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Anzeiger für die Stabt Auldaund Öen' Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 174.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis» 1,50 92tt.

Sonntag, 31. Juli 1927.

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Immer wieder Reftpnntte.

Reservisten-JemollstratloM in zranirreich.

Jeder, der die Dinge steht, wie sie wirklich sind, kvird zu der Ansicht kommen, daß unser außen­politischer Horizont sich in den letzten Mona­ten mit ziemlich dunklen Wolken bezogen hat. Wer aber bis zuletzt noch zum Optimismus ge­neigt war, dem mag doch die Diskussion, die in Daris, Lcnbon und in Brüssel angehoben tat, in deren Mittelpunkt Fragen sranden, die die rrrzei- tige Rh e i n l a n d r ä u m u n q und die deutsche Abrüstung betrafen, manches zu denken geben. In lieblichem Zusammenspiel rollt die Debatte immer mit der Spitze gegen Deutlet land ab. Auf einen französischen Vorstoß 'n der Entwaffnungsfrage folgt ein belgischer, dann melden sich englische Pressestimmen, die wiederum ab gelöst we rden von einer offiziellen Stelle *in Paris, der dann eine ebenso offizielle in Lenden folg»

Die Ent w aff nu ng s fr a q e, von der nicht nur naive Gemüter in Deuts-bland der Meinung waren, daß sie, sorveit es die Natur ihrer Durch- führungsmöglichkeit gestattete, längst erledigt wäre, wofür doch auch ein Dokument durch den Abzug der I. M. K. K. gegeben sei, ist der Punkt, bei dem wieder angehakt worden ist.Daily Te­legraph" orakelte von einem neuen Jnspektions- «besuch, der deswegen notwendig werden müßte, weil die deutschen Küstenbefestigungen und Batterien nicht den Entwaffnungsbestiminun- gen entsprächen. Aus Paris kam gleichzeitig die Meldung, daß die Botschafterkonferenz, die in die­ser Woche den Bericht des Generals von Pawelß und der alliierten Militärsachverständigen über die Zerstörung der Ostbefestigungen entgegenaenvm- men hat, die Erfüllung der mustärischen Bestim­mungen des Vertrages von Versailles nicht bestä­tigen könne, weil noch nicht das Statut der deut­schen Schutzpolizei angenommen sei. Wenn man dieses liest, so entsteht der Eindruck, als ob es sich hier wieder einmal um sogenannteVerstöße" handle, die Deutschland sich gegen die Erttwaff- nungsbestimmungen habe zu' Schulden kommen lassen. Was die Frage des Status für die Schutz­polizei betrifft, so ist dies eine Angelegenheit der Länder, die in Preußen und Baden bereits er­ledigt ist, während die übrigen Länder in Kürze folgen dürften, so daß damit dann auch die Poli­zeifrage ihre endgüldige Regelung erfahren hat. Dieser Tatsache dürfte der Botschafterkonferenz ebenso bekannt sein, wie uns. Der Sinn ihres Beschlusses, dieFertigstellung" der deutschen Er­füllung ausdrücklich M verweigern, kann doch nur der sein, von vornherein eine Atmosphäre zu schuf- fen, die für die Aufnahme des deutschen Wunsches auf vorzeitige Räumung des Rheinlandes möglichst ungünstig ist.

Die Behauptung desDaily Telegraph" von angeblichen Mängeln in der Anwendung der Ent­waffnungsbestimmungen auf deutsche Küstenbe- festigungen und Batterien, erfuhr am sselben Tage noch «ine offizielle Unterstreichung durch eine Erklärung des Staatssekretärs Locker Lampson im englischen Unterhaus, daß nochge- wisse andere Punkte in der Abrüstung Deutsch­lands" vorhanden seien, bezüglich derer die Anfor­derungen noch nicht völlig befriedigt wären. Dann aber guckt der Pferdefuß heraus, wenn Locker Lamson noch behauptet, daß die Rheinlandrä-i- mung erst dann vor sich gehen könne, wenn diese verschiedenen Punkte vollständig erledigt seien.

Was hat es nun mit diesen Punkten auf sich? Selbstverständlich gibt es noch Restfragen in der Abrüstung, die ihrer Erledigung harren. Aber es ist mehr als absurd, daraus irgendwie nur im Geringsten eine Art von Verstoß zu konstruieren, der Deutschland das Recht nehmen könnte, auf eine vorzeitige Räumung des Rheinlandes zu bestehen.

handelt es sich unter anderem um den Ber­kach rton militärischen Gebäuden. Für den Ver­kauf dieser Gebäude ist seinerzeit von der Botschaf­terkonferenz selbst ein Termin von 5 Jahren fest­gesetzt worden. Genau so laufen noch für andere Ding« -Anrisse Termine, deren Innehaltung Deutschem aber aufs bündigste zugesichert hat. Dieser Fall kommt auch für die ominösen Ge­schütze und Küstenbefestigungen desDaily Tele­graph" in Frage. Genau so wie bei der Stel­lungnahme der Botschafterkonferenz ist es hier bei der Aeußerung des englischen Staatssekretärs. Es kommt darauf an, Deutschland möglich st viel Steine in den Weg zu legen und es ihm schwierig zu machen seine berechtigten Ansprüche auf die Rheinlandräumung im September auf der Dölkerbundstagung geltend zu machen. Es ist die­ses Verhalten der Gegenseite nicht anders als mit Illoyalität zu bezeichnen. Der ©inn der Genfer Beschlüsse vom Dezember vorigen Jahres und der Vereinbarungen vom Januar dieses Jah­res ging doch dahin, daß alle Streitfragen über dis Entwaffnung nach Erledigung der Ost- befestigungsforderungen und der Forderungen zu­züglich des Kriegsgerätes als bereinigt angesehen werden sollten. Es wird Sache der Reichs- r e g i e r u ng sein, den englischen und französischen Konstruktionen so entgegenzutreten, daß die Rhein­landräumung nicht weiterhin von gegnerischer ©eite durch konstruierte Vorwände sabotiert wird.

* Wiederaufnahme der südslawisch-albanischen Beziehungen. Wie derTemps" mitteilt, werden die normalen diplomatischen Beziehungen zwischen Südslawien und Albanien demnächst wieder herge- stellt werden. Der neue Vertreter der südslawi- fchen Regierung in Tirana, Miltchitsch, wird am 4. August Belgrad verlassen, um seinen Posten anzutreten. Am gleichen Tage wird der neue alba­nische Gesandte, Tahir Shtylla, sich nach Belgrad begeben. _______________________

* Eholeraepidemie auf der Insel Abbadan. Auf der Insel Abbadan ist eine Choleraepidemie ausgebrochen. Cs werden täglich etwa zwölf Todesfälle gemeldet. In Basra sind im ganzen bisher fünfzehn Personen ge-

Der frühere französische Kriegsminister Maginot wird beim Wiederzusammentritt des Parlaments den Kriegsminister über die Maßnahmen inter­pellieren, die die Regierung zu ergreifen ge­denkt, um die zu Hebungen einberufenen Reser­visten gegen die antimilitärische Propaganda zu schützen. Veranlaßt ist diese Interpellation durch die in der letzten Zeit wiederholt in verschiedenen Reservistenlagern vorgekommenen Zwischenfälle. Einberufene Reservisten hatten zum Teil unter Ab- singung derInternationale" gegen die Abhaltung von Refervisten-Hebungen protestiert.

wtb. Paris, 30. Juli. (Eig. Funkm.)Huma­nste" berichtet über weitere Reservisten- Kundgebungen am 27. Juli in Nimes, wo etwa 90 Reservisten des 19. Art.-Regts. wegen schlechter Verpflegung die Arbeit verwei­gert und die Internationale angeftimmt haben sol­len und in G r e n o b l e, wo Reservisten des 4. Pio-

Von einem unserer Mitarbeiter wird uns ge­schrieben:

Als vor einigen Tagen in der Oeffentlichkeit plötzlich die Behauptung auftauchte, das Reichs­kabinett habe sich in einer feiner Sitzungen mit der Entsendung von Militär-Attaches zu den deutschen Missionen im Auslande befaßt und bereits eine diesbezügliche Entscheidung getroffen, wurde von zuständiger Stelle sofort ein unzweideutiges Dementi verbreitet. In der Zwischenzeit trat Ruhe ein. Jetzt aber trifft aus London die Nach­richt ein, daß der diplomatische Korrespondent des Daily Telegraph" aufs neue auf das Thema zu­rückkommt und allen Ernstes versichert, die deutsche Regierung habe beschlossen, in den wichtigsten euro­päischen Hauptstädten die Posten der Militär- und Marineattaches wieder zu besetzen. Weiter wird die Vermutung ausgesprochen, Deutschland werde diese Frage bereits in der Septembertagung des Völker­bundrates zur Diskussion stellen.

Welche Gründe den diplomatischen Korrespon­denten desDaily Telegraph" veranlaßt haben, das Problem gerade in diesem Augenblick wiede­rum aufzurollen, vermögen wir nicht zu beurteilen. Soweit der deutsche Standpunkt aber in Betracht kommt, so hat sich in der Sage nichts geändert. Vor allem muß darauf hingewiesen werden, daß im Reichshaushaltsplan für 1927 kein Pfennig für Militärattaches vorgesehen ist. Nun tritt zwar Anfangs September der Reichstag zu einer kurzen Tagung zusammen, um, wie bekannt, sich in der Hauptsache mit dem Reichsschulgesetz zu be­fassen und dessen erste Lesung zu bewerkstelligen. Es ist kaum anzunehmen, daß die paar Tage, welche für die Frühherbsttagung vorgesehen -sind, dazu verwandt werden, ein recht heißes Eisen, wie die Entsendung von Militärattaches, anzufassen.

Das preußische Vollwerk.

Aus parlamentarischen Kreisen schreibt man uns:

Merkwürdigerweise will auch in den Ferien der Parlamente in diesem Sommer die Politik weniger ruhen, als in früheren Zeiten. Selten haben wir einen so unruhigen politischen Sommer gehabt. Die Unruhe verbreitet sich vom Reich her immer wieder auf Preußen, weil eine gewisse politische Richtung anscheinend keine Gelegenheit vorüber­gehen läßt, um ihren Witz und ihre politischen Fähigkeiten immer wieder an Preußen zu üben. Das Ziel ist bekannt: Preußen soll eine Bürger­koalition werden, und das Zentrum soll dort end- lich seinenLinkskurs" aufgeben und eine dem Reichehomogene" Regierung bilden.

Es ist merkwürdig, mit welcher Hartnäckigkeit diese Versuche fortgesetzt werden. Man muß es allerdings der deutschnationalen Presse lassen, die ist zäh bis zum äußersten. Und sie glaubt wohl den Zeitpunkt gekommen, um ihr Ziel zu erreichen. Die taktische Lage, die durch das Reichsschul­gesetz geschaffen ist und die das Zentrum eng an die Seite der Deutschnationalen zwingt, scheint ihr der Moment zu sein, der in gleicher Voll- kommenheit und Aussicht sich so leicht nicht wieder- holt, daher ihr: jetzt oder nie! Daß die Kombi- nationen damit nicht zu Ende sind, glauben wir zu wissen: aber gerade weil wir die Gedankengänge der Rechten einigermaßen zu durchschauen glau­ben, gerade deshalb kann man dem Zentrum eine gewisse Zurückhaltung schon nachfühlen. Vielleicht auch auf Seiten der Deutschnationalen! Oder halten sie das Zentrum für so einfältig, daß es nicht die ganzen Folgen defsen überschaut, wo­zu uns die deutschnationale Politik fand Phrase treiben will?

Es fei daher nochmals: Zum wievielten Male? gesagt, daß das Liebesmühen der Deutsch- nationalen um Preußen ganz vergebens ist. Wann das Zentrum, und ob es dort aus der Koalition heraustritt, ist seine eigenste Ange­legenheit und alle Vorstellungen, insbesondere von der äußeren Rechten, sind nicht geeignet, unsere Ruhe irgendwie zu erschüttern. Wenn die Zen- trumspresse verhältnismäßig wenig auf diese Dinge reagiert, so liegt es nicht daran, daß sie diese Minierarbeit, deren Hintergründe ja zu durchsich­tig sind, nicht allzu ernst nimmt. Wir hoffen von dem Ministerpräsidenten, daß er nichts unternehmen wird, was die Position des preußischen Zentrums irgendwie erschwert .und wir Laben au unseren

nier-Regts. die Internationale gesungen haben. Die Vorfälle im Reservistenlager Buchard in der ver­gangenen Woche sollen nach derHumanite" dar­auf zurückzuführen fein, daß einem Familienvater der erbetene 48-stündige Urlaub ohne Begründung verweigert wurde. Als der Reservist daraufN t e- dermit dem Krieg" rief, sei er v o n e i n e m Offizier geschlagen wordne, worauf meh­rere andere Reservisten mit dem RufeNieder mit dem Krieg! Nieder mit Paul Boncour! Nieder mit Painleve! Nieder mit dem Krieg!" ihm zu Hilfe eilten. Die Kundgebungen sollen bis 11 Uhr abends gedauert haben. Auf Anordnung des zuständigen Generals sollen die Offiziere die ganze Front abge« schritten fein, die an den Zwischenfällen beteiligten Reservisten angeblich aber nicht wieder erkannt ha­ben. Nach demEcho de Paris" ist gegen einen Buchdrucker in Bourget ein Verfahren eröffnet worden, weil er Plakate hergestellt habe, die zu den Reservisten-Kundgebungen Anlaß gegeben haben sollen.

Die Normalsitzungen des Reichstags werden erst Mitte ober Ende November beginnen und sich bis gegen Weihnachten hinziehen. Bevor die Reichs­regierung eine entsprechende Vorlage einbringen könnte, müßte sie doch unfehlbar nicht nur Gewiß­heit haben, daß sie von sämtlichen Parteien der Re­gierungskoalition unterstützt werde, sondern sie muß zum mindestens vor der ersten Aussprache im Parlament mit den Vertretern der Opposition Fühlung genommen haben, um die hier einst­weilen noch vorliegenden schweren Bedenken zu beseitigen. Würde hie Reichsre- gterung mit einer Vorlage über die Entsendung von Militärattaches vor das Reichsparlament tre­ten und müßte eine heftige Debatte über die Zweck­mäßigkeit einer solchen Maßnahme über sich er­gehen lassen, so würde das nicht nur die Position des Kabinetts schwächen, sondern auch im Aus­lande ungünstig wirken. Das Reichswehrmini- Jtejium ist nun einmal bei gewissen Kreisen im Par- Täthent durchaus nicht beliebt Wenn nun gerade ein Etat noch eine Erhöhung erfahren sollte, o könnte man sich auf den schärfsten Widerspruch gefaßt machen. Bei unserer Finanzknappheit ha­ben wir auch schließlich das Gelb ber Reichskaffe für wichtigere Dinge nötig, wobei jeboch nicht gesagt sein soll, daß wir prinzipiell gegen die Militär­attaches etwas einzuwenden hätten. Ohne jede Eile kann die Frage ihrer Klärung entgegengeführt werden. Besteht die Gewißheit, daß alle in Be­tracht kommenden Staaten gegen deutsche Militär­attaches etwas einzuwenden haben, bann wirb man auch bie Etatsfrage in Angriff nehmen können. Vorerst ist uns aber nicht bekannt, baß zum Bei­spiel bie Arme Polens unb Frankreichs zum Emp­fang deutscher Militärattaches freudig geöffnet seien.

Ministern im Kabinett das Derttauen, daß sie ebenfalls alles tun werben, um die berechtigte Kritik an den Maßnahmen der preußischen Regie­rung auf ein Mindestmaß herabzudrücken. Ge­treu der Sendung, die Versöhnung der Gegensätze mit allen Mitteln zu erreichen.

An,diesen Dingen kann natürlich auch der Fall Hör sing und Reichsbanner nichts ändern. Wir haben niemals Herrn Hörsing für einen Mann ge­halten, der über ein besonderes Maß von poli­tischem Augenmaß verfügt. Dazu ist er zu un­kompliziert. Sein Entschluß, sich aus der hohen Beamtenlaufbahn zurückzuziehen, ist sicherlich lobens­wert.

Und was das Reichsbanner betrifft, so hat es nur Chancen, wenn es ftreng neutral bleibt, aber auch nur so lange! Und es kann in der Frage der Neutralität nicht peinlich und klug genug fein. Wir verstehen die schwierige Lage bei seiner tat­sächlichen Zusammensetzung, wir würdigen vollauf seine vielfach geleisteten Dienste, aber es ist auch ein Punkt erreicht, der große Klugheit erfordert, um in den politischen Wirrnissen der Gegenwart republikanische unb demokratische Tendenzen und Ziele, bie wir aufrichtig wollen, nicht durch Ueber- eifer zu gefährden!

(Englands Politik.

Henderson gegen ein Bündnis mit den Liberalen.

wtb. London, 30. Juli. (Eig. Funkm.) Der Se­kretär ber Arbeiterpartei, das Unterhausmitglied Henberfon, erklärte gestern abenb in einer Rede, er wisse nichts von einer Vereinbarung seiner Par­tei mit den Liberalen, die angeblich für den Fall geplant fei, daß die tommenben allgemeinen Wah­len eine antikonfervative Mehrheit zeitigen. Die Arbeiterpartei habe niemals die Frage erörtert, ob eine solche Einigung möglich sei. Niemanb wisse, was die Zukunft bringt, (ebenfalls aber sei bie Ar­beiterpartei entschlossen, auf eine unabhängige Mehrheit gestützt, die Arbeiterregierung zu er­ringen. _____

* Politischer Beleidigungsprozeh in Polen. Aus Warschau wird gemeldet. Ingenieur Pauly, der im A p r i l d. Js. in einer Versammlung ber War­schauer Telephonabonnenten dem polnischen Post- unb Telephonminister ben Vorwurf gemacht hatte, daß er den Ueberschuß der Telephoneinnahmen für Wahlzwecke verwendet habe, wurde vom Ge- rütit 3u aroei Monaten Gefängnis verurteilt, L

Die tage in Oesterreich.

Lärmszenen im wiener Gemeinderat.

Der Gemeinderat ber Stadt Wien hielt ein. Sitzung ab, in ber zunächst einige kleinere Vor­lagen erledigt würben.

Als in später Abenbstunbe Stabtrat Richter bas Rebnerpult betrat, um über bie Vorlage betreffend das Statut ber neugegründeten Gemeinde- wache zu referieren, setzte bei den Christlichsozia­len und den Großdeutschen heftiger Lärm ein. Da- Reserai Richters ging in dem Lärm vollständig un­ter. Hierauf ergriff ©emeinberat Kunschak bas Wort unb erhob gegen ben Bürgermeister den Vorwurf, daß er das Versprechen, die Gemeinde- wache werde nur für bie Tage der Gefahr errich­tet, nicht gehalten habe, ober vielmehr, daß ihn der Gemeinderat durch diese Vorlage daran ge­hindert habe, sein Wort zu hatten. Der Redner betonte sodann, daß bie Gemeindewache jetzt, nach­dem volle Ruhe eingetreten sei, keinen Zweck mehr habe. Während der Rede des Gemeinderats Kunichak wurden seitens der Ehrisüichsozialen und Großdeutschen mehrfach heftige und lärmende Zwischenrufe gegen ben Bürgermeister und die so­zialdemokratische Mehrheit laut.

verbot von Umzügen in Steiermark.

Wie der ßanbespreffebienft mitteilt, bat San. deshauptmann Professor Paul folgende Kundma- chunq erlassen: Mit Rücksicht auf die durch die jüngsten Wiener Ereignisse geschaffene gespannte politische Sage, die die Gefahr neuerlicher Zuiam- menstöße in sich birgt, wirb, um Ruhe und Ord­nung ausrecht zu erhalten, verfügt, daß innerhalb der nächsten drei Monate geschlossene Auf­märsche von Wehrschutzverhänden in Steiermarl zu unterbleiben f «'-en. Sollte die Bürg­schaft für bie feste Durchführung biefer Anordnunc nicht gegeben fein, so wirb die Einstellung vor Umzügen jeder Art verfügt werden.

Am Schluß der Nachtsitzung des Gemeinde- rotes wurde bie Vorlage über bie Aufstellunc einer Gemeinbefchutzwache unter dem Protest bei nichifozialistischen Minorität angenommen.

Sowjet-Protest in Wien.

wtb. Wien, 30. Juli. (Eig. Funkm.) Wie bi» Neue Freie Presse erfährt, hat bie hiesige Sowiet- Gesandtschaft wegen der auf die Funktionäre bei Berliner Handeisvertretung ber Sowjet-Union Prof. Sengtet unb Dr. Rapvaport, bezüglichen Stellen in der vorgestrigen Erklärung des Dize- Kanzlers Hartleb bei ber österreichischen Regierune Einspruch erhoben. Es hieß in ber Rede, daß zwcn der strikte Nachweis einer strafbaren Handlunc nicht erbracht werden konnte, baß aber die A n > Wesenheit dieser Politiker in Wien nur bei Vorbereitung neuer bolschewistischer A k> tionen gedient habe.

Moskau dementiert.

wtb. Moskau, 30. Juli. (Eig. Funkm.). Wi« die Tel-egraphen-Agentur der Sowjet-Union mit teilt, sind die Nachrichten von einem Attenta! gegen den Leningrader Sowjet und dei Zerstörung des Regierungsgebäudes durch ein» Mine, der 100 Menschenleben zum Opfer gefalle» fein sollen, frei erfunden.

Albanien.

Von Dr. W enz - Fulda.

Albanien, das kleine Bergland an der «briet tischen Küste, steht zur Zeit im Mittelpunkte dei politischen Interesses. Denn Jugoslawen hatte bii politischen Beziehungen zu bem recht bedeutungs­losen Lande abgebrochen. Trotz der vorübergehen­den Einigung besteht die Gefahr, daß über kur; oder lang ein neuer ernster Konflikt um Albanier ausbricht. Wie der Namedas Land der weißer Berge" sagt, gehört es den kalkreichen, teilweiß stark verkanteten Dinarischen Mpen an, die ii schroffer Höhe bis zu 2500 Meter ansteigen. Ar der Küste haben die kurzen Gebirgsflüsse ver­sumpfte Schwemmlandschasten gebildet, in dener die Malaria chr Unwesen treibt. Es ist ein unwirt- liihes Land; ttotzdem entbehrt es nicht in den tiei eingeschnittenen Schluchten der romantischen Schön­heiten. Wie seine Bewohner ist es sehr wild uni schwer zugänglich. Albanien ist eines der ver­schlossensten und in ber Kultur zurückgebliebenster Sänber Europas.

Das Klima bes Laubes ist ausgesprochen mittel- meerisch-subtropisch mit Milben, regnerischen Win­tern unb heißen, ttockenen Sommern. Die Regen­zeit beginnt im Herbst unb bauert fast ununter­brochen bis Anfang DHärg. Die Niederschlags- menge ist ungewöhnlich groß; jährliche Ueber- schwemmungen finb barum bie regelmäßige Folge Den Sommer zeichnet ber ewig heitere, heiße süd- liche Sommer aus, in dem einige Monate laue kaum ein Tropfen Regen fällt. Zum Unterschied» von ben meisten übrigen Gebieten bes Mittel- meeres ist bas Gebirge reich bewaldet. Die Gunsi des Klimas ließe eigentlich ein reiches Land er­warten, aber die Haupterwerbszweige ncimlick Landwirtschaft, die besonders Olivenöl, Südfrüchte Weizen, Mais, Tabak unb Dohnen erzeugt, uni die hauptsächlich auf Ziegen und Schafe eingestellt Viehzucht werden primitiv bettieben. So ist Alba­nien heute noch ein armes Land, obwohl es durch Entwässerungsanlagen unb sonstige Meliorationer das Lanb mit verhältnismäßig wenig Kosten in eines der fruchtbarsten Gefilde verwandeln könnte

Trotz des heutigen allgemeinen Zerfalles zeig! Albanien noch die Spuren einer reichen Geschichte Schon im mächtigen Römerreiche bildete es bi» bebeutenbe Provinz Illyrien. Frühzeitig zumChri- itentum bekehrt, blieb es bei ber ElaubensipaltunL

Um die Entsendung von Militärattaches