Mjeiilllmmer W W. (M MM. SMlsk m M.l
FuldaerZertung
Anzeiger für die Stabt Fulda unb ben Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Donnerstag, IS. August 1927
Nr. ISS
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.
Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 JLM, auswärts 0,20 M. Reklamezeile: lokal 0,60 5U, 54 tflutG auswärts 0,80 Bei Wiederholungen Rabatt.
Postscheckkonto Frankfurt a. M. Rr 4051.______:<_____
Vater des Vaterlandes.
Zur Hindenburgfpende.
Reichskanzler Dr. Marx hat dem von der Geschäftsstelle der Hindenburgfpende herausgegebenen und demnächst in Berlin im Verlag für Politik und Wirtschaft (Otto Stollberg) erscheinenden Hindenburg-Volksbuch eine Würdigung Hindenburgs gewidmet, in der es heißt:
Als am 12. Mai 1925 Generalfeldmarschall v. Hindenburg das Amt des deutschen Reichspräsidenten übernommen hatte, wurde keine leichte Bürde auf die Schultern eines Mannes gelegt, der sich bereits in einem langen Leben voll Pflichttreue und Hingabe in Frieden und Krieg für das Wohl des deutschen Volkes eingesetzt hatte. Die Geschichte kennt wenig Beispiele, in denen ein gleicher Dienst am Vaterlande in so hohem Alter gefordert wurde.
In der Ansprache, die ich am Neujahrstage des Jahres 1927 an den Reichspräsidenten gerichtet habe, konnte ich bereits in Dankbarkeit und Genugtuung feststellen, daß sich die politische Leitung in zunehmendem Maße auf einen die verschiedensten Bevölkerungsschichten und Varteigrup- vierungen umfassenden Willen zum Wiederaufbau der deutschen Weltgeltung mit den Mitteln einer ebensosehr auf die friedliche Verständigung wie auf die Wahrung der nationalen Würde bedachten Politik stützen durfte. Der Ruf, mit dem Reichspräsident von Hindenburg bei seinem Amtsantritt in feierlich ernster Stunde das deutsche Volk über alle Sonderinteressen hinaus zur Mitarbeit an dem Wiederaufbau des deutschen Gemeinschaftslebens aufgefordert hatte, hat also reiche und kostbare Frucht getragen.
Der große Gedanke der Volksgemeinschaft hat in gemeinsamer Arbeit des Reichspräsidenten, der Reichsregierung und des Reichstags das politische und wirtschaftliche Wollen des deutschen Volkes in stets stärkerem Maße und weiterem Umfange erfüllt. Das Vorbild aber in dieser so erfreulichen Gestaltung ist Reichspräsident von Hindenburg gewesen.
. Wir dürfen und wollen, geeint in gleicher Liebe zum Vaterland, dem Reichspräsidenten am 80. Geburtstage in hoher Ehrerbietung Dank aussprechen für all sein Sorgen und Mühen um das Wohl des deutschen Vaterlandes. Den schönsten Ruhm, Vajer des Vaterlandes zu sein, wird ihm das deutsche Volk an diesem Tage dankbar ztierkennen.
*
An nähme st eklen für die Hindenburgfpende und alle Postanstalten, Eisenbahnschalter, Banken, Sparkassen und die bekannten Postscheckkonten (Z. B. Berlin 73 800).
, * Wildungen sucht Anschluß an Preußen, (ffitg. Funkm.) Wie die „Waldecksche Zeitung" berichtet, hat der Gemeinderat der Stadt Bad W i l- d u n g en den Beschluß gefaßt, unabhängig von den zwischen den Reichsstellen, Waldeck und Preußen schwebenden Auseinandersetzungen mit dem preußischen Innenministerium direkte Verhandlungen über einen Anschluß an Preußen auf- zunehmen.
Annahme des kommunistischen Wißtranens- ootums in Schwerin. Die am Dienstag erfolgte Abstimmung im Landtag über ein Mißtrauensvotum gegen den demokratischen Justizminister Dr. Möller ergab die Annahme des Mißtrauensvotums nut 26 Stimmen der Rechten und der Kommunisten gegen 24 Stimmen der Sozialdemokraten und der Gruppe für Volkswohlfahrt mit Einschluß des Demokraten. Von den drei Kommunisten fehlte einer.
Zur Zraqe -er Veamtenbesol-ung.
Eine Antwort des Reichsfinanzministers.
Unmittelbar nach der Vertagung des Reichstages hatten demokratische Abgeordnete unter Hinweis auf die Aktion, die die sächsische Regierung in Uebereinstimmung mit dem Landtag in bezug auf die Beamtenbesoldung vorgenommen hat, den Reichsfinanzminister ersucht, auch für die Reichsbeamten noch vor dem 1. Oktober eine ähnliche Maßnahme wie in Sachsen zur Durchführung zu bringen. Darauf ist jetzt, wie der Demokratische Zeitungsdienst mitteilt, eine Antwort Dr. Köhlers einqegangen, in der es u. a. heißt:
Bei den letzten Verhandlungen über die Beamtenbesoldungsfragen im Haushaltungsausschuß des Reichstages habe ich eingehend die Gründe Largelegt, die die von verschiedenen Seiten beantragte lausende Erhöhung der Beamtenbezüge oder die Gewährung einer einmaligen Beihilfe an alle Reichsbeamten bestimmter Besoldungsgruppen vor dem 1. Oktober 1927 unmöglich machen. Namens der Reichsregierung habe ich mich aber bereit erklärt, die Unterstützungsmittel der Behörden der allgemeinen Reichsverwaltung um rund 3 Millionen Rm. zur Linderung der Not derjent- gen Reichsbeamten, die sich in schwieriger wirtschaftlicher Lage befinden, zu verstärken. Durch diese inzwischen durchgeführte Maßnahme ist erreicht, daß derzeitigen wirklichen Notfäl- l e n wirkungsvoller entgegengetreten werden kann, als es bei einer gleichmäßigen Verteilung der vorhandenen Mittel' auf sämtliche Beamten bestimmter Besoldungsgruppen möglich wäre. Um bte zur Verfügung gestellten Mittel möglichst gerecht zu verteilen, habe ich es den Dienstvorgesetzten zur Pflicht gemacht, auch von sich aus die wirtschaftliche ^.age ihrex Beamten zu prüfen und von Amts wegen da zu helfen, wo sie es für notwendig halten, auch wenn in Not befindliche Beamte es aus irgendwelchen Gründen unterlassen, einen Unterstutzungs- antrag zu stellen. Die von mir getroffenen Maßnahmen erscheinen mir im gegenwärtigen ^kr- punkt zweckmäßiger als das Vorgehen Sachten-, durch das allen Beamten Beihilfen tn bestimmten Hundertsätzen ihrer Dienstberüae gewährt werden.
„Zurück nach Locarno".
Unterredung mit dem polnischen Außenminister.
Die Wiener „Rcichspost" bringt eine Unterredung ihres Berichterstatters mit dem gewesenen polnischen Ministerpräsidenten Skrzynski. In dieser Unterredung sagte Skrzynski u. a., das Gebot der Stunde, das zu überhören gefährlich sein könnte, heißt: „Z u r ü ck n a ch L o c a r n o." Der Locarno-Geist kann den Frieden unseres Weltteils garantieren. Deshalb muß er siegen. Jedermann weiß heute, daß Clemenceau und Lloyd George^schlechte Friedensverttäge gemacht haben. Die Urheber dieser Verträge haben durch ihr schlechtes Verständnis für dis politische Realität den Locarnopakt notwendig gemacht. Der Friedensverttag von Versailles war etn In st rum en t der Strafe. Der Locarnopakt ist ein Instrument der Zusammen- arbeit. Erst Locarno stellte den moralischen Friedensvertrag dar. Der Locarnopakt ist keineswegs nur für Deutschland von Vorteil. Auf dre Frage, ob Polen ein besonderes Interesse am Locarnopakt gehabt habe, sagte Skrzyinski, daß Bolen wohl ein Interesse am Pakt gehabt habe. Die Politik von Versailles hatte zur Ruhrbesetzung geführt und drohte den Kriegsgeist in Europa zu verewigen. Das waren auch für Polen ganz trübe i Aussichten. Dazu kommt noch, daß der Ruhrkampf, \ wenn er weiter gedauert hätte, zu einer englisch- - deutschen Annäherung geführt hätte. Diele wäre aber erst recht für Frankreich und Polen verhängnisvoll gewesen, wenn nicht geradezu katasttophal. Dies ist das sehr realpolitische Jnteresie Polens am Locarnopakt Auf die weitere Frage, ob Skrzyinski an ein Ost-Locarno glaube, erwiderte er: „Ich kann nur sagen, daß wir Polen gern unterschreiben würden. Meiner Ansicht nach wäre aber ein solches deutsch-polnisches Locarno-Abkommen schwer zu erzielen. Aus dem westlichen Locarno hatte Deutschland große Vorteile. Ich glaube kaum, daß es in Deutschland irgendjemand gibt, der an krie- gerische Absichten Polens glaubt. In dieser Weise haben wir also nichts anzubieten. Warum sollte dann das Deutsche Reich einen Locarnopakt mit l uns unterschreiben?" — Weiter erklärte Skrzynski. i ein gutes Verhältnis mit Deutschland » sei für Polen eine Notwendigkeit, so- t wie auch das Umgekehrte für Deutschland gelte. Das Verhältnis Deutschlands zu Rußland, faate < Skrzynsski weiter, ist für die volniiche öffentliche Meinuno der große Stein des Anstoßes. Man fühlt sich in Polen nicht ganz sicher, daß nicht, hier ein Dopvelsviel a»trieben wird. Wir misten nicht ganz, ob wir sämtliche Mmachunaen und Dereinbarunaen zwischen Rußland und Deutschland kennen. Scbließ- l'ch erklärte Skrzynski. er sei heute kein aktiver Politiker, aber es fei ihm unmöglich, länger ruhig zu sitzen und zuzusehen, wie der Locarnogedanke, der der einzige Weg für die Sicherstellung des Friedens sei, immer mehr bedroht würde.
Verständigung mit Frankreich.
Unterzeichnung des deutsch-französischen Handelsabkommens.
wtb Paris, 17. Aug. (Eig. Funkm.) Havas gibt um 10 Uhr bekannt, daß das deutsch-französische Handelsabkommen heute früh von Handelsminister Bokanowski und Ministerialdirektor Poste unterzeichnet worden ist. Die Unterzeichnung durch den Minister des Auswärtigen Briand und Botschafter v. H o e s ch wird sicher im Laufe des Tages folgen.
KaHnettsfitymg vor Genf.
Das deutsche Reichskabinett wird, dem „B. T." zufolge, bevor der Außenminister nach Genf ab- reist, nochmals zu einer Sitzung zusammentreten. In dieser Sitzung, die für den 25. oder 26. August in Aussicht genommen ist, wird sich das Kabinett im einzelnen mit dem gesamten Genfer Fragenkomplex befassen, und Dr. Strese- mann voraussichtlich wiederum freie Hand für Gens gelassen.
* Streit um die Arbeitszeit in den Reichsverwaltungen. Der Eewerkschaftsbund der Angestellten teilt mit: Schon seit Monaten stehen die am Reichsangestellienfarifvertrag (Rat) beteiligten Organisationen mit der Regierung in Verhandlungen über die Abgeltung der Ueberzeitar- beit der Angestellten in den Reichsverwaltungen. Das Angebot'der Regierung trägt den gesetzlichen Bestimmungen in keiner Weise Rechnung. Infolge- dessen sind'die Verhandlungen am Samstag, den 13. August, gescheitert. Die Tarisorqanisationen haben deshalb am 15. August beim Reichsarbeitsminister die beschleunigte Durchführung eines Schlichtungsverfahrens beantragt.
♦ Vermehrte amerikanische Seerüstnng als Folge der gescheiterten Warinekonferenz. Admiral Gibson, der von der Marinekonferenz in Genf zurückkehrte, erklärte, daß die dortigen Beratungen den einen Erfolg gehabt hätten, dem amerikanischen Volke die Augen zu öffnen über die Notwendigkeit einer größeren Handelsflotte, aus der sich im Kriegsfälle schnell Hilfskreuzer bereit stellen lasten.
* Einfall persischer Banditen in Türkisch-Kurdistan. (Eig. Funkm.). Banditen aus Persien drangen an der anatolischen Grenze in Türkisch- Kurdistan ein. Der türkische Botschafter in Teheran sandte einen Bericht nach Angora, über den Wechsel, der in den türkisch-persischen Beziehungen eingetreten sei. Die türkische Regierung unternimmt energische Maßnahmen gegen die Banditen.
Die Parteikämpfe in Rußland
man hat einen Kompromiß geschlossen, bei dem es noch zweifelhaft ist, ob er zum Frieden führt oder für die Opposition eine Falle fein soll. Ganz gewiß hat die regierende Gruppe weder die Zeit für reif gehalten noch so völlige Klarheit über den Anhang der Opposition gewinnen können, daß sie einen radikalen Schritt bereits gewagt hätte. In
dem abgeschlossenen Kompromiß beißt es, daß die Opposition unbedingt und vorbehaltlos für die Verteidigung der Sowjetunion eintritt und zwar unter Beibehaltung des jetzigen Zentralkomitees der Partei und der jetzigen Leitung des Exekutivkomitees der kommunistischen Internationale. Die Opposition verurteilt auch entschieden alle Versuche zur Schaffung einer zweiten Partei in der Sowjetunion und bezeichnet sie als verderblich für die Revolution. Die Opposition erklärt sich bereit, alles zur Vernichtung aller Fraktionselemente ,zu tun, die sich als Folge besten gebildet haben, daß die Opposition angesichts des innerparteilichen Regimes gezwungen war, der Partei ihre wirklichen Anschauungen mitzuteilen, die dann in der im ganzen Lande gelesenen Presse falsch wiedergegeben worden sind. Aber diese Konzessionen verhindern die Opposition nicht, ihre Ueberzeugung aufrecht zu erhalten, daß die Partei auch während des Krieges nicht auf die Kritik und auf die Verbesserung der Linie des Zentralkomitees, falls sie unrichtig sein werde, verzichten könne. Dieser letzte Satz hebt die erst gemachten Konzessionen größtenteils wieder auf. Die Kritik an dem herrschenden Regime wird also von der Opposition weitergeführt werden und damit auch die oppositionelle Gruppenbildung innerhalb der Partei weitere Nahrung erhalten. k
Der Kompromiß bedeutet also keine Beilegung des Streites, sondern seine Fortführung. Insbesondere wird man außerhalb Rußlands, wo die leiblichen Gefahren für öiffentierenöe Geister nicht so groß wie in Rußland selbst sind, den Meinungskampf weiter ausfechten. Die herrschende Gruppe in Moskau wird demgegenüber das ihrige tun, um sich zu befestigen. Die unglaublich zahlreichen Verhaftungen, die in den letzten Monaten in Rußland erfolgt sind, beweisen das Maß ihrer Energie. Im übrigen dürften auch die endlosen Disziplinpredigten Ihre Wirkung nicht verfehlen, wenn auch solche Disziplinpredigten sich gewöhnlich dann häufen, wenn die Organisation an geistiger Kraft verliert und entsprechend sich selbst umsomehr zum eigenen Zweck setzt. Aber diesmal kommen der herrschenden Schicht die außenpolitischen Schwierigkeiten zu Hilfe, die jedem Appell an die Disziplin starken moralischen Nachdruck verleihen. Der Parteiapparat samt der Presse ist jedenfalls noch vollkommen in der Hand der herrschenden Gruppe, die Opposition bleibt auf Flugblätter angewiesen und die Hilfe vom Auslande her-
Die Verhandlungen des Zentralkomitees der kommunistischen Internationale in Moskau über die Behandlung der Opposition in der Partei haben mit einem Kompromiß geendet. Die jetzigen Herrscher Stalin und B u ch a r i n haben es nicht gewagt, die Oppositionsführer Trotzki und Sinowjew aus dem Exekutivkomitee auszuschließen, was man vorher erwartet hatte. Es ist nicht ganz klar, um welche konkreten Dinge es sich bei diesen Meinungsverschiedenheiten handelt. Man wird den kritischen Parteiverhältnissen wohl dann am ehesten gerecht, wenn man von Meinungsverschiedenheiten der Führer über die bessere Anwendung der kommunistischen Lehre spricht. Die herrschende Gruppe sowohl wie die opponierende Gruppe betonen beide mit Emphase, daß sie die ur- eigentlichen Vollstrecker des Willens Lenins seien. Sie seien die eigentlichen Träger des Leninismus. Was aber hat Lenin gelehrt, was hat Lenin praktiziert und was ist der reine Leninismus? Wer handelt im unmittelbaren Sinne Lenins, derjenige, der die in den theoretischen Schriften Lenins niedergelegten Ansichten anwendet, oder derjenige, der sich zur reformistischen Praxis des bereits legendären Parteihäuptlings bekennt? Man weiß, daß Bucharin einer der radikalsten Doktrinäre des Bolschewismus gewesen ist und zur neuen Wirtschaftspraxis Lenins sehr oft in Gegensatz geriet. Man weiß, daß Sinowjew, als er noch Leiter der kommunistischen Jnternatio- nale war, eine unumschränkt individualistische Politik gemacht hat, die schließlich seinen Sturz her- beiführte. Die Außenpolitik Sinowjew in den kommunistischen Sektionen der nichtrussischen Länder war lediglich von Selbstzwecken der kommunistischen Organisation bestimmt, so wie Sinowjew selbst sie auffaßte. Das Regiment Lenins dagegen war bei aller Ditakturfchroffe erheblich sachlicher und objektiver. Was also heißt Leninismus, was ist die richtige und reine Lehre Lenins? In den Kampf der beiden Richtungen mischen sich ganz gewiß Erwägungen kommunistisch theoretischer Art hinein, das Grundmotiv des Gegensatzes ist aber ohne Zweifel in letzter Linie der Ehrgeiz der Führer. Eine Diktatur ist darauf angewiesen, von fortgesetzten Erfolgen zu reden. Stellen sich Mißerfolge ein, so bekommt der Ehrgeiz beiseite-gestellter Füh rernaturen natürlich ausreichende Nahrung, nicht nur um zu demonstrieren, daß man es bester kann, sondern auch um anzudeuten, daß der allein seligmachende Weg des Parteipapstes Lenin zum Unglück verlassen worden sei.' Cs handelt sich also letzten Endes um einen Kampf, um Macht und Führung innerhalb der Partei, es ist der Ehrgeiz der Politiker, der, obgleich sie von derselben „Weltanschauung" inspiriert sind, nicht den gleichen politischen Weg zu gehen vermögen.
Wie eingangs gesagt, ist die Oppositionsgruppe nicht in Acht und Bann erklärt worden, sondern
England und Arabien.
Der anfangs Juli zwischen dem englischen Ge schäststtäger Gilbert Clayton und Ibn Saud zum Abschluß gebrachte englisch-arabische Vertrag bedeutet eine Erweiterung des Bündnisvertrages von 1915 und des Grenzvertrages vom November 1925, durch den die beiden britischen Mandatsgebiete von Transsordanien und Mesopotamien eine gemeinsame Grenze erhielten.
Bereits im Jahre 1915 erkannte Ibn Saud durch den Bündnis-Vertrag in Auswärtigen Angelegenheiten England als Protektor an. Durch den Uebergang des Königsreiches Hedschas an Ibn Saud wurde eine neue Gage geschaffen, der der neue Vertrag Rechnung tragen soll. In diesem Vertrage wird zunächst die Ebenbürtigkeit Ibn Sauds als Verttagspartner und feine volle Unabhängigkeit von der englischen Regierung anerkannt. Die Frage der Hedichas Bahn ist zu Gunsten Ibn Saud geklärt geklärt worden. Desglei- chen zeigte England in der Frage der Rückgabe der ©täfote Maan und Akaba an Hedschas Entgegenkommen. (Diesen wirtschaftlich unbedeutenden Städten hatte man in englischen militärischen und politischen Kreisen aus empirestrategischen Gründen bisher große Bedeutung beigemessen ) Ferner stellte England, ähnlich wie in den Abmachungen von 1915 Ibn Saud jährlich eine größere Summe zur Verfügung. England darf dafür eine englische Militärkommission in Nedfchd unterhalten und hat das Recht, auf einem im Vertrag umschriebenen Teil des Hedschas eine Flogst cttion ejnzurichten und Flugzeuge zu stationieren Diese Vertragsklausel stellt jedenfalls wobt das militärische Aeauivalent für die Herausgabe von Maan und Akaba dar.
Clanton teilte im Verlauf der Verhandlungen mit, daß nach der enalischen Regierung vorliegenden Informationen Sowjetrußland beabfidjfigte, im Machtbereiche Ibn Saud's eine intensive Propaganda aufzuziehen. England fei bereit, Ibn Saud in der Abwehr des Bolschewismus zu unter« stützen. Ibn Saud stimmte der Einrichtung einer antibolschewistischen Stelle in seinem Machtbereiche zu.
Dem Abschluß voraus gingen Verhandlungen Claytons mit dem italienischen Gouverneur Gaspe- rini, die sich um die aus dem italienischen Protektorat in d"m Saud benachbarten Jemen-Gebiet resultierenden Ri>!6ungsflöchen zwischen stistienstchei und englischer Arabien-Politik drehten. Diese Der- Handlungen führten zu befriedigendem Ergebnis
Zu beachten ist Ibn Saud's Stellung zu Frank- reich. Er hat seine Sympathien für die aufständischen Syrier nie verleugnet und erst setzt den flüchtigen Syrier-Führer Sultan Astrasch mit 'einem Anhänger aufgenommen, nachdem er vorbei die Aufständischen bereits mit Waffen und Munition unterstützt und stillschweigend geduldet hatte daß ihm unterstehende Beduinen-Stämme mit der syrischen Aufständischen gemeinsame Sache mac; ten. _______________________
Die Wirren in China.
Weiterer Vormarsch der Nordtruppen.
Aus zuverlässiger Quelle wird gemeldet, daß bü chinesischen Südtruppen eilig das Nordufer des P a n g t f e räumen. Die Truppen Suntfchu- anfangs, des Kommandeurs der Nordtruppen, rücken mit großer Schnelligkeit vor. Taufende von Flüchtlingen sind aus Nanking und Tschingking nach Schanghai abgereift.
„Times" meldet aus Peking: Fast alle führenden Mitglieder der Nankingregierung sind in Schanghai eingetroffen. In Nanking herrscht Panik. Man befürchtet einen Konflikt zwischen den Nationalisten und den vorrückenden Nordtruppen. Sunschuansang, der Führer der Nordtruppen, hat an das Kabinett telegraphiert, er erwarte irr kurzer Zeit in Nanking und Schanghai zu sein.
Die 5acco-vanzetti-5lnaelegenheit
Vombenattentat auf einen Geschworenen.
Am Dienstagmorgen wurde das Haus v< Lewis Mc. H a r d y in East-Milton, der als Ge> schworener in dem sieben Jahre zurückliegender ersten Prozeß gegen Saeco Vanzetti tätig war, durch eine Explosion zerstört. Mc. Hardy war zufällig abwesend, dagegen befand sich seine Familie im Haus. Obwohl die Feuerwehr die Be- troffepen nur mit großer Mühe aus den Trüm» mern des zerstörten Hauses bergen konnte, ist k e i» ner ernstlich verletzt worden. Wie weiter berichtet wird, befand sich Mc. Hardy, als sein Haus durch eine Explosion zerstört wurde, in seiner Wohnung. Alle Anwesenden erlitten Schnitt- und Stoßverletzungen. Die Polizei äußert die Meinung, daß die Explosion mittels einer Bombe herbeigeführt worden ist.
Bombenanschlag in Buenos Aires.
wtb. Buenos Aires, 17. Aug. (Eig Funkm) Auf den Leiter der hiesigen Kriminalpolizei wurde heute nackt ein Anschlag verübt. Auf dem Balkon seines Prirathauses wurde eine Bombe zur Explosion gebracht. Die Hauswand wurde zerstört, verletzt wurde niemand. Die Polizei vermutet Z u- sammenhänge mit der Sacco-Vanzetti- Angelegenheit.
Freitag Entscheidung des Obersten Gerichtshöfe»
wtb. London, 17. Aug. (Eig. Funkm.). Nach einer Agenturmeldung aus Boston hat sich der oberste Gerichtshof feinen Beschluß in der Sacco- Vanzetti-Angelegenheit bis Freitag vorbehalten.
* König Fuad kommt nach Paris. Der König von Aegypten wird am Samstag, den 20. ds. Mts" aus Venedia kommend in Paris eintreffen.