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Verlage zur Fuldaer Zeitung

Zwei Tage.

Am Tage des Glückes wird ein kühner Sprung dir glücken.

Am Tag des Unglücks stürzt ein Fehltritt von der Brücken.

Drum meide jeder Frist den Fehltritt! Denn du bist

Nie sicher, ob dein Unglücks- oder Glückstag ist.

Am Unglückstage wirst du desto sicherer wallen, Und auch am Glückstag macht Vorsichtigkeit nicht fallen.

(Fr. Rückert, .Die Weisheit des Brahrnanen".)

Ihr Traum.

Skizze von Emma Böttcher.

Mutter Petfchke faß auf der Wiese zwischen Klee, Gänseblumen und Storchschnabel. Flinke Schwalben strichen auf der Jagd nach Insekten hin und her, aus dem Haine rief der Kuckuck.

Die Alte gab sich nicht die Mühe, zu unterscheiden, ob der Dogelruf aus dem herrschaftlichen Parke oder aus dem Fichtenwäldchen kam.. Sie zählte auch nicht, um festzustellen, wieviel Jahre ihr das Geschick noch schen­ken würde. Ihr war es gleich, ob es eins mehr oder ein» weniger wurde. Jahre können mühsam sein.

Mühsam. Denn es ist keine Kleinigkeit, Tag für Tag Scharen von Gänsen zu hüten. Große Gänse, die unduldsam sind und alle anderen aus dem Teiche her- ausbeißen, und kleinere, die vor Angst auf die Land­straße und in die Pfützen laufen. Schließlich noch ganz junge, die ein für allemal ihre eigenen Wege gehen. Ein Mensch kann nicht zugleich an drei Stellen sein. Frau Petfchke meinte, ein jeder müsse das einsehen. Aber der Gutsherr sah es nicht ein. Und wenn Gänse in den Regen liefen, gab es schlechtes Wetter.

Heute benahmen sich die Tiere ganz unverständig. Die einen gingen in das Moorloch, die anderen in die Schweinekoppel und der Rest in den Gemüsegarten. Ge­rade so wie die Menschen ja auch am liebsten ihre be­sonderen Wege ziehen. Nachdem die Alte sich eine Stunde lang vergeblich bemüht, aus diesen drei Parteien eine Einheit zu machen, hatte sie es aufgegeben und sich auf die Wiese gesetzt. Innerlich ergrimmt. Weniger über die Gänse als über die gnädige Frau, die jetzt auch noch Gänseeier unter eine Pute gelegt hatte. Wie sollte es bloß werden, wenn noch eine vierte Brut auf dem Gute ihren Kopf aufsetztel

Süß duftete die Wiese, warm hüllte der liebe Son­nenschein die dürftigen Glieder des Weibleins ein. Sie zog das Kopftuch weiter vor, um die Augen zu schützen, und blinzelte hinüber nach der Stelle, wo hinter der Erdwelle, aus der das Roggenfeld stand, ein rotes Ziegeldach sichtbar wurde. Ein jeder, und wenn er nock) so alt und runzelig ist, hat einmal eine Jugend und einen schönen Lebenstraum gehabt. Mutter Petschkes Iugendtraum war eng mit dem roten Ziegeldache ver­knüpft gewesen, das zu der kleinen Siedlung gehörte, die hinter dem Roggenfelde an das Gut grenzte.

Sie war auf dem Gut Köchin gewesen, und der Gutstischler war ihr Liebster geworden. Und wenn sie nach des Tages Arbeit Hand in Hand auf der Bank unter der großen Linde gesesien hatten, dann hatten sie von der Siedlung geredet. Einst unter dem roten Ziegeldache zu hausen, war das Ziel ihrer Wünsche ge­wesen. Wie fleißig wollte er das Land bestellen und Tischlerarbeiten für die Umgegend machen! Wie tüch­tig wollte sie für das Haus und für die Familie sorgen! Ein Blumenbrett mit Geranien sollte vor ihrem Fen­ster sein, ein Bänkchen vor ihrer Tür. Im Gärtchen sollten Kletterrosen blühen.

Lange war das her. Sie wußte selber nicht, wie lange. Sie dachte darüber auch nicht nach. Grau war ihr Rock, grau ihr Schultertuch. Grau war ihr Kopf­tuch, grau war für sie die ganze Welt.

Denn es war alles anders gekommen, als ihre jun­gen Herzen erhofft hatten. Lebensträume wollen behüt, sam angefaht, wollen durch Selbstüberwindung errun­gen werden. Sie aber hatten sich nach der Heirat nicht ineinander zu schicken vermocht. Hitzig, heißblütig, un- verträglich waren sie alle beide gewesen. Zu Zank und Streit war es gekommen. Es hatte ihnen jene Liebe gefehlt, die bewirkt, daß sich gern eins dem anderen »II MIII«IiW!iiii»Wlii»i»WNWrnmWM»MM^"r»7r^-s- I! iihiiij umimmT- ~ /feie MWMkllM Ist so« allen Mmeri W öle MllWvMe llllO rolrö es Infolge

lötet Billigten unö GinWelt m kleinen.

Für unsere Frauenwelt.

zum Opfer bringt. Und als dann der Mann seine Tage im Wirtshaus zuzubringen begann, da hatte sie recht zu tun geglaubt, wenn sie ihm Herz und Haus verschloß. Ihre Unerbittlichkeit hatte ihn hinausgetrieben aus dem gemeinsamen Nest. Heute meinte sie, sie hätte sich mit ihm vertragen, ihm nachgeben, ihn stützen und halten, mit ihm gehen müssen. Vielleicht hatte sie das ihr Amt gelehrt, das ihr ja Tag für Tag handschriftlich bewies, was herauskam, wenn ein jedes nach einer anderen Richtung strebte. Doch nun war es zu spät. Sie hatte ihn niemals wiedergesehen und glaubte, daß er im Elend umgekommen sei. Ihre Schuld hatte sich gerächt durch ein verlorenes Leben voller Einsamkeit.

Sie legte die Hand über die Augen. Und sah nicht, daß die großen Gänse aus dem Moorloche herauskamen und über die Wiese liefen. Auch die anderen wackelten daher. Die kleinsten waren jetzt dicht neben der Alten und suchten zwischen den Gräsern nach dem jungen, zar­ten Nachwuchs. Es schien, als hätten die Unverträg­lichen endlich miteinander Frieden gemacht. Aber da Mutter Petschkes Gedanken gerade jetzt weitab waren, ging ihr auch noch die kleine Freude, die sie hierüber hätte haben können, verloren.

Wiederholt war die Siedlung in andere Hände über­gegangen. Jetzt saß da ein alter Mann, der ledig mar. Das mußte ein Sonderbarer sein. Wenn das Dämmer­grau über die Erde schlich, kam er zuweilen die Land- straße herauf, die durch das Gut führte. Stand und stand. Und wenn Mutter Petschke, die es auch manch­mal in die Dämmerung hinaustrieb, gerade dachte, jetzt würde er weitergehen, bann kehrte er wieder um.

Ein Trompetenton klang auf aus der Kehle einer kampflustigen Gans. Frau Petfchke fuhr in die Höhe, ihre Augen suchten ihre Schutzbefohlenen. Und fanden sie nicht. Im Nu war sie auf den Füßen. Lief nach dem Teiche, nach dem Moorloch, nach der Koppel und nach dem Gemüsegarten. Die Tiere waren nirgends zu entdecken.

Eine Weile stand sie ratlos. Dann griff sie an ihren Kopf. Ach! Das ganze Viehzeug war in den Roggen gelaufen!

Durch das Roggenfeld zog sich ein Wässerlein und ermöglichte an seinem Rande einen Weg. Hier hastete Frau Petschke rufend und lockend entlang, um ihre Gänse zu suchen und zu sammeln. Sie hörte schon im Geiste die scheltende Stimme des Gutsherrn und zitterte für ihr Letztes, das Kämmerlein, das sie mit ihren bei­den Hühnern teilte, und in dem sie hatte sterben wollen.

Sie durcheilte bas ganze Komfelb, ohne ihre Schütz­linge zu finben. Als sie auf der anderen Seite heraus­trat, lag die Siedlung vor ihren Blicken. Und es bot sich ihr ein Bild, bei dem sie alle ihre Gänse vergaß. Wie angewurzelt blieb sie stehen.

Die trüben Jahre ihres Lebens versanken, und der Traum ihrer Jugend stand wieder in ihr auf. Zur Wirk­lichkeit geworden, sah sie ihn vor sich. Das rote Dach, vor dem Kammerfenster, das Blumenbrett mit den Geranien und neben der Haustür die kleine Bank. Hin­ter dem Gartenzaune blühten die Kletterrosen.

Langsam kam ein Mann auf sie zu. Wie sie ihm in bas verwitterte Gesicht sah, schrie sie auf.Petschke!" Ich habe Deine Gänse schon in die Bucht gesperrt", sagte er.Treib sie über die Landstraße zurück. Ich gehe mit, damit sie Dir nicht wieder auseinanbertom- men."

Sie trieben bie Gänse heim unb keiner sprach ein Wort.

Aber als Mutter Petschke an diesem Abend allein mit ihren Hühnern in ihrem Kämmerchen war, faltete sie die Hände unb dankte Gott dafür, daß er ihr die Schuld von der Seele genommen hatte, daß der Mann nicht durch ihre Unduldsamkeit untergegangen war Darauf fing sie an zu meinen und meinte immerzu. Sie wußte selber nicht, warum. Ob aus Reue ober Schmerz, ob aus Erleichterung ober aus Freude.

Am anderen Sonntag wurde bas Wunder vollkom­men. Ihr Mann kam unb forderte sie auf, in fein Haus iiberzusiebeln. Und als sie sich noch sträubte, weil sie das Glück nicht fassen konnte, befahl er. Denn er sei ihr Mann unb ihr Herr. Dem Gutsbesitzer bringe er zum Ersatz einen Hütejungen für bie Gänse.

Nun durfte Frau Petschke unter dem roten Dache hausen, das ihres Lebens Sehnsucht gewesen war, durfte mit dem Strickzeug am Fenster sitzen unb sich auf. ber Bank neben ber Haustür über bie roten Rosen freuen. Sie sah nicht mehr bie Welt in Grau, sie hatte sich selbst geroanbelt. Hatte bas graue Kopftuch mit einem weißen vertauscht unb bas graue Schultertuch mit einer sauberen Bluse. Aber mehr noch: sie hatte ihr Herz sich roanbeln lassen; treuer unb aufopferungsvoller schlug es als je in ben Tagen ber Jugend. Und jede Stunde ihres Lebens, die ihr noch der Herrgott verlieh, erschien ihr wie ein kostbares Gnadengeschenk, das sie eifrig nutzen mußte.

vertrauliche Gespräche.

Von Elisabeth Huber.

Vertrauliche Auseinandersetzungen sind im täglichen Leben oftmals geradezu eine Notwendigkeit. Daß sol­che Gespräche aber vor Kinderohren geführt werden und dies geschieht öfter als man glauben sollte ist absolut verwerflich. Hinter dem von Erwachsenen so oft gebrauchten Pseudonym:bie Kinber verstehen es boch nicht", liegt zumeist eine große Gleichgültigkeit unb Unbedachtsamkeit verborgen. Gewiß, bie Kinder ver­stehen bas Gespräch in seinem eigentlichen Sinne viel- leicht nicht, aber gerabe biefes Nichtverstehen bringt bas Gift in bie Auffassung bes Kinderverstanbes über bas Gehörte.

Sehr oft hört man auch ben Einwanb:bie Kinder hören nicht zu." Daß dies bei ben wenigsten Kindern zutrifft, hat sich schon mehr als oft bewiesen. Davon wissen vor allem auch die vielen Mütter zu erzählen, die schon einmal die peinliche Situation ausgekostet haben, da ihre Kinder ein zwischen ben Eltern geführtes ver­trauliches Gespräch ausplauberten.

Es gehört mit zu ben wichtigsten Erziehungs-Fak- toren, Kinber, in erster Linie auch sogenannte halber- wachsene, von vertraulichen Gesprächen zwischen Erwach­senen fern zu halten. Indessen ist es geradezu erstaun­lich, wieviel in dieser Hinsicht gesündigt wird und zwar nicht nur von feiten Erwachsener, die alles in allem die Erziehungsfrage nicht sehr ernst nehmen, sondern auch von Eltern, die sonst peinlich sorgfältig auf die Erzie. hung ihrer Kinder achten, wird hier bewußte ober un­bewußt einer ber größten Erziehungsfehler began­gen.

Im Familienkreise werden im Beisein der Kinder bie internsten Familien-Angelegenheiten von Bekannten unb Verwandten verhandelt und kritisiert, ihre Gewohn­heiten getadelt, über ihre Schwächen gelacht, ihr per­sönlicher Wert wirb herabgesetzt. __

Beim Damentee, zu dem auch bie halberwachsenen Töchter mitgenommen werden, erörtert man Toiletten- Künste und Toiletten-Geheimnisfe. Ungeniert werden die intimsten Ratschläge erteilt, Erfahrungen ausge« tauscht, achtlos pikante Neckereien dazwischen geworfen, ohne auf die anwesenden Kinder zu achten; denn .sie verstehen cs boch nicht", llnb wie manche Mutter hat sich baburch schon bie Achtung ihrer Heranwachsenden Tochter verscherzt, ohne je die wahre Ursache dafür er­gründen zu können.

Großvater und Großmutter verhandeln im Beisein der Enkelkinder über die Ehe ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes. Und was da alles zum Vorschein kommt! Den Kindern, die bisher gewohnt waren, ihre Eltern als das Vollkommenste und Idealste unter ber Menschheit anzusehen, wirb plötzlich ber Vater in aller Nacktheit seiner Fehler unb Schwächen vorgeführt. Sämtliche unangenehmen Veranlagungen ber Kinber werben auf Vererbung von feiten des Vaters zurückge­führt unb bie Mutter wirb tief bebauert mit ben Wor­ten:Unb sie hätte noch so viele andere Männer haben können!"

Das Resultat eines solchen Gespräches wirb fein, baß bie Kinber ihren Eltern gegenüber, benen sie vielleicht bisher noch restloses Vertrauen entgegenbrachten, miß­trauisch werben unb gar bald selbst bei ihren Eltern Fehler und Schwächen entdecken, wo sie bisher in kind­lichem Vertrauen alles gut unb recht fanben. Daß der erzieherische Einfluß dadurch verloren gehen muh, ist selbstverständlich.

Es kann daher nicht genug davor gewarnt werden, vertrauliche Gespräche und Auseinandersetzungen vor Kinderohren zu führen. Es liegt in erster Reihe bei den Eltern selbst, zu verhüten, daß ihnen bas kinbliche Vertrauen, bie kinbliche Verehrug und Achtung von selten ihrer Kleinen verloren geht. Pflicht eines jeden Erwachsenen ist es aber, vertrauliche Gespräche im Bei­sein von Kindern zu unterlassen und bie Kleinen vor bem oerberblichen Einfluß, ben solche Auseinandersetzun­gen auf das Äinbergemüt ausüben zu schützen.

Nicht zuletzt, wäre es wünschenswert daß solche er­wachsenen Personen, die bas Feingefühl nicht besitzen, um selbst herauszufinben, was Kindern gegenüber am Platze ist unb was nicht, von ihren Mitmenschen rücksichtslos darauf aufmerksam gemacht würden. Oder gibt es vielleicht Eltery, bie bas reine Herz ihres Kindes einer unar gebrachten Rücksichtnahme zu opfern gewillt find? _____________

ßus dem Frauenleben.

f. Frauenregimenler mit Gasmasken find bas Neu­este in Rußlanb. Im Nahmen bes Rüstungsprogramms ber Union für bie Jahre 192730 ist beabsichtigt, ins­gesamt zwölf Frauenregimenter mit Gasmasken auszu­rüsten!!!

Durch Wüste und Wildnis.

Roman von Heinrich Sienkiewicz.

7] ----------

Und er verstanb sie bester, als man erwarten konnte; denn er benützte die Gelegenheit, als fein Kopf sich in gleicher Hohe mit dem Antlitz des jtinbes befanb, unb leckte zum Zeichen ber Ehrerbietung mit. feiner breiten Zunge besten Näschen unb Wangen.

Dies rief einen Ausbruch von Heiterkeit hervor. Nel mußte ins Zelt gehen unb sich waschen. Als sie nach einer Viertelstunbe zurückkehrte, bemerkte sie, wie Saba feine Tatzen auf Stasch Schultern legte und dieser sich unter der Last beugte. Der Hund überragte den Knaben um Kopfeslänge.

Die Zeit der Ruhe nahte, aber die Kleine erbat sich noch eine halbe Stunde Unterhaltung mit dem neuen Freund. Die Freundschaft war auch bald gefchlossen, denn Herr Tarkowski setzte die Kleine nach Frauenart auf Sabas Rücken, hielt sie, damit sie nicht herunterfiele, unb ließ Stasch den Hund an der Leine führen. Sie ritt mehrere Schritte, dann versuchte Stasch das Tier zu be­steigen, aber Saba setzte sich auf die Hinterpfoten und Stasch befand sich auf einmal neben dessen Schweif am Boden.

Die Kinder sollten sich gerade zur Ruhe begeben, als plötzlich beim Mondenscheine zwei weiße Gestalten sicht­bar wurden, die bem Zelte zufchritten. Der bis dahin so sanfte Saba fing dumpf und drohend zu knurren an, so daß Chamis ihn auf Befehl des Herrn Rawlifon an der Seine halten mußte. Unterdessen blieben die zwei in weiße Burnusse gehüllten Gestalten vor den Zelten stehen.

Wer ist dort?" fragte Herr Tarkowski.

Die Kamelführer," versetzte einer der Ankömmlinge.

Ach, Idrys und Gebhr. Was wollt ihr?"

Wir wollten fragen, ob wir für morgen nicht nötig sind."

Nein, morgen und übermorgen find große Feiertage, während welcher es für uns unschicklich wäre, Ausflüge zu unternehmen. Kommt am dritten Tag morgens.

Wir danken, Efendi."

*S)abt ihr gute Kamele?" fragte Herr Rawlifon.

Bismillah!" entgegnete Idrys, wahre hegin (Reit­pferde) mit fetten Häckern und wie Haga (Schafe). Sonst hätte uns Cook nicht genommen."

Schütteln sie nicht zu sehr?

Man kann auf den Rücken eines jeden eine Hand­voll Fisolen legen und kein Körnchen wird während des schnellsten Galopps herunterfallen."

Wenn man übertreibt, bann wenigstens auf ara­bisch," meinte Herr Tarkowski lachend.

Ober auf subanesifch," setzte Herr Rawlison hinzu.

Unterbeffen standen Idrys und Gebhr wie zwei weihe Säulen da unb schauten bie beiben Kinber aufmerksam an. Der Monb beleuchtete ihre bunklen Gestalten unb ließ sie wie aus Bronze gegossen erscheinen. Das Weiße ihrer Augen schimmerte grünblich unter dem Turban.

Gute Nacht," sagte Herr Rawlison.

Allah wache über Euch bei Nacht und Tag, Efendi!"

Sie verneigten sich und gingen. Das dumpfe, drohende Knurren Sabas begleitete sie. Beide schienen ihm nicht zu gefallen.

5.

An den folgenden Tagen unternahm man keine Aus­flüge. Am Weihnachtsabend, als ber erste Stern am Himmel erglänzte, leuchteten auch Hunberte von Kerzen auf bem für Nel bestimmten Weihnachtsbaume im Zelte des Hern Rawlifon. Die Tanne war zwar burch eine Zypresse aus bem Garten von El-Mebinet ersetzt worden, aber Nel fand zwischen ihren Zweigen eine Menge von Süßigkeiten und eine schone Puppe, die der Vater für sie aus Kairo bezogen hatte. Stasch dagegen erhielt den ersehnten englischen Stutzen. Vom Vater erhielt er Patronen, verschiedene Jagbgeräte unb einen Reitsattel. Nel war überglücklich" unb Stasch, welcher zwar ber Meinung war, baß, wer ein echtes Gewehr besitze, auch ben nötigen Ernst dazu haben müsse, er­spähte trotzbem einen Augenblick, wo es um bas Zelt still war und umkreiste es auf ben Händen. Diese in der Schule von Port Said sehr gepflegte Kunst be­herrschte er meisterhaft unb unterhielt bamit Nel, bie ihn darum aufrichtig beneidete.

Weihnachten unb ber erste Christtag vergingen ben Kinbern mit ber Besichtigung ber Geschenke, bie sie öe- kommen hatten unb mit Sabas Dressur. Der neueFreunb I war über alles Erwarten gelehrig. Gleich am ersten |

Tag lernte er die Pfote geben, Taschentücher appor­tieren, die er aber nur mit Widerstreben zurückgab, und er begriff sofort, daß das Ablecken von Nels Gesichtchen sich für den Hund eines Gentleman nicht schicke. Nel erteilte ihm, die Finger an das Näschen haltend, ver­schiedene Lehren, und er wedelte beständig mit dem Schweif und gab dadurch zu verstehen, daß er aufmerk­sam zuhöre und sich alles zu Herzen nehme. Während der Spaziergänge steigerte sich der Ruhm Sabas mit jeder Stunde; aber wie zum Licht ber Schatten gehört, so hatte auch Sabas Ruhm bie Folge, daß bie arabischen Kinber ihm Überall folgten. Anfangs hielten sie sich zurück, aber burch bie Sanftmut besUngetüms" er­muntert, tarnen sie immer näher unb zuletzt belagerten sie bie Zelte unb niemanb konnte sich mehr frei bewegen. Da aber jebes arabische Kinb an einem Zuckerrohr saugt, folgt ihm stets ein Schwarm Fliegen, ber nicht nur an unb für sich unangenehm ist, fonbern auch bie Ansteckungskeime ber ägyptischen Augenentzünbung ver­breitet. Die Dienerschaft trachtete beshalb bie Kinber wegzutreiben, aber Nel nahm sie in Schutz und verteilte an die Kleinstenhelou", das ist Süßigkeiten, was ihr zwar Liebe erwarb, aber die Schar noch vermehrte.

Nach drei Tagen nahmen die gemeinsamen Ausflüge ihren Anfang, teils auf den schmalspurigen Bahnen, wie sie die Engländer in Mebinet-el-Fayum viel gebaut hat­ten, teilweise auf Eseln, manchmal auch auf Kamelen. Es zeigte sich, daß das Lob, das Idrys diesen Tieren so reichlich gespendet hatte, reichlich übertrieben war, denn nicht nur Fisolen, sondern auch Menschen konnten sich nur schwer auf ihnen halten; aber es war auch etwas Wahres daran. Die Kamele gehörten tatsächlich zur Gattung derhegin" (Reittiere), und da sie gut mit Durra" (Mais) genährt waren, so hatten sie fette Hocker unb zeigten eine solche Lust zum Galoppieren, baß man sie zurückhalten mußte. Die Subanesen Jbrys unb Gebhr gewannen trotz des wilden Glanzes ihrer Augen das Vertrauen der Gesellschaft.vornehmlich durch ihre große Gefälligkeit unb außerordentliche Fürsorge um Nel. Gebhr hatte immer einen grausamen und etwas tieri­schen Ausdruck; aber Idrys, der merkte, daß dieses kleine Persönchen ber Augapfel ber ganzen Gesellschaft sei, er­klärte bei jeber Gelegenheit, bah es ihm mehr um sie als um seine eigene Seele zu tun sei. Herr Rawlison erriet zwar, baß Idrys durch Nel ben Weg in seineTasche

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Nr. 172 vom 29. 3uli 1927.

Die Fran im Beruf.

f. Mehr Frauen als Männer erwerbstätig! Die Zahl ber arbeitenben Frauen in Englanb betrug im vergangenen Jahre etwa 5,7 Millionen gegenüber 4,1 Millionen im Jahre 1920. Im gewerblichen Beruf waren 1901 311163 Männer und 172873 Frauen tätig, im Jahre 1921 dagegen 395892 Fraueen unb nur 306 830 Männer. Die Zahl ber männlichen kaufmäni- schen Angestellten von 307 889 im Jahre 1901 war 1921 von 429 695 weiblichen Angestellten weit überholt.

f. Zunahme der weiblichen Aerzte. Gegenüber den letzten Jahren vor bem Kriege hat sich bie Zahl ber in Deutschland tätigen weiblichen Personen Aerzte ver- zehnfacht. Im Jahre 1914 zählte man 195 Aerztinnen bei uns, heute sind es 1890. Davon leben allein 400n Berlin unb 80 in München, währenb alle anberen Großstädte selbst prozentual weit dahinter zurückstehen. Die einzige deutsche Großstadt, in der es noch keine Aerztin gibt, ist Hamborn, falls sich nicht inzwischen doch eine dort niedergelassen haben sollte.

Die Frau als Erzieherin.

f. Sachliche Gründe bewirken in allen Lebenslagen mehr als Versprechungen, Uebertreibungen unb Vor­spiegelungen. Der Erwachsene erfährt bas immer, wenn er ein Geschäft abschließen, einen Vertrag machen ober jemanben für eine Sache interessieren will. Der Part­ner würbe jedenfalls mißtrauisch werden und sich zurück- ziehen, wenn er bemerkt, daß es dem andern an sach­lichen Grundlagen fehlt. Sich moralisch und praktisch durch lleberrebungen keinen Schaden zuzufügen, sollte auch den größeren Kindern schon beigebracht werden. Sie müssen darauf hingewiesen werden, daß sie stets besser abschneiden, wenn sie Tatsachen für sich sprechen lassen können. Diese Tatsache geben ihnen eine sichere Grundlage, überzeugend zu wirken; je mehr die Tat­sachen für sie sprechen, um so weniger Worte bedarf es und um so leichter kommt man ans Ziel. Die Auffin­dung und Aneinanderreihung fachlicher Gründe ist gleich, zeitig ein Beweis der sich entwickelnden Intelligenz und ein Gradmesser der Ehrlichkeit. Uebertreibungen, teere Versprechungen und Vorspiegelungen aber charakterisie­ren den unehrlichen Menschen.

Die Frau als Hausarzt.

f. Kopfschmerzen sind oft rheumatischen Ursprung» und müssen dann nicht mit Kälte, sondern mit trockener Wärme behandelt werden. Sie rühren in diesem Falle meist von Schwellungen der Nackenmuskeln her, die man bei vorsichtigem Abtasten an ber großen Druckempfinb- lichkeit erkennt. Man massiere biefe Stellen burch lang­sames Streichen von oben nach unten, bis sich bie Schwellungen verteilt haben, unb binbe bann ein wolle­nes Tuch, am besten einen Strumpf um ben Hals. Die durch die Wärme verursachte Transpiration beseitigt den Kopfschmerz.

Praktische winke.

f. Schweißflecke au» Weißwaren entfernt man, in­dem man den Fleck in einer Losung von unterschwefel, saurem Natron (aus der Apotheke) auswäscht und dann bleicht. Ebenso verfährt man mit gefärbten Baum- woll- unb Wollstoffen.

f. Spinnen vernichtet und vertreibt man am besten durch unausgesetztes Zerstören ihrer Gewerbe unb Ne- fter. Holz- unb Mauerwerk streiche man dort, wo sich die Tiere gern ansiedeln, zeitweise mit Wasser, in dem etwas Kupfervitriol ober Eisenvitriol aufgelöst wirb.

Die Frau in der Mche.

f. Bozener Kompott besteht aus Birnen, Pflaumen unb Aepfeln. Man löst 500 Gramm Zucker in einem kleinen Tassentopf heißem Wasser unb kocht barin zu­nächst 500 Gramm Birnen. Hiernach nimmt man diese mit einem Schaumlöffel heraus, kocht in bem Saft 500 Gramm geteilte Aepfel, nimmt auch biefe heeraus, ver- fährt ebenso mit 500 Gramm entfernten Pflaumen, kocht ben Saft nochmals gut auf unb gießt ihn auf bie inzwischen vermischten Früchte in einen Tontopf, ber gut mit Pergamentpapier oerbunben und an einem kühlen Orte aufbewahrt wird.

Selbstbestimmrmgsrecht der Frauen.

Die Frauen haben es im neuen Jahrhundert schon sehr weit gebracht unb boch lasten sich noch viele bevor­munden. So zum Beispiel beim Friseur ober bei ber Friseuse. Seien Sie bas nächste Mal ganz konsequent unb verlangen Sie eine Lavaren-Haarwäsche. Nichts anberes! Sie tun auf {eben Fall gut, benn Lavoren wäscht bas Haar nicht nur, es pflegt es auch. Am besten ist es. Sie nehmen sich gleich eine Packung mit.

suchte, aber ba er auch ber Meinung war, baß jeber- mann sein Töchterchen lieben mußte, war er ihm dafür dankbar und ließ es nicht anBackschisch" fehlen.

Im Verlauf von fünf Tagen besichtigte die Gesell- schäft die nahen Ruinen des altertümlichen Krokodilo- polis, wo die Aegypter ehemals ben Gott Gebet ver­ehrten, ber eine menschliche Gestalt unb einen Krokobils- köpf besaß. Den folgenben Ausflug unternahmen sie zu ber Hanarapyramibe unb ber Trümmerstätte bes Laby­rinths, ber längste Ausflug aber war ber an ben Ko- runfee. Sein nörbliches Ufer bilbet eine Wüste, in der außer ben Ruinen ber ehemaligen ägyptischen Stäbte keine Spur von Leben mehr vorhanben ist. Dagegen erstreckt sich gegen Süben ein schönes, fruchtbares ßanb, unb bie mit Heibekraut unb Röhricht bewachsenen Ufer wimmeln von Pelikanen, Flamingos, Reihern, Wilbgän- fen unb Enten. Erst dort hatte Stasch Gelegenheit, seine treffliche Schießkunst zu zeigen. Nach jedem gelungenen Schuß sowohl aus der gewöhnlichen Flinte wie aus bem Stutzen ließ sich ein beifälliges Schnalzen Idrys und der arabischen Ruderer vernehmen. Und jeder ins Wasser fallende Vogel war mit dem RufBismillah" obe* Maszallah!" begleitet.

Die Araber versicherten, baß am gegenüberliegenden Ufer viele Wolfe unb Hyänen seien; wenn man zwischen ben Sandhaufen bas Aas eines Schafes verstecke, |o käme man sicher zum Schüsse. Infolge dieser Versiche­rung verbrachten Herr Tarkowski und Stasch zwei Nächte in der Wüste bei der Ruine Dime. Aber das erste Schaf stahlen die Beduinen sofort, nachdem die Jä­ger sich entfernten, und das zweite lockte nur einen lahmen Schakal herbei, den Stasch erlegte. Das Jagd- vergnügen mußte aber unterbrochen werden, denn füi bie beiben Ingenieure würbe es Zeit, bie Revision bei Wasserarbeiten, welche bei Bahr Jussuf in ber Nähe von El-Lahun, süböstlich von Mebinet, durchgeführt wurden, zu beginnen.

Herr Rawlison wartete auf die Ankunft von Frau Olivier. Zum Unglück traf statt ihrer ein Bries bes Arztes ein, mit ber Nachricht, baß burch ben Stich bes Skorpions ber Rotlauf sich wieberholt habe unb bie Pa. tientin längere Zeit Port Said nicht verlassen bürte. Die Lage war schwierig.

(Fortsetzung folgt)