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Anzeiger für die Stabt Aulda unb ben Landkreis Fulda. Amtliches Äreisblatt

Nr. 166.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk. :-:

Freitag, 22. Juli 1927.

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lllassenbegräbim in wie».

Das Leichenbegängnis der Todesopfer ist in allster Ruhe und Ordnung verlaufen. Es wur­den 59 Opfer beerdigt. Den Ordnungsdienst ver­sah die neue Gemeindeschutzwache. Bor dem Fried­höfe hatten sich ungefähr fünftausend Menschen an­gesammelt. In Bertretung des Bürgermeisters Seitz, der erkrankt ist, hielt Stadtrat Speiser die Leichenrede, die den Angehörigen im Namen der Gemeinde das Beileid ausdrückte und ihnen die Versicherung gab, daß die Mgemeinheit für die Hinterbliebenen sorgen werde. Der Abg. El­lenbogen sprach für die Sozialdemokratische Partei. Sodann ergriff ein Kommunist das Wort, der eine Rede voll der heftigsten Angriffe gegen die Regierung hielt und in schärfstem Tone sprach. Er verwies auf das Beispiel Rußlands, wo die Kommunisten ihrem Ziele zustreben, das in Oesterreich nachahmenswert wäre. Seine Rede wurde von den Anwesenden mit sichtlichem Mißbehagen ausgenommen. Rach diesem er­griff Friedrich Adler das Wort, der das Vorgehen des kommunistischen Redners zurückwies und erklärte: „Wir sind auf dem Friedhof zusam­mengekommen, nicht, um Politik zu machen, son- dern um unsere Toten zu bestatten."

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In Wien sind die „Rote Fahne" und die nationalsozialistische Wochenschrift „Der Volkskampf" wegen aufreizenden Inhalts beschlagnahmt worden.

In Berlin ist laut „Boff. Zig." die kommu­nistische Parole, während der Wiener Trauerfeier die Arbeit 15 Minuten lang ruhen zu lassen, n i r- genbs befolgt worden.

Kundgebung des Reichsbauernbundes Oesterreichs.

wtb. Dien, 21. Juni. (Eig. Funkm.). Der Vorstand des Reichsbauernbundes Oesterreichs hat gestern eine Entschließung gefaßt, in welcher die Frage „Wien" als ein internationales Problem bezeichnet und betont wird, daß im Falle neuer Gefahren die Regierung sicher sein kann, daß die österreichische Bauernschaft sich bereit hält, zusammen mit den Sicherheitsorganen des Staats die friedliche Arbeit und Hab und Gut der Bürger zu schützen.

Skrasversahren gegen Pieck.

wtb. Dien, 21. Juli. (Eig. Funkm.) Wie die „Reue Freie Presse" erfährt, wird gegen den hier verhafteten kommunistischen preußischen Landtags­abgeordneten Pieck ein strafrechtliches Un­tersuchungsverfahren eingeleitet werden, da er verdächtig ist, an der Agitation zur Ver­anstaltung neuer Unruhen teilgenommen zu haben.

3um wiener Aufruhr

schreibt ein Wiener Mitarbeiter der „Germania": Es wird kein Ruhmesblatt fein in der Geschichte Neu-Oesterreichs, was am 15. Juli über Wien her- einbrach. Gegen 100 Tote, über 500 meist Schwer­verletzte, der ausgebrannte Iustizpalast, geplün­derte Privatwohnungen, General- und Verkehrs- streik — das waren die traurigen Begleiterschei­nungen, die vielleicht unvorbereitet losbrachen, aber doch einen gut vorbereiteten Boden fanden.

Untersucht man Elementarereignisse nach Grün­den, Anlässen und Vorwänden, um zu verstehen, wie alles kam, so sind im vorliegend Fall alle drei Gesichtspunkte der Vorbereitung erkennbar. Die sozialdemokratische Partei Oester- reichs hatte auf dem Linzer Parteitag des Hoch- sommers 1926 den Beschluß gefaßt, die Ergreifung der Staatsmacht anzuftreben; auf demokrati­schem Weg, sobald dies möglich sei; doch wurde das Liebäugeln eines gewissen radikalen Flügels mit dem Weg der Gewalt nicht mit der nöti­gen Schärfe zurückgewiesen. Hier ist der Grund für jene Ernte zu suchen, die jetzt ein Jahr nach der Saat reif geworden ist. Nicht ungestraft wer­den solche Andeutungen in die Massen geworfen!

Der demokratische Weg wurde anläßlich der Neuwahlen am 24. April versucht. Er brachte einen Teilerfolg: der Gewinn von drei neuen Man­daten für die sozialdemokratische Partei war für die Parole des Linzer Parteitages: „Ergreifung der Staatsmacht", zu klein, um viele der Anhänger zu befriedigen, die radikaler dachten als einige dec Führer; nicht alle Führer — aber einige! In die­sem Drei-Mandats-Gewinn-Tempo hätte man vier Wahlperioden oder 16 Jahre zur „Erreichung der Staatsmacht" gebraucht, die ausdrücklich als Allein- Domäne der Partei erstrebt wurde; denn Koali- tionen waren als „notwendiges liebel" gebrand- markt worden!

Was war aber natürlicher, als daß der Radikalis­muß dann um so heftiger auf die zweite Alter­native hinwies: da der „demokratische Weg" ent­täuscht und versagt hätte, wäre der radikale Weg der zugkräftigere, der es auf eine machtpoli­tische Probe ankommen lassen wollte. Heute' — nach den blutigen Ereignissen — sollen es aus­schließlich die Kommunisten gewesen sein. Aber es gab bisher in Österreich nur ein Häuflein dieser politischen Sorte, das während und nach der Wahl- bswegung sich lediglich des Spottes der Sozial­demokratischen Partei erfreute. Nein: die macht­politische Eroberung der Staatsgewalt stand nicht nur in dem gering einzuschätzenden Programm des österreichischen Kommunistenhäufleins, sondern auch die mächtige sozialdemokratische Par­tei Oesterreichs hatte den Weg der Gewalt nicht unzweideutig genug verworfen.

Hier sind die Gründe, wobei als Herab­minderung der Schuld gelten mag, daß man vielfach ad ufum Delphini geschrieben und gespro­chen hatte, weil man allzu sehr erwähnte, die Mas­sen fest in der Hand zu haben, was sich eben als Irrglaube erwies; die Geister, die man vor Jah­resfrist geduldet, die man während der Wablbe-

Deutschlands letztes Wort nach Brüffel.

Beendigung des unerquicklichen Streits mit Belgien.

Die deutsche Regierung hat ihre Erwiderung aus die belgische Replik, die die Behauptungen des ersten belgischen Memorandums wiederholt, sehr kurz gefaßt. Die in Brüssel übergebene deutsche Antwort hat folgenden Wortlaut:

Die deutsche Regierung beehrt sich, auf das Memo­randum vom 19. Juli, in dem die Königlich Belgische Regierung die Stellungnahme ihres Wehrministers zu den Feststellungen des deutschen Memorandums vom 18. Juli übermittelt hat, folgendes zu erwidern:

Der Königlich Belgische Herr Wehrminister glaubt zwar seine früheren Behauptungen über die Entlassun­gen aus der Reichswehr aufrecht erhalten zu können, ist aber nicht in der Lage, den amtlichen deutschen Fest­stellungen, die die genauen Zahlen für die letzten Jahre anführen, irgendwelche konkreten Angaben oder Be­weise entgegenzustellen. Damit erübrigt sich für die deutsche Regierung ein weiteres sachliches Eingehen auf diesen Punkt. Was die Aufwendungen des deutschen Reichshaushalts für militärische Zwecke anlangt, so ge­nügt es, zu wiederholen, daß diese Aufwendungen durch den Versailler Vertrag nicht eingeschränkt werden, und daß Deutschland daher hierüber den Signatarmächten des Versailler Vertrages keine Rechenschaft schuldig ist.

roegung sogar mobilisiert hatte, die ließen sich nicht so bald wieder demobilisieren, zumal in den letz­ten Tagen ein Anlaß hinzukam.

Oesterreichs Oberster Gerichtshof hatte vor we. nigen Tagen entschieden, daß der Zwang, einer (roten) Gewerkschaft anzugehören, ungesetzlich und jene Gewerkschaft, roeld)e durch einen solchen Zwang die Arbeitslosigkeit eines Arbeiters herbei­führe, in vollem Umfang ersatzpflichtig sei.

Diese Entscheidung war Wasser auf die Mühle der Radikalisten; woher sollte der Zuwachs kom­men, durch den man auf „demokratischem Weg" die Mandatsmehrheit erreichen wollte, wenn der zielführendste Weg, der Gewerkschaftszwang, von Oesterreichs höchstem Gerichtshof als ungesetzlich be­zeichnet, daher abgesperrt wurde? Daß dieser Ge­richtshof feinen Sitz im Justizpalast hatte, bewirkte, daß sich die Kampflust der Radikalen mit der Ab­neigung gegen das Gericht und dessen Gebäude paarte Der Anlaß hatte sonach die Ursachen verstärkt — es bedurfte nur noch des Vorwan­des, um das volle Faß des Radikalismus zum Ueberfließen zu bringen.

Und der Vorwand kam schneller als erwartet! Die Geschworenen hatten die Mörder von Schattendorf freigesprochen. Es war ein schweres Fehlurteil — daran ist nicht zu zweifeln; geradeso ein Fehlurteil, wie dasjenige im Mordprozeß Wimpassinger und im Mordpro­zeß Grosavescu. Freigesprochene Mörder — gleich­gültig aus welchen Motiven der Mord begangen — sind eben ein Faustschlag für die Masse der öffentlichen Meinung, sind geradezu eine Belobung einer unbedingt zu verurteilenden Tat. Diesfalls aber vereinigte sich die Entrüftung über das Fehl­urteil mit jenem vorn Radikalismus erhofften Fun­ken, der den Beginn des machtpolitischen Kampfes um die Staatsmacht entzünden und rechtfertigen sollte.

Während die gemäßigteren Führer der Sozial­demokratie eine Demonstration gegen das Fehl­urteil durchzuführen wähnten, hatten die radikalen Elemente in dem Augenblick das Heft in der Hand, in welchem sich die Demonstrationszüge for­mierten; hatte letztere Gruppe fo sehr das lieber- gewicht, daß Barrikaden erbaut, daß der Iustiz- palast angezündet wurde, weil er der Sitz — nicht des im Landesgericht gefällten Schattendorfer Fehlurteils, sondern der Entscheidung des Antige- werkschaftszwanges war, weshalb auch die löschbe­reite Feuerwehr am Löschwerk durch Salven und Schlauchzerschneiduna verhindert wurde! Ja noch mehr, als die Sozialisten Bürgermeister Seitz und der Schutzbundchef Dr. Deutsch diesem herostta- tischen Tun persönlich entgegentreten wollten, wur­den sie verhöhnt und bedroht!

Aber trotzdem: gewiß waren unter diesen Aus­führern des Aufruhrs wohl einige zugereiste An­führer der Kommunisten; aber die Masse der Ausführenden waren solche Wähler der sozialdemo­kratischen Partei, welche den Linzer Parteitag auf ihre Art ausgelegt und sich für die zweite Mög­lichkeit, jene machtpolitischer Natur, entschie­den hatten, weil der Anlaß und der Vorwand ge­geben waren. Sie hatten sich entschieden, ohne Rücksicht darauf, ob es den gemäßigten Führern angenehm war oder nicht.

In diesem Augenblick galt es für die Partei, die Zügel wieder zu ergreifen. Da es durch güt­liches Zureden erwiesenermaßen nicht ging, griff man zum Verkehrs streik, der nun wieder cbgeblafen wurde, nachdem die Regierung die Ner­ven nicht verloren und die Polizei ihre traurige Pflicht erfüllt hat, Terrorakte abzuriegeln und die staatliche Normalordnung wieder herzüstellen. Daß die Alpenbündler an dieser Normalisierung aus­schlaggebend mitwirkten, sei besonders vermerkt.

Gründe, Veranlassung und Vorwand erkennen, heißt gleichzeitig, die traurigen Geschehnisse der letz­ten Tage verstehen.

Bürgermeister Seitz über die Ereignisse.

Im Aufttag des erkrantten Bürgermeisters Seitz übermittelte Stadttat Breitner im Rathaus den versammelten Verttetern der in- und auslän­dischen Presse schriftlich feftgelegte Aeußerun- gen des Bürgermeisters zu den Ereignissen am Freitag. Es heißt darin:

Es fei töricht, die Ursache dieser traurigen Er­eignisse in einem vom Ausland angegettelten bolschewistischen Komplott oder in einem vorbe­reiteten Ueberfall der Reaktion suchen zu wol­len. Was sich an dem blusigen Freitag ereignete, fei zuerst eine Entrüstungskundgebung über ein Fehlurteil, welches den Mord zweier Menschen un-

Im übrigen enthalten die sachlichen Ausführungen des Grafen de Broqueville über diesen Punkt nichts, was die Darlegungen des deutschen Memorandums vom 18. Juli entkräftigte.

Die deutsche Regierung muß hiernach die Verwah­rung, die sie gegen das Vorgehen des Königlich Belgi­schen Herrn Wehrministers eingelegt hat, in vollem Umfang aufrecht erhalten.

Die deutsche Regierung hat die Hoffnung, daß damit die leidigen Auseinandersetzungen über die Aeußerungen de Broguevilles erledigt sind.

Kein Abbruch der Seeftonferenj.

Wie Reuter erfährt, kommt ein Abbruch der Verhandlungen der Genfer Seeabrüstungskonferenz gar nicht in Frage. Im Gegenteil haben die gegenseitigen Zugeständnisse zu einer Art Aus­gleichsentwurf geführt, der gegenwärtig von den Vereinigten Staaten geprüft wird. Der Grund der Zurückberufung der britischen Vertreter ist, daß Baldwin die Einzelheiten dieses Kompromisses vor seiner Abreise nach Kanada am nächsten Sams­tag zu erfahren wünscht.

gesühnt ließ, gewesen, die dann in ein besinnungs­loses Wüten betoaff neter Uebermadjt um­schlug. Die Polizei fühlte sich offenbar schwach und gebrauchte in dieser Lage von Anfang an andere als die gewöhnlichen Mittel. Es haben sich hierbei in Wien Dinge abgespielt, die von der organisierten Arbeiterschaft Wiens sogleich auf das stärkste zurückgewiesen wurden. Dabei haben sich neben den organisierten Abteilungen der Arbeiter- schäft besonders die Feuerwehr und Sanitäter sowie die freiwillige Rettungsgesellschaft durch hel­denhafte Pflichterfüllung hervorgetan. Bei den Weiteren Vorgängen des traurigen Tages haben Polize iorgane wiederholt geschossen, ohne direkt angegriffen zu fein unb ohne vorher an die Menge eine Aufforderung zur Räumung des Platzes gerichtet zu haben. Darüber wird eine strenge Untersuchung zu sichren fein. In feinen Ausfüh­rungen Monte Bürgermeister Seitz weiter, daß die Würde und Disziplin, mit welcher die Protest­aktion durchgeführt worden fei, wohl der schla­gende Beweis dafür fei, wie völlig einflußlos die konnnunistische Agitation in Wien fti. Zum Schluß wies der Bürgermeister darauf hin und ließ durch den Stadttat Breitner ganz besonders be­tonen ,daß in Wien vollkommene Ruhe eingetreten fei, wie e5 auch der ruhige Verlauf der Leichenfeier gegeigt habe. Stadttat Breitner be- wortete dann noch einige Fragen betreffend die aufzustellende Eemeindeschutzwache. Mit den Be­stimmungen des Friedensverttages stehe die Schutz­wache durchaus nicht in Widerspruch.

Der Wiener PolizäiprSfident ist anderer Mestnmg.

Der Polizeipräsident von Wien hat einen Tages- befehl erlassen, in dem er der Polizeibeamten ge­denkt, die hei den Ereignissen vom 15. und 16. Juli den Tod gesunden haben oder verletzt worden sind. Die Bundesregierung habe ihm aus diesem Anlaß ihr Bedauern über die Opfer zum Ausdruck gebracht und der Wiener Polizei Da nk unb Aner kennung für ihr maßvolles unb opferwil­liges Verhalten ausgesprochen. Ungeachtet aller gegen bie .Sicherheitswache, meist aus Derkennung bes wahren Sachverhalts, erhobenen Angriffe spreche er ben Polizeibeamten für ihre bewiesene Treue den Dank aus. Möge dieser Kampf der letzte gewesen fein, und mögen die fürchterlichen Opfer allen die Augen öffnen über ben Abgrund, in ben unser Staatswesen durch bie Zwietracht ber Bürger geführt wirb. In bem Tagesbefehl heißt es, baß vier Polizeibeamte ben Tod fanden, 58 schwer, darunter einige lebensgefährlich, 202 noch unbestimmbaren Grades und 163 leicht ver­letzt wurden.

Minister-Zreuden.

Erst Teuerungsenquele — bann Prügelbrohung.

wtb. Budapest, 21. Juli. (Eig. Funkm.). Gestern in den späten Abendstunden wurde der stellver­tretende Ministerpräsibent Dr. Joseph Vaß vor seiner Wohnung von einem Mann mit einem Stock überfallen. Der Minister kam in Begleitung feines Sekretärs unb eines anderen Herrn von der Teuerungsenguete zurück, als Plötzlich ein aufge­regter Mann vor ihn sprang und mit seinem Stock zum Schlag ausholte. Der Sekretär des Mini­sters konnte jedoch den Schlag noch rechtzeitig ab­wehren unb es gelang den beiden, ben Angreifer bes Ministers der Wache zu übergeben. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen pensionierten Obernotar namens Szegedin handelt. Der Angrei­fer, dessen Beweggrund nicht bekannt ist, wurde der Oberstabthauptmannschaft zugeführt.

Die französischen Kommunisten.

wtb. Paris, 21. Juli. (Eig. Funkm.). Der Kassationshof hat die Berufung der kommuni­stischen Abgeordneten Duclos, Marty und Dail- lant-Conturier gegen die wegen Aufreizung von Militärpersonen zum Ungehorfam verhängten Ge- fängnisftrafen abgelehnt. Die Abgeordneten werden deshalb sofort ihre Strafen antret en müssen. Der Abg. Marty ist gestern im Sommer« Präsidium erschienen, um dagegen zu protestie­ren, daß seit 48 Stunden ihn die Detektive nicht aus den Augen ließen. Während er im Kammer­präsidium weilte waren ebenfalls diese Detektive vor dem Gebäude. Nach einem Morgenblatt ist Marty, feit er das Kammergebäude verließ, un­auffindbar.

König Michael von Rumänien

Ein Sjäfjriges Sind besteigt ben verwaisten Thron

Die rumänische Regierung, die unter der Lei­tung des liberalen Führers Bratianu steht, hat anläßlich des Todes des Königs Ferdinand strenge Sicherheitsmaßnahmen gegen den Exkronprinzen Karol getroffen. Es besteht ober im allgemeinen die Auffassung, daß es in Rumänien ruhig bleiben wird. Bratianu scheint vollkommen Herr der Lage zu fein. Er hielt eine Ansprache im Par­lament, in der er betonte, daß er unter ben gegen­wärtigen Verhältnissen mit der vollen Unter­stützung der liberalen Partei rechnen müsse. Die Zeitungen stehen unter strengster Zensur, außerdem ist über bas ganze Land der Belage­rungszustand verhängt.

König ist jetzt der erst 5 Jahre alte Sohn des verbannten Exkronprinzen Karol, der Prinz Michael. Bis zur Münbigkeitserklärung wird ein Regentschaftsrat bie Regierung über­nehmen, der in der Verfassung festgesetzt ist und aus dem Patriarchen Miron Christea, dem Präsidenten des Kasiationshofes und dem Prinzen Nikolaus, dem 2. Sohn des verstorbenen Kö­nigs Ferdinand besteht. Ob damit allerdings bis Verhältnisse für alle Zeit geregelt sind, ist unsicher, do man die Absichten bes Exkronprinzen nicht kennt. Karl besitzt eine teilweise Anhänger­schaft unter ben Bauern, ferner steht auf seiner Seite Averescu und schließlich der Historiker I o r g a. Averescus Einfluß ist durch die Wahl auf lange Zeit hindurch gelähmt unb auch Professor Sorga hat nicht einmal einen eigenen Parlaments­sitz, ben er schon feit 15 Jahren inne hatte, zu er­reichen vermocht. Somit bürste für abfehbare Zeit mit Störungen nicht zu rechnen fein. Ob bamit bie Thronfolgerfrage endgültig aus ber Welt geschafft ist, ist zweifelhaft, zumal bie Kabinette in Rumä­nien schneller abwirtschaften als in irgenb einem onberen ßanbe.

Die Leiche bes verstorbenen Königs würbe ein» balsamiert unb im Schlosse Sinasa aufgebahrt. Die königliche Leiche wirb mit Sonberzug nach Bu­karest gebracht unb im golbenen Saale bes Schlos­ses Kotroceni aufgebahrt werden.

Die Armee wurde auf König Michael vereidigt. Bis zur Beerdigung des Königs wird dos Parla­ment keine neuen Sitzungen mehr abhalten. Zum Begräbnis wird Prinz Wilhelm von Hohenzollern, der Bruder bes Königs, erwartet.

Aus Berlin wirb gemetbet: Der Stellver­treter bes Staatssekretärs Meißner, Ministerialrat Dehle, hat sich in bie rumänische Gesandtschaft begeben, um dort im Namen des Reichspräsidenten das Beileid auszufprechen. Im Namen des ab­wesenden Reichskanzlers überbrachte Stagtssekre- tär P ü n d e r das Beileid der Regierung unb im Namen bes abwesenden Reichsaußenministers Staatssekretär v. S ch u b e rt bas Beileib bes Aus­wärtigen Amtes. Der beutfche Gefanbte in Rumä­nien ist angewiesen worben, sich an den Trauer- feierlichkeiten zu beteiligen. Die Dienstgebäude des Auswärtigen Amtes werden zwei Tage Halbmast flaggen.

wtb. paris, 21. Juli. (Eig. Funkm.) Wie aus Bukarst gemeldet wird, habe die Regierung dem Prinzen Carol zugleich mit ber Anzeige vorn Hinscheiben bes Königs Ferdinand mitgeteilt, daß ber Staat fest entschlossen fei, ben am 4. Januar 1926 gefaßten Beschluß über bie Thronfolge zu beachten.

Pas Testament König Ferdinands.

Agentur Orient Radio meldet: Am Donners­tag wird in Gegenwart der Königin Maria und der königlichen Familie das Testament König Fer­dinands eröffnet werden. Es wird zusammen mit einem an den Ministerpräsidenten gerichteten Bries veröffentlicht werden, in dem der verstorbene Kö­nig von neuem seinen Willen bekräftigt, daß die verfassungsmäßige Regelung der Thron­folgefrage in vollem Umfange beachtet werde. Dieser Wunsch ist bereits durch die Einsetzung des Regenffchaftsrates, die Eidesleistung und die Zu- ftimmungsertlärung aller Parteien ohne Unter» fchied erfüllt worden. Im ganzen Londe herrscht vollkommene Ruhe und Ordnung.

* Die Urlaubsreife bes Kanzlers. Der Reichs- kanzler Dr. Marx ist zum Sommeraufenthalt in G »r rn isch eingetroffen.

* Glückwünsche für ben Reichstagsabgeordneten Herold. Der Reichskanzler sowie Staatssekretär Pünder sprachen dem ßanbesötonomierat unb Reichstagsabgeordneten des Zentrums, Herold, auf Haris ßoevelinkle bei Münster in Westfalen zur Vollendung seines 7 9. ßebensjah- r e s telegraphisch die herzlichsten Glück- unb Segenswünsche aus.

Die Unruhen in Batavia.

Aus Batavia wird gemeldet:

Die Blätter enthalten beruhigende ßeitartikel zu dem dieser Tage aufgedeckten neuen kommu­nistischen Komplott. Alle Blätter stimmen überein, daß das Ziel ber Kommunisten, in ber Bevölke­rung Unruhe hervorzurufen, nirgenbs erreicht würbe. Dem „Bataoiaasch Nieuwsblab" zufolge betätigen sich auf verschiedenen Regierungsbüros beschäftigte eingeborene Beamte als kommuni­stische P r o p a g an b i ft e n. Der Sammelpunkt ber aus Moskau kommenden kommunistischen Agenten müsse in Semarang gesucht werden. Diese Stam stelle zugleich auch bas finanzielle Zen­trum der kommunistischen Bewegung bar-