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uldaerZeitung
Anzeiger für die Skadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
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Freitag, 29. Juli 1927.
Nr. 172
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Oer Knschluh.
Die Deutschnationalsn und der Anschluß.
Seit einigen Wochen beschäftigt, ohne daß zunächst ein äußerer Anlaß dazu klar offensichtlich toar, die Anschlußfrage Oesterreichs an Deutschland wieder die europäische Oeffent- lichkeit. Unter den Stimmen, die hier bei uns in Deutschland öffentlich zu diesem Problem laut wurden, fallen ganz besonders die Aeußerungen auf, die aus der deutschnationalen Presse teils ganz anonym, teils halb anonym herausgeklungen find. Während bei uns die breiten Massen durchgehend der Auffassung sind, und dies mit Recht, daß der Anschluß Oesterreichs an uns erstrebt werden müsse, weil Gleiches zu Gleichem gehört, weil, was deutsch ist, denkt und fühlt, auch als einheitliches Staatsvolk zusammen geschlossen sein muß, tönt aus deutschnationalen Kreisen etwas ganz anderes heraus. Man hält dort den Anschluß Oesterreichs aus angeblich außenpolitischen Zweckmäßigkeitserwägungen für nicht erwünscht, zum mindesten nicht erwünscht in der Gegenwart und nächsten Zukunft. „Daß die inneren Zustände int Reich durch den Anschluß schwer gefährdet würden, liegt auf der Hand, und ein weitschauender französischer Außenminister würde den Anschluß geradezu verlangen, denn dann würde Deutschland aus unabsehbare Zeit eine Reichsregierung haben, die bedingungslos sich allen französischen Forderungen unterordnen würde," so heißt es in einem Artikel in der Kreuzzeitung, der sich mit diesem Pro- blern befaßt.
Es fft nicht ganz klar, wie sich die Betreffenden, die sich zu diesen Gedankengängen der Kreuzzeitung bekennen, mit aller Ehrlichkeit deutsch und national nennen wollen. Die Anschlußfrage fft in erster Linie eine nationale Frage, der gegenüber alle außenpolitische Zweckrnäßigkeitserwägun- gen grundsätzlich zurückzutreten haben. Im übrigen, und das ist die Hauptsache, kann man diesen Einwand gegen einen Anschluß Oesterreichs, der oben zitiert fft, durchaus nicht für stichhaltig erklären. Aber er zeigt klar, welches der Angelpunkt des deutschnationalen Denkens bezüglich der Anschluß- ftage ist. Man fürchtet ganz offenbar in den Kreisen um die Kreuzzeitung, daß der Anschluß Oesterreichs eine Verschiebung der Mächteverteilung unter den deutschen Parteien zur Folge haben könnte, bei der die Deutschnationalen ins Hintertreffen geraten würden und sie aus ihrer Machtposition, die sie sich mit so manchem Opfer an Erundsatzfestigkeit errungen haben, leicht verdrängt werden könnten.
Wie sehr die Deutschnationalen, wenigstens die Kreuzzeitung, den Anschluß aus parteiegoistischen Gründen fürchten, geht daraus hervor, daß sie den Faden der Diskussion, jetzt mit klarer Frontstellung gegen den, den sie eigentlich meinen, fortsetzen. Es hat ihnen ganz offenbar die österreichische Sozialdemokratie angetan. Und nun wird int Zusammenhang mit der Anschlußftage heftig gegen diese mobil gemacht. Man sagt es ganz offen, daß sich sehr wohl über die Anschlußfrage reden ließe, wenn die Sozialdemokraten in Oesterreich nicht wären. Mit anderen Wortten, man spricht den rund 43 Prozent der Oesterreicher, die sich zur sozialdemokratischen Partei bekennen, die Daseins- berechtigung ab. Wenn man auch zugeben will, daß die sozialdemokratische Partei in Oesterreich zu einem Radikalismus neigt, wie ihre Schwesterpartei hier bei uns vor etwa zehn Jahren und ftüher, so berechtigt das doch noch lange nicht dazu, in der großen nationalen Frage des Anschlusses, diese ihre politische Neigung zum Anlaß für die Ablehnung des Anschlusses überhaupt zu nehmen. Man würdigt damit eine von Grund auf nationale Frage, wie es doch das Anschlußproblem ist, zu einer Frage herab, die lediglich vom Parteistandpunkt aus betrachtet wird.
Die Deutschnationalen bekämpfen die österreichische Sozialdemokratie. Das soll ihnen als Partei auch durchaus unbenommen bleiben, weil der politische Kampf nun einmal ein Beweis politischen Lebens ist. Aber für uns lehrreich, wenn auch für die Anschlußftage selbst verhängnisvoll, ist es, daß bei diesem Kampf die grundsätzliche Einstellung der Kreise um die Kreuzzeitung herum zum Problem der deutschen Einigung herauskommt, die sich in nichts von der Denkungsart unterscheidet, die früher die preußischen Stockkonservativen ausgezeichnet hat. Die preußisch-deutsche Staatsentwickkung wurde schon früher von diesen lediglich unter dem Gesichtspunkt beftachtet.
Ein Anschluß Oesterreichs würde den monarchischen Aspirationen der Deutschnationalen aller Wahrscheinlichkeit nach wohl em für alle Mal ein Ende machen. Aus diesem Grunde schon wird man sich von feiten der ganz Unentwegten möglichst lange gegen einen Anschluß Oesterreichs sftäuben, wenn man auch versuchen wird, die eigenen Interessen mit möglichst viel gefühlvollen Worten zu verdecken. Wie weit die Kreise der Deutschnationalen, die heute Wert darauf legen, in der republikanischen Regierung zu sitzen, diesen Kurs werden mithatten können und michalten wollen, das fft eine Frage, deren Beantwortung vielleicht nicht all zu lange auf sich warten lassen wird.
Der österreichische Nationalrqt hat die Debatte über die Erklärung des Bundeskanzlers Dr. Seipel beendet, die stellenweise einen lebhafteren Charakter annahm. Der von den Sozial- deinokraten eingebrachte Mißtrauensantrag gegen die Regierung sowie der Anftag auf Einsetzung eines parlamentarichen Untersuchungsausschusses über die Ereignisse vom 15. und 16. Juli wurden abgelehnt.
Tschechisch-österreichische Zollunion?
Der „Vorwärts" will zuverlässig erfahren haben, daß die Prager Regierung mit Zustimmung Frankreichs im Herbst der Wiener Regierung den Abschluß der Zollunion Vorschlägen wolle. Damit soll Oesterreich sicherer und leichter Absatz seiner Jndustrieprodukte und der Bezug billiger Lebensrnittel verschafft, seine Wirtschaftslage gebessert und sein Anschlußstreben gebrochen werden. Wie das Blatt weiter bemerkt, besteht aber ein Hindernis: die M e i st b e g ü n st i g u n g , die sowohl Prag als auch Wien einer ganzen Reihe anderer Staaten eingeräumt haben. Diese Staaten könnten also gleichfalls Zollunion verlangen.
Vratianu und die Königin - Witwe.
Der erste Zwist.
wtb. Paris, 28. Juli. (Eig Funkm.) Paris „National" hebt als auffallend hervor, daß die Königinwitwe von Rumänien nur sehr entfernt an den offiziellen Trauerfeierlichkeiteu in Bukarest teilgenommen habe. Das Blatt führt dies auf ein Zerwürfnis der Königinwitwr mit Bra- tianu zurück. Am Todestage des Königs habe der Streit einen solchen Umfang angenommen. daß die Königin-Witwe Tratianu damit gedroht habe, sie werde sofort das Land verlassen, um das Schicksal ihres Sohnes Carol in irgend einer westeuropä- ffchen Hauptstadt zu teilen.
China.
Unkeckrechung der Friedensverhandlungen zwischen Nord- und Südchina.
Reuter meldet aus Peking: Die Friedensver- handungen zwischen den Vertretern der Pekinger und der Nankinger Regierung einerseits und dem Militärgouverneur der Provinz Schansi anderseits sind endgülttg abgebrochen worden.
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Die Agentur Judo Pacific meldet aus Schanghai, es sei angesichts der täglich einlaufenden einander widersprechenden Meldungen unmöglich, die taffächliche Lage in Hankau zu übersehen. Sicher erscheine jedoch, daß Borodin und alle Sowjetagenten Hankau mit unbekannter Bestimmung verlassen hätten. Gerüchtweise verlaute, sie würden nach Schanghai kommen.
Borodin nach Rußland ob gereift.
wtb. Hankau (Reuter), 28. Juli. (Eig. Funkm.). Borodin fft über die Mongolei nach Rußland abgerefft.
Deuffche Schiffe in China feftgehallen.
Die Agentur Judo Pacific meldet aus Schanghai, daß die chinesischen Marinebehörden in Wo- chung drei deutsche Schiffe, zwei aus Europa und eins aus Hankau kommend, festgehalten und durchsucht hätten. Die Schiffe befänden sich noch in Händen der Chinesen. Die Zollbehörden hätten auf Befragen erklärt, sie wüßten von diesen Festhaltungen nichts und versicherten, daß diese Sckiffe sich keiner Zuwiderhandlung gegen die Gesetze schuldig gemacht hätten. Obwohl Deutschland das Recht der Exterritorialität nicht mehr zustehe, bedeutet die ungerechffertigte Beschlagnahmung, so schließt die Meldung, einen sehr ernsten Präzedenzfall, von dem sich die Mächte bei ihren künftigen Beziehungen zu China inspirieren lassen müßten.
So ist der Krieg.
Die Aeußerungen, die der französische Ministerpräsident Poincare bei der Denkmalsweihe in dem Städtchen Orchies bei Douai gemacht hat, gaben der deutschen Regierung Veranlassung, die damaligen Vorgänge auf Grund der deutschen arischen Feststellungen bekannt zu geben.
Am 23. September 1914 fuhr eine Kolonne von sieben Automobilen der Freiwilligen Krankentransportabteilung der 7. deutschen Armee nach Orchies, um. in der dortigen Gegend, wie schon mehrmals in den Tagen zuvor, deutsche und französische Verwundete aufzusammeln und der Pflege zuzuführen. Sie wurde, obwohl sie weithin sichtbar das Abzeichen des Roten Kreuzes führte, aus dem Orte Orchies von einer größeren Anzahl französischer Soldaten und Zivilisten heftig beschossen. Wegen dieses groben Völkerrechtsbruches unternahm am 24. September das Landwehrbataillon 35 eine Expedition gegen Orchies. Es stieß dabei jedoch auf starken Widerstand und mußte unter Zurücklassung von acht Toten und 35 Vermißten zurückgehen. Daraufhin erhielt am 25. September das erste Bataillon des 1. Bayerischen Pionierregiments den Befehl zur Ausführung der Expedition. Bei feiner Ankunft in Orchies war der Ort nahezu leer, denn die Bevölkerung war inzwischen unter Führung des Bürgermeisters enfflohen. Den einrückenden deutschen Soldaten bot sich ein schrecklicher Anblick. Sie fanden 21 von ihren Kameraden, die am Tage zuvor verwundet oder unverletzt in Gefangengeschaft geraten waren, als furchtbar verstümmelte Leichen vor. Es war völlig zweifellos, daß die wehrlosen Gefangenen in empörender Weise hingemordet worden waren. Es ist richtig, daß das Pionierbataillon nun die Häuser der schuldigen Stadt dem Erdboden gleich machte. Das ist die Wahrheit über Orchies. Die Zerstörung des Ortes war nicht, wie die französische Darstellung behaupten will, ein Verbrechen der deutschen Truppen, sondern sie war die Vergeltung für schwere Völkerrechtsbrüche französischer Kämpfer.
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Wenn einmal ein Krieg entfacht ist, bann löst eine Greueltat die andere ab. Poincare sollte fein Pharisäertum ablegen und aufhören, andere zu beschuldigen. Jeder schlage an seine e i g e ne Brust. Das gilt für diesseits und jenseits des Rheins. ____
* Zentrum und Reichsbanner. Der „Vorwärts" teilt Mit: Die über die Führung des Reichsbanners in den Reihen des Zentrums und teilweise auch bei den Demokraten aufgetauchten Meinungsverschiedenheiten werden anfangs August Gegenständ einer Aussprache im Bundesausschuß des Reichsbanners fein. Die Sitzung hat den Zweck, durch kameradschaftliche Fühlungnahme einen Weg zu finden, um für die Zukunft ähnliche Meinungsverschiedenheiten zu verhindern. An den Bespre- chungen, zu denen Bundespräsident Hörsing ein» »efohen wird, werden sich auch die führenden Persönlichkeiten des Zentrums im Reichsbanner beteiligen. Das Batt glaubt, daß man sich in der für Donnerstag anberäumten Aussprache von führenden Zentrümsmitgliedern im Reichsbanner damit begnügen werde, die Situation durchzusprechen, ohne Beschlüsse zu fassen, und zunächst die kommende Tagung in Magdeburg abzuwarten.
Wandlungen im „nationalen" Lager.
Aus parlamentarischen Kreisen schreibt man uns:
Es ist sicher ein Fehler, wenn man gewisse Vorkommnisse in der Politik etwa dahin ausbeuten wollte, daß der gegenwärtige Staat vollkommen sesfftehe, und daß es lächerlich sei, noch an Gefahren für ihn zu denken. Auf der anderen Seite sollte man aber auch nicht in den Fehler verfallen, dort Fortschritte zu leugnen, wo sie unleugbar sind. Und letzteres fft der Fall. Wir wollen nur Vorkommnisse der letzten Zett aus drei bezeichneten Gruppen herausgreifen. Wir meinen die „nationale" Studentenbewegung, die Vorgänge im evangelischen kirchllischen Lager und die Dämpfung der sogenannten KampfverbSnde.
Allen diesen Bewegungen, die früher die Träger des Kampfes gegen den neuen Staat gewesen sind, ist eins gemeinsam: es geht durch sie eine tiefe Resignation, soweit es sich um die Möglichkeit einer Wiederherstellung dessen handelt, was einst war! Aber man geht schon weiter. Man beginnt ein« zusehen, daß man mit dem Staate, so wie er heute ist, rechnen und sich zu ihm stellen muß. Die fortgesetzte Negation ist nicht mehr modern, und auf ein negatives Ideal ist die Anhängerschaft nicht mehr festzuhalten.
Die „nationale" Studentenschaft gibt heute offen zu, daß sie mit ihren Ideen gescheitert, und daß sie der Auslösung nahe ist. Die willkürliche und verschärfte Trennung, die diese Gruppen zwischen Akademikern und Volk hervorgerufen hatte, ist im Abklingen. Es kommt nur darauf an, daß das Erbe der fogenannnten nationalen Studenten richtig angetreten wird. Im Lager des deuffchen Katholizismus wird dabei u. E. dem Görres- r i n g eine wichtige Aufgabe zufallen. Der Augenblick. der Universität langsam wieder die verlorene Volksgunst zuzuwenden, ist nickt ungünstig.
Aber vielleickt noch bedeutungsvoller sind die Erklärungen des Vertretertages der Evangelischen in Königsberg. Ein entschiedenes Bekenntnis zu dem neuen Staat ist in der Botschaft, die er erlassen hat, erreicht, und der Staat wird als Obrigkeit anerkannt, für den die Kirche zu beten habe! Und nicht nur das, auch die Glieder der Kirche sollen dem Staat ihre Kräfte gern zur Verfügung stellen, ein solcher Dienst am Staate und am Volke
fei auch Gottesdienst! Diese Erklärungen einer christlichen Gemeinschaft mögen selbstverständlich klingen und man mag sagen, sie kämen acht Jahre zu spät, aber es ist doch nicht von ungefähr, daß wir heute solche Worte gerade von diesen Schichten hören. Die Wirkungen sind nicht unerheblich
Und die Kampfverbände. Auch sie be« fleißigen sich, je länger desto mehr, eines maßvolleren Auftretens. Daß der Jungdo in manchen Fragen schon vollkommen die Annäherung an den Staat vollzogen hat, ist bekannt; aber selbst aus den anderen Organisationen klingt es gedämpft, es sind eigentlich nur noch Nebensächlichkeiten, um die man streitet. Jrn wesentlichen wagt man nicht mehr zu bestreiten, daß der Dienst an Volk und Staat, so wie er heute ist, notwendig und heilig sei.
Es mag dem einst so befehdeten und verachteten Staate des neuen Deutschland sonderbar an- kommen, wenn seine ehemaligen größten Gegner, der eine nach dem anderen, kommt nud feinen Frieden macht, zunächst theoretisch und philosophisch, verbrämt mit allen möglichen „wenn" und „aber". Immerhin, der Zug der Zeit zu ihm ist da! Darin liegt etwas Großes und Beruhigendes für die Zukunft.
Aber trotz alle dem, daß darf nicht vergessen werden, bedeuten diese Taffachen kein Ruhen und Rasten für die alten und unentwegten Freunde des neuen deutschen Staates. Es gilt, den Gesinnung-;, wandel der Vielen, die nun kommen, zu einem dauernden zu machen, und das kann nur geschehen durch Ausgestaltung dieses neuen Staates mit wahrhaftem demokratischen und sozialen Geist, also durch moralische Eroberungen. Dergei- fHge Kamps um den tiefen Sinn der jungen deutschen Republik hat eingesetzt. Cs kommt darauf an, die Form zu gestalten; denn sicher befinden sich unter den einst Fernstehenden noch immer solche, die nur äußerlich Frieden geschlossen, weil sie die Aussichtslosigkeit des Widerstandes erkannt haben. Das Entscheidende der Zukunft ist, die Ueberlegen» beit des neuen Staates und feiner Ziele zu dokumentieren und fo auch innerhalb des Staates den neuen Ideen zum endgültigen Triumphe zu verhelfen. Dieser Kampf freilich ist noch nicht entschieden.
Die Sceabrflfhing.
Amerikanischer Pessimismus.
In einer Erklärung im Unterhaus über die britische Marinepolitik sagte Chamberlain u. a.:
Die Regierung habe es für notwendig gehalten, sich persönlich mit ihren Delegierten auszusprechen, um ein klares Bild von der Lage der Verhandlungen zu haben und imstande zu fein, über gewisse von den Delegierten ihr vorgelegte Fragen eine Entscheidung zu fällen. Dies sei geschehen. Die Delegierten kehrten nach Genf zur Konferenz zurück, die, wie er fest glaube, einen erfolgreichen Abschluß finden werde. Chamberlain verlas folgende Erklärung: Neben anderen Mißverständnissen ist der britischen Regierung sogar der Wunsch zugeschrieben worden, diejenige Gleichheit der Seemächte, die von der Washingtoner Konferenz bezüglich der Vereinigten Staaten und des Britischen Reiches ins Auge gefaßt worden war, zu zerstören. Dieser Verdacht hat keine Grundlage. Die britische Regierung hat Coolidges Einladung so aufgefaßt, daß er wünsche, die Politik der Washingtoner Konferenz durch eine weitere Verminderung der Ausgaben bei Aufrechterhaltung der nationalen Sicherheit zu entwickeln. Mit diesem Ziel ist die britische Regierung in voller lieber- einftimmung. Weiter heißt es in der Erklärung: Mit diesem Ziel vor Augen, hat die britische Regierung vorgeschlagen, den Umfang der Ausrüstung von Schlachtschiffen zu vermindern bei Beibehaltung ihrer Zahl, wie sie in Washington festgesetzt wurde. Zu diesem Zweck hat sie auch angeregt, die Zahl der Ausrüstung der großen Kreuzer nach ähnlichen Grundsätzen, wie sie in Washington für die Schlachtschiffe angenommen wurden, einzuschränken. Dieser Vorschlag würde ebenfo wie der erste die nationalen Ausgaben erheblich vermindern .ohne die nationale Sicherheit zu gefährden.
Im Anschluß an Chamberlains Erklärung kam es im Unterhaus zu einer kurzen Aussprache zwischen ihm und Mitgliedern verschiedener Parteien, in deren Verlauf der Außenminister einige seiner Darlegungen wiederholte und nochmals erklärte: Die Grundlage der Konferenz, wie wir sie auffaffen, und nach der eigenen Absicht des amerikanischen Präsidenten ist die E i n- schränkung der Rüstungen mit der nationalen Sicherheitin Einklang zu bringen und das ist die einzige Grundlage, auf der irgend eine Konferenz zur Einschränkung der Rüstung;n jemals zu einem erfolgreichen Ende gebracht werden kann. Chamberlain bat nochmals, jedes Ein gehen auf Detailfragen zu unterlassen.
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wtb. London, 28. Juli. (Eig. Funkm.) Aus den gestrigen Erklärungen Chamberlains schließt der Marinemitarbeiter der „Daily Mail", daß eine Aenderung der britischen Taktik in Genf bevorstehe und die Regierung bereit fei, für eine begrenzte Zeit unter die Zahl von 70 Kreuzern herunterzugehen. Der Vorteil einer vorläufigen Vereinbarung über die Kreuzerstärke liege darin, daß einiRüftungsmettberoerb während der kritischen nächsten vier Jahre ausgeschaltet wäre, während andernfalls Amerika anfangen könnte, jedes Jahr 10 neue Kreuzer zu bauen. Es bestehe Grund zu der Annahme, daß ebenso Arne- rita bereit fei, die Neubauten an 10 000 Tonnen- Kreuzern erheblich zu beschränken und auch eine niedrigere Standard-Tonnage aller Kreuzer anzunehmen, wenn sie acht-zöllige Geschütze führen würden.
„Daily Telegraph" schreibt, wenn es in Genf gelänge, wenigstens eine Einigung über die Einschränkung des Baues großer Kreuzer in den nächsten vier Jahren herbeizuführen, fo fei das allein der Mühe wert gewesen, obgleich es weit hinter den der Konferenz entgegengebrachten Erwartungen zurückbleibe.
Vertagung bis 1931?
Aus Washington wird gemeldet: Die Erklärung Chamberlains über Englands unabänderliche Haltung in der Kreuzerfrage bestätigte in politischen Kreisen Amerikas die Auffassung, daß eine Verständigung unmöglich und eine Vertagung der Konferenz bis 1931 unmöglich sei. Amtliche amerikanische Aeußerungen liegen noch nicht vor. Jedoch wurde im Marineeamt angedeutet, daß England nach Chamberlains Rede an drei Punkten festhalte, die für die Vereinigten Staaten durchaus unannehmbar seien. Im Staatsdepartement hält man ebenfalls Chamberlains Rede für den Schwanengefang der Konferenz. Trotz dieses Pessimismus bezüglich des Schicksals der Konferenz hält man einen Fehlschlag für nicht tragisch, da man an einen Krieg mit England nie gedacht hat, sondern lediglich Ausgaben für Rüstungen ersparen wollte. Im übrigen will man es dem Ermessen des nächstenKongresses überlassen, ob aus dem Fehlschlag positive Folgerungen gezogen und mehr Kreuzer gebaut werden sollen.
Schiffsbrand im Hamburger Hafen.
wtb. Hamburg, 28. Juli. (Eig. Funkm.). Ein Brand auf dem Dampfer Saint Andrew, der mit Feuer im Laderaum am Mittwoch abend in den Hamburger Hafen eingelaufen ist, hat sich während der Nacht ausgedehnt. Aus 20 Schlauchleitungen wurde Wasser in die Laderäume gespritzt. In das eiserne Deck des Schisses mußte mit Sauerstoffdrängern eingedrungen werden, um bis zum Brandherd vordringen zu können. Um 5 Uhr morgens war die Gefahr weiterer Ausdehnung des Brandes beseitigt.