Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Stabt Fulda unb ben Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 197.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk. :-:

Sonntag, 28. Angnst 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 5UI, auswärts 0,20 5UL. Reklamezeile: lokal 0,60 ,

auswärts 0,80 JLft. Bei Wiederholungen Rabatt. :-: Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051. •.<

54.Zahrg.

Der Zwischenfall in Paris.

Es ist ein ganz eigentümliches Ereignis, daß die Erörterung über die Opportunität der fran­zösischen Politik gegenüber Deutschland in einer politischen Gesellschaft so außerordentlich scharfe Zuspitzung erfuhr, die ihrem Arbeitsprinzip und ihrer ganzen praktischen Vergangenheit nach vor­behaltlos der Verständigungsarbeit, dem gütlichen Austrag internationaler Schwierigkeiten dient. So oft man seit Bestehen der Interparlamentarischen Union Aussprache gepflogen hat, eben so oft ge­schahen Schritte zur Verständigung, eben so oft wurden Etappen auf dem Wege zur Demokratisie­rung der europäischen Politik gewinnbringend zu- rückgelegt. Die Parlamentarier der verschiedenen Staaten lebten trotz ihres verschiedenen nationalen Charakters in einer gleichen politischen Atmosphäre, sie wußten, mit welcher Sprache sie zueinander zu sprechen hatten, es gab in diesem Kreise kaum das, was man Isolierung der Person nennen möchte. Jetzt steht der Pariser Zwischenfall im Vordergrund der europäischen Aufmerksamkeit, und /rschreckt muß man sich fragen: Wenn die Männer Keses Kreises einander schon nicht mehr verstehen, wenn die Politiker, die hier aus idealen sittlichen Beweggründen und geleitet und bestimmt vom glei- chen politischen Ziel, mit fremden Zungen zuein­ander sprechen, was bleibt denn noch für die amt­liche Politik zu erwarten, die unter ganz anderen Hemmungen steht, als diese verhältnismäßig freien Parlamentarier.

Die Rede, welche Paul Lobe für die deutsche Delegation gehalten hat, ist in Deutschland zu- näfijft nur in kurzen Auszügen bekannt gewor­den, die sich auf die Hervorhebung der deutschen Forderung auf baldige R h e i n l a n d r ä u - m u n g ziemlich beschränkten. Derjenige, der mit der französischen Psychologie, wie sie in den letzten Wochen in Pariser Blättern zum Ausdruck gekom­men ist, einigermaßen vertraut ist, mußte dabei den Eindruck gewinnen, daß der Vorstoß Lobes etwas unvermittelt kam und mit dieser französischen At­mosphäre wohl nicht ganz vertraut war. Die deutsch-österreichische Anschlußfrage, die Angriffe des belgischen Kriegsministers gegen die deutsche Reichswehr, die sogenannten Enthüllungen der „Menschheit", die Frage der Ostfestungen, der Kampf der Dokumente über den Fall Orchies, der Meinungsstreit über den Bruch des Garantiever­trages für die belgische Neutralstät und schließlich die Berichte des Generals Guilleaumat über an­gebliche deutsche Rüstungen im besetzten Gebiete, all diese Dinge haben in der letzten Zeit der fran­zösischen Presse außerordentlich viel Gelegenheit gegeben, um die Zurückbaltuna der offiziellen Pa­riser Politik in der Rbeinlandfrage als unbedingt geboten hinzustellen. Von dieser Atmosphäre aus mußte man die Ovvortunität des Löbe'schen Vor­gehens beurteilen. Wenn man die Rede des Reichs­tagspräsidenten aber setzt im Wortlaut liest, so muß man ihm zubilligen, daß er diesen Gegeben­heiten durchaus Rechnung getragen bat, er hat nicht vergessen zu sagen, daß eine Wirkung des Locarnogeistes im friedenfördernden Sinne auch deutscherseits Voraussetzungen in sich schließt, die außerordentlich wichtig sind. Löbes Forderung an Frankreich, nun die große Geste zu tun, welche die moralische Konseauenz der Anerkennung Deutschlands der im Versailler Friedensvertrag festgelegten Westgrenzen und seines Eintritts in den Völkerbund darstellen würde, ging von dem Gedanken aus, daß der Friedenswille und dis Beruhigung der nationalen Leidenschaften durch eine solche Geste aufs Leichteste und Sicherste ge­fördert werden würde. Es ist auch durchaus das gute Recht der Deutschen, zu erwarten, daß die Rheinlandbesatzung sowieso in 7 Jahren restlos verschwinden wird. Daß also die Rheinlandbe­satzung ein unbrauchbares Mittel sei, wenn man mit ihr eine Politik des systematischen Mißtrauens gegen Deutschland zum Ausdruck bringen wolle.

Die Antwort de Iouvenels, der sich trotz seiner sensationellen Erklärung für die Vertiefung der Autorität des Völkerbundes, offenkundig als ein ziemlich engherzig denkender nastonalistischer Franzose präsentiert, nahm auf die deutsche Psy­chologie nicht die geringste Rücksicht, sondern be­gann eine politische Demonstration, die derart von französischem Selbstgefühl getragen war und auch in einem Maße das Bewußtsein französischer Unfehlbarkeit zur Schau trug, daß sich plötzlich eine Kluft zwischen der deutschen und der fran­zösischen Auffassung über die Erfordernisse der Verständigungspolitik auftat, wie sie seit Locarno nicht mehr zutage getreten ist. In Locarno ist es für die Franzosen genug gewesen, daß die Ost­fragen bei aufsteigenden Schwierigkeiten schieds­richterlicher Entscheidung zugewiesen wurden. Heute macht de Jouvenel den Umstand, daß Deutschland wegen der inneren Unmöglichkeit der Bestimmungen des Versailler Vertrages über die Ostgrenzen ein Ost-Locarno ablehnt, zu einem Ar­gument gegen den deutschen Friedenswillen. Will Frankreich die Besatzungstruppen solange im Rheinland festhalten, bis Deutschland sich auch zu einer zweiten Anerkennung der Ostgrenzen bereit­gefunden hat? Ja, würde Frankreich mit solcher Bereitwilligkeit schließlich zufrieden sein, würde es Nicht weitere Sicherheitsforderungen stellen, well man Deutschland angeblich niemals trauen kann? Eine Sicherheitspolitik mitGarantieforderungen, die immer den Weg zu neuen Garantieforderungen öffnen sollen, wäre eine Politik, die sich selber Ins Gesicht schlüge. So geht es nicht. Solche Politik hat immer einen hysterischen Charakter. Es ist gut, daß die deutsche Delegation, deren Pazi­fismus nicht angezweifelt werden kann, einmütig geblieben ist.

Wenn die Nationalisten verschiedener Staaten sich nicht verständigen können, dann ist das nichrs Besonderes, wenn aber diejenigen, denen dte Verständigung politisches Lebensziel ist, einander fremd werden, so ist das betrübend. Da aber cm solcher Vorgang die Feindseligkeiten der Na­tionalisten anstachelt, wird er doppelt gefährlich.

Der Kamps um die Rheinland-Räumung.

Beratung der englischen Note im pariser Ministerrat. - Besatzungs- Verminderung um 9000 Mann.

Die Havasagentur verbreitet folgende Auslas­sung: Die englisch^ Note betreffend die Effek­tivbestände im Rheinland ist Freitagvormittag dem französischen Ministerrat unterbreitet und von die­sem geprüft worden. Diese Note behandelt zwei Fragen, die noch unerledigt geblieben waren, diejenige des Gesamt- Effektiv-Bestan- d e s der Besatzungstruppen und diejenige ihrer Verteilung. Die erste Frage kann jetzt bereits als g e l ö st angesehen werden. Eine Gesamt- ztfser ist fe st gesetzt worden, die mit den von den militärischen Sachverständigen gegebenen Hinweisen übereinstimmt. Wir glauben zu wis­sen, daß die Ziffer, auf die sich zu einigen die beiden Regierungen im Begriffe stehen, eine K om- promißlösung zwischen dem ursprünglichen englischen und dem französischen Standppunkt darstellt. Man darf also auf eine Herabsetzung der französischen Besat­zungstruppen gefaßt sein, die sich auf etwa 8000 Mann belaufen könnte.

Der Inhalt der englischen Note.

wtb. Paris, 27. August. (Eig. Funkm.) „Ma- tin" will in der Lage sein, Angaben über den Inhalt der Note zu machen, die das Foreign Office gestern vormittag dem Quai d'Or> say überreichen ließ und über deren Inhalt der Ministerrat gestern beriet. Dieses Schriftstück enthalte 6 P u n k t e: 1. Die Lage erlaube dem bedingten Versprechen einer Herabsetzung der Stärke der Besatzungstruppen nachzukommen. 2. Diese Herabsetzung werfe in keiner Weise den Grundsatz der vorzeitigen Räumung auf und könne nicht als Auftakt zuni vollkommenen Perzicht auf die territorialen Pfänder angesehen werden. 3. Der Zweck der Besetzung fei, die Zahlungen nach dem Dawesplan zu verbürgen. 4. Es fei nicht Sache Deutschlands, die Zahl der Effektivbestände feftzusetzen und die Gesamtheit der Zahl der deut­schen Garnisonen vor dem Kriege von 50 000 Mann könne nicht als Grundlage für die Abschät- zung der gegenwärttgen Notwendigkeiten dienen. 5. Man könne insgesamt 60000 Mann englischer, französischer und belgischer Truppen als berechtigt, notwendig und genügend erachten. 6. Die Zurücknahme von etwa 9000 Mann würde sich proportional verteilen, damit Groß-Britannien im Rheinlands einen Stamm von Truppen erhalte, der es genügend vertrete.

„Echo de Paris" glaubt übrigens mitteilen zu können, daß es in dem gestrigen M i n i st e r r a t bei Besprechung der englischen Note nicht ohne Erregung zu gegangen sei.

Meinungsverschiedenheiten zwischen England und Frankreich.

wtb. Paris, 27. August. (Eig. Funkm.) Der Berichterstatter des „Echo de Paris" in London berichtet über den Inhalt der englischen Note in der Frage der Herabsetzung der Stärke der Be­satzungstruppen, daß die britische Regie­rung von der ziffernmäßigen Rege­lung, von der man in Paris gesprochen habe, nichts wissen wolle, tni Gegenteil sei die englische und französische Auslegung der Artikel 428 bis 430 des Friedensvertrages widerspruchs­voller denn je. Man glaube, daß der Verlauf der Tagung des Völkerbundes in Genf bewegter fein werde als je zuvor. Lord Robert Cecil werde der englischen Delega­tion für den Völkerbund nicht mehr angehören. Er habe feine Demission aus ähnlichen Gründen gegeben, wie sie de Jouvenel angeführt habe.

fiusblicfte auf Genf.

Die teils recht dramatischen Erzählungen über die Vorgänge im letzten ftanzösischen Ministerrat, wo die angeblichen deutschen Rüstungen auf Grund des Memorandums Guillaumats und die Be- satzungsreduktionm zur Debatte standen, sind alle mehr oder weniger erfunden. Briand hatte eine schriftliche Erklärung des französischen Chefs der Rheinarmee in der Tasche, welche ist eine bestimmte Okkupationsreduktion bedingungslos einwilligt. Dem Widerspruch, der hauptsächlich von Markst ausging, war damit die Spitze abgesprochen. Auch eine Zu­stimmung des Generals Pätain hat sich Briand verschaffen können. Die Zahl der Reduktionen ist noch nicht bestimmt, würde auch streng geheim ge­halten" werden. Die Tatfache ist abe'' zweifellos. In militärischen Kreisen schätzt man die Reduktio­nen der ftanzösischen Truppen zwischen 6000 und 8000.

Eine grundsätzliche Diskussion über die Räumung soll nach Ansicht der für Genf interessierten Politiker in Genf nicht stattfin­de n.

Briand will diesmal in Genf jede vertrau­liche Besprechung mit Dr. Sttesemann nach Möglichkeit vermeiden.

Man will überhaupt vermeiden, die Grundfra­gen der deutsch-französischen Politik zu berühren. Briand wird mit einer „Rumpfvertretung" nach Genf gehen müssen, auch wenn es ihm gelingen sollte, für de Jouvenel Ersatz zu finden. So, wie die Dinge heute liegen, wird Briand's Stärke in seiner erzwungenen passiven Haltung liegen. Die Vollmachten, mit benen Briand nach Genf geht, waren immer nur bedingungsweise, diesmal sollen sie aber enger umrissen sein als je.

So sieht sich die politische Sachlage für Genf, wenigstens von Paris aus, an.

Im Interesse Deutschlands dürfte es gelegen sein, wenn die Vertteter des Reiches die politische Initiative ergreifen. Es besteht sonst Gefahr, daß diese Fragen von zweifellos weltpMifchW

Bedeutung durch die ftanzösische Passivität und das auf diese Weise erzeugte schleppende Tempo der Beratungen nicht einmal angeschnitten werden. Man rechnet in Pariser politischen Kreisen auch auf die allgemeine Müdigkeit, die durch das fortwährende Auftollen des gleichen Problems nach und nach erzeugt wird.

*

Auch aus der Diskussion ,die aus der Tagung der Internationalen Friedensunivn zwischen dem deutschen Reichstagspräsidentm Loebe und dem ftanzösischen Senator de Jouvenel gepflogen wurde, ergab sich, daß in der ftanzösischen Politik diejenigen Kräfte in letzter Zeit gewachsen sind, die sich gegen die Auswirkung des Locarno- Verttages richten und die immer noch die Bajonette als die einzige Friedensgarantie ansehen.Auch aus diesem Gründe wird die deutsche Regierung die Initiative ergreifen müssen, um Frankreich und die Entente zu fragen, ob sie gewillt sind, die Ver­pflichtungen von Locarno auszuführen.

*

Das Reichskabinett wird am Dienstag vormittag um 11 Uhr zu einer Sitzung zusammen­treten. An der Sitzung werden voraussichtlich nur wenige Mitglieder des Kabinetts teilnehmen, da sich die meisten Minister noch im Urlaub befinden. Bei dieser Gelegenheit werden unter anderem die Genfer Ratstagung und die Vollversamm­lung des Völkerbundes noch einmal behandelt. Da die eigentliche Aussprache im Hinblick auf Genf im Kabinett schon vor den Sommerferien statt- gesunden hat, so wird man von der Sitzung am Dienstag keine neueren Beschlüsse mehr erwar­ten können. Reichsaußenminister Dr. S t r e f e ■ mann tritt am Dienstag abend seine Reise nach Genf an. Die Mitglieder der deuffchen Delega­tion folgen erst später, wenn die Vollsitzungen be­ginnen. Staatssekretär Weißmann begleitet .bie Delegation als Vertteter des Reichsrates.

(Eine deutsch-belaische Debatte.

Auf der Sitzung der in Park? tagenden Jnter- parlamentarischm Union am Freitag befaßte sich der belgische Senator Raunette mit der Frage der belgischen Neutralität im Weltkriege und der Deportierung belgischer Arbeiter nach Deutschland. Er schlug der Vollversammlung eine Entschließung zur Annahme vor, die dem Vor­stand zur weiteren Behandlung übergeben wurde. In dieser Entschließung wird der Friede als höch­stes Gut und als das von allen Regierungen zu ersttebende Ideal bezeichnet und jeder ttiegerische Angriff oder Revanchekrieg und jede Zuflucht zur brutalen Gewalt mißbilligt und gebranbmartt. In diesem Sinne, heißt es bann, erkläre bie Inter­parlamentarische Union einmütig, baß bie Ver­letzung der belgischen Reuttalität im August 1914 ein höchst bedauerlicher unb zu verwerfender Akt gewesen sei.

Sie gebe der Hoffnung Ausdmck, daß die Respektierung der Verträge künftig die Regel für das Verhältnis der Völker sein werde, unb gehe zur Tagesorbming über.

Auf diesen Antrag antwortete im Namen der deutschen Delegation Professor S ch ü ck i n g. Er betonte, daß man eine Initiative, wie die Van- derveldes, eine internationale unparteiische En- qudtekommission arbeiten zu lassen, nur begrüßen könne, daß bie beutsche Delegation es aber ab« lehne, bie Interparlamentarische Union durch bie Annahme einer Entschließung tote bie der belgischen Delegation zum Schiebsrichter zu machen über Dinge, die sich auf bie Vergangenheit beziehen.

Auf die Ausführungen Professors Schücking gab Senator de Jouvenel eine kurze Erklärung ab, in der er sich bazu beglückwünschte, baß burch seine Rede am Donnerstag bie Erklärung Schü­ttings hervorgerufen worben sei. Deutschland ver­trete bie Ansicht, baß Locarno nicht genüge. Im Laufe der Debatte wies Smith, Mitglieb bes englischen Unterhauses, barauf hin, daß in ber Frage der Verantwortung am Kriegsausbruch sämtliche ernsten Historiker anerkennen, daß diese Verantwortung nicht einem einzelnen Lande aufgebürdet werden dürfe.

Die Delegierten bei Patnleve und Doumergne.

Jrn Anschluß an die Nachmittagssitzung des Kongresses der Interparlamentarischen Friedens­union am Freitag wurden die Delegierten der Union im Völkerbund samt für geistige Zusammen­arbeit vom Kriegsminister Painleve in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Verwaltungsrates dieses Institutes in Anwesenheit von Unterrichts­minister Herriot empfangen und begrüßt. Pain­leve wies in seiner Ansprache auf die Bedeutung des Kongresses hin und zollte den Bemühungen um die Ausgestaltung des Friedens Beifall unb auch den tatkräftigen Bemühungen ber verschie­densten Redner des Kongresses, wobei er beson­ders Reichstagspräsident Löbe erwähnte. Jrn Na­men des Kongresses dankte Prof. Schütting, der mit Genugtuung fesfftellte, daß derartige fried­liche Worte aus dem Munde eines Kriegsininisters kämen. Prof. Schütting gab in feinen Ausführun­gen einen geschichtlichen Ueberblick über die Ent­wicklung des Völkerbundsgedankens, ber bereits im frühen Mittelalter aufgetreten und trotz vie­ler Hindemisse nunmehr doch Wirklichkeit gewor- den sei.

Der Präsident der Republik, Dvu- mergue, hat am Freitagnachmittag etwa 500 Mitglieder ber Interparlamentarischen Friebens- Union empfangen.

Preußen zum Zlaggenkonflikt.

Ein Schreiben Brauns.

Zu dem Flaggenstreit hat jetzt auch bie preu- ßische Staatsregierung Stellung genom­men. Es war von vornherein anzunehmen, daß Preußen sich bem Vorgehen bes Berliner Magi­strats anschließen würbe. Da bie meisten preußi­schen Minister zur Zeit in Urlaub sind, hat Mini­sterpräsident Dr Braun folgendes Schreiben an alle Staatsminister gerichtet:

„Am Verfassungstage haben das Hotel Kaiferhof, Bristol, Continental (die sogenannte Hotelbetriebsgesell­schaft), das Hotel Esplanade und das Hotel Adlon ttotz der Aufforderung, die Reichsflagge an diesem Tage zu zeigen, nicht geflaggt. Bei dem Hotel Adlon ist diese Tatsache um so mehr ins Auge gefallen, als das genannte Hotel am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, die amerikanische Flagge gehißt hat. Die genannten Ho­tels haben auch an ihrem Beschluß ,die Reichsflagge nicht aufzuziehen, festgehalten trotz der Vorstellungen die das Auswärtige Amt bei ihnen erhoben hat. Der Kaiferhof hat sogar gestern, als er zu Ehren der Anwesenheit des Reuyorker Bürgermeisters die amerikanische Flagge hißte, ausdrücklich das gleichzeitige Aufziehen der deut- fchen Reichsflagge abgelehnt. Ich halte es für dringend erforderlich, daß die republikanische Preußische Regierung diese Stellungnahme gegen den heutigen Staat damit beantwortet .daß die Herren Staatsminister weder selber zu Veranstaltungen in den genannten Hotels einladen, noch sich an solchen beteiligen, die in den Hotels stattfin­den. Ich bitte auch die Herren Staatsminister, eine An­ordnung dahin zu erlassen, daß für die ihnen unterstell­ten Beamten in ihrer Eigenschaft als Behördenvertreter das gleiche gilt. Es bedarf einer so durchgreifenden Maß- nähme, um der Oeffentlichkeit zu zeigen, daß die repu­blikanische Regierung nicht gewillt ist, irgendeine bewußte Mißachtung der bestehenden Staatsform zu dulden."

Der preußische Ministerpräsibent hat am glei­chen Tage dieses Schreiben bem Reichskanzler zur Kenntnis gebracht unb an ihn bie Bitte gerichtet, baß auch bie Reichsregierung sich bem preußischen Vorgehen anschließen möge.

Zu bem Runbschreiben des Preußischen Mini- fterpräfibenten bemerkt bie „Germania" :

Die Verschärfung, die der Flaggenkonflikt fast täglich erfährt, haben sich die Berliner Hotels selbst zuzu­schreiben. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß auf den Hotels alle nur möglichen Flaggen wehen, die Reichs­fahne aber unsichtbar bleibt. Der Einwand der Leiter der Hotels, daß sie nicht in den Flaggenstreit hineingezo­gen fein, sondern neutral bleiben wollten, ist eine billige Ausrede. Wer sich zu der offiziellen Fahne des Deut­schen Reiches bekennt, mischt sich nicht in den Flaggen- ftreit ein, sondern erfüllt lediglich seine nationale Pflicht und ein Gebot der nationalen Würde., Andernfalls stände ja der R e i ch s p r ä s i d e n t, auf des­sen Haus die schwarzrotgoldene Flagge weht, mitten in dem Kampf um die Flagge, und die deutschnationalen • Minister würden sich ja gleichfalls an dem Flaggenkampf im Sinne von Schwarzrotgold beteiligen. So wollen sie gewiß die Tatsache nicht aufgefaßt wissen, daß sie ihre Autos und Häuser mit schwarzrotgoldenen Flaggen schmücken. Sie kommen damit einer nationalen Ver­pflichtung nach. Daß die Berliner Hotels nicht einsehen wollen, daß auch sie diese Verpflichtung haben, ist sehr bedauerlich. Es bedarf ja kaum noch der Begründung, daß die Vertreter der Behörden solche Gaststätten, die die Reichsfahne demonstrativ boykottieren .meiden müssen. Das Vorgehen des preußischen Ministerpräsidenten wird in allen Kreisen Billigung finden .denen es ernst ist mit der Anerkennung unserer heutigen Staatsform und ihrer Symbole.

Die „Kölnische Zeitung", die für bie Deutsche Volkspartei spricht, bezeichnet bas Verhalten ber Hoteliers als unerhört.

Protest der hotelangestellten.

Die Hotelangestellten haben sich mit bem Ver­halten ber Hotelbesitzer gegenüber ber Hissung ber Reichsflagge beschäftigt unb folgenden B e- s ch l u ß gefaßt:

Der Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Cafe- Angestellten protestiert namens der Berliner Hotelange- ftellten aufs schärfste gegen jene Berliner Hotelbesitzer, die sich weigern, die Fahne der Republik zu zeigen. E» betrachtet dieses Vorgehen nicht nur als eine nationale Würdelosigkeit, sondern auch als eine schwere Schädigung des Hotelgewerbes und der in ihm beschäftigten Angestell, ten. Er hält es für feine Pflicht, öffentlich zum Ausdrucf zu bringen, daß die Masse der im Hotelgewerbe beschäf­tigten Angestellten sich durch das Vorgehen der Hotel» besitzer in ihrer republikanischen Ueberzeugung auf das tiefste verletzt fühlen.

* Eecil von seinem Ministerposten zurückgetreten. Viscount Cecil, ber Kanzler bes Herzogtums Lan­caster, ist von seinem Posten im englischen Kabinett zurückgetreten, und zwar ist ber Grunb in Mei- nungsverschiebenheiten mit mehreren seiner Kabinettskollegen zu suchen, bie sich auf ben Völkerbunb beziehen.

* Der Präsident der Republik Liberia vom Papste empfangen. Der Papst empfing ben Präsi­denten der Republik Liberia und überreichte ihm eine goldene Denkmedaille.

Die wirren in China.

Die Rordarmee überschreitet den Jangtse.

Nach der am Donnerstag erfolgten Besetzung von TuNgtschau, 80 Klm nördlich von Schanghai, am linken Ufer bes Jangtse, burch bie Truppen Suntschuanfangs wirb ber Uebergang bes Stromes an zwei Stellen gemelbet. Die Nordtruppen haben diesen Uebergang bei ßungtan, 24 Klm. flußab­wärts von Nanking, und an einer anderen Stelle, 16 Klm. flußaufwärts von dieser Stadt, bewerkstel­ligt. Anscheinend beabsichtigt Suntschuanfang, Nan­king zu umkreisen und den Rückzug der Verteidiger dieses Platzes zu verhindern. Zu diesem Zweck soll er die Peking-Schanghai-Eisenbahn bei ßungtan abgeschnitten haben. Wie verlautet-, sollen die Nordtruppen die Eisenbahnlinie an einer anderen Stelle, 32 Klm. westlich von Schanghai, ebenfalls abgeschnitten haben, was die Entgleisung eines Zu­ges verursacht hätte. Der Zugverkehr fei unter­brochen.