Anzeiger für die Skadk Aulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt
Nr. 191.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.
Sonntag, 21. August 1927.
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54.Zahrg.
Die Hindenburg-Spende.
Es bestehen, wie beobachtet wird, vielfach noch Zweifel über den Zweck der Hindenburg-Gpende. Ihnen gegenüber wird festgestellt: Die Ehr«igabe, wie sie in Gestalt der Hindenburg-Spende dem Reichspräsidenten aus Anlaß seines demnächstigen 80. Geburtstages dargebracht werden soll, will er ungekürzt und ausschließlich zugunsten von Kriegerwaisen und Beteranen verwenden. Diese schon vor längerer Zeit bekanntgegebene Erklärung des Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg schließt die Verwendung der Mittel der Hindenburg-Spende oder auch nur eines Bruchteiles von ihnen zu einem anderen Zweck als lern angegebenen aus. Der Verwendungszweck 'ber Hindenburg-Spende dürfte damit endgültig festgestellt sein.' Die Geschäftsstelle der Hindenburg-Spende, Berlin NW 40, Scharnhorststr. 35, hat sich der dauernden Ueberwachung durch die Deutsche Revisions- und Treuhand-A.-G. unterstellt. Sie ist im übrigen bereit, jedem sachlich Interessierten an der Hand ihrer Unterlagen alle gewünschten Auskünfte zu geben. Sie fühlt sich zu diesem Angebot umsomehr genötigt, als bedauerlicherweise auf Grund unkontrollierbarer Angaben in der Oeffentlichkeit der Versuch unternommen wird, die eingangs gekennzeichneten Zweifel über den Wohlfahrtszweck der Hindenburg-Spende zu nähren.
(Ein Rufruf Preußens.
Das Preußische Staatsministerium hat folgenden Aufruf beschlossen:
Am 2. Oktober begeht Reichspräsident v. Hindenburg seinen 8 0. Geburtstag. An diesem Tage vereint sich das deutsche Volk, um seinem erwählten Oberhaupt seine Glückwünsche darzubringen. Aber nicht in geräuschvollen Feiern darf diese Anteilnahme ihren Ausdruck finden —, pe würden dem Ernste der Zeit so wenig entspM^ chen, wie dem schlichten, sachlichen Sinne des Jubilars. In dem Bestreben, die dem Reichspräsidenten zu erweisende Ehrung seinen eigenen Wünschen gemäß in eine Form zu kleiden, die dem Ernste der Lage des deutschen Volkes Rechnung trägt und über den Tag hinaus fortwirkt, find Reichsregierung und Länderregierungen übereingekommen, aus Anlaß des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten zu einer Sammlung aufzurufen. Ihre Erträgnisse sollen den Volksgenossen zugute kommen, mit denen sich der Reichspräsident aus schwerer Kriegszeit in besonderem Maße verbunden fühlt —, den Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen.
Jeder Deutsche betrachte es als seine Ehrenpflicht, zu diesem Hilfswerk nach besten Kräften beizusteuern und damit nicht nur die Person des Reichspräsidenten zu ehren, sondern auch dem Danke an die bei der Verteidigung des Vaterlandes Gefallenen und Verwundeten opferwilligen Ausdruck zu verleihen.
Deutscher Rutzenhandel im Juli.
Passivität von 430 Millionen Rm. — Höchste Ein- fuhr seit Kriegsende. — Beträchtliche Steigerung der Ausfuhr.
rotb. Berlin, 20. Slug. (Eig. Funkm.). Der deutsche Außenhandel .zeigt im Juli 1927 im reinen Warenverkehr einen Einfuhrüberschuß von 480 gegen 449 Millionen Rm. im Vormonat. Die Einfuhr hat gegenüber dem Vormonat eine weitere Steigerung erfahren und mit 1277 Mill. Rm. gegenüber 1197 im Juni die höchste Monatsziffer der Nachkriegszeit erreicht. Mehr als vier Fünftel der Zunahme gegenüber dem Bormonat entfällt auf Lebensmittel, wovon wiederum zwei Fünftel auf die infolge der Terminabrechnungen in Erscheinung tretende Zunahme der Einfuhr an Kaffee und Kakao kommen. Die Roh- strfseinfuhr ist unverändert geblieben, die von Fertigwaren hat leicht zugenommen. Demgegenüber ist aber die Ausfuhr beträchtlich gestie- gen und erreicht mit 847 gegen 748 Mill. Rm. int Vormonat nicht nur den höchsten Stand in diesem Jahre, sie liegt auch beträchtlich über der Ziffer von Juli und des Monatsdurchschnittes von 1925 und 1926 und ist nur in den Monaten März, Oktober und November 1926, teilweise allerdings beträchtlich überschritten worden. An der Steigerung sind alle Warengruppen beteiligt und zwar Rohstoffe und halbfertige Waren mit 26 und Fer- tigwaren mit 74 Mill. Rm.
* Die Frauen wollen in den Reichswirlschafts- rat. Der Bund Deutscher Frauenver- eine als Zusammenfassung von 77 Frauenverbänden mit insgesamt einer Million Mitglieder hat an den Reichswirtschaftsminister eine Eingabe gerichtet, in der für den künftigen Reichswirtschaftsrat eine stärkere Berücksichtigung der Fraueninteressen gefordert. Die Eingabe schlägt vor, die Zahl der Mitglieder jeder der 3 Abteilungen des Reichswirtschaftsrates um 3 zu vermehren, für die hierdurch gewonnenen Sitze Frauen zu ernennen und die Benennung dieser Mitglieder den Verbänden und Körperschaften zu übertragen, die zahlenmäßig oder ihrer Bedeutung nach eine Beteiligung der Frauen am Wirtschaftsleben gewähr- leiften. Der Reichswirtschaftsminister hat der „Tägl. Rundschau" zufolge auf die Eingabe geantwortet, daß er davon mit Interesse Kenntnis genommen habe.
* Handelsabkommen von Briand unterzeichnet. Außenminister Briand, der einige Tage von Paris abwesend war, hat nachdem der deutsche Botschafter von Hoesch das deutsch-französische Handelsabkommen bereits unterzeichnet- hatte, am Freitag . btejes Abkommen seinerseits unterzeichnet.
Der Franktireurkrieg in Belgien.
Einsetzung einer unparteiischen Untersuchungskommission.
Von zuständiger Stelle wird folgendes mitgetellt: Die letzten Veröffentlichungen des Untersuchungs- ausschusies des Reichstages über gewisse Ereignisse des Weltkrieges haben die belgische Regierung veranlaßt, der belgischen Kammer drei Memoranden über die Frage der Neutralität, des Frank- tireurkrieges in Belgien und der Arbeiterdeportationen vorzulegen. Zwei von diesen Memoranden sind bereits veröffentlicht und den anderen Regierungen, darunter auch der deutschen Regierung, zur Kenntnis gebracht worden. Das dritte Memorandum über die Arbeiterdeportationen wird demnächst veröffentlicht werden. — In ihrem Memorandum über die wegen des Franktireurkrieges gegen Belgien erhobenen Vorwürfe hat die belgische Regierung daran erinnert, daß Belgien im Laufe des Krieges eine Enquete ver- langt und daß es gegen ein solche wenn auch verspätete Enquete nichts einzuwenden habe. Die belgische Regierung hat bei der Uebersendung der Denkschrift die Aufmerksamkeit der deutschen Regierung auf diesen Passus gelenkt. Die deutsche Regierung hat darauf der belgischen Regierung Mitteilen lassen, daß sie die belgische Erklärung begrüße und damit einverstanden sei, alsbald in Verhandlungen über die Einsetzung einer unparteilichen Untersuchungskommission einzutreten. Herr Banderoelde hat Herrn o. Keller diese Mitteilung bestätigt und hinzugefügt, daß er davon feine Kollegen in der belgischen Regierung, von denen mehrere auf Urlaub seien, alsbald verständigen werde.
Die belgischen Denkschriften.
Die in der Mitteilung betreffend die Einsetzung eines deutsch-belgischen Untersuchungsausschusses erwähnten zwei belgischen Denkschriften über die Frage des Franktireurkrieges in Belgien bezw. über die belgische Neutralität sind, wie verlautet, von der Reichsregierung ohne Kommentar an den Untersuchungsausschuß des Reichstags weitergeleitet worden. Beide Denkschriften beschäftigen sich fast ausschließlich mit den von dem Universitätsprofessor Meurer und Reichstagsabgeordneten Prof. B r e d t dem Untersuchungsausschuß erstatte, ten Gutachten über den Franktireurkrieg in Belgien bezw. die Stellung Belgiens im Weltkrieg und stel-
3ur $rage der Uheinlandraumung.
Wie man in französischen linksstehenden Kreisen über die Frage der Rhein landräumung und der Verringerung der Besatzung s- truppen im Rbeinlande denkt, kommt in folgenden Ausführungen des „Soir" zum Ausdruck:
Die völlige Räumung der Koblenzer und Mainzer Zone ist eine dringende Notwendigkeit. Durch eine Verlängerung der Besetzung verlängert man die internationale Spannung. Die französischen Nationalisten reichen den deut- fchen Nationalisten die Hände, denen sie Waffen liefern und es wird keine Aussicht für eine ernsthafte Wiederversöhnung geben, solange mehr als 100 000 Franzosen und einige Tausend Belgier und Engländer am Rheine stehen. Unglücklicherweise beabsichtigt man in Frankreich nicht die Räumung. Jeder weiß, welcher Widerstand beseelt von dem Geisteinesa nderen Zeitalters fortgesetzt zum Vorschein kommt. Wenigstens aber diskutiert man die Möglichkeit einer Verringerung. Einst wurden Deutschland Versprechungen gegeben, die man erfüllen muß. Aber in Frankreich sind Elemente vorhanden, die den Tag der Erfüllung soweit als möglich hinausschieben wollen. So erklärt sich der Notenwechsel zwischen London und Paris. In französischen Regierungskreisen findet man den englischen Vorschlag übertrieben und weist auf die Berichte des Generals G u i l l a u m a t und die Enthüllungen der „Menschheit" hin, die man geschickt ausgebeutet habe. Es ist nicht zu leugnen, daß die deutschen Nationalisten wie die französi- scheu handeln würden, denn die Mentalität ist hüben und drüben die gleiche. Aber gerade um den Pangerma. ntsmus seines Hauptargumentes zu berauben, mutz man so schnell wie möglich zur völligen Räumung schreiten. An dem Tage, da Köln und Mainz nicht mehr besetzt fein werden, werden die wahren Anhänger des Friedens diesseits des Rheins und jenseits des Rheins an Boden gewinnen. Jetzt handelt es sich um eine Annäherung oder um eine Verewigung des Kriegsgeistes.
Für völlige Zurückziehung der Befahungstruppen.
Die englische Zeitung „Spectator" schreibt: Es werde keine Möglichkeit einer Versöhnung geben, solange die Beibehaltung der französischen Truppen am Rhein, deutsche Generale a. D. dazu veranlaßt, Drohungen auszustoßen und lange diese Drohungen in Frankreich als Beweis für die Notwendigkeit der Beibehaltung der französischen Besatzungstruppen angesehen wepden. Der sicherste Weg für jedermann würde die Zurückziehung aller fremden Truppen aus Deutschland fein. Deutschlands Stellung als Vollmitglied des Völkerbundes und als besetztes Land ist vollkommen anormal. _____
* Polnisch-russische Verhandlungen. (Eig. Fkm.) Der polnische Staatspräsident Pilsudski empfing am Freitag im Badeort Druskenik den stellvertretenden Leiter des Ministeriums des Auswärtigen, Roman Knoll, zum Bericht. Nach der Rückkehr Knolls nach Warschau begab sich der Gesandte Patek auf seinen Moskauer Posten zurück. Er soll, wie die Warschauer Presse meldet, mit Tschitscherin einleitende Besprechungen über den geplnten pol- j nisch-russischen Nichtangriffsvertrag führen.
len einen Versuch dar, diese Gutachten zu entkräften. Die Neutralitätsfrage selbst, die in dem Gutachten des Pros. Dredt nur ganz flüchtig gestreift wird, ist bekanntlich vom Untersuchungsausschuß des Reichstags noch garnicht behandelt worden.
Die dritte belgische Denkschrift zur Frage der Arbeiterdeportationen wird von der Reichsregierung, sobald sie ihr vorliegt, ebenfalls fofort dem Untersuchungsausschuß des Reichstags zugeftellt werden.
Veröffentlichung auch in Brüssel.
Die am Freitagabend in Berlin ausgegebene Mitteilung betreffend deutsch-belgische Verhandlung über Einsetzung eines unparteiischen Untersuchungsausschusses zur Klärung gewisser Ereignisse des Weltkrieges wird, wie wir erfahren, in identtscher Fassung auch in Brüssel veröffentlicht. Die belgische Anregung auf Einsetzung eines solchen Ausschusses wurde naturgemäß bei der Reichsregierung günstig ausgenommen. Sie hat bekannt- lich in der Erwägung, daß ähnliche (Streitfragen nur durch unparteiische Untersuchungen geklärt werden können, wiederholt selbst die Schaffung sol- 'cher Ausschüsse angeregt. Auf deutscher Seite würde man es nur begrüßen, wenn die Arbeiten des einzusetzenden Untersuchungsausschusses, dessen Befugnisse in den bevorstehenden Perhandlungen erst festgesetzt werden müssen, sich soweit als möglich ausdehnen.
DieZusammensetzunq derttommission
rotb Berlin, 20. Aug. (Eig. Funkm.) Der „B. Z." zufolge wird man der Bildung der geplanten deutsch-belgischen Kommission zur Untersuchung über die Frage der Neutralität Belgiens tznd des Franktireur-Krieges schon in kurzer Zeit näher treten. Dabei wird dem Blatt zufolge die Bildung einer internationalen Kommission kaum in Frage kommen, dagegen ist es wahrscheinlich, daß neben den deutschen und belgischen Mitgliedern ein Angehörigen einer neutralen Nation als Vorsitzender glgezogen wird. Auch die Zuziehung juristischer achverständiger wird erwogen. Dagegen dürfte die Berufung anderer Möchte, die am Kriege teil« genommen haben, in die Kommission nicht in Betracht kommen.
Der $aH Zacco-Vanzetti.
Vie Berufung ber zum Tode Verurteilten verworfen.
Der Oberste Gerichtshof von Massa- chusetts hat seine Entscheidung in dem Falle Sacco und Vanzetti am Freitag veröffentlicht. Danach wird eine Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt und die beiden Anträge der Verteidigung verworfen. Damit ist, falls das Oberste Bunde s g e r i ch t in Washington noch eingreift, jede Aussicht auf Umstoßung des Urteils erschöpft und die Hinrichtung wird allem Anschein nach am 2 2. August ftattfinben.
Als Vanzetti der ablehnende Bescheid des Obersten Gerichtshofes mitgetilt wurde, schrie er fortwährend: „Das wußte ichl" Er habe nach einem Radiosender verlangt, um der Welt seinen Fall schildern zu können. Sacco dagegen nahm die Entscheidung gefaßt auf. Auch er erklärte, er habe eine solche Entscheidung erwartet. Das Essen schob er weg und erklärte, er wolle seinem Sohn einen Brief schreiben.
Der Verteidiger Vanzettis erklärte nach seinem Besuch im Gefängnis am Freitag, fein Klient fei verrückt geworden. Die drei Gefangenen Sacco, Vanzetti und Manerros wurden im Laufe des Tages in das Totenhaus übergeführt. Es wurde erklärt, daß die drei Gefangenen keine Anzeichen einer körperlichen oder geistigen Krankheit auf- weifen. Von der Polizei wurden besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen, und verbrecherische Anschläge gegen öffentliche Gebäude zu verhindern.
Bemühungen zur Rettung der verurteilten.
rotb. Boston, 20. Aug. (Eig. Funkm.) Wie die Verteidiger Saccos und Vanzettis in später Nachfftunde bekannt geben, ist einer von ihnen auf die Sommerbesitzung des Richters Morton vom Bundesappellationsgericht gefahren. Er beabsichtigt, Richter Morton zum Eingreifen zu veranlassen, indem er den Befehl erläßt, Sacco und Vanzetti dem Apellationsgericht vorzuführen, womit gleichzeitig die vorläufige Hinausschiebung der Hinrichtung verbunden wäre.
Kundgebungen zugunsten Saccos und vanzettis.
mtb. Rewyork, 20. August. (Eig. Funkm.) Die Newyorker Arbeiterorganisationen haben ihre Mitglieder aufgefordert, am Montag um 3 Uhr zum Zeichen des Protestes gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis in den Streik zu treten.
* Der Anschlag gegen das italienische Generalkonsulat in Rancy. Die Untersuchung über den Versuch eines Bombenattentats gegen das italienische Generalkonsulat in Nancy hat zu der Feststellung geführt, daß lediglich infolge der schlechten QuaHtät des Pulvers, das verwendet worden war, eine Explosion der Bombe verhindert wurde. Die eine Zündschnur war nur ein Stückchen niedergebrannt, während die andere Zündschnur 16 Zentimeter abgebrannt war. Militärische Sachverständige des Artillerie-Regiments haben erklärt, die acht Kilo Sprengstoff hätten genügt, ein gut Teil des italienischen Konsulats in die Luft zu sprengen, lieber die Beweggründe des Attentats ist nichts bekannt.
Die Lage in China.
Nach den letzten Meldungen aus China befindet sich die Kantonarmee, an deren Fahnen sich ein Jahr lang der Sieg geheftet hatte, in großer Bedrängnis Der General Tschiang Kai Tschek, der den Pormarsch dieser Armee nach Norden bis zur Einnahme von Schanghai an der Mündung des Yangtseflusses geleitet hatte, ist kürzlich zurückge- treten. Schon vor seinem Vormarsch im vorigen Jahre hatte es in feinem Lager Zwistigkeiten gegeben zwischen ihm und dem radikalkommunistischen Flügel der Kuomintang. Es ist ihm damals gelungen, den Radikalismus auszumerzen, war aber später durchaus befriedigt darüber, daß die Kommunisten das Vorgelände feines Siegeszuges durch ihre Propaganda auflockerten und damit ihm den Vormarsch erleichterten. Tschiang Kai Tschek war mehr als nur ein General, als ein hochgekommener Bandenführer wie es deren so viele in China gibt, er gehörte zür nächsten Anhängerschaft des vor einigen Jahren verstorbenen chinesischen Nationalhelden Sunyantsen pnd lebte auch völlig in dessen nationalen und sozialen Befreiungsideen. Wenn er jetzt zurückgetreten ist, so geschah es ohne Zwei- fel wegen der Niederlagen, die seine Armee vor Schanghai erlitten hat. Diese Niederlagen aber haben ihrerseits ihren Grund in den tiefgreifenden inneren Zwistigkeiten, die in der Kantonarmee nach der Eroberung Nankings ausgebrochen waren. In Nanking hatte Tschiang Kai Tschek mit den gemäßigten Elementen seiner Partei eine neue Regierung gebildet, während die radikaleren Parteiführer eine Nebenregierung in Hankau errichtet hatten. Diese Nebenregierung hat sich aber bald gewandelt, sie nahm ebenfalls unter Abstoßung des Radikalismus gemäßigte Formen an und neuer- bings schweben Verhandlungen zwischen der Han- kauer und der Nankinger Regierung, um die alte Einigkeit wiederherzustellen und die Geschlossenheit der Partei wiederzufinden. In seiner Rücktrittserklärung hat Tschiang Kai Tschek angegeben, daß er auch um der leichteren Herbeiführung der Einigkeit der Partei willen auf fein Kommando verzichte. 500 000 Dollar und eine stark bewaffnete Leibwache hat er bei feinem Abschied mitgenommen, ein Zeichen wohl dafür, daß er nicht endgültig vom polstischen Schauplatz abtreten, sondern zu gegebener Zeit wieder erscheinen wird •
Die Generale, welche Tschiang Kai Tschek besiegt haben, sind Sun Tschuan Fang, der vertriebene Gouverneur von Schanghai und TschangTschun Tschang. der Gouverneur der Prov. Schantung. Es wird behauptet, daß diese aus dem Norden vordringenden Generale, die übrigens unter dem Kommando des Beherrschers von Peking Tschang Tso Lin, stehen, von Japan auä unterstützt würden. Es gibt Wahrscheinlichkeitsgründe dafür, weil ein weiteres Vordringen der Siidarmee^nach Norden das Interessengebiet Jovans, nämlich die Mandschurei bedroht hätte. Neuerdings heißt es, daß diese nach Süden vordringenden Generale bereits von Nanking ständen und die Stadt beschößen. (Stimmt die Nachricht, von einer Unterstützung Japans. so würde damit dieser asiatische Staat durch die Macht der Verhältnisie in die Bundesgenossenschaft Englands gedrängt. Im Augenblick steht überhaupt die Situation für England außerordent. sich qfinftig und es scheint so, als bemühe es sich, nicht nur die durch den Vormarsch der Südorwee verlorene Position am Pangffeffuß wieder in Sicherheit zu bringen, sondern sich in Schanghai für alle Zeiten festztffetzen. Jedenfalls wird ein solcher Gedanke in England bereits eifrig propagiert. Man wünscht, daß die Vorstädte Schanghais und auch die Chinesenstadt selbst in die mternationafe Niederlassung einbezogen werden. Auch soll eine Pachtzone für England geschaffen werden, die Schanghai mit einem Hinteraelände in einem Radius von 50 Kilomtr. umfassen würde. Schon benimmt sich die englische Marineleitung in ihrem Verkehr mit den Chinesen bet Schanghai wieder recht selbstherrlich und geniert sich garnicht. geschlossene Vereinbarungen zu verletzen, wie der letzte Fluazeugzwifchenfäll bewiesen hat.
Ob diese englische Polittk klug ist, muß man ab« warten. Tschiang Kai Tschek hat, wie vermutet wird, wohl auch aus dem Grunde den Oberbefehl niedergelegt, well er sich als ein Hindernis betrachten mußte bei den Verhandlungen, welche zwischen der Südarmee und der von Norden vordringenden Nordarmee Tschang Tlo Lin's geführt worden sind. Im Fremdenhaß ist die Nordarmee sicher mit der Südarmee, ziemlich einig, wenn sie ihn auch nicht so aufdringlich beweist, rote diese. Die Nordarmee verfocht allerdings nicht die sozialen Reformideen, die die Südarmee propagierte Mit dem Rücktritt Tschiang Kai Tscheks ist ein Vorkämpfer dieser Ideen vom Derhandlungssisch verschwunden, sodaß es nicht unmöglich ist, daß eine Einigung zustande kommt. Das Verhalten der Engländer ist jedenfalls ein Moment, das sie beschleunigen könnte. Nun gibt es allerdings auf dem ausgedehnten Kriegsschauplatz noch einige Unsicherheitsfaktoren. Es operieren im Nordwesten des Kampfgeländes am Pcmgtfefluffes noch einige andere Generale, deren Pläne undurchsichtig sind. Man wird sich wohl darauf einstellen rnüsien, daß die chinesischen Wirren noch sehr lange dauern, zumal nach rote vor die Großmächte daselbst ein ausgedehntes Intrigenspiel vollführen.
Befürchtungen der holländischen Kolonie in Schanghai.
Dem Schanghaier Korrespondenten des „Allge- meen Handelsblad" zufolge macht man sich in Schanghai in der dortigen holländischen Kolonie wegen der Folgen der Niederlage der südchinesi- schen Trappen große Sorge. Dem Korrespondenten zufolge hat die dortige holländische Handelskammer bei der niederländischen Regierung um unverzügliche Entsendung eines holländischen Kriegs- schiffes nach Schanghai zum Schutz der holländi- schen Untertanen und Interessen ersucht