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Anzeiger für die Skadk Aulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt

Nr. 191.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.

Sonntag, 21. August 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonels lokal 0,15 JUt, auswärts 0,20 JUL. Reklamezeile: lokal 0,60 JU, auswärts 0,80 JUL Bei Wiederholungen Rabatt. :-: Postscheckkonto Frankfurt a. M. 9tr 4051 :-:

54.Zahrg.

Die Hindenburg-Spende.

Es bestehen, wie beobachtet wird, vielfach noch Zweifel über den Zweck der Hindenburg-Gpende. Ihnen gegenüber wird festgestellt: Die Ehr«igabe, wie sie in Gestalt der Hindenburg-Spende dem Reichspräsidenten aus Anlaß seines demnächstigen 80. Geburtstages dargebracht werden soll, will er ungekürzt und ausschließlich zugunsten von Kriegerwaisen und Beteranen ver­wenden. Diese schon vor längerer Zeit bekannt­gegebene Erklärung des Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg schließt die Verwendung der Mit­tel der Hindenburg-Spende oder auch nur eines Bruchteiles von ihnen zu einem anderen Zweck als lern angegebenen aus. Der Verwendungszweck 'ber Hindenburg-Spende dürfte damit endgültig festgestellt sein.' Die Geschäftsstelle der Hinden­burg-Spende, Berlin NW 40, Scharnhorststr. 35, hat sich der dauernden Ueberwachung durch die Deutsche Revisions- und Treuhand-A.-G. unter­stellt. Sie ist im übrigen bereit, jedem sachlich In­teressierten an der Hand ihrer Unterlagen alle ge­wünschten Auskünfte zu geben. Sie fühlt sich zu diesem Angebot umsomehr genötigt, als bedauer­licherweise auf Grund unkontrollierbarer Angaben in der Oeffentlichkeit der Versuch unternommen wird, die eingangs gekennzeichneten Zweifel über den Wohlfahrtszweck der Hindenburg-Spende zu nähren.

(Ein Rufruf Preußens.

Das Preußische Staatsministerium hat folgen­den Aufruf beschlossen:

Am 2. Oktober begeht Reichspräsident v. Hin­denburg seinen 8 0. Geburtstag. An die­sem Tage vereint sich das deutsche Volk, um sei­nem erwählten Oberhaupt seine Glückwünsche dar­zubringen. Aber nicht in geräuschvollen Feiern darf diese Anteilnahme ihren Ausdruck finden, pe würden dem Ernste der Zeit so wenig entspM^ chen, wie dem schlichten, sachlichen Sinne des Ju­bilars. In dem Bestreben, die dem Reichspräsi­denten zu erweisende Ehrung seinen eigenen Wün­schen gemäß in eine Form zu kleiden, die dem Ernste der Lage des deutschen Volkes Rechnung trägt und über den Tag hinaus fortwirkt, find Reichsregierung und Länderregierungen überein­gekommen, aus Anlaß des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten zu einer Sammlung aufzu­rufen. Ihre Erträgnisse sollen den Volksgenossen zugute kommen, mit denen sich der Reichspräsident aus schwerer Kriegszeit in besonderem Maße ver­bunden fühlt, den Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen.

Jeder Deutsche betrachte es als seine Ehren­pflicht, zu diesem Hilfswerk nach besten Kräften beizusteuern und damit nicht nur die Person des Reichspräsidenten zu ehren, sondern auch dem Danke an die bei der Verteidigung des Vaterlan­des Gefallenen und Verwundeten opferwilligen Ausdruck zu verleihen.

Deutscher Rutzenhandel im Juli.

Passivität von 430 Millionen Rm. Höchste Ein- fuhr seit Kriegsende. Beträchtliche Steigerung der Ausfuhr.

rotb. Berlin, 20. Slug. (Eig. Funkm.). Der deutsche Außenhandel .zeigt im Juli 1927 im reinen Warenverkehr einen Einfuhrüberschuß von 480 gegen 449 Millionen Rm. im Vormonat. Die Einfuhr hat gegenüber dem Vormonat eine weitere Steigerung erfahren und mit 1277 Mill. Rm. ge­genüber 1197 im Juni die höchste Monats­ziffer der Nachkriegszeit erreicht. Mehr als vier Fünftel der Zunahme gegenüber dem Bormonat entfällt auf Lebensmittel, wovon wie­derum zwei Fünftel auf die infolge der Terminab­rechnungen in Erscheinung tretende Zunahme der Einfuhr an Kaffee und Kakao kommen. Die Roh- strfseinfuhr ist unverändert geblieben, die von Fer­tigwaren hat leicht zugenommen. Demgegenüber ist aber die Ausfuhr beträchtlich gestie- gen und erreicht mit 847 gegen 748 Mill. Rm. int Vormonat nicht nur den höchsten Stand in die­sem Jahre, sie liegt auch beträchtlich über der Zif­fer von Juli und des Monatsdurchschnittes von 1925 und 1926 und ist nur in den Monaten März, Oktober und November 1926, teilweise allerdings beträchtlich überschritten worden. An der Steige­rung sind alle Warengruppen beteiligt und zwar Rohstoffe und halbfertige Waren mit 26 und Fer- tigwaren mit 74 Mill. Rm.

* Die Frauen wollen in den Reichswirlschafts- rat. Der Bund Deutscher Frauenver- eine als Zusammenfassung von 77 Frauenver­bänden mit insgesamt einer Million Mitglieder hat an den Reichswirtschaftsminister eine Eingabe gerichtet, in der für den künftigen Reichswirt­schaftsrat eine stärkere Berücksichtigung der Frau­eninteressen gefordert. Die Eingabe schlägt vor, die Zahl der Mitglieder jeder der 3 Abteilungen des Reichswirtschaftsrates um 3 zu vermehren, für die hierdurch gewonnenen Sitze Frauen zu ernen­nen und die Benennung dieser Mitglieder den Ver­bänden und Körperschaften zu übertragen, die zahlenmäßig oder ihrer Bedeutung nach eine Be­teiligung der Frauen am Wirtschaftsleben gewähr- leiften. Der Reichswirtschaftsminister hat der Tägl. Rundschau" zufolge auf die Eingabe ge­antwortet, daß er davon mit Interesse Kenntnis genommen habe.

* Handelsabkommen von Briand unterzeichnet. Außenminister Briand, der einige Tage von Paris abwesend war, hat nachdem der deutsche Botschaf­ter von Hoesch das deutsch-französische Handelsab­kommen bereits unterzeichnet- hatte, am Freitag . btejes Abkommen seinerseits unterzeichnet.

Der Franktireurkrieg in Belgien.

Einsetzung einer unparteiischen Untersuchungskommission.

Von zuständiger Stelle wird folgendes mitgetellt: Die letzten Veröffentlichungen des Untersuchungs- ausschusies des Reichstages über gewisse Ereignisse des Weltkrieges haben die belgische Regierung ver­anlaßt, der belgischen Kammer drei Memoranden über die Frage der Neutralität, des Frank- tireurkrieges in Belgien und der Arbei­terdeportationen vorzulegen. Zwei von diesen Memoranden sind bereits veröffentlicht und den anderen Regierungen, darunter auch der deut­schen Regierung, zur Kenntnis gebracht worden. Das dritte Memorandum über die Arbeiterdepor­tationen wird demnächst veröffentlicht werden. In ihrem Memorandum über die wegen des Frank­tireurkrieges gegen Belgien erhobenen Vorwürfe hat die belgische Regierung daran erinnert, daß Belgien im Laufe des Krieges eine Enquete ver- langt und daß es gegen ein solche wenn auch ver­spätete Enquete nichts einzuwenden habe. Die bel­gische Regierung hat bei der Uebersendung der Denkschrift die Aufmerksamkeit der deutschen Re­gierung auf diesen Passus gelenkt. Die deutsche Regierung hat darauf der belgischen Regierung Mitteilen lassen, daß sie die belgische Erklärung be­grüße und damit einverstanden sei, alsbald in Ver­handlungen über die Einsetzung einer unparteili­chen Untersuchungskommission einzutreten. Herr Banderoelde hat Herrn o. Keller diese Mitteilung bestätigt und hinzugefügt, daß er davon feine Kol­legen in der belgischen Regierung, von denen meh­rere auf Urlaub seien, alsbald verständigen werde.

Die belgischen Denkschriften.

Die in der Mitteilung betreffend die Einsetzung eines deutsch-belgischen Untersuchungsausschusses erwähnten zwei belgischen Denkschriften über die Frage des Franktireurkrieges in Belgien bezw. über die belgische Neutralität sind, wie verlautet, von der Reichsregierung ohne Kommentar an den Unter­suchungsausschuß des Reichstags wei­tergeleitet worden. Beide Denkschriften beschäftigen sich fast ausschließlich mit den von dem Universitäts­professor Meurer und Reichstagsabgeordneten Prof. B r e d t dem Untersuchungsausschuß erstatte, ten Gutachten über den Franktireurkrieg in Belgien bezw. die Stellung Belgiens im Weltkrieg und stel-

3ur $rage der Uheinlandraumung.

Wie man in französischen linksstehenden Krei­sen über die Frage der Rhein landräumung und der Verringerung der Besatzung s- truppen im Rbeinlande denkt, kommt in folgen­den Ausführungen desSoir" zum Ausdruck:

Die völlige Räumung der Koblenzer und Main­zer Zone ist eine dringende Notwendigkeit. Durch eine Verlängerung der Besetzung verlängert man die internationale Spannung. Die französi­schen Nationalisten reichen den deut- fchen Nationalisten die Hände, denen sie Waffen liefern und es wird keine Aussicht für eine ernsthafte Wiederversöhnung geben, solange mehr als 100 000 Franzosen und einige Tausend Belgier und Engländer am Rheine stehen. Un­glücklicherweise beabsichtigt man in Frankreich nicht die Räumung. Jeder weiß, welcher Widerstand beseelt von dem Geisteinesa nderen Zeit­alters fortgesetzt zum Vorschein kommt. Wenig­stens aber diskutiert man die Möglichkeit einer Verringerung. Einst wurden Deutschland Versprechungen gegeben, die man er­füllen muß. Aber in Frankreich sind Elemente vorhanden, die den Tag der Erfüllung soweit als möglich hinausschieben wollen. So erklärt sich der Notenwechsel zwischen London und Paris. In französischen Regierungskreisen findet man den englischen Vorschlag übertrieben und weist auf die Berichte des Generals G u i l l a u m a t und die Enthüllungen derMenschheit" hin, die man geschickt ausgebeutet habe. Es ist nicht zu leugnen, daß die deutschen Nationalisten wie die französi- scheu handeln würden, denn die Mentalität ist hüben und drüben die gleiche. Aber gerade um den Pangerma. ntsmus seines Hauptargumentes zu berauben, mutz man so schnell wie möglich zur völligen Räumung schreiten. An dem Tage, da Köln und Mainz nicht mehr besetzt fein werden, werden die wahren Anhänger des Frie­dens diesseits des Rheins und jenseits des Rheins an Boden gewinnen. Jetzt handelt es sich um eine An­näherung oder um eine Verewigung des Kriegsgeistes.

Für völlige Zurückziehung der Befahungstruppen.

Die englische ZeitungSpectator" schreibt: Es werde keine Möglichkeit einer Versöhnung geben, solange die Beibehaltung der französischen Truppen am Rhein, deutsche Generale a. D. dazu veranlaßt, Drohungen auszustoßen und lange diese Drohungen in Frankreich als Beweis für die Notwendigkeit der Beibehaltung der französischen Besatzungstruppen angesehen wepden. Der sicherste Weg für jedermann würde die Zurückzie­hung aller fremden Truppen aus Deutsch­land fein. Deutschlands Stellung als Vollmitglied des Völkerbundes und als besetztes Land ist vollkommen anormal. _____

* Polnisch-russische Verhandlungen. (Eig. Fkm.) Der polnische Staatspräsident Pilsudski emp­fing am Freitag im Badeort Druskenik den stell­vertretenden Leiter des Ministeriums des Auswär­tigen, Roman Knoll, zum Bericht. Nach der Rück­kehr Knolls nach Warschau begab sich der Gesandte Patek auf seinen Moskauer Posten zurück. Er soll, wie die Warschauer Presse meldet, mit Tschitscherin einleitende Besprechungen über den geplnten pol- j nisch-russischen Nichtangriffsvertrag führen.

len einen Versuch dar, diese Gutachten zu entkräf­ten. Die Neutralitätsfrage selbst, die in dem Gut­achten des Pros. Dredt nur ganz flüchtig gestreift wird, ist bekanntlich vom Untersuchungsausschuß des Reichstags noch garnicht behandelt worden.

Die dritte belgische Denkschrift zur Frage der Arbeiterdeportationen wird von der Reichsregie­rung, sobald sie ihr vorliegt, ebenfalls fofort dem Untersuchungsausschuß des Reichstags zugeftellt werden.

Veröffentlichung auch in Brüssel.

Die am Freitagabend in Berlin ausgegebene Mitteilung betreffend deutsch-belgische Verhandlung über Einsetzung eines unparteiischen Untersuchungs­ausschusses zur Klärung gewisser Ereignisse des Weltkrieges wird, wie wir erfahren, in identtscher Fassung auch in Brüssel veröffentlicht. Die belgische Anregung auf Einsetzung eines sol­chen Ausschusses wurde naturgemäß bei der Reichs­regierung günstig ausgenommen. Sie hat bekannt- lich in der Erwägung, daß ähnliche (Streitfragen nur durch unparteiische Untersuchungen geklärt werden können, wiederholt selbst die Schaffung sol- 'cher Ausschüsse angeregt. Auf deutscher Seite würde man es nur begrüßen, wenn die Arbeiten des einzusetzenden Untersuchungsausschusses, dessen Befugnisse in den bevorstehenden Perhandlungen erst festgesetzt werden müssen, sich soweit als mög­lich ausdehnen.

DieZusammensetzunq derttommission

rotb Berlin, 20. Aug. (Eig. Funkm.) DerB. Z." zufolge wird man der Bildung der geplanten deutsch-belgischen Kommission zur Untersuchung über die Frage der Neutralität Belgiens tznd des Franktireur-Krieges schon in kurzer Zeit näher treten. Dabei wird dem Blatt zufolge die Bildung einer internationalen Kommission kaum in Frage kommen, dagegen ist es wahrscheinlich, daß neben den deutschen und belgischen Mitgliedern ein An­gehörigen einer neutralen Nation als Vorsitzender glgezogen wird. Auch die Zuziehung juristischer achverständiger wird erwogen. Dagegen dürfte die Berufung anderer Möchte, die am Kriege teil« genommen haben, in die Kommission nicht in Be­tracht kommen.

Der $aH Zacco-Vanzetti.

Vie Berufung ber zum Tode Verurteilten verworfen.

Der Oberste Gerichtshof von Massa- chusetts hat seine Entscheidung in dem Falle Sacco und Vanzetti am Freitag veröffentlicht. Da­nach wird eine Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt und die beiden Anträge der Verteidigung verworfen. Damit ist, falls das Oberste Bun­de s g e r i ch t in Washington noch eingreift, jede Aussicht auf Umstoßung des Urteils erschöpft und die Hinrichtung wird allem Anschein nach am 2 2. August ftattfinben.

Als Vanzetti der ablehnende Bescheid des Ober­sten Gerichtshofes mitgetilt wurde, schrie er fort­während:Das wußte ichl" Er habe nach einem Radiosender verlangt, um der Welt seinen Fall schildern zu können. Sacco dagegen nahm die Entscheidung gefaßt auf. Auch er erklärte, er habe eine solche Entscheidung erwartet. Das Essen schob er weg und erklärte, er wolle seinem Sohn einen Brief schreiben.

Der Verteidiger Vanzettis erklärte nach seinem Besuch im Gefängnis am Freitag, fein Klient fei verrückt geworden. Die drei Gefangenen Sacco, Vanzetti und Manerros wurden im Laufe des Ta­ges in das Totenhaus übergeführt. Es wurde er­klärt, daß die drei Gefangenen keine Anzeichen einer körperlichen oder geistigen Krankheit auf- weifen. Von der Polizei wurden besondere Vor­sichtsmaßnahmen getroffen, und verbrecherische Anschläge gegen öffentliche Gebäude zu verhindern.

Bemühungen zur Rettung der verurteilten.

rotb. Boston, 20. Aug. (Eig. Funkm.) Wie die Verteidiger Saccos und Vanzettis in später Nachfftunde bekannt geben, ist einer von ihnen auf die Sommerbesitzung des Richters Morton vom Bundesappellationsgericht gefahren. Er beabsich­tigt, Richter Morton zum Eingreifen zu veran­lassen, indem er den Befehl erläßt, Sacco und Vanzetti dem Apellationsgericht vorzuführen, wo­mit gleichzeitig die vorläufige Hinausschie­bung der Hinrichtung verbunden wäre.

Kundgebungen zugunsten Saccos und vanzettis.

mtb. Rewyork, 20. August. (Eig. Funkm.) Die Newyorker Arbeiterorganisationen haben ihre Mitglieder aufgefordert, am Montag um 3 Uhr zum Zeichen des Protestes gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis in den Streik zu treten.

* Der Anschlag gegen das italienische General­konsulat in Rancy. Die Untersuchung über den Versuch eines Bombenattentats gegen das italie­nische Generalkonsulat in Nancy hat zu der Fest­stellung geführt, daß lediglich infolge der schlech­ten QuaHtät des Pulvers, das verwendet worden war, eine Explosion der Bombe verhindert wurde. Die eine Zündschnur war nur ein Stückchen nie­dergebrannt, während die andere Zündschnur 16 Zentimeter abgebrannt war. Militärische Sach­verständige des Artillerie-Regiments haben er­klärt, die acht Kilo Sprengstoff hätten genügt, ein gut Teil des italienischen Konsulats in die Luft zu sprengen, lieber die Beweggründe des Atten­tats ist nichts bekannt.

Die Lage in China.

Nach den letzten Meldungen aus China befindet sich die Kantonarmee, an deren Fahnen sich ein Jahr lang der Sieg geheftet hatte, in großer Be­drängnis Der General Tschiang Kai Tschek, der den Pormarsch dieser Armee nach Norden bis zur Einnahme von Schanghai an der Mündung des Yangtseflusses geleitet hatte, ist kürzlich zurückge- treten. Schon vor seinem Vormarsch im vorigen Jahre hatte es in feinem Lager Zwistigkeiten ge­geben zwischen ihm und dem radikalkommunistischen Flügel der Kuomintang. Es ist ihm damals ge­lungen, den Radikalismus auszumerzen, war aber später durchaus befriedigt darüber, daß die Kom­munisten das Vorgelände feines Siegeszuges durch ihre Propaganda auflockerten und damit ihm den Vormarsch erleichterten. Tschiang Kai Tschek war mehr als nur ein General, als ein hochgekommener Bandenführer wie es deren so viele in China gibt, er gehörte zür nächsten Anhängerschaft des vor einigen Jahren verstorbenen chinesischen National­helden Sunyantsen pnd lebte auch völlig in dessen nationalen und sozialen Befreiungsideen. Wenn er jetzt zurückgetreten ist, so geschah es ohne Zwei- fel wegen der Niederlagen, die seine Armee vor Schanghai erlitten hat. Diese Niederlagen aber ha­ben ihrerseits ihren Grund in den tiefgreifenden inneren Zwistigkeiten, die in der Kantonarmee nach der Eroberung Nankings ausgebrochen waren. In Nanking hatte Tschiang Kai Tschek mit den ge­mäßigten Elementen seiner Partei eine neue Re­gierung gebildet, während die radikaleren Partei­führer eine Nebenregierung in Hankau errichtet hatten. Diese Nebenregierung hat sich aber bald gewandelt, sie nahm ebenfalls unter Abstoßung des Radikalismus gemäßigte Formen an und neuer- bings schweben Verhandlungen zwischen der Han- kauer und der Nankinger Regierung, um die alte Einigkeit wiederherzustellen und die Geschlossenheit der Partei wiederzufinden. In seiner Rücktritts­erklärung hat Tschiang Kai Tschek angegeben, daß er auch um der leichteren Herbeiführung der Einig­keit der Partei willen auf fein Kommando ver­zichte. 500 000 Dollar und eine stark bewaffnete Leibwache hat er bei feinem Abschied mitgenom­men, ein Zeichen wohl dafür, daß er nicht endgül­tig vom polstischen Schauplatz abtreten, sondern zu gegebener Zeit wieder erscheinen wird

Die Generale, welche Tschiang Kai Tschek be­siegt haben, sind Sun Tschuan Fang, der vertrie­bene Gouverneur von Schanghai und TschangTschun Tschang. der Gouverneur der Prov. Schantung. Es wird behauptet, daß diese aus dem Norden vor­dringenden Generale, die übrigens unter dem Kommando des Beherrschers von Peking Tschang Tso Lin, stehen, von Japan auä unterstützt wür­den. Es gibt Wahrscheinlichkeitsgründe dafür, weil ein weiteres Vordringen der Siidarmee^nach Nor­den das Interessengebiet Jovans, nämlich die Mandschurei bedroht hätte. Neuerdings heißt es, daß diese nach Süden vordringenden Generale be­reits von Nanking ständen und die Stadt beschößen. (Stimmt die Nachricht, von einer Unterstützung Ja­pans. so würde damit dieser asiatische Staat durch die Macht der Verhältnisie in die Bundesgenossen­schaft Englands gedrängt. Im Augenblick steht überhaupt die Situation für England außerordent. sich qfinftig und es scheint so, als bemühe es sich, nicht nur die durch den Vormarsch der Südorwee verlorene Position am Pangffeffuß wieder in Si­cherheit zu bringen, sondern sich in Schanghai für alle Zeiten festztffetzen. Jedenfalls wird ein sol­cher Gedanke in England bereits eifrig propagiert. Man wünscht, daß die Vorstädte Schanghais und auch die Chinesenstadt selbst in die mternationafe Niederlassung einbezogen werden. Auch soll eine Pachtzone für England geschaffen werden, die Schanghai mit einem Hinteraelände in einem Ra­dius von 50 Kilomtr. umfassen würde. Schon be­nimmt sich die englische Marineleitung in ihrem Verkehr mit den Chinesen bet Schanghai wieder recht selbstherrlich und geniert sich garnicht. geschlos­sene Vereinbarungen zu verletzen, wie der letzte Fluazeugzwifchenfäll bewiesen hat.

Ob diese englische Polittk klug ist, muß man ab« warten. Tschiang Kai Tschek hat, wie vermutet wird, wohl auch aus dem Grunde den Oberbefehl niedergelegt, well er sich als ein Hindernis betrach­ten mußte bei den Verhandlungen, welche zwischen der Südarmee und der von Norden vordringenden Nordarmee Tschang Tlo Lin's geführt worden sind. Im Fremdenhaß ist die Nordarmee sicher mit der Südarmee, ziemlich einig, wenn sie ihn auch nicht so aufdringlich beweist, rote diese. Die Nordarmee verfocht allerdings nicht die sozialen Reformideen, die die Südarmee propagierte Mit dem Rücktritt Tschiang Kai Tscheks ist ein Vorkämpfer dieser Ideen vom Derhandlungssisch verschwunden, sodaß es nicht unmöglich ist, daß eine Einigung zustande kommt. Das Verhalten der Engländer ist jeden­falls ein Moment, das sie beschleunigen könnte. Nun gibt es allerdings auf dem ausgedehnten Kriegsschauplatz noch einige Unsicherheitsfaktoren. Es operieren im Nordwesten des Kampfgeländes am Pcmgtfefluffes noch einige andere Generale, deren Pläne undurchsichtig sind. Man wird sich wohl darauf einstellen rnüsien, daß die chinesischen Wirren noch sehr lange dauern, zumal nach rote vor die Großmächte daselbst ein ausgedehntes In­trigenspiel vollführen.

Befürchtungen der holländischen Kolonie in Schanghai.

Dem Schanghaier Korrespondenten desAllge- meen Handelsblad" zufolge macht man sich in Schanghai in der dortigen holländischen Kolonie wegen der Folgen der Niederlage der südchinesi- schen Trappen große Sorge. Dem Korresponden­ten zufolge hat die dortige holländische Handels­kammer bei der niederländischen Regierung um un­verzügliche Entsendung eines holländischen Kriegs- schiffes nach Schanghai zum Schutz der holländi- schen Untertanen und Interessen ersucht