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Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblalk
Nr. 136
Mittwoch, 15. Juni 1927
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Briand bei Ztrejemann.
Die Genfer Unterhaltungen. — Chamberlain empfängt Strefemann. — Was sagen sie sich?
Reichsminister Dr. Strefemann empfing in Genf den Besuch des französischen Außenministers Briand, der etwa eineinhalb Stunden andauerte. Die Aussprache trug einen freundschaftli- chen Charakter und bezog sich nicht nur auf die Fragen, die im Vordergründe des gemeinsamen deutsch- französischen Interesses stehen, sondern auch auf die allgemeinen weltpolitischen Probleme des gegenwärtigen Zeitpunktes. Die Aussprache wird der Fortsetzung bedürfen, die in Form ähnlicher Besprechungen im Laufe der gegenwärtigen Tagung erfolgen wird.
Anschließend an die Aussprache mit dem französischen Außenminister begab sich Dr. Strefemann zu Sir Austen Chamberlain, um eine ergänzende Besprechung der angedeuteten Fragen mit chm zu haben. Die Besprechung zwischen dem Reichsminister des Aeußern und Sir Austen Chamberlain, die um % 7 Uhr begann, dauerte über anderthalb Stunden.
Der Sonderberichterstatter des VDZ-Büros mel- des aus Genf: Die Aussprache zwischen Dr. Stre- semann und Briand trug, wie in den angegebenen Mitteilungen betont wird, einen durchaus freund- chaftlichen Charakter. Es soll damit keineswegs ge- agt sein, daß für die Lösung der Deutschland be- onders interessierenden Fragen irgendwelcher Fortschritt erzielt worden sei. In jedem Fall ann der Eindruck nicht von der Hand gewiesen werden, daß dies- Fragen stch noch in einem Zustand der S t a g n a ti on befinden und es ist durchaus noch nicht sicher, ob es im Laufe der zu erwartenden Besprechungen gelingt, sie aus diesem Zustand der Stagnation herauszubringen und einer uns befriedigenden Lösung entgegenzusührsn. Daher kann man die gesamte Situation nicht anders als frei von jedem Optimismus beurteilen. Die Schuld für eine solche Lage und dafür, daß die Locarno-Politik nicht die Früchte trägt, die man von ihr erwartet, liegt nicht auf deutscher S e it e. Hierfür enthält die französische Presse der letzten Zeit mancherlei Anhaltspunkte.
*
Wtb. Paris, 14. Juni. (Eig. Funkm.) Der Korrespondent des „Oeuvre" in Genf glaubt berichten zu können, Briand habe Strefemann davon überzeugen wollen, daß dieWiederbelebungder Entente cordiale Deutschland nicht zu beunruhigen brauche. Chamberlain habe diese Erklärung Briands unterstützt. Briand urtb Chamberlain ihrerseits hätetn dieSicherheit gewonnen, daß, wenn Deutschland auch nicht — und zwar ebenso wenig wie Frankreich — geneigt sei, in eine direkte gegen die Sowjet-Regierung gerichtete Kombination einzutreten, es doch nicht die orientalische Karte gegeft den Westen auszuspielen suche.
Die Parteien beim Kanzler.
=* Berlin, 14. Juni. (Eig. Funkm.). Reichskanzler Dr. Marx hat der B. Z. zufolge für heute nachmittag die Vertreter der Regierungsparteien zu einer Besprechung im Reichstage gebeten. Wie verlautet, will der Kanzler bei dieser Gelegenheit den Parteiführern den Arbeitsplan der parlamentarischen Re- gierung für die nächsten Wochen unterbreiten und auch darüber Ausschluß geben, welche Gesetzesvorlagen dem Reichstage in der nächsten Zeit zugehen sollen.
* Besuch des ReichsprAidenten in Dessau. Dienstag früh hat der Herr Reichspräsident in Begleitung von Staatssekretär Dr. Meißner, seines Adjutanten und des anhaltifchen Gesandten, Exzellenz Boden, Berlin zum Besuche der anhal- tischen Staatsregierung in Dessau verlassen. Er wurde in Dessau sehr herzlich empfangen, schritt die Front der vom 1. (anhaltifchen) Reichswehr- Snf. Rgt. 12 gestellten Ehrenkompagnie ab und nahm deren Vorbeimarsch entgegen. Hieraus begab er sich im Auto durch die festlich geschmückten Straßen zum Regierungsgebäude und zum Rathaus. ___________________
Attentat gegen die Reichsfahne.
Aus Essen wird gemeldet: Die auf dem Gebäude in der Brochtstraße gehißte Schwarz- Rot-Goldene-Fahne wurde nachmittags' von Nationalsozialisten heruntergeholt und im Kruppwalde verbrannt. Mit einigen darauf alarmierten Reichsbannerleuten entstand eine Schlägerei, in deren Verlauf zwei National- ^zialisten verletzt wurden. Nach Feststellung ihrer Personalien wurden sie aber wieder auf freien Fuß gesetzt.
Der Führer des Wehrwolfes in Berlin, o. Wechselburg, ein 25jähriger Gutsbesitzersohn, wird seitfünfTagenvermißt. Man ver- mutet, dem „Bert. Lokalanz." zufolge, ein Verbrechen.
Schwere Ausschreitungen von Kommunisten.
Wie eine Berliner Korrespondenz aus Rathe- Aom meldet, erfolgten dort am Samstag abend schwere Zusammenstöße zwischen Kommuni- st e n und der P o l i z e i. Ein Stahlhelmzug wurde beim Passieren des Anhalter Platzes von den Dä- chern herab mit Steinen und Flaschen beworfen. Etwa 150 Kommunisten umringten dieMusikkapelle. machten die Musikinstrumente unbrauchbar und schlugen auf die Demonstranten ein. Nur mit Mühe flelang es der Polizei, dem Stahlhelmzug den Weg m die Innenstadt freizumachen. Drei Beamte wurden durch Steinwürfe und Schläge verletzt. Einer davon mußte ins Krankenhaus gebracht werben. Die Zahl der Verletzten wird mit rund 15 angegeben, darunter zwei Frauen, die beim lieber« schreiten der Straße von Wurfgeschossen.getroffen giftetH" ®ini0e öcr Hauptbeteiligten wurden ver-
Die Rheinland-Räumung, i ver Mörder vor dem Standgericht.
Roch einmal: zSderalirmnr.
Von einem unserer Mitarbeiter wird uns geschrieben:
Jedes Mal, wenn die deutsche Delegation die Reise zur Teilnahme an der Tagung des Völker- bundsrotes antritt, klafft wieder der alte Zwiespalt auf: Die Freunde der Völkerbundsidee vereinen sich zu neuen Lobes-Hymnen auf diese Institution, von der sie das Heil der Welt erwarten; die Gegner aber machen erneut ihre Bedenken geltend und behaupten, solange Deutschland nicht gleichberechtigt fei, bedeute feine Mitgliedschaft beim Spitzen- Gremium der Völker so gut wie nichts.
Bei dem Urteil der bejahenden und verneinenden Kritiker bildet selbstverständlich die Frage der Räumung des Rheinlandes das ausschlaggebende Argument. Die einen, das heißt, die unverfälschten Lobredner des Völkerbund, sind mehr ober weniger schon damit zufrieden, wenn die Desatzungsziffer um einige tausend Mann herabgesetzt wird. Man erblickt in solchen Maßnahmen die Aeußerung des guten Willens der französischen Regierung, insbesondere des Außenministers Briand. Die anderen, die sich ganz ober teilweise ablehnenb dem Völkerbund gegenüber verhalten, weisen daraufhin, daß ihre Warnungen berechtigt gewesen seien und sprechen offen von einem Bankerott der Genfer Politik.
Unseres Erachtens hat es keinen praktischen Wert, in der Vergangenheit herumzuwühlen. Deutschland gehört nun einmal dem Völkerbund an. Mit diesem Faktor muß als feststehender Tatsache gerechnet werden, und wir dürfen daher den Blick nicht rückwärts wenden, sondern müssen ihn auf die Geschehnisse der Zukunft richten.
Die Frage für die Zukunft lautet: soll dem deutschen Volke zugemutet werden, gegen Teillösungen des Rheinlandproblems neue schwere Lasten zu übernehmen, worunter auch die Rheinländer späterhin selbst mitzuleiben hätten, 'der soll bie Reichsregieruna warten, bis sich die Möglichkeit einer restlosen Lösung finbet, wobei zu beachten wäre, baß bas Rheinland vielleicht noch auf einige Jahre hin die fremden Truppen ertragen müßtje?
Es dürfte angebracht fein, als Antwort die Meinung einer Persönlichkeit zu hören, deren Namen im Inland wie im Ausland einen guten Klang hat und die in keiner Weise im Verdacht steht, von alldeutschen, machtpolitischen Anschauungen beherrscht mx fein. Kein anderer als Reichstagsabgeordnetler Professor Dr. Kaas, bekanntlich selbst ein Sohn des Rheinlandes, vertrat vor kurzem feine Auffassung von der Lage folgendermaßen:
„Die Zeiten sind vorbei, wo wir große finanzielle und wirtschaftliche Ovfer auf uns nehmen für die Einlösung eines selbstverständlichen Rechtes. Darum ist es besser, die Besetzung langsam an ihrer inneren Unmöglichkeit eingehen zu lassen, als baß wir uns durch Uebernahme untragbarer finan« zieller und wirtschaftlicher Konzessionen von ihr befreien."
Soweit wir unterrichtet sind, fühlt und denkt die gesamte rheinländische Bevölkerung wie Dr. Kaas. Die Instruktionen, mit welchen Dr. Strese- mann nach Genf gefahren ist, sind uns im einzelnen nicht bekannt. Nur soviel steht fest, haß der deutsche Reichsaußenminister auf dieser Dölker- bunbstagung bie Frage ber völligen Rheinlandräumung nicht anschneiden wird. Ein günstigerer Moment soll obgewartet werden. Hofferctlich liegen bann, wenn dieser Zeitpunkt ba ist, die Dinge auch so klar, baß die beliebten Winkelzüge unserer früheren Kriegsgegner nach feder Richtung hin mit Erfolg pariert werden können.
Nockmals die Si'mullanschulfrage im preußischen Landtag.
Die namentliche Abstimmung über den deutschvolksparteilichen Antrag, die Regierung zu beauftragen, beim kommenden Reichsfchulgesetz für die Erhaltung der bestehenden Simultanfchuie einzutreten, hatte nach den jetzt vorliegenden genaueren Angaben folgendes Ergebnis:
Für denselben haben geftimmt: 111 Sozialdemokraten (3 fehlten ohne Entschuldigung, 1 krank), 34 Deutschvolksparteiler (8 fehlten ohne Entschuldigung, 2 krank, 1 beurlaubt), 25 Demokraten (2 festen ohne Entschuldigung), 8 Mitglieder der Wirtschaftlichen Vereinigung, zusammen 178.
Gegen denselben haben gestimmt: 75 Zentrum (4 krank, 1 beurlaubt, 1 durch dringende Ge- fchäfte verhindert), 28 Kommunisten (9 fehlten ohne Entschuldigung, 4 krank), 2 Polen, 1 Mitglied ber Wirtschaftlichen Vereinigung (Flözel), zusammen 106.
Enthalten haben sich: 100 Deutschnationale (4 ohne Entschuldigung, 4 krank, 1 beurlaubt), 3 Mitglieder ber Wirtschaftlichen Vereinigung, 4 Deutschvölkische, zusammen 107.
Der Jubel ber Linksblätter: der Landtag habe sich für die Simultanschule entschieden, ist zwar unberechtigt, ba die unbegreifliche Stimmenthaltung der Deutschnationalen einschließlich ihres katholischen Ausschusses, noch nicht Zustimmung zu der Simultanschule bedeutet, sie stellt aber ein Selbstzeugnis dar, wie wenig von einer kraftvollen Vertretung ber konfessionellen Schule von ihr zu erwarten ist. Den Höhepunkt kulturpolitischer Zerfahrenheit hat aber bie Wirtschaftliche Bereinigung erklommen: 2 stimmen nicht mit, 3 sind beurlaubt, 8, darunter der Katholik Dr. Klamt, stimmen für die Simultanschule, 1 stimmt dagegen, 3 (Hannoveraner) enthalten sich ausdrücklich. Daß bie Kommunisten oegen den Antrag gestimmt haben, hat darin feinen Gründ, daß ihnen als entschiedenen Anhängern der weltlichen Schule die Simultanschule noch zu christlich ist.
* Räumung Nicaraguas. Infolge der Beendigung ber Feinbfeligkeiten in Nicaragua werden alle amerikanischen Soldaten mit sofortiger Wirkung aus Nicaragua zurückgezogen, mit Ausnahme einer Abteiluma von 3500 Marineioldaten.
Der polnisch-russische Notenwechsel.
wtb. Warschau, 14. Juni. (Eig. Funkm.) Die Verhandlung gegen den Mörder des russischen Gesandten Wojkosf, Borys Kowerda, vor dem Standgericht ist auf morgen, Mittwoch, den 15. d. M., 10 Uhr vormittags, angefetzt worden.
Die polnische Antwort auf die zweite Sowjet-Note.
wtb. Warschau, 14. Juni. (Eig. Funkm.) Die polnische Antwort auf die zweite Sowjet-Note wird noch im Laufe dieser Woche erteilt werden. Wahrscheinlich wird die polnische Regierung in ihrer Antwort den in der ersten polnischen Note eingenommenen Standpunkt neuerlichunter st r eich en.
Els Todesurteile in Odessa.
Die Telegraphenagentur der Sowjetunion meldet. Eine außerordentliche Session des Obersten Gerichtshofes hat 16 wegen Spionage zugunsten Rumäniens Angeklagte verurteilt. Elf wurden zum Tode verurteilt, drei erhielten je 10 Jahre Gefängnis, zwei wurden freigefprochen. Sie wurden verurteilt wegen Informationen an den rumänischen Rekognoszierungsdienst. Der größte Teil der Angeklagten hat seine Schuld eingestanden.
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Aus Budapest wird gemeldet: Einer Blättermeldung zufolge verhaftete die Polizei drei junge Leute, welche angaben, sie feien von einem in Wien lebenden r u s s i f ch e n Kommunisten damit betraut worden, gegen den Oberstadthauptmannstellvertre- ter Dr. Hetemsi ein Attentat vorzubereiten, auf dessen Kopf die Moskauer Regierung einen Preis ausgesetzt habe. (?)
Japan auf der Dreierkonferenz.
Associated Preß meldet aus Tokio, daß Japan in Genf die Gleichstellung mit England und Arnerika forme eine Höchstgrenze für Hilfsknegs- fchiffe Vorschlägen werde, mit ber Begründung, baß diese bei ber Größe des Stillen Ozeans nicht offensiv verwendbar feien. Japan wolle wenigstens in dieser Hinsicht gleiches Recht, wenn es auch dieses Recht mit Rücksicht auf feine Wirtschaftslage kaum praktisch ansuben werde. Ferner wolle Japan eine Diskussion ober eine Abänberung des Washingtoner Abkommens a b l e h n e n, ba die Genfer Dreierkonferenz nicht al« Fortsetzung der Washingtoner Konferenz zu betrachten sei. Eine Erörterung der Frage der Marinestationen in Singapore und auf Hawai sei angeblich nicht beabsichtigt.
Regypten.
In Kairo wurde dem Premierminister eine weitere englische Note übergeben. Die Krisis wird als überwunden angesehen.
Wie verlautet, ist zwischen dem britischen Ober- kommissar und dem ägyptischen Premierminister ein» Einigung über einen abschließenden Notenaustausch zustande gekommen, durch den die hefte henbe Krisis in den englisch-ägyptischen Beziehungen beendet werden würde.
China.
Reuter meldet aus Peking: Der frühere japanische Kriegsminister General Pananafchi ist in Peking eingetroffen. Gerüchtweise verlautet, er sei vom japanischen Ministerpräsidenten beauftragt worden, zwecks Wiederherstellung des Friedens in China einen Vermittlungsversuch zu machen.
* Der Kampf um die „Germania", lieber den Verlauf ber kürzlich abgehaltenen Generalversammlung ber Germania A.-G. weiß bas „B.-T." mitzuteilen, daß es zu einer Auseinander fetzung zwischen bem auf bem rechten Flügel stehenden Zen- trumsabgeorbneten v. Pagen als Vertreter der Aktienmehrheit und dem Ministerialdirektor z. D. Dr. S p i e et e r als Vertreter der Minderheit gekommen fei. Alle Anträge, die sich auf die Vertretung ber Berliner Zentrumspartei bezogen, wurden gegen die Stimmen der Minderheit abgelehnt. Der alte Aufsichtsrat wurde roiebetge« wählt. Hinzugewählt wurden Dr Flücker als Der- treter der sächsischen Zentrumspartei und Weins- ziehr jun. als Pertreter der Berliner Katholiken.
Der internationale Frontkämpfer' Kongreß.
Nach dreitägiger zum Teil sehr stürmischer Verhandlung hat der Internationale Sozialistische Kongreß ehemaliger Frontkämpfer, der in B r ü s - s e l tagt, mit einem Bruch zwischen dem Flügel mit kommunistischer Tendenz und den anderen Verbänden sein Ende gefunden. Die Situation ist nunmehr folgende: Auf kommunistischer Seite befinden sich der Republikanische Verband ehemaliger Frontkämpfer Frankreichs und ber Deutsche Internationale Band b?r Kriegsbeschädigten, auf der anderen Seite ber französische Arbeiter- und Bauernverband, der Belgische Verband ehemaliger Frontkämpfer, ber Unabhängige Internationale Bund der Frontkämpfer Deutschlands, die entschlossen sind, eine neue Internationale der Frontkämpfer zu bilden.
* Englische Maßnahmen gegen die verbreikung kommunistischer Ideen unter der Jugend. (Eig. Funkm.) Den Blättern zufolge hat das „Foreign Office" fünf englischen Kindern, die als Gäste einer kommunistischen Jugendorganisation in Moskau nach Rußland abreifen sollten, die Pässe verwei-. gert. Der diplomatische Korrespondent, des „Daily Ehronicle" steht hierin einen entscheidenden Schritt der Regierung, auch die systematische Verbreitung bolschewisttscher Ideen unter ber englischen Jugend au verhindern, > ,|
Eine (Entgegnung auf den gleichnamigen Artikel in Nr. 133 bet Fuldaer Zeitung.
Von ***
Seit Bestehen der Deutschen Zentrumspartei sind seine führenden Männer nicht müde geworden, für den föderativen — bas heißt bundesstaatlichen Charakter des Reichs einzutreten. Alle Programm- matischen Erklärungen der Partei treten für den föderativen Ausbau des Reiches ein. In einer Zeit, in der die Masse des Volkes, fasziniert durch die Erfolge der Waffen, sich immer mehr zum zen- trainierten Macht- und Militärstaat bekannte (denn nichts anderes war das Deutschland der Vorkriegs, zeit trotz feiner pfeudoföderativen Verfassung) haben diese Männer unentwegt sich zu dem Reichsideal bekannt, wie es Bischof v. Kettelet nach dem Krieg» von 1866 gefordert hat.
Windthorst, Mallinckrodt, die Gebrüder Rei« chensperger, alle die Sterne am Himmel des beut« scheu Katholizismus, waren Föderalisten. Daß ihn Reichsideal nicht verwirklicht werden konnte, lag an dem dynastischem Partikularismus der beut« schen Fürsten, lag vor allem auch an bem hem« mungslosen Machtwillen Preußens.
Als aber nach bem Zusammenbruch des prem ßisch-beutfchen Militärstaates die Bahn frei wurde» ba besann man sich roleber auf bas alte deutsch« Reichsideal und so entstand unter stärkster Mit« Wirkung ber deutschen Zentrumspartei — es ist nötig, das festzustellen — in Weimar die neu» Reichsverfassung, an deren Spitze die Eingangs, worte Dhen: Das deutsche Volk, einig in feil neu Stämmen ... hat sich diese Verfassung gegeben, und so gab man weiter, um diese Einigung möglich zu machen, dem deutschen Polke in Artikel 18 dieser Verfassung bas feierlich verbrieft» Recht, bie Neugliederung Deutschlands in diesem Sinne oorzunehmen.
Was Männer wie Freiherr Emanuel v. Kelte, ler 60 Jahre vordem gefordert hatten, schien in Erfüllung zu gehen. Das Stammesprinzip soll die Grundlage des neuen dritten Reiches fein.
Es ist hier nicht ber Ort, darzulegen, welche Kräfte am Werk waren, um diese Neugliederung bis fetzt zu verhindern.
In der letzten Zeit macht sich aber gerade unter den deutschen Katholiken eine Bewegung geltend, bie verlangt, daß endlich mit ber Neugliederung Deutschlands Ernst gemacht wird.
Ein verhängnisvoller Irrtum wäre es, (in dieser Bewegung, die zu einem gewaltigem Strome angeschwollen ist, vorübergehn zu wollen Es spricht aus ihr ber elementare Wille des Volkes, an Stelle des zentralisierten Machtstaaies, bei dem ber Bürger Objekt der Gesetzgebung ist, ein Reich mit starker Reichsgewalt, und doch Selbstverwaltung seiner Glieder in vollkommenster Ausdehnung. Diese Bewegung ist so in die Breite und Tief, gewachsen, daß es töricht ist, sie hemmen zu wollen.
Die Neugliederung kommt, wenn nicht mit hms. bann ohne uns. Ein tragisches Verhältnis wsire es, wenn ber deutsche Katholizismus und feine poli, tische Vertretung ihre Mitwirkung versagen würd,'. Oder wollen wir durch eigene Schuld auch weiterhin vom Dienst am Vaterland ausgeschaltet sein wie in den letzten 400 Jahren, soll das Reich ein Bauwerk darstellen, an dem die deutschen Katholiken zwar Kärrnerdienste mitverrichten, es aber versäumen, ihm in eigener Gestaltungskraft feine Züga aufzuprägen?
Ein verhängnisvoller Irrtum ist es auch, wenn man ber Ansicht ist, baß roeber wir noch bie kommende Generation reif feien, in dieser Frage etwas entscheidendes zu tun! Ihnen gilt wahrhaftig das Wort Goethes:
Die Zeit zum Handeln jedesmal verpassen Nennt ihr: Die Dinge sich entwickeln lassen. Was hat sich denn entwickelt, sagt mir an, Das man zur rechten Stunde nicht getan?
Wie sehr sich in Wirklichkeit bas Zentrum mit dieser brennenden Frage beschäftigt, geht aus nachfolgenden Aeußerunaen hervor, deren Zahl sich be. liebig vermehren läßt:
Schwerins- Köln. Preuß. Landtagsabgeordneter: Der Sieg des föderalistischen Gedankens ist es, der die ganze gebildete Welt durchzieht. Der B u n d ist das Lo- fungswort der Zukunft, nicht der verengernde Begriff des zentralisierten Staates!
A d a m R ö d e r, M. d. R., Zentrum: ... und doch ist die Neugliederung des Reiches Boraussetzung für die Einheitlichkeit seines außenpolitischen Willens, für seine finanzielle Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt für seine Anziehungskraft auf die deutschen Stämme innerhalb und außerhalb der deutschen Reichsgrenzen. Föderalismus bedeutet Freiheit im Gegensatz zum staatlich gebundenen Bürokratismus des monarchischen Zentralismus. Darum ist der Republikaner und Demokrat konservativer Geistesrichtung immer Föderalist."
Abg. Dr. Lauscher, der Führer der Zentrumsfraktion im Preußischen Landtag: „Der neue Reichsbau ist noch nicht fertig, das Problem Reich und Länder ist noch nicht gelöst. Was Weimar geschossen hat, ist nur eine vorläufige Notlösung. Die endgültige Lösung darf nicht mehr lange hi n au s ge s ch o b e n werden. Der Kampf um den Finanzausgleich lasse darüber keinen Zweifel aufkommen. Ein neues Deutschland muß werden!"
In ähnlicher Weise haben sich ber Finanzmini- ster Köhler, Reichskanzler Marx unb Abg. Steger- roatb ausgesprochen.
Allerdings: Die Frage ber Oleuglieberuna bes Reichs ist zugleich eine Frage ber Zukunft Preußens. Artikel 18 ber Verfassung trifft in ber Tat in erster Linie Preußen, ba kein ßanb Deutschland so wenig einheitlich ist wie Preußen; durch Waffengewalt und Erbschaften ist hier ein dynastisches Gebilde geschaffen, das in krassem Gegensatz steht zu dem Einleitungssatz der Reichsoerfässung: Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen. . .
Aber wollen w i r uns das Wort der Kreuzzeitung zu eigen machen: „Borussia necesse est, Germania non necesse?"
Auf der Parteitagung des Preußischen Zen, trums bat ber Reichsfinanzminister Köhler bei be»