* Fuldaer Zeitung
M 183.
Donnerstag, 11. August 1927.
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Actlendruckerei, Fulda
Erziehung zu politischem Denken
'Übung zu be
Papa vergossen, schadeten ihr nicht besonders. Sie war vielleicht magerer und ihr Gesichtchen vom Wind dunkler geworden, aber in den folgenden Tagen fühlte sie sich bedeutend weniger müde als anfangs. Es ist richtig, daß Jdrys ihr das beste Kamel gegeben und den Sattel so ausgezeichnet eingerichtet hatte, daß sie liegend darin schlafen konnte. Aber hauptsächlich verlieh ihr die frische Luft der Wüste, die sie bei Tag und Nacht atmete, die Kräfte, um die Anstrengungen und Unbequemlichkeiten zu ertragen.
Stasch wachte nicht nur sorgsam über sie, sondern um- gab sie absichtlich mit einer Art von Verehrung, die er für das kleine Schwesterchen, trotz seiner Anhäng, lichkeit, absolut nicht empfand. Aber er merkte, daß dieses Gefühl sich unwillkürlich auch den Arabern mitteilte und sie in der Meinung bestärkte, daß sie ein unge- wohnliches, überaus kostbares Wesen mit sich führten, das man sehr vorsichtig behandeln müsse. Jdrys hatte sich das noch in Medinet angewöhnt, und so gingen alle gut mit ihr um. Man gönnte ihr stets Wasser und Datteln. Gebhr wagte es nicht mehr, die Hand gegen sie zu erheben. Vielleicht auch trug der außergewöhnliche Liebreiz des Kindes dazu bei, und der Umstand, daß sie etwas von einer Blume und von einem Vöglein an sich hatte; diesem Zauber konnten selbst die wilden Araber nicht widerstehen. Oft, wenn sie in die Nähe des Lagerfeuers aus Jerichorosen und Dor- nen kam, von den Flammen rosig und von dem Mondschein silbern umflossen, da konnten weder die Suda- nesen noch die Beduinen das Auge von ihr wenden, und sie murmelten in ihrer Art:
„Allah", „Maschallah" oder „Bismillah". —
Am Tag nach jener langen Strecke hatten Stasch und Nel, die auf einem Kamel ritten, einen Moment freu- diger Erregung. Gleich nach Sonnenuntergang schwebte über der Wüste ein Heller, durchsichtiger Nebel, der aber bald herunterfiel. Als dann die Sonne höher stieg und die Kamele stehen blieben, spürte man nicht den leisesten Hauch, sodaß die Luft wie der Sand in Wärme und Licht zu ruhen schienen. Die Karawane zog eben auf einer weiten, öden Ebene, die von keinem „Khor" unterbrochen war, dahin, als sich den Kindern ein wunderschöner Anblick bot. Wipfel von schlanken Palmen tauchten auf, Pfefferbäume, Mandarinenplantagen, weiße Häuser, eine kleine Moschee mit hochragendem Minarett, Gärten von Mauern umschlossen: all das sah man fo deutlich und in so geringer Entfernung, daß
gen des öffentlichen Lebens im Verkehr m,t bewahrten Führern: und dann erst Eintritt ins öffentliche Wirken: so war es Regel. Kehrt man das um, so ist's verkehrt. Alles in seiner Zeit! Einseitige Einstellung nach rechts oder links war uns vollkommen unbekannt; Einheit und Geschlossenheit war uns das Wichtigste, geleitet von den in jahrzehnte- langer Arbeit und vielseitiger Erfahrung bewahrten Führern.
So redet die Vergangenheit zu uns. Bleiben wir ihr treu, dann erweisen wir uns selbst, dem Volke und dem Vaterlande den besten Dienst."
AusderAOrlliheiiesAr-illlll-WcBWossBeltrm von Breslau bei der Generalversammlung der Unitas am 5. Zugust 1927.
man glauben konnte, man würde in einer halben Stunde die Bäume dieser Oase erreichen.
„Was ist das?" rief Stasch. „Nel, Nel, sieh!"
Nel erhob sich und blieb vorerst stumm vor Staunen dann aber begann sie vor Freude zu rufen:
„Medinet! Zum Papa, zum Papa!"
Stasch erblaßte vor Erregung.
„Vielleicht ist es Chargeh; aber nein, es ist Mediner Ich erkenne das Minarett und sehe selbst die Windflügel auf den Brunnen."
Tatsächlich bemerkte man in der Ferne deutlich di« hoch erhobenen Windflügel der amerikanischen Brunnen, großen Sternen ähnlich, auf dem grünen Hintergrund der Bäume unterschied Staschs scharfer Blick sogar ihre rot bemalten Ränder.
„Es ist Medinet."
Stasch wußte schon aus Büchern, daß es in den Wüsten Täuschungen gibt, „Fata Morgana" genannt, die den Reisenden öfters Oasen, Städte, Gebüsche, Bäume und Seen vorspiegeln, die aber nichts anderes sind als Täuschung, Lichtspiel und ein Reflex der wirklichen, weit entfernten Gegenstände. Doch diesmal war die Erscheinung beinahe greifbar, so daß er nicht daran zweifelle, Medinet vor sich zu sehen. Da war das Türm- chen auf dem Hause des Mudir, da unter dem Minarett die runde Veranda, von welcher der Muezzin zum Gebete ruft, und weiter die bekannten Baumgruppen und Windmühlen. Nein, das mußte Wirklichkeit fein! Dem Knaben schien es, daß die Sudanesen die Rückkehr nach Fayum beschlossen, ohne ihm etwas davon zu sagen. Doch ihre Ruhe erweckte sein Mißtrauen. Wenn es tatsächlich Fayum wäre, würden sie so gleichgültig sein? Sie sahen doch die Erscheinung und zeigten mit den Fingern danach, aber in ihrem Antlitz sah man weder Unsicherheit noch Bewegung. Stasch blickte noch einmal hm- aber die Gleichgültigkeit der Araber bewirkte, daß das Bild ihm blässer erschien. Dann dachte er baran] daß die Karawane, wenn man umgekehrt wäre, sich enger zusammengeschlossen hätte, und alle dicht beieinander reiten würden. Statt dessen sah man die Beduinen, die auf Jdrys Befehl seit einigen Tagen stets weit vorausritten, gar nicht, und Chamis, der die Nachhut bildete, erschien in der Ferne nicht größer als ein über dem Boden schwebender Geier.
„Fata Morgana," sagte sich Stasch
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ReW-Mlichlnen und -Ausgaben im ersten Vierteljahr des Rechnungsjahres 1927.
Diirhopp- und lüanderer-fahrräder liefert bei günstigen Teilzahlungen Kircher-Ludwig.
Durch Wüste und Wildnis.
Roman von Heinrich Sienkiewicz.
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„Ein wirklicher Gentleman bellt auch nicht beim Abschied, außer wenn er ein Hund ist, und Saba ist einer."
Doch bald wären die Augen des Knaben wieder umflort vor Traurigkeit. Er erhob sich seufzend von dem Stein, auf dem sie beide saßen, und sagte:
„Das traurigste ist, daß ich dich nicht befreien konnte."
Und Nel erhob sich auf den Zehen und umschlang Staschs Hals. Sie wollte ihn trösten und ihm ihren Dank zuflüstern, aber da sie die nötigen Worte nicht finden konnte, küßte sie nur sein Ohr und umarmte ihn fester.
Unterdessen stürzte Saba, der immer etwas zurück war — er konnte zwar den Kamelen nachkommen, aber er jagte unterwegs immer auf Schakale und bellte die Geier auf den Felsen an — herbei, mit demselben Lärm wie immer. Die Kinder vergaßen bei seinem Anblick alles, und trotz ihrer bedrängten Lage fing das zärtliche Spiel wieder an, bis die Araber es unterbrachen. Chamis gab dem Hund zu fressen und zu trinken, dann bestiegen alle die Kamele und diese eilten im schnellsten Trab vorwärts gegen Süden.
f 12.
Das war die längste Strecke, denn abgesehen von einer kleinen Unterbrechung ritten sie achtzehn Stunden. Nur echte Reitkamele, die großen Vorrat an Wasser im Magen haben, können einen solchen Weg aushalten. Jdrys schonte sie nicht, denn er hatte Angst, daß die Verfolger sie erreichen könnten. Er sah ein, daß diese längst aufgebrochen sein mußten, und vermutete, daß die beiden Ingenieure sich an der Spitze der Expedition befanden. Die Gefahr drohte von der Flußseite her, denn es war klar, daß gleich nach der Entführung der Kinder Depeschen an alle Uferkolonien ausgesandt worden waren mit dem Befehl, die Schelks sollten von beiden Seiten des Nils in das Innere der Wüste vordringen und alle südwärts Reifenden zurückhalten. Chamis versicherte, daß die Regierung und die Ingenieure eine große Belohnung für das Ergreifen der Karawane ausgesetzt hätten und daß es infolgedessen in der Wüste von Suchenden wimmeln werde. Das sicherste wäre gewesen, sich gegen Westen zu wenden. Aber im Westen ♦Q8 die große Oase Chargeh, wohin die Depeschen eben-
wendig in einer Zeit, in der die Schulung zu klarem philosophischen Denken den weitesten Kreisen fehlt: ein Mangel, den die „Neuordnung des höheren Schulwesens" in Preußen zu beheben absolut nicht imstande ist.
Grundsatz war stets in der Unitas die Bescheidenheit in allem äußeren Gepränge. War nicht gerade die Einfachheit in äußerem Auftreten ein Gehege der höheren Ziele? Sollte nicht unsere Zeit wirtschaftlicher Not und seelischer Verzagtheit von Millionen allen akademischen Korporationen ein Ansporn sein, diese Einfachheit lieb zu behalten? Nur insoweit hat äußerer Glanz Bedeutung, als er ein spontaner Ausdruck des inneren Geistes ist und in würdigen Grenzen sich hält. Niemand ist unter uns, der nicht fühlte, daß Einfachheit, Ernst und Bescheidenheit im studentischen Auftreten am besten geeignet ist, Bande zu schlingen zum Herzen des Volkes, dem zu dienen wir berufen sind.
Grundsatz der Unitas war ein echt sozialer Zug. Nie fühlten sich die Unitarier wie eine bevorzugte Kaste. Mit den schlichten Handwerkern saßen wir im Vinzenzvereine auf einer Bank; je ein Handwerker und ein Unitarier besuchten wöchentlich die unterstützten Kranken gemeinsam. Gerührt hat mich — gestattet mir, das nebenbei — bei meiner Bischofsweihe und bei der Kardinalskreation der Gruß der Vinzenzbrüder der Petri-Pfarr- gemeinde in Würzburg. — Nie vergaßen die Unitarier die Mahnung des Dichters der roten Erde:
„Erst gehörst Du Deinem Gotte, Ihm zunächst der Heimaterde. Denke stets: mit jeder Faser Bist Du Deinem Volke pflichtig."
Mit jeder Faser des Herzens, mit jeder Kraft und jeder Stunde des Daseins Gott und dem Volke pflichtig: das hat feine Weihe gefunden durch denjenigen Unitarier, den wir als treuesten Hüter der Unitas kennen, durch den unvergeßlichen Franz Hitze. Lebt feine soziale Gesinnung unter uns fort? Wie würde er heute zu Euch reden, wenn er all' die seelische, soziale und wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit mit erlebt hätte! Nicht glanzvolle Kommerse, sondern opfervolles Wirken in stiller verborgener und in mutig öffentlicher Arbeit für die notleidenden Volksgenossen, christlich sozialer Sinn und katholische Caritas allein verlieh unserem Franz Hitze Schwung und Ausdauer, Wärme und Freude.
Grundsatz in der Unitas war die E n t h a l t u n g vonpolitisch en Kämpfen. Nicht ein früh- reifes Sichhervortun, sondern erst aufmerksames Studium und Beobachtungen aller Vorgänge im öffentlichen Leben, erst gründliches Berufsstudium und Charakterbildung, erst Schulung auch in Fra-
„Meine lieben Unitarier! Die Generalversammlungen unserer studentischen Korporationen haben m vielfacherHinsicht an Bedeutung gewonnen. Sie sind eine Manifestation nicht nur des äußeren Wachstums der Verbände, sondern mehr noch des belebenden Geistes; sie sind eine Probe auf den Zusammenhalt zwischen den Alten Herren und der Aktivitas; sie wecken von selbst die Frage, ob die Prinzipien und Ziele der Gründer unverändert und mit Innerer Ueberzeugung festgehalten ßnd oder ob langsam eine Umstellung unmerklich eingetreten ist; sie legen es nahe, die Stellungnahme des Verbandes zu denjenigen Bewegungen nachzuprüfen, die mehr von außen her in die Studentenschaft hineingetragen sind; sie sind auch eine Probe auf das Verhältnis der Studentenschaft zum Volksganzen. Aus all diesen Gründen hat heute die Oeffentlichkeit Interesse zu den Generalversammlungen, mehr als früher.
Das legt mir nahe, meine Augen auf die Eigenart des Unitas-Verbandes zu richten. Ich tue es mit freudiger Genugtuung. Dabei möchte ich zwei Fehler vermeiden: nicht einseitig laudator acti tem- poris zu fein, und auch nicht die Vorzüge anderer Verbände zu verkennen."
Nachdem der Kardinal von dem Streben nach religiöser Vertiefung auch von der Pietät gegenüber der Autorität gesprochen hatte, fuhr er fort: „Grundsatz war stets in der Unitas das Ringen nach gründlicher wissenschaftlicher Bildung. Die Serie der Vorträge Woche um Woche im Verein und die wissenschaftliche Sitzung an den Vereinsfesten war ein charakteristischer Zug im Leben der Unitas, auf den besonders Professor Hetlinger mit so tiefer Freude blickte, namentlich wenn' er an den wissenschaftlichen Sitzungen der Unitas teilnahm, gemeinsam mit anderen Gelehrten, einober zweimal auch mit dem Senior der katholischen Wissenschaft, des- fen Namen wir nur mit Ehrfurcht nennen können, mitProfessor Gutberlet, dessen Geist heute noch im Alter von über neunzig Jahren der Blütezeit Würzburgs in Liebe eingedenk ist. — Wissenschaftliche Vorträge und Arbeiten, namentlich solche, die den großen Weltanschauunqsftagen dienen, werden auch in Zukunft Eure Tagungen gehaltvoll machen, so daß Ihr geistigen'und seeli- scheu Gewinn als ihre Frucht genießet. Ohne den Eifer zu wissenschaftlichen Vereinssitzungen würde die Unitas eine Eigenart verlieren, mit deren Schwinden auch ihre Bedeutung bergab ginge. Richtet, liebe Unitarier, oft an befreundete'akademische Lehrer die Bitte, Eure Vortrags- und Diskussions- tage zu beleben, besonders in tieferer Erfassung weltanschauliche Probleme. Das ist besonders not«
Wissenschaft und Forschung.
— Auszeichnung eines Atterlurnssorfchers. Der Gründer der Kölner Antropologischen Gesellschaft, Karl Rademacher, wurde von der philosophischen Fakultät der Universität Köln zum Doktor der Philosophie h. c. erwannt. Die philosophische Fakultät wollte mit dieser Ernennung die großen Verdienste auszeichnen, die sich Rademacher um den zielbewussten Ausbau des Museums für Vor- und Frühgeschichte erworben hat.
Zus dem Nachdargebiet.
— Schotten. Die Sommerfrischen und Luftkurorte im Vogelsberg haben in diesem Jahre erfreulicherweise einen außergewöhnlich starken Zu - s p r u ch aufzuweisen. Besonders stark sind es die Orte Herbstein, Ulrichstein, Schotten, Hochwaldhausen, Hart- mannshaim, Ortenberg und Bad Selters, die einen regen Fremdenbetrieb haben. Auch die Jugendherberge aus der Herchenhainer Höhe ist stets voll besetzt. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dieser starke Som- merverkehr eine Folge der planmässig betriebenen Propaganda für den Vogelsberg ist.
— Kassel. Hier stürzte infolge eines Schwindelanfalls eine alte Dame aus dem dritten Stockwerk ihrer in der Königstratze gelegenen Wohnung. Mit zerschmetterten Gliedern und schweren Schädelverletzungen blieb sie tot im Hofe liegen.
= Bad Nauheim. In der Zeit vom 2. bis 16. Juli wurde in der hiesigen katholischen Kirche von bisher nicht ermittelten Tätern der Versuch gemacht, drei eingemauerte Opferbüchsen und einen freistehenden Opferstock zu erbrechen. Den Tatumftänben nach kommen gewiegte Spezialisten in Frage, vielleicht die gleichen Personen, die auch in einzelnen rheinhessischen Kirchen aufgetreten sind.
— Seifers (Westerwald). Während des Sonntagsgottesdienstes in der katholischen Kirche wurde das nahe gelegene Pfarrhaus von Einbrechern heimgesucht, die einen größeren Geldbetrag entwendeten und dann unerkannt enttarnen.
— Homburg v. d. H. Ein Frankfurter Jagdpächter erlegte im Nieder-Erlenbacher Wald oberhalb Bilfingen bei Friedrichsdorf einen starken Keiler im Ge. wicht von nahezu zwei Zentnern. Seit einem Menschenalter wurde in diesem Revier kein Wildschein erlegt.
— Eltville. In der Gemarkung Eltville wurde in den letzten Tagen im Distrikt „Rausch" ein neuer Reblausherd von etwa 1000 Stöcken aufgefunden, ebenso hat man neuerdings in der Gemarkung Oestrich in der Lage „Gottestal", auf der nach der Hattenhei- mer Gemarkung zu belegenen Seite, das Vorhandensein der Reblaus sestgestellt. Sie wurde ferner in der Lage „Neuberg", in der Lage „Eich" und in der berühmten Lage „Kindergarten" aufgefunden.
i "Wir Deutschen können nicht politisch denken" oder „Das Volk ist nicht reif für den Parlamentarismus, d. r. Selbstverwaltung", — wer hat biese Antwort noch nicht bekommen, wenn eine unliebsame Frage aufgeworfen wurde, wenn über unsere Verfassung gesprochen wurde! Wie oft wird aus den hingeworfenen Sätzen dann weiter gefolgert, daß der weitaus größte Teil unseres Volkes es auch weiterhin nötig habe, sich unter die Vor- mundschaft einer kleinen Klasse zu stellen, und daß uns nur noch ein Diktator retten könne. (Der Ruf nach diesem hat allerdings in letzter Zeit infolge verschiedener Erfahrungen schon sehr an Zugkraft eingebüßt.) Solcherlei Schlüsse sind schnell gezogen, aber — wenn uns wirklich politische Schulung fehlt (und das ist bis zu einem gewissen ®ra.^e leider der Fall, da früher Versäumtes nicht so schnell aufgeholt werden kann) — so ist doch nichts naheliegender, als dafür zu sorgen, daß der Mangel recht bald beseitigt wird!
Vor dem Kriege bot das öffentliche Leben nur germgen Anreiz zu politischem Denken, da die Möglichkeiten, mitbestimmend bei politischem Geschehen zu sein, außerordentlich gering waren. Ein Reichstag, dem keine Regierung Verantwortlichkeit schuldete, ein Landtag einseitig nach dem Drei- llassenwahlrecht zusammengesetzt, waren wirklich nicht geeignet, politisches Leben zu wecken oder allgemeines Interesse im Volke wachzurufen.
Diesen Mangel an politischer Bildung zu beseitigen, sollte unser eifriges Bestreben sein. Daß lange Versäumtes nicht plötzlich nachgeholt werden kann, liegt auf der Hand. Aber auch Zustände einer Uebergangszeit, wie wir sie erleben, erschwert durch mancherlei Erbe, werden überwunden. Mir müßten uns als Volk ja selbst sehr gering ein« schätzen, wenn wir nicht den Glauben an uns selbst hätten, daß wir auch zu politischem Handeln und Denken so befähigt sind wie andere Nationen. Ein geschichtlicher Rückblick lehrt uns, daß die Fähigkeit zur Selbstverwaltung im deutschen Volke wohl bestanden hat und nur durch besondere Umstände vergraben liegt. Die Tage der Hanse und der freien Reichsstädte, d. i. die Herrschaft des freien Bürgers, waren eine Blütezeit!
Poliftsche Bildung, staatsbürgerliche Kenntnis sind nötig, wenn man sich zu einer Kriftk der bestehenden Zustände berufen fühlt (und wer fühlte sich hier nicht berufen!). Und doch: wie wenig Leser lesen die erste Seite ihrer Zeitung! Wie wenige versuchen sich erst ein klares Bild zu verschaffen, ehe sie ein politisches Resultat verdammen! Jedes politische Geschehen wird doch von Vorausgegangenem bestimmt, Nicht von einer einzelnen Partei, viel weniger von einem einzelnen Menschen. Diese Voraussetzungen und Gegebenheiten müssen mit in die Rechnung gestellt werden! Dieser Umstand allein würde manche Keckheit, manche Lieblosigkeit und Gehässigkeit aus unserem Volksleben beseitigen. Unser heutiges Leben ist in seinem Grundwesen, in seinem Verhältnis zum Mitmenschen, weithin krank. Es fehlt die „letzte Gehalten- heit", die weiß, daß wir letzten Endes doch Brüder sind und dazu bestimmt, miteinander zu leben. Volksgemeinschaft! Hätten wir sie, man brauchte nicht soviel davon zu reden!
Staatsbürgerliche Kenntnis, politische Bildung allem können unsere freiheitliche Verfassung in dem Geiste sich auswirken lassen, der ihren Schöpfern vorgeschwebt hat. Es kommt auch hier auf jeden Einzelnen an! M. Er.
Elf Mädchen durch ein durchgehendes Fuhrwerk verletzt. Bei einer Prozession junger polnischer Arbeiterinnen aus Klein-Santers- leben gingen die Pferde eines Ackerwagens durch Der Wagen stürzte um, und 16 Mädchen wurden herausgeschleudert und kamen zum Teil unter den Wagen zu liegen. Elf wurden verletzt, darunter fün fso schwer, daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten.
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— Marburg. In der Nacht ist hier der 24 Jahre alte Dr. der Chemie Sälzer aus dem Fenster seiner im dritten Stockwerk gelegenen Wohnung aus einer Höhe von etwa 15 Meter auf die Strasse gesprungen. Er war sofort tot. Die Ursache zu dem Schritt konnte noch nicht aufgeklärt werden.
— Gemünden (Wohra). Zwischen Sehlen und Haina brach an einem hiesigen Auto, das ins Schleudern geraten war, das Steuer. Der Wagen wurde gegen einen Straßenbaum geschleudert, wobei von den Insassen drei junge Mädchen und ein Bursche auf d i e Straße flogen. Während dem Führer nichts passierte, erlitten die Herausgeschleuderten mehr oder minder schwere Verletzungen. Ein Mädchen soll einen Schädelbruch davongetragen haben. Der Wagen wurde schwer beschädigt.
— Treysa. In dem Nachbardorfe Rommershausen stellte ein Landwirt, als er den Viehstall betrat, fest, daß einem jungen Kalbe der Schwanz fehlte. Die merk- würdige Sache klärte sich dahin auf, daß ein Schwein aus feinem Stall ausgebrodjen war »nd dem Kälbchen den Schwanz bis auf die Wurzel abgefressen hatte.
Nachher vomReichsfinanzministerium veröffentlichten Ueberficht betrugen im Monat Juni des Rechnungsjahres 1927 (in M i llionen Reichs- mark) im ordentlichen Haushalt die Einnahmen 598,3 gegen 653,8 im Mai und 756,9 im April, zusammen im ersten Vierteljahr des Rechnungsjahres 1927 2009,0. Die Ausgaben beliefen sich im Juni auf 599,3, im Mai auf 730,0, im April auf 658,1, zusammen im ersten Vierteljahr auf 1987,4. Es ergibt sich demnach für Juni ein Zuschuß von 1,0, für Mai ein Zuschuß von 76,2, für April em Ueberschuß von 98,8, im ersten Vierteljahr ein U e b e rs ch u ß von 21,6.
Die Summe der Einnahmen im a u ß e r o r d e nt- lich en Haushalt stellte sich im Juni auf 68,8, un Mai auf 11,0, im April auf 6,0, im ersten Vierteljahr zusammen auf 85,8. Die Ausgaben betrugen im Juni 51,3, im Mai 62,3, im April 25,1, im elften Vierteljahr zusammen 138,7. Es ergibt sich demnach für Ium ein Ueberschuß von 17,5, während für Mai ein Zuschuß von 51,3 und falls gelangen konnten; außerdem durften sie nicht zu^ weit vom Fluß sich entfernen, sonst mußten sie ver- dursten.
T 'zu mangelte es bald an Nahrung. Du Beduinen batten zwar im Lause der zwei Wochen, die der Entführung der Kinder vorausgegangon waren, Vorräte an Purra, Zwieback und Datteln in den ihnen bekannten Höhlen angesammelt Aber diese Vorräte reichten nur oier Tage. Mit Schrecken dachte Jdrys daran, daß man. wenn es an Nahrung mangele, notgedrungen Leute zum Einkäufen von Vorräten in die Uferdörfer werde senden müssen; diese Leute können bann bei der fteten Wachsamkeit und der versprochenen Belohnung für das Einfangen der Flüchtlinge leicht in die Hände der dortigen Scheiks fallen und die ganze Karawane verraten. Die Sage war tatsächlich schlimm, beinahe ver- zweifelt, und Jdrys sah mit jedem Tage deutlicher, was für ein wahnsinniges Unternehmen er gewagt.
»Wenn nur Assuan vorüber wäre, nur AssuanI" wiederholte er voll Angst und Verzweiflung. Er glaubte 3aror Chamis nicht, der behauptete daß die Krieger des Mahdi bis nach Assuan vorgedrungen feien; denn Stasch hatte es bestritten, und Jdrys merkte schon lange, daß ber weiße Dieb mehr wisse als bie anderen. Aber er vermutete, daß hinter dem ersten Wasserfall, wo das Volk wilder und dem Einfluß ber Engländer und ber ägyptischen Regierung weniger unterworfen war, sich mehr heimliche Anhänger des Propheten finden würden, die ihnen im gegebenen Fall Hilfe leisten und Nahrungsmitei und Kamele liefern könnten. Aber nach Assuan waren nach der Berechnung der Beduinen noch fünf Tagereisen und jede Rast verminderte den Vorrat für Menschen und Tiere.
Zum Glück konnten sie die Kamele im schnellsten Galopp dahinjagen lassen, denn die Hitze hatte sie nicht entkräftet. Bei Tag, während der Mittagsstunden, brannte zwar die Sonne stark, aber bie Lust war frisch unb bie Nächte waren so kühl, baß Stasch mit Einwilligung Jbrys sich auf bas Kamel Neks setzte, um sie vor Erkältung zu schützen und über ihre Gesundheit zu wachen. Aber feine Befürchtungen waren grundlos, denn Dinah, deren Auge sich bedeutend gebessert hatte, sorgte sehr fürsorglich für ihr Fräulein. Den Knaben wunderte es, dass bie Gesunbheit ber Kleinen trotz ber seltenen Raststunden nicht litt unb sie biefe Reise so gut wie er aushielt. Der Kummer, bie Angst unb bie Tränen, bie sie aus Sehnsucht nach ihrem
für April ein solcher von 19,1 erforderlich war. Demzufolge stellte sich der Zuschuß im ersten Vier- tchahr auf 52,9.
Der Endabschluß stellte sich für das erste Vier- tehahr des Rechnungsjahres 1927 auf Bestand aus dem Rechnungsjahre 1926 in Höhe von 548,0, der sich durch den Ueberschuß aus den Monaten April bis Juni 1927 um 21,6 auf 569,6 erhöhte. Im außerordentlichen Haushalt wurde ein Zuschuß aus dem Rechnungsjahre 1926 mit 290,0 überragen, der sich durch den Zuschuß aus April bis Juni 1927 um 52,9 auf 342,9 im ersten Vierteljahr erhöhte. Es verblieb demnach ein Bestand von 226,7.
Der Stand der auf Reichsmark lautenden R e l ch s s ch u I d belief sich am 30. Juni auf 1548,5 gegen 1515,2 am 31. März 1927. Die schwebende Schuld stellt sich am 30. Juni auf 170,8 und hat gegen Ende April und Ende Mai eine Aenderunq nicht erfahren.