Ar. 214
Samstag, 17. September 1927
Ausschaltung des Reichstags?
ganz unbestimmt.
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Beratung nicht teilnehmen konnten, gehört worden sind. Stresemanns Rückkehr aus Genf ist noch
Die Kampflage in China.
wtb. London, 16. Sept. (Eig. Funkm.) Times meldet aus Peking: Die letzten Informationen aus Kanton deuten daraufhin, daß die Absicht besteht, den antibritischen Boykott zu erneuern. Die britischen Behörden seien bereit zu derselben Aktion die sich letzten September in Kanton so erfolgreich erwiesen habe. Times meldet weiter, daß die abgefallenen Generale Feng- yushiangs dessen Streitkräfte von Kaifeng, der Hauptstadt Honans, vertrieben haben und Tscheng» tschau bedrohen. Die Militärkonferenz soll be- schlossen haben, eine sofortige Offensive gegen Fengyushiang auf der Lunghai- und Peking» Hankau-Bahn zu unternehmen. Man befürchtet, daß Fengyushiang nach Schenü einrücken würde.
Vie Kbrüstungskomödie.
Mit tiefer Besorgnis muß man den Gang der Debatte verfolgen, die sich dieser Tage im Ab- rüftunfls - Ausschuß der Bölkerbundsversammlung abgespielt hat. Kurz gesagt, mit der Frage Abrüstung wird geradezu eine Komödie getrieben!
Das eigentliche Hindernis der Abrüstung liegt, wie sich jetzt wieder deutlich gezeigt hat, bei England. Jetzt erst wird ganz besonders klar, was der Rücktritt Lord Cecils bedeutet. Sein Nachfolger, der Unterstaatssekretär Onslow, hat in einer Form, welche diejenigen Mächte, die die Abrüstung verlangen, geradezu brüskierte, die absolute Haltung Englands in dieser Frage notifiziert und die Weigerung, die Verpflichtung des sogenannten Genfer Protokolls anzuerkennen, klang geradezu herausfordernd. England will sich also alle Türen offen halten, um bei einem kommenden kriegrichenZusammentreffen,das nach Lage derDinge trotz allem Abrüstungsgerede für unvermeidlich gehalten wird, nicht nur seinerseits die Hände in Unschuld zu waschen, sondern auch wieder a n d e re für seine eigenen Interessen bluten zu lassen. Das kann England., wenn es über eine unbesiegbare Rüstung verfügt, die es ja nach Lust und Laune bald dem Einen, bald dem Anderen zur Verfügung stellen kann.
Es ist durchaus richsig, daß der deutsche Vertreter, Graf Bernstorfs, in der Völkerbunds- kommission mit tiefem Ernste darauf hinwies, daß die Abrüst'.ingsfrage nicht deshalb ruhen dürfe, weil man sich hier einem englisch-französischen Gegensaß gegenübersehe. Nach dem Fiasko der See- äbrüstungskonferenz würde ein Fiasko dieser Abrüstungsdebatten auf die ganze Welt geradezu deprimierend wirken, ja es würde ein förmliches Signal zu neuen Rüstungen sein! Ja man hat sogar den Eindruck, als wenn von einer Reihe von Kräften, die sehr stark an diesen, Dingen interessiert sind, auch nach der Profitseite hin, ruf eine derartige Entwicklung geradezu hinge- rrbeitet würde. Von diesen Seiten geht auch die bewußte Hetze gegen Deutschland aus, von dem man immer wieder sagt, daß es heimlich rüste. Und zu allem Unglück ist nun noch eine Aeuße^ rung des Exkaisers Wilhelm dieser Tage in Genf bekannt geworden, wonach er in einem Kopenhagener Blatt erklärte, daß wir spätestens 1937 einen neuen und furchtbaren Krieg erleben würden, einen Krieg, der nur wenige Tage, vielleicht nur wenige Stunden dauert. Denn die neuen Vernichtungsmittel würden alles dem Boden gleich machen, und eine Nation, die nicht vorbreitet fei, würde innerhalb 48 Stunden ausgetilgt sein. Nack der gleichen Blättermeldung habe der Kaiser hinzugefügt, daß es sein größter Wunsch sei, wieder als Herrscher zurückzukehren, um die Welt zu lehren, wie der ewige Frieden gesichert werden könne Diese Aeußerung des ehemaligen Kaiser Wilhelm H. wird nun von den gegen Deutschland arbeitenden Kräften in Genf entsprechend ausgebeutet, wobei man natürlich der Friedensversicherung des Kaisers keinen Glauben schenkt, sondern sie gerade zum Anlaß nimmt, um Deutschland Unehrlichkeit vorzuwerfen.
Man täusche sich nicht darüber: Die Kriegsgefahr ist größer, als viele von uns meinen. Und man kann und darf in dieser Sorge sich nicht beirren lassen durch eine ganze Reihe phrasenreicher Friedensreden. In der ganzen politischen Welt werden Konflikte geradezu systematisch vorbereitet. Alle aber reden von Frieden und nur einer hat den Mut, offen davon zu sprechen, daß er den Krieg nicht scheue und das Mittel des Krieges auch zur Erreichung seiner Fiele anzuwenden entschlossen sei, und das ist M u s s o l i n i. Wir stehen heute genau wieder in der Situation, wie in den Jahren zwischen 1910 und 1914, in denen unter dem Deckmantel der Friedensfrage und der Friedenskongresse zu dem ungeheuerlichsten aller Kriege gerüstet wurde. Tiefe Sorge darum muß jeden Friedensfreund erfüllen über den schleppenden, ja sogar stockenden Gang der Abrüstungsdebatte in Genf und das umsomehr, als doch gerade der Völkerbund sich unter Proklamierung der Erreichung und Sicherung des Friedens damals etabliert hat. Es ist nicht leicht zu nehmen, daß gerade heute die Vertreter der kleinen Mächte in Genf ihre Stimme erheben und warnen. Wir sollten diese Warnungen nicht ungehört lassen.
Und noch eins: Amerika ist immer noch nicht im Völkerbund, auch Rußland nicht. Zwischen Amerika und England vertiefen sich mehr und mehr die Gegensäße. Amerika weiß, was es zu befürchten Hat, wenn ein neuer europäischer Krieg feinen Markt in Europa zerschlägt. Es weiß aber auch, was England an materiellen Interessen bei einem künftigen Krieg verfolgt. Auch nach dieser Richtung hin hat Lord Cecils Abschied und die Begründung, die er dazu gegeben bat, für Alle, die hören und sehen wollen, eine deutliche Sprache gesprochen. In Rußland andererseits rüstet man'ohne allen Zweifel zu einer kriegerischen Auseinandersetzung. Mit wem? Das wird klar, wenn man aus dem Verhalten der russischen Staatsmänner erkennt, daß die heutige russische Politik genau dieselben imperialistichen Ziele verfolgt, wie sie unter der früheren Zarenherrfchaft immer wieder die Welt beunruhigt haben, nur daß heute die Männer gewechselt haben, während die Methoden ganz dieselben geblieben sind.
Weil nun Amerika und Rußland in Genf fehlen, meinen nun diejenigen Mächte, die sich der Abrüstungsidee praktisch verschließen, während sie sich theoretisch zu ihr bekennen, daß sie sich „sichern" müßten. Aber auch das ist nur Vorwand. Und noch dazu ein recht schlechter. Wären sich die europäischen Mächte einig und würden sie ehrlich eine Abrüstung, die nicht die offene Spitze der Vernichtung des Nachbarn hat, betreiben, so wäre Europa unüberwindlich und der Weltfriede wäre gesichert Was jeßi in der Abrüstungsfrage in Genf vorgeht, ist darum nichts anderes als Komödie und Heuchelei. Und wer es gut meint mit deinVölkerbund muß das ungeschminkt aussprechen.
„Dr. Köhler brüskiert die Gewerkschaften". Unter dieser etwas sensationellen Ueberschrift berichtete der „Vorwärts" (Nr. 436) über die jüngste Tagung des sozialistischen Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes. Aus dem Bericht ist zu entnehmen, daß man auf dem Bundeskongreß darüber verärgert war, daß der Reichsfinanzminister „entgegen seiner ursprünglichen Zusage" zu der Tagung nicht erschienen ist. An dieses Nichterscheinen werden bann allerhand kritische Bemerkungen geknüpft, die der Vorsitzende, „Genosse" Falkenberg, in scharf pointierte Formulierungen kleidet. Es ist davon die Rede, daß der Teil des deutschen Volkes politisch trodengetegt werde, dem eine am Ruder befindliche Koalition nicht passe. „Die Schichten der Arbeitnehmer, die nicht übereinstimmen mit der Grundmeinung einer bestimmten Regierungskoalition sollten zur gewerkschaftlichen Abstinenz gezwungen werden" usw. Es ist, so schreibt dazu die „Germania", erstaunlich, derartige Tiraden zu lesen. Denn es ist sowohl dem „Genossen" Falkenberg, wie auch den anderen führenden Herren des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes recht wohl bekannt, daß von irgend einer Ausschließung ihrer Richtung bei den Beratungen über die neue Besoldungsordnung in Wirklichkeit gar keine Rede sein kann. Ein sehr prominentes Mitglied des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes wurde in dem ersten Stadium des Entstehens der Besoldungsordnung, sogar an dem gleichen Tage wie der Vertreter des Deutschen Beamtenbundes, in den Gang der Dinge eingeweiht. Bei den Verhandlungen mit den Organisationen wurde der Allgemeine Deutsche Beamtenbund, obwohl er wese n t l i ch weniger Mitglieder zählt als der Deutsche Beamtenbund, sogar mit der gleichen Personenzahl zugezogen wie der letztere.
Und nun das Nichterscheinen des Reichsfinanzministers auf dem Kongreß. Es kann doch keinem Zweifel unterliegen, daß der Reichsfinanzminister in diesen Tagen nicht etwa privatisiert hat. Es ist vielmehr bekannt, daß er seit Montag unausgesetzt in Verhandlungen mit den Ressorts sowohl wie durch seine Teilnahme an den Kabinetts- "hungen der Preußischen Regierung, gerade zur Vorbereitung der heutigen Kabinettssitzung ununterbrochen tätig war. Schließlich ist diese Arbeit ’m Interesse der Gesamtbeamtenschaft denn doch noch wichtiger, als die Anwesenheit auf einem Kongreß. Und endlich hat in dieser Zeit der Tag o " ch
Die Zustimmung Preußens zur neuen Besoldungsreform ist s o gut wie sicher, wenn auch über einige Positionen noch Meinungsverschiedenheiten bestehen, die aber nicht wesentlicher Natur sind.
Die bayerische Regierung hat bisher zu der Beamtenbesoldungsfrage offiziell noch nicht Stellung genommen. Die offizielle Korrespondenz der Bayerischen Volkspartei erklärt, daß Bayern außerstande sei, die durch die Uebernahme der Reichsregelung für feine Staatsbeamten entstandene Mehrbelastung von 65 Millionen Mark selbst zu tragen. Das Reich möge die Mittel liefern. Auch der bayerische Städtebund hat in einem Schreiben an den Reichsfinanzminister erklärt, daß ihm die Durchführung der Besoldungsreform ohne entsprechende Aenderung des Finanzausgleichs u n m ö g- l i ch erscheint. Der Bayerische Bauernbund (liberal) lehnt überhaupt jede Erhöhung der Gehälter in den oberen Besoldungsgruppen ab.
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lieber die Frage: B e s o l d u n g s r e f o r m und Kinderzulagen wird uns vom Reichsbund der Kinderreichen geschrieben:
Verschiedene Gerüchte und Pressenachrichten lassen befürchten, daß bei der kommenden Besoldungsreform die Kinderzulagen eine Vernachlässigung erfahren werden, wodurch insgesamt eine relative Verschlechterung für die kinderreichen Beamtenfamilien eintreten würde. Diese Befürchtungen haben den Reichsbund der Kinderreichen veranlaßt, den Herrn Reichsfinanzminister erneut in einer Eingabe aufdieNotderkinderrei- chen Beamtenfamilien hinzuweisen. Dieselbe ist unbestreitbar und wird auch nach der Erhöhung der Grundgehälter bleiben, wenn nicht gleichzeitig die Kinderzulagen einen erheblichen Ausbau erfahren. An dem deutschen Nachwuchs, der unter dem noch immer wachsenden Geburtenrückgang leidet, hat die Beamtenschaft mit ihrer dürftigen Durchschnittskinderzahl einen erschreckend geringen Anteil. Aber auch diese geringe Durchschnittskinderzahl wird nur durch die wenigen kinderreichen Familien aufrecht erhalten. Wir sind daher der Meinung, daß die Erhaltung dieser wenigen kinderreichen Beamtenfamilien eine Notwendigkeit darstellt, und daß eine Besoldungsreform, die Dauerzustände schaffen soll, hierauf Rücksicht nehmen muß. Bei der Bemessung der Zulagen muß man nach unseren Anschauungen von dem Gesichtspunkt ausgehen, daß in jeder Familie die Kinder so erzogen und ausgebildet werden, daß bei entsprechender Begabung im späteren Leben den Lebenskreis des Vaters erreichen. Die daraus zu folgernde Abstufung der Kinderzulagen scheint uns auch deshalb richtig, als gerade die Gleichheit der Kinderzulagen eine der größten Gefahren der Kinderzulagen überhaupt zu fein scheint, die sich in der eingangs als möglich erörterten Vernachlässigung schon auswirkt.
Anzeiger für die Skadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Areisblall
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Das Gesamtergebnis der Wahlen zum Völkerbundsrat wird von der Deutschen Diplomatischen Politischen Korrespondenz für den Völkerbund und angesickts der durchaus auf die allgemeinen Ziele und Ideale des Paktes eingestellten Völkerbundspolitik Deutschlands auch für das Deutsche Reich als zufriedenstellend bezeichnet. Während die drei neuen Ratsmitglieder teils wegen des persönlichen Einflusses ihrer Delegierten, teils wegen der von ihnen vertretenen Strömungen eine Bereicherung des Völkerbundsrates bedeuten, ist besonders das Ausschalten Belgiens zu bedauern. Daß die Mächte von Locarno das Verbleiben Vanderveldes im Rat lebhaft geroün!rhi hatten, ist ein offenes Geheimnis, denn er hatte stets feinen ganzen Einfluß aufgeboten, um den Dölkerbundsidealen zu entsprechen, den Weltfrieden zu fördern und eine objektive Verständigung zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Gegnern zu ermöglichen.
* Der Reichspräsident von Hindenburg ist nach feiner Teilnahme an den deutschen Flottenübungen mit dem Kreuzer „Berlin" in Königsberg zu einem kurzen Besuche eingetroffen.
* Die Abfindung der Standesherren in Preußen. Wie das „B. T." hört, ist damit zu rechnen, daß die preußische Staatsregierung nunmehr dem am 11. Oktober zusammentretenden Landtag einen Gesetzentwurf in der Angelegenheit der Standesherren unterbreiten wird.
Von einem parlamentarischen Mitarbeiter wird uns geschrieben:
Der Entschluß des Aeltesten-Rates des Reichstags, die Vollversammlung des Reichstags erst zum 17. Oktober einzuberufen, hat namentlich in Kreisen der Opposition scharfe Kritik ausgelöst. Die Sozialdemokratie insbesondere sieht in diesem Beschluß, wie der „Vorwärts" sagt, den Versuch, „aus parteipolitischen Gründen den Reichstag auszuschalten". Der Mehrheit wird vorgeworfen, daß damit „wichtige Volksinteressen vernachlässigt" werden. Das Ganze wird vom „Vorwärts" überschrieben mit dem Titel: „Der Reichstagsscheue Bürgerblock".
Wie liegen die Dinge? Als der Reichstag seinerzeit auseinanderging, hatte man allerdings angenommen, daß in der letzten Septemberwoche di- sogenannte Zwischentagung des Reichstags vor sich gehen könne. Für biete Zwischentagung war die erste Beratung des Reichsschulgesetzes, des Liquida- tionsschäden- und des Beamtenbesoldungsgesetzes vorgesehen. Alle drei Materien sind außerordentlich tchwierig und sie bedingen eingehende Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und den Länderregierungen. Dazu kommen bei den Deam- tenbesoldungsfragen auch noch die notwendigen Erörterungen mit den beteiligten Organisationsgruppen. Bei der Besoldungsreform insbesondere sind es in der Hauptsache die finanziellen Rückwirkungen, die, wie gerade die Erörterungen der letzten Tage zeigen, sehr lebhafte Auseinandersetzungen innerhalb der einzelnen Länder, die sich über die Tragweite der Erhöhungen Rechenschaft geben müssen, hervorgerufen haben.
Daß schließlich bei dem Schulgesetzentwurf mit den materiellen Fragen auch Probleme grundsätzlicher Natur verbunden sind, macht die Beratung dieser Angelegenheit noch um vieles kom- pizierter. So konnte der Schulgesetzentwurf, der augenblicklich den Länderregierungen vorliegt, noch nicht dem Reichsrat oorgelegt werden. Jedenfalls sind die Arbeiten innerhalb des Reichsrats in die- fer Frage noch nicht so weit gediehen, daß eine offizielle Stellungnahme dieser Instanz möglich wäre. Dazu bedarf es nach Annahme der Reichsregierung noch mindestens 3—4 Wochen, so daß vor dem 17. Oktober eine Einberufung des Reichstags nicht erfolgen kann, wenn man die dann vorgesehene Tagung wirklich fruchtbar machen will.
Um eine Zwischen tagung des Reichstags wird es sich dann kaum noch handeln können, da für Anfang November ohnehin der Beginn der Haupttagung vorgesehen war. Da die Strafgesetzbuch-Kommission schon in der nächsten Woche Zusammentritt, außerdem die der sogenannten Zwi- tchentagung dann vorliegenden Gesetze sehr eingehende Ausschuß - Besprechungen notwendig machen werden, wird man damit rechnen müssen, daß der Reichstag mit dem 17. Oktober seine Haupt- tagung aufnimmt und bis zum Jahresende fortsetzt.
Daß bei dieser Sachlache eine „Vernachlässigung der Volksinteressen" zu befürchten wäre, ist ganz ausgeschlossen. Es ist vielmehr gerade durch die systematische Zusammenfassung der Erörterungen und Debatten möglich, den an eine gründliche Erörterung zu stellenden Anforderungen gerecht zu werden. '
Wenn man die Dinge allerdings partewolitisch und vom Standpünkt der Opposition ansieht, so mag man schadenfroh aussprechen, daß die jetzige Vertchiebung den Begin,n heftiger Auseinandersetzungen innerhalb der Koalitions-Parteien selber anzeige. Jedenfalls ist eine solche Auffassung auch schon in der rechtsradikalen Presse zum Ausdruck gekommen. Es ist sicher, daß die kommenden Auseinandersetzungen, die beim Schulgesetz in der Hauptsache prinzipieller Art, bei den übrigen Gesetzen nach der finanz- und wirtschaftspolitischen Seite hin von ausschlaggebender Bedeutung sind, manchen Zwiespalt, der zweifelsfrei innerhalb der Koalitionsparteien steht, scharf in der Oeffentlichkeit hervortreten lassen werden. Dazu kommt, daß diese drei erwähnten Gesetze garnidjt für sich betrachtet werden können, sondern in den Rahmen der gesamten innenpolitischen Orientierung gestellt werden müssen. Das wird notwendigerweise bedingen, daß die gegenwärtige Koalition jetzt ernst ihre Feuerprobe zu bestehen haben wird. Denn es werden eine ganze Reihe von Fragen und Problemen, unter anderem die Flaggenfrage und dergleichen, die in der Zwischenzeit aufgetaucht sind und die durch die verschiedensten Reden und Presse- äußerungen in das hellste Licht der Kritik gestellr wurden, aufzuwerfen und zu bereinigen sein. Es wird sich in der Tat jetzt erweisen müssen, ob die gegenwärtige Koalition diejenige A r b e i t s g e - mein sch ast ist, als die sie sich etabliert hat, und die dabei doch über jene inneren Zusammenhänge und Bindungen verfügt, die notwendig sind, um ihrer Tätigkeit Geltung und Wirkung zu verschaffen.
Richt nur an die gegenwärtigen Koalitions- parteien, sondern auch an die Opposition werden bei Behandlung dieser Dinge in den nächsten Wochen sehr ernste Anforderungen, namentlich hinsichtlich des Verantwortungsbewußtseins gegenüber der Gesamtheit des Volkes gestellt werden.
Die Vesoldungsreforin.
Die Beratungen des Reichskabinetts am Donnerstag über dl? Beamtenbesoldungsreform haben noch zu feiner Verabschiedung der Vorlage durch die Reichsregierung geführt. Die Verhandlungen sind, laut „Deutscher Allgem. Ztg." auf Freitag vertagt werden. Die endgültige Stellungnahme des Reichskabinetts dürfte jedoch, wie mehrere Blätter bemerken, erst erfolgen, wenn auch die volksparteilichen Reichsminister Dr. Stre- semann und Dr. Curtius, die an der bisherigen
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Da; Genfer Wahlergebnis.
Die Wahl der drei neuen nichtständigen Rats. Mitglieder ergab bei 49 gültig abgegebenen Wahl» zetteln: 43 Stimmen für Kuba, 33 Stimmen für Finnland und 26 Stimmen fürKanada, anstelle der drei ausscheidenden Staaten Belgien. Tschechoslowakei und San Salvador, die damit sm die nächsten drei Jahre in den Rat gewählt sind. Weiter erhielten Griechenland 23, Portugal 16, Uruguay 3, Dänemark 3, Siam eine, die Schweiz eine und Haiti eine Stimme. Nach Beeidigung der Wahlhandlung gab der Vertreter Persiens wie in den letzten Jahren bei dieser Ratswahl eine Erklärung ab, wonach die asiatischen Völker Anspruch auf einen Sitz im Rate erheben, Persien als deren Wortführer jedoch im Hinblick auf die komplizierte allgemeine Loge in diesem Jahre von der Geltendmachung de<i Anspruches abgesehen habe und sich vorbehalte, in der kommenden Völkerbundsversammlung darauf zurückzugreifen.
Die Wahlsitzung hatte mit einem kleinen Zwischenfall begonnen. Als Dr. Stresemann und Chamberlain, die zu Wahlprüfern ernannt worden waren, sich gemeinsam auf die Rednertribüne begaben und das Profil zum Saal gewandt, auf 50 Zentimeter Abstand, gleich als ob sie sich zu einer der an diesem Tage viel kritisierten Grvßmächte- konventikel niederließen, einander gegenüber an den kleinen Tischen Platz nahmen, aus denen die Stimmen gezählt wurden, bemächtigte sich der Versammlung derartige Heiterkeit, daß sie zuerst in lautes Lachen und dann in spontanen Applaus ausbrach. Diese Heiterkeit und dieser Beifall steigerten sich noch, als bei den namentlichen Abstimmung Briand an ihrem Tisch vorbeikam und Chamberlain anstatt der ihm entgegengeftredteiz Hand Bricmds dessen Rockzipfel ergriff.
■ den Reichsfinanzminister nur 24 Stunden. Von einer Trockenlegung des Teiles des deutschen Volkes, dem die am Ruder befindliche Koalition nicht paßt, deshalb zu reden, weil der Minister nicht auf dem Bundeskongreß des ADB. erschienen ist, ist, gelinde gesagt, eine recht starke Uebertreibung. Um feres Wissens sind im Deutschen Beamtenbund mehrere hunderttausend Beamte organisiert, die nicht zu den Parteien gehören, die die heutige Regierungskoalition bilden. Der Vorstand des Deutschen Beamtenbundes setzt sich aus Angehörigen aller Parteien zusammen; selbst sozialdemokratische Abgeordnete sind im Deutschen Beamten- bund organisiert und tätig.
Im übrigen scheint nach dem Inhalt der auf dem Kongreß gefaßten Entschließungen der Vor- stand des ADB. doch mehr von der Besoldungsord- nung zu wissen, als wie er sich den Anschein gibt. Die Mitteilungen des Reichsfinanzministers, sowohl gegenüber den Beamtenorganisationen als auch in der Oeffentlichkeit, scheinen deshalb nicht so karg gemeßen zu sein, wie dies in der Kundgebung des ADB. hingestellt wird. Nein, der Grund ist ein ganz anderer! Durch die Gestaltung des Entwurfes ist verschiedenen Herren recht viel Wahlwind aus den Segeln genommen worden. Das ist unangenehm! Man sollte diese Enttäuschung nicht noch dadurch verstärken, daß man in dieser plumpen Weise den Widerstand zu organisieren sucht. Die Beamtenschaft wird hier in ihrer übergroßen Mehrzahl wesentlich anders denken.
binzelnuminer 10 Psg. (mit Mr. Beilage 15 Psg.)
ertung
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