Einzelbild herunterladen
 

Ar. 214

Samstag, 17. September 1927

Ausschaltung des Reichstags?

ganz unbestimmt.

*

Beratung nicht teilnehmen konnten, gehört worden sind. Stresemanns Rückkehr aus Genf ist noch

Die Kampflage in China.

wtb. London, 16. Sept. (Eig. Funkm.) Times meldet aus Peking: Die letzten Informationen aus Kanton deuten daraufhin, daß die Absicht be­steht, den antibritischen Boykott zu er­neuern. Die britischen Behörden seien bereit zu derselben Aktion die sich letzten September in Kanton so erfolgreich erwiesen habe. Times mel­det weiter, daß die abgefallenen Generale Feng- yushiangs dessen Streitkräfte von Kaifeng, der Hauptstadt Honans, vertrieben haben und Tscheng» tschau bedrohen. Die Militärkonferenz soll be- schlossen haben, eine sofortige Offensive gegen Fengyushiang auf der Lunghai- und Peking» Hankau-Bahn zu unternehmen. Man befürchtet, daß Fengyushiang nach Schenü einrücken würde.

Vie Kbrüstungskomödie.

Mit tiefer Besorgnis muß man den Gang der Debatte verfolgen, die sich dieser Tage im Ab- rüftunfls - Ausschuß der Bölkerbundsversammlung abgespielt hat. Kurz gesagt, mit der Frage Ab­rüstung wird geradezu eine Komödie getrieben!

Das eigentliche Hindernis der Abrüstung liegt, wie sich jetzt wieder deutlich gezeigt hat, bei Eng­land. Jetzt erst wird ganz besonders klar, was der Rücktritt Lord Cecils bedeutet. Sein Nach­folger, der Unterstaatssekretär Onslow, hat in einer Form, welche diejenigen Mächte, die die Ab­rüstung verlangen, geradezu brüskierte, die ab­solute Haltung Englands in dieser Frage notifiziert und die Weigerung, die Verpflichtung des soge­nannten Genfer Protokolls anzuerkennen, klang geradezu herausfordernd. England will sich also alle Türen offen halten, um bei einem kommenden kriegrichenZusammentreffen,das nach Lage derDinge trotz allem Abrüstungsgerede für unvermeidlich gehalten wird, nicht nur seinerseits die Hände in Unschuld zu waschen, sondern auch wieder a n d e re für seine eigenen Interessen bluten zu lassen. Das kann England., wenn es über eine unbesiegbare Rüstung verfügt, die es ja nach Lust und Laune bald dem Einen, bald dem Anderen zur Ver­fügung stellen kann.

Es ist durchaus richsig, daß der deutsche Ver­treter, Graf Bernstorfs, in der Völkerbunds- kommission mit tiefem Ernste darauf hinwies, daß die Abrüst'.ingsfrage nicht deshalb ruhen dürfe, weil man sich hier einem englisch-französischen Ge­gensaß gegenübersehe. Nach dem Fiasko der See- äbrüstungskonferenz würde ein Fiasko dieser Ab­rüstungsdebatten auf die ganze Welt geradezu de­primierend wirken, ja es würde ein förmliches Signal zu neuen Rüstungen sein! Ja man hat sogar den Eindruck, als wenn von einer Reihe von Kräften, die sehr stark an diesen, Dingen inte­ressiert sind, auch nach der Profitseite hin, ruf eine derartige Entwicklung geradezu hinge- rrbeitet würde. Von diesen Seiten geht auch die bewußte Hetze gegen Deutschland aus, von dem man immer wieder sagt, daß es heimlich rüste. Und zu allem Unglück ist nun noch eine Aeuße^ rung des Exkaisers Wilhelm dieser Tage in Genf bekannt geworden, wonach er in einem Kopenhagener Blatt erklärte, daß wir spätestens 1937 einen neuen und furchtbaren Krieg erleben würden, einen Krieg, der nur wenige Tage, viel­leicht nur wenige Stunden dauert. Denn die neuen Vernichtungsmittel würden alles dem Bo­den gleich machen, und eine Nation, die nicht vor­breitet fei, würde innerhalb 48 Stunden ausgetilgt sein. Nack der gleichen Blättermeldung habe der Kaiser hinzugefügt, daß es sein größter Wunsch sei, wieder als Herrscher zurückzukehren, um die Welt zu lehren, wie der ewige Frieden gesichert werden könne Diese Aeußerung des ehemaligen Kaiser Wilhelm H. wird nun von den gegen Deutschland arbeitenden Kräften in Genf entspre­chend ausgebeutet, wobei man natürlich der Frie­densversicherung des Kaisers keinen Glauben schenkt, sondern sie gerade zum Anlaß nimmt, um Deutschland Unehrlichkeit vorzuwerfen.

Man täusche sich nicht darüber: Die Kriegs­gefahr ist größer, als viele von uns meinen. Und man kann und darf in dieser Sorge sich nicht be­irren lassen durch eine ganze Reihe phrasenrei­cher Friedensreden. In der ganzen politischen Welt werden Konflikte geradezu systematisch vor­bereitet. Alle aber reden von Frieden und nur einer hat den Mut, offen davon zu sprechen, daß er den Krieg nicht scheue und das Mittel des Krie­ges auch zur Erreichung seiner Fiele anzuwenden entschlossen sei, und das ist M u s s o l i n i. Wir stehen heute genau wieder in der Situation, wie in den Jahren zwischen 1910 und 1914, in denen unter dem Deckmantel der Friedensfrage und der Friedenskongresse zu dem ungeheuerlichsten aller Kriege gerüstet wurde. Tiefe Sorge darum muß jeden Friedensfreund erfüllen über den schleppen­den, ja sogar stockenden Gang der Abrüstungs­debatte in Genf und das umsomehr, als doch ge­rade der Völkerbund sich unter Proklamierung der Erreichung und Sicherung des Friedens damals etabliert hat. Es ist nicht leicht zu nehmen, daß gerade heute die Vertreter der kleinen Mächte in Genf ihre Stimme erheben und warnen. Wir sollten diese Warnungen nicht ungehört lassen.

Und noch eins: Amerika ist immer noch nicht im Völkerbund, auch Rußland nicht. Zwi­schen Amerika und England vertiefen sich mehr und mehr die Gegensäße. Amerika weiß, was es zu befürchten Hat, wenn ein neuer europäischer Krieg feinen Markt in Europa zerschlägt. Es weiß aber auch, was England an materiellen In­teressen bei einem künftigen Krieg verfolgt. Auch nach dieser Richtung hin hat Lord Cecils Abschied und die Begründung, die er dazu gegeben bat, für Alle, die hören und sehen wollen, eine deutliche Sprache gesprochen. In Rußland andererseits rü­stet man'ohne allen Zweifel zu einer kriegerischen Auseinandersetzung. Mit wem? Das wird klar, wenn man aus dem Verhalten der russischen Staatsmänner erkennt, daß die heutige russische Politik genau dieselben imperialistichen Ziele ver­folgt, wie sie unter der früheren Zarenherrfchaft immer wieder die Welt beunruhigt haben, nur daß heute die Männer gewechselt haben, während die Methoden ganz dieselben geblieben sind.

Weil nun Amerika und Rußland in Genf feh­len, meinen nun diejenigen Mächte, die sich der Abrüstungsidee praktisch verschließen, während sie sich theoretisch zu ihr bekennen, daß sie sichsi­chern" müßten. Aber auch das ist nur Vorwand. Und noch dazu ein recht schlechter. Wären sich die europäischen Mächte einig und würden sie ehrlich eine Abrüstung, die nicht die offene Spitze der Vernichtung des Nachbarn hat, betreiben, so wäre Europa unüberwindlich und der Weltfriede wäre gesichert Was jeßi in der Abrüstungsfrage in Genf vorgeht, ist darum nichts anderes als Ko­mödie und Heuchelei. Und wer es gut meint mit deinVölkerbund muß das ungeschminkt aussprechen.

Dr. Köhler brüskiert die Gewerk­schaften". Unter dieser etwas sensationellen Ueberschrift berichtete derVorwärts" (Nr. 436) über die jüngste Tagung des sozialistischen Allge­meinen Deutschen Beamtenbundes. Aus dem Bericht ist zu entnehmen, daß man auf dem Bundeskongreß darüber verärgert war, daß der Reichsfinanzministerentgegen seiner ur­sprünglichen Zusage" zu der Tagung nicht erschie­nen ist. An dieses Nichterscheinen werden bann allerhand kritische Bemerkungen geknüpft, die der Vorsitzende,Genosse" Falkenberg, in scharf poin­tierte Formulierungen kleidet. Es ist davon die Rede, daß der Teil des deutschen Volkes politisch trodengetegt werde, dem eine am Ruder befindliche Koalition nicht passe.Die Schichten der Arbeit­nehmer, die nicht übereinstimmen mit der Grund­meinung einer bestimmten Regierungskoalition sollten zur gewerkschaftlichen Abstinenz gezwungen werden" usw. Es ist, so schreibt dazu dieGer­mania", erstaunlich, derartige Tiraden zu lesen. Denn es ist sowohl demGenossen" Falkenberg, wie auch den anderen führenden Herren des Allge­meinen Deutschen Beamtenbundes recht wohl bekannt, daß von irgend einer Ausschließung ihrer Richtung bei den Beratungen über die neue Besoldungsordnung in Wirklichkeit gar keine Rede sein kann. Ein sehr prominentes Mitglied des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes wurde in dem ersten Stadium des Entstehens der Besol­dungsordnung, sogar an dem gleichen Tage wie der Vertreter des Deutschen Beamtenbundes, in den Gang der Dinge eingeweiht. Bei den Ver­handlungen mit den Organisationen wurde der All­gemeine Deutsche Beamtenbund, obwohl er we­se n t l i ch weniger Mitglieder zählt als der Deutsche Beamtenbund, sogar mit der gleichen Per­sonenzahl zugezogen wie der letztere.

Und nun das Nichterscheinen des Reichsfinanz­ministers auf dem Kongreß. Es kann doch keinem Zweifel unterliegen, daß der Reichsfinanzminister in diesen Tagen nicht etwa privatisiert hat. Es ist vielmehr bekannt, daß er seit Montag unaus­gesetzt in Verhandlungen mit den Ressorts so­wohl wie durch seine Teilnahme an den Kabinetts- "hungen der Preußischen Regierung, gerade zur Vorbereitung der heutigen Kabinettssitzung un­unterbrochen tätig war. Schließlich ist diese Arbeit m Interesse der Gesamtbeamtenschaft denn doch noch wichtiger, als die Anwesenheit auf einem Kon­greß. Und endlich hat in dieser Zeit der Tag o " ch

Die Zustimmung Preußens zur neuen Be­soldungsreform ist s o gut wie sicher, wenn auch über einige Positionen noch Meinungsverschie­denheiten bestehen, die aber nicht wesentlicher Na­tur sind.

Die bayerische Regierung hat bisher zu der Beamtenbesoldungsfrage offiziell noch nicht Stel­lung genommen. Die offizielle Korrespondenz der Bayerischen Volkspartei erklärt, daß Bayern außer­stande sei, die durch die Uebernahme der Reichs­regelung für feine Staatsbeamten entstandene Mehrbelastung von 65 Millionen Mark selbst zu tragen. Das Reich möge die Mittel liefern. Auch der bayerische Städtebund hat in einem Schreiben an den Reichsfinanzminister erklärt, daß ihm die Durchführung der Besoldungsreform ohne entspre­chende Aenderung des Finanzausgleichs u n m ö g- l i ch erscheint. Der Bayerische Bauernbund (libe­ral) lehnt überhaupt jede Erhöhung der Gehälter in den oberen Besoldungsgruppen ab.

*

lieber die Frage: B e s o l d u n g s r e f o r m und Kinderzulagen wird uns vom Reichs­bund der Kinderreichen geschrieben:

Verschiedene Gerüchte und Pressenachrichten lassen befürchten, daß bei der kommenden Besol­dungsreform die Kinderzulagen eine Vernach­lässigung erfahren werden, wodurch insgesamt eine relative Verschlechterung für die kinderreichen Beamtenfamilien eintreten würde. Diese Befürch­tungen haben den Reichsbund der Kinderreichen veranlaßt, den Herrn Reichsfinanzminister erneut in einer Eingabe aufdieNotderkinderrei- chen Beamtenfamilien hinzuweisen. Die­selbe ist unbestreitbar und wird auch nach der Er­höhung der Grundgehälter bleiben, wenn nicht gleichzeitig die Kinderzulagen einen erheblichen Ausbau erfahren. An dem deutschen Nachwuchs, der unter dem noch immer wachsenden Geburten­rückgang leidet, hat die Beamtenschaft mit ihrer dürftigen Durchschnittskinderzahl einen er­schreckend geringen Anteil. Aber auch diese geringe Durchschnittskinderzahl wird nur durch die wenigen kinderreichen Familien aufrecht erhalten. Wir sind daher der Meinung, daß die Erhaltung dieser wenigen kinderreichen Beamtenfamilien eine Not­wendigkeit darstellt, und daß eine Besoldungs­reform, die Dauerzustände schaffen soll, hierauf Rücksicht nehmen muß. Bei der Bemessung der Zulagen muß man nach unseren Anschauungen von dem Gesichtspunkt ausgehen, daß in jeder Familie die Kinder so erzogen und ausgebildet werden, daß bei entsprechender Begabung im späteren Leben den Lebenskreis des Vaters erreichen. Die daraus zu folgernde Abstufung der Kinderzulagen scheint uns auch deshalb richtig, als gerade die Gleichheit der Kinderzulagen eine der größten Ge­fahren der Kinderzulagen überhaupt zu fein scheint, die sich in der eingangs als möglich erörterten Vernachlässigung schon auswirkt.

Anzeiger für die Skadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Areisblall

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk. x

Das Gesamtergebnis der Wahlen zum Völker­bundsrat wird von der Deutschen Diplomatischen Politischen Korrespondenz für den Völkerbund und angesickts der durchaus auf die allgemeinen Ziele und Ideale des Paktes eingestellten Völkerbunds­politik Deutschlands auch für das Deutsche Reich als zufriedenstellend bezeichnet. Während die drei neuen Ratsmitglieder teils wegen des persönlichen Einflusses ihrer Delegierten, teils we­gen der von ihnen vertretenen Strömungen eine Bereicherung des Völkerbundsrates bedeuten, ist besonders das Ausschalten Belgiens zu be­dauern. Daß die Mächte von Locarno das Ver­bleiben Vanderveldes im Rat lebhaft geroün!rhi hatten, ist ein offenes Geheimnis, denn er hatte stets feinen ganzen Einfluß aufgeboten, um den Dölkerbundsidealen zu entsprechen, den Weltfrie­den zu fördern und eine objektive Verständigung zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Geg­nern zu ermöglichen.

* Der Reichspräsident von Hindenburg ist nach feiner Teilnahme an den deutschen Flottenübungen mit dem KreuzerBerlin" in Königsberg zu einem kurzen Besuche eingetroffen.

* Die Abfindung der Standesherren in Preu­ßen. Wie dasB. T." hört, ist damit zu rechnen, daß die preußische Staatsregierung nunmehr dem am 11. Oktober zusammentretenden Landtag einen Gesetzentwurf in der Angelegenheit der Standesherren unterbreiten wird.

Von einem parlamentarischen Mitarbeiter wird uns geschrieben:

Der Entschluß des Aeltesten-Rates des Reichs­tags, die Vollversammlung des Reichstags erst zum 17. Oktober einzuberufen, hat namentlich in Krei­sen der Opposition scharfe Kritik ausgelöst. Die Sozialdemokratie insbesondere sieht in diesem Beschluß, wie derVorwärts" sagt, den Versuch, aus parteipolitischen Gründen den Reichstag aus­zuschalten". Der Mehrheit wird vorgeworfen, daß damitwichtige Volksinteressen vernachlässigt" wer­den. Das Ganze wird vomVorwärts" über­schrieben mit dem Titel:Der Reichstagsscheue Bürgerblock".

Wie liegen die Dinge? Als der Reichstag seiner­zeit auseinanderging, hatte man allerdings ange­nommen, daß in der letzten Septemberwoche di- sogenannte Zwischentagung des Reichstags vor sich gehen könne. Für biete Zwischentagung war die erste Beratung des Reichsschulgesetzes, des Liquida- tionsschäden- und des Beamtenbesoldungsgesetzes vorgesehen. Alle drei Materien sind außerordent­lich tchwierig und sie bedingen eingehende Ver­handlungen zwischen der Reichsregierung und den Länderregierungen. Dazu kommen bei den Deam- tenbesoldungsfragen auch noch die notwendigen Erörterungen mit den beteiligten Organisations­gruppen. Bei der Besoldungsreform insbesondere sind es in der Hauptsache die finanziellen Rückwirkungen, die, wie gerade die Erörte­rungen der letzten Tage zeigen, sehr lebhafte Aus­einandersetzungen innerhalb der einzelnen Länder, die sich über die Tragweite der Erhöhungen Re­chenschaft geben müssen, hervorgerufen haben.

Daß schließlich bei dem Schulgesetzent­wurf mit den materiellen Fragen auch Probleme grundsätzlicher Natur verbunden sind, macht die Be­ratung dieser Angelegenheit noch um vieles kom- pizierter. So konnte der Schulgesetzentwurf, der augenblicklich den Länderregierungen vorliegt, noch nicht dem Reichsrat oorgelegt werden. Jedenfalls sind die Arbeiten innerhalb des Reichsrats in die- fer Frage noch nicht so weit gediehen, daß eine offizielle Stellungnahme dieser Instanz möglich wäre. Dazu bedarf es nach Annahme der Reichs­regierung noch mindestens 34 Wochen, so daß vor dem 17. Oktober eine Einberufung des Reichs­tags nicht erfolgen kann, wenn man die dann vor­gesehene Tagung wirklich fruchtbar machen will.

Um eine Zwischen tagung des Reichstags wird es sich dann kaum noch handeln können, da für Anfang November ohnehin der Beginn der Haupttagung vorgesehen war. Da die Strafgesetz­buch-Kommission schon in der nächsten Woche Zu­sammentritt, außerdem die der sogenannten Zwi- tchentagung dann vorliegenden Gesetze sehr ein­gehende Ausschuß - Besprechungen notwendig ma­chen werden, wird man damit rechnen müssen, daß der Reichstag mit dem 17. Oktober seine Haupt- tagung aufnimmt und bis zum Jahresende fort­setzt.

Daß bei dieser Sachlache eineVernachlässigung der Volksinteressen" zu befürchten wäre, ist ganz ausgeschlossen. Es ist vielmehr gerade durch die systematische Zusammenfassung der Erörterungen und Debatten möglich, den an eine gründliche Er­örterung zu stellenden Anforderungen gerecht zu werden. '

Wenn man die Dinge allerdings partewolitisch und vom Standpünkt der Opposition ansieht, so mag man schadenfroh aussprechen, daß die jetzige Vertchiebung den Begin,n heftiger Aus­einandersetzungen innerhalb der Koalitions-Parteien selber anzeige. Je­denfalls ist eine solche Auffassung auch schon in der rechtsradikalen Presse zum Ausdruck gekommen. Es ist sicher, daß die kommenden Auseinander­setzungen, die beim Schulgesetz in der Hauptsache prinzipieller Art, bei den übrigen Gesetzen nach der finanz- und wirtschaftspolitischen Seite hin von ausschlaggebender Bedeutung sind, manchen Zwiespalt, der zweifelsfrei innerhalb der Koali­tionsparteien steht, scharf in der Oeffentlichkeit her­vortreten lassen werden. Dazu kommt, daß diese drei erwähnten Gesetze garnidjt für sich betrachtet werden können, sondern in den Rahmen der ge­samten innenpolitischen Orientierung gestellt wer­den müssen. Das wird notwendigerweise bedin­gen, daß die gegenwärtige Koalition jetzt ernst ihre Feuerprobe zu bestehen haben wird. Denn es werden eine ganze Reihe von Fragen und Problemen, unter anderem die Flaggenfrage und dergleichen, die in der Zwischenzeit aufgetaucht sind und die durch die verschiedensten Reden und Presse- äußerungen in das hellste Licht der Kritik gestellr wurden, aufzuwerfen und zu bereinigen sein. Es wird sich in der Tat jetzt erweisen müssen, ob die gegenwärtige Koalition diejenige A r b e i t s g e - mein sch ast ist, als die sie sich etabliert hat, und die dabei doch über jene inneren Zusammenhänge und Bindungen verfügt, die notwendig sind, um ihrer Tätigkeit Geltung und Wirkung zu ver­schaffen.

Richt nur an die gegenwärtigen Koalitions- parteien, sondern auch an die Opposition werden bei Behandlung dieser Dinge in den nächsten Wo­chen sehr ernste Anforderungen, namentlich hinsicht­lich des Verantwortungsbewußtseins gegenüber der Gesamtheit des Volkes gestellt werden.

Die Vesoldungsreforin.

Die Beratungen des Reichskabinetts am Don­nerstag über dl? Beamtenbesoldungsreform haben noch zu feiner Verabschiedung der Vorlage durch die Reichsregierung geführt. Die Verhandlungen sind, lautDeutscher Allgem. Ztg." auf Freitag vertagt werden. Die endgültige Stellungnahme des Reichskabinetts dürfte jedoch, wie mehrere Blätter bemerken, erst erfolgen, wenn auch die volksparteilichen Reichsminister Dr. Stre- semann und Dr. Curtius, die an der bisherigen

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 5UI, auswärts 0,20 JUl. Reklamezeile: lokal 0,60 5LK, Ra TflnPfl auswärts 0,80 5U. Bei Wiederholungen Rabatt. 9*

Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051.

Da; Genfer Wahlergebnis.

Die Wahl der drei neuen nichtständigen Rats. Mitglieder ergab bei 49 gültig abgegebenen Wahl» zetteln: 43 Stimmen für Kuba, 33 Stimmen für Finnland und 26 Stimmen fürKanada, an­stelle der drei ausscheidenden Staaten Belgien. Tschechoslowakei und San Salvador, die damit sm die nächsten drei Jahre in den Rat gewählt sind. Weiter erhielten Griechenland 23, Portugal 16, Uruguay 3, Dänemark 3, Siam eine, die Schweiz eine und Haiti eine Stimme. Nach Beeidigung der Wahlhandlung gab der Vertreter Persiens wie in den letzten Jahren bei dieser Ratswahl eine Er­klärung ab, wonach die asiatischen Völker Anspruch auf einen Sitz im Rate erheben, Persien als deren Wortführer jedoch im Hinblick auf die komplizierte allgemeine Loge in diesem Jahre von der Geltend­machung de<i Anspruches abgesehen habe und sich vorbehalte, in der kommenden Völkerbundsver­sammlung darauf zurückzugreifen.

Die Wahlsitzung hatte mit einem kleinen Zwi­schenfall begonnen. Als Dr. Stresemann und Cham­berlain, die zu Wahlprüfern ernannt worden waren, sich gemeinsam auf die Rednertribüne be­gaben und das Profil zum Saal gewandt, auf 50 Zentimeter Abstand, gleich als ob sie sich zu einer der an diesem Tage viel kritisierten Grvßmächte- konventikel niederließen, einander gegenüber an den kleinen Tischen Platz nahmen, aus denen die Stimmen gezählt wurden, bemächtigte sich der Ver­sammlung derartige Heiterkeit, daß sie zuerst in lautes Lachen und dann in spontanen Applaus ausbrach. Diese Heiterkeit und dieser Beifall steigerten sich noch, als bei den namentlichen Ab­stimmung Briand an ihrem Tisch vorbeikam und Chamberlain anstatt der ihm entgegengeftredteiz Hand Bricmds dessen Rockzipfel ergriff.

den Reichsfinanzminister nur 24 Stunden. Von einer Trockenlegung des Teiles des deutschen Vol­kes, dem die am Ruder befindliche Koalition nicht paßt, deshalb zu reden, weil der Minister nicht auf dem Bundeskongreß des ADB. erschienen ist, ist, gelinde gesagt, eine recht starke Uebertreibung. Um feres Wissens sind im Deutschen Beamtenbund mehrere hunderttausend Beamte organisiert, die nicht zu den Parteien gehören, die die heutige Regierungskoalition bilden. Der Vorstand des Deutschen Beamtenbundes setzt sich aus Angehöri­gen aller Parteien zusammen; selbst sozialdemo­kratische Abgeordnete sind im Deutschen Beamten- bund organisiert und tätig.

Im übrigen scheint nach dem Inhalt der auf dem Kongreß gefaßten Entschließungen der Vor- stand des ADB. doch mehr von der Besoldungsord- nung zu wissen, als wie er sich den Anschein gibt. Die Mitteilungen des Reichsfinanzministers, sowohl gegenüber den Beamtenorganisationen als auch in der Oeffentlichkeit, scheinen deshalb nicht so karg ge­meßen zu sein, wie dies in der Kundgebung des ADB. hingestellt wird. Nein, der Grund ist ein ganz anderer! Durch die Gestaltung des Entwur­fes ist verschiedenen Herren recht viel Wahl­wind aus den Segeln genommen worden. Das ist unangenehm! Man sollte diese Enttäuschung nicht noch dadurch verstärken, daß man in dieser plumpen Weise den Widerstand zu organisieren sucht. Die Beamtenschaft wird hier in ihrer über­großen Mehrzahl wesentlich anders denken.

binzelnuminer 10 Psg. (mit Mr. Beilage 15 Psg.)

ertung

1