uldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
Donnerstag, 14. 3ti(i 1927.
Nr. 159
viilrelvWmr W M- (mit FWr. Mut 15 Pfg.)
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Um die Agrarzölle.
Bon Adam Stegerwald.
In der Festschrift, die anläßlich des 25jährigen Bestehens des Gesamtverbandes der Christlichen Gewerkschaften vor drei Jahren herausgegeben worden ist, ist über den Kampf um die Agrarzölle unter anderem folgendes ausgeführt worden:
„Die christliche Gewerkschaftsbewegung hat es im Gegensatz zur sozialistischen Richtung stets abgelehnt, Zollfragen zu Prinzipienfragen zu machen und sie zu einer bloßen Agitationsangelegenheit herabzuwürdigen. Die Frage, ob Freihandel oder Schutzzölle, ist eine reine Zweckmäßigkeitsfrage und kann niemals als wirtschafts- oder gar weltpolitisches Prinzip behandelt werden. Dafür sind Lage und die wirtschaftlichen Voraussetzungen in den einzelnen Ländern durchaus verschieden. Für ein Land mag das Freihandelssystem das bessere sein, für das andere das Schutzzollsystem. Selbst für ein und dasselbe Land kann zu einem Zeitabschnitt das Schutzzollsystem und für eine andere Periode das Freihandelssystem richtig sein. Für Deutschland mit umfangreichem Getreideanbau spielen beispielshalber die Getreidezölle eine ganz andere Rolle als etwa für England, Holland, Dänemark, die Schweiz usw., wo nur wenig Getreidebau betrieben wird. Bei dem gegenwärtigen internationalen Güteraustausch kann sodann ein einzelnes Land meist garnicht Wirtschaftspolitik auf eigene Faust machen. Es muß vielmehr in der Regel feine Wirtschaftspolitik einrichten nach den Staaten, mit denen es in der Hauptsache seinen Güteraustausch betreibt .....'
„Auch die Frage, ob durch Agrarzölle die Lebenshaltung der Arbeiterschaft dauernd gedrückt oder verbessert werden könnte, ist sehr umstritten und kann für die verschiedenen Länder nicht einheitlich beurteilt werden. In England, dessen einheimische Landwirtschaft keine große Rolle spielt, würden Agrarzölle ohne Zweifel verschlechternd auf Lebenshaltung der Arbeiterschaft wirken. Für Deutschland dagegen ist ein zutreffendes Urteil sehr viel schwieriger zu fällen, weil die deutsche Landwirtschaft noch einen bedeutsamen Zweig der deutschen Gesamtwirtschaft darstellt und sie daher als einer der größten Abnehmer der einheimischen Jndustrieprv- dukte anzusehen ist. Die chemische Industrie, Textilindustrie, Lederindustrie, Maschinenindustrie, die Hausgeräteherstellung, das Baugewerbe usw. sind in starkem Maße auf eine kaufkräftige einheimische Landwirtschaft angewiesen. In den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege gestanden in Deutschland hohe landwirtschaftliche Schutzzölle. Die Wirtschaftskrisen aber sind, weil Deutschland einen starken abnahmefähigen Innenmarkt hatte, in Deutschland weniger stark hervorgetreten als in anderen Ländern. Auch die Lebenshaltung der deutschen Arbeiterschaft hat sich in der gleichen Zeit, gestützt auf eine gefestigte Wirtschaft und eine starke Gewerkschaftsbewegung, mehr gehoben als die der Arbeiter anderer Länder während derselben Zeit . . . .' »Die Frage der landwirtschaftlichen Schutzzölle ist also im ganzen gesehen keine bloße Preisfrage, sondern auch in starkem Maße eine Frage der Wirtschaftspolitik eines Landes überhaupt und eine Produktionsfrage. Und ob die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, die für Deutschland eine Lebensfrage ist, am besten durch Schutzzölle gegen außen oder durch Hilfsmaßnahmen im Innern erzielt werden kann, darüber wird eine völ- Oge Meinungsübereinstimmung nie herbeizuführen sein. So war es vor 20 Jahren, so ist es heute."
Diese 1924 ausgesprochenen Sätze behalten stets Gültigkeit. Hinsichtlich der innerstaatlichen Maßnahmen ist heute Deutschland infolge des schwierigen Kreditwesens und der angespannten Steuerpolitik sehr beengt. In den letzten Jahren konnte in Deutschland beobachtet werden, wie der Bauer für seine Produkte sehr viel weniger bekam als er benötigte, während der Konsument sehr viel mehr bezahlen mußte als wirtschaftlich gerechtfertigt war. Unsere Volkswirtschaft weist noch große Örgani- sationsselder auf. Auf dem Wege vom Erzeuger zum Verbraucher bleibt im allgemeinen mehr hängen, als wirtschaftlich begründet werden kann. Dieser Frage muß in den nächsten Jahren sehr viel SorKalt zugewendet werden. Der Bauer soll das bekommen, was er zur rentablen Wirtschaft braucht und für seine Müheaufwendung gerechtfertigt ist, während der ungeheuren Preisspanne zwischen zeuger und Verbraucher sowohl mit den Machtmitteln des Staates wie insbesondere mit jenen der Selbsthilfe und einer zweckmäßigen Erziehung der Konsumenten, die auch ihrerseits nicht alles ruhig hinnehmen dürfen, nachdrücklichst begegnet werden muß.
Das Zollniveau im gmrzen ist sodann gegen- wartig in Deutschland, innerwirtschaftlich gesehen, ^u hoch. In den letzten Jahren bestand in der Zoll- ^6e eine große Disparität zugunsten der Jndu- sttiezölle und zu ungunsten der Agrarzölle. Seit einigen Wochen ist diese Imparität behoben. Von landwirtschaftlicher Seite wird aber geltend ge- macht, daß das ein vorübergehender Zustand sei, well wir im vorigen Jahre eine schlechte Körner - unb Kartoffelernte gehabt hätten und wir uns gegenwärtig im Uebergang von der alten zur neuen Ernte befänden. Innerwirtschaftlich muß also die dauernde Parität zwischen Industrie- und Agrarzöllen hergestellt werden. Es geht nicht, daß der Bauer für die Produkte, die er braucht, Weltmarktpreis plus Zoll bezahlen muß, während er sur seine eigenen Produkte lediglich Weltmarktpreis erhalten soll, im übrigen aber die Warenverteilung ^gebührliche Aufschläge erhebt. Vom innerwirt- schastiichen Standpunkt aus gesehen, sind gegen- tüarhg mehrere Jndustriezölle als zu hoch anzu- sprechen. Sie sind heute vielfach ein Mittel gegen b>e Senmng der Preise. Der Abbau mehrerer Jn- mu& Zug um Zug erfolgen; dann sind dre Agrarzölle dem Niveau der Jndustriezölle unzupassen und ebenfalls herabzusetzen. Gegenwär- tig befinden wir uns in einem Zwischenzustand, der Nicht mehr sehr lange auftecht erhalten werden kann.
Die letzte Zolltarifnovelle hat für drei Agrar- Produkte, Erhöhungen gebracht:
/ '„Ä i).a§ Schweinefleisch von 21 Mk. ^-.32 Mark pro Doppelzentner,-
2. für Kar toffeln von 50 Pfg. auf 1 Mark go^p^entner autonome, nicht etwa Mindest- Und zwar ab 1. Dezember 1927 (also nicht jetzt,
wo wir am Schluß des alten Erntejahres anormal hohe Kartoffelpreise zu verzeichnen haben);
3. für den Zucker von 10 auf 15 Mark pro Doppelzentner, wofür aber die Zuckersteuer von 21 Mark auf 10.50 Mark ebenfalls pro Doppelzentner gesenkt worden ist.
Der Zoll auf Schweinefleisch ist reichlich hoch ausgefallen. M. E. wären auch 28 Mark statt 32 Mark ausreichend gewesen. An dem in der Regierungsvorlage vorgesehenen und nunmehr beschlossenen Satz konnte im Reichstage indes nichts mehr geändert werden, nachdem sowohl die preußische "Regierung (der man bestimmt eine agrarhochschutzzöllerische Neigung nicht unterstellen kann) wie auch eine Oppositionspartei (die Demokraten) dem Satz von 32 Mark zugestimmt hatten.
Der Kartoffelzoll ist sowohl für die Erzeuger wie für die Verbraucher mehr eine psychologische als eine materielle Angelegenheit; er ist weiterhin überwiegend eine Grenzlandfrage. Die Provinz Posen ist bekanntlich durch das Friedensdiktat von Versailles von Preußen abgetrennt und Polen zugetellt worden. Posen war ftüher einer der hauptsächlichsten Kartofsel-Ueberschußbe- zirke in Deutschland. Heute sind in Polen die Produktionskosten und die Löhne sehr viel niedriger als in Deutschland. Dazu kommt, daß Deutschland an seinen neuen Ostgrenzen einen Wall von Klein- und Mittelbauern ansiedeln wkll und dafür jährlich viele Millionen Mark aufwendet. Auf den leichten Böden des Ostens können im allgemeinen nur Roggen und Kartoffeln angebaut werden. Die Landwirtschaft des östlichen Grenzbezirks lebt in der ständigen Angst, die Konkurrenz mit Polen im Kartoffelanbau nicht bestehen zu können. Wenn im Osten die Vocherrschast des Großgrundbesitzes zu- rückgedrängt und die Klein- und Mittelsiedlung rentabel gemacht werden soll, so kann diese tatsächlich nur aufbauen auf das Schwein und die Kartoffel. Und diese Kartoffel-Produktion sollte durch die Erhöhung des Kartoffelzolls gesichert werden. Für die Konsumenten im ganzen dürfte sich der Kartoffelzoll kaum auswirken. Deutschland erzeugt in normalen Jahren etwa vier- bis fünfmal so viel Kartoffeln als es für die menschliche Ernährung benötigt. Weiterhin spielt bei den Kartoffeln im allgemeinen die Fracht vom Osten nach dem Westen eine sehr viel größere Rolle als der jetzt festgs- setzte Zoll. Wenn nicht die Deuffche Reichsbahn jährlich 950 Millionen Mark für Reparationslasten aufzubringen hätte — wodurch natürlich ihre Be- wegungsfteiheit hinsichtllch der Gestaltung der Frachtentarife sehr eingeengt wird — dann würde ich meinerseits nie dem Kartoffelzoll zugestimmt haben. Dann hätte für den inländischen Kartoffel- transport ein Vorzugstarif geschaffen werden können, womit Landwirtschaft und Perbrauchern besser gedient gewesen wäre als mit dem Kartoffelzoll.
Mit der Erhöhung des Zuckeizolles soll die Zuckerrübenkultur neu belebt werden. Im Jahre 1913/14 hat Deutschland 22822 Doppelzentner Zucker ein- und 11050334 Doppelzentner ausgeführt; im Jahre 1925/26 dagegen führte Deutschland umgekehrt 802 913 Doppelzentner ein, während es nur 495 992 Doppelzentner ausführte. Deutschland war also früher Zuckerausfuhrland; heute ist es zum Zuckereinfuhrland geworden. Diese Dinge sollen möglichst wieder umgekehrt werden. Kartoffel-und Zuckerzölle können keinen Dauerzustand darstellen. Der Landwirtschaft soll lediglich die Möglichkeit gegeben werden, sich auf die neuen Verhältnisse umzustellen. Um aber auch im Uebergang keine Erschwerung für die Konsumenten eintreten zu lassen, wurde die Zuckersteuer um mehr gesenkt als der Zoll erhöht worden ist. Früher betrugen Zuckerzoll unb Zuckersteuer 10+21 = 31 Mark, künftig 15 und 10.50 --- 26.50 Mark pro Doppelzentner.
Im übrigen muß die Pokttik während des Tagungsabschnittes eines Parlamentes im ganzen gesehen werden. Im letzten Jahre ist das große Arbeitsgerichtsgesetz, das gewaltige Werk der Arbeitslosenversicherung, das Arbettszeitnotgesetz geschaffen, die Invalidenversicherung und das Knappschaftsgesetz weitgehend verbessert worden. Allen diesen Gesetzen haben fast alle Landwirte in allen Parteien des Reichstags zu gestimmt. Auch auf dem Lande herrscht sowohl beim Klein- als auch beim Mittel- und teilweise selbst beim Großbesitz (bei letzterem nicht selten wegen Kreditschwierigkeiten) vielfach bittere Not. Bis Deuffch- lands Gesamtvolkswirtschaft wieder in ein normales Geleise gebracht ist, wird noch manchmal, zu Mitteln gegriffen werden müssen, die weder logisch noch populär und trotzdem im ganzen richtig sind.
Kein Einspruch Preußens.
Wie das „SB. T." erfährt, hat sich die preu- jßffche Staatsregierung in einer Kabinettssitzung mit der Zollvorlage und ihrer Behandlung im Reichsrat am Donnerstag beschäftigt und beschlossen, van einem Einspruch gegen die Zollvorlage abzusehen.
Die preußische Staatsregierung ist dabei von folgenden Erwägungen ausgeangen: Inzwischen ist bekannt geworden, daß die b a y r i s ch e Staatsregierung für die Zollvorlage stimmen wird. Die bayrffchen Vertreter haben seinerzeit, als die Vorlage den Reichsrat beschäftigte, mit ihren elf Stimmen aus taktischen Gründen gegen die Vorlage gestimmt. Daher ist es fraglich, ob eine Mehrheit gegen das Gesetz zustande kommt. Dazu kommt noch, daß die Reichsregierung im Falle eines Einspruchs vermutlich die Angelegenheit nicht noch einmal dem Reichstag vorlegen würde. Sie würde vielmehr die autonomen Zölle, die im Sommer 1925 beschlossen und inzwischen teilweise ermäßigt wurden, am 31. Juli in alter Höhe in Kraft treten lassen. Damit wäre handelspolitisch ein noch ungünstigerer Zustand als jetzt geschaffen.
Die Weltwirtschaft.
Außerordentliche Tagung des Wirtschaftskomitees des Völkerbundes.
Das Wirtschaftskomitee des Völkerbundes trat in Genf zu einer außerordentlichen Tagung zusammen zur ^Beratung darüber, welche Folge den Resolutionen der Weltwirtschaftskonferenz hinsichtlich der Zolltarife und insbesondere hinsichtlich der Ausarbeitung einer einheitlichen Nomenklatur zu geben sei. Staatssekretär v. Trende- len bürg erklärte, die deutsche Regierung plane, unabhängig Maßnahmen zur Verwirklichung der Resolutionen der Weltwirtschaftskonferenz zu ergreifen. Sie habe den Wunsch, die Resolutionen der Konferenz rasch verwirklicht zu sehen. Er beantragte Prüfung folgender drei Fragenkomplexe: 1. Aufhebung oder Herabsetzung der Zollschranken durch autonome Maßnahmen; 2. Untersuchungen über die in Kraft befindlichen Zollsysteme, ihre Vorteile und Nachteile; 3. Vereinheitlichung der Nomenklatur der Zolltarife.
Nach einem Meinungsaustausch über das emzu- schlagende Verfahren stimmte das Komitee den Vorschlägen des deutschen Mitgliedes zu und begann mit der Prüfung der ersten Fragengruppe.
Die Leeabriistungskonferenz.
Aus Washington wird gemeldet: Gegenüber Presseberichten aus Genf über neue britische Vorschläge auf der Seeabrüstungskonferenz wird im Staatsdepartement erklärt, daß Gibsou in den letzten drei Tagen nichts über eine neue Entwicklung der Dinge gemeldet habe. Es handle sich hier offenbar um englische Fühler oder auch um Vorschläge aus dem Kreise der Sachverständigen. Die amerikanische Regierung hält auf alle Fälle an einer Festsetzung der Gesamttonnage fest,da niy hierdurch eine Garantie für eine Beschränkung der Rüstungen in gewissem Maße gegeben sei. Die allgemeine Stimmung hier geht dahin, daß die Vereinigten Staaten an der'Grenze ihrer Zugeständnisse an gelangt seien und daß sich vielleicht eine zweiwöchige Pause empfehle, umEng- land Gelegeyheit zu geben, feine Haltung zu revidieren.
Deutschlands koloniale Tätigkeit.
In einem Leitartikel sagt der englische „Manch e- ster Guardian": Im Großen und Ganzen ist Deutschlands administrattve Leistung auf kolonialem Gebiet, besonders in Ostafrika, eindrucksvoll gewesen, zumal im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Forschungen. Namen wie Koch und Ziemann wird im vormaligen Deutsch-Ostafrika und in Kamerun von den Eingeborenen ein dankbares Gedächtnis bewahrt. Es wäre absurd, eine Nation, die solche Männer hervorgebracht hat, dauernd von der Mandatskommission auszuschließen.
Deutschland und polen.
Fortschritte in den deutsch-polnischen Verband, lungen.
Der deutsche Gesandte in Warschau, Rauscher, befindet sich zurzeit in Berlin, um über den Stand der deutsch-polnischen Verhandlungen zu berichten. Diese Verhandlungen haben, wie der „Lokalanzei- ger" hört, in letzter Zeit auf dem Gebiet des Nie- derlassungsrechies e i n ig e Fortschritte gemacht, jedoch erscheint es erforderlich, über die spe» ziell wirtschaftliche Seite der Verhandlungen zunächst in den Grundlinien eine gewisse Klarheit zu erreichen, ehe man ar. einem Abschluß der SBer- einbarungen über das Niederlassungsrecht schreiten kann. __________________
Das Neichsschulgesetz.
Das Reichsschulgesetz wurde am Dienstag in einem Ministerrat bis in die späten Abendstunden erörtert, ohne daß ein endgültiger Beschluß gefaßt werden konnte. Laut „D. A. Z." ist zu erwarten, daß die Besprechungen am Mittwoch in einer Ko, binettssitzung fortgesetzt werden.
Die Valkan-hän-el.
„Corriera della Sero" erfährt aus Belgrad, daß die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Albanien unmittelbar bevor- stände.' Der frühere jugoslawische General- konsul von Sfutari, der sich in Podgoriza aufhalte, werde in den nächsten Tagen als Geschäftsträger nach Tirana gehen: Vis zum nächsten Frei- tag werde aber der neue jugoslawische Gesandte Jevcic mit dem Gesandtschaftspersonal in Tirana eintreffen.
Nord-5lfriKa.
Line neue Vahnlinie Tanger—Fez.
Wie Havas aus Rabat meldet, find die Probefahrten auf 'ber neuen Bahnlinie Tanger—Fez günstig verlaufen, so daß die Aufnahme des Personenverkehrs für die nächste Woche geplant ist. Man erwartet von dieser Bahnlinie eine beträchtliche Förderung der wirtschaftlicher» Erschließung Nordmarokkos.
politische Verirrung.
Das Schicksal der Liguidationsgeschädigten ist gewiß außerordentlich beklagenswert und seit langem wird im Schoße der Reichsregierung geprüft» welche Maßnahmen zur Linderung der Schäden unternommen werden könnten. Leider hat es sich nicht mehr ermöglichen kaffen, daß das Liquida- tionsgeschädigtengesetz noch vor dem Auseinandergehen des Reichstags beraten werden konnte. Es ist aber für die Septembertagung neben dem Reichsschulgesetz zur Erörterung gestellt. Unmittelbar nach dem Auseinandergehen des Reichstags
Deutschland in der neuen Türkei.
Auch in der Türkei ist der Nachkriegsrausch verflogen, aber in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht sind die Grundprinzipien der nationalistischen Partei geblieben. Die Politik der neuen Türkei kann man nur verstehen, wenn man sich die neueste politische Entwicklung Europas und die Orientexpansion der Siegervölker vollständig vergegenwärtigt.
Für die neue Türkei, für einen jungen, selbständigen Jslamstaat wäre ein wechselnder Terror von Links- und Rechtsparteien verderblich. In der Türkei gibt es aus nationalpolitischen Gründen nur eine Regierungspartei, die einstimmig die Gesetze schafft, die für die Zukunft des Staates von ausschlaggebender Bedeutung find. Die neuausgeschriebenen Wahlen dürften daher in der Türkei kaum eine Ueberraschung bringen, da selbst die Volkspartei für die Regierung ist. Die große Na- "tionalpartei erledigt einen Gesetzentwurf nach dem anderen. Nack dem wichtigen Fabrikationssteuergesetz, das mit 6 Prozent zugleich eimm Schutzzoll für die Industrie voraussieht, ist jetzt auch das neue Gewinnsteuergesetz angenommen worden, im Grunde genommen sind es Neuauffassungen früherer Bestimmungen mit Rücksicht auf das neu in Kraft tretendeHandelsgesetz. DieTürkei hatte denRuf eines Monopol- und Steuerstaates. Obwohl das Alkoholmonopol — aus denselbenGründen wie inNord- amerika — noch nicht aufgehoben ist, und die Gewinnsteuern recht hoch sind, so wird innerhalb dreier Jahre gewiß auch hierin ein Wandel geschaffen, eine neue türkische Form, was diese strengen, aber nur vorübergehenden Gesetze einzig und allein bezwecken. In den Städten der Türkei liegt heute noch das ganze Gewerbe und der ganze Handel in den Händen der Levantiner, die kaum türkisch können, die der Schreck jener arbeitenden Exporteure sind, die hier biedere Türken anzutreffen glauben. Es ist klar, daß ein nationaler Staat, wie es die Türkei ist, für solche Kaufleute keine Begünstigungen voraussieht. Die türkische Regierung begünstigt nur die wirtschaftlichen Beziehungen und den Handel mit den befreundeten Staaten, vor allem aber mit Deutschland. Mit deutschem Geist wird die junge Türkei aufgebaut.
Entsprechend dem deutsch-türkischen Freundschaftsvertrag vom 3. März 1924 haben die beiden Staaten, von dem Wunsche beseelt, alle Beziehungen zwischen ihren Ländern zu fördern, auch einen Meistbegünstigungs-Handelsvertrag abgeschlossen. Die Zugeständnisse gelten sowohl für Kaufleute, Fabrikanten, Gewerbetreibende beider Staaten,
wie auch für Warenverkehr. Die Türkei macht besondere Zugeständnisse: Für Maschinen, Geräte, Bücher, Leder- und Kunstwaren, Bürsten, Chemikalien, Drogen und Spielwaren aus Deutschland, wogegen die Türkei für den Import von Samen, Baumwolle, Haselnüsse, Feigen, Rosinen, Mandeln, Opium, Ballonen, Eier, Del, Schmirgel, Teppichen und Tabak die Meistbegünstigung erhielt. Deutschland bemüht sich nun weiter um die türkische Wirtschaftsentwicklung. Deutschland exportiert heute Waren im Werte von 30 Mill. t. Pfunden nach der Türkei und steht in der diesjährigen Statistik hinter England (32 Mill.).
Jedenfalls wurde mit dem Wiederauftreten Deutschlands die orientalische Wirtschaftspolitik gewaltig umgestellt. Ja selbst in Persien werden deutsche Kräfte herangezogen, um dort den Kampf mit der russischen und englischen Konkurrenz aufzunehmen. Deutsche Unternehmer und Fachleute werden von den Regierungen beauftragt, den Flugzeugverkehr zu unterhalten, Straßen, Bahnen und Radioanlagen zu bauen.
Den Deutschen ist es hier gelungen, -einen Arbeitsvertrag auf weitere vier Jahre hinaus mit der türkischen Regierung abzuschließen und für die deutsche Industrie eine lohnende Arbeit zu sichern. Die diesbezüglichen Verträge traten nm 1. Juli in Kraft.
Der Vertrag kam zwischen Minister Behidsch Bey (Ministerium für öffentliche Arbeiten) und Direktor Lebdrecht der Deutschen Orientbank zustande.
Es handelt sich hierbei um den weiteren Ausbau des türkischen Eisenbahnnetzes, (bisher über 6000 Klm.), wobei das Bergerkonsortium (Tief- und Hochbau A.-G.) die Arbeiten, die Finanzierung aber das Bankkonsortium Darmstädter-, Dresdner-, Commerz-Bank in Berlin usw. mit der Deutschen Orientbank an der Spitze übernimmt. Die neuen Baustrecken sind von Kutahia nach Zauschanli mit dem Anschluß an die Soma-Pandermabahn, bann die Strecke Uiu-Kischla (am Taurus) nach Kais- sarje (nach der soeben eröffneten Bahnstrecke) mit dem Anschluß an die Bahnen Angora-Sivas-Sam- sun mit insgesamt 350 Kilometer geplant. Die Kreditoperationen werden zugleich über die Tür- kische Agrarbank sichergestellt. Die türkische Regierung überreicht durch das Bautenministerium 96 Handelswechsel im Werte von 83 Millionen Mark (Bausumme vermehrt um 8 Prozent Zinsen) die jeden Monat im Laufe non acht Jahren fällig sind.