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Anzeiger für die Stabt Fulda unb ben Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblalk.

7lr. 204.

Erscheint sechsmal wöchentlich. WochenbeNygen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.

Dienstag, 6. September 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JUL, auswärts 0,20 Reklamezeile: lokal 0,60 JU, auswärts 0,80 JUL. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051.:<

54.Zahrg.

Die Cagung der deutschen Katholiken in Dortmund.

Imponierender Verlauf des ersten Tages. Lieber iooooo Teilnehmer am Jestgottesdienft.

Dortmund, den 4. Sept. 1927.

Fast das ganze Abteil desWestfalen-Zuges", mit dem man über Gießen verhältnismäßig schnell aus dem Fuldischen Buchenland nach Dortmund ins Land der Roten Erde kommt, war am Sams­tag vormittag von Fuldaer Katholikenlagsbe­suchern gefüllt. Die Jugend überwog freilich. Daß aber neben dem jungen Studenten, der das Ban­ner seiner Verbindung bei dem Festzug tragen sollte, auch zwei junge katholische Handwerker aus Fulda waren, die mit freudigem Herren zu der großen katholischen Veranstaltung fuhren, war eine Feststellung, die freudigste Gefühle auslöste. Also die Zeit engen Materialismus ist nun auch für den Handwerkerstand im Fuldaer Land vorbei. Schon finden sich wieder junge Handwerker, die zu solchen idealen Kundgebungen eilen, wie sie in Dortmund stattfinden. Mögen den jungen Freun­den, die unsere Reisebeglester waren, in kommen­den Jahren recht viele Fuldaer Handwerker fol­gen zur Teilnahme an der großen Kundgebung oer kacholischen Gemeinschaft.

In Dortmund fanden wir eine Stadt int Feiertagskleid. Die Stadt der rastlosen Ar­beit hat es nicht leicht, Feiertagsgewand anzu- legen. Zu sehr ist sie auf werktätiges Schaffen ab- gestellt. Aber überall winken Fahnen: vorab in gelb-weiß, den kirchlichen Farben, in rotweiß, den Westfalenfarben, und auch viele in den Farben des Reiches, schwarz-rot-gold. Abends erstrahlen die katholischen Gotteshäuser der Stadt in hellem Licht großer Scheinwerfer. Durch die Sttaßen, vom stattlichen Bahnhof her, ziehen große Menschen- Massen zur Westfalenhalle hin, wo die Begrüßung stattfinden soll. Uns Journalisten hat beretts am Nachmittag derAugustinusverein zurPflege der katholischen Presse zusammengerufen zu einer

wichtigen politischen Aussprache.

Es ging in erster Linie um das Rekchsschul- gesetz. Die ablehnende Stellungnahme Dr. Wirths und Adam Röders zu dem Gesetzentwurf wurde in Gegenwart des Reichskanzlers und sehr zahl­reicher hervorragender Parlamentarier mit einem Referate des Reichstagsabgeordneten Rheinländer einer Besprechung unterzogen. Die Meinung war vollständig einheitlich. Röders und namentlich Dr. Wirths Haltung wurde mit aller Entschiedenheit verurteilt. So deutlich ist über die Eigen­willigkeit Wirths in Zentrumskreisen wohl noch nicht gesprochen worden. Namentlich auch der Sprecher Badens, Wirths Heimat, fand Worte tiefften Bedauerns über Witths politische Unbe- sonnmheit. Nach diesem Meinungsaustausch darf wohl bezüglich der Ansichten Mrths in Frage Reichsschulgesetz zur Tagesordnung überge- gangen werden.

Die Begrüßungsversammlung in der Westfalenhalle, von Tausenden besucht, war stim­mungsvoll von musikalischen und gesanglichen Dar­bietungen umrahmt. Es sprach außer dem Präsi- dentm des Lokalkomitees der Vertteter des Diö­zesanbischofs, ferner der Dortmunder Oberbürger­meister, der als evangelischer Christ warme Aner­kennungsworte für den Kacholikentag fand,^Ober- Präsident Gronowski, der Namens der Staats­regierung die Tagung begrüßte und dann Vertteter der verschiedenen Länder. Besonderer Beifall fand ein Gruß aus Amerika, aus der Schweif, aus der Tschechoslowakei und aus Ungarn, wo überall deutsche Katholiken mit Stolz auf die Dortmunder Kacholikentagung hinbllcken.

Der Sonntagnachmittag hat uns ein Schauspiel erleben lassen, wie es die Geschichte der deuffchen Katholikentage, die wahrlich reich ist an glanzvollm religiösen Kundgebungen, noch nicht gekannt hat. Auf der KampfbahnRote Erde", dem Stadion Dortmunds, haben sich mehr als 100 000 Katholiken zu einem feierlichen Gottesdienst zusammengefunden. Noch keine Stadt hat für die­sen Gottesdienst eine solche ideale Stätte zur Ver­fügung gestellt. Noch feiten sind wohl auch solche Massen zusammengesttömt. Was war das ein Bild: Studenten.Arbeiter, Kaufleute, Handwerker, Bergknappen, dann die unübersehbare Schar der Neudeutschen und Quickborner, die Junaftauenver- eine, auch zahlreiche Mannschaften der Reichswehr­regimenter aus dem Westfalenland, geschmückt wie die andern Testteilnehmer mit Bischof Kettelers Bild als Festabzeichen. Tausende von Fahnen wehen über den Massen. Hoch erhebt sich der Altar im Glanz seines Schmuckes. Er erbraust die Musik und ein Riesenchor singt das: Tu es Pettus und später das Heiliggeistlied, worauf der Diözesan­bischof, Bischof Dr. Klein-Paderborn mit Hilfe des Lautsprechers seine Predigt beginnt. @r spricht von dem sozialen Königtum Christi, der sozialen Botschaft des Gottessohnes, die unsere Zeit hören muß, wenn sie nicht untergehen will. In ein Treugelöbnis zur Kirche klingt die packende Predigt aus und in tiefer Ergriffenheit singen die Hun­derttausend das Lied:Fest soll mein Teufbund immer stehen." Dann nimmt das hl. Meßopfer, das der päpstliche Abgesandte, Nuntius Pacelli darbringt, seinen Anfang. Die Menge folgt in würdiger Haltung der Feier, die mit dem gemein­samen Lied:Großer Gott, wir loben dich" be­

Sonderbericht der Fuldaer Zeitung.

endigt wird. Es dauert stundenlang, bis sich die Kampfbahn wieder geleert hat.

*

In der ersten geschlossenen Sitzung, die um 12 Uhr begann, übernahm Ministerpräsident c. V. Adam Stegerwald auf Vorschlag des Katho­likenkomitees das Präsidium der Dortmunder Ta­gung. Als dem Führer der katholischen Arbeiter wird ihm diese hohe Ehrung zuteil. Ferner sind int Präsidium Baden, Bayern und der deutsche Osten sowie die Frauen vertreten. Die geschlossene Versammlung nahm die herkömmliche Protesttesolu- tion gegen die Aufhebung des Kirchen­staats und eine weitere Entschließung an, worin die Sicherung der Bekenntnisschule durchein Reichsschulgesetz dringend gefordert wird.

Die bedeutsame

Entschließung zur Schulfrage

hat folgenden Wortlaut:

Die 66. Generalversammlung der deutschen Katho­liken bekennt sich aufs Neue zu der unumstößlichen Grundforderung des katholischen Volkes:Katholi­sche Schulen für katholische Kinder". Sie erblickt in der Bekenntnisschule die beste Voraussetzung für die christliche Erziehung der Jugend und für die sittlich-religiöse Erneuerung unseres Volkes. In voller Uebereinstimmung mit ihren Vorgängerinnen und mit der ehrenvollen Tradition der gesamten katholischen Be­wegung in Deutschland erhebt sie die Forderung, daß diese Sicherung in der Gesetzgebung des Reiches und der Länder fest reranfert werde.

Aus Anlaß der bevorstehenden Verhandlungen über ein Reichsschulgesetz richtet die 66. Generalversammlung im Namen der katholischen Eltern und in Wahrung de- ren heiliger Rechte die eindringliche Mahnung an alle katholischen Mitglieder des Reichstages, mit Einsatz aller Kräfte das Gesetz im Sinste der berechtigten ka­tholischen Forderungen zu gestalten und seiner Lösung zuzustimmen, die nicht wenigstens die volle Gleichbe- rechtigung der Bekenntnisschule mit anderen Schularten gewährleistet."

Um 5 Uhr fluten die Massen zur

ersten öffentlichen Versammlung.

Bis auf den letzten Platz füllt sich die Riesen­halle zu der gewaltigen Kundgebung. Viele Tau­sende sind durch den schönen Frühherbstsonntag zur Westfalenhalle gekommen. Wie freut man sich, wenn man in diesem unübersehbaren Menschen­gewimmel auch einer großen Anzahl Fuldaer - Landsleute und manchen heimatlichen Freunden, die durch das Schicksal in andere Winkel des Va­terlandes verschlagen hat, die Hand drücken darf. Alle, die wir treffen, stehen noch ganz unter dem Eindruck der religiösen Feier des Vormittags. Solche Massen zum Ausdruck letzter religiöser Er­griffenheit und Hingabe zusämmengefaht hat Deutschland noch nicht gesehen. Den ganzen Tag künden die Größe dieser Tagung auch die Straßen Dortmunds, durch die sich immer wieder Wahl­lose Gruppen mit Fahnen und Musik zu den ver­schiedenen Versammlungslokalen bewegen. Und nun das überwältigende Bild der Westfalenhalle am Nachmittag. Nur der Erfindung des Laut­sprechers ist es zu danken, daß technisch eine solche Riesentagung durchführbar ist. Auf der Ehren­bühne die führenden Männer des katholischen Deutschlands aus Klerus und Laienwelt. Begei­sterungssturm, als Nuntius Pacelli erscheint! Wür­dig und fesselnd ist die Rede, mit der der Präsi­dent der Tagung, Adam Stegerwald, die Versammlung eröffnet. Häufig unterbrachen ihn Beifallskundgebungen. Den Kern seiner Darlegun­gen bildete eine Skizze der deutschen Sozialpolitik und der Rolle, die Bischof von Ketteler in bet» geistigen Werdegang der Sozialreform gespielt hat. Dom Ketteler-Geist soll der Katholikentag getragen sein. Begeisterungsstürme durchbrausten die Halle als Stegerwald die Ehrengäste einzeln willkommen hieß, zunächst Nuntius Pacelli und Bischof Dr. Klein von Paderborn. Minutenlang wurde der österreichische Bundeskanzler Prälat Seipel durch Hochrufe geehrt, ähnl^ auch Reichskanzler Dr. Marx. Die Bedeutung der Tagung kennzeichnet die Anwesenheit folgender Kabinettsmitglieder: Finanzmlnister Dr. Köhler, Reichsarbeitsminister Dr., Brauns, die preußischen Minister Hirtsiefer, Steiger und Schmitt, des bayerischen Ministerprä­sidenten Dr. Held, des bayerischen Sozialministcrs Oswald, des badischen Staatspräsidenten Trunk.

Bischof Dr. Klein (Paderborn) begrüßte dann in einer überaus warmherzigen und begeisterten Ansprache als Oberhirt der Diö­zese die Katholikenversammlung.

Die seelische Haltung der Tagungsteilnehmer, so führt er aus, sei ein Beweis für das Treueoerhält- nis zwischen den Gläubigen und den Bi­schöfen. Dieses Verhältnis fei'so alt wie die Kirchs selbst und werde stark bleiben wie sie. Keine Macht auf Erden sei stark genug, um sie zustören, denn diese überirdischen Beziehungen seien auf dem Boden des Klaubens begründet. Der Redner überbrachte dann die Grüße des deutschen Episkopates, der vor kurzem in Fulda tagte. Er hob weiterhin die Verdienste des Apostolischen Nuntius hervor, der sich mit weit aus« schauendem Blicke seiner Mission in Deutschland widmet. Bei diesen Worten wurden dem Nuntius erneut l e b- hafte Dnationen zuteil. Bischof Klein sprach dann über die Grundgedanken des Tagesprogramms. Er dankte dem Zentralkomitee, daß man dieser Tagung ei­nen sozialen Stempel gegeben habe dadurch, daß der Name Ketteler das ganze Programm kröne, der

Name einer wahrhaft säkulären Gestalt. In Ketteler sei der Geist der Grundsatztreue, der Selbstlosigkeit, der werktätigen Näch­stenliebe zum Vorbilde für alle Zeiten lebendig gewesen. Der Bischof schloß mit den Worten:Alles für und mit Gott! Dann ist alles geadelt, und alles hat Ewigkeitswert. Gott die Ehre! Uns die Arbeit, uns das Kreuz!"

Es folgten dann die beiden ersten großen Referate. Iefuitenpater C o h a u s z sprach überDas Welt­geschehen im Lichte des Gottesglaubens", Prälat K a a s über dieAufgaben der katho­lischen Kirche in Deutschlan d". Wir werden über den Inhalt der beiden Vorträge noch berichten.

Hierauf richtete

Nuntius pacelli

folgende Ansprache an die Versammlung:

Noch klingen in meinem Herzen die Feierstunden nach, die ich soeben in Deutschlands ältester Bischofsstadt, dem durch die einzigartigen Erinnerungen religiöser und pro­faner Natur ehrwürdigen Trier, inmitten einer glau­bensfrohen und christustreuen Bevölkerung durchleben durfte, die zu Taufenden aus Stadt und Land herbei- geÄlt war, um unvergeßliche Tage der Erhebung und Erbauung am Apostelgrabe zu begehen.

Als ich bann hier im Lande derroten Erde" den Fuß auf den Boden fetzte, da war das Bi!d ein anderes. Da rauchten die Essen, da ratterten die Zechen, da glüh­ten die Hochöfen, da brandete mir von allen Seiten das donnernde Lied der Maschinen und Eisenhämmer ent­gegen. Und während ihr Lied mir in die Ohren gellte, während ein Gefühl der Bewunderung in mir aufstieg für die ungebrochene Geistes- und Lebenskraft dieses Volkes, die hier in diesemKönigreich der Maschine" zum Ausdruck kommt, da

grffanben vor meiner Seele die ungezählten Tau­sende, die hier in der Fron der Maschine stehen und von dem harten Brot der Arbeit leben.

Nachdem ich vollends die Hüttenleute und Bergknappen mit eigenen Augen am Werken sah, stand das kärgliche, freudsarme, trosthungrige Dasein des Arbeiters noch stär­ker und schmerzlicher vor mir. Und für einen Augenblick kam mir der Zweifel: Ist an dieser ruhelosen Stätte Raum und Muße für so bedeutungsvolle Tage des Nach­denkens und der Selbstbesinnung, wie sie Katholikenver­sammlungen sind und sein sollen? Wird das hohe Lied von Gott und Ewigkeit, der hehre Ruf von Christus und Kirche imstande sein, den Lärm des Alltags zu durch­dringen und sich in würdiger Weise zur Geltung zu bringen?

Heute, wo der Werktag schweigt, wo ich die gewaltige Menge der Andächtigen gesehen, die am Morgen bei der feierlichen Pontifikalmesse Christus, dem König, huldig­ten, wo der imposante Festzug der katholischen Vereine und Organisationen in glänzender Parade die Kraft und Stärke des katholischen Gedankens in aller Oeffentlichkeit bekundet hat, jetzt, wo ich hier in dem gigantischen Rund­bau der Westfalenhalle die unübersehbare Schar katho­lischer Männer und Frauen erblicke, die aus Deutsch­land und seinen Nachbargebieten zusammengeströmt sind, da weiß ich es:

Dortmund Ist der geeignete Ort gerade für die dies­jährige Heerschau der deutschen Katholiken.

Kettelers Gedächtnis, des sozialen Bischofs, den Papst Leo XIII. feinen großen Vorgänger in der Arbei­terfrage genannt hat, ist diese Tagung geweiht, sein Geist soll sie beseelen, seine Gedanken in ihr lebendig und fühl­bar werden. Wo könnte das aber wirksamer geschehen als in der Metropole des Industriebezirks, wo die Pro­bleme sozialer Natur in ihrer ganzen Gröhe und Schwere, in ihrer ganzen schicksalhaften Bedeutung für den Auf­stieg ober Abstieg des katholischen Gedankens auf deut­schem Boden sich mit gebieterischer Wucht in den Vorder­grund drängen. Ketteler ist an die Lösung der sozialen Frage herangegangen mit einem Herzen, in dem wahre Liebe und aufrichtige Hochachtung zu dem arbeitenben TOenfdjenbruber lo= bette. Er, ber abelige Sproß westfälischer (Erbe, hat ein Beispiel katholischen Brubersinnes gegeben, vor bem aller unchristliche Klassen- unb Kastenstolz in sich zusammen­bricht. Aber so stark wie bie Liebe unb bie Sorge um ben arbeitenben Mitmenschen in seinem Herzen brannte, ebenso stark war sein Glaube unb seine innerste Ueberzeugung, daß die wahre und endgültige Lösung der sozialen Frage nur möglich sein werde auf dem Boden des Christentums, in inniger Verbundenheit mit der Kirche Christi, deren Lehre und Führung auch auf diesen Wegen unentbehrliche Vor­aussetzung für die gesicherte Erreichung des erstrebten Zieles ist.

Nicht als ob die Kirche die Aufgabe hätte, die unmit­telbare Führung des Wirtschaftslebens zu übernehmen. Wohl aber verkündet und behauptet sie, wie für alle Ge­biete menschlichen Zusammenlebens, so auch für das derWirtschaft, unverrückbaresittliche Nor- m e n, die als Leuchttürme aus dem stürmischen Meer der sozialen Probleme aufragen, Leuchttürme, deren Licht­bahn jeder Versuch und jede Form einer Heilung der so­zialen Not einzuhalten hat. Die katholische Idee ver­langt von dem Arbeiter ehrliche und gewissenhafte Pflicht­erfüllung und prägt seiner im Geiste des Christentums ausgeübten Standestätigkeit das leuchtende Adelszeichen eines gottgewollten und gottgeweihten Berufes auf. Ge­rade darum aber

wäre es gegen das innerste Wesen des christlichen Gedankens, wenn der arbeitende Menschenbruder zum Sklaven, zum Objekt ber Wirtschaft herabge­würdigt würde.

Gerade hieraus ergibt sich wiederum bie Forberung, baß bie Wirtschaft ihren sittlichen Sinn erfülle: ber Wohl­fahrt aller Volksgenossen zu bienen, jebem Raum zu lassen für ein menschenwürbiges Dasein, für ein bescheibenes Glück am eigenen Herb, im eigenen Heim.

Jeboch ber soziale Appell ber Kirche an bie Gesellschaft von heute wirb ungehört verhallen, wenn ihm nicht eine starke Gefolgschaft ersteht von katho­lisch bentenben Unternehmern, von katho­lisch bentenben Arbeitern, von Familien, in denen bie heranwachsenbe Generation mit ber ganzen Glut und Innigkeit katholischen Lebens durchwärmt wirb.

Katholische Sozialpolitik ist nur möglich im Rahmen ziel- unb wegbewußter katholischer Kulturpolitik. Ein ver­hängnisvoller Irrtum wäre es, zu meinen, bie Federun­gen ber religiösen Kultur in Familie, Schule unb Kirche könnten heute zurücktreten hinter ben brängenben Pro­blemen bes Sozial- unb Wirtschaftslebens, rein wirtschaft­liche Maßnahmen könnten imftanbe sein, bie brückende Not ber Menschheit zu überroinben.

Wilhelm Emanuels großer Geist möge Ihre Beratun­gen unb Verhanblungen beherrschen. Aus dem Grabe noch ruft er Ihnen ein Doppeltes zu: Einmal:

Lösung der Gegenwartsoufgaben aus der Kirche und mit der Kirche.

So wie ihm bie von Christus festgelegte Verfassung der Kirche, ihre Wahrheiten, ihre Dogmen etwas unbedingt Gegebenes und Unverrückbares und darum Ausgangs­punkt und Fundament jeder Besserung und Heilung der Menschheits- und Gesellschaftsverhältnisse waren, so muß die Kirche auch Ihnen ein Unbedingtes 'ein. Sie darf Ihnen nie und nimmer zum Problem werden. Und dann vergessen Sie Kettelers zweiten Ruf nicht:

Seid einig!

Einigkeit war Ihrs siegreiche Waffe im Kampfe ver­gangener Jahrzehnte. Einigkeit ist die erste Voraus­setzung einer erfolgreichen Tätigkeit in der Gegenwart. Wenn Sie einig und treu zu Christus und feiner Kirche halten, erarbeiten Sie Ihrem vielgeprüften Volke eine Zukunft, über ber als glückverheißenbe Zeichen diese vier Güter stehen: Glaube unb Reinheit, Friebe und Freude.

Mit diesem aus innerstem Herzen kommenden Wun­sche spende ich Ihnen allen im Nomen des glorreich regierenden Heiligen Vaters Pius XI. ben Apostoli­schen Segen.

Der Präsident Stegerwald brachte im Anschluß an die Rede des Vertreters des Papstes folgendes

Telegramm an den Hl. Baler

zum Vorschlag:

Die in Dortmund im Zeichen bes sozialen Bi­schofs v. Ketteler tagende 66. Generalversammlung der deutschen Katholiken grüßt in tiefster Ehrfurcht den Nachfolger bes hl. Petrus auf bem bischöfli­chen Stuhl zu Rom, gelobt im Namen bes ganzen katholischen Volkes bem Heiligen Vater unerschüt­terliche Treue unb freudigen Gehorsam und bittet ehrerbietigst um den Apostolischen Segen. Durch Einstimmen in ein begeifertes Hoch auf ben Heili­gen Vater brachte bie Versammlung ihr (Einoer» ftänbnis mit bem Telegramm zum Ausdruck.

2tn den

Reichspräsidenten v. Hindenburg

wunde folgendes Ergebenheitstelegramm gesandt: Die 66. Generalversammlung Ner deutschen Ka­tholiken in Dortmund bittet ben Herrn Reichspra- fibenten, treudeutsche Grüße ber deutschen Katho­liken entgegenzunehmen, zugleich mit bem Gelöbnis, in vaierlänbischer Hingabe mitzuarbeiten an bem inneren unb äußeren Aufstieg unseres Volkes.

Auch dieses Ergebenheitstelegramm besiegelten die Massen mit einem freudig aufgenommenen Hoch auf den Reichspräsidenten.

Vie große Nrbeiterkundgebung.

Um 2 Uhr nachmittags begann am Sonntag in der großen Halle der Westfaleyhalle eine große Kundgebung der katholischen Arbeiter Westdeutsch­lands. Der riesige Raum war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Kundgebung leitete Arbeiter­sekretär R i e s i n g e r-Gladbeck und sein Stellver­treter, Arbeitersekretär Ruh e-Essen.

Eine große Zahl hervorragender Persönlichkei­ten war erschienen, u. a. der Präsident des Lokal­komitees, Stadtrat Dr. Kaiser, Wohlfahrtsminister Hirtsiefer, der bayerische Sozialminister Oswald, Reichskanzler Dr. Marx, Reichspostminister a. 2. Giesberts, Reichsratsmitglied Dr. Lensing, Ober­präsident Gronowski und mehrere Abgeordnete.

Mit stürmischem Beifall wurden ebenso wie Reichskanzler Marx, Nuntius Pacelli, Erzbischof Pisani und Bischof Dr. Kaspar Klein bei ihrem Erscheinen in der Versammlung begrüßt.

Hirtsiefer, Oswald, Dr. Kaiser, Bischof Dr. Klein, Ministerpräsident a. D. Stegerwald und der Prä­sident des Katholikentages richteten herzliche und zu Herzen gehende Worte an die Arbeiter, die wie­derholt durch donnernden Beifall ihre Zustimmung gaben und ihre Genugtuung zum Ausdruck brach­ten.

Ganz besonders wurde Reichskanzler Dr. Marx begrüßt, als er zu einer kurzen Ansprache das Rednerpodium betrat. Er gab seine Bewunde­rung kund über die Größe dieser Arbeiterkundge­bung und des Katholikentages überhaupt, richtete Worte der Ermunterung an die Versammelten, sagte ihnen, daß er dem Reichspräsidenten v. Hindenburg Bericht darüber erstatten würde, daß hier in Dortmund eine so fast unüber­sehbare Menge katholischer deutscher Arbeiter ein Bekenntnis für ihre Kirche und für die deut- sche Republik ablegten. Er könne versichern, daß der Reichspräsident sich herzlich darüber freuen werde.

Dann nahm Mons. W a l t e r b a ch das Wort zu seiner Rede, in der er etwa Folgendes ent­wickelte: Arbeit ist Segen. Wer arbeitet, hat keine Ahnung, was es heißt, arbeitslos zu sein. Weib und Kind, die Familie, das ist das Glück des Ar­beiters. Bischof Ketteler sei Wegweiser und P f a d s i n d e r für die Lösung der Arbeiterfrage.

Die Versammlung fand darauf mit einem ge­meinschaftlichen Liede ihr Ende.