Jch gratuliere Ihnen Herr Nachbar] Ihr habt das Neueste und Beste! 1
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Fuldaer Zeitung
s. Blatt.
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wir werden schließlich wohl alle, wie Leon Daudet, unsere Häuser in Festungen verwandeln, denn die Gerechtigkeit hat keine Stätte mehr auf Erden.
Wieder ein Aerger, ich meine den Fall Kolo m a k. Diesmal habe ich nun noch nicht eine einzige Zeitung gelesen, die dem Gericht Recht gegeben Hütte. War diese Bremer Stadtmusik wirklich notwendig? Man kann ja nicht in die Herzen schauen, aber eine Frau, die dem unzweideutigen Urteil von Pfarrer, Lehrer und Erzieher zufolge ihre noch lebenden Kinder prächtig erzogen hat, zugleich eine so gemeine Verbrecherin? Eine I Frau, die ihr Buch „Vom Leben getötet", soweit an | ihr lag, glänzenden Angeboten, die aus dem Ausland kamen, gegenüber vor Ausnutzung durch Sensation geschützt hat, die also Hunderttausende geopfert hat, nur um eine Angelegenheit, die ihr offenbar heilig war, nicht der Neugier und dem Geschäft preiszugeben, eine solche Frau soll Geldes wegen dergleichen mit ihrem Kind getan haben? Das sie offenbar geliebt hat und liebt, wie jede Zeile jenes Buches beweist, von dem man übrigens auch noch nicht weiß, wie es denn eigentlich verfaßt worden ist und ob die Mutter allein die Verfasserin war oder ob sie der Tochter am Ende nur geholfen hat? Das will sich alles nicht recht miteinander reimen. Und dann diese peinlichen Aeußerungen der Behörde: „Es ist ein Unterschied, ob ein Ehepaar der besseren Stände dorthin geht (das heißt in die Cafes und die Dielen) ober ein junges Mädchen, das Herrenbekanntschaften machen möchte." Was hier die „besseren Stände" bedeuten sollen, das ist mir unerklärlich. Auch ändert sich in der Moral von Schminke und Puder nichts, je nachdem das Gesicht, das damit verschönert werden soll, einem jungen Proletariermädchen gehört Oder einer Aristokratentante. Eines ist gewiß: Wenn diese Frau, die neben allerlei Schwächen, wie man sie bei Müttern wohl auch sonst findet, acht Monate ins Gefängnis muß, dann gehören vor ihr eine ganze Legion anderer Frauen aus allen Ständen hinein. Dann ist der Animierkneipenbesitzer schuldig, dann ins Loch mk jedem, der lüsterne Literatur verkauft, dann • ins Zuchthaus mit dieser ganzen Gesellschaft, die bei tausend Gelegenheiten mit Schminke, Parfum, chambre separee, modernen Tänzen die Jugend verführt ... Ich will Frau Kolomak nicht verteidigen, ehe die höhere Instanz, die nun angerufen worden ist, gesprochen hat, aber ich klage die Gesellschaft an, die eine Frau Kolomak verurteilt und zugleich diesen Tanz der Venus in unfern Großstädten nicht nur entschuldigt, sondern geradezu mitmacht, weil es ja natürlich etwas anderes ist, wenn ein „Ehepaar der besseren Stände" dergleichen tut . . . Ibsen brauchte einen Skorpion, den er vor sich im Glas hatte, um an seinem Stachel sich selber gegen die brüchige Gesellschaft seiner Zeit zur bitteren Satire zu reizen. Es bedarf heute dergleichen Mittelchen nicht mehr. Man lese nur die Akten des Prozesses . . .
Komm, guter Freund, nun tröste mich. Ich greife zu dem neuen Nonni. Für solche Stunden
JV5 145.
Sonntag, 26. Juni 1927.
Landwirtschaftliches.
— Diskonterhöhung und Landwirtschaft. Die Rentabilität und die Verzinsung des Kapitals im landwirtschaftlichen Betrieb stand und steht heute noch in schroffem Gegensatz zu Zinssätzen, die sowohl für kurz- und auch langfristigen Kredit bezahlt werden müßten. Um somehr begrüßte die Landwirtschaft diesen Beginn des Jahres 1926 einsetzende Diskontherabsetzung, weil zu erwarten war, daß auch der Zinsfuß sowohl am Geld- als auch Kapitalmarkt sich senken würde. Während die Zinssätze am Geldmarkt viel rascher dem Reichsbankdiskontsag folgten, mußte die Landwirtschaft die Erfahrung machen, daß die Zinssätze für Hypothekarkredit sich langsam senkten und sie aus diesem Grunde bei ihrem vorwiegenden Bedürfnis nach Hypothekarkredit nur geringen Nutzen aus der sinkenden Zinsbeweo j zog. Immerhin hatte aber die Landwirtschaft die Hofsnung, daß auch allmählich der Kapitalmarkt sich dem Geldmarkt anpassen würde. Durch die Diskonterhöhung werden nun einmal zunächst die Landwirte, stärker belastet, die kurzfristige Erntekredite benötigen. Dann sind besonders die Panb- wirte enttäuscht worden, die glaubten .die Zinssätze für Hypothekarkredite würden allmählich ein erträgliches Maß erreichen. Vielmehr hat sie den Landwirten gezeigt, daß wir absolut noch mit keinen stabilen Zins- und Kreditverhältnissen zu rechnen haben, und daher bei Aufnahme von Krediten größte Vorsicht am Platze ist, was schon im Interesse der Vermeidung einer noch stärkeren Verschuldung liegt.
Emil Ludwig Suckelborst hat seinen eben erschienenen „Essigurken" einen Vorsprung gegeben, ben ich für bas, was ich heute schreiben will, als bie beste Einleitung betrachten muß:
Mensch, hast bu ben Fortschrittskater, Sei bies Büchlein bir Berater!
Wer ben Fortschrittsschnaps gefufelt, Wirb ganz jämmerlich bebufelt. Drum nimm Essiggürkchen ein Unb gleich roitb bir besser sein!
Wie sollte man in einem Sommer, ber schon im Juni mit Herbststürmen beginnt, nicht bie gute Laune verlieren! Die Glöckchen unb Glocken läuten zwar von allen Türmen,- denn Prozessionen gibt es heute landauf, landab. Aber selbst diese Glocken verstimmen mich. Ich höre nicht die heilige Musik drin, unb so wirb es mir beim zuviel. Es ist boch auch anbers als früher. Wenn wir als Jungen morgens in unferm Kirchlein ben kleinen Strang ergriffen, der schon ganz zerfasert war, dann hingen wir mit unferm Gewicht unsere ganze Seele daran. Was da mit unermüdlichem Geklimper durch bie Lüfte zitterte, das war wirklich unser Herzschlag. Wir Jungen riefen zum Haufe Gottes, wir tobten geradezu am Seil, um die-schlafenden Christen zu wecken. Unb Sonntags erst, wenn wir bie große Glocke zogen, bereu Strick noch neu und wunderbar geölt war, ja das war ber Mühe wert, bas war ein Tsching- berassassa zur größeren Ehre Gottes. Aber heute? Da brückt der Ober, ich meine ber Oberküster, auf einen elektrischen Knopf, unb bann geht eben bas Geläute los. Es geht los wie irgenbein Motor, ber Eier rührt ober Löffel putzt, und es unterscheidet sich ber Motor von allen andern nur dadurch, daß er eben oben im Turm hängt und mehr lärmt, als hundert Benzinkasten. Das ist doch noch ärger, als das Tun jenes Küsters in Krems, ber stiftungsgemäß jeden Morgen um 4 Uhr läuten muß. Er hat sich in feinem Turmstübchen einfach den Strick bis ans Bett geleitet und tritt in seine Schlinge, wie Fräulein Susanne in die Nähmaschine. Eine Viertelstunde lang, dann geht er wieder schlafen. Das ist noch Poesie . . .
Hu, unb dann dieser Völkerbund. Ich hab' ja nicht gerade Aktien aus der Dreipunktegesellschaft gekauft, aber immerhin ich habe dafür ein wenig geschwärmt. Es muß da eine fürchterliche Zugluft geweht haben, denn im Augenblick waren sie alle zusammen verschnupft und Briand hat sich sogar eine Augenentzündung zugezogen. Soll ich Mitleid haben? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, unb wenn er auch bie Wahrheit spricht... Vrianb spricht gewiß bie Wahrheit. Anbererseits wird er doch froh sein, mit diesem blauen Auge von der Rheinlandräumung davonzukommen. Und alle Welt spielt den Chopinschen Trauermarsch. Unb die Dölkerbundssahnen hängen am Mast, wie die bunten Wimpel an den Häusern, wenn die Prozession verregnet ist. Mussolini baut weiter Kanonen, Calles wütet wie Nero, die Bolschewiken stellen immer mehr Unschuldige an die Wand, und
ist das etwas. Bei Elefanten und Kühen. Dir Nacht im Heuschober. Das Lager ber brauner Menschen. Ach, welch' herrliche Erlebnisse. Und alles auf einer einzigen Ferienfahrt quer burch bie Insel Fünen. Zwar werben manche kluge Menschen in Deutschlanb sagen, es brauche doch keine dreihundert Seiten, um einen einzigen Ausflug zu erzählen, von dem obendrein beide lebendig zurückkommen. Das alles hätte sich doch kürzer fassen lassen. Ja, kürzer fassen, das ist es. Goethe, Schiller unb sogar ber alte Vater Homer hätten sich wahrhaftig ja auch kürzer fassen sollen. Nur die Kinder werben sagen, wenn sie es zu Enbe gebracht: Wann kommt das nächste Buch von Nonni? Wie schade, baß es so schnell aus ist . . . Auch bie Großen werben es heimlich sagen. Und sollten obendrein bedenken, wie wenig kurz sie selber sich fassen, wenn sie etwa überlegen, in 'welchen Badeort sie zu weisen gedenken und welche Gegenstände alle in ben Koffer müssen. Kürzer fassen? Den Völkerbundsrednern möchte ich bas wünschen, wenn es boch mit einem Fiasko enden soll. Denn Herren und Damen ber Gesellschaft möchte ich es raten, bie stundenlang bas dümmste Zeug reden, was sie bann große Gesellschaft nennen. Den Staatsanwälten, bie ein armes, meinetwegen noch so schulbiges Weib anklagen, bie großen Sünber ober ungeschoren lassen. Aber Nonni soll reben und schreiben, und es soll sprudeln unb plaudern in seinen Büchern wie von hundert frischen Wässerlein in Wald und Flur. Ach, wo du diesen Nonni siehst, sag, ich laß ihn grüßen.... Zum Schluß noch ein Dank nach Schwarzbach hin und nach Fulda. Das Heidenkind soll Ursula heißen.
Der Mann im Monde.
Rund um die Woche.
Essiggürkchen. — Elekkrische Glocken, völkerbunbelegte. — Frau kolomak. — Nonni.
Aus dem Zuldaer Land.
= Petersberg. Das 21. B u n d e ss 8 ng e r f e st unseres engeren Heimatbundes wurde in ir’'-'**’ -----
halten. Ca. 1500 Gäste waren erschiene,- fand die Generalversammlung des Bund
halle statt. Der Gesamtvorstand wurde w.eüergrwa!n!. Neu ausgenommen wurde Liederkranz-Grohenbach. Der Festzug selbst fand seine Einleitung durch einen Festgot- tesdienst in der altehrwürdigen Kirche. Als erster auswärtiger Verein traf Liedertafel-Vacha in Petersberg ein. Der Regen, der bei den Sängerfesten des Heimatbundes zur Tradition geworden ist, fehlte auch nicht. Das um 9% Uhr begonnene Wertungssingen ließ 17 Bundesvereine zu Gehör kommen. Die Leistungen der Vereine waren bewunderswert. Alle Zuhörer waren über die gebotenen Leistungen angenehm überrascht. Am Nachmittag durchzog ein nicht endenwollender Festzug unseren geschmückten Ort. Auf dem Festplatz entwickelte sich nach den Reden des Herrn Pfarrers Kircher, des Herrn Bürgermeisters und der Ueberreichung eine Bannerschleife durch die Festdamen und dem Vortrag des Massenchors unter der Leitung des Bundeschormeisters Herrn Direktor Leber ein fröhliches Festtreiben. Das nächste Bundesfest wird in Neuhof abgehalten.
= Eiterfeld. Die übliche Wallfahrt von Eiterfeld nach Maria-Ehrenberg findet schon Freitag, den 1. Juli, statt, da das Fest Maria Heimsuchung aus verschiedenen Gründen dieses Jahr am Samstag, den 2. Juli, und nicht, wie in den letzten Jahren, am Sonntag danach gefeiert wird. Die Wallfahrt geht um 10 Uhr vormittags in der Frankfurter Straße in Fulda ab.
— Lauterbach. DerBetriebsdirektorKuschke der Mitteldeutschen Hartsteinindustrie, der, wie gemeldet wurde, am Donnerstag abend im Basaltsteinbruch V e i t s b e r g durch Sturz von einer Mauer schwer verunglückte, ist seinen Verletzungen erlegen.
— Aschaffenburg. Dem Vorgehen ber hiesigen Tageszeitungen gegen ben hiesigen Gesangverein „Liedertafel", der in einem Rundbrief die Aschaffenburger Musikkritiker beschimpft, haben sich nunmehr auch andere unterftänkische Zeitungen angeschloffen. — Die „Liedertafel" ist damit in aller Form in den musikalischen Verruf erklärt worden.
tleues aus Frankfurt.
= Unterschlagungen. Don allen Abteilungen der Kriminalpolizei sind augenblicklich die für Unterschlagungen und Betrugsfälle am stärksten in Anspruch genommen. Bei den Betrügereien und Unterschlagungen handelt es sich in den weitaus meisten Fällen um solche Vergehen, die aus wirtschaftlicher Notlage begangen worden sind. Abgebaute Kaufleute, die als Provisionsreisende sich sauer ihr Brot verdienen müssen und abends kaum das Brot zum täglichen Leben erworben haben, unterliegen am meisten der Versuchung und vergreifen sich an den ihnen anvertrauten Geldern oder fälschen die Bestell- fcheine. Mehrere Dutzende solcher Anzeigen werden täglich bei der Polizei aufgegeben. Die Unterschlagungen werden meistens von jungen Leuten begangen, die ein gutes Leben führen wollen, aber mit ihren Einnahmen die Ausgaben nicht in Einklang zu bringen vermögen. In dieser Beziehung spielt der Sport eine sehr große Rolle. Die jungen Leute wollen bei allen möglichen Veranstaltungen dabei sein, verfügen aber nicht über die nötigen Gelder und begehen — Unterschlagungen. Die amtlichen Fahndungsblätter wimmeln geradezu von Anzeigen und Steckbriefen gegen Personen, die sich mehr oder minder schwere Unterschlagungen zu schulden kommen ließen. Fälle, in denen zehn oder zwanzig RM., oft noch darunter, unterschlagen werden, also lächerlich geringe Summen, sind durchaus keine Seltenheiten.
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