JVo ,Z4.
Sonntag, 12. Juni 1927.
Aus dem Nachbargebiet.
I = Ilbeshausen. (Vogesberg). Die Errichtung des M für 180 Pfleglinge der Krankenkasse der Stadt Kassel gestimmten Erholungsheims am sogenaimten MSchwarzen Fluß hat begonnen. Um Wohnungen für k das Pflegepersonal zu schaffen, hat man eine dem Bau- : platz benachbarte Wnldmühle erworben. Das Heim soll | eis zum Herbst fertiggestellt sein und im Frühjahr «ngeweiht werden.
= Kassel. In einem dem Wasserbauamt gehörigen | Holzbearbeitungsschuppen brach am Donnerstag Feuer । aus. Beim Eintteiien der Feuerwehr stand das Ge- F bäude bereits in hellen Flammen. Das Feuer bedrohte h die in allernächster Nähe liegenden Oel- und Benzin- tankanlagen der Firma Rhenania, sodaß zunächst diese Anlagen geschützt werden mußten. Mit der inzwischen eingetroffenen Hauptfeuerwache wurde dann an den eigentlichen Brandherd herangegangen. Nach zweistündiger anstrengender Arbeit war das Feuer gelöscht. Sämtliche in dem Schuppen untergebrächten Maschinen sowie größere Holzvorräte wurden ein Raub der Flammen. Der Schaden ist beträchtlich.
— Limburg. Der Lokomotivführer Ma r - IIn Faust bemerkte vor einigen Tagen, als er einen Eifenbahnzug von Weilburg nach Limburg brachte, in der Nähe von Guntersau, daß in der Lahn eine Frau verzweifelt um ihr Leben kämpfte und dem Ertrinken nahe war. Er brachte geistesgegenwärtig den Zug sofort zum Stehen, sprang von der Lokomotive herunter und die etwa fünf Meter hohe Böschung hinab in die hechangeschwollene Lahn. Unter höchster Lebensgefahr «lang es ihm schließlich, die sich verzweifelt an ihn an- »ammernde Frau ans Ufer zu bringen und so dem Leden zu erhallen. Mit völlig durchnäßten Kleidern sprang der wackere Mann wieder auf feine Lokomotive und brachte seinen Zug mit nur sieben Minuten Verspätung nach Limburg. Faust hat übrigens schon früher drei Personen vom Tode des Ertrinkens und außerdem ein alles Mütterlheu. das in einen Schlammgraben gefallen war, vom Erstickungstode gerettet.
= Aschaffenburg. Beim Hausschlachten in Eußen- heim neckten sich der 22 Jahre alte Sohn und die 16jährige Tochter des Gastwirtes Weiß beim Hantieren mit einem Messer. Dabei kam der junge Mann seiner : Schwester mit dem Messeer so unglücklich in ein Auge, daß es auslief.
Neues aus Frankfurt.
2 = Mn einem Gartenzaun aufgespießt. In tragischer Art und Weise ist der achtjährige einzige Sohn des Gastwirts Nuß in der Bergerstraße ums Leben gekommen. Der Knabe wollte beim Spielen einen etwa eineinhalb Meter hohen eisernen Gartenzaun überklettern. Als er nach der andern Seite abrutschen wollte, »ißlang him der Absprung und eine eiferne Spitze drang ihm tief in den rechten Arm. Schwerverletzt wurde.er ins Krankenhaus eingeliefert. Trotz sofort vorgenom- ■ inener Operation war der Knabe jedoch nicht mehr zu retten, da sich ein Wundstarrkrampf einstellte, der einen schmerzhaften Tod zur Folge hatte.
— Wiederinbetriebnahme des Frankfurter Ratskellers. Der Frankfurter Ratskeller, der bekanntlich vor einigen Monaten wegen Konkurses des früheren Pächters geschloffen worden war, wird Samstag den 11. Juni unter Leitung des bisherigen Inhabers des „Hotels Bismarck" in Hamburg, Leo Keßler, wieder eröffnet. Aus Anlaß der Eröffnung fand am Freitag abend eine kleine Feier statt.
f = Belgische Minister in Frankfurt. Die belgischen Minister Vandervelde und Huysmans sind am Freitag im Flugzeuge, von Brüssel kommend, auf dem hiesigen Flugplätze eingetroffen, wo sie namens der Stadt i Frankfurt von Bürgermeister Gräf herzlich begrüßt wur- [ "ben. Die Gäste werden an der Eröffnung der Aus- I stellung „Musik im Leben der Völker" teilnehmen.
Technik und verkehr.
— Hauptversammlung des Fulda-Lahn-Kanalbau- vereins. Der Verein für den Fulda-Lahn-Kanal e. V. hält am Dienstag den 14. Juni in Diez a. Lahn eine Hauptversammlung ab und wird anstelle des verstorbenen Landeshauptmanns Dr. Woell einen neuen Vorsitzenden wählen. Gleichzeitig findet eine Besichtigung des Elektrizitätswerkes Cramberg statt.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda
Rund um die Woche.
Die allen Aegypker. — Sensation und Sinn der Welt — Der Flieger und seine Muller. — Lindbergh. und Chamberlin. — Warum die Wirbelstürme? — Englands Höflichkeit.
Die Leute haben gewiß Recht, die sich über die allzu große Sensationslust unserer Zeit beklagen. Es fehlt uns allen in der Tat an der nottoendiaen Ruhe nach getaner Arbeit, und so welr- den wir nervös. Wir können dem Drang nicht genug nachgeben, über das Leben nachzudenken. Die alten Aegypter etwa waren in dieser Hinsicht besser daran. Von Regierungskrisen, europäischen Kriegsschiffen, neugierigen Wanderern und dergleichen merkten sie wenig. Ihr Weltbild wurde bestimmt durch die mächtigen Pyramiden, Sie an Tod und Ewigkeit gemahnten, durch die rätselhafte Sphinx, die von allen Grausamkeiten des Daseins zu wissen schien, von ehrwürdigen Tempeln mit riesigen Säulen und schier unermeßlichen Räumen und von jenen Obelisken, die in ihre: Art auch ein ernstes Sursum corda waren. Sie lebten an den Ufern eines Stromes, der im immer sich wiederholenden Steigen und Fallen Wechsel und Schwermut zugleich verriet, und am Rande der Wüste, die am Tage mit ihren grenzenlosen Flächen, bei Nacht aber mit ihrem funkelnden Sternenhimmel Künderin des Unendlichen war. So sind wir heute nicht. Alles will uns zerstreuen. Alles lenkt uns nach außen. Alles überstürzt sich. Nichts kann hasten. Kein Würzelchen hat mehr Zeit, sich tiefer in die Seele zu senken. Und doch ist es mit jener Klage über die Sensationslust noch nicht getan.
Es offenbart sich nämlich gerade in dieser Sensationslust ein unausrottbares Pedürfnis des menschlichen Herzens. Die täglichen Eindrücke, die uns gewiß verwirren, haben doch auch wieder etwas Langweiliges. Es sind ja meistens nicht Eindrücke von lebenden Persönlichkeiten, sondern von toten Organisationen. Es sind die Eindrücke einer verstandesmäßig geordneten Welt. Sie überraschen nicht mehr. Wir kennen die Kräfte, die in den Motoren wirken. Wir erschrecken nicht mehr über das Rasseln der Propeller. Da regt sich denn der Sinn für das Außergewöhnliche und für das Wunder. Häuser, in denen es spukt, haben eine merkwürdige Anziehungskraft. Im Geheimnis nämlich wohnt das Göttliche. Man darf nie vergessen, daß unsere Zeit, so sehr sie alles rationalisiert, doch auf dem Wege ist, dieses ihr durch alle möglichen Einrichtungen so wundervoll vollendete und auch allseitig vergitterte Gefängnis zu verlassen. Richte dem Mensen die schönste Wohnung ein und ordne nur sein Tun nach Minuten oder gar Sekunden, er wird eben darum hinauswollen in eine S^’aere Weite, denn er hat, wie Goethe einmal e, eine Seele, die wie ein Vöglein in ihm eingesperrt ist, wie ein Vöglein, das hinausfliegen möchte, weit und hoch und immer weiter und immer höher. Das Zeitalter der Aufklärung ist daran, sich nach und nach in ein Zeitalter der Religion zu verwandeln. Das mag mancher nur kopfschüttelnd lesen, aber er soll sich einmal wirklich umsehen im Leben, und er wird mir doch Recht geben.
La, die Ozeanflieger! Ich habe einmal in meiner Jugend mich an einem Goldfischteich herum» getrieben und war in große Lebensgefahr geraten. Aber es ging alles gut. Ms ich aber wieder in Sicherheit war, da hat mich nicht etwa der Bürger» meister empfangen oder gar der König von England, sondern meine Mutter hat mich verprügelt — liebenswürdig verprügelt, wie Mütter das so tun können. Lindbergh war waghalsig, das soll der Mensch nicht sein. Ehe er die unglücklich» Mutter Nungessers tröften ging, hätte er an seine eigene Mutter denken sollen. Mutter eines Fliegers zu fein ist doch immer nicht leicht. Dor
kurzem rief ein Flieger in Frankreich, das Käppchen schwingend, der unten stehenden Mutter zu: „Gleich bin ich bei dir!" Kurz darauf sackte der Apparat infolge eines Windsprunges um 100 Meter ab und zerschellte. Er war bei' ihr als verstümmelte Leiche . . . Lindbergh hatte das Temperament eines Kindes, eines Phantasten. Wenn es gut ging, dann ging es gut, weil er Glück gehabt hat. Anders Chamberlin. Seine Vorbereitungen waren besser. In ihm liegt offenbar et» was mehr Solidität und Gründlichkeit. Natürlich, kommt er doch zu den gründlichen Deutschen. Das ist nun schon mehr als Sensation. Und wieder möchte ich unsere Zeit in Schutz nehmen. Ganz abgesehen von den Fortschritten der Technik, die immer tiefer in die Gesetze der wunderbaren Gotteswelt und des menschlichen Geistes einführen, wie viele echte Werte werden durch solch einen Ozeanflug geschaffen. In seinem erlesenen Sohn grüßt ein Volk das andere, und ein Erdteil den anderen. Es ist eine Tat der Brüderlichkeit, die mehr wirkt, als die beste Rede über die Versöhnung der Menschen. Wo immer in diesem Fabrikdasein von heute noch Menschlichkeit und Persönlichkeit sichtbar wird, da reiche ich auch meinen StraHß.
Dor allem verfolge ich die Sensationen mit großer Andacht, die von der Natur Herkommen und in denen die Hand Gottes selber ist. Den furchtbaren Wirbelsturm, der über Holland und den deutschen Nordwesten hingegangen ist, werden wir so bald nicht vergessen. Entsetzt fragen sich die Menschen und fragen die Menschen Gott selber: Wozu solch ein Unglück? Nun scheint mir'erstens, daß Gott gute Gründe dafür angeben kann — wenn ich einmal mit dem Allerhöchsten rechten wollte —, daß er es für notwendig halte, die Menschen von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, daß die Erde nicht ihre bleibende Stätte sei. Dann -aber sind diese großen Unglücksfälle jedesmal Stationen am goldenen Weg der Liebe, die durch alle Jahrhunderte schreitet. So sind wir einmal: Wir gehen gleichgültig vorüber am Mitmenschen, obwohl jeder unser Bruder ist oder unsere Schwester. Es muß schon das Außergewöhnliche geschehen, es muß dem Nachbarn das Haus einstürzen oder das Dach über dem Kopse weggehoben werden, dann erinnern mir uns feiner. Noch mehr: Man kann sich bei einem solchen Unglück Gedanken machen über die von Gott gewollte Einrichtung der menschlichen Gesellschaft. Staat und Kirche treten hier helfend ein. Wir lasen sogar, daß einige Beamte auf gewisse Gehaltszulagen verzichtet haben, um das Los der Unglücklichen zu erleichtern. Doch nicht diese persönliche Bemühung ist hier gemeint, sondern vielmehr das Glück, daß da ein Staat ist, der einer so schwer geschädigten Gemeinde in solchen Fällen zu Hilfe kommen kann. Es ist einfach nicht wahr, daß der Staat nur eine Ordnungsma- schine ist. Vielmehr haben wir im Staate eine Verbundenheit, die überall da helfend eintritt, wo der Einzelne am Ende seiner Kraft ist. Das Gleiche gllt von der Kirche. Wie gut, daß die Mächte der Gemeinschaft da sind, wenn man verzweifelt vor seinem zerstörten Eigentum steht Wie verbrecherisch sind alle die Anschläge, die gegen die Ordnung der christlichen Gesellschaft gemacht werden. So kann man denn an der Hand eines solchen Unglücks allerlei sehr Vernünftiges denken und sehr Liebevolles tun.
Nimmt man aus diese Weise zu allen Dingen selbständig Stellung, und das kann 'eder, der das Gotteslicht der Vernunft irn Kopfe und das sehende Mitleid rm Herzen hat, fo bildet sich in einem
selbst nach und nach eine sichere Ansicht von der Welt, eine Weltanschauung und ein Charakter. Nun versuch's einmal selber, und mach' dir dein« Gedanken über den Herrn R o s e n g o l tz, der fid unter einem Regen von Nelken und Rosen vor London verabschiedet hat. Wie vornehm doch bi« Engländer einen vor die Türe zu setzen wissen Und wie geschäftlich begründet auch wieder dies« Vornehmheit ist. . . und sorg' dafür, daß tief in der Seele immer eine so ruhige Seele ist, ruhig und ernst wie das Lattd des Nils, der Pyramiden und der Sphinxe und der Wüste und der Sterne. So wirst du ein reiches, immer erfülltes Leben führen . . .
Der Mann im Monde.
Mrm-WMk!
Die Listen
existieren
ffltöie3fnttiini5HWr
nicht!
Vei der Ureistaarwahl am 12. Juni 1927 für den Landkreis Zulda stimmen alle Wählerinnen und Wähler der Zenirumspertet nur für die Lifte Nr. 1 wie folgt:
Kreiölagswahl
1 Zentrumspartei.
Herbett, Schönherr, Vieth, Schüler.
Tagungen.
— Katholische Iugendkagung auf dem Breuberg. Am Freitag begann auf der Burg Breuberg bei Neustadt im Odenwald eine Tagung der katholischen „Neudeutschen Jugend".
— Tagung der deutschen Tierschuhvereine. In Gegenwart von Behördenoertretern und zahlreichen Ehrengästen trat in Darmstadt am Donnerstag der Verband der Tierschutzvereine des Deutschen Reiches zu seiner 18. Jahresversammlung zusammen.
Wie wird das Wetter?
Unsere Witterung wird zur Zeit durch einen flachen Hochdruckrücken bestimmt, dessen Einfluß aber nicht ungestört anhaltep wird. Die Temperaturen steigen zunächst noch a^ doch ist mit aufkommenden Gewitterstörungen zu rechnen.
Aussichten für Sonntag: Wolkig bis aufheiternd, vereinzelt Gewitterregen, Mäßig warm, wechselnde Winde.
^isert^amujedei* Art
Gewerbe und ^ärtdwirltthäft.
*1 fiautttateriahat, Dydarkof- CeittGid M MBH.
SIMtische Sportasse j
1825 Fulda 1825 |
Bahnhofstrasse 5
l Die älteste Sparkasse des Regierungsbezirks | = Mündelsicher =
■iiniiiiiiiniiniiiiiiiniiiiiiiiiiiiininiiiiiiuniiiiiiiiniiHiiiiiiiniiiiiiiiiiiiniiiiniinniiiiiiiiniiiininiiiiiie
Günstige Gelegenheit!
Gasherde geben wir wegen Aufgabe weit unter Preis ab.
M, Kalb Sohnj Buttermarkt
Beachten Sie bitte unsere Schaufenster!
Cafe Hesse
IDas Cafä
Die Conditorei
Täglich Künstler-Konzerte
Da« neue Deutsche Reichsadressbuch liegt zur gell. Einsicht offen.
Besitzer: Gustav Hesse, Bahnhofstrasse II, Tel 222.
Das Rosmschlößchen.
Roman von K a r l S ch 11 l i n g.
Nachdruck verbaten.
7] ----------
Ein Wort vor allem bewegte seine Seele und ließ ihn nachdenklich werden. „Um meiner Schwester willen." Hatte der wilde lauer nicht so gesprochen? Was meinte er?
Stand Mechthild vielleicht gar mit den Wilddieben in heimlicher Verbindung? Nein doch! Fest und be- sttmmt rotes er den Verdacht ab. Dazu waren ihre braunen Augen zu klar ,ihr Wesen zu schlicht, ihr Handeln zu rein.
Nun glitt ein Lächeln über fein Gesicht. Gewiß, sie hatte mit ihrem wilden Bruder über ihn gesprochen, bittend, In ängstlicher Sorge um ihn und sein Wohl. Er hätte ja blind sein müssen, wenn ihm die fast täglichen Beweise ihrer freundschaftlichen Aufmerksamkeit entgangen sein würden.
Ein warmes Mitleid mit dem Mädchen stieg in ihm auf, und dann erfüllte ihn mit einem Male eine große Freude. Wie, wenn er durch sie, die Schwester, den wilden lauer vor dem Schlimmsten bewahren und ihn zum ehrlichen Handwerke zurückführcn könnte!
Dann aber quälte ihn wiederum ein anderes Gefühl. Lauer war Wllddieb, vielleicht der gefährlichste, verwegenste. Wenn er ihm nun einst im einsamen Waldgrunde gegenüberstehen sollte, des Wildsteoels Lbersührt, was bann? —
Die Sonne stand im Verglühen, als Protowska den Wald verließ und durch die Fluren den nur noch kurzen Weg zum Schlosse wählte.
Da tauchte auch schon der Turm des Rosenschlößchens auf, noch von den Scheidestrahlen der Sonne warm umflossen, ja, ein Fenster fing ihren letzten Glanz so reich auf, daß es wie ein funkelnder Rubin dem Wanderer entgegenleuchtete.
Den herrlichen Anblick tief ins Auge fassend, schritt Protowska langsamen Fußes weiter.
Allmählich verblaßte der rosige Schein um den Turm, wnmer schwächer ward der Schimmer des Rubins, bis
endlich auch dieses Fenster dunkel und tot in die Landschaft starrte.
Jetzt stand Protowska am Hinterpförtchen der Mauer, die den mächtigen Schloßpark schützend umschloß. Unwillkürlich machte er halt, und bewundernd ruht» sein Blick auf der Pforte.
Ein kunstfertiger Schmied hatte sie mit geschickter Hand aus einem Stück zähen Eisens geschmiedet und wohl das beste gegeben, was seine Kunst vermochte.
Acht etwas starre Stengel trieben reichlich schmale schwertförmige Blätter, aus denen sich in satter Fülle formenschöne Jrisblüten drängten. In das Mittelfeld des Pförtleins aber war ein Reiher eingearbeitet, der stolz den schlanken Hals reckte. Während das übrige Gitterwerk die schwarze verwitterte Farbe des Eisens trug, hob sich die Jnnenfigur kupferglänzend wie rotes Gold leuchtend heraus. So kam es wohl, daß Herrschaft und Gesinde dieses Psörtlein kurz als „Das goldene Gitter" bezeichneten.
Lange ruhte Protowskas Hand auf der Klinke. Was zögerte er, sie niederzudrücken? Was hielt ihn im stummen Banne fest?
Durch die Stäbe des Gitters bot sich dem Beschauer ein wundersamer stimmungsvoller Tiesblick in einen Teil des alten, säst unbenutzten Schloßparkes. Da standen ehrwürdige knorrige Eichen, hier erhoben sich schlanke, glatte Buchen, dort spreizten sich Birchen mit ihren weißen, rissigen Leibern, und zwischen ihnen wucherte reiches, dichtes Unterholz, aus dem großblütige, dunkelblaue Glockenblumen und seltsam geformte goldgelbe Sonnenmieren nickten. Den völlig ungepflegten Weg Überzogen schon seit vielen Jahren Moospslänzchen mit grünschwellendem Teppich. Und wenn der Wind mit dem Gesträuch spielte und es neckend auseinanderbog, da grüßte aus dem dunklen Laub die halbverwitterte weißgraue Edelgestall der Ceres.
Dazu das rufende Zttpen der jungen Dogelbrut aus den versteckten Nestern, das feine Raunen des Zephyrs, das einschläfernde Plätschern des unfernen Springbrunnens — dem Lauscher schien es, als wollten die Mär- chenttäume {einer Kindheit hier Verwirklichung finden.
Fast mit Ehrfurcht öffnete er endlich das goldene Gitter, und lautlos wandelte sein Fuß auf dem be- moosten Pfade.
Nun trat er in den gepflegten Teil des Parkes, schritt übe rben Tennisplatz, lenkte nach dem Schloß. Hofe und — doch kaum hatte er die dahinführende Tür geöffnet — als ihn in der Mitte des mächtigen Raumes eine Gruppe von Personen lebhaft feffelte.
Hier stand ein Reitknecht. Seine Hand hielt am kurzen Zügel einen gesattelten prachtvollen Goldfuchs, der die Nüstern blähte und unruhig die feinen Ohren spitzte.
Auf seinem glänzenden Halse lag liebkosend die Hand des Barons von Wettenstein, der offenbar hohes Interesse an dem schönen Tiere zu finden schien und mit fast aufdringlichen Worten da» Lob des Goldfuchses dem Hern neben ihm mit dem blasierten, blassen Gesichte — es war der Freiherr von Dalwang — bekundete. Und zwischen ihnen — Eva Marie. Auch sie schien ihre ganze Teilnahme dem edlen Rosse zu schenken, oder galt sie dem Freiherrn an Vaters Seite?
So kam es wohl, daß niemand von den dreien das Kommen Protowskas gewahrte.
Da — eine leichte Wendung. Nun hatte ihn die Baronesse auch schon bemerkt, und sofort überflog eine feine Röte ihr zartes Gesicht. Und der landfremde Mann schien auch nur sie zu schauen, denn lang und fragend tag fein Blick auf ihrem Antlitz.
Im gleichen Augenblick wurde auch der Baron seiner gewahr. Sofort streckte er ihm fast kameradschaftlich die Hand entgegen.
„Willkommen, Protowska! Ihr wollt sicher den Stutzen holen, den ich Euch gestern morgen versprach? Einige Minuten Jeduld."
Doch Protowska schien die ausgestteckte Hand seines Herrn nicht zu sehen und das freundschaftliche Begrü- ßungswort nicht zu vernehmen. Groß, fragenb, erstaunt musterte er den Gast des Barons, der bei der herzlichen Begrüßung den Kopf dem Ankömmling zu- gewandt hatte. Und auch der Freiherr von Dalwang geriet beim Anblicke des Waldwartes in unbeschreibliche Verwirrung. Ein finsterer, ärgerlich effchrockener Zug entstellte fein blasses Gesicht. Kannten sich die beiden Männer schon von früher?
Baron Wettenstein, dem diese sonderbare Pause wohl auffiel, sie aber falsch deutete, wandte sich gefällig seinem Gaste zu und erklärte:
„Feodor Protowska, mein Waldhüter, ein tüchtiger Mann, dem meine Tochter und ich großen Dank schulden. Es ist mir beglückt, ihn in meine Dienste zu stellen."
Mit unsagbarem Hochmut-streifte Freiherr von Dali- roang Protowskas Gestalt. Dann murmelte er höhnisch: „Der Vagabund in Euren Diensten? Glück zu!" „Herr, wäret Ihr nicht der Gast meines Gebieters, an dem „Vagabunden? solltet Ihr mir ersticken! Ich rate Euch, hütet Eure Zunge!"
Dick und schwer lag die Zornesader auf der Stirn des Spielmannes, und heimlich finster blickten feine Augen.
Schneidendes Lachen antwortete ihm.
„Spart Eure Worte, und — schnell aus dem Wege, sonst reitet Euch mein Gaul über den Haufen!"
„Wagt's nur!"
Eisern reckte sich Protowska auf, und so gebietend war sein Aussehen, daß der treue Tyros drohend seinen mächtigen Körper spannte, und den Freiherrn bange Furcht überflog.
In ohnmächtiger Wut knirschten seine Zähne. Dann, indem er flüchtig den Hut lüftete und dem Baron und desse Tochter einen kurzen Gruß zurief, schwang er sich schnell aus den Goldfuchs und riß so heftig in die Zügel, daß das gequälte Tier kerzengerade emporftieg, um nun mit seinem Reiter wie rasend aus dem Schlohhofe zu stürmen.
Eva Marie hatte der kleinen Szene mit schreckens- bleichem Antlitze zugesehen. Während sich ihr Vater mit unwilligem Vorwurfe an Protowska wandte und in hftigen Worten dessen salschen Stolz und aufbrausenden Sinn tadelte — harte Worte, die der Gescholtene mit eisiger Ruhe über sich ergehen ließ — fühlte die Baronesse eine heiße Angst in sich aussteigen.
Mit dem seinen Empfinden des Weibes erkannte sie, die beiden Männer, der Freiherr von Dalwang und Feodor Protowska haßten sich, haßten sich wie Tode feinde. Was mochte zwischen ihnen liegen? Wie sollt» das noch enden?. <Forisetzung folgt).