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M 149.

Krettag, 2. Juli 1927.

Fuldaer Zeitung

s. Blatt.

*--* Druck der Fuldaer Acttendruckerel, Fulda

Tagung -er katholischen grauen.

In Essen, wo einst eine Fürstäbtissin das Landcs- szepter geführt und wo heute das moderne Wirtschafts­leben die Frau in immer größerer Zahl unter feine dem Frauenwesen so fremde Herrschaft zwingt, haben sich die katholischen deutschen Frauen zur 10. Generalver­sammlung ihres Frauenbundes vereinigt, um zu beraten über Frauenberuf und Frauen- berufung. Sitzung des Zentralausschusses, Begrü­ßungsabend, Festgottesdienst mit Predigt des geistlichen Beirates, Dechant Hinfenkamp-Bonn, bildeten die Ein­leitung zu der großen Tagung, die im blumengeschmück­ten Saalbau einen vornehmen Rahmen und in Frau Dr. Krabbel-Aachen eine gewandte Vorsitzende be sitzt. Sie stellt in ihren Begrüßungsworten diese Gene­ralversammlung hinein in den Strom des Gegenwarts­lebens, in die Erinnerung an die deutsche Not, die deut­sche Treue an der Ruhr, in die große Tradition mut­vollen starken Frauenschafsens, in jahrhundertelange Ge­schichte.

Begrüßungsansprachen hielten Dechant Hinsen­kamp als Vertreter des Kardinals Dr. Schulte, der aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich erscheinen konnte, Stadtdechant Dr. Kreutzer für die Seelsorger der Stadt Essen, Frau Oberregierungsrätin Albrecht hn Namen der Reichs- und Staatsbehörden, Beigeord­neter Baasel im Namen der Stadt Essen, eine Ver­treterin des Landeshauptmanns der Rheinprovinz, fer­ner eine Vertreterin des Regierungspräsidenten von Düsseldorf, Frau Direktorin Landsmann aus Dan­zig im Namen der Frauen in den abgetretenen Gebieten. Unter den Anwesenden sind zu nennen Vertreterinnen des preußischen Justizministeriums, des Ministeriums für Landwirtschaft, des Wohlfahrtsministeriums, des Han­dels- und Gewerbeministeriums, der Regierungspräsi­denten von Koblenz, Aachen und Wiesbaden. Der Regierungspräsident Elfgen aus Köln war persönlich anwesend.

Der erste Vortrag, den Frau Ministerialrat Weber hielt, bebanbeite den Sinn des Berufes und seine Stellung im Leben der Frau. In glänzend formulierten Darlegungen forderte Frau We­ber, daß der Mensch in den Mittelpunkt der Wirtschaft gestellt werde, daß die Gewißen aufgerüttelt werden und die menschliche Gesellschaft nicht Geld, und Sach- werte höher stellt als den Menschen. Die stolzesten Siege der Technik verlieren ihre Bedeutung für die Bereiche­rung der Shiltur, wenn gleichzeitig der Mensch, der sie in der Fabrikarbeit verwirklicht, ohne innere Befriedi­gung und ohne Glücksgefühl bleibt. Die Loslösung des Sinnes der Arbeit vom Sinn des Berufes, die Ver­neinung der Arbeit als Lebenssinn und Lebensinhalt ent­wurzelt am schlimmsten das Wesen der Frau. Die Seele ihres Daseins ist die Familie, ist das Kind, die kommen- den Geschlechter, die Menschen, das Leben, die gottgege- bene verantwortliche Verbundenheit mit den Menschen, ob in leiblichem oder geistigem oder seelischem Mutter- sein. In diese Wesenszüge hinein klingen heute schwere Dissonanzen. Diese Wesenszüge müssen auch bestim- mend fein für die Frage nach den objektiven Werten der Frauenarbeit. Die rein mechanische Arbeit ist noch in weit größerem Maße Seelenbelastung für die Frau als für den Mann. Im Schutz und in der Pflege der Per- sönlichkeit, in der menschlichen Wertung liegt das große Hemmungswerk gegen den seelenmarternden Mechanis­mus der Arbeit, die nicht Beruf sein kann. Die unteil­bare Hingabe an Gott macht jeden Frauenberuf zur Frauenberufung und wird den großen Arbeitskampf in

Aufgaben der Miidchenberufsschule.

Die Berufsschule für die weibliche Jugend wird heiß umstritten: denjenigen, die ihre Einrichtung als Verwirklichung einer lang gestellten Forderung mit lebhafter Freude begrüßen, stehen andere ge­genüber, die die Schule bekämpfen. Es erscheint deshalb geboten, kurze sachliche Aufklärung über Ziele und Bedeutung der Mädchenberufsschulen zu geben.

Der Berufsschule fällt zunächst die Aufgabe zu, in den Mädchen Verständnis für ihre künftigen Hausfrauen- und Mutterpflichten zu erwecken und ihnen die erforderlichen Kenntnisse zu übermitteln. Die Frau, von jeher die Hüterin des Heims, ist für Sauberkeit, Ordnung und Be­haglichkeit im Hause verantwortlich, ihr obliegt die Pflege der Familienmitglieder in gesunden und kranken Tagen, sie ist die berufene Erzieherin der Kinder, sie soll und muß als Lebensgefährtin des Mannes Verständnis für seine Arbeit und seine Interessen Haven, sie ist als Verwalterin des Fa­milieneinkommens für einen großen Teil des Volks­vermögens verantwortlich.

Wohl und Wehe unseres Volkes und Vater­landes hängen wesentlich ab von der physischen und sittlichen Tätigkeit der einzelnen Familien. Die Erkenntnis, daß das deutsche Familienleben unter schädigenden Einflüssen schwer gelitten hat, legt den Erziehern der Jugend die ernste Verpflichtung auf, die Heranwachsende Generation und zwar nicht nur die Mädchen in Stadt und Land sorg- -fältigft auf ihre Familienaufgaben vorzubereiten. Daß die Volksschule dies aus verschiedenen Grün­den nicht übernehmen kann, muß jedem einleuch­ten, der sich mit Volkserziehungs- und -bildungs- fragen befaßt hat. Die Volksschule schafft die wich­tige Grundlage, auf der die Berufsschule weiter­bauen kann.

Der Berufsschule hat ferner die Aufgabe, die Mädchen für ihren Erwerbsberuf tüchtig zu machen. Die Notwendigkeit, der weiblichen er­werbstätigen Jugend eine ebenso gründliche Be­rufsausbildung wie der männlichen zu geben, um

sie zu vollwertigen Leistungen zu befähigen, ist von der Frauenbewegung früh erkannt worden. Unlöslich mit dieser Frage verquickt ist das Pro- I blcm der Berufsberatung, der Berufsauslese. Wie 1 unbedacht noch heute Scharen von jungen Mäd- > chen der ersten besten Erwerbstätigkeit, zugeführt werden, unbekümmert darum, ob die Tätigkeit ihrer physsichen und geistigen Struktur entspricht, das er­fährt man oft genug, mit innerer Ergriffenheit, beim Unterricht in den Arbeiterinnenklasfen. Hier helfend einzugreifen und, soweit es tunlich ist, junoe Menschenkinder einem ihren Anlagen entspre­chenden Beruf zuzuführen, durch den sie zu Froh­sinn und Persönlichkeitsentwicklung kommen kön­nen, ist auch eine bedeutsame Aufgabe der Berufs­schule. Ich stelle absichtlich die persönliche Seite der Sache voran: denn der Mensch steht höher als die alles beherrschende Wirtschaft. Daß es auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus nicht gleichgültig ist, ob der rechte Mensch an rechter Stelle steht oder nicht, leuchtet ohne weiteres ein.

Aus der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Frauen erwächst der Berufsschule noch ein wei­teres Aufgabengebiet. Sie hat in den jungen Mädchen st aats bürgerliche Gesinnung, soziales Verantwortungsgefühl zu wecken und zu fördern und sie einzuführen in das Verständnis der für unser Volk lebenswichtigen Fragen (Alkoholgefahr, Wohn- und Bodenverhält­nisse, Rückkehr zu einfacher Lebensführung ufro.). Auch diese Aufgaben sind gleich wichtig für Stadt und Land.

All diesen Erkenntnissen hat die Reichsverfas­sung Ausdruck gegeben, indem sie für alle Jugend­lichen beiderlei Geschlechts die Berufsschulpflicht bis zum 18. Lebensjahre vorschre'.bt Hier aus finan­ziellen Gründen in der jetzigen Zeit wirtschaftlicher Rot die Durchführung des Artikels 145 der R.-V. ablehnt, handelt kurzsichtig. Ausgaben, die der Entwicklung ausbauender Kräfte dienen, sind als die rentabelsten zu bewerten.

Sophie Sachs- Bunzlau.

der modernen Wirtschaft durch Gottes Gnade und weib­liche Kraft beseelen.

In ihrem Vortrag über die heutige Lage der Frauenberufsarbeit stellte Antonie H o p - mann-Köln in der Nachmittagsversammlung fest, daß die Steigerung der Zahl der erwerbstätigen Frauen nach der Berufszählung von 1925 34,8 Prozent betrug. Die Gruppe der Selbständigen hat vor allem in der Landwirtschaft einen beträchtlichen Zuwachs von Frauen bekommen. Die Angestelltenschaft wurde auf weiblicher Seite um mehr als das Doppelte vermehrt. Dagegen ist der Prozentsatz der Hausangestellten um fast 12 Proz. zurückgegangen. Trotzdem macht die letztgenannte Gruppe noch 11,4 Prozent der Beschäftigten aus. Die Arbeit der Frauen muß einsetzen bei der Arbeitszufüh­rung, der Arbeitszeit, der Arbeitsumgebung, der Ent­lohnung, der Behandlung durch Vorgesetzte, der Be-

schaffung von Aufstiegsmöglichkeiten, um die verderb­lichen Folgen der Berufstätigkeit möglichst zu schwächen und die ohne weiteres guten zu stärken. In diesem Zu­sammenhang verlangt die Redneritn den Ausbau von Be­rufsberatungsstellen und Arbeitsnachweisen, Einhaltung der Bestimmungen der Reichsgewerbeordnung und der Reichsnotverordnung, Ausbau der Betriebswohlfahrts­pflege, Untersuchung beim Arbeitsantritt durch Aerztin- nen, Krankenkassenkontrolle durch weibliche Kräfte, Be­reitstellung nicht nur gesundheitlich einwandfreier, son­dern auch schöner Arbeitsräume. Die katholische Frauen­bewegung tritt für die baldige Verabschiedung des Be­rufsausbildungsgesetzes ein, wünscht aber, daß darin der Fraueneinfluß verankert werde.

Am zweiten Tage der 10. Generalversammlung des Kath. Frauenbundes zelebrierte Weihbischof Straeter- I Aachen in der Münsterkirche ein feierliches Pontifikal­

amt und gab damit dem Tag, dem Feste der Apostel­fürsten Petrus und Paulus, ein besonderes Gepräge. Eine Reihe katholischer weiblicher Verbände nimmt an der Tagung warmen Anteil, so die Organisationen der kathol. Studentinnen, der erwerbstätigen Frauen, des Verbandes kathol. Dienstmädchen ufro. Soweit deren Vertreterinnen dazu a.Dienstag nicht in der Lage waren, hielten sie heute nachträglich ihre Begrüßungsansprachen. Pater W o l f g a n g O. S. B. überbrachte die Grüße des Erzabtes von Beuron und der Schwestern der Heiligen Lioba in Freiburg. Die Vortragsthemen des heutigen Tages galten im besonderen dem Hausfrauen­beruf und dem Beruf der Landfrau. Frau Luise Rist- Stuttgart kennzeichnete die Fülle von Auf­gaben des Hausfrauenberufes, der mit der Volkswirt­schaft und Dolkskultur auf engste verflochten ist. Die Arbeit im Haushalt ist im allgemeinen kleiner gewor­den, weil die Arbeitskräfte vermindert sind, die Technik die Arbeit erleichtert, viele Hausfrauen nebenher noch einen Beruf ausüben müssen. Noch stärkeren Einfluß auf die Umgestaltung des Hausfrauenberufes hat aber der veränderte Lebensrhythmus gebracht, und der daraus erwachsende ganz andere Lebensstil. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer systematischen Vorbereitung aller Frauen auf den Hausfrauenberuf, eingeordnet in die weltanschaulich bestimmte Bildungsarbeit der Frauen- beroegung.

Dem Wesen des Berufes der Landfrau wurde Dr. Elisabeth Kramer-Münster in Westfalen in ihrem gedankenreichen Vortrage gerecht. Der Beruf der Landfrau ist Dienst an der Lebensgemeinschaft der Familie und des Volkes. Die Landfrau hat die Aufgabe, die Idee der sittlichen Verpflichtung gegen das Volks­ganze sowohl in wirtschaftlicher wie in kultureller Hin­sicht zu wahren. Das schließt in sich die Verpflichtung zu einer persönlichen Caritas und zur Erhaltung kultureller Güter. Die Landfrau bedarf nicht nur einer wirtschaft­lichen, sondern auch einer geistigen Weiterbildung. Für eine ausreichende wirtschaftliche Bildung muß durch Theorie und Praxis in der ländlichen Fortbildungsschule, den Haushaltungsschulen, wirtschaftlichen Frauenschulen usw. gesorgt werden. Die tiefste Auffassung des Berufes gibt aber erst die Religion, die deshalb für alle ländlichen Bildungsfragen den Untergrund abgeben muß.

In der vierten öffentlichen Versammlung am Mitt­woch abend sprach Frau Dr. Solltmann« Guben (Gelsenkirchen) in begeisterten Ausführungen über B e - ruf und Lebenssülle.

Aus den Delegiertenversammlungen ist noch zu er­wähnen, daß Ergebenheitstelegramme geschickt wurden an den Heiligen Vater, an den Reichspräsidenten und an den Reichskanzler.

Fräulein Bärs als Mitglied der Internationalen Frauenliga sprach von der großen Sendung, die die katholische Frau im Leben ihres Volkes und darüber hin­aus im internationalen Leden hat, um der katholischen Lebensauffassung von der eGrechtigkeit und Liede im Leben der Arbeit zum Siege zu verhelfen.

Von außerordentlicher Bedeutung r die innere Ar­beit und die Zielsetzung der katholischen Frauenbewegung ist die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaften. Die einzelnen Gruppen: der Kreis der geistigen Berufe, der Arbeitskreis der Haus- und Landfrauenberufe, der Arbeitskreis der menfchenbildenden und menschenpfle­genden Berufe, der mechanischen Frauenberufe und der werkschaffenden Berufe stellten tiefschürfende Leitsätze und Forderungen in programmatischer Form auf.

I. Bestler-Essen.

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eines gepflegten Frauenkopfes hängt hauptsächlich von der Wirkung

.'des Haares ab. Versäume also nicht dem schönsten Schmuck der Frau die richtige Pflege angedeihen zu lassen und nimm nur

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wovon man spricht.

»Technik ist eine neue große Gestalt in der Menschheitsgeschichte."

»Es gilt die innere Begegnung herbeizuführen, das Phänomen der Technik der Weltanschau­ung anzuordnen."

»Das Menschengeschlecht ist berufen, am Schöp­fungswerk teilzunehmen."

»Die Ahnung wird dem Einzelnen aufgehen, daß er nicht allein ist, daß Tausende für ihn schuf- f fen, opfern."

»Die Technik macht mehr Menschenschicksal, als die Menschen Technik machen."

»Die Ingenieure müssen zur Philosophie d. h. zur Selbstbestnnungl Ordnung der Welt und Würde technischen Geschehens wurzeln in der Wellanschauung. Die Weihe der Technik kommt vom Schöpfer, nicht vom Mammon."

»Wer einmal den Zusammenhang spürt wird ihn nie mehr vergessen können. Wer sich darin vertieft, wird Ehrfurcht bekommen vor den Maschinen, weil er das Göttliche spürt. Das Göttliche kommt zu uns in Formen, die es selbst wählt. Unsere Denkgewohnheiten ' haben sich zu beugen.

»Philosophie der Technik."*)

Dieser TUel will nach des Autors Wunsch nicht den Znhalt seines Buches erfüllen, sondern angeben, was sein Buch erstrebt. Philosophie der Technik will nach Friedrich Desiauer besagen: Erkennung vom We­sen und der Mission der Technik.Ich will Türen auf­machen", sagt er, »aber ich denke nicht daran, die damit freigelegten Wege zu Ende zu schreiten. Ich will auch nicht alles sagen, was ich sehe, weiß, offne. Nein, ich will zu den Menschen sprechen, verständlich, frei: interes­sieren will ich, erwecken."

In der Tat, eine Tür wurde durch dies Buch geöff­net in ein neues, voll der ergreifendsten Geheimnisse er­fülltes Reich, in dasVierte Reich", wie es Dessauer nennt, in das Reich der Technik. Eine lebendige Art des Philosophierens, der Selbstbesinnung, bietet sich dar, die unmittelbar aus dem Erlebnis, aus dem Berufe, aus der täglichen Arbeit geboren wurde. Es geht um kein mehr

)Philosophie der Technik", ein Buch von Friedrich Dessauer, verlegt bei Fr. Cohen in Bonn,

ober minder geistreiches Spiel mit Gedanken und Be­griffen, sondern um eine Be- und Erkenntnisschrift eines Menschen, der schon die Pforte des neuen Reiches durch­schritten hat, der von der Macht und der Ordnung von der Schicksalhaftigkeit dessen, was wir Technik nennen, ergriffen ist.

UNBEKANNTEN HELDEN

IN VERBORGENHEIT DIENENDE IN DUNKELHEIT OPFERNDE VERGESSENE

DIE IHR NACH GOETTLICHEM PLANE DIE MENSCHHEIT

BEWEGT, EUCH SEI IN DANKBARKEIT DIESE SCHRIFT GEWIDMET

Diese Widmung stellt Dessauer seinem Buche voran. In ihr liegt rote in einem Keime der Inhalt des Buches beschlossen. Die Philosophie der Technik ist aus ihrer eigenen Anlage heraus eine heroisch-optimistische Philo­sophie. Sie gibt ein neues Bild von einer Menschen­gruppe, die Schöpfer sind: SelbsÜose, Unbekannte, in Verborgenheit Dienende, und dies mit schweigender Not­wendigkeit, die in ihrem Werk, dem technischen Werke be« schloffen liegt. Vom Menschen aus wird der Technik mit dem Menschen und der Welt, aber auch ihre Abgren­zung, ihre eigene Sphäre und ihr Wirken im Weltge­schehen wird bargetan.

Die Technik in ihrer eigenen Sphäre: bafür setzt Des­sauer ein Gleichnis. Er nennt esDas Vierte Reich". Er schließt sich bewußt an Kant an, dessen dreigeteilte Ord­nung ausnehmend und weiterführend", weil sie im Den­ken der Gegenwart ganz allgemein, am lebendigsten ist, in ihren Konsequenzen die exakten Wiffenschasten auch heute begrenzt."

Aber er tut bi es nicht, um sich mit Kant zu identi- sizieren, fonbern um leichter zu erklären, was mit bem vierten Reich gemeint sei. lieber bie brei, hn Bewußt­sein einer Gesamtschau, klar von einanber geschiedenen Reiche Kant's: Das Reich der Naturwissenschaft, das Reich des Sittengesetzes und das Reich des Aesthetischen und Zweckmäßigen, stellt Dessauer das Reich der Technik. In diesem Reiche sind inbegriffenalle bereitliegenben Lösungsgestalten (eindeutig präftabitiert), bie ber Er­finder nicht hervorbringt, ber menschliche Geist nicht aus sich gebiert, fonbern ergreift." Es ist ein Reich von unabsehbarer Größe. Seine Zeichen sinb: Macht ber Umgestaltung unb Bereicherung ber Schöpfung.

Hier wird Neuland betreten und ein Zugang dazu zu erobern versucht. Ein weiterer Weg zum Verstehen

ber Welt wird gewiesen. Es findet ein kühnes, aber notwendiges Verlegen des Denkens auf eine andere Ebene statt. Die Technik wird zu einem neuen Funda­mente der Philosophie.

Wenn in der bisherigen, von Kant fundamentierten Philosophie nur die Möglichkeit der Erfahrung begriffen wurde, so stehen wir im vierten Reich der Möglichkeit . der Dinge selbst (jedenfalls derjenigen von technischer Beschaffenheit) gegenüber. Alle Schöpfer im Bereiche ber Technik erleben immer roieber das Erstaunen, daß besondere menschliche Ideen sofern sie im Einklang mit den Naturgesetzen und den Zielen sind zu wirk­lichen, sichtbaren, realen Gegenständen werden.

Diese Dinge, bie (von ihrer Wirkung her gesehen) zwiefacher Natur sinb: arbeitschaffenb, wie Motors, unb qualitätschaffenb, wie Arzneien, entstehen vor unserem Auge, von Menschen für Menschen geschaffen. Mittels des menschlichen Geistes entstehen sie. Zwar machen wir die Lösungen nicht, wir finden sie nur, aber sie müssen naturnotwendig durch den menschlichen Geist hin­durch, der freilich ganz dem Werke und seinem Gesetze sich hingeben muß. Mer es wird ihm ein wunderbarer Lohn zuteil: denn die Technik bedeutet auchUederwin- dung naturgesetzlicher Beengung, Befreiung von natur- gesetzlicher Gebundenheit." (So wird z. B. die Wirkung ber Schwerkraft durch bie Arbeit eines Motores in Ver­bindung mit einemrichtig" konstruierten Flugzeuge überwunden, wenn auch nicht verneint.) Don solchen unabsehbaren Möglichkeiten der Dinge ist dieses ganze vierte Reich erfüllt.

Der Mensch steht in einem neuen Schöpfungstag, er bereichert die Schöpfung, die technischen Werke waren vorher in ber Wirklichkeit noch nicht da, in bem Augen­blick, wo siegehen, funktionieren", haben sie ein eigen- gesetzliches Dasein. Das Gefunbene unb Geschaffene tritt nun felbftänbig in den Plan des Weltgeschehens, wird wirkend, schicksalschaffend wie ein Gebirge, ein Fluß, ein Baum auchdas ist wahrhaft das größte irdische Erlebnis der Sterblichen." Es kommt dieLehre von einem konkreten Sein aus Ideen." Der Mensch ent­scheidet über das Dasein dieser technischen Dinge, er ist Träger des Vollzugs und vermag ihren Weg in die Gegenständlichkeit hinein von den Urgründen ihrer Ent­stehung her verfolgen.

Einer neuen Ordnung der geschaffenen Dinge wachsen wir entgegen, eine neue Metaphysik tut sich auf. Die Werke ber Technik sind die Eintrittstore eines Jenseitigen ins Diesseits, vom fernen Reich ins Erdenreich. Wer

dies verspürt, wird Ehrfurcht bekommen vor jener ge­waltigen Entfaltung der Technik. Wir stehen am An­fang. Gegenstimmen und Widerspannungen machen sich seit dem Eintritt dieser neuen Macht in die Menschheits­geschichte geltend. Noch wird die Technik mit Sünden belastet, die anderen Lebensreichen zukommen, wie der Wirtschaft, der Politik, wenn nicht aller anderen Lebens­reiche, denn in alle ist Technik verflochten. Aber in dem Maße die Besinnung auf das Wesen und die Mission der Technik wächst, und dieses Buch von Friedr. Dessauer ist ein überaus verheißungsvoller Anfang dazu wird ihr eigenes Reich immer sichtbarer werden. Sie wird aus ihrer Verrufenheit als Feindin des Menschen zu seiner dienenden Freundin werden. Die Dämonen lie­gen nicht im Wesen der Technik, sondern im Menschen, der sie schasst.

An alle wendet sich dieses Buch. Denn es besteht die Tatsache, daß in Deutschland z. B. 70 Prozent aller Schassenden in derFabrikation" dieser technischen Dinge, im Dienste des vierten Reiches beschäftigt sind. Diesen Arbeitsdienst sinnvoll zu gestalten, fortzuführen aus der Sphäre reiner Nützlichkeitsbetrachtung, an ein Zentrales wieder anzuknüpfen, das noch so einleuch­tend mit ihm gegeben ist, auch dieses will das Buch ver­mitteln. Wenn einmal das Wesen und die Mission ber Technik immer klarer erkannt sein wirb, bann wird sie auch dazu beitragen, mitzuhelfen an Lösungen für wirt­schaftliche, soziale, ja für ethische und politische Fragen. Die Technik wird zu Dienstgemeinschaften führen, bie grundsätzlich bem Einzelnen alles gewähren, wenn er bafür bas Seine allen gewährt".

Weil bem so fein wirb, roenbet sich bas Buch außer an die Philosophen vom Fach: damit sie der Technik ihre Aufmerksamkeit zuwenden, und an die Techniker: damit sie zur Selbstbesinnung, d. i. zur Philosophie kom­men, an die Kulturmenschheit, damit sie das Wesen der Technik, ihre Ordnung, ihre Geltung, ihre Werte er­kenne und endlich innerlich erwerbe, was sie nur äußer­lich besitzt.

Dem Laien fei bie Furcht benommen vor bem roij senschaftlichen Titel bes Buches. Es ist wirklich voll bei lebenbigen Sprache, lehrt ein neues Sehen allen denen, die willens sind, über das rein Fachliche hinaus eine lebendige, symbolische Beziehung zu den Kräften im Menschen zu gelangen, unb bie Gleichniskraft alles Irbi- schen unb Göttlichen zu empfinden. Hans Oefer.