Fuldaer Zeitung
2. Bla 11.
Druck der Fuldaer Aciiendcuckerei, Fulda
JV» 121.
Donnerstag, 26. Mal 1927.
Oie Zukunft des transozeanischen Verkehrs.
Von Eitel K a p e r-Wilhelmshaven.
Anmerkung der Schristl.: Angesichts des gelungenen Versuches des Amerikaners Lindbergh, den Ozean im Flugzeug zu überfliegen, verdient dieser Artikel besondere Beachtung.
Heute vor vierzehn Jahren schienen wir vor der endgültigen Regelung dieses Problems $u stehen. Vor vierzehn Jahren! Man könnte meinen, daß diese ungeheure Verzögerung des Fortschrittes allein dem Weltkrieg und seinen unabsehbaren Folgen zuzuschreiben wäre. Doch stimmt das nicht völlig. Denn selbst 1914, als wir immerhin schon achtbare deutsche Luftschiffe von Zeppelin, Schütte- Lmn und Parseval besaßen — die Flugzeug« spielten allerdings für den zukünftigen atlantischen Verkehr noch eine untergeordnete Rolle — galten alle Pläne, den Weltverkehr anders zu regeln, als durch Schnelldampfer und Frachter, als unausführbar. Außerdem hatte damals die Schiffahrt vielleicht überhaupt ihreft Höhepunkt mit den Riesen „Bismarck", „Vaterland" und „Imperator" von nahezu je 60000 Tonnen erreicht. Ihre Stellung erschien unanfechtbar. Was aus den Dampfern an Schnelligkeitsrekorden herauszuholen war, geschah. Einige Ueberspannungen bei den verschiedenen „Windhunden des Ozeans" erwiesen sich als unzweckmäßig für die Sicherheit des Riesenver- kehrS von einem Festland zum andern. Dem Problem eines transatlantischen Luftverkehrs sah man allgemein mit dem gleichen Sensattonshunger entgegen wie dem Projekt eines Tunnels Cherbourg- Newyork, ohne; es jedoch ernst zu nehmen.
Der Krieg wurde besonders auf dem Gebiet der Luftfahrt ein harter, aber guter Lehrmeister für alle Nationen. Aus den „Pappschachteln" Bleriots wurden Riesenftugzeuge, die schon außer der Bewaffnung etwa acht Mann an Bord nahmen. Die Luftschiffe vollends wurden durch solche-Strapazen wie die Aftikafahrt und di« 80-Stunden- Fahrt zu vollgültigen Weltverkehrsmitteln. Mögen es die Deutschen nicht vergessen, daß wir am Tage des Waffenstillstandes so viele tüchtige Luftschiffe hatten, um unfern Gegnern, denen wir die Schiffe auslieferten, damit eine achtbare transatlantische Luftflotte einzurichten. Mit sechzig bis siebzig tüchtigen Luftkreuzern war auch nach dem Ausfall und den Beschädigungen zu rechnen. Dazu hätte unsere Friedrichshafener Werft für eine internationale Flott« jährlich einen Ersaß von mehreren Schiften bauen können. Trotz einsichtiger Stimmen aus dem neutralen Norwegen, Holland und Schweden unterließen unsere Gegner die Verwirklichung dieser Möglichkeit. Die meisten Schiffe gingen in kurzer Zeit verloren, und als man uns die ersten nach vem Kriege von Deuftchland gebauten Handelslustschiffe „Bodensee" und „Nordstern" abnahm, schieden auch diese für immer aus der Handelsluftfahrt aus. Dann aber kamen neun Nachkriegsjahre; sie waren auf dem Gebiete des Verkehrsflugwesens für die Alliierten ein ziemlicher Mißerfolg. Abgesehen davon, daß es nicht gelang, die Lufwerbin- bung zwischen den Kontinenten für dauernd ein- zurichten, wurden nicht einmal brauchbare Luft- fahrzeuge für die Verkehrslinien geschaffen. Einzelne Staaten beschränkt^ ' sich auf den Bau einer die Nachbarn beunruh. zenden Kriegsluftflotte, andere unternahmen untaugliche Mrsuche zum Bau von Handelsflugzeugen. Die Versuche hatten bei den kleineren Staaten viel größere Erfolge als beispielsweise in England und Frankreich. Träumte man schon im Jahre 1920 davon, ein Riesenflugzeug für 60 Personen zu bauen, so wurden diese Gerüchte doch erst Wahrheit, als auch für Deutschland die drückendsten Lufftahrtbestimmungen aufgehoben wurden.
Die S ch i f fa h r t selbst hat nach dem Kriege eine durchaus gesunde Entwicklung zu verzeichnen. Die unrentablen Riesen schieden aus. 20—30000 Tonnen wurde die durchschnittliche Höchstgrenze für Dampfer. Dom Luxusschiff kehrten sich die mitteleuropäischen Mächte bald ab und schufen zur gleichen Zeit das Zweckmäßigkeitsschiff, das wiederum einen Großdampfer von 20000 Tonnen mit erster, zweiter und dritter Klasse, einen gemischten Passagier- und Frachtdampfer von etwa 10 000 Tonnen und schließlich den kleinen Dampfer von etwa 4—5000 Tonnen als Typen fesfttellte. Der Wettbewerb mit dem mächtigen Amerika wurde so
durch verminderte Unkosten und geringeres Risiko für die deutschen, holländischen und siandinavischen Schiffe günstiger gestaltet. Es ist anzunehmen, daß, abseits von der Unzahl der einzelnen Schiffsarten und Schiffsklassen, die künftige transozeanische Schiffahrt sich ausschließlich der Normaltypen bedienen wird. Auch die geplanten Riesendampfer von 40—45 000 Tonnen sind fo verschieden von den Luxusriesen von einst, daß man sie getrost mit zu diesen Normenschiffen zählen kann. Dann aber ist eins bedeutend für die Entwicklung der Zukunftsschiffahrt, das bisher noch wenig auffällige Anwachsen der Frachftchiffe neben den Personendampfern von einst. Auch der Riesendampfer muß heute der Forderung entsprechen, Passagier- und Frachtdampfer zu sein. Es ist ja sicher, daß nach der glücklichen Aufnahme des transatlantischen Luftverkehrs immer mehr Passagiere diese schnelle Beförderung wählen werden, die sich gerade bei so ausgedehnten Seereisen wie nach Australien, Nie- derländisch-Jndien und Südamerika durch Zeitgewinn bezahlt macht. Dann werden aber die reinen oder überwiegenden Personenschiffe unrentabel und wertlos werden. Darum muß der Grundsatz des normalen Passagier- und Frachtschiffes vorherrschen.
Dr. Hugo Eckener, der aus schleswigschem Geschlecht stammt, kennt auch diese Umstellung, und er rechnet mit ihr bei seinen Plänen für den Luft- fchiffverkehr mit anderen Kontinenten. Er wird
Empor die Herzen! Kurzer Inhalt des Kirchenrufes im betäubenden Lärm des Erdenlebens. Als besondere Gnade erfleht die Kirche am heutigen Feste für ihre Kinder, daß sie mit den Gedanken im Himmel wohnen. Also weltentrückt, weltfremd? Nein! Aber zielbewußt, zielsicher! Wie wenige Menschen haben ein Ziel ihres Lebens! Noch weniger ein menschenwürdiges Ziel! Des Christen Ziel endet nicht mit dem letzten Lebenshauche. Wie armselig wäre auch ein solches Ziel! Zum Verzweifeln! Du bist auf Erden, um ... . endlich in den Himmel zu kommen. Dieses Ziel ist der Leuchtturm für das Menschenschifflein auf dem Lebensmeere. Es soll wie ein Scheinwerfer die oft dunklen Lebenspfade des Christen erhellen. Zwar geht es über das Können des Menschen hinaus, ständig dieses Ziel im Auge zu behalten; viele Handlungen setzt der Mensch automatisch, reflektorisch, ohne Ueberlegung; hierin unterscheidet er sich nicht von
auch wohl der geistige Führer der ersten Periode transatlantischer Luftfahrt sein und als solcher in die Weltgeschichte eingehen. Das Wichtigste für ihn ist die Erkenntnis, für welche Linien das verhältnismäßig teure Luftschiff allein in Frage kommt und wo man auch die zukünftigen Ozeanflugzeuge entsetzen kann. Man verwechselt so leicht die sicherlich großartigen Flüge um die Welt mit der zukünftigen Weltluftfahrt. Dort soll es nicht auf die Kühnheit der Pläne, sondern auf die Richtigkeit der Rentabilrtäts- und Lei-, stungsrechnung ankommen.
Das Ozeanflugzeug mag vielleicht als der zukunftsreichste Faktor in der transatlantischen Luftfahrt betrachtet werden. Die Vorteile gegenüber dem Luftschiff, das bei selbst gewaltigen Aus- maßen doch immer nur eine kleine Nutzlast befördern kann, sind einleuchtend. Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß es das Ozeanflugzeug noch nicht gibt. Selbst die größten Wasserflugzeuge waren für den dauernden Ozeanverkehr ungeeignet. Zusammen mit den schon erwähnten Ländern wie Holland, Schweden und Norwegen ruhen hier die Hoffnungen der Welt allein aus Deutschland und der benachbarten Schweiz.
Die großen Mächte der Nachkriegszeit aber müssen offen bekennen: „Uns ist es nicht gelungen!" Neun Jahre Stillstand, neun Jahre Rückstand. Vernichtend ist das Urteil über dies« Entwicklung. Von allen Plänen in England und Amerika, die die sich an die verschiedensten großen Namen knüpften, ist keiner ganz verwirflicht worden. Weder der ständige Kontinentalflug von Amerika, der u. a. San Franzisko mit Newyork verbinden sollte, noch der britische Reichsluftdienst London-Kal- kutta-Singapore ist bis heute vollendet. Auch Häfen
wie beispielsweise der vielgerühmte von Croydon sind einfach einer Weltmacht unwürdig. Die letzten Verbesserungen hat das Ausland von Tempelhof lernen müssen. An großen, wirklich guten Ueberseeflughäfen an der Küste, an einem organischen Signalwesen mangelt es noch sehr. Aber «ine so starke Bewegung läßt sich nicht eindämmen. Schon die ständige Linie Sevilla (Spaniens-Cordova (Argentinien) wird sie neu beleben. Wir stehen zu Beginn eines bedeuffamen Sommers in dieser Beziehung. Die Versuche mit den neuesten Riesen-Seeflugzeugen werben abgeschlofsen, und der Bau des Ozeanflugzeuges rückt bedeutsam in die Nähe. Verkehrt wäre es allerdings zu glauben, die transatlantische Luftfahrt würde schon in den nächsten Jahren mit der Schiffahrt in Wettbewerb treten. Das wird sie wahrscheinlich niemals. Denn nicht Flugschiff oder Schiff, sondern beide zusammen werden den künftigen transatlantischen Verkehr beherrschen. Man tut gut, den eigentlichen Beginn eines ftansatlantischen Dienstes in der Luft nicht zu ftüh anzusetzen. Wenn dieser Dienst aber erst einmal richtig organisiert ist, so werden weitere Linien wie Pilze aus der Erd« schießen. Deutschland-Argentinien und Skandinavien-Argentinien sind heute Entfernungen von 18—20 Tagen. Das Luftschiff gebraucht ungefähr 4—5 Tage dazu, das Zukunstsflugzeug wahrscheinlich nur 3—4. Erwähnt sei noch die Geschwindigkeitssteigerung in den dünneren Lufffchichten, die sicherlich eine
dem Tiere. Wo er aber als „Mensch", d. h. ver- 'nünftig, mit freiem Willen handelt, sollte er seines Erdenzweckes nicht vergessen, geschweige denn ihm zuwider handeln. Die Gefahr ist groß: Blendlichter verwirren, dunkle starke Kräfte ziehen ab von der Bahn. Wie nützlich ist da der orientierende Ruf der Kirche: Sursum corda! Beherrschet zwar die Erde, machet zu euren Dienern die Kräfte der Natur, aber begrenzt euer Streben nicht mit den Enden des Erdkreises, nicht mit den Grenzen der Atmosphäre, nicht mit der äußerstes Sternenbahn: ihr aller Schöpfer will auch euer Ziel fein. Der Sohn Gottes mit der verklärten Menschennatur ist uns in den Himmel vorangegangen, um auch uns eine Wohnung zu bereiten. Der christliche Glaube allein ist eingestellt auf die Welle der Ewigkeit, er hört und versteht den geheimnisvollen Ruf und lebt, wenn auch auf Erden wandelnd, mit feinen Gedanken im Himmel. Pfarrer Dr. Eismann.
weitere Mrkü^ung selbst dieser Rekordfahrzeit ermöglichen werden.
Noch sind wir kaum imstande, uns vorzustellen, was eine solche Annäherung der einzelnen Kontinente bedeutet, und doch wissen wir, wie die Erfindung der Eisenbahn fördernd auf die Erweiterung des allgemeinen Gesichtskreises gewirkt hat. Darum allein schon — ganz abgesehen von den ungeheuren wirtschaftlichen Vorteilen — ist uns in dem eng gewordenen Mitteleuropa und in dem zusammengepferchten Deutschland der transatlan-- tische Luftdienst wertvoll. Eine ernstliche Bedrohung der Schiffahrt besteht dabei nicht, denn wie wir trotz der Kraftwagen und Landflugzeuge einen immer steigenden Bahn- und Flußverkehr haben, fo wird auch die Handelsschiffahrt mit dem Gütertransport selbst in einem späteren Zeitabschnitt der transatlantischen Lufftahrt vollauf beschäftigt bleiben.
Musik und Gesang.
— Zusammenschluß in der hessen-nassauifchen Sängerschaft. Im Meiftersaal des Frankfurter Handwerkerhauses traten die Vertreter der beiden dem Deutschen Sängerbund angehörenden Frankfurter Sängerbünde zusammen, um unter Führung der Bevollmächtigten des Deutschen Sängerbundes und des hessennassauischen Sängerbundes die Verschmelzung der drei genannten Sängerbünde in einen Einheitbund herbeizuführen. Die in den Vorverhandlungen gefaßten zustimmenden Entschließungen sanden einstimimge Annahme und ein paritätischer Ausschuß wurde mit der Fortführung der Verhandlungen beauftragt, sodaß die Verschmelzungsfrage als gelöst und in allernächster Zeit die Gründung des Einheitsbundes für das Gebiet bes gesamten Regierungsbezirks Wiesbaden erfolgen kann.
Aus dem zuldaer Land.
= Neuhof. Sonntag, den 29. Mai, abends 8 Uhr. findet im Saale des Gastwirts Emil Möller Opperz, eine öffentliche Z e n t r u m s v e r f a m m l u n g statt, zu der alle Zentrumspartei-Angehörigen, Männer und Frauen, Arbeiter und Bauer, Beamte und Handwerker, eingelanden werden. Redner ist Herr Reichstagsabgeordneter Dr. Cron e-Münzebrok. Da Herr Dr. Krone m parlamentarischen Kreisen einen Namen hat und sich zum ersten Male seinen Wählern in Neuhof oorstellt, bedarf es wohl weiter keiner Reklame für die Versamm- (ung. Vorher wird Herr Dr. Krone am Nachmittag itz Niederkaibach zu seinen Wählern sprechen. Christi Himmelfahrt findet bei E. Möller Neuhof-Opperz eine B ei sprechung der Kreistagswahlen statt, wozu alle Vertrauensleute der Zentrumsortsgruppe und de, kath. Männner- und Arbeitervereins aus der Pfarrei Neuhof eingeladen werden.
. — Gersfeld. Ein Radfahrer fuhr von Oberhausen in schnellem Tempo die schmale unübersichtliche Sandberger Straße zur Stadt herein und rannte mit einem gerade aus einem Hof herausfahrenden Handwagen zusammen. Mit einem S ch l ü s s e l b e i n b r u ch und sonstig. Verletzungen wurde der Verunglückte in Landeskrankenhaus Fulda eingeliefert. — Am gleichen Tage spielten Knaben und Mädchen am evangel. Schulhofe u. a. auch mit einer 5 Pfd.-Kugel. Dabei traf die von einer 12jährigen Schülerin geworfene Kugel einen 8jahn- gen Jungen an den Kopf. Bewußtlos infolge Scha- delverletzung wurde der Kleine in das Landeskrankenhaus Fulda überführt.
— Rasdorf. Zur Zeit herrscht hier rege Bautätigkeit. Die meisten dem Brande zum Opfer gefalle- neu Gebäude sind wieder aufgebaut. Mit dem Ausbau der ntedergebrannten Gastwirtschaft Stark ist in den letzten Tagen begonnen worden Die Bauausführung liegt in den Händen des Maurermeisters Justus Wiegand von hier und des Buttlarer Baugefchäfts Habn.
— Rasdorf. In letzter Zeit ist unser ehrwürdiger Gehilfersberg mehr als früher das Ziel zahlreicher Vereins- und Schulwanderungen geworden. Zu den regelmäßig an den Samstagen stattfindenden Gottesdiensten stellen sich zahlreiche Beter ein. Möchte doch ihre Zahl weiter wachsen, damit die Wallfahrtskapelle wieder wie in Vätertagen der Mittelpunkt des Gebetslebens der Bevölkerung des Kreises Hünfeld wird!
u. Schlüchtern. Bei feinem dieser Tage erfolgten Besuche im Kreise Schlüchtern konnte Regierungspräsidenten Dr. F r i e d e ns b u r g ein allgemeiner lieber- blick über die wirtschaftlichen und landschaftlichen Verhältnisse des hiesigen Kreises gegeben werden. Der Regierungspräsident besichtigte eine Reihe von Ortschaften, das Schlüchterner Kreishaus und den Basaltsteinbruch der Stumm-Kühlmannschen Verwaltung in Schling- loffs. Im Sinngrunde wurde der Gast über die Notwendigkeit der Verbesserung der Wiesenverhältnisse und über weitere landwirtschaftliche Belange unterrichtet; auch die forstlichen Verhältnisse im Kreise fanden durch Besichtigung der Oberförsterei Mottgers eingehende Erörterung. Industrie- und Schulfragen wurden gleichfalls in den Bereich der Besprechungen gezogen, beson- eers berücksichtigt wurde das höhere Schulwesen. Auch über die Frage des geplanten Bahnbaues Romsthal- Huttenscher Grund-Salmünster-Soden wurde ■ eine informierende Aussprache gehalten.
— Aus dem Schliher Land. Der „Schützer Bote" berichtet: Vor kurzem hatten der Sohn Karl des Bürgermeister Döring in Rimbach und die Tochter Barbara des Landwirts Faust in Oueck Hochzeit, welche in althergebrachter Schlitzerländer Sitte gefeiert wurde. Bemerkenswert war, daß der ganze Hochzeitszug mit den reizenden Schlitzerländer Trachten und der Brautwagen, der vor der Hochzeit gefahren wird, von Schulrat Lorentz-Lauterbach mit der Filmkamera ausgenommen worden ist. Der Filmstreifen wird ein Stück dörflicher Eigenart im Bild festhalten, die allmählich unserer Zeit geopfert wird.
Rus Bädern und Kurorten.
— Rad Rauheim. Der Gesamtbesuch unseres Bades betrug am 19. Mai 9600 Personn. Diese Ziffer bedeutet gegenüber dem Vorjahre ein Mehr von etwa 500 Badegästen, sodaß die Frequenz dieses Jahres eine nicht unerhebliche Besserung verspricht. Anwesend waren am 19. Mai noch 4239 Badegäste. Die Zahl der in diesem Jahre bisher abgegebenen Bäder beläuft sich auf rund 74 500.
— Rad Orb. Die Besuchsziffer vom 1. Januar bis zum 15. Mai d. I. beträgt 131 Passanten und 1566 Kurgäste.
— Rad fiiffingen. Der Zugang an Kurgästen hat für das hisige Bad auch in den letzten Tagen weiter standgehalten, das 7 Tausend Käste dürste erreicht sein. Der älteste Kurgast ist eine 88 Jahre alte Witwe aus Hannover.
Kein Haus ohne Zuldaer Zeitung.
Zum $efte Christi Himmelfahrt.
Himmelfahrt.
Werde kraftvoll, — aber bleibe zart, Menschenherz, dem Kampfe preisgegeben. Aufgeschlossen für das wahre Leben, Halte täglich deine Himmelfahrt.
Golgatha ist dir geoffenbart, Die Erlösungstat der Gottestreue. Daß sich wirkend deine Kraft erneue, Halte täglich deine Himmelfahrt.
Anna Enders-Dix
von der heidnischen Grenzbegehung zur christlichen Flurprozession.
Zum (feste Christi Himmelfahrt.
Am Feste Christi Himmelfahrt durchzieht in vielen katholischen Gegenden Deutschlands die Flur Prozession mit wallenden Fahnen, Gebet und Gesang die grünende, in kommendem Erntesegen »sprießende Gemarkung, so auch im Fuldaer Land. Die Flur- prozession demonstriert beim bäuerlichen Waller sinn- fällig, gleichsam an einem praktischen Beispiel, den Dualismus von Körper und Geist, weist nach, wie nahe mitunter Diesseits- und Ienseitsgedanken bei einander wohnen, deckt auf die Verflechtungen und Verzahnungen von Idealismus und Realismus. Die Gegensätze berühren sich.
Das religiöse Lied aus bäuerlicher Kehle, ein frohlockender Dank, das fromme Gebet, eine demütige, ver- trauensvolle Bitte. Ganz Andacht, weihevolle Stimmung! Der Blick ist nach oben gerichtet zum höchsten Herrn, der über den Sternen wohnt. Jenseitsgedanken .... Dann schweift das Auge rechts und links, es ruüp auf den Saaten, der Wintersaat und der Neusaat des Lenzes, dem jungen, fottgrünen Wiesenteppich mit seinen goldgelben Blumenaugen. Realismus bricht sich Bahn. Er urteilt, schließt auf die künftige Ernte, schätzt den Ernteertrag, baut Schlösser in die Luft. Diesseitsgedanken! Ernst des Lebens, Arbeit und Sorge, Hoffnung, Erwartung, Enttäuschung. ... So ist der Blick zur Erde gerichtet, zur Erdscholle, über die der Fuß hinweg- fchreitet in Erdoerbundimheit, trotz religiösen Höhenflugs
in Lied und Gebet. Die weihevolle Stimmung geht unter in Alltagsgedanken. . . . Auch die Lerche kehrt nach ihrem Tirili im blauen Hiinrnelsäther zurück zur miß- farbigen Ackerfurche. Gleich ihr der Waller bei der' Flurprozeffion.
Die Flurprozeffionen sind ein uralter, frommer Brauch. Neben dem Himmelfahrtsfeste sind als Prozessionstag der zweite Ostertag, der Markustag (25. April) und Pfingstmontag gewählt worden. Im allgemeinen wurde früher überall die Flurprozession am zweiten Dftertage abgehalten, erst in den beiden letzten Jahrhun- deten erfolgte die Verlegung auf einen späteren Termin. Landschaftliche, klimatische und sonstige Verhältnisse mögen für die Späterlegung maßgebend gewesen fein. In manchen Gegenden finden in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten mehrere Flurprozessionen statt, die mit zunehmender Radiusweite die Dorfftur durchziehen und zuletzt in etwa auf eine Grenzbegehung der Gemarkung hinauskommen. In den Grenzbegehungen der früheren Zeit ist der Ursprung der heutigen Flurprozession zu er- blicken.
Grenzbegehungen mit religiösem Charakter waren schon bei unseren Vorfahren in der heidnischen Zeit üblich. Sie dienten einem doppelten Zweck. Zunächst sollte dadurch jedem Gemarkungsgenossen der Grenz- verlaus augenscheinlich vorgeführt werden, um auf solche Weise Grenzstreitigkeiten zu vermeiden und Grenz- unftimmigteiten zu berichtigen. Das war früher nötiger als heute, denn die Grenzpunkte waren durch mündliches Uebereinfommen festgesetzt. In der Regel fehlte die schriftliche Niederlegung der zwischen der lebenden Dorfgeneration getroffenen Abmachung. Die Grenzlinie lief in den seltensten Fällen von Grenzstein zu Grenzstein, meistens bildeten Flußläuse, Erdaufwürfe, Malbäume die Markierungspuntte, also Kennzeichen, die leicht durch winterliche Stürme und Frühlingsschmelze Deränderun- gen unterworfen waren. Aber noch eine andere Ab- sicht war mit den Grenzbegehungen verbunden, wodurch sie zugleich einen sakralen Charakter erhielten. Gemäß der heidnischen Anschauung bewohnten zahlreiche Dämonen die Natur. Sie förderten entweder das Wachstum in der Pflanzenwelt oder riefen Mißwachs hervor. Die Wirksamkeit der ungünstig gesinnten Vegetationsdämonen sollte durch die Grenzbegehung gehemmt werden. Das geschah am erfolgreichsten, wenn man sie aus der Gemarkung verjagte in Ledland- und Heideiand-
gebiete. Darum trug der heidnische Priester an der Spitze des Flurumganges ein Götterbild, um dadurch die unholden Dämonen zur Flucht zu zwingen und die heidnische Flur zu segnen. Meistens wurde das Bildnis Donars, von dem man als Gott des Donners auch Fruchtbarkeit der Felder erwartete, oorangetragen. Auch Frau Holle und die Göttin Dftara, beide als Göttinnen der Fruchtbarkeit verehrt, wurden bei den heidnischen Flurumgängen in gleicher Weise in Anspruch genommen. Die Umbildung dieses heidnischen Brauches in christliche Formen führte zu den Flurprozeffionen unterer Zeit.
In den meisten Fällen wird bet der Flurprozession, auch Flurumgang, Eschgang, Eschprozession genannt, an vier Stellen der Gemarkung mit dem Kruzifix der Wettersegen gegeben. Donar hat also dem Erlöser meinen müssen, der Donnergott Dem Friedensgott. Dagegen wird im schwäbischen Weingarten eine Reliquie des heiligen Blutes in feierlicher Prozesskon durch di« Felder getragen und das Korn, die Saat, damit gefeg- net, auf daß kein Wetter schade. Die Prozessionsteilneh- mer erscheinen meist zu Pferde, darum wird die Flur- prozession auch Blutritt genannt. An manchen Orten wird auch eine Muttergottesstatue durch die Flur getragen und die Feldflur unter den besonderen Schutz der Jungfrau Maria gestellt. Die Beziehung zum heidnischen Vorbild ist also überall bei den Flurumgängen noch deutlich erkennbar.
Die feierlichen Prozessionen zu Fuß durch die Feld- flur haben erst vor zweihundert Jahren ihre heutige Form erhalten. Der Blutritt zu Weingarten weist darauf hin, in welcher Art und Weise in älteren Zeiten gewöhnlich in Rücksicht auf den weiten Weg um die ganze Gemarkung die Prozession abgehalten wurde. Sie erfolgte in der Form des sogenannten g e i st - lichen Flurrittes. Dabei versammelten sich die Gemeinden mit ihrer geistlichen und weltlichen Obrigkeit an einem gewissen Tage zu Pferde. Dann umritt man gemeinsam die Flurgrenze, baute an den Feldgrenzen gegen die vier Himmelsgegenden Altäre, sang dort das Evangelium und der Geistliche gab über die Felder den Segen. Darauf vergrub man an gewissen Flecken der Grenzen besondere Merkmale. So schildert Thomas in seinem Buch „System der fuldischen Privat- rechte" den Verlauf des geistlichen Flurrittes in dem Fuldaer Land. Dabei wird von Thomas heroor-
gehoben, daß in neuerer Zeit, also vor dem Jahre 1788, in welchem er das oben erwähnte Buch herausgab, der geistliche Flurritt wegen Mißbräuche abgeschasft und statt dessen eine feierliche Prozession zu Fuß eingeführt worden fei.
Neben den geistlichen Flurumgängen, geistlichen Flurritten, erhielten sich bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts die bürgerlichen Flurumgänge, an denen sich die gesamten männlichen Dorfbewohner, neben den Erwachsenen auch die Knaben, beteiligten. Gerade die jüngere Generation sollte den Lauf der Grenze kennen lernen. Damit sich die Knabenwelt die Grenze fest ein- prägte, wurden die jugendlichen Teilnehmer an solchen Stellen, wo bat Grenzlauf nicht ohne weiteres klar war, an den Ohren gerupft oder mit einer kräftigen Ohrfeige bedacht. Vielleicht konnte er bann später als älterer Mann bei Grenzstreitigkeiten als Kronzeuge auftreten unb sagen: .Hier ist ber richtige Grenzpunkt, benn vor 40 Jahren habe ich an biefer Stelle bei ber Grenzbegehung eine berbe Ohrfeige erhalten. Ich habe beides im Gedächtnis behalten, die Bestrafung und den Platz, wo ich dieselbe empfangen habe." Mancherorts prägte man durch ein anderes Verfahren die Grenzsteine nach ihrer Oertlichkeit ein. Die Teilnehmer an ber Grenzbegehung mußten ber Reihe nach bei bcn einzelnen Grenzsteinen auf denselben aufsitzen. Dem Bür- germeifter gebührte bei dem ersten Grenzstein der Vorrang. Darauf wurde der Grenzstein weiter in die Höhe gehoben und kräftig aufgestoßen. Ein feierlicher Tusch der begleitenden Musikkapelle gestaltete den Akt festlich. So hatte sich letzten Endes jeder Grenzgangteilnehmer wenigstens einen Grenzstein entsprechend ein- geprägt.
Im Fuldaer Land waren solche Grenzumgänge bis ins 19. Jahrhundert hinein alle zwei Jahre vorgeschrieben, anderen Orts in Hessen waren sie alle sieben ober neun Jahre geboten. Bei größeren Feldsluren nehmen berartige Grenzgänge mehrere Tage in Anspruch. Den Schluß bes Brauches bildete ein allgemeines Dorfsest. In Erinnerung daran begehn noch heute in Hessen manche Ortschaften, so Biedenkopf, ihr Grenzgangsest.
So verschiedenartig Flurprozession, Flurritt und Grenzbegehung im einzelnen untereinander auch sein mögen, alle drei haben ihre Wurzel in ber heidnischen Grenzbegehung der Urzeit. ehw.