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Dienstag, 27. September 1927

Nr. 222

Vor dem Abschluß in Genf

neue

Söett.

bei dem fraglichen Korre-

KLvitqlSeinlage» bsstreikj.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. :-: Monatlicher Bezugspreis 1,50 MH.

am Arm verletzt h Straßburger Äorri gibt sich, daß eS

Putschgefahr in Griechenland.

wtb. Varis, 26. Sept. (Eig. Funkm.) Wie fia- vas aus Athen berichtet, ist eine Anzahl von Un­teroffizieren der Garnison Saloniki ge­stern unter der Beschuldigung verhaftet worden, an einer Aufstandsbewegung teilgenommen zu haben, die gleichzeitig gestern in Saloniki und Athen aus- brechen sollte. Mehrere Post- und Telegraphen- beamte, die wegen ihrer pangalistischen Stellung­nahme wohl bekannt seien, habe man gleichfalls verhaftet. Vorsichtshalber seien die Garnisonen von Athen und Saloniki in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die „Chicago - Tribüne* berichtet aus

Die französischen Zeitungen besprechen die Er­klärungen Stresemanns im „Motin". Der „T e m p s" schreibt: Wir sehen sehr wohl, wohin man uns führen möchte. Das jüngst versuchte Ma- nooer, die Frage des Franktireurkrieges in Belgien wieder aufzurollen, zielte auf nichts anderes ab als darauf, eine große internationale De batte herbeizuführen und die allgemeine Re­vision der erledigten Streitfrage der Verantwortlich­keit Deutschlands am Weltkriege in die Wege zu leiten. Unter Hinweis auf den Art. 231 des Ver­sailler Vertrages, den das Blatt als grundlegend für den Friedensvertrag bezeichnet, wird von dem Zugestärchnis Deutschlands gesprochen, obwohl dem „Temps sehr wohl bekannt ist, unter welchen Um­ständen dies Zugeständnis erfolgt ist. Es kann, so fährt das Matt fort, keine Enquete über die Kriegsverantwortlichkeit Deutschlands eingeleitet werden. Denn wenn wir eine solche annehmen würden, so wäre das gleichbedeutend mit einer Revision des Dersailer Vertrages mit allen ihren Folgen, die sie nach sich ziehen würde.

neuen Fahrplan ist für die Fahrzeiten erstmalig allgemein die 24Äundenzeit angewendet worden, die nunmehr für alle Eisenbahnverwal- tungen des europäischen Festlandes gilt. Folgenschwere Unfälle sind im Derichtsvier- teljahr erfreulicherweise nicht zu verzeichnen.

berstürzung der Abrüstungsarbeiten. Die po­litischen Schwierigkeiten, die gegenüber den tech­nischen heute das Uebergewicht hätten, müßten da­durch behoben werden, daß gewisse poliftsche Be­stimmungen geschaffen werden, die die.Einberufung der Abrüstungskonferenz ermöglichten. Die Si­cherheitsforderungen sollten nicht übertrieben wer­den, aber es müsie eine Kollektivsicher« heit geschaffen werden, die einen Ersatz für die eigenen Rüstungen bieten könne. Das Genfer Pro­tokoll, von dem allerdings heute nicht di« Rede sei, stelle das Symbol dieser Gedankengänge dar. Diese Kollekftvsicherheit soll nach Auffassung Paul- Boncours zunächst durch ein verallgemeinertes und garantiertes Schiedssnstem vermittels weiterer Vertrage nach dem Muster des Locarno-Vaktes gewährleistet werden. Den Erfolg der Abrüstungs­konferenz glaubt Paul-Boucour gewährleistet, so­bald die Mlkerbundsstaaten bereit seien, ihre ganze Kraft «inrusetzen, wenn der Rat in einem be­stimmten Falle den Bruch der Paktverpslichtungen erklärt.

Nach Paul-Doncour ergrfffen noch vier Red­ner, nämlich ein Vertreter Australiens, Chiles, Finnlands und Rumäniens das Wort.

Die letzten Sitzimgstage.

wtb. London, 26. Sept. (Eig. Funkm.) Der Genfer Korrespondent der „Times" sagt, die zu End« gehende Völkerbundsversammlung sei am Samstag durch mehrere gute Reden wieder belebt worden, von denen die Dr. Stresemanns bi« wichtigste war. Ihrem Inhalt nach sei diese Rede seinen früheren Reden in der Völkerbunds« Versammlung Überlegen gewesen. Sie hab« weniger schöne Phrasen enthalten, dafür aber in klarer und maßvoller Sprache die Haltung DeuffchlandS gegen­über dem Völkerbund und der Abrüstungsfrage dar» gelegt. „Westminster Gazette" bezeichnet eS in einem Leitartikel als erfreulich, daß gegen Ende der Döl- kerbundsversammbing die großen und kleinen Ra­tionen den Wunsch zum Ausdmck brächten, in der Abrüstungsftaqe gut miteinander und mit der Welt zu stehen. „Daily Telegraph" sagt, die zu Ende gehende Völkerbundsversammlung habe ein dop­pelte- Ergebnis von größter Bedeutung ge­zeitigt, nämlich 1. die Tatsache, daß dem brikffchen Reich« der ihm zukommende größere Anteil an der Vertretung im VölketbundSrat gewährt worden ist, was zu einem gesteigerten Derttauen der Domi­nions bei ihrer Beteiligung an den Völkerbunds- angeleaenheiten führen wird, 2. habe der entschie- bene Widerstand Chamberlains gegen eine Wieder- belebung deS Genfer Protokolls dazu geführt, daß die Verhandlungen über die Organisation des Frie- dens eine verheißungsvoller« Richtungern- geschlagen hätten.

Annahme der Empfehlungen des Rates.

wtb. Senf, 26. Sept. <Eig. Funkm.) Die 9381- kerbundSversammlung hat heute vormittag nach ®« schluß der Aussprache über Schiedsgerichtssicherheft und Abrüstung, an der noch fünf Redner, darunter der italienische General de Marinis, bet japanische Botschafter in Bersin Ragaoka und Nan­sen zu Worte kamen, die Entschließungen des Abrüstungsausschusses einstimmig angenommen.

spondenten um bett Vertreter dieses Blattes hcmdeft, den bett Vorgang ähnlich schildert. Der „Echo be Paris" stellt in einer Straßburger Meldung zu der Angelegenheit fest, daß bi« Polizei nicht habe ein- greifen können, da bt« Versammlung eine Pri- »Ltversammlung gewesen sei.

* Dem Reichstage ist der übliche Bericht Wer die Detriebsverhältnisse der Deut- schen Reichsbahn für die Zeit vom 1. April bis 30. Juni dieses Jahres zugegangen. Cs wird darin unter anderem ausgeführt, daß der Per­sonenverkehr unter der Ungunst des Wet­ters litt. In dem am 15. Mai ausgegebenen

klärt und ein provisorisches Komitee in seinen Befugnissen betätigt. Eine gegen Frankreich gerich­tete ßharfe Flugschrift sei im Verlaufe der Ver­sammlung verteilt worden. Die Journalisten seien von der Versammlung ausgeschlossen gewesen, was zu einem Zwischenfall geführt habe. Dem Vertteter einer Partser Zeitung set eS gelungen, in den DersammlungSsaal zu kommen. Als er auf eine Frage in französischer Sprache antwottete, habe man ihn aufgefordert, den Saal zu verlassen. Als er erklärte, er spreche nur die Sprache semes Lan­des, hätten ihn die Versammlungsteilnehmer hin- auSaeworfen und übel zugerichtet. Er sei

Arm verletzt worden. AuS einer Meldung beS aßburger Korrespondenten des Journals" er-

— WMummr 10 M. (mit FM. Vellage 15 Psg.)

FuldaerZeitung

Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches kreisblatt.

Athen, daß die pangalistischen Berber sich durch die demokvattschen Maßnahmen der Regierung kei­neswegs einschüchtern ließen. Sie suchten jetzt 93er- bindung mit den Kommunisten unb sogar mit den Royalisten, um das gegenwärtige Regime zu stür­zen und die Pangalos-Diktatur wieder aufzurichten.

* kommunistisches Mißtrauensvotum gegen den Reichspostminister. Die Kommunisten haben im Reichstag erneut ein Mißtrauensvotum gegen den Reichspostminister Dr. Schätze! eingebracht, weil er trotz der entgegenstehenden Deschlüsie des Reichstags an seiner Gebührenerhöhung festgehalten habe. In einem werteren Anttage ver­langen die Kommunisten die Außerkrafffetzung des Reichsposffinanzgesetzes zum 1. April nächsten Jah­res. Ferner beantragen sie eine umfangreiche Amnestie für politische Vergehen.

* Polizeiliches Einschreiten gegen eine ne schastsgründung Keils. Atthur Keil, dessen buro nach dem Muster Klantes in bet Infla­tionszeit großes Aufsehen erregt« uitb der wegen Betruges eine länger« Freiheitsstrafe erhalten hatte, gründete vor kurzem die Stanbard-Handelsgefell- fchast und versprach für bie Anlage von Kap stallen von 100 Mk. riesige Dividendenrahlun- gen. De« Teilhabern bet Gesellschaft sollen 12V« »* Divibenbe pro Woche gezahlt worben sein. Äim- mehr hat die Kriminalpolizei gegen Kea ein Ver­fahren eingeleitet. Sie wirb nachprüfen, ob bie Anschuldigung, daß Keil auch in diesem Falle wieder bie Divibenoen auS den eingezahlteL

gerichtsbarkeitsich immer mehr an die Stelle der Gewalt fetze, und daß bald die Kriege nur noch eine schlimme Erinnerung fein mögen. Frankreich sei trotz allem gezwungen, Vorsorge zu treffen. Wenn Frankreich unglücklicherweise einem neuen Angriff zum Opfer fallen würde, so würde natür­lich seine Bevölkerung dieselben Tugenden wieder­finden, rote während der Weltkrieges.

In der Nachmittagssitzung der Völkerbundver- sammlung am Samstag hielt Reichsaußenminister Dr. Stresemann zur Abrüstungsfrage eine viel be­achtete Rede, in der er u. a. sagte: Ich bin mir völlig klar darüber, wie stark die natürlichen Hem­mungen sind, die Waffen aus der Hand zu geben. Ich erinnere mich den Worten, mit denen Herr Briand kürzlich davon sprach, daß selbst im Son- nenglanz der Poesie ironisches Empfinden mit dem Gedanken „Waffen und Volk" verbunden ist, und wieviel schwerer es ist, dem Gedanken des Friedens Formen zu geben, die dieser Aufwallung des Gei­stes gleichen. Deshalb ist es auch völlig verständ­lich, wie schwer psychologisch auf ein Volk wie das deutsche, das auf Jahrhunderte militäri­scher Tradition herabsah, der Gedanke der alleini­gen Abrüstung wirkte, namentlich unter dem Ge- sichtspunste der Bedrückung, auf die ich in meiner Rede zur Generaldebatte hingewiesen habe.

Deutschland hat diese großen Hemmungen unter Verhältnissen, wie sie schwieriger überhaupt nicht gedacht werden konnten, überwunden. Wenn diese Ueberwindung möglich war, so nicht mit aus dem Grunde, weil hinter ihr der Gedanke stand, daß es sich bei dieser Abrüstung handeln könne um den Gegensatz zwischen Militarismus und Abrüstung, sondern daß es sich hier um die Durchführung eines Grundsatzes han- deIe, der neue Methoden und eine neue Mo­ral unter den Völkern herbeiführen wolle. Der Glaube an eine bessere Zukunft, die einer Frie­densgegenwart folgt, ist eine Macht und Kraft, bie gerade der Völkerbund am höchsten schätzen sollte. Lasten Sie diesen Glauben nicht erschüt­tern! Wenn das Land, das einst als die stärkste Militärmacht der Welt galt, heute abgerüstet ist, so sollte es für die anderen Staaten viel leichter fein, ihm jetzt zu folgen. Wir stehen vor einer gebieterischen Pflicht, einer Pflicht, deren Mißachtung ganz sicher zu schwierigen Folgen führen würde. Wir haben also keine Wahl. Die ganze Institution des Völkerbundes kann nur dann wirksam werden, wenn die Vorschrift der allge­meinen Abrüstung durchgeführt und damit bie Voraussetzung gegeben ist für jene Atmosphäre, die notwendig ist für eine gemeinsame und soli­darische Sicherung des Friedens, zu der sich alle hier im Völkerbund vertretenen Nattonen be­kennen.

Nach Stresemann sprach der englische Ver­treter, Lord Au stör. Er bezeichnete die gegen­wärtige Tagung als die bedeutungsvollste Volker- bundsversammlung. Nach einem Hinweis auf den polnischen Vorschlag, der klar und genau den Zweck des Völkerbundes umschreibe, gab der englische De­legierte eine knappe Analyse der großen Organi­sation zur Abrüstungs- und Sicherheitsfrage. Die Verhandlungen haben, so führte er aus, gezeigt, daß der vorbereitende Abrüstungsausschuß keine wesentlichen Fortschritte erzielen kann, wenn die internationale Sicherheit nicht weiter entwickelt werde. Deshalb sei man zur Bildung des Sonder­ausschusses zum Studium der Frag« der Sicherheit und Schiedsgerichtsbarkeit geschritten. Soweit in der Entschließung regionale Verträge empfohlen wer­den, denke er an Verträge nach Muster des Locarnopaktes.

Der französische ÜSertreier Paul-Boncour, der nach Lord Onslow sprach, warnte vor einer Ue-

(Ein Dementi.

kein Geheimabkommen zwischen Moskau und Rom.

wtb. Berlin, 26. Sept. (Eig. Funkm.) Die Telegraphenagentur der Sowjet-Union ist zu fol­gender Erklärung ermächtigt: Die vom sozialdemo­kratischen PressMenst verbreitete Nachricht, zwi­schen Italien und der Sowjet-Union bestehe, ein Geheimabkommen, welches im Falle eines ita- li en isch-türkisch en Konfliktes die Som- jet-Regierung unter anderem zu einer aktiven Teil­nahme zugunsten Italiens verpffichte, ist in allen Punkten erfunden mit der durchsichtigen Tendenz, die fteundschaftlichen 93eziehungen zwischen der Tur. kei und der U. S. S. R. zu trüben. Es besteht weder irgend ein italienisch-sowjetistischer Geheim- verttag, noch ein Vertrag mit der Sowjet-Umon, der gegen die Türkei gerichtet wäre.

Die Stimmung in Llsah.

Pläne der elsässischen Anton,misten.

tofi>. Paris, 26. Sept. (Eig. Funkm.) Havas verichtet aus Sttatzburg, daß auf einer Versamm­lung von Autonomisten die Absicht zum Ausdruck kam, für die nächsten französischen Wahlen eine offizielle Autonomisten-Partei zu gründen. Der Leiter der Versammlung, Roos, behauptet, daß die Elsässer in politischer Hinsicht und besonders im Hinblick auf ihre Kultur uMerdrückt würden. Di« in Bildung begriffene Pattei wolle eine pazifistische Partei sein. Sie trete für den Frieden unter den Völkern auf der Grundlage des Rechtes, nicht aber auf der Grundlage des 23er- saillervettrages ein. Roos habe jedoch. klar und ausdrücklich betont, daß diese Partei nicht fe- paratistische Tendenzen haben würde. Das end- gültige Programm der Pattei werde in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Zum Schluß habe RooS nach Perlesen einiger Telegramme namhafter Autonomisten die Pattei offiziell als gebildet er-

Das Rentner-Versorgungsgesetz.

Das von den Demokraten angekündigte Rentnerversorgungsgesetz liegt dem Reichstage vor. Es soll demnach die monatliche Grund­rente betragen: für Orte der Sonderklasse und der Ortsklasse A 60 RM., für Otte der Ortsklasse B 55 RM., für Otte der Ortsklasse C 50 RM. und schließlich für Otte der Ortsklasse D 45 RM.

Für Ehegatten und Kinder sollen Zusatzrenten gezahlt werden.

Die preußische Befolöungsvorlage.

Die „Frankfutter Zeitung" ist in der Lage, über den Inhalt der preußischen Besoldungsvorlage, dis die große Mehrheit der Staatsbeamten betrifft, genauere Mitteilungen zu machen.

Die neue preußische Besoldungsordnung ist grundsätzlich dem Entwurf für die neue Reichsbe- foldungSordnung astgeglichen, weist aber in bet Unterteilung der verschiedenen Gruppen Unterschiede gegenüber der Vorlage an den Reichstag auf. Die Reihenfolge der Gruppen ist in der neuen Vorlage umgestellt; in Gruppe 1 sind nunmehr die Ministerialräte aufgefühtt. Die Gruppe 12 ent­spricht im wesentlichen der bisherigen Gruppe 1. An die Stelle der bisherigen einheitlichen Besol- dungSordnung mit der Unterscheidung zwischen auf- steigenden Gehältern und Einzelgehältern sind vier Desolbungsgruppen getteten.

Ä. Aufsteigende Gehälter mit festen Grundge- hattSsätzen, die für die große Mehrheit der Staats- beamten gelten.

B. Feste Gehälter (ungefähr entsprechend. den bisherigen Einzelgehältern), die für die Minister^ Staatssekretäre und eine Reihe anderer hoher Be- amten gelten.

C. Gehälter mit Mindestgrundgehaltssätzen, bt« vor allem für bie Direktoren und Professoren bet: Hochschulen und Akademien, für die Konzertmeister und Musiker bei den staatlichen Theatern gelten.,

D. AbwicklungSbesokdungSordnung, die für bi« Schupo- unb Landjäger«ibeamten gilt.

Die bisherig« Frauenzulage ist in den neuen Gehältern enthalten. Bei ledigen Beam­ten tritt eine Kürzung der Grundgehälter nicht ein, sie erhalten aber den Wohnungsgeldzuschuß, bet grundsätzlich in bet bisherigen Höhe gewährt wirb, um eine Tarifklasse niebriaer als die verheirateten Beamten in gleicher Stellung. Bei den ledigen Beamten der untersten Gruppe wird der Wohnungs- g^kbzuschnß um 40 Prozent gekürzt. Die Kinder­zulagen betrauen wie bekannt für jedes Kind biS zum 21. Jahr« 20 Mark monatlich. Kindey- zulage wird für Kinder vom 16. bis 21. Lebens­jahre nicht gewährt, wenn sie ein eigenes Einkom­men von wenigstens monatlich 30 Mk. haben.

3mmer noch Me Tannenbergrete.

Stresemann hat in seiner Mitteilung an den Vertreter des „Matin" die Rede Hindenburgs zur Kriegsschuldfrage insofern abgeschwächt, als er nur die Allein schuld Deutschlands, nicht jede Kriegs­schuld, in Abrede stellte. Nunmehr kommt ein scharfes Echo auf die Hindenburgrede aus Bel­gien.

Der belgische Ministerpräsident sprach in Ost­ende, wo die Einweihung eines Denkmals zu Ehren des Staatsmannes Veernaert stattfand, der int po­litischen Leben Belgiens eine führende Rolle ge­spielt hat und im Jahre 1912 verstorben ist. In seiner Einweihungsrede gab Ministerpräsident Jaspar einen Rückblick über das Leben Beernaerts, wobei er u. a. ausführte:

Beernaert, der sich so sehr um die Festigung des Friedens in Europa bemühte und von so tiefem Glauben daran erfüllt war, ist der beispiellose Schmerz erspart geblieben, das Verbrechen mitzuerleben, das „reinen Herzens" von denen begangen wurde, die un­sere Neutralität verletzt haben. Er hat nicht die furcht­baren Tage miterlebt, in denen die Invasion derer „mit den reinen Händen" unser unschuldiges Vaterland der Brandstiftung, dem Mord und der Verwüstung ausge- liefett hat. Er hat die unentschuldbaren Füsilierungen von Frauen, von Greisen, von Kindern in der Wiege nicht kennen gelernt. Sein Herz krampfte sich nicht zu­sammen angesichts des systematischen Raubes unserer Industriellen Ausrüstung. Er erlebte weder Löwen, noch Vise, noch Tamines, noch Airschott, noch Dinant. Er hat nicht mehr mit Augen, die vor Entsetzen brann­ten, den langen Zug unserer Mitbürger davonziehen sehen, die wie Sklaven zu Tausenden deportiert mür­ben. Auch die letzte Prüfung blieb ihm erspatt, sein geliebtes Vaterland gegen den Haß und die Verleum­dung vetteidigen zu müsien, die beharrlich und uner- müdlich bemüht sind, mit den üblen Dünsten der Lüge und des Uebelwollens Belgiens Heroismus und Leiden zu trüben.

Diese Ausführungen haben in den deutschen Kreisen in Genf große Empörung hervorgerufen. Eigentlich sollte am Montag die Unterzeich­nung eines deutsch-belgischen Kommu­niques erfolgen, in dem sich beide Regierungen bereit erklären wollten, auf die von Herrn Vander- velde angebotene und von der deuffchen Reichs­regierung angenommene Einsetzung einer gemein­samen Kommission zur Untersuchung der angeb­lichen Kriegsgreuel zu verzichten. Diese 23er« zichterklärung sollte deutscherseits mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten erfolgen, auf die Herr Van- dervelde bekanntlich zu Beginn der Genfer Ta­gung bei seinem eigenen Kabinett gestoßen war. Minister Stresemann wird sich infolge der Rede des Herrn Jaspar nunmehr weigern, das in Aussicht genommene Kommunique zu unterzeich­nen.

*

Auch auf französischem Boden sind wieder am Sonntag Reden gehalten worden, die vom Frieden sprechen, aber dem Frieden nicht dienen. Der Ju- ftigminifter Barthou, der ein Marokko-Krieger- «yal einweihte, erklärte:

। Wir haben den Marokkokrieg ebensowenig gewollt, wie den anderen. Wir sind in gleicher Weise unschuldig an dem Blut, das ein herrschsüchtiges Volk, ein Wil­helm II. und ein Abd el Krim haben vergießen lassen. Cs gibt Dementis, die die Geschichte nicht annimmt und die, aus welchem Munde sie auch kommen mögen, gegen die Wahrheit der Taffachen nichts vermögen. Das Deutschland von 1914 würde, wenn es reinen Herzens gewesen wäre, mit einem Wort der Annahme des Ver­mittlungsangebotes die drohende Gefahr beseitigt haben. Das Deutschland von 1914 hatte keine reinen Hände. Nachdem wir die Grausamkeiten erlebt haben, werden wir nicht unsere Toten entehren lassen. Wir wollen den Frieden, aber wir können nicht die Wahrheit opfern. Das Schweigen, das, wenn es gegen­seitig ist, wir gern gewähren wollen, ist die not- wendige Bedingung für die Annäherungen, die der Friede der Welt erheischt. Um diesen Preis allein kön­nen wir vergessen.

Die unvorsichtigen Rehabilitterungen bringen die Ge­fahr rntt sich, vor der Oeffentlichkeit den Ton einer ver­wegenen Herausforderung anzunehmen. Die internatto- •nale Beruhigung, die nur langsam über so viele Hinder­nisse triumphiert, würde dabei schnell all das verlieren, was die nationale Eigenliebe dabei gewinnen möchte. Das wäre ein großes Unheil. Frankreich, dessen fried­fertige Rolle die Geschichte bei den Verhandlungen fest- gestellt hat, die dem Krieg von 1914 vorausgingen, nimmt mit der gleichen vertrauensvollen Ruhe das Urteil der Geschichte über die Verantwortung am Marokkokrieg an. Barthou ging dann im weiteren auf die politischen Ereignisse des Marokkofeldzuges ein und behauptete, daß Abd el Krim als ein Instrument auswärtiger Verschwörungen gehandelt habe.

Es ist sehr zu bedauern, daß Herr Barthou seine goldenen Worte von der Nützlichkeit des Schwei­gens und der Schädlichkeit allzuvielen Redens nicht schon vor langer Zeit an gewisse Ministerkollegen gerichtet hat und daß er auch bei seinen vorstehen­den Worten den Rat, zu schweigen, nur in dem einen Punkt befolgt hat, auf den es jedem Un­befangenen gerade ankommen muß: nämlich hin­sichtlich der deutschen Bereitwilligkeit, diese große Streitfrage einer unparteiischen Instanz zu überweisen.

*

Poincare, der französische Ministerpräsident, hat am Sonntag „nur" 3 Kriegerdenkmäler mit entsprechenden Reden eingeweiht und zwar im E l- s a ß, außerdem hat er noch in Belfort gesprochen. Bei der Weihe der 3 Kriegerdenkmäler trug Poin­care der Tatsache Rechnung, daß die Gefallenen der elsässischen Orte, darunter Mühlhausen, teils unter deutscher, teils unter französischer Flagge ge­kämpft haben und gestorben sind. Er bestreite nicht, baß in einer so mörderischen Art und Weise inter­nationale Konflikte zu regeln, wie sie der Krieg [barftelle, eine Art Herausforderung der Menschheit sei. Er wünsche wie jeder vernünf­tige Geist, baß bie Gewohnheit ber Sdbiebs-

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