Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.

Sonntag, 25. September 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JUt, auswärts 0,20 5Ut. Reklamezeile: lokal 0,60 JUt, auswärts 0,80 5UI. Bei Wiederholungen Rabatt. :.: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051. :-:

54.Zahrg.

Um die Nationalflagge.

' Aus parlamencarischen Kreisen wird uns ^schrieben:

Es ist gewiß nicht Schuld der Zentrumspresse Hüb' der Zentrumspartei, wenn wir von Zeit zu Zeit immer wieder mit der Flaggenftage uns beschäftigen müssen. Leider ist diese Angelegenheit keineswegs eine res judicata! Wann wird sie es überhaupt sein? Wir befürchten vielmehr, daß fie Vis parteipolitischen Gründen von manchen Seiten tjnmer toiebet geradezu gepflegt wird. Sollen doch angeblich die Deutschnationalen sogar beabsichtigen, ben nächsten Wahlkampf unter der Devise: Für Schwarz-weiß-rot zu führen. Offensichtlich aber erkennt man aus der Taktik der Deutschnationalen, daß sie diese Frage nicht zur Ruhe kommen lassen wollen — trotz der Richtlinien!

■. Es soll daneben fteilich nicht unvermerkt blei­ben, daß es bis in die Reihen der Rechtsparteien Kreise gibt, die sich ernstlich bemühen, den Flaggen­streit zu „lösen". Man kennt den unglücklichen Versuch des Reichskanzlers Luther, und es ist anzunehmen, daß nach dem Versagen dieses Planes so leicht diese Frage nicht wieder von einem maß­gebenden Minister berührt werden wird, es sei denn, daß er sich Rückendeckung verschafft hat. Solange also wird es wohl vorläufig bei mehr oder weniger guten Verfuchen bleiben, den beiden

. Teilen gut zuzureden.

Im allgemeinen laufen die Versuche auf der Rechten, die doch wegen ihres Tones ernster zu nehmen sind, darauf hinaus, die geltende National­flagge irgendwie mit der alten zu verbinden. Die praktischen Vorschläge interessieren uns nicht, wir haben es nur mit der Tatsache zu tun. Man geht dabei von der Voraussetzung aus, daß eben ein Friede nur dann möglich sei, wenn auch die alte Fahne irgendwie in oder mit der neuen zur Geltung komme.

Man muß solchen Versuchen sehr ernst wider­sprechen. Es wird viel zu wenig beachtet, daß bei der Schaffung der heutigen Flagge gerade die alte Flagge in einer Weise berücksichtig worden fft, die wahrscheinlich von der anderen Seite, wenn es sich um diesen Gegenstand gehandelt hätte, nicht entfernt im gleichen Maße angewandt worden wäre.

Richt nur, daß die Handelsflagge die alte Reichsflagae zeigt, auch die Reichswehr hat eme Reichsdienstffagge, die sogar einen Sammel­punkt der alten Embleme des Reiches vor 1918 darstcllt, und es wird wieder viel zu ost vergessen, daß es der erste deuffche Reichspräsident Ebert ge­wesen ist, der diese Flagge geschaffen hat. Sie enthält nicht nur die alten Farben, sondern noch dazu das eiserne Kreuz! Stärker konnte man nicht die alte Tradition hochhalten, als es hier unter unserer vollen Billigung geschehen ist, und für dieses weite Entgegenkommen des neuen Deutsch­land sollte man doch Verständnis zeigen.

Es ist ja gar nicht so, daß die „ruhmreichen" Farben schwarz-weiß-rot ausgeschaltet sind, nein, fie leben recht kräftig, und wir sind die letzten, die das den alten Farben wehren wollen. Sie sollen auch leben und sie sollen gezeigt wer­den! Gerade wenn in den Farben des Reiches sich ast und neu nebeneinander zeigen, so ist das der beste Beweis für die Toleranz, die das neue Deutschland gegenüber dem alten gezeigt hat. Wäre die andere Seite nur ebenso tolerant, wie es das neue Deuffchland gegenüber den alten Farben ge­wesen ist, wir hätten niemals einen Flaggenstreit m dem Ausmaße bekommen, wie wir ihn heute leider haben.

Das scheint uns ein wesentlicher Punkt ■ju fein! Wir haben hier wiederholt betont, daß wir den Flaggenwechsel, so sehr er aus der dama- ügen Lage verständlich w-r, für einen politischen Fehler gehalten haben, aber man muß doch aner­kennen, daß dieser Fehler nicht herausfordernd und beleidigend gemacht worden ist! Man hat sich 'M Gegenteil bemüht, der anderen Seite gerecht werden. Leider ohne jeden Erfolg; denn die Schwarz-weiß-roten — um einmal im Jargon die- «« Leute zu reden — träumen von nichts anderem slls der Entthronung der heutigen Reichsfahne und « Ersetzung durch die alte Fahne. Das ist es, wogegen wir uns wehren, daß man diese Rück- Wslosigkeit an den Tag legt, die nur die völlige -nelerzwingung des Gegners kennt, das ist es, Ms auch die Neutralen immer wieder in Deutsch- Md erregt, diese Brutalität in der Hand- ?aiung der Methoden.

Es wird der neuen Flagge nicht leicht gemacht, Uch du cchznsetzen. Aber vielleicht war kein anderer A>eg möglich. Sicher ist, daß sie nie so geliebt worden ist wie heute, gerade weil man sie so j Krabseßt und weil man aus ganz bestimmren politischen Kreisen sie bekämpft. Daß schwarz- wt-gold einmal derart geliebt und derart stark Maßt .werden würde, wer konnte das von den Jätern der 48er Jahre ahnen! Wenn in der vmggensrage nur ein wenig Liebe und Toleranz vorhanden wäre, so würde der Flaggenstreit eine M judicata sein! Aus Mangel an Toleranz und ?us wissentlicher Verdunkelung der Bedeutung, die Mte schwarz-weiß-rot immer noch unter den deut- Mn Flüggen besitzt, erfährt der Flaggenstreit leider Wter neue Antriebe.

Demgegenüber gibt es kein anderes Mittel, als I ?Pge Gelassenheit; überlassen wir der Zeit die wttterc Entwicklung, so besteht vielleicht die Hofs- I daß dann auch die verblendeffte Agitation I und daß sie von einer kommenden Geno- Mion nicht mehr verstanden wird.

Das blau-weiße Bayern.

wtb. München, 24. Sept. (Eig. Funkm.) Wie zuständiger Seite mitgeteilt wird, sind am Mchtag, den 2. Oktober 1927, aus Anlaß des t' Geburtstages des Herrn Reichspräsiden-

* die staatlichen Gebäude sowie die Gebäude 1

Ir. StreseuWli über

wtb. Paris, 24. Sept. (Eig. Funkm:) Dr. Strese- mann erklärte dem Außenpolitiker des „Matin" in Eens in einem Interview:

»Ich bin nicht nur überrascht, sondern erstaunt, daß die vom Reichspräsidenten in Tan­nenberg gehaltene Rede in Frankreich in diesem Maße Aufsehen erregt hat. In Frank­reich ist die Erinnerung an den Krieg und den Rückblick auf die Vergangenheit fast alltäglich. Der Reichspräsident hat, wie ich mich recht erinnere, seit seinem Amtsantritt noch niemals ein Krie­gerdenkmal eingeweiht. Aber Tannenberg ist sein Werk, ein Werk, mit dem feine Person und feine Existenz verbunden find. Er befand sich da auf einem historischen Boden und alle Kriegsereignisse, die sich an seinen Namen knüpfen, ebenso wie seine spätere Tätigkeit als Staatsoberhaupt, sind ihm gewissermaßen im Gedächtnis wieder aufgestiegen. Was er bei dieser Gelegenheit gesagt hat, alles das ist ein allen deutschen Gemütern eigenes Ge­fühl. Der wesentliche Punkt der Rede des Reichs­präsidenten ist, daß ein unparteiisches Schiedsgericht prüfen und beftimmen soll, was sich int Sommer 1914 im Laufe des diplo­matischen Notenaustauschs abgespielt hat und auch — was noch viel bedeutender ist — die Ereignisse, die sich in den vorausgegangenen Jahren ent­wickelt haben, präzisieren soll. Selbst Briand hat in feiner Rede in Genf am Schluß gefordert, den Frieden durch das Schiedsverfahren zu schaffen. Man fordert das Schiedsverfahren für Wirtschaftsfragen und für finanzielle Probleme, also für die verschiedenartigsten Konflikte. Wenn dieser Grundsatz der einzig wirkungsvolle ist, um die Befriedung der Völker herbeizuführen, warum soll er nicht anwendbar fein bei Fragen, die auf einem Volk schwerer lasten als ungünstige schieds­gerichtliche Enffcheidungen in einer Debatte rein materieller Art? Das deutsche Volk emp­findet die These, die allein auf der deutschen Initiative die schreckliche Katastrophe des Weltkrie­ges lasten läßt, als eine schwere Beleidi­gung, und es ist begreiflich, daß es sich vor einem Urteil nicht beugen kann, bei dem Ankläger und Richter die gleichen waren. Diese tiefe Emp­findung steht nicht im Widerspruch zu der Friedenspolitik, die wir mit unerschütter-

ber Hochschulen unb ber staatlich verwalteten An­stalten unb Stiftungen in den Land esf ar den zu beflaggen. Gleichzeitig wird ben Gemeindebehör­den bie Beflaggung ber gemeindlichen Gebäude nahegelegt.

3u Maltzans Tod.

Botschafter Ago Freiherr von Maltzan, I der bas Opfer ber Flugzeug - Katastrophe von Schleiz geworden ist, war von seinem Posten in Washington nach Deutschland auf Urlaub ge­kommen, um hier seinen 50. Geburtstag im Kreise seiner Familie zu feiern. Die Geburtstagsfeier hat am 31. Juli stattgefunden und Anfang Oktober wollte der Botschafter wieder nach Washington zu- rückkehren. Er stand im Begriffe, von Berlin nach München zu fliegen, wo ihn seine Frau, eine Toch­ter des Großindustriellen Gruson, erwartete, um mit ihm gemeinsam nach Partenkirchen zu fahren, wo Frau Grusons Vater eine Villa besitzt. Frau v. Maltzan weilte mit ihrem 8jährigen Töchterchen bereits in Erwartung des Flugzeugs auf dem | Münchener Flugplatz, als die Süddeutsche Luft­hansa die ersten Nachrichten von der Katastrophe erhielt. Sie teilte der schon auf dem Flugplatz an­wesenden Gattin des Botschafters schonend mit, daß bas Flugzeug notlanben mußte und erst später in München eintreffen würbe. Daraufhin begab sich Frau v. Maltzan nach dem Schloß Heimhausen des Reichsvertreters in Bayern, Herrn o. Haniel, das einige Kilometer von München entfernt ist. Herr v. Haniel hatte den Botschafter und seine Ge­mahlin zum Frühstück eingeladen. Als Herr v. Haniel gegen 1 Uhr von der Luft-Hansa ge­nauere Mitteilungen über die Katastrophe erhielt, fiel ihm die schwere Aufgabe zu, Frau v. Maltzan die volle Wahrheit zu eröffnen. Sie wird voraus­sichtlich nach Gera oder Plauen an den Sarg des Gatten abreifen.

Die Zeitungen aller Parteien widmen dem Botschafter warm empfundene Nachrufe. Die „Ger­mania" schreibt: Maltzans tragischer Tod wirb nicht nur in Deutschland, sondern auch in den wei­ten diplomatischen Kreisen, in denen diefer hervor­ragende Staatsmann gewirkt hat, auftichttge Teil­nahme Hervorrufen. Maltzan war einer der fähig­sten Köpfe der deutschen Diplomatie. Er hat das in den schwierigen Stellungen, die er im Laufe feiner langen Dienstzeit bekleidet hat, immer von neuem bewiesen. Nicht zuletzt auf feinem Poften als Botschafter in Wafhinqton. Wenn sich die deutsch-arnrikanischen Beziehungen immer mehr besserten unb freundschaftlichen Charakter annah­men, so ist das zu einem wesentlichen Teil des Verdienst des Freiherrn von Maltzan, dessen kluge und gewandte Haltung so viel dazu beitrug, Miß­verständnisse auszuräumen. Der verstorbene Bot­schafter war eine liebenswürdige Persönlichkeit, weltgewandt und bei aller diplomatischen Routine ein natürlicher und offener Mensch, dessen sym­pathischen Umgang jeder gern suchte. Aus einem großen Wirkungskreis ist dieser lebensfrohe Mann nun vlützlich berausaeriffen worden. Die Nachricht

hie KrieMulhsrage.

lchern Vertrauen fortsetzen. Von dem den Völkerbund beherffchenden Standpunkt aus kann niemand ben Gedanken der Bösartigkeit eines derartigen Schiedsspruches haben. Wenn er nicht schon jetzt eine konkrete Form annimmt, dann wird eri durch die Gesamtheit derer, die die Ge sch i chre schreiben, gefällt werden. Vor dem endgül­tigen Urteil der Geschichte können und müssen a l le Völker sich beugen."

Die Rbrüffungsformd.

Der Abrüstungsausschuß der Völkerbundsver- fammhing hat in Genf mit der Annahme ber von Paul Boncur und Lord Onslow gemeinsam vereinbarten Auslegungsformel über ben Schluß­absatz der Entschließung zur Abrüstungs- und Si­cherheitsfrage und des von de Brockere erstatteten Berichtes feine Arbeiten abgeschlossen. Die nunmehr angenommene Auslegungsformel stellt fest, daß es „im vollen und freien Ermessen der Regierungen liegt, die ihnen geeignet erschei­nende Antwort" auf bie vom Rate erbetenen Aus­künfte auf „jene Maßnahmen zu erteilen, die sie zur Unterstützung der Empfehlungen ober Beschlüsse des Rates in bestimmten von ihm anzugebenden Fällen zu ergreifen bereit wären". Das vom vor- bereitenden Abrüstungsausschuß zu bildende San­der k o m i t e e für die Beratung der Sicherheits­frage soll prüfen, unter welcher Form ber Rat um bie Bekanntgabe dieser Maßnahmen ersuchen soll. Dieses Ersuchen soll aber in keinem Falle mit einem bestimmten Fragebogen verknüpft werden.

Vie Zakultati'v-Nlausel.

_ Aus Genf wirb gemelbet: Zu Beginn der Sitzung ber Völkerbunbsversammlung am Freitag gab Präsident Gnani unter lebhaftem Beifall die vollzogene Unterzeichnung ber Fa- kultativ-Klansel bes Haager Statuts burch Deutschland bekannt. Er fügte hinzu, er glaube im Namen aller Völlerbunbsmitglieber sprechen zu können, wenn er ber lebhaften Befriedigung über diesen Schritt Deutschlands Ausdruck gebe, der einen großen Fortschritt im Sinne der Schieds­gerichtsbarkeit unb bes Verstänbigungsgebankens &watte. In Zukunft würden, so hoffe er, alle Streitigkeiten zwischen den Völkern nur auf fried­lichem Wege geregelt werden. Er beglückwünschte schließlich Reichsaußenminister Dr. Sftesemann zu der im Namen der Reichsreaierung volhogenen Unterzeichnung der Fakultativflausel.

von seinem erschütternden Tode wird überall tief­stem Mitgefühl begegnen.

♦

lieber Maltzans Rolle in der Außenpolitik der Nachkriegszeit schreibt die „Franks. Ztg.": Die Hauptsache bei Maltzans Wirksamkeit in leitender Stellung in Berlin war aber die energische A n - Näherung an Rußland, die er anbahnte. Er pflegte die Beziehungen zu hervorragenden Bolschewisten unb war namentlich mit Herrn Karl Radek eine Zeitlang sehr befreundet. Zweifellos war er auf deutscher Seite auch der eigentliche Ur­heber des Vertrages von Rapallo. Ra- thenau, auf ber Konferenz von Genua durch die sehr kühle Haltung der Westmächte überrascht und ver­stimmt, ist mitgegangen. Bald darauf gab der Ruhreinbruch und die unter ben Herren Cuno unb von Rosenberg eintretenbe völlige Entzweiung mit dem Westen der Maltzanschen Ostpolitik scheinbar recht und jedenfalls eine gewisse Lebensdauer. Auf alle Zeit war mit dieser Diplomatie nicht durchzu­kommen, denn sie war vielleicht ein zeitweilig brauchbares Auskunftsmittel, aber keine Grundlage für unsere politische Existenz.

Die Teilnahme in Washington.

wtb. Washington, 24. Sept. (Eig. Funkm.) Die deutsche Botschaft wurde vom Bekanntwerden des tödlichen Unfalls des Missionschefs bis in die spä­ten Abendstunden von offiziellen Vertretern der amerikanischen Regierung und des diplomatischen Korps ausgesucht. Präsident Coo l i d ge sandte seinen Adjutanten. Staatssekretär Kellogg und sämtliche Referenten bes Staatsdepartements gaben Beileidskarten ab. Unter den ersten Kondolenten erschien der französische Botschafter auf der deutschen Botschaft und sprach dem Geschäfsträger Dr. Kiep, zugleich mit der Ditte um Uebermittiung an die Gattin des Botschafters von Maltzan und an die deuffche Regierung, wärmste Teilnahme aus. Der britische Botschafter sandte ein herzlich gehaltenes Beileidstelegramm. Senator Borah rühmt die Popularität von Maltzan und bedauerte den großen Verlust, den herbe Länder burch feinen Tod erlitten haben. „Aflocieted Preß" veröffent­licht bie Beileidstelegramme des Präsidenten und Kelloggs, sowie Kelloggs (Kommunique und fügt hinzu, Deutschland werde aus diesen spontanen und ganz ungewöhnlichen Kundgebungen bes offiziellen Amerikas ersehen, wie hier die Arbeit eines deut­schen Berufsdiplomaten geschätzt wurde. Es sei zu hoffen, daß sein Nachfolger mit gleichem Geschick die Fäden aufnehmen werde, die ein grausames Schicksal Freiherrn von Maltzan aus der Hand riß.

♦

Freiherr v. Maltzan wird laut „Germania" in einem Familiengrab in Gro ß-L u cf o ro bei Voll- ratsruhe in Mecklenburg-Strelitz beigesetzt werden. Der Tag der Beerdigung steht noch nicht fest.

* Die Rrichsregierimg hat m Warschau eine Note überreichen lassen, in der Vofftellungen da­gegen erhoben werden, daß polnische Behörden den Reichsangehörigen Eudermut aus Gleiwitz seinerzeit durch ein Telegramm über die Grenze lockten, um ihn aut volnischem Gebiet zu verhaften.

Städte und Reich.

Jür Ausbau der Reichseinheil.

In der Hauptversammlung des Deutschen Städtetages in Magdeburg ergriff Reichskanzler Dr. Mar x, von lebhaftem Beifall begrüßt, das Wort zu einer Ansprache. Er betonte, daß er der Einladung zur Teilnahme an der Tagung mit gro­ßer Freude gefolgt fei, beruhe doch die Wohlfahrt des Reiches in hohem Maße auf der verständnis­vollen unb bereitwilligen Zusammenarbeit zwischen Städten, Ländern und Reich. Eine erdrückende Fülle ernster Probleme sei den G e m e i n b c n aus der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwäl­zung des letzten Jahrzehnts erwachsen. Mit vor­bildlicher Tatkraft und bestem Erfolg seien die Städte an dem wirtschaftlichen und sozialen Wie­deraufbau unseres Vaterlandes, dessen Abschluß noch keineswegs erreicht sei, herangegangen. Der Reichskanzler wies auf das Problem eines gerech­ten Finanzausgleichs zwischen Ländern, Gemeinden und dem Reich und das Problem ber Abgrenzung bes Eigenlebens der Städte gegenüber den Län­dern und dem Reich hin und fuhr fort: Aber auch wir, die auf allen Gebieten des Lebens wirken, stehen unter dem ehernen Zwange, zwischen dem an sich Wünschenswerten und dem tatsächlich Mög­lichen ■ einen Ausgleich zu schaffen, daß ein Höchstmaß an Leistung für die Nation erzielt werde.

Der Reichskanzler versicherte zum Schluß, daß die Reichsregierung den Arbeiten der Tagung die vollste Aufmerksamkeit zuwende und wünschte im Namen der Reichsregierung der Tagung den besten Erfolg im Dienste des friedlichen Wiederaufbaues unseres Vaterlandes, in dem die Städte, Länder und Reich ihr höchstes und gemeinsames Ziel er­blicken. Die Ansprache des Reichskanzlers wurde mit stürmischem Beifall ausgenommen.

Nachdem Oberbürgermeister Böß-Berlin dem Reichskanzler für feine Ausführungen gedankt hatte, führte Präsident Dr. M u l e r t über „Reichs­politik und Städte" u. a. aus: die Gesamt- steuereinnahmen der Gemeinden feien, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, gegenüber 1913 nur um 75 v. H. gestiegen, während die Steuereinnahmen der Länder um 159 v. H„ die bes

■■ •M um 245 v. H. zugenommen hätten. Heute verschiebe sich das Schwergewicht in der Behand­lung wichtiger kommunaler Fragen immer mehr nach dem Reiche. Eine staatliche Rechtsbeziehung der Städte zum Reich sei aber nicht hergestellt. Keine der gesetzlichen und Verwaltungsstellen im Reich ober in den Ländern habe die volle Zustän­digkeit, keine habe infolgedessen auch bie volle Ber­an t w o r t u n g für die Gemeinden. Vereinheitli­chung sei nur dann ein Fortschritt, wenn sie gleich­zeitig getragen werde von weitgehender Dezentrali­sation. Der Redner forderte dann die Einrichtung einer Kommunalabteilung beim Reichsministerium des Innern nach dem Muster dieser Abteilung beim preußischen Innenministerium. Darüber hinaus müsse den Gemeinden eine ausreichende Vertretung in den zur Vorbereitung ober zur Mitwirkung bei der Gesetzgebung berufenen Körperschaften gegeben werden.

In der Aussprache über die Rede des Präsiden­ten Dr. Mulert betonte Reichsfinanzminister Dr. Köhler, daß Selbstverwaltung und Selbstverant­wortung nicht Selbstzweck seien. Das große Pro­blem Unitarismus und Föderalismus gehe nicht nur um Wirtschaftsgrenzen und Betäti­gungskompetenzen, es gehe vielmehr um die Seele vieler Millionen deutscher Volksgenossen, besonders auch derjenigen Süddeutschlands, es gehe um die Einheit des deutschen Volkes. Wenn sich die Gegensätze zwischen den Ländern und Gemein­den verstärkt haben, so liege das an der Verkürzung der allgemeinen Golddecke. Es fei nicht richtig, daß die Realsteuern um 20 Proz. gesenkt werden. Der Charakter der Grund- und Gewerbesteuer müßte aufrecht erhalten werden, aber bie weiteren Bestim­mungen müßten den Ländern überlassen bleiben. Finanzminister Köhler schloß mit dem Wunsche, daß die großen Selbstverwaltungskörper dafür sorgen, daß auch auf dem besprochenen Gebiete ein wirkli­cher Fortschritt erreicht werde.

Nach Dr. Köhler sprach der preußische Innen­minister G r z e s i n s k i. Er führte u. a. aus: Die kommunale Selbstverwaltung muß gleichberechtigt neben Reich unb Ländern stehen. Die Selbstver­waltung darf nicht durch ^Reglementierung gestört werden. Auf dem Gebiete der Finanzierung ist die Elastizität der Verwaltung am wichtigsten; aber Selbstbestimmung ist nur bann vertretbar, wenn sich die Selb st Verantwortung auch auf die Finanzseite erstreckt. Selbstverwaltung schließe auch Selbstverantwortung in sich. In die­sem Zusammenhang kommt der Minister auf den Flaggenerlaß der preuß. Regierung zu sprechen und sagt: Selbstverwaltung und ihre Rechte müs­sen aufhören, wo es die Interessen des Staats­ganzen fordern. Wir wollen ein gemeinsames Band, das nicht trennt, sondern bindet. (Beifall.) Zum Schluß schlägt Präsident Dr. Mulert eine

Rheinlandkundgebung

vor, in ber der Deutsche Städtetag seiner bittersten Enttäuschung darüber Ausdruck gibt, daß noch im­mer Land von fremden Truppen besetzt fei. Weiter fordert die Kundgebung eine schleunige Lösung der Saarfrage. Den Städten des besetzten Gebietes und des Saargebietes sendet der Deutsche Städte­tag mit dem Ausdrucke der Bewunderung seine herzlichen Grüße.

In einer Entschließung des Vorstan­des wird von den Vertretern der deutschen Städte gefordert, daß bei der in Gang befindlichen Umge­staltung der inneren staatspolitischen Verhältnisse die Lebensnotwenbigkeiten ber deutschen Stäbte be=