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Ä& binselmmmer 10 M. (mit Wstr. Beilage 15 Pfst.)

FuldaerZertung

____Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 124.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.

Dienstag, 31. Alm 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 5Ut, auswärts 0,20 5UL Reklamezeile: lokal 0,60 5Ut, auswärts 0,80 5Ut. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr.' 4051.

54.Zahrg.

Die russische Antwortnote. | Die vreimächte-Uonferenz.

(Eine Schandtat.

Scharfe Sprache.

„Die russische Regierung hat dem englischen Ge­schäftsträger Peters folgende von Litwinow unter­zeichnete Antwortnote überreichen lassen.

Die Sowjetregierung hat von dem Inhalt der dem Geschäftsführer zugestellten Note Kenntnis ge­nommen, in der mitgeteilt wird, daß die Regie­rung Englands das Handelsabkommen von 1921 aufgibt und die diplomatischen Bezie­hungen zwischen der Sowjetunion und Groß­britannien ab bricht. Dieser Beschluß ist der Sowjetregierung nicht unerwartet gekom­men. Sie weiß schon längst, daß der Ab­bruch der Beziehungen zur Sowjetunion durch die ganze Politik der jetzigen britischen kon- servativen Regierung vorbereitet wurde. Die Sowjetregierung weist noch einmal entschieden alle Beschuldigungen, daß sie jemals das Abkommen von 1921 verletzt hätte, als vollkommen un­erwiesen und durchaus unbegründet zurück. Die einzige Quelle dieser Beschuldigungen ist, wie dies mehrmals vollkommen unwiderlegbar erwie­sen wurde, eine gewissenlose Information, die aus .anrüchigsten Quellen russischer Emigranten gefchopst wurde, und gefälschte Dokumente, mit denen me britische Regierung während der ganzen Dauer der Aufrechterhaltung der Beziehungen zur Sowietregierung gern zu operieren pflegt.

Die Ergebnislosigkeit der Durchsuchung der Han- delsdelegation, die mit größter Sorgfalt einige Tage lang ausgeführt wurde, ist der beredteste Be- we.'s. für die Loyalität und die Korrektheit der «offiziellen Agenten der Sowjetunion. Die Sowjet» regrerung übergeht die Unterstellung brit'scher Mi- Nister über eine Spionage der Handelsdelegation PI * t Dera chtung und hält es für unter 1 l> re r Würde, auf sie zu antworten.

Es ist in der ganzen Welt vollkommen klar, dag der Hauptgrund für den Bruch das Fiasko der Politik der konservativen Regierung in CYina ist und der Versuch, dieses Fiasko durch eine Diversion gegenüber der Sowjetunion zu ver- schleiern, ferner daß der unmittelbare Anlaß der britischen Regierung ist, die öffentlick)- Meinung von der Ergebnislosigkeit des unsinnigen Heber- faHes der Polizei auf die Arcos und die Handels­delegation abzulenken und den britischen Minister des Innern aus der skandalösen Lage herauszu­helfen, in die er infolge des Ueberralle, geraten ift.

Die Völker der Sowjetunion und ihre Regie- gierung hegen keine Feindschaft gegen die Völker bes britischen Reiches, mit denen sie nor- male und freundschaftliche Beziehungen unterhail- ten wollten. Dies ist zweifelsohne auch der Wunsch der Völker des britischen Reiches. Diese normalen Beziehungen wünscht und wünschte die gegenwär- trge britische Regierung jedoch nicht. Die britische Regierung zieht dem System normaler Beziehun­gen das System der Gewalttätigkeiten und der Feindschaft vor. Sie Hot sich zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen, für den sie die ganze Verantwortung übernehmen muß in vollem Bewußtsein der Erschütterung entschlossen, die dieser Bruch unvermeidlich in den bestehenden politischen und wirtschaftlichen internationalen Be- Siebungen Hervorrufen wird. Sie mußte missen, daß der Bruch das wirtschaftliche Chaos, das Europa nach dem Weltkriege noch nicht über- wunden hat, verschärfen und der Sa Hs de; Frie­dens einen schweren Schlag verletzen wird. Sie hat sich jedoch zu dieser Handlung entschlossen, in­dem sie die Interessen breiter Massen des britischen Reiches, selbst der britischen Industrie opferte.

Die Sowjetregierung nimmt von diesem Akte in der vollen Ueberzeugung Kenntnis daß es nicht allein von den werktätigen, sondern auch von allen fortschrittlichen Elementen der ganzen Welt ver­urteilt werden wird. Sie spricht zugleich die Heber- zeugung aus, daß die Zeit nahe ist, wo das bri- tische Volk die Möglichkeit finden wird, fein Stre­ben nach Frieden und Wiederherstellung her nor­malen, freundschaftlichen Beziehungen zu den Völ­kern der Sowjetunion unbehindert zu verwirk­lichen.

Die Abreise der Russen aus London.

ES verlautet, daß der russisch« Geschäftsträger Rosengoh England nicht vor zwei bis drei lagen verlassen werde. Eine Anzahl lüften und Koffer aus dem SowjethauS ist an Doro eines russischen Dampfers geschafft worden, der auch eine Anzahl von Sowietbeamten nach Rußland bringen wird. Das Schiff, das am Dienstag abfahren soll, wird »cm der Polizei sorgsam bewacht. In einer von dem Vorsitzenden der russischen Handelsdelegation Khintschuk abgegebenen Erklärung heißt es: Mäh- rend die Arcos-Gesellschaft und die staatlichen Sow­jetorganisationen, die in England tätig waren, ihre Tätigkeit einstellen, wird die Arbeit solcher Organi­sationen, wie der russisch-britischen Getreide- exportgesellschaft, und ähnlicher Hnterneh» mungen fortbau em, wenn keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.

e

Der russische Außenkommissar Tschitscherin ist, aus Paris kommend, in Frankfurt a. M. eingetrof­fen. Er hat sich wieder in ärztliche Behandlung be­geben, um die vor mehreren Monaten begonnene Kur fortzusetzen.

politischer Kampf in polen.

wtb. Warschau, 30. Mai. (Eia. Funkm.) Der oberste Rat der polnischen sozial-demo­kratischen Partei hat beschlossen, gegen die gegenwärtige Regierung in Opposition zu treten. Tie begründet diesen Schritt mit der ausgesprochen kapitalistischen Politik dieser Regierung, mft den von ihr angewandten politischen Repressiv- Maßnahmen und der mangelnden Jnittattve in bet Minderheitsfrage. Die Sozialdemokra- ten fordern Neuwahlen auf Grund des jetzigen Wahlsystems.

In mehreren Konferenzen zwischen Kellog und dem amerikanischen Gesandten in Brüssel ist ein eingehender Plan für die E i n s ch rü n k u n g d e r Flottenrüstungen ausgearbeitet worden, der erst bei Beginn der Dreimächtekonferenz be­kannt gegeben werden soll.

Die Dreimächte-Konferenz beginnt am 20. Juni.

* Der Reichspräsident stattet den Städten Ham­burg und Kiel zurzeit einen Besuch ab. Er wurde überall freundlich von der Bevölkerung be­grüßt.

* Glückwünsche des preußischen Rlinisterprüfl- denken an den kardinalskaalssekrekär. Wie her amtliche preußische Pressedienst mitteilt, hat der preußische Ministerpräsident Braun an den Kar­dinalstaatssekretär Gasparri in Rom folgendes Telegramm gesandt: „Eurer Eminenz spreche ich zugleich namens des preußischen Staatsministe­riums zum goldenen Priesterjubiläum sowie zur Vollendung des 75. Jahres Ihres arbeite- und er­folgreichen Lebens die wärmsten Wünsche aus."

* Manifest dec portugiesischen Regierung. Wie Havas aus Lissabon berichtet, gibt die Regierung in einem Manifest einen Heberblick über die seit der Revolution vom 28. Mai 1926 auf allen Gebie­ten durchgeführten Reformen. Als Zukunftsauf­gaben werden genannt: Währungsstabilisierung, Konvertierung der inneren Schulden, Herabsetzung der Effektivbestände des Heeres, Abschluß eines Schiedsgerichtsvertrages mit Spanien, Beibehal­tung her portugiesischen Kolonie Macao in China, Vereinfachung und Herabsetzung der Häfentarise für ausländische Schiffe, die portugiesische Häsen anlaufen. In den portugiesischen Kolonien soll die Arbeit der Eingeborenen neu geregelt werden und in Portugal selbst der Weinbau beschränkt werden, um den Getreideanbau zu erweitern.

Eine Reichsslagge in München von Rationalisten verbrannt.

Anläßlich einer Zusammenkunft des Reichs­banners, an der auch Reichskanzler a. D. Dr. Wirth und Oberpräfident Hörsing teilnahmen, war auf dem Gewerkschaftshaus in München die schwarz-rot-goldene Reichsflagge ge« hißt worden. Gegen 10 Hhr abends erlosch plötzlich die Straßenbeleuchtung, und die Fahne ging in Flammen auf. Der „Montags-Post" zufolge kommt als Täter ein junger Mann in Windjacke in Frage, der an der Dekoration des Hauptportals emporgeklettert war, die Fahne mit Benzin be­spritzt und sie dann angezündet hatte, während ein Komplize das sAbblenden und Wiedereinschalten der Straßenbeleuchtung besorgte.

Wahlen in Bulgarien.

wtb. Sofia, 30. Mai. (Eig. Funkm.) Die gestri­gen Kammerwahlen verliefen überall im Lande ruhig und in voller Ordnung. Eine Anzahl der bis jetzt bekannten Wahlergebnisse ergeben die Mehrheit der Regierung.

China.

Chinesischer Protest gegen das Eindringen japani­scher Truppen in Schantung.

wtb. Schanghai, 30. Mai. (Eig. Funkm.) Der nationalistische Kommissar für äußere Angelegen­heiten hat bei dem Japan. Generalkonsul Ver­wahrung gegen das Eindringen japanischer Trup­pen in die Provinz Schantung, das er als eine unberechtigte, weil unzeitgemäße und ungesetz- mäßige Handlung bezeichnet, eingelegt. Der Ge­neralkonsul versprach, den Protest nach Tokio zu übermitteln

Frankreich und die komMnistiiche Propaganda

kann aber indirekt aui

ich zur Folge haben, daß sie manche Ration für die Forderung nach europäischer Solidarität empfänglicher macht. Vielleicht über­zeugt sie auch gewisse Staaten von dem Irrtum, der begangen wurde, als man die besiegten Län­

der von jeder Teilnahme an den Aufgaben der Kolonisation abschloß. Das Gemeinschaftsgefühl in der europäischen Pölkerfamilie kann wirksamer und fester werden, wenn die Verantwortlichkeit gleich­mäßig verteilt wird.

Der Kommunismus ist bereit, aus allen Irr­tümern Europas feinen Vorteil zu schlagen; die Gefahr in diesem Sinne steht außer Zweifel. Zwei rivalisierende Einflüsse ringen um die ungeheuren Massen der farbigen Völker. Der Sieg wird nicht einfach eine Frage der materiellen Macht sein, sondern immer mehr und mehr eine Vertrauens­frage. Es wird darauf ankommen, daß das kolo­nisierende Europa das Vertrauen der kolonisierten Völker erringt, indem es feine Methoden den neuen Bedingungen des kolonialen Lebens anpaßt und indem es bei feiner Arbeit die Intel essen her Kolonisierten nicht weniger berücksichtigt, als die Interessen der Kolonisatoren. Geschieh! das nidjt, so wird der Kommunismus mit seiner revolutio­nären Propaganda und seiner Aufteizung zu Re­volution die furchtbarsten Verwüstungen anrichten.

*

Zu dieser, wie schon eingangs erwähnt, aus französischer Quelle stammenden Prefsedarftellung sei unsererseits noch bemerkt, daß wir schon im Frühjahr 1926 an dieser Stelle darauf hingewie­sen haben, daß in Italien eindringliche Erwägungen darüber gemacht werden, daß bei einer italienisch- französischen Auseinandersetzung eine Art innere Zersetzung Frankreichs durch den Kommunismus ein ideeller Bundesgenosse Italiens sein werde. Man rechnete damals schon in Italien damit, daß Frankreich durch innere kommunistische Einflüsse zum Teil durchsetzt und zersetzt, einen kräftigen Widerstand nicht in vollem Umfange werde leisten können. Im Nachgang zu solchen Darlegungen haben ttvir vor kurzem wiederum an dieser Stelle ausgeführt, daß sich Italien in Tunis des Mittels bedient, den natürlichen Gegensatz zwischen den „armen" Einheimischen, den Berbern, sowie den „armen" italienischen Landarbeitern einerseits und den „reichen" französischen Großgrundbesitzern an- dererfeite scharf hervorzukehren, um auf diese Art nationale Irredenta durch soziale Klassengegen­sätze zu betreiben. Auch hierin sind die Vorläufer einer systematischen bolschewistischen Propaoanda und Agitation durchaus zu erkennen — Wie im Innern Frankreichs die Frage des Kommunismus steht, kann zur Zeit mit Sicherheit kaum beurteilt werden: in den nordafrikanischen Kolonien, die das italienisch-französische Streitobjekt bilden, ist les aber unverkennbar, daß gerade vom Faschismus eine Abart kommunistischer Instinkte geweckt wird, die einer Zündekraft und Fernwirkung nicht ent­behrt.

Die englische Aktion gegen die Sowjetpro­paganda lenkt die Blicke auch auf die Lage in den anderen Ländern. Es ist sicherlich kein zufälliges Zusammentreffen, daß gerade äugen- blicklich in Frankreich eine verstärkte Ab­wehrbewegung gegen die kommunistische Agi­tation die sich vorwiegend in den französischen Kolonien bemerkbar macht, eingesetzt hat. ' Man wird wohl auch nicht fehlgehen in der Annahme, daß bei dem kürzlichen Staatsbesuch des französischen Präsidenten in England gerade die gemeinschaftliche Bekämp­fung der Sowjetpropaganda Gegenstand ein­gehender Erörterungen war. Aus diesem Ge­sichtspunkt heraus sind nachstehende Darle­gungen, die aus französischer Quelle stammen, recht bemerkenswett.

Zur Frage des Kommunismus in Frankreich Hot hie französische Regierung eine sehr klare Stel­lung gezogen, als Innenminister Sarraut aus Con­stantine in Algier einen Alarm ruf sandte: „Der Kommunismus — das ist der Feind!"

Ist daraus zu schließen, daß Frankreich von einer revolutionär kommunistischen Propaganda bedroht ist?

Es ist richttg, daß die Kommunisten sehr aktiv auftreten und Wahlerfolge davontragen könnten; es ist auch richtig, daß der Einfluß,' den kommu- nisttsche Organisationen auf die Reservisten des Heeres auszuüben suchen, einen befcnbern Erlaß des Innenministers an die Präfekten notwendig machte. Sonst ist aber Frankreich wahrhaftig kein Boden für eine „Diktatur des Proletariats" und wird es auch nie fein.

Der Franzose ist seinem Temperament noch ein Mißvergnügter, ein Frondeur. Menn er miß­vergnügt ist, knurrt er. In kritischen Epochen hat er stete geknurrt, und er wird auch stets knurren. Schon das Kaiserreich unter Napoleon hat seine „grognards". Sie knurrten, aber sie marschierten immer, wie die Geschichte meldet.

Auch der Franzose von heute knurrt; der kleine Rentier, der kleine Kaufmann, her kleine Beamte — diese ganze so intereffante Mittelklasse, die ocn den Kriegsfolgen am meisten betroffen wurde. Diese Klasse ist — mit Recht ober Unrecht — her Meinung, daß die verschiedenen Regierungen ihr»n Pflichten nicht nachgekommen sind. Viele dieser Hnzufriedenen stimmen mit der extremsten Opposi­tion, also mit dem Kommunismus. So erklären sich die Fortschritte dieser Partei.

Diese Hnzuftiedenen sind aber weit davon ent­fernt, Kommunisten zu sein. In den meisten wohnt die Seele bes Kleinbürgers, bes kleinen Grundbesitzers. Der Verdruß allein treibt diese friedfertigen Seelen bis zu revolutionärem Groll. Mit der kommunistischen Doktrin haben sich nichts zu tun. Sobald die Krise oorübergebt, — die Tendenz ba3u ist vorhanden — wird ihr eigent­liches Gesicht austauchen. Hier liegt also keine Hrsoch« zur Beunruhigung.

Die kommunistischen Führer sind sich dessen vollkommen bewußt. Sie hüten sich daher in vie­len Gegenden, einen integralen Kommunismus zu predigen und das Privateigentum anzugreifen, da­mit sie die Sympathien der Bevölkerung gewinnen und Stimmen fangen. In einem Departement bei Poris verkünden die kommunistischen Redner schon, daß sie alle Vermögen unter einer Million Fran­ken respektieren werden, wenn sie zur Macht kämen!

Eine innere Gefahr bedeutet der Kommunis­mus in Frankreich nicht. Das Gleiche gilt aber nicht für auswärts. In feiner Rebe in Constantine hat Sarraut bie Bedrohung her Kolonien durch den Kommunismus klar enthüllt.

In Afrika wie in Asien erwacht der Nationalis- mus und versucht, bie Lasten abzuschüttekn, bie ihn brücken.. Die offen Formeln her Kolonialpoli- tik sind verjährt, die Kolonialoölker forbern ihre I Rechte.

Sarraut sieht diese Entwicklung mit aller Schärfe. In Constantine sagt er: „Die Koloniali­sierung ist für Frankreich nicht mehr eine Handels­operation, sondern in der Hauptsache ein Werk derHumanität. Dieses Werk müsse weiter verfolgt werden, „durch Vereinigung und Zusammenarbeit mit den Russen, die von Kolonialmächten regiert werden.

Der internationale Kommunismus mit feinem Herd in Moskau bemüht sich aber, aus den kolo­nialen Schwierigkeiten eine Schlinge für bie euro- Öen Staaten zu drehen, in der Hoffnung, sie

: erdrosseln zu können. Im fernen Osten sucht er seine Rache gegen den Westen. Aus dem Ge­biete der Kolonien glaubt er, das alte Europa an der Wurzel fassen zu können.

Diese zersetzende Aktion bes Kommunismus

Eine neue Inflation?

Von einem wirtschaftlichen Mitarbeiter.

Auf ben Straßen Berlins wirb zur Zeit eine Schrift verbreitet, in welcher mit dicken Lettern der Beginn einer neuen Inflation angekünbigl wird. Um das Flugblatt erst recht interessant zu machen und um die die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zu lenken, erscheinen in großen Schlagzeilen Titel, in denen von einer Gefährdung her Spar­kassen- und Bankguthaben gesprochen wird.

Es ist klar, baß bas Wort Inflation ben In­begriff aller Schrecken für uns bebeutet, nachdem wir die furchtbaren Bedrängnisse der damaligen Inflationszeit am eigenen Leibe erfahren haben. Aber es ist geradezu verbrecherisch, wenn nunmehr immer wieder aus gewissen Kreisen und Gruppen heraus in dieser eben gekennzeichneten Weise Stimmung gemacht und das Publikum in Angst gejagt wird. Hier sollten bie zuständigen Stellen mit aller Unerbittlichkeit eingreifen.

Noch niemals hat es einen Krieg gegeben, naid) welchem her Geldwert dieselbe Höhe behalten hätte, wie sie vor dem Kriegsbeginn war. So ist auch der Goldwert, aber nicht nur in Deutschland, son­dern international, erheblich, ja teilweise um efn volles Drittel gesunken und demgemäß sind auch bie Preise entsprechend gestiegen. Auch das ift eine internationale Erscheinung. Peinlich wirken natürlich bei dieser Situation die Preiserhöhungs- tendenzen in Deutschland, und umso empfindlicher muß diese Wirkung sein, je mehr an selchen Er­höhungen sich auch bie staatlichen und Reichsunter­nehmungen beteiligen. So kann nicht geleugnet werden, daß bie neuen Portoerhöhungspläne her Reichspost sehr ernste Bedenken haben, bie sich ins­besondere auf die Erwägungen zum Schutz des Preisniveaus vor weiterer Erhöhung stützen. Aber andererseits macht bie Reichspost und wiederum mit triftigen Gründen geltend, baß sie ja in der Tat ihre Gebühren dem gesunkenen Geld- und Golbwett noch nicht angepaßt habe. Das trifft tat. sächlich zu. aber troßbem haben alle Preiserhö- hungstenbenzen her öffentlichen Verwaltungen, na­mentlich wenn dazu auch noch Erhöhungen her Ta. rife für die Reichsbahn kämen, ihre ernsten Ge­fahren.

Das alles hat aber mit einer neuen Inflation nichts zu tun. Und erst recht kann keine Rede fein, wie es in der oben gekennzeichneten Flug­schrift geradezu frivol ausgedrückt wirb, daß bie Sparkassen- und Bankguthaben gesährbet wären. Gerabe um die Währung zu halten und um keine Gefährdung der in her neuen Reichsmark gemach­ten Anlagen herbeizuführen, hat ja bie Reichsbank ihre ernsten unb auf bie Börse so nachhaltig mir- kenben Maßnahmen getroffen. Unb wie notwen­dig unb wichtig diese Maßnahmen waren, zeigt ja mit aller eindringlichen Deutlichkeit der letzte Reichsbankausweis. Daraus ergibt sich, baß der Devisenstand her Reichsbank wiederum sehr ftart sich verringert hat unb baß herüber hinaus die Reichsbank ihre im Auslanbe ruhenben Golbbe- ftänbe um weitere 32 Millionen Hai ermäßigen müssen. Außerbem Hai bie Reichsbank neuerdings zwei Millionen Dollar, also über acht Millionen Goldmark in New York an esfekttvem Gold abge­ben müssen unb bamit ist das ganze Golb-Devot her Reichsbank in New York nun aufgeloft. Die Deckung der Noten durch Gold und Devisen hat sich zwar um eine Kleinigkeit gebessert, >st jedoch noch im Verhältnis zu der Gesamtentwicklung durchaus nicht befrtebigenb. Ein Gegengewicht durch eine Erhöhung her Zinsspanne, die sich er­geben hätte, wenn bie Dank von England ihren Dis­kont ermäßigt hätte, ist nicht gegeben, iw Gegen- . teil, eine berartige Erhöhung ist vorläufig über­haupt nicht zu erwarten, nachbem bie Dank von England sich selbst genötigt sieht, augenblicklich effektives Gold in größerem Umfange abzugeoen.

Die Geldmarktlage ist gegenwärtig so unüber­sichtlich, wie sie seit einem Jahre nicht gewesen ift. Sie ist aber auch im innersten Kern unausgegli- chen und unsichtbar, und hier liegen ganz zweifel­los- Gefahrenpunkte. Diese Situation färbt natur­gemäß auch auf die Börsenlage ab, bie gegenwärtig heftigen Ähwankungen unterworfen ist, bie aber eine nach abwärts neigende Grunbtenbenz zeigt. Darüber können gelegentliche eintägige Kursbesse- rungen auf bestimmten Marktgebieten nicht hin- wegtäuschen. Die Abwicklung der (Engagements, namentlich derjenigen, die durch die „schwarzen Börsentage einen Nervenschock erlitten haben, ift auch jetzt noch nicht vollständig vollzogen. Die Spekulation vollzieht andererseits keine neuen En- gagemente, weil sie kein allzu großes Vertrauen mehr dazu hat, daß Kurssteigerungen in nennens- wertem Umfange in absehbarer Zeit sich ergeben mürben. Das Publikum selber ist nervös, soweit es noch Effektenbesitz hat, anbererseits verängstigt, und deshalb nicht dazu zu bringen, neue Orders einzugehen. Die Rentierungslpanne zwischen den Effekten und den festverzinslichen Papieren hat sich neuerdings etwas verengert, so zwar daß an­gesichts der gesunkenen Kurse die Effekten eine Kleinigkeit höhere Rentierungsmöglichkeiten er­geben. Es ist beachtlich, daß in solchen Zeiten, in denen bei ruhiger und vorsichtiger Disposition mit allerdings vollständig freien Geldern Geschäfte zu Anlagezwecken geroinnbrigenb unternommen werden könnten, eine absolute Lethargie, eine au­ßerordentliche Lustlosigkeit dem ganzen Geld- und Börsengeschäft ben Charakter gibt.

Die letzten Dinge an her Börse haben Gefahren aufgezeigt, bie, wenn man ihnen nicht rechtzeitig begegnet wäre, allerbings zu einer Krisis für un­ser gesamtes Geldwesen unb damit auch für un­sere Währung sich hätten auswachsen können Die Dinge sind auch heute noch nicht vollkommen be- orbriet unb bie Geschäftsentwicklung an her Börse ist auch heute noch nicht normal. Alle politischen unb wirtschaftlichen Kräfte in Deutschland, denen daran liegt, daß wir wirklich nicht wieder in einen Strubel hineinkommen, wie er burch bas furchtbare I Wort: Inflation gekennzeichnet ist, werben darin