Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt
Ar. 212
Donnerstag, 15. September 1927
Begegnung Chamberlains nnb Mussolinis?
das neue Gehalt der verheirateten Beamten um 10 Prozent zu kürzen.
* Deutsch-spanische Verhandlungen über einen Luftsahrtvertrag. Die deutschen und die spanischen Delegierten für die Verhandlungen über einen Luftfahrtvertrag hielten in San Sebastian eine Sitzung ab, um die Grundlagen für einen solchen Vertrag festzulegen. Die angenommenen Beschlüsse werden den beiden Regierungen zur Genehmigung unterbreitet werden.
Aktivseite übersteigt und die Bilanz des Bundes daher mit Minus abschneidet.
Besondere Beachtung fand der Passivposten des Minderheitenschutzes. Hier liegt ein völliges Des- mteressement des Bundes vor, das noch durch eine unglückliche Aeußerung des Völkerbund-Delegierten Brasiliens, Mello Franko, in seiner passiven Wirkung verstärkt wurde. Er glaubt nicht an die Lösung des Minderheiten-Problems, wenn der Bund nicht energisch Hand ans Werk legt. Eine Entwertung der Grenzen durch völliges Aüfgeben der Zollschranken mit Einbeziehung der vollkommenen Kulturautonomie scheint ihm das Problem nicht der Reife entgegen zu führen. Das ist richtig: Minder. Hellen wollen in ihr Vaterland zurück und nicht einem fremden Staat angehören. Der bisherige Passivposten tn dem Minderheitenschutz kann nur dann zu einem Aktivposten umaestalte/ nwbe»
wtb. Paris, 14. September. (Eig. Funkm.) „Quotidien" berichtet, daß Chamberlain bei einer vön ihm geplanten Reise im Mittelländischen Meere wiederum wie im Jcchre 1926 eine Zusammenkunft mit Mussolini haben werde.
* Die Landtagswahl im Freistaat Hessen ist auf den 13. November festgesetzt worden.
Japan in der Mandschurei.
wtb. London, 14. Sept.' (Eig. Funkm.) „Daily Mail" berichtet aus Tokio, daß in Mukden vorgestern bei einem Zusammenstoß mehrere japanische Polizisten verwundet worden worden seien. Zahlreiche Proteste verlangen die A u s t i l g u n g der japanischen Einwohner. Japan wartet anscheinend, bis die chinesischen Elemente sich in einer derartigen Weise festgelegt haben, daß eine Intervention in den Augen der Welt gerechtfertigt erscheint. Wenn Japan einmal die Mandschurei besetzt habe, werde es sich wohl niemals daraus zurückziehen.
wtb. London, 14. Sept. lEig. Funkm.) „Dally Mail" berichtet aus Peking, die Javaner planen die Auflage einer Anleihe von 16 0 Millionen Den, die zur Weiterführung der Süd- mandschurischenBahn nach der Mongolei dienen sollen. Es bestehe die Absicht, diese Anleihe in New Pork aufzubringen und, wenn dies nicht gelingen sollte, in London.
gruppen erheblich aufgeteilt worden. Aufrecht erhalten wurde auch das Prinzip der Verzahnung, wonach ältere Beamte einer unteren Gruppe im Gehalt den jüngeren Beamten einer höheren Gruppe gleichgestellt werden.
Die Schlüsselung, durch die die Aufstiegsmöglichkeiten der Beamten genau festgesetzt und die von den Beamten deshalb bekämpft wurde, weil die Verhältnisfe bei den Verwaltungen sehr verschieden waren, soll, wie Reichsfinanzminister Dr. Köhler verkündet hat, fortfallen. Dafür wird für besonders qualifizierte Beamte eine Stellenzulage gegeben werden.
Die Frauenzulage von 144 Mark jährlich, ist bei der Berechnung der Erhöhungen zu dem Grundgehalt, wie es in der Reform vom Juni 1924 festgesetzt wurde und auf das noch die im Dezember 1924 gegebene Erhöhung von durchschnittlich 12% v. H. hinzugerechnet worden ist, hinzugeschlagen worden.
Bei den ledigen Beamten soll deshalb eine Verkürzung am Wohnungsgeld-Zuschuß stattfinden, und zwar in der Weise, daß sie in die nächstniedrige Gruppe des Ortsklassenverzeichnifses versetzt werden. Auf diese Weise besteht jedoch für sie die Gefahr, daß sie durch diese Einrangierung die ganze Gehaltserhöhung einbüßen können.
Preußen und die Gehaltserhöhung.
Das preußische Kabinett berät zurzeit über dis Besoldungsordnung. Der preußische Finanzminister Dr. Höpker-Aschoff teilte mit, daß Preußen in der Lage sei, die vorgeschlagene Gehaltserhöhung aus eigeneü Mitteln zu bestreiten.
In der preußischen Kabinettssitzung am Mittwoch sollen die Einzelpositionen der Besoldungsvorschläge durchberaten werden. Nach Ansicht der „B. Z." wird das preußische Kabinett sich dahin entscheiden, den unverheirateten Beamten
ob diese nicht als Völkerbundsmitglied er an diesem Vorhaben sich beteiligt hätten. Hier liegt Scialojas schwacher Punkt in seiner Argumentation.
Cecils Schotten wirkt in Genf nach, und de Jouoenels Schritt hat feine Antwort nunmehr auch von italienischer Seite ausgelöst. Diese Antwort war aber unseres Erachtens nicht richtig England und Japan können sich bei internationalen Konferenzen nicht teilen in Völkerbund- eigenschaft und Nichtvölkerbundeigenschast. Gewiß war diese Konferenz nicht vom Völkerbund einberufen und sicherlich haben die beiden Mächte nicht in ihrer „Eigenschaft als Bundesmitglieder" teilgenommen. Aber der bisherige Gang der ror- bereitenden Abrüstungsarbeiten zeigt genau dasselbe Bild hinsichtlich seiner Wirkung, wie das der Seeabrüstungskonferenz: völliges Fiasko. Es ' ist nicht die Eigenschast, die das Problem löst, sondern der Geist, und es heißt Eulen nach Athen tragen, wenn der Italiener sophistisch sich um das Kernproblem herumzudrücken suchte. Glaubt Scia- loja, daß England und Japan einen anderen, pazifistischeren Geist an den Tag legten, wenn es sich um Völkerbunds arbeiten handlet? Das wäre noch mehr als Illusion!
Italien hat ein gewisses Interesse daran, durch sophistische Deduktionen den Völkern Sand in die Augen zu stteuen. Seine Militärpolitik ist jedenfalls nicht geeignet, Vertrauen in die europäische Polllik einzuflößen, in dem Sinne, daß man sich auf den Völkerbund verlassen könne. Mussolini schätzt die Genfer Einrichtung recht gering ein, und Scialojas Aufgabe war es, diese italienische Einschätzung durch rhetorische Gesten wett zu machen.
Das polnische Passivum für den Völkerbund wurde zum italienischen Aktivum, und das italienische Aktivum wurde wiederum zum Passivum der Kleinen. Diese hatten in der Generaldebatte sich besonders heftig gegen die Tätigkeit des Bundes und zum Teil gegen seinen organisatorischen Aufbau gewandt. Wenn der Norweger H a m- b r o und der Lette E i e l e n s so begeisterten Beifall m der Versammlung fanden, so lag das daran, daß sie den Völkern aus der Seele gesprochen hatten. Besonders die norwegische Regierung ließ durch ihren Repräsentanten unzweideutig zum Ausdruck bringen, daß vollkommene Enttäuschung in die Arbeiten des Bundes das einzig richtige Werturteil sei. Mag sich auch der norwegische Redner vielleicht von starken Impulsen haben treiben lassen und mag auch, geschichtlich gesehen, die Abrüstungsarbeit des Bundes tatsächlich nicht von beute auf morgen zu lösen sein: einen Kern von Wahrheit enthielt seine Kritik dennoch.
In einem Punkte kam sie der holländischen Kritik sehr nahe: Die kleinen Staaten wünschen eine größere Sicherheit gegen den Krieg. Polen hielt sich noch im Hintergrund, Ungarn drängte vorwärts. In allem waren sie einig: Bankrott des Bundes in der Abrüstung.
Darüber hilft auch die Sophistik des Italieners nicht hinweg. Palastrevolution war eingezogen ins Genfer Haus. Sie wurde noch gekrönt durch die diplomatisch ungemein vornehme, aber geschickte Rede des Patriachen der Diplomaten Europas, des Grafen Apponyi. Das, was er dem Völkerbund und seinen bisherigen Regisseuren ans Herz legte, war von sehr gutem Willen eingegeben und verfehlte seine Wirkung nicht. Der Geist der heutigen internationalen Verträge ist ungerecht und revolutioniert die Welt, muß sie revolutionieren, weil die Volker ungleich behandelt sind und Ungleichheit n i ch t zum Frieden führt, sondern zu Krieg. Es fehlt der Arbeit des Bundes das psychologische Moment: Einmal das Vertrauen, dann aber auch der wahre F r i e d e n s g e i st. Europa und die Welt horchen auf. Hier sprach ein Stück mitteleuropäischer Geschichte und Politik. Des Grafen Ausführungen belasteten das Passivkonto des Bun- des ganz erheblich. Nur in denn Gelingen der Wirtschastskonfercnz sieht er das einzige Äkttvum, während die Passivseite des Kontos erheblich die
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.
Politik und Gewalt.
kein Aftenkal auf den König von Spanien.
Die im Auslande verbreiteten Nachrichten über ein Attentat auf den König von Spanien sowie eine Unterbrechung der Telphonverbindung nach Spanien beruhen auf freier Erfindung. Die Telephonvervindung Paris—Madrid sst vollkommen intakt. Wie Havas aus Barcelona meldet, besuchte der König von Spanien am Dienstag die Regatta in San Sebasttan. Am Nachmittag wohnte er Tenniswettkämpfen in Zaraus, einem kleinen Badeort etwa 20 Kilometer von San Sebastian entfernt, bei.
Havas berichtet aus Madrid, daß General Primo de Rivera dort eingetrofsen sei.
• Drr pariser Attentäter.
Der Italiener, der den italienischen Vizekonsul in Paris erschossen hat, heißt Serge di Motz u g n o , ist 25 Jahre alt, von Beruf Zementierer und stammt aus Seregliola. Die polizeiliche Haussuchung hat kein Ergebnis gehabt. Es wurde lediglich ein Exemplar der antifaschistischen Zeitung „Libertia" gefunden.
Der „Mattn" will berichten können, daß nach Auskunft der italienischen Polizei Di Modugno, der das Attentat gegen den italienischen Vizekonsul in Paris begangen hat, Beziehungen zu ausländischen Kommuni st en, namentlich zu zwei italienischen unterhalten hat, die am 1. September aus Frankreich ausgewiesen rotrrben sind. Unter diesen befindet sich der Abgeordnete Di V i t t o - r i o, der im gleichen Hotel wie Modugno gewahrst haben soll.
Todesurteile in Tauroggen.
Im Zusammenhang mit dem Putschversuchs in Tauroggen ist dort ein Standgericht eingesetzt worden, das, nach einer Meldung der „Voss. Zsta." aus Kowno, sechs an dem Putsch beteiligte Studenten zum Tode verurteilte. Das Urteil wurde bereits vollstreckt. In einer weiteren Sitzung des Standgerichts wurden fünf an dem Aufruhr beteiligte Personen gleichfalls zum Tode verurteilt.
Dos Urteil in dem Leningrader Spionageprozeß.
wtb. Moskau, 13. Sept. (Tel. Ag. d. Sowjetunion). (Eig. F'.mkm.). Die Begründung zum Urteil der Leningrader Session des Kriegskollegiums des Obersten Gerichtshofes gegen die 26 Spione und Terroristen betrachtet es als festgestellt, daß englische Spionageorgane seit 1918 eine eifrige Spionagetätigkeit auf dem Boden der Sowjetunion trieben und sich dazu einzelner Mitglieder der weißen Emigranten bedienten. Nach Erwähnung der Frage der Mittäter und Angeklagten hat das Gericht bei den 9 zum Tode Verurteilten festgestellt, daß „ihre verbrecherische Tätigkeit eine besonders Gefahr bildet, namentlich in Anbettacht der Tatsache, daß die Spionagetätigkeit Englands sich in der letzten Zeit intensiv verstärkt hat." Der Gerichtsfpruch ist endgültig und tritt am Donnerstag abend in traft.
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* Die Erhöhung der Getreide- und Mehlzölle ttt Oesterreich. Aus Wien wird gemeldet: Im Zollausschuß des Nationalrat wurden die Zollerhöhung auf Weizen, Roggen, Gerste und Hafer gegen dis Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Hierauf ging der Ausschuß an die Erörterung des Mehlzolles. Die Sozialdemokraten wandten sich scharf gegen diese Position, weil dadurch den Konsumenten zu hohe Lasten auferlegt würden.
* Stapellauf eines französischen Ankerseebootes. In Le Havre ist ein Unterseeboot vom Stapel gelaufen. Das Ministerium hat zwei weitere Unter- seeboote von 630 Meter Länge in Auftrag gegeben.
* Grenzüberschreitung durch karabinieri. Die Blätter berichten aus Nizza, zwei Karabinieri eines italienischen Grenzpostens haben sich am Sonntag in voller Uniform, allerdings ohne Waffen, auf französisches Gebiet begeben und in der Ortschaft Belvedere Lokale besucht. Eine Untersuchung sei eingeleitet.
Die innere Lage Polens.
Wie aus Warschcm gemeldet wird, hat der Aettestenrat des polnischen Landtages beschlossen, die erste Sitzung des Landtages auf Mon- tag, den 19. September, anzuberaumen. Zur Beratung gelangen die Selbstverwaltungsgesetze, die Presse Verordnung des Staatspräsidenten usw. Am Dienstagabend begaben sich der Senatsmarschall und der Sjemmarschall zum Staatspräsidenten und haben darauf hingewiesen, daß die E i n b e r u s u ng der beiden Häuser mit einer nach den Bestimmungen der Verfassung nicht zu rechtfertigenden Verzögerung erfolgt sei.
Nach ben in Berlin vorliegenden Informationen aus Genf rechnet man nicht mehr damit, daß die angekündigte Besprechung der Locarnomächte noch stattsinden wird. Der Grund dieses Verzichtes dürste darin zu suchen fein, daß man gewisse Mißstimmungen der kleinen Mächte, die in den letzten Tagen verschiedentlich zum Ausdruck gekommen sind, nicht noch vermehren möchte. Zum anderen ist anzunehmen, daß die Fragen, die die Locarnomächte besonders interessieren, bereits in den Eiwelbesprechungen zwischen den Außenministern geklärt worden sind.
Entgegen den bisherigen Dispositionen wird übrigens Chamberlain erst am Samstag abretfen, um dann seinen Urlaub am Mittelmeer zu verbringen. Mit der Rückkehr des Reichsaußenministers Dr. Strafe mann wird für Anfang oder Mitte nächster Woche gerechnet. Der Zeitpunkt hangt davon ab, welchen Verlauf die Verhandlungen m der Abrüstungskommission nehmen. Das 93er=. halten Polens wird dafür bestimmend sein, ob diese Verhandlungen schnell vonstatten gehen, oder ob man wieder vor derselben Situation steht wie am Anfang.
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Das erste Siebenkage-Werk ist vollbracht, aber der Völkerbund ruht deswegen nicht, er arbeitet weiter. Dieses Weiterarbeiten wird ihm umso eher möglich sein, als die während der Generaldebatte zutage getretene Methodik der Beurteilung seiner Arbeit recht gut getroffen war.
Der polnische Vorstoß war zweifellos nicht nur von der Idee geleitet, über den Pakt von Genf hinaus Sicherheiten für den Frieden zu erlangen. Noch ein anderer tiefer Kern scheint in ihm gesteckt zu haben: Die Furcht Polens, daß der Wlkerbund mit feiner inzwischen wieder stark gewordenen Gehe-imtziplomatie zum Werkzeug der Großmächte herabsinken könne, und daß bei dieser Prozedur die kleinen Staaten naturgemäß schlecht abschneiden würden. Wird Deutschland, so sagte sich Polen, nicht in die englische Antirußland-Front einschwenken, und wird England dafür als Preis nicht vielleicht die Korridorfrage aufrollen Helfen, da ja der Artikel 19 des Paktes dazu die Möglichkeit gibt? Polens Absicht war über den Pakt hinaus gerichtet, aber bewußt nicht gegen den Pakt. Das Aktivum feiner Handlung lag darin, daß es weitere Friedensgarantien schaffen wollte, aber tatsächlich nur in passivem Sinne gewirkt hat. Und darin liegt das Resultat des polnischen Vorgehens, das eine subjektiv gut gemeinte Absicht, objektiv gesehen, das Ge g e n t e i l von dem erreicht hat, was sie bezweckte: eine Stärkung der Paktbestimmungen.
Das Passivkonto des Bundes ist erhöht worden durch das Mißtrauen, welches die polnische Regierung gegen seine Grundbestimmungen hegt. Der geschickte Italiener S c i a l o j a , der Veteran des Bundes, hat diese schwache Seite der Polen sofort erkannt und daher auch unter ostentativem Beifall Chamberlains erklärt, daß doch in dem Pakt genügend Mittel zur Kriegsverhütung enthalten feien, und daß man sie nur anzuwenden brauche, um einen Widerspenstigen zur Räson zu bringen. Das polnische Vorgehen sei das denkbar ungünstigste. Denn es erwecke bei den Völkern den Stauben, daß der Pakt nur ein Stück Papier sei, und derartiges sei, zu verwerfen.
Gegenüber der Rede des Griechen Polstis war die Ausführung Scialojas sicherlich eine Entlastungsoffensive im Hinblick auf die verschiedensten >eftigen Angriffe der Meinen Staaten. Doch man ’tarf nicht vergessen, daß Scialoja mit teilweise recht sophistischen Argumenten gearbeitet hat. E» ist ein objektiv unrichtiges Spiel der Kräfte, die Teilnahm- Englands und Japans an der See- abrüstuttgskonf ereoz so auszulegen, als
Die Befolöungsreform.
Die Ankündigungen des Reichsfinanzministers Z)r. Köhler auf der Beamtentagung in Magdeburg über die Grundzüge der von ihm beabsichtigten neuen Befoldungsreform hat allenthalben stärkste Ueberrafchung hervorgerufen. Das „Verl. Tageblatt" nennt die Darlegungen des Ministers „ein Programm, das alle Erwartungen übertrifft". Auch sonst kann man sich der Großzügigkeit der Reform, insbesondere aber ihres sozialen Grundzugs, nicht verschließen. Selbst die sozialdemokratische Presse muß das zugeben, wenn sie auch sonst alles mögliche noch zu bekritteln versucht.
Am meisten erfreut zeigt sich die Oeffentlichkeit von der Erklärung des Finanzministers, daß er hoffe, diese neuen erheblichen Lasten ohne Er- höhungderSteuern tragen zu können. Mi- nister Köhler hat freilich auch sofort die Grenze dieser Möglichkeit aufgezeigt. Sie liegt darin, daß nicht diese Erhöhungen, die die Beamten erhalten sollen, nun anderweitig zum Anlaß genommen werden, um eine Teuerungswelle hervorzurufen. Der Wunsch ist gut. Welche Mittel aber hat man, um eine derartige Entwicklung zu verhüten? Schon jetzt melden sich Bestrebungen der verschiedensten Art, die im Hinblick auf die Besoldungserhöhungen für die Beamten nun auch in den Kreisen der Privatbeamten und Singe ft eilten, vor allem aber auch in den Kreisen der Arbeiterschaft auf eine Erhöhung der Einkünfte wirken. Nun wird mit Recht geltend gemacht, daß die Beamten feit dem Jahre 1924, also seit drei Jahren, ohne Erhöhungen geblieben sind, während in diesen drei Jahren sich die Gehaltsskala für die übrigen Schichten doch wesentlich nach oben bewegt hat. Würde im Verfolg der Beamtenbesoldungserhöhun- gen eine allgemeine Bewegung zur Erhöhung der Gehälter und Löhne eintreten, dann würden die letzten Dinge schlimmer sein als die ersten. Es wäre dann allen keine Wohltat erwiesen, sondern die Erhöhungen würden zu einer Quelle von Verdrießlichkeiten, ja sie würden letzten Endes das ganze Lebensniveau nicht erhöhen, sondern verkümmern. Eine Steigerung des Preisniveaus im Hinblick auf die Steigerung des Lohnniveaus wäre das Gefährlichste, was es geben könnte, denn nach allen Erfahrungen, die in diesen Dingen immer wieder gemacht worden sind, würde bann eine Verringerung der Kaufkraft eintreten und dann würden letzten Endes die Erhöhungen vollständig in ihrer Wirkung aufgezehrt fein.
Die Reichsregierung wird in der Tat mit Eifer und Ernst danach streben müssen, daß eine der- artige Entwicklung verhindert wird. Schon heute hören wir das böse Wort von einer neuen Inflation. Es ist geprägt worden, als damals von der Reichspost als einem öffentlichen Unternehmen eine Gebührenerhöhung vorgefchlagen und durch- gesetzt wurde. Inflation geht zurück auf eine Verminderung der Kaufkraft des Geldes, die durch die allgemeine Erhöhung der Preise hervorgerufen wird.
Die Regierung wird scharfeMaßnahmen dagegen treffen müssen, daß die von ihr bewilligten Zulagen für eine Bevölkerungsschicht, die mit am dringendsten dieser Kräftigung ihres Einkommens bedarf, nicht anderwärts dazu benutzt wird, um durch eine allgemeine Anspannung der Preise die beabsichtigten Wirkungen zu sabotieren.
Wenn die Regierung, wie sie erklärt, die Z» Wendungen ohne Erhöhung der Steuern vornehmen kann, dann entfällt auch jeglicher Grund für die Erhöhung des Preisniveaus. Von der Reichsregierung muß man erwarten, daß sie sich diese Zu- sfammenhänge gut überlegt hat und sicher ist, daß keine Gefahren bestehen.
Die Gehallssähe.
Nach dem (übrigens vom Reichskabknett noch nicht endgültig angenommenen) Entwurf des Reichsfinanz. Ministers über die Besoldungsreform werden sich die Gehälter der Reichsbeamten künftig in folgender Welse gefallen:
Gruppe 1: Heizer, Hauswarte, Postboten, Jahres- gehalt 1500 bis 2200 Mark. Dienstdauer für die Erreichung des Höchstgehaltes 20 Jahre.
Gruppe 2: Botenmeister, Amtsgehilfen, Postschaffner 1500 bis 2200 Mark. Dienstdauer für die Erreichung des Höchstgehaltes 20 Jahre.
Gruppe 3: Betriebsassistenten, Oberbotenmeister 1600 bis 2300 Mark, Höchstgehalt nach 20 Jahren.
Gruppe 4: Kraftwagenführer, Kanzleiafsistenten 1700 bis 2600 Mark, Höchstgehalt nach 20 Jahren.
Gruppe 5a: Assistenten 1900 bis 2700 Mark, Höchstgehalt nach 20 Jahren.
Gruppe 5b: Postbetriebssekretäre 1700 bis 2700 Mk., Höchstgehalt nach 16 Jahren.
Gruppe 6: Postsekretäre 2200 bis 3400 Mark, Höchstgehalt nach 16 Jahren.
Gruppe 7: Oberwerkmeister 2400 bis 3500 Mark, Höchstgehalt nach 14 Jahren.
Gruppe 8: Ministerial-Kanzleisekretäre 2200 bis 4200 Mark, Höchstgehalt nach 16 Jahren.
Gruppe 9a: Expedienten der Reichsmittelbehörden 3000 bis 5700 Mark, Höchstgehalt nach 20 Jahren.
Gruppe 9b: Obersekretäre 2800—5000 Mark, Höchstgehalt nach 20 Jahren.
Gruppe 10: Amtmänner 4800 bis 7000 Mark, Höchstgehalt nach 12 Jahren.
Gruppe 11a: Regierungsräte bei Reichsmittelbehörden 4200 bis 7800 Wart, Höchstgehalt nach 20 Jahren.
Gruppe 11b: Zollräte, Amtsräte, 4800 bis 7600 Mark, Höchstgehalt nach 14 Jahren, mit Ministerialzulage 8400 Mark.
Grupp« 12a: Oberräte und Regierungsröte bei Reichs- mittelb «Hörde» 5400 bis 9600 Mark., Höchstgehalt noch 1< Jahre«.
Gruppe 12b: Regierungaeöt« in Ministerien 4800 bi» 8400 Mark, Oberräte-Zulag« von 1200 Mark.
Gruppe 1,: «ivisterialräte 8400 bi, 12 600 »ist, Höchstgehalt nach 8 Jahre».
Di« 18 bisher bestehenden Besoldungsgruppen sind heil» «halte», «btt durch Einschiebung von Unter- *
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