Anzeiger für die Stabt Aulda unb ben Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
7lr. 207.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nc. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.
Freitag, 9. September 1927.
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54.Zahrg.
Um die Seele des Völkerbünde;.
Der Völkerbund macht gegenwärtig eine schwere Krisis durch. Noch weiß man nicht, ob diese zu seiner Gesundung oder zu seiner weiteren Schwächung führt. In einen akuten Zustand ist diese Krisis jetzt durch den Vorstoß des holländischen Delegierten getreten. Wie sich dieser Vorstoß des Holländers praktisch auswirken wird, darüber ist im Augenblick noch nichts zu sagen, vielleicht nur das eine, daß die holländischen Absichten gegenwärtig kaum durchdringen werden. Die Frage stellen, ob es zu bedauern oder zu begrüßen ist,' wenn dem holländischen Vorschlag vorläufig der Erfolg versagt bleibt, heißt mitten hineinstoßen in den Sitz der Krankheit des Völkerbundes.
Bekanntlich ist es seit langem der Kummer, um nicht mehr zu sagen, der kleineren unter den im Völkerbund vertretenen Staaten, daß die Praxis der Völkerbundspolitik eine Form angenommen hat, die eine aktive Einflußnahme der kleineren Staaten so ziemlich unmöglich macht. Lord Cecil hat es kritisiert, und er bat mit seiner Kritik, die in der Hauptsache auf die Chamberlainschen Methoden gerichtet war, durchaus recht, wenn er sagt, daß der Völkerbund etwa seit den Tagen von Locarno unter Führung Englands wieder zu jener Politik der geheimen Abmachungen und der kleinen Konventikel zurückkehrt sei, die man für so verhängnisvoll In der Vorkriegs- und der unmittelbaren Nachkriegszeit erklärt hat. Bei diesen Besprechungen hinter verschlossenen Türen und bei den Verhandlungen von Kabinett zu Kabinett war es eine unausbleibliche Folge, daß die großen Pro- dl/rrne, die die Großmächte interessierten, im Vordergründe des Wünschens und Wollens standen, und daß die Kleinen zusehen mußten, wie sie mit Ihren oft nicht minder schweren Angelegenheiten zu Worte kamen.
Der Wunsch innerhalb des Völkerbundes zu Worte zu kommen, ist für die kleinen Mächte nicht nur eine platonische Angelegenheit. Sind sie es doch, die durch die Tatsache, daß sie nicht aktiv mitraten können, zu Objekten der Politik der Großmächte werden, und das kann unter Umständen verhängnisvoll fein. Nun kommt in diese Situation die holländische Fanfare hineingetönt, die auf das Grundmotiv abgeftimmt ist: Zurück zum Genfer Protokoll. Der Zusammenhang und damit die Bedeutung des Genfer Protokolls mit und für den Wunsch der kleinen Mächte, aus der Isolierung herauszukommen, wird klar, wenn man sich einmal daran erinnert, was das Genfer Protokoll eigentlich wollte. Das Genfer Protokoll vom Jahre 1924 wollte etwas Entscheidendes zur Befriedigung Europas und zur allgemeinen Abrüstung zustande bringen. Und so wurde am 2. Oktober 1924 beschlossen, allen Mitgliedern des Völkerbundes ein „Protokoll für die friedliche Regelung internationaler Konflikte" vorzulegen. Zu einer allgemeinen Unter» Zeichnung ist es aber nie gekommen, da gerade um diese Zeit die große Wende in der volitischen Praxis der Großmächte eingetreten ist. Der Zweck des Protokolls war, durch genaue Einzelbestiw- mungen einen Zustand zu schaffen, der die Herabsetzung der nationalen Rüstungen auf ein Minimum ermöglichen sollte.
Wie sich in der Zwischenzeit die Dinge entwickelt haben, wissen wir nur all zu gut, als daß hier des Näheren darauf eingegangen zu werden brauchte Man versteht auch, daß die kleinen Mächte fürchten, in einen verhängnisvollen Zirkel hineinzugeraten, wenn die Dinge so wettergehen, wie es feit Jahren der Fall ist. Das Snstem von Bündnissen, wie es England in den letzten Jahren geschaffen hat, das im übrigen im wesentlichen darauf beruht, eine Gruppe von Mächten gegen die andere auszuspielen, ist in nichts unterschieden von der imperialistischen Machtpolitik der Vorkriegszeit. Wie es bis jetzt heißt, wird England sich in schärfster Weise den holländischen Absichten
Iec wlmmler beim ReichUWenlen.
wtb. Berlin, 8. Sept (Eig. Funkrn.). Reichspräsident von Hindenburg nahm heule, Donnerstag morgen, den Vortrag des Reichskanzlers Dr. Marx entgegen. *
Im Anschluß an den Katholikentag fand in Dortmund unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Marx eine Versammlung der ParteiVorstände der Zentrumspartei statt. Die Verhandlung war streng vertraulich. Im Verlaufe der Aussprache wurde u. a. der Fall Wirt besprochen.
Zur Beamtenbesoldung.
Der am 5. September ds. Js. in Dortmund tagende erweiterte Reichsbeamten beirat der deutschen Zentru ms Partei hat folgende Entschließung einstimmig angenommen:
„Der Reichsbeamtenbeirat der deutschen Zentrumspartei hält eine baldige Verabschiedung der neuen Beamtenbefoldung für dringend erforderlich. Für die Beamten in Reich, Ländern und Gemeinden, sowie der Deutschen Reichsbahn, ist durch dis Reichsbesoldungsordnung Einheitlichkeit sicherzustellen. Bei der Reform sind in erster Linie soziale Gesichtspunkte in den Vordergrund zu stellen, wobei alles zu vermeiden ist, was k l a s s e n b e t o- n< nden Charakter hat oder dem Aufstiegsgedanken hindernd ist. Die soziale Not, die heute alle Beamtenschichten durchsetzt, muß endlich behoben werden. Dementsprechend sind die Grundgehälter ausreichend zu erhöhen. Die Zeitdauer für die Erreichung des Höchstgehaltes ist herabzusetzen.
Die große Not in den kinderreichen Familien verlangt die Beibehaltung der Kinderzuschläge nach einheitlichen Gesichtspunkten.
Die Reform muß sich in dem gleichen Maße auch auf die Ruhe- und W artestandsbell m t e n und Hinterbliebenen erstrecken.
Die Beamtenbesoldungsreform muß getragen sein von einem wirklich christlich-sozialen Geiste, damit sie sich zum Wohle der Beamten, aber auch zum Wohle von Volk und Staat auswirkt.
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Mehrere Blätter wissen Einzelheiten über die neue Beamtenbesoldungsordnung mitzuteilen. Da
widersetzen. Von Frankreich jedoch nimmt man an, daß dieses geneigt sein wird, der Parole „Zurück zum Genfer Protokoll", Beistand zu. leisten. Aber auch das geschieht nicht um der schönen Augen der kleinen Mächte willen, sondern es geschieht lediglich aus dem Grunde, nun seinerseits die kleinen Mächte in die Hand zu bekommen und jene Politik fortzusetzen, die unter dem Namen Randstaatenpolitik für Frankreich bis Locarno möglich gewesen war.
Der holländische Ruf nach der Rückkehr zum Genfer Protokoll heißt nun im Gegensatz zu den Bestrebungen der beiden großen Akteure, Frankreich und England, daß wirklich jene ideale Formung der Völkerbundspolitik vollzogen wird, die die aufrichtigen und ehrlichen Anhänger des Völkerbundsgedankens sich und der Welt wünschen. Der Kampf wird in der jetzigen Tagung nicht bis zu Ende ausgefochten werden, aber das heißt nicht, daß er nicht doch zu Ende geführt werden m u ß. Es geht um die Seele des Völkerbundes, und da ist es wohl für uns in Deutschland klar, wofür wir uns grundsätzlich ent» icheiden, nämlich dafür, daß der Völkerbund wirklich ein Völkerbund und nicht eine Interessengemeinschaft von Großmächten ist. So klar diele grundsätzliche Stellungnahme dazu ist, so wenig klar und so wenig schwierig ist es für uns. durch die Wirbel der sich überschneidenden Interessen un-
nach soll in erster Linie den wirtschaftlich schwächsten Beamtengruppen eine finanzielle Hilfe zugedacht sein. Es wird von Aufbesserungen zwischen 10 und 22 Prozent gesprochen. Es sollen 14 Gehaltsgruppen mit Parallelgruppen und außerdem acht Einzelgehaltsgruppen geplant sein. Der Frauenzuschlag soll in das Grundgehalt eingebaut werden, während der Kinderzuschlag besonders sein soll. Die Alterszulagen sollen statt von zwei zu zwei von drei zu drei Jahren gegeben werden. Das Höchstgehalt soll erst nach 21 Jahren erreichbar sein. Die Regelung der Ortszuschläge soll im wesentlichen unverändert bleiben, ebenso scheint an dem Woh- nungsgeldzuschuß nichts geändert zu werden. Für Beamte auf besonders wichtigen Dienstposten sollen pensionsfähige Stellenzulagen geschaffen werden, eine Regelung, gegen die sich die Beamtenschaft mit aller Entschiedenheit wendet.
Die Beratungen des preußischen Finanzministers mit den Beamtenvertretern der Landtagsfraktionen über die Bereinigung der noch bestehenden Differenzen zwischen Reich und Preußen in der Besoldungsreform haben am Mittwoch noch keine Klärung gebracht.
Die Beamfenoertrefcr beim Reichssinanzminister
wtb. Berlin, 8. Sept. (Eig. Funkrn.). Wie das Wolffbüro erfährt, haben heute vormittag die angekündigten Besprechungen des Reichsfinanzmini- fters Dr. Köhler mit den Vertretern der Beamtenorganisationen begonnen Damit werden die Verhandlungen über den Entwurf der Besoldungsreform in ihr akutes Stadium übergeleitet. Am morgigen Freitag wird sich die Konferenz der F i n a n z m i n i st e r der Länder beim Reichsfinanzminister anschließen. Nachdem so die Länder Gelegenheit gehabt haben, ihren Standpunkt und ihre Wünsche zum Ausdruck zu bringen, wird der Entwurf dann am Samstag das Kabinett beschäftigen. Für Sonntag wird bekanntlich die Rede erwartet, in der Dr. Köhler in Magdeburg nähere Mitteilungen über Inhalt und Umfang der Bessldungsreform zu machen beabsichtigt.
gefährdet hindurch zu kommen. Augenblickich will es scheinen, als ob Deutschland regelrecht zwischen den Stühlen sitzt. Eine Rückkehr zum Genfer Protokoll im französischen Sinne zeigt ganz fern die drohenden Umrisse eines Ostlocarnos. Folgen wir dagegen Englands Spuren, so ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, in einen antiruffifdjen Ring eingespannt zu werden, was für uns ebenfalls nicht ganz ungefährlich ist. Das Ringen um die Seele des Völkerbundes und fein Ausgang wird auch für uns von weit- tragender Bedeutung fein.
Preußen und die Berliner Hotels.
Das preußische Ministerialblatt veröffentlicht einen Runderlaß des Ministers des Innern und des Finanzministers, in dem das Schreiben des preußischen Mnisterpräsidenten an die Staat-mini- fter über das Verhalten Berliner Hotels in der Flaggenfrage wiedergegeben wird..
Entsprechend diesem Schreiben wird nunmehr angeordnet, daß die nachgeordneten Behörden und ihre Beamten in den in dem Schreiben von dem preußischen Ministerpräsidenten aufgeführten Hotels amtliche Veranstaltungen nicht abhalten und sonstige Veranstaltungen dort in amtlicher Eigenschaft nicht besuchen dürfen.
Durch Wüste und Wildnis.
Roman von Heinrich Slenkiewicz.
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So saßen sie eins neben dem anderen inmitten der ausgebreiteten Aeste und warteten, bis der Morgen dämmerte. Nach Verlauf von einigen Stunden wurde die Luft kühler und es hörte auf zu regnen. Das Wasser floß anscheinend bereits den niedrigeren Stellen zu, denn man vernahm weder ein Plätschern noch ein Rauschen. Stasch hatte in den vorhergehenden Tagen bemerkt, daß Kali selbst aus nassen Zweigen Feuer anmachen konnte. Es fiel ihm daher ein, dem Neger zu befehlen, hinunter- zusteigen und zu versuchen, ob es ihm vielleicht gelänge. Aber in dem Moment, wo er sich ihm zuwandte, geschah etwas, was allen vieren das Blut in den Adern erstarren machte.
Die tiefe nächtliche Stille unterbrach plötzlich der Schrei eines Pferdes, ein Schrei voll Schmerz, Furcht und tödlicher Angst. Man vernahm ein dumpfes Stöhnen, Aechzen, dann ein zweiter durchdringender Schrei, noch schrecklicher als der erste. Dann wurde es still.
„Die Löwen, großer Herr, die Löwen töten die Pferde," flüsterte Kali. Es lag so etwas Fürchterliches in diesem nächtlichen Ueberfall, in dieser Uebermacht der Ungeheuer und diesem plötzlichen Morde von wehrlosen Tieren, daß Stasch einen Moment starr wurde und auf /ein Gewehr vergaß. Was hätte ihm auch das Schießen in dieser Dunkelheit genützt? Höchstens hätten die nächtlichen Räuber, vom Licht und Lärm erschrocken, die bereits getöteten Pferde verlassen und wären jenen nachgeeilt, die sich zerstreuten und soweit vom Lager davonliefen, als ihre gefesselten Füße gestatteten.
Stasch überrieselte es kalt bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn sie unten geblieben wären. Die an ihn geschmiegte Kleine bebte derart, als hätte sie schon den ersten Fieberanfall. Aber der Baum schützte sie wenigstens vor dem Ueberfall. Kali hatte ihnen allen das Leben gerettet.
Cs war eine schreckliche Nacht, die schrecklichste während der ganzen Reise.
Sie saßen wie nasse Vögel auf den Zweigen und horchten, was unten vorgehe. Eine Weile herrschte tiefe Stille. Dann vernahm man ein Brummen und ein Geräusch wie Schmatzen und Schlucken von abgerissenen Fleischstücken, wie auch den schnarchenden Atem der Scheusale. Der Geruch von rohem Fleisch und Blut drang bis zum Baum, denn die Löwen hielten ihren Schmaus nicht weiter als zwanzig Schritte von der Seriba entfernt.
Und sie schmausten solange, daß Stasch schließlich der Zorn packte. Er griff nach dem Gewehr und schoß nach der Richtung, von welcher das Geräusch herdrang.
Aber es antwortete ihm nur ein unterbrochenes zorniges Gebrüll. Dann vernahm man das Krachen der von den mächtigen Kiefern zermalmten Knochen.
Im Hintergrund schimmerten blau und rot die Augen von Hyänen und Schakalen, die warteten, bi? sie an die Reihe kamen.
Und so verflossen langsam die nächtlichen Stunden.
25.
Die Sonne ging auf und beleuchtete das Dschungel, das Dickicht der Bäume und den Wald. Die Löwen waren verschwunden, sobald der erste Strahl am Horizont erglänzte. Stasch hieß Kali Feuer machen und Mea Nels Sachen aus dem ledernen Sack, in welchen sie eingepackt waren, herausnehmen, trocknen und das Kind so schnell wie möglich umkleiden. Er selbst nahm das Gewehr und ging fort, um das Lager zu besichtigen und gleichzeitig die Verwüstung anzusehen, die das Gewitter wie auch die beiden Mörder verursacht hatten.
Gleich hinter der Seriba, von welcher nur die Pflöcke übrig geblieben waren, lag das erste Pferd, beinahe bis zur Hälfte aufgefressen, etwa hundert Schritte weiter das zweite, kaum begonnen, und gleich daneben das dritte mit aufgerissenem Bauch und zerschmettertem Schädel. Alle drei boten mit ihren int Tod erstarrten, offenen Augen und den herausstehenden Zähnen einen entsetzlichen Anblick. Der Boden war zertreten und in seinen Vertiefungen befanden sich Lachen voll Blut. Stasch packte ein
derartiger Zorn, daß er sich beinahe wünschte, der zottige Kopf des nächtlichen Räubers möchte aus dem Dickicht hervorlugen, damit er eine Kugel nach ihm senden könnte. Er mußte aber die Rache auf später verschieben, denn er hatte jetzt etwas anderes zu tun. Es hieß die anderen Pferde wieder finden und einfangen. Der Knabe vermutete, sie müßten sich int Walde versteckt haben, wie auch Saba, dessen Leiche nirgends zu finden war. Die Hoffnung, daß der treue Gefährte der Not nicht die Beute der Raubtiere wurde, erfreute Stasch, und seine Freude steigerte sich noch, als er den Esel wiederfand. Es stellte sich heraus, daß das kluge Langohr sich nicht einmal zu einer langen Flucht bequemen wollte. Er verkroch sich einfach in den äußersten Winkel der Seriba und wartete dort ab, was weiter geschehen würde, im gegebenen Fall bereit, dem Ueberfall mittels heldenhaften Ausschlagens der Hinterfüße zu trotzen. Allem Anschein nach hatten ihn die Löwen nicht einmal bemerkt, und als die Sonne wieder hoch stieg, hielt er es für geraten, sich niederzulegen und nach den dramatischen Eindrücken der Nacht auszuruhen.
Während Stasch um das Lager herumstreifte, fand er endlich Spuren von Pferdehufen. Die Spuren führten in den Wald und bogen in die Schlucht. Dies war günstig, denn das Einfangen der Pferde in der Schlucht war nicht schwer. Einige Schritte weiter fand er eine Fessel im Gras, welche eines der Pferde während der Flucht zerrissen hatte. Es mußte so weit davongelaufen fein, daß man es momentan für verloren hielt. Dagegen erblickte Stasch die zwei anderen hinter den niedrigen Felsen, nicht in der Schlucht selbst, aber an ihrem Rand. Das eine wälzte sich herum, das andere fraß von dem jungen, hellgrünen Gras. Beide schienen entsetzlich müde, wie nach einem langen Ritt. Ader das Tageslicht verscheuchte die Angst aus ihrer Brust und sie begrüßten Stasch mit einem kurzen, freundschaftlichen Wiehern. Das Pferd, welches sich herumwälzte, sprang in die Höhe, wobei Stasch bemerkte, daß auch dieses sich seiner Fessel entledigt hatte, aber zum Glück lieber bei den Gefährten blieb, als weiter zu flüchten.
Dortmund.
Rückblick und Ausblick.
Atif dem Dortmunder Katholikentag ist in der feierlichen Schlußversammlung von dem Präsidenten Dr. h. c. Adam Stegerwakd und von dem Hochwürdigsten Herrn Bischof der Diözese Paderborn, Dr. Klein, in besonders herzlichen Dankes- toorten auch der Mitarbeit der katholischen Presse an der Auswertung der glänzenden Tagung gedacht worden. Man kann wohl zugeben, daß in der Tat an der Berichterstattung über einen Katholikentag, wie es der in Dortmund war, viel Schweiß hastet. Die Feststellung soll nicht etwa unbescheidenes Rühmen sein; im Gegenteil, sie sei Entschuldigung für die von jedem teilnehmenden katholischen Journalisten empfundene Unzulänglichkeit in der Wiedergabe des Gesamteindrucks einer solchen Tagung durch die journalistischen Mittel. Es ist schon unendlich schwer für einen Einzelnen, mit der Gewalt und der Mannigfaltigkeit der Eindrücke einer solchen Tagung seelisch fertig zu werden. Noch viel schwerer ist es, ihnen zur Darstellung zu verhelfen und am schwersten, es fertig zu bringen, daß diese Darstellung auch rechtzeitig ht der fernen Heimat zum Drucke befördert wird. In den Parlamenten, wo annähernd ähnliches von den Journalisten zustande gebracht werden muß, hat man die Dauereinrichtung großer Fernsprechanlagen. In den Tagungsräumen eines Katholikentages kann nur notdürftig für diese Hilfsmittel gesorgt werden. In den kritischen Stunden des heimatlichen Redakttonsschlusses sind dann diese Anlagen bis aufs äußerste in Anspruch genommen und jeder Beteiligte sucht mit aller Energie seinen Bericht an Ort und Stelle zu leiten. Da ist es dann unvermeidlich, daß viele Schönheitsfehler unterlaufen und in der Zeitung die Festmesse desVor- mittags zu einer „Nachmittagsveranstaltung" wird ober, wie es der Vossischen Zeitung passierte, der Ambrosianische Lobgesang, der m stimmungsvoller Weise am Ende der Tagung von den 15000 Teilnehmern gesungen wurde, im Bericht als „Deutschlandlied" erscheint. Aus der technischen Not geboren ist auch die von vielen Zeitungen geübte Mechanisierung der Berichterstattung über ben Katholikentag. Es werden dort nach dem Manuskript des Redners sämtliche Reden wörtlich zum Abdruck gebracht, ein Verfahren, bei dem dem Leser nicht das geboten werden kann, was er verlangen muß, die Wiedergabe des Eindrucks, den der Vortrag auf die Hörer gemacht hat.
Aber nicht nur bezüglich der Berichterstattung stellen die Katholikentage schwierige Aufgaben. Auch die Durchführung der Tagung selbst, besonders wenn sie solche Ausmaße hat wie in Dortmund, stellen ganz neuartige schwere Probleme dar. Wo sollen die Teilnehmer wohnen? Wo sind Gaststätten, um solche Massen zu verpflegen? Die Frage der Tagungsräume! Dortmund hatte die gewaltige Westfalenhalle. Aber mit kleineren Sälen, wie sie für Nebenversammlungen nötig sind, war es in der Nähe der Halle schlecht bestellt. Eine vorzügliche Sstaßenbahnorganisation und das gute Wetter sorgten dafür, daß in der Beförderung zwischen Stadt und Festhalle nicht die Schwierigkeiten austauchten, die auch auf diesem Gebiete im Rahmen der Möglichkeit liegen. Nun die Versammlungen selbst: Zu 15 000 Zuhörern, in einer Riesenhalle unter gebracht, kann man nicht unmittelbar von Mund zu Ohren reden, wie man' es in den Versammlungen aller früheren Jahre hin konnte. Der Redner kann nicht auf das Hilfsmittel des Lautsprechers verzichten. Die Erfindung des Lautsprechers macht dem menschlichen Geiste hohe Ehre. Der Lautsprecher hat es ja ermöglicht, daß bei dem Gottesdienst am Sonntag in der Dortmunder Kampfbahn die Predigt des Bischofs von 120000 Personen mühelos und Wort für Wort verstanden
Stasch ließ beide unter dem Felsen zurück und ging an den Rand der Schlucht, um sich zu überzeugen, ob die Weiterreise möglich sei. Da sah er, daß das Wasser schon abfloß unb der Grund beinahe ttocken war. Augenblicklich fesselte ein weißer Gegenstand seine Aufmerksamkeit, den ein Windstoß hierher getragen und so ins Dickicht verschlagen hatte, daß das Wasser ihn nicht fortschwem- men konnte. Es zeigte sich, daß dies das Dach des Zeltes war. Es sicherte der kleinen Nel doch einen besseren Schutz als die in Eile aus Zweigen zusammengesetzte Baracke, und Stasch freute sich sehr über seinen Fund.
Aber seine Freude wurde noch größer, als aus einer unter den Lianen verborgenen Nische Saba heraussprang, der zwischen den Zähnen ein Tier hielt, dessen Kopf und Schwanz zu beiden Seiten seiner Schnauze herunter hingen. Der mächtige Hund erkletterte im Augenblick die Höhe und legte eine gesprenkelte Hyäne mit zerschmettertem Rücken und einem abgebissenen Bein zu Staschs Füßen nieder. Dann wedelte er mit dem Schweif und bellte freudig, als wollte er sagen:
„Ich war feig, aber auch ihr saßet wie Perlhühner auf eurem Baum! Du siehst aber, daß ich die Nacht nicht vertändelt habe. "
Und er war so stolz, daß Stasch ihn kaum bewegen konnte, das übelriechende Tier auf der Stelle liegen zu lassen und es Nel nicht als Geschenk mitzubringen. Als beide zurückkehrten, brannte im Lager schon ein mächtiges Feuer und in den Geschirren brodelte das Wasser, in welchem die Körner der Durra, zwei Perlhühner und geräucherte Streifen von Gnu-Antilopenfleisch kochten. Nel war schon in trockenen Kleidern, sah aber so blaß und mager aus, daß Stasch erschrak und sie bei der Hand nahm, um sich zu überzeugen, ob sie kein Fieber habe.
„Was fehlt dir, Nel?" fragte er.
„Nichts, Stasch, ich möchte nur gern schlafen."
„Das glaub' ich dir. Nach einer solchen Nacht! (Sott fei Dank, hast du kalte Hände. Ach, was war das für eine Nacht! Es ist natürlich, daß dv ©rhrnf haft, ich auch. Aber fühlst du dich nicht krank?"