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Wrelmmmr 10 M- (mit FMr. vtilW 15 Pig.)

Fuldaer Zeitung

7lr. 130

Mtkwoch, 8. Juni 1927

Tschitscherin in Baden-Vaden.

allen

SojialdemKratie iinb christliche Alheiterschast

2Bö: nende

u ver- jter t die ‘^Cr-

Durchgeistigung der Arbeiterbewegung, tei- und des Volkslebens auf.

verlautet, werden die beiden Minister Dienstag mittag zusammen speisen und am Nachmittag eine Besprechung haben.

Anzeiger für die Stadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nc. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.

Mer auch die Zentrumspartei muß in ihren Gliedern klar sehen lernen, daß mit dem, was heute ist, die christliche Arbeiterschaft sich nicht zufrieden geben kann. Deutschland war bis vor wenigen Jahren ein Privilegienstaat zuungunsten der Arbeiterschaft auf fast allen Gebieten. Aus volitischem Gebiete sind diese Privilegien beseitigt. Im Wirtschafts- und Kulturleben sind wir in den letzten Jahren anstatt vorwärts, vielfach rückwärts gegangen. Vor 100 Jahren haben die meisten europäischen Fürsten, trotz der Opfer, die das Volk in den Freiheitskriegen gebracht hat, dem gleichen Volk die Mitwirkung an den Staatsgeschicken vor­enthalten und verweigert. Unterdessen sind wir weit über die damalige Volksforderung hinausge-

Anzeigen.Preise: Kleinzelle (Colonel) lokal 0,15 5UI, auswärts 0,20 5Ut. Reklamezeile: lokal 0,60 5L«,, ifluFQ auswärts 0,80 JUt. Bei Wiederholungen Rabatt. v y

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Jtaliamfierung Subtirols.

Im römischen Senat führte der Unterrichtsmini­ster aus, daß die Jtalianisierung in Südtirol im­mer größere Fortschritte mache. Es existiere n ganz Südtirol keine Mittelschule mehr mit deut« Uscher Sprache. In allen Mittelschulen würde nur Unoch italienisch als Unterrichtssprache gebraucht und M zwar auch in den noch übrig gebliebenen Klassen der I eingegangenen Fremdsprachenschulen. Auch die un- ff teren Klassen des technischen Instituts in Bozen ’■ seien italienisch geworden, ebenso die Klassen des Instituts in Udine. Die deutsche, die slovenische und die kroatische Sprache würden jetzt nur noch UM cts Fremdsprachen gelehrt; als Verständigungs- UfM spräche würde ausschließlich italienisch gelehrt. Zwei Z ^4 deutsche Privatgymnasien hätten ihre Räume ge- e schlossen. Alle Elementarschulen bis zur ersten Klasse einschließlich seien italienisch.

ihrend also das Plenum tagt und oft gäh- Leere im Sitzungssaals herrscht, litzen zahl­reiche Abgeordnete mit Regierungsvertrete m in zahlreichen Sitzungszimmern des Reichstags bei­sammen, formulieren Anträge oder suchen eine Einigung über besonders umstrittene Punkte dir einzelnen Vorlagen herbeizuführen. Diese Verhand­lungstätigkeit der Abgeordneten ist oft viel wich­tiger als das, was die Redner im Plenum des Reichstags zu fagen oder — zu verschweigen Ha­ben. Die wirkliche Arbeit des Parlaments sieht also ganz anders aus, als wie sie der eigentliche Besucher des Reichstags von oben herab festzustel-

artikel in den sozialistischen Gewerkschaftsblättern atmeten denselben Geist. Das war der Hintergrund für die Bildung der christlichen Gewerkscha ten. Von derselben Stunde an, wo wir in Deutschland über das Schlimmste hinweg sind und wo keine starke christliche Arbeiterbewegung mehr existieren würde, würde die politische und gewerkschaftliche Sozialdemokratie auch äußerlich wieder dahin zu- rückkehren, woher sie gekommen und ausgegangen ist. Der Mensch lebt, auf längere Sicht gesehen, nicht vom Brot allein. An den geistigen Grund­lagen des Sozialismus hat sich zudem im Vergleich zu früher nichts geändert. Heute wird lediglich, um die christlichen Arbeiter zu gewinnen, mit der Herauskehrung dieser Grundsätze, etwas zuruckge­halten. Der Emanzipationskampf der Arbeiter« schäft hat nicht nur eine materielle, sondern auch eine geistige und seelische Seite. Die besten Köpfe in der englischen Arbeiterbewegung kom- mn immer mehr zu der Erkenntnis, daß der b!o» ßen Oekonomisierung der Arbeiterbewegung nach­drücklichst entgegenwirkt werden müsse. Hinsicht­lich der geistigen und seelischen Seite des Emanzr- pationskankpfes der Arbeiterschaft, hinsichtlich des Woher und Wohin des Menschen kann der So­zialismus den Ehristusgläubigen Arbeitern nicht mehr bieten als der Kapitalismus, nämlich ger- st i g e und seelische Leere. Im Gegenteil: In der Vergangenheit war der deutsche Sozialismus in diesen Dingen unduldsamer als der Kapitalismus. Was kann denn der Sozialismus dem inneren Men- fchen an Stelle des Christentums bieten? Bei einer Vorherrschaft des Sozialismus im Volks- und Stacüsleben ginge es ähnlich wie in Amerika, wo sich der technische Fortschritt zuungunsten der biologischen Substanz der amerikanischen Kultur vollzieht. Der französische Philosoph Henry Ve:gson bemerkte einmal: Der moderne Mensch habe durch die Technik seine physischen Kräfte vervielfältigt: dabei seien seine seelischen Kräfte anstatt mitge­wachsen, eher verkümmert. Sa führt bloßer äuße­rer Fortschritt ohne gleichzeitigen geistigen und seelischen Wachstumsprozeß zur seelischen Ent­artung und Verwilderung. Sozialisten Kom­munisten wollen nach ihren letzten Pa stärkt um die christlichen und katholi werben. Wohlan: nehmen wir den K

wachsen. Heute haben wir nicht mehr Konstitution (Mitwirkung des Volkes an den Staatsgeschicken), heute haben wir politische Demokratie (Volksherr­schaft). Dor 100 Jahren haben die Fürsten dem Volk die Mitregierung des Staates verweigert; heute verweigert umgekehrt das Bolk den Fürsten die Mitwirkung an den Statsgeschicken. Dieselben Kräfte, die wir im Staatsleben vorfinden, sind auch in der Wirtschaft lebendig. Heute leben wir im Zeitalter der Rationalisierung, der Kartellie­rung und der Vertrustung. Glaubt denn jemand, daß die Arbeiterschaft dauernd diese Dinge über sich ergehen lasse, ohne Einblick in sie und Einfluß auf sie zu erlangen? Die Arbeiterschaft wird nicht eher Ruhe geben, bis der § 165 der Reichsver­fassung, nämlich die gleichberechtigte Mitwirkung der Arbeiterschaft in der Wirtschaft Wirklichkeit geworden ist. Es ist daher ein sehr kleinliches Be­ginnen, sich selbst gegen die paritätische Ausgestal­tung der Handels- Landwirtschafts- und Hand­werkskammern hemmen zu wollen. Solche Dinge hält man nicht auf, sie kommen, wenn nicht recht­zeitig, dann umso elementarer.

Aehnliches gilt auf dem Gebiete des B i l d u n gs- wesens. Der preußische Staat zahlt heute schon für jeden Studierenden jährlich 1655 Mark als Zuschuß zu den Hochschulen aus allgemeinen Staatsmitteln. Die Steuern werden größtenteils aufgebracht von den breitesten Volksschichten. Die Staatszuwendungen für das akademische Studium aber sind im allgemeinen nur Kindern einer dün­nen Bildungsschicht und jenen der besitzenden Schichten zustatten gekommen. Bei sparsamer Le­bensführung der Studenten zahlt heute schon der Staat 60 bis 75 Prozent (es kommt darauf an, ob der Student die Hochschule am elterlichen Wohn­ort oder anderwärts besucht) der Studienkosten. Die Kinder der Arbeiter, der Kleinbauern, der Handwerker usw. werden im allgemeinen nicht dümmer geboren als jene, deren Eltern akademische Bildung genossen oder die sich einen wohlhabenden Vater gewählt haben. Es müssen daher Mittel und Wege gefunden werden, die dem wirklich Tüchtigen aus allen Volksschichten, ohne Rücksicht auf dös Portemonnaie des Baiers die für sie ge­eignete Ausbildung und so das Hineinwachsen in alle führenden Stellen, die Volk, Gesellschaft Staat und Wirtschaft zu vergeben haben, ermög­lichen. Diese Dinge in Verbindung mit der Stei­gerung des Reallohnes und der Entproletari- fierung der Arbeiterschaft, sowie die Ethisierung von Konsum und Produktion, sind es, um die es in den nächsten Jahren geht.- In Kiel wurde als Ziel aufgestellt, die katholische Arbeiterschaft zur Sozialdemokratie herüberzuziehen, während die an­deren Bestandteile der Zentrumspartei ruhig bei der Wirtschaftspartei oder einer Bauernpartei landen könnten. Das will im Zentrumslager ge­wiß niemand. Es müssen daher alle Zentrums­angehörigen die Dinge feben lernen, wie sie sind und ein anderes inneres Verhältnis zur Arbeiter- schäft finden.

In einer großen Zentrumsversammlung in Höxter sprach der Ministerpräsident a. D. Dr. Ste- gerwald, der Abgeordneter des dortigen Wahl­kreises ist, über die politische Lage. Dabei kam er auch auf den letzten sozialdemokratischen Parteitag in Kiel zu sprechen und führte darüber aus:

Auf dem Kieler sozialdemokratischen Parteitag haben die Zentrumspartei im allgemeinen und de­ren Arbeiterwähler im besonderen eine große Rolle gespielt. Dabei kann man nicht sagen, daß das Zentrumsproblem und die christliche Arbeiter­bewegung sehr tief schürfend behandelt worden wären. Herr Abgeordneter Müller-Franken hatte ganz recht, als er gegen mehrere Redner ausführte, daß die gegenwärtige Koalition im Reiche mit hi­storischem und philosophischem Formenkram nichts zu tun habe. Unrechf hatte Müller, a's er meinte, die Zentrumspartei sei bei der letzten Regierungs­bildung dem Drucke des Reichspräsidenten und der Deutschen Volkspartei erlegen. Wahr ist vielmehr, daß die Sozialdemokratie durch ihr vor­jähriges Dezember-Verhalten der Deutschen Volks- partei ihre Gegnerschaft zur Großen Koalition außerordentlich erleichtert hat. und daß im Januar 1927 bei einem anderen Verhalten der Zentrums­partei sehr ernsthaft mit einer Reichstagsauflösung gerechnet werden mußte. Daß die Zentrumspartei die jetzige Koalition nicht gewollt hat, ist begannt. Sie ließ es in der Hauptsache deswegen nicht zu einer Reichstagsauflösung kommen, weil damals die demokratische Partei überwiegend zrgunsten ber Wirtschaftspartei dezimiert worden wäre, wo- durch wir uns in Wirklichkeit nicht nur von. der Weimarer, sondern auch von der Großen Koalition immer weiter entfernt, also das Entgegengesetzte dessen, was auch die Sozialdemokratie gewollt, erzielt hätten. Die Zentrumspartei wäre dann in den entscheidenden Aufbaujahrrn ein Anhängsel von rechts geworden.

Sozialdemokratie und Demokraten fühlen sich bis zu den nächsten Wahlen bei dem gegenwärtigen Zustand, bei dem dieZentrumspartei' im Reiche die Garantie bietet, daß große außen- und innen«

Um Albanien.

Der jugoslavische Geschäftsträger verläßt Tirana.

Agentur Avala meldet aus Belgrad: Der jugo- flavische Geschäftsträger in Tirana hat mit dem gesamten Personal der Gesandtschaft und unter Mit­nahme des Gesandtschaftsarchivs Tirana verlassen, da die albanische Regierung den vor einigen Tagen festgenommenen Dolmetscher der jugoslavischen Ge­sandtschaft nicht fteigelassen hat.

_ Sie italienischen Blätter kritisieren die Haltung Südslaviens in dem Konflikt mit Albanien, ©üb» slaviens expansive und imperialistische Balkanpolitik mache sich immer mehr bemerkbar. Südslavien habe auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen hingearbeitet. „Lavore d'Italia"meint, wenn die Angelegenheit durch Freilassung des verhafteten Dragoman und durch Abschwächung der sübslavi- schen Rote nicht geregelt würde, wäre es möglich, daß Südslavien einen Bandenkrieg in Al­banien unterstütze oder sogar selbst intervenieren könnte. Die Blätter machen darauf aufmerksam, daß bei einer Intervention Südslaviens Albanien nicht alleinstehen würde.

ten vermag.

Sind die Verhandlungen im Plenum des Reichstages zu Ende, so beginnt regelmäßig die Fraktionssitzung. In der Fraktion werden die Zusammenhänge in der Politik wieder herge­stellt. Was in der hohen Politik und in den ein­zelnen Ausschüssen vorgeht und besondere Schwie­rigkeiten bereitet, das kommt in der Fraktion auf die Tagesordnung. Wer regelmäßig die Fraktions- sigungen besucht, ist über alle Fragen im Bilde. So wird es 8, 9, 10 Uhr abends, oft noch viel später, bis der Abgeordnete den Reichstag verlas­sen kann; er ist müde. Am nächsten Tage wieder­holen sich dieselben Vorgänge. Der Abgeordnete muß gute Nerven haben, sonst hält er diese fortge­setzten Anspannungen nicht aus.

Der gegenwärtige Reichstag besitzt tüchtige Ar­beitskräfte. Dieses gilt ganz besonders für die Zentrumsfraktion, die in den wichtigsten Aussthüs- sen sehr gut vertreten ist. Die Gesetzesvorlagen er­fahren wieder eine gründliche Prüfung, Kritik und Durcharbeit. Der Reichstag hat wieder Zeit, sich um die Gesetzestechnik und die „Sprache der Gesetze zu bekümmern. Die Zeit der „Schnellbleiche-Gesetz- gebung" scheint endgültig, vorbei zu sein! Das ist gut so. Je mehr der Reichstag wieder ruhige, sachliche Arbeit leistet,, je mehr er sich auf sein eigentliches Aufgabengebiet beschränkt, je mehr er sparsam wirtschaftet, desto mehr wird auch wieder sein Ansehen wachsen, desto mehr wird auch der planmäßige Kampf gegen das Parlament verstum­men, die systematische Schürung der Abneigung gegen den Reichstag ihre Begrenzung finden und der Gedanke der Diktatur ein Phantasieprodukt bleiben. Es ist in den letzten Jahren viel über den Reichstag zusammengelogen worden, alles mit dem Ziel, mit der wohlfeilen Kritik am Reichstag und parlamentarischen System die Republik selbst zu treffen.

Manches ist noch zu bessern am Parlamentaris­mus und an den Abgeordneten! Berechtigte und sachliche Kritik ist den Letzteren sogar willkommen. Unsere Bitte geht dabin: Schränkt die Reden noch mehr ein. Gebt nicht jedem Abgeordneten einer kleinen Fraktion die gleiche Redezeit wie dem Red­ner einer großen Partei und denkt, daß „in der Beschränkung sich der Meister zeigt".

Vom internationalen Arbeitsamt.

Aus Genf wird gemeldet:

In der letzten Vollsitzung der Arbeitskonferenz Prachen der deutsche Ärbeitervertreter Hermann N ii l k e r (Soz.) und der deutsche Arbeitgebcrver- .reter Kommerzienrat Vogel im Rahmen der Generaldebatte über den Jahresbericht des Direk- ors über Sozialversicherung und über das Pra­llem der Arbeitslosigkeit. Don den übrigen Län» Bern bediente sich auch der Sekretär der estländi- schen Eisenbahngewerkschaft Rukki der deutschen Sprache. Hermann Müller begrüßte, daß nunmehr zum ersten Mal der Jahresbericht auch in deut­scher Sprache erschienen fei. Als grundlegende Neuerung auf dem Gebiete der Unfallverhütung führte er eine Verordnung der ReichLregierung an, wonach es der Sprengstoffabrikation verboten ist, den Achtstundentag zu überschreiten und die Arbeit in Akkord zu vergeben, was eine Bestätigung dafür sei, daß die Arbeitszeit und der Arbeitslohn auf die Unfallziffern einwirken. Er erhob die Forde­rung, daß das Arbeiteamt Wege^zur Vereinheit­lichung der Versicherung und zur Selbstverwaltung dieser Versicherung suche. Kommerzienrat Vogel behandelte das Problem der Arbeitslosigkeit und führte aus, daß die Frage der Umschulung von Arbeitern in einen anderen Bei ick, vor allem aber der Arbeitswechsel von der S'adt auf das Land eine bedeutende Rolle spielt. Hier könne frucht­bringende Arbeit vor allem durch entsprechende Einwirkung der Unternehn^roerbände auf die Ar­beiter geleistet werden Das Ziel aller Arbeits­losenhilfe müsse vor allem die Schaffung produk­tiver Arbeitsgelegenheit sein.

. -politische Rückschläge nicht eintreten, während fie sich unterdessen in Preußen behaglich einrichten können, sehr wohl. Aufgabe der preußischen Zen» trumssraktion wird es sein, diese Behaglichkeit nicht auf Kosten der Gesamtzentrumspartei zum sozialistisch-demokratischen Paradies auswachsen zu lassen. Vor einigen Jahren hat die Bayerische Volkspartei erklärt, daß sie sich in Bayern nicht in eine Linkskoalition einließen; das darf nicht dahin führen, daß die Preußische Zentrumspartei zum Gefangenen der sozialistisch-demokratischen Kooft. tionsmehrheit wird. Die sozialistisch-demokratische Mehrheit des Preußenkabinettts sucht in neuerer Zeit die Reichspolitik auf dem Wege über den Äcichsrat mit sachlichen Verbrämungen plan­mäßig zu durchkreuzen. Sachliche Vorwände las­sen sich bei Kompromißgesetzen, die alle verwund­bare Stellen aufweisen, immer leicht finden. Hier ist Achtsamkeit angebracht. Die Zentrumspartei ist nicht dafür da. um im Reiche sozialistische Tor- betten einzurenken und sich zum Danke dafür von Preußen her sozialistisch - demokratische Knüppel zwischen die Beine werfen zu lassen. Welchen Ein­druck dieses Eegeneinandcrregieren im Auslande macht, das für das deutsche Zuviel- und Neben­einanderregieren ohnehin kein Verständnis auf­bringt und damit diesem Schauspiel die Revision des Dawes-Planes nicht erleichtert wird, liegt auf der Hand.

In Kiel wurde sodann von mehreren Rednern die sozialdemokratische Partei den christlichen Ar­beitern vorgestellt als die Partei für den politi­schen, sozialen und wirtschaftlichen Emanztpaiions- prozeß der Arbeiterschaft; die geistigen und kul­turellen Auseinanderirtziingen solle nan, so meinte der Redner, entsprechend zurückstellen. Damit ist das Gefechtsfeld geklärt. Die polnische und gewerk- fdjaftlidje Sozialdemokratie hat sich in Deutschland vor der Gründung der christlichen Arbeiterbewe­gung geistig und kulturell anders gegeben als heute. Damals war der Hauptlesestoff in den so­zialistischen Gewerkschaftsbibliotheken: Häckels Welt­rätsel. Darwin, Bebels Frau usw. Die Festtags»

Boni Ansehen

Aus parlamentarischen Kreisen gehen uns folgende bemerkenswerte Ausführungen zu:

Der gegenwärtige Reichstag ist besser als fein Ruf! Diese Feststellung kann und muß jede politische Persönlichkeit machen, die das parlamen­tarische Leben und Treiben seit langen Jahren aus eigener Anschauung kennt.

Im Reichstag wird gut und fleißig gearbeitet, jedenfalls viel fleißiger als in den Jahren vor dem Kriege.

Die Kriegs- und Inflationszeiten erforderten schnelle gesetzgeberische Maßnahmen. Ein Gesetz jagte das andere; eine Verordnung die andere. Das Volk in seinen breitesten Schichten wurde g e - setzesmüde; es konnte das „Recht" nicht mehr überschauen; es „kann nicht mehr mit!" Das An­sehen des Reichstags litt unter dem Uebermaß der gesetzgeberischen Arbeiten. Bedingt war diese Ent­wicklung durch die während des Krieges notwen­dig gewordene Zwangswirtschaft vieler Le­bensmittel und Bedarfsartikel.

Inzwischen hat der Reichstag den größten Teil der Notgesetze abgebaut und auch die Wahmings- zwangswirtschaft wird und muß noch fallen. Eine zu weitgehende „Verwaltung" der Menschen rnd Einrichtungen empfindet das Volk als eine Last. Das darf sich vor allem auch die Sozialdemokra­tische Partei merken, deren politische Vertreter be­müht sind, möglichst das ganze öffentliche Leben in Paragraphen fest zulegen.

Die Gesetzgebung der Kriegs- und Inflations­zeit litt unter der Unfertigkeit und Vielseitigke t. Das Volk schimpfte auf den Reichstag und die Ab­geordneten, rief nach dem Diktator, nach dem starken Mann, nach einem anderen Wahlrecht und wollte nur das Eine nicht einsehen, daß all das Herbe, das hinter uns liegt, mit dem verlorenen Weltkrieg ursächlich zusammenhängt.

Hinzu kommt aber auch, daß in weiten Kreisen unseres Volkes nur recht dürftige Vorstellungen über die Tätigkeit der Abgeordneten vorhanden sind. Die Presse ist bei der ungeheuren Inanspruch­nahme auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und im besonderen durch die Vielseitigkeit der par­lamentarischen Vorgänge garnicht mehr in der Lage, Ne Qesfentlichkelt über die parlamenlarisch-.it Vorgänge und ihre Zusammenhänge in aller Aus­führlichkeit und Gründlichkeit aufzuklären. Hinzu kommt, daß gerade im Reichstag die hauptsächlichste Arbeit in den A u s s ch ü ss e n oder Kommissionen geleistet wird. Wer an einem fogenonnten „füllen Tag" nach Berlin kommt und von der Tribüne des Reichstags aus die Vorgänge im Sitzungssaal verfolgt, bekommt einen schlechten Eindruck vom Reichstag. Da steht ein Redner am Rednerpult, und es hört ihm scheinbar oder auch tatsächlich saft niemand zu. Die Abgeordneten unterhalten sich oder schreiben Briefe oder haben in der Wandel­halle Besuch; sicher ist, sie'hören dem Redner nicht zu! Warum nicht? Das ist zunächst für manche Abgeordnete eine geistige und körperliche Unmög­lichkeit! Jedermann prüfe sich selbst! Wer einer Versammlung beiwohnt, die vier bis fünf Stunden dauert, der hat „genug" gehört, will nichts roe-ter mehr wissen! So geht es den Abgeordneten eben auch. Ihr Tagespensum sieht vielfach wie folgt aus:

• Morgens mindestens zwei Stunden Vorbespre­chungen oder Erledigung der Post; Einsickstnahme in die Drucksachen usw. Don 10 Uhr ab Ausschuß­sitzungen, die sich bis ein Uhr ober auch zwei Uhr hinziehen, je nachdem das Plenum beginnt. Hier

vom politischen Zaustkampf.

Anläßlich des Roten Frontkämpfertages kam es in Berlin zu verschiedenen kleinen Zwischenfällen. Im Zentrum Berlins wurde ein Polizeioffizier, der die Roten Frontkämpfer aufforderte, statt auf den Straßenbahnschienen rechts zu marschieren, be­schimpft und tätlich angegriffen. Die Polizei machte von dem Gummiknüppel Gebrauch und nahm sechs Personen fest. Am Bülow-Platz kam es ebenfalls zu tätlichen Angriffen gegen die Polizei. Der Auf­forderung eines Polizeioffiziers, die Musik ein« au ft eilen, wurde erst nach Androhung von Waffengewalt Folge geleistet. Als ftrrz daran: wiederum gegen diese Anordnung verstoßen wurde, mußte die Polizei, als die Menge auf diese ein- drängte und sie mit Steinen bewarf, den Platz mit Gummiknüppeln räumen und sieben Personen festnehmen. ________________________

Die neue rumä'n sche Regierung.

Ans Bukarest wird gemeldet:

Die neue Regierung ist durch die Ernennung von Popovici, Iunian und Halippa zu Ministern und von Severdans zum Unterstaatssekretär gebil­det. Das Parlament wurde aufgelöst und soll am 7. Juli neugebildet werden, um am 17. Juli wieder zusammenzutreten. Der Ministerpräsident gab der Presse programatische Erklärungen ab, bei denen er unter anderem betonte, daß die neue Regierung entschlossen fei, die verfassungsmäßigen Bestimmungen hinsichtlich des Thrones und der Dynastie zu verteidigen.

des Reichstags.

in den Ausschüssen wird nun angestrengt gearbei­tet; hier wirken die Arbeitsbienen des Parlammts. Dann Mittagessen! Schon hat das Plenum be­gonnen. Die vielen Abgeordneten, die eben von den Ausschußsitzungen kommen, öaben keine beson­dere Eile, ins Plenum des Reichstags zu kommen, zumal nach dem Mittagessen schon weitere Ver­handlung unter den Regierungsparteien oder mit der Regierung ober mit cer Opposiüon festgesetzt sind. Diese Zwischenverhandlungen sind notwendig, um am folgenden Tag in den offiziellen Ausschuß­sitzungen vorwärts zu kommen

Tschitscherin ist im Auto mit seinem Sekretär in Baden-Baden eingetroffen und hat im Hotel „Hol- ff land" Wohnung genommen. Besprechungen zwi­schen Reichsaußenminister Dr. Streiemann und Tschitscherin haben noch nicht stattgefunden. Wie