Einzelbild herunterladen
 

Nr. 175.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblStter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr 9

Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk. '

Dienstag, 2. August 1927.

Anzeigen.Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 5U, auswärts 0,20 M. Reklamezeile: lokal 0,60 5LH, K4 Tflhrrt auswärts 0,80 5UI. Bei Wiederholungen Rabatt.

Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051.

Die ttapitalquellen Sowjetrußlands.

Von Arthur Zmarzly.

Der Aufbau der staatskapitalistischen Wirtschaft Sowjetrußlands erfordert die Finanzhilfe des Aus­landes. In den letzten Jahren gelanq es bekannt­lich den Führern der UdSSR., den Druck des in­ternationalen Wettbewerbs auf ihre Mühlen zu leiten und den. industriellen Teil des Wirtschafts­programms mit Hilfe von Konzessionsverträgen und langfristigen Lieftrungskrediten auszudehnen und zu vertiefen. Diese Kavitalmengen genügten m der ersten Zeit; sie erfüllten den Zweck, die Wirtschaft in Gang zu fetzen. Da aber der Ka­pitalbedarf immer größer wird, je mehr sich die Produktion erweitert, erkannten die Wirtschafts- fuhrer, daß die bisherige Form der Kapitalbefchaf. lfung den erhöhten Anforderungen nicht mehr entsprach, und daher der Versuch unternommen werden mußte, den Anschluß an den internationa­len Geldmarkt zu erreichen. Das konnte nur auf dem Wege über die Anerkennung der Schulden des zaristischen Rußlands in Frankreich gelingen. Dieser Erkenntnis mußten sich die Sowft'ifiihrer beugen.

Die Verhandlungen mit Frankreich über ein Schuldenabkommen und eine Anleihe waren auf gutem Wege und boten keine grundsätzlichen Schwierigkeiten mehr, als das Vorgehen Eng­lands alle Aussichten vernichtete. 'Der Abschluß des Schuldvertrages hätte zweifellos die Kredit­fähigkeit Sowjetrußlands stark gefördert, und der ersten Anleihe in Paris wären bald andere auf den internationalen Geldmärkten gefolgt. Es wäre ein Sieg gewesen, der die Sowjetmacht stärker befestigt hätte, als ein gewonnener Krieg. Der englische Vorstoß traf Moskau an der verwund­barsten Stelle, indem er die Sowjetmacht wieder in ihre finanzielle Abgeschlossenheit zurückwars. Das Abschneiden der vermehrten Kapitalzufuhr muß die industrielle Entwicklung hemmen. Das ist es gerade, was die Beherrscher Sowjetrußlands am meisten zu fürchten haben.

Auch in Rußland ist mit den Mitteln polittfcher Unterdrückung nur solange zu regieren, als wirt­schaftliche Erfolg sichtbar sind. Der Zerfall der Union steht immer drohend hinter der Zentral- regierung in Moskau. Die Bauern zeigen für den Kommunismus wenig Verständnis; es geht nicht weiter, als die Garantte für ihren Ackerbesitz reicht. Die Kerntruppen bilden die Industriearbeiter, die, mögen auch oppositionelle Schattierungen vor- Händen fein und politische Spannungen erzeugen, bei großen Entscheidungen ihren Führern fol- g e n. Aber diese Gefolgschaft ist zur Begründung einer Dauerherrschaft zu gering, und die Führer verkennen nicht, daß es ein gefährliches Spiel wäre, ihre Ueberzeugungstreue bei länger anhal­tenden wirtschaftlichen Mißerfolgen zu erproben. Run ist nicht zu leugnen, daß die Planwirtschaft m der Wiederaufbauarbeit gute Erfolge verzeich­nen kann. Auf dieser Stufe der EntwicÜung darf aber kein Stillstand eintreten.

Der Bedarf Rußlands an Erzeugnissen aller Art ist gewachsen. Der bedürfnislose russische Landarbeiter und der Kleinbauer der Vorkriegs­zeit sind durch die Verteilung der Güter zu Herren geworden. Damit sind ihre Ansprüche aestiegen. Auch die Zahl der Landbevölkerung wächst infolge der Ansiedelung vieler Millionen Bauernfamilien. Die extensive Bodenbewirtschaftung, besonders in den Gegenden mit ungünstigen Boden- und Klirna- verhältnissen, gibt den Söhnen und Töchtern des Landes keine genügende Beschäftigung und Rah- rung. Sie wandern in die Städte ab und ver­mehren das Heer der Arbeitslosen, das auch im Reiche der Sowjets ein starkes Element der Un­ruhe bildet. Auf der anderen Seite zwingt die Angst um den Tfcherwonezkurs die Regierung, die Ausfuhr von Agrarprodukten und Rohstoffen zu steigern. Die Hebung der landwirtschastlichen Pro- buktion ist aber, nur durch intensivere Bodenkultur möglich, die wiederum von Maschinen und Ge­räten abhängig ist. So müssen die Führer rast­los bestrebt sein, die industrielle Erzeugung in immer schnellerem Tempo zu erweitern. Sie er­reichen damit zu gleicher Zeit einen nicht zu un­terschätzenden Machtzufluß, indem das Anwachsen der Zahl der Industriearbeiter die Stützen ver­stärkt, die das politische Gebäude der Sowjetunion tragen.

Der Wille zur Anerkennung der Fünf-Milliar- den-Schuld an Frankreich entsprach der kühlen Ueberlegung, daß die wirtschaftliche Entwicklung der Union an die vermehrte Kapitalzufuhr gebun­den ist. Es hat daher nur rhetorische Wirkung, wenn der Finanzkommissar Brjuchanow vor kur­zem erklärte, daß sich Rußland mehr auf die eigene .Kapitalkraft stützen müßte, da die finanziellen Be­ziehungen der Sowjetunion zu den einzelnen ka­pitalistischen Länder ständig der Gefahr eines Bru­ches ausgesetzt feien. Der Versuch Englands, um Rußland eine Finanzblockade zu errichten, soll, nach den Worten Brjuchanonws, mit der Mobili­sierung der inneren russischen Finanzen beantwor­tet werden. Unter dem Stichwort .finanziel­ler Selbstschutz" hat eine nachdrückliche Pro­paganda eingesetzt, die bezweckt, die in der Bevöl­kerung vorhandenen Mittel auf dem Wege über die Sparkassen und Staatsanleihen der Wirtschaft nutzbar zu machen.

Diese Mobilisierung des finanziellen Selbst­schutzes dürfte aber mehr agitatorischen als prakti­schen Wert besitzen. In Rußland wird schon seit einigen Jahren stark für die Staatsanleihen ge­worben, ohne daß nennenswerte Ergebnisse er­zielt worden wären. Das ist verständlich. Die große Masse ist noch ärmer als vor dem Kriege; Vie etwas wohlhabendere dünne Mittelschicht wird unter starkem Steuerdruck gehalten, und Kapita- sist-'N gibt es in Rußland so gut wie gar nicht wehr. Die privaten Unternehmer verwenden ihr weih vorteilhafter zu geschäftlicher Betätigung. Diejenigen aber, die Staatsanleihen zeichnen, las­sen sich von politischen Rücksichten leiten cder tun

Probleme im Westen und Osten.

lieber den Dawesplan.

Aus Williamstown wird gemeldet: In einem Interview mit einem Vertreter derAsso­ciated Preß" gab der frühere d e u ts ch e R e i ch s- finanzminister Dr. Reinhold dem Zwei­fel Ausdruck, ob Deutschland im Stande sein werde, die durch den Dawesplan auferlegten Zah­lungen zu leisten. Es sei nicht vorherzusehen, rb die deutsche Wirtschaft die nötigen hohen Steuern tragen könne. Nach der Ansicht Sachverständiger sei dies zweifelhaft. G'genwärtig, so führte Dr. Reinhold weiter aus, bestehen keine Schwierigkei­ten; auch wird jede deutsche Regierung nach besten Kräften, die Erfüllung anftrebcn, jedoch ist zu be- rücksichttgen, daß Deutschland gemäß dem Dawes­plan um die Hälfte mehr zahlen muß, als die ge­samten anderen Schuldnernationen an Amerika zahlen sollen. Die Zahlungen können nicht aus dem N a t i o n a l e i n k o m-n er, geleistet werden. Die Frage lautet daher weniger, was Deutschland produziert, als was es verdienen kann. Der Dawesplan hat indesien die Beziehungen zu Ame- rika gefestigt, da er amerikanischen Vorschlägen ent­sprungen ist und mit amerikanischen Geld finan­ziert worden ist. Dr. Reinhold sprach die Heber* zeugung aus, die Gewissenhaftigkeit, mit der Deutschland den Dawesplan erfülle, werde in Ame­rika anerkannt werden.

Die Genfer Konferenz.

Amerikanische Pressestimmen zur Seeabrüstung.

Zur letzten Entwicklung der Genfer Abrüstungs­verhandlungen der drei großen Seemächte bemerkt die der amerikanischen Regierung nahestehende Tribüne" in einem redaktionellen Leitartikel unter der Ueberschrist:Man chloroformiert die Konferenz", toenn das revidierte Programm London letztes Wort ist, so kann die Konferenz sich am Montag so gut tote vertagen. Die letzten bri- tischen Vorschläge sind eine Parodie des Zweckes, für den die Konferenz einberufen wurde. Sie sind ein Spott auf die bei der Washingtoner Konferenz von den britischen Vertretern abgegebenen Erklä­rungen und die von ihnen zur Geltung gebrachten politischen Gesichtspunkte.

Die demokratischeWorld" tritt in einem Leit­artikel unter der UeberschristHaltet die Kon- ferem zusammen!" dafür ein, daß die verant­wortlichen Regierungshäupter ohne Vermittlung von Sachverständigen meinendirektenGedanken- au st au sch eiutreten.

New Pork Times" bemerken, daß, gleichgültig ob es in Genf schließlich zu einer Verständigung kommen wird oder nicht, für die drei Seemächte der Weg zu vermehrten Schiffsbauten frei wird.

Vertagung der Vollsitzung der Seeabrüstungskon­ferenz.

Aus Verlangen der amerikanischen Delegation wurde die Vollsitzung der Seeabrüstungskonferenz auf zwei bis drei Tage verschoben. Die Vertagung wird damit begründet, daß die Voll­sitzung noch in allen Einzelheiten vorbereitet wer­den müsse; aber, wie es heißt, würde der ameri­kanische Schritt durch wichtigere Momente veran­laßt.

Ein neuer englischer Vorschlag.

Der diplomatische Korrespondent desObserver" schreibt, wenn es in Genf zu einem Abbruch kom­men sollte, beabsichtigte die britische Regierung, sofort für ein Abkommen einzutreten, das die Be­teiligten verpflichten würde, während einer be­stimmten Periode keinerlei neues Marinebaupro­gramm aufzustellen. Bridgeman und Lord Cecil hätten den amerikanischen Vertreter bereits von ihrer Absicht verständigt. Der Hauptpunkt dieses britischen Planes würde sein, für eine bestimmte Periode eine Grenze festzusetzen, über die hinaus der Neubau großer Kreuzer nicht gehen darf. Die britische Regienrng würde sich verpflichten, während der betreffenden Zeit keine weiteren 10000 Tonnen-Kreuzer auf Stapel zu legen im Austausch gegen eine amerikanische Zusage, nicht über die brittsche Stärke hinaus zu bauen, und eine ent- sprechende Zusage der Japaner, die Zahl ihrer Kreuzer nicht über das Verhältnis von 3:5 zu

Großbritannien bezw. Amerika gegenüber auszu- dehnen.

Der Besuch Baldwins in Kanada.

Der englische Ministerpräsident, der in Kanada weilt, sagt in einem Interview, er glaube, daß in Genf eine befriedigende Vereinbarung er­reicht werden würde. Ein Mißerfolg würde nicht auf einen Mangel an Ansttengungen Großbritan­niens zurückzuführen sein. Zu den Gerüchten be­treffend eine Zusammenkunft Coolidges und B a l d w i n e s sagte Baldwin, ihm sei davon nichts bekannt.

Paris und Moskau.

Die französisch-russischen Beziehungen. Fran­zösische Forderungen.

DerTemps" gibt in einem Leitartikel, der sich mit der Stellung der Mächte gegenüber den Sow­jets befaßt, zu, daß der französische Botschafter in Moskau, Herdette, nach Maßgabe und im Rahmen einer allgemeinen Instruktionen nach der Rück­kehr aus seinem Urlaub mit Volkskommissar Tschit- cherin über das Problem der Beziehungen zwi- chen Sowjetrußland und Frankreich verhan­delt hat. Das Blatt entwickelt den Gedanken, daß Moskau, weil es ihm nicht gelungen sei, die Un­ordnung und Anarchie in andere Länder zu tragen, zu dem Mittel gegriffen hätte, feine Ziele durch Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehung en zu markieren, um seinen Agenten leichteren Zugang in die Länder zu verschaffen, in denen die kommunistische Internationale für ihre schlechte Sache handeln zu können glaubt. Der Feh­ler, den man begangen habe und den man heute teuer bezahlen müsse, sei, daß man es für notwendig gehalten habe, normale Beziehungen mit einer Re­gierung zu unterhalten, die die revolutionäre Ak­tion in der ganzen Welt als eine notwendige Be­schäftigung ihrer eigenen Macht betrachtet und die alle internationalen Verpflichtungen und alle Be­ziehungen unter den Staaten absichtlich und offen verleugne.

Es sei ein dringendes Erfordernis für alle Mächte, den leitenden Persönlichkeiten der Sowjet­union ihre Handlungsweise vorzuhalten und sie zu zwingen, zwischen der bolschewistischen Propaganda, die sie mit allen Mitteln unterstützen, oder der Wie­derherstellung normaler Beziehungen zu den Mäch­ten zu wählen.

Neues vom Prinzen (TaroL

DerMatin" veröffentlicht eine Erklärung des Prinzen Carol von Rumänien, in der es heißt: Trotz meines lebhaften Wunsches, mich zu den Beisetzungsfeierlichkeiten meines Vaters zu bege­ben, wurde mir in striktester Form mitgeteilt, daß meine Anwesenheit nicht erwünscht sei. Obgleich diese Antwort mir gegenüber als der letzte Wille des Königs hingestellt ist, bin ich darüber unterrichtet, daß der letzte Wunsch meines Vaters ganz im Gegensatz hierzu stand. Mir liegt der Ge­danke fern, in meinem Lande irgend eine Aktion zu entfachen. Ich habe vor eineinhalb Jahren auf meine Rechte verzichtet, weil ich durch Personen und Mittel dazu gezwungen wurde, über die ich mich im einzelnen nicht äußern will. Es ist mir sehr nahe gegangen, mich entschließen zu müssen, diesen Schritt zu tun, dessen Folgen ich beklage. Die über mich verbreiteten Legenden hatten mit meinem Entschluß nichts zu tun. Heute hat sich die Lage geändert, denn heute erweckt die Zukunft Rumäniens ernste Besorgnisse. Mein Va­ter hat eine ernste Erbschaft hinterlassen. Die frucht­bare Arbeit zweier Generationen darf nicht in Ge­fahr gebracht werden. Ich habe als Rumäne und Vater die Pflicht, über der Größe der Ration zu wachen, damit der Staat in feiner Weise beeinträch­tigt wird und mein Sohn ein unantastbares Erbe erhält, wenn seine Zeit gekommen ist. Diese Lage gibt mir das Recht, persönlich zu inter­venieren. Ich habe den lebhaften Wunsch, mei­nem Lande nützlich zu sein. Ich würde es nie­mals ablehnen können, dem Wunsche meines Vol- kes zu gehorchen und seinem Ruf zu entsprechen, wenn er an mich gerichtet wird.

es aus steuerlichen Gründen, da die Anleihen ft e u e rf r e t sind. Diese Verhältnisse erklären es, daß die innere Staatsschuld so gering ist. Sie betrug am 1. April des Jahres 680,6 Millionen Tscherwonezrubel oder 450 Millionen Goldrubel. Das Rußland der Vorkriegszeit verzeichnete da­gegen (am 1. Januar 1914) 4739 Millionen Gcld- rubel innere Schulden und Verpflichtungen an das Ausland im Betrage von 4075 Millionen Rubel. Die gegenwärtige innere Schuld stellt also nur einen kleinen Prozentsatz der Dorkriegsscknld ^nr. Aber auch diese geringe Summe ist nur zum Teil von der Bevölkerung aufgebracht worden. 'Rach den Angaben, die bis zum 1. März 1927 vcrlie- gen, hat die Bevölkerung von der damals 563 Millionen betragenden Staatsschuld nur 132 Mil­lionen Rubel aufgebracht, während den übrigen Teil die Staats- und Privatwirtschaft deckte. Die Begebung der Anleihen erfolgte zudem noch un­ter starker Beteiligung der Staatsbanken, die den Anleihezeichnern Darlehen zum Erwerb der An­leihestücke gewährten.

Die russischen Finanzsachverständigen setzen bei der Mobilisierung des finanziellen Selbstschutzes wenig Hoffnung auf das private Unternehmertum. Auch bei den Bauern find die Erfolge zweifelhaft; besser dürfte das Ergebnis bei der Arbeiterschaft ausfallen. Der Rat der Volkskommissare hat diese Erwägungen auch in den neuen Richtlinien für die Anleihepolitik berücksichtigt. Es wird darin die

Verbilligung des jetzt mit großen Begebungskosten belasteten Staatskredits vorgesehen und die Ver- längerung der Laufzeit der Anleihen als notwen­dig bezeichnet. Die jetzt ausgegebene achtprozen- tiäe innere Anleihe im Gesamtbeträge von 200 Millionen Rubel soll zehn Jahre laufen; sie ist eine Art Zwangsanleihe, da sie nach den neuen Richt- linien den' Reservefonds der Staatsunternehmiin- gen, Wirtschaftsorganisationen und juristischen Per­sonen, die der Publikationspflicht unterliegen, als Anlage dienen soll. Auch eine zweite Anleihe in gleicher Höhe mit 12proz. Verzinsung ist nur teil- weise für Privatkreise berechnet. In der Hauptsache sollen in diesen Obligationen die Gelder der Spar­kassen und der staatlichen Versicherungen angelegt werden. Daneben wird gegenwärtig die 3. Bau- ern-Prämien-Anleihe in Höhe von 25 Millionen Rubel ausgegeben.

Diese inneren Kavitalquellen Sowjetrußlands können wohl eine Zeitlang diejenigen Wirt­schaftsbedürfnisse decken, die durch den Ausfall an Kredit, mit dem Rußland bisher rechnen kannte, notleidend werden dürften. Der weitere Ausbau des Produktionsapparates ist aber mit diesen Mit­teln nicht möglich. Die Sowjetunion dürfte des­halb gut tun, diejenigen politischen Mächte in den Hintergrund zu drängen, die immer noch mit welt- revolutionären Vorstellungen spielen und dem rus­sischen Volke mehr schaden als nutzen.

Friedenskundgebungen.

Aus Berlin wird gemeldet: Die Arbeitsgemein­schaft entschiedener Republikaner veranstaltete ge­meinsam mit dem Bunde der Kriegsdienstgegner, der Deutschen Friedensgeielllchaft und der Deut­schen Liga für Menschenrechte und zahlreichen anderen republikanisch-pazisistischen Verbänden uni Organisationen eine große FriedenskundgebunG auf dem Garnifonfriedhof in bet Hasenheide. An den Gräbern der unbefam* ten deutschen und Entente-Soldaten wurden KränU mit schwarz-rot-goldenen Schleifen nieder gelegt ur» von verschiedenen Rednern kurze Ansprachen ge­halten.

Pilgerfahrt der Friedensverbande nach den französischen Schlachtfeldern.

Wie aus Verdun gemeldet wird, haben ai| Veranlassung des Weltbundes zur Be­kämpfung des Krieges etwa 100 Friedens­freunde aus dem Saargebiet und dem übrige« Deutschland unter Führung des Vorsitzenden dci saarländischen Sektion dieses Bundes, Bessenich, eine Pilgerfahrt nach den Schlachtfelder» bei Douomont unternommen. In Verdu« wurde eine öffentliche Kundgebung veranstaltet, brt der Vertreter des französischen Nationalverbando, der republikanischen Kriegsteilnehmer, der radika­len Partei, der Liga für Menschenrechte und di­saarländischen Teilnehmer Las Wort ergriffen.

Wahlkampf in polen.

Zahlreiche Volksversammlungen gesprengt. Agitation für die Sowjetrepublik.

Aus Königshütte wird gemeldet: Als erfb» der politischen Parteien, die in den Wahlkampf z» den kommenden Sejmwahlen eintreten, hielt bto polnische sozialistische Partei in Os»> oberschlesien eine Reihe von Volksversammlungen ab. Fast alle diese Versammlungen wurden durch den linken Flügel der polnischen Sozialiste« unter Führung einiger aus dem Club der polni­schen Sozialisten ausgeschiedenen Mitglieder g> sprengt. Bemerkenswert ist, daß der polnische fix zialistische Abgeordnete Binisczkiewiecz in den ei» Seinen Versammlungen sehr scharf gegen daß Deutschtum vorging, während der Warschaus Abgeordnete der polnischen Sozialistischen Partßl die Taktik der Regierung in der schärfsten Fon« verurteilte. In der bedeutendsten Volksversamns» hing, die am Freitag in Königshütte abgehaltts wurde, kam es zu tumultartigen Zwischenfälle^ sodaß die Versammlung vorzeitig abgebrochen wer» den mußte. Mit Hochrufen auf die Sowjet)« republik gingen die Teilnehmer unter des Druck eines außerordentlich starken Polizeiaufgs bots auseinander. Es wurden mehrere Verhos» hingen vorgenommen.

Ein Irrengesetz in Sicht. Nach langen Von bereitungen und eingehenden Beratungen mit Sach, verständigen und den beteiligten Behörden ist, naq derVoss. Ztg.", im preußischen Wohlfahrtsmink- sterium der Entwurf zu einem Jrrenfürsorgegesch für Preußen fertiggestellt worden. Er würde vi» leicht schon den gesetzgebenden Körperschaften ab­geleitet worden sein, wenn nicht Reichsgesetze in Aussicht ständen, die möglicherweise in Einzek- heiten Aenderungen nötig machen könnten.

* Hörsings Nachfolger. Wie derVorwärts" zn- verlässig hören will, ist als Nachfolger Hörsinqß vom preußischen Ministerium des Innern der Land- tagsabgeordnete Professor W ä n t i g, Mitglied bei Sozialdemokratischen Partei, in Vorschlag gebracht worden.

Bus Llsatz-Lothringen.

Massenkundgebungen bei der Hastenlassung bei Barons Claus Zorn von Bulach.

Wie demTemps" aus Straßburg gemeldet wird, ist Baron Claus Zorn von Bulach nach Ver­büßung einer dreimonatigen Freiheitsstrafe wegen Beleidigung französischer Gerichte aus dem Ge­fängnis entlassen worden. Dor dem Gefängnis hatten sich etwa 2000 Personen mit Blumen und einer rot-weißen Fahne eingefunden, um Baron von Bulach eine Ovation darzubringen. Nach zweistündigem Warten mußten sie sich unverrickte« ter Dinge zerstreuen, da Zorn von Bulach be­reits in den frühen Morgenstunden entlassen wor­den war. __________

* Der Kampf gegen den Kommunismus in Bra­silien. Die Abgeordnetenkammer genehmigte mit 118 gegen 18 Stimmen dm Gesetzentwurf über die Unterdrückung des KomrnunismuF in Brasilien.

Die Lage in Wien.

Schaffung einer Bürgergarbe in Wien.

mtb. Wien, 1. Aug. (Gig. Funkm.). Der Vollzugs, ausschuß des Reformverbandes österreichischer Haus­besitzer faßte einen Beschluß, in dem Bürgermeister Seitz wegen der Schaffung einer parteipolitischen Ge­meindewache das Mißtraue n ausgesprochen und sein Rücktritt verlangt wird. Alle bürgerlich Gesinnten wer. den aufgefordert, sich für die Gründung einer Bürgen garbe zur Verfügung zu stellen

wirtschaftliche ttampfbewegungen

rotb. Berlin, 1. August. (Eig. Funkm.). Seit Mitt« voriger Woche haben die Schlosser und Dreher bet Bergmann-Elektrizitätswerke in Rosen­thal wegen nicht bewilligter Lohnerhöhungen die Arbeit niedergelegt. Die Firma sah sich hierauf genötigt, heute früh die übrigen Abteilungen des Automobilbaues still zu legen und der Belegschaft von insgesamt 700 Mann zu kündigen.