Ankauf von Kriegsschiffenin Frank­reich dienen soll. Die Bedingungen sind im we­sentlichen dieselben, wie bei der zwischen Argen­tinien und Spanien zustande gekommenen An­leihe, auf Grund deren Argentinien in Spanien zwei Zerstörer und andere Schiffe erworben hat. Wenn das argentinische Marineprogramm zu­stande kommt, würde Frankreich verschiedene Kreuzer und Zerstörer für Argentinien bauen.

Der amerikanisch-französische Zollkrieg.

wtb. Washington, 28. Sept. (Eig. Funkm.) „Associated Preß" zufolge bereitet sich die Regie­rung auf einen ernsten Zollkrieg gegen Frankreich vor. Die amerikanische Zolltarifs-Kommission habe im Weißen Hause heute ein Memorandum vorgelegt, das Untersuchungen darüber enthalte, ob die Erhebung eines 50prozentigen Zu­schlagszolles auf Parfüms und Tex­tilien französischer Herkunft die amerikanische Ge­schäftslage ungünstig beeinflußen würde. Das Staatsdepartement erhielt von der französischen Regierung das Einverständnis, daß die französische und die amerikanische Note am Donnerstag ver­öffentlicht werde, um so den Standpunkt der ame­rikanischen amtlichen Kreise der Oeffentlichkeit klar zu legen.

Der frühere brasilianische Slaaispräsideni Dernardez, der z. Zt. eine Europareise unter­nimmt, ist, aus Hamburg kommend, in Berlin etngetrof en Zu seiner Begrüßung waren meh­rere Vertreter des Auswärtigen Amtes am Bahn­hof. anwesend. - Der Präsident der Republik Li­beria, Krng, ist nach Holland abgereift, um sich fach einem Besuch bei der Königin der Nieder- lande im Haag über London in seine Heimat zu- ruckzubegeben. 0

In seiner letzten Geheimsitzung hat der Rat die Berichtsmaterien auf seine Mitglieder neu ver­teilt, wobei Deutschland wiederum die Be­richterstattung über die Wirtschaftsfragen zugewiesen erhielt, während die Berichterstattung über das Saargebiet beim italienischen Ratsmit­glied und über Danzig beim chilenischen Ratsmit- glied liegt. Den drei neuen Ratsmitgliedern Firm­land, Cuba und Kanada wurde die Berichterstat­tung über Finanzfragen bezw. Pressefragen und Kinderschutz übertragen. Außerdem beschloß oer Rat, Belgien, die Tschechoslowakei und Griechen­land zur Entsendung je eines befonoeren Kenners der Entwicklung der Sicherheitsfrage in den für diese Fragen zu bildenden Sonderausschuß aufzu­fordern.

(Eine Zroh-votschaft.

Jst's wahr?

wrd. Paris, 28. Sept. (Eig. Funkm.) „Echo de Paris" will wissen, daß Poincare seinen Mi­nisterkollegen das Versprechen abgenom- m e n hat, vor dem Wiederzusammentritt des Par­laments, also dem 18. Oktober, keineleden mehr zu halten. .

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JUt, auswärts 0,20 JUt. Reklamezeile: lokal 0,60 JUl, Iflhtfl auswärts 0,80 JU. Bei Wiederholungen Rabatt.

Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051.

* binrelnunimr 10 M. (mit Wstr. Mme 15 Psg.)

uldaerZertun