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Beilage zur Fuldaer Zeitung

Für unsere Frauenwelt.

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Nr. 121 vom 26. Mai 1927.

Madonna.

Von Franz C i n g i a - Schömberg.

Dom Ampellicht im Chor fällt über ihre Wangen Ein wundersames zartes Flimmern.

Der Goldreif und die Haare schimmern

Und alles ist von hoher Heiligkeit umfangen.

Ihr leuchtend Antlitz will sich lieblich kosend neigen. Und ihre weißen Hände beben Aus ihres kleinen Kindes Leben

Und Worte voller Liebe sagt sie in das Schweigen.

Dann zieht auf ihrem Antlitz j äh ein Zug der Schmerzen,

Sie läßt das Haupt erschauernd sinken

Und will des Kindes kleinen Körper fest umarmen;

Ein leises Weinen zittert ihr aus wunden Herzen. Daß all die Kirchenbilder winken

Unb heiß zum Himmel slehn um gnädiges Erbarmen.

Sommersprossen.

Don Dr. med. E. Morbacher,

Nbteilungsdirektor z. D. im Hauptgesundheitsamt der Stadt Berlin.

Es ist mit den Sommersprossen wie mit vielen an­dern Dingen: In kleinen Mengen sind ste mitunter recht willkommen; wenn sie aber in Massen auftreten, er­regen sie Kummer und Leid. Einzelne Sommersprossen auf einem kecken Stupsnäschen wirken meist recht nied­lich. Doch so manches Mägdlein mit zarter, feiner Haut und goldblondem Haar sieht zitternd der strahlen­spendenden Jahreszeit entgegen. Denn während es sich den Winter über kaum von den Mitmenschen un­terscheidet, beginnt die allmählich erstarkende Früh­lingssonne bräunlich-gelbliche Fleckchen hervorzuzau­bern, aus den Wangen und der Stirn, auf Nase und Kinn, an Nacken und Hals, auf den Händen und den unbekleideten Armen. Je höher die Sonne am Him­mel steht, desto zahlreicher, desto verstärkter sprossen die verpönten Punkte hervor, und vorbei ist es mit der viel beneideten, makellosen Haut. In jedem Früh­ling beginnt aufs neue der mehr oder weniger erbitterte Kamps gegen diese kleinen unerwünschten Gäste.

Die Wissenschaft hat sich liebevoll der Sommerspros­sen angenommen; vor allem die medizinische Statistik, die hier Triumphe feiert. Bei Kindern, aber auch bei Damen und Herren in vorgerückten Jahren, sind jene Flecke immerhin eine Seltenheit. Die Kleinen bleiben trotz zartester Haut und heller Haare meist davon ver­schont allerdings hat man auch schon bet zweijähri­gen Kindern Anfänge von Sommersprossen beobach­tet; und wenn das Alter erst die Haare zu bleichen beginnt, bann nehmen auch die kleinen braunen Fleck­chen an Schärfe unb Fülle ab, um schließlich ganz zu verschwinden. Beide Geschlechter sind gleichermaßen sommersprossig. Es überwiegen die Sommersprossen mittlerer Größe. Am häufigsten findet man sie auf dem Nasenrücken und den angrenzenden Wangenteilen; am Kinn dagegen verhältnismäßig seltener. Wenn sie an Nacken, Händen unb Unterarmen auftreten, dann zeigen sie sich meist gleich in erheblichen Mengen. Die Statistik bestätigt die alte Erfahrung, daß fast alle jungen Menschen mit ausgesprochen roten Haaren som­mersprossig sind und daß Träger reichlicher Sommer­sprossen zum mindesten einen rötlichen Farbenton im Haar aufweisen. Und schließlich besagt die Statistik auch, daß die Mägdlein mit Sommersprossen ungemein häu­fig in den Hasen der Ehe einlaufen.

Als Urheber der Sommersprossen werden wohl mit Recht die Strahlen der Sonne angesprochen. Wie mit magnetischer Kraft ziehen sie den unter der Ober­haut verborgenen Farbstoff an und sammeln ihn in kleinen dunkelgelben Häufchen an der Oberfläche der ungeschützten Haut. Unsichtbar für das Auge sind die geheimnisvollen ultravioletten Strahlenbündel, die der Sonnenball vom Frühjahr an während der ganzen warmen Jahreszeit verstärkt zur Erde hinabsendet.

Naht der Winter, so nimmt die Kraft der Sonnenstrah­len ab, und der Farbstoff verblaßt.

Wie sind nun die Sommersprossen zu beseitigen? Vorweg sei es mit harten, nüchternen Worten gesagt: ein sicher wirkendes Mittel, sie dauernd zum Ber- chwinden zu bringen, ist den Aerzten nicht bekannt. Wohl aber gibt es eine Anzahl von Salben und Wäs- erri, die vorübergehend Abhilfe bringen. Sie alle zerstören den angesammelten Farbstoff, ob diese Mittel nun Quecksilberpräzipitat, Sublimat oder Wasserstosf- superoxyd enthalten. Die Haut schuppt sich oberflächlich, und hiermit wird der Farbstoff vernichtet, die Sommer­sprossen verschwinden. Jedoch sollten diese Schälkuren nur unter Aufsicht des Arztes vorgenommen werden; denn viele von diesen Mitteln greifen die Haut heftig an unb haben bet unsachgemäßer Anwendung schon manche unangenehme Reizung hervorgerufen.

Es ist ohne weiteres klar, daß die rücksichtslosen Son­nenstrahlen aslbald wieder ungehindert zu wirken be­ginnen, wenn man ihnen nicht den Zutritt zu der über* empfindlichen Haut verwehrt. Und damit ist die Frage nach der Verhütung der Sommersprossen aufgewor­fen. Es gilt eben, die Haut rechtzeitig und dauernd vor den andrängenden Strahlen zu schützen. Schon im son­nigen Frühjahr sind die Kleider am Hals geschlossen, Arme und Hände bedeckt zu halten. Am schwierigsten ist der Schutz des Gesichtes. Farbige rote ober grüne Schirme, großrandige Hüte und schließlich auch Licht­schutzpasten, die wie hautsarbige Cremes aufgetragen werden und für die Strahlen undurchdringlich sind, lei­sten gute Dienste. Aber nur, wenn man sie frühzeitig unb bauernb anroenbet. Sinb erst einmal bie Sommer- sprossen voll entwickelt, so sinb Hüte, Schirme unb Po­sten als Verhütungsmittel zwecklos.

Der Ausweg, sich ben stärksten Sonnenstrahlen aus- zusetzen unb die Haut möglichst dunkel brennen zu lassen, führt leider selten zum Ziel. Zwar treten dann theo­retisch wenigstens die Sommersprossen fast gar nicht mehr hervor. Aber gerade diejenigen Frauen, die mit zarter Haut und Sommersprossen begabt sind, können sich gewöhnlich der Sonne aussetzen, so viel sie wollen, die überwiegende Mehrzahl verbrennt doch nicht, kaum daß die Haut ein wenig dunkelt. Wer also auf diese Weise ben Teufel burch Beelzebub austreiben möchte, bürste gar häufig getäuscht werbxn.

Immerhin ist es bei rechtzeitiger Anwenbung des Strahlenschutzes in Verbindung mit hautschälenden Mit­teln möglich, den Trägern der Sommersprossen manchen Kummer zu ersparen.

Faule Hinter.

Don Rudolf Leppin-Berlin.

Neulich las ich in einem Briefe:Ihre Kinder das ist ein Staat! Jedes ist glatt durch die Schule ge­kommen. Meine? Daß Gott erbarm! Sie kommen einfach nicht mit! Selbst in Sprachen lernen sie nichts, während mir jede Fremdsprache lag. Sie sind faul, bo­denlos faul!"

Ein trübes Kapitel. Wo soll man es angreifen? In ben Worten dieses Vaters mag viel Beechtigung liegen Aber wer trägt bie Schuld? Sehen wir von ben Kin- bern ab, deren Begabung wirklich y schwach ist, die im rechten Augenblick dem Unterricht noch nicht folgen kön­nen, und bie, wenn man sie zwingt unb roieber zwingt, zu bebauern sind, so bleiben noch genug, die wirklich faul sind. Hier setzt die Schuld der Erwachsene., ein. jeder Lehrer ist ein tücht'ger Wiffenverrnitthr. Ich kenn, eine Leuchte auf einem bestimmten Gebiete, einen Mann, dessen Name weltbekannt ist, fragt man aber seine Schü­ler:Wie ifts denn?", bann bekommt man vom Ersten bis zum Letzten bieselbe Antwort:Es ist furchtbar lang, wellig". Furchtbar langweilig! Wir wissen doch olle selbst, daß, wenn ein Redner das Ohr seiner Hörer nickt mehr hat, die Gedanken fpazieren gehen. Die Jugend mit ihrer regeren Phantasie kann sich noch weniger zur Aufmerksamkeit zwingen. So kann es kommen, daß ein Schüler nur in einzelnen Fächernfaul" ist. Wird dieserFaulheit", bie keine ist, nicht beizeiten gesteuert, so fehlen späterhin die Grundlagen tn dem betreffenden

Lehrfach, und der Schüler versagt auch bei einem ande­ren Lehrer.

Und nun das Haus.

Der Freiheitsdrang der Abc-Schützen wird mit Schul­anfang beschnitten. Wer da nicht vom ersten Tage an bas Sinb lenkt, wer nicht mit liebenber Strenge barauf achtet, daß bas Sinb zeitig unb ordentlich feine Schul­ausgaben macht, der wirb späterhin einen schweren Staub haben.Jung gewohnt, alt getan", heißt es auch hier Wenn irgenb möglich, muß man das Sinb bei feinen häuslichen Schularbeiten dauernd unter Auf­sicht lassen. Wie oft wird dagegen bei ben ersten Rechen- arbeiten gesündigt. Jedes Resultat wird angesagt, und bas Sinb lernt nichts. Heißt es späterSätze bilden", Hausaufsätze" schreiben, merkt der Lehrer mehr den Kopf des Vaters als den des Schülers Unb wo bie Eltern in ben späteren Jahren sich überhaupt nicht mehr um bie Schularbeiten kümmern, wo sie höchstens nock fragen:Hast bu auch alles gelernt?, da werden viele Arbeiten überhaupt nicht gemacht. Das Kind weiß, eine Nachprüfung durch die Eltern findet nicht statt, fo ent» schließt es sich zur Lüge.

Wenn bann beim Besuch höherer Schulen- schriftliche Mahnungen des Lehrerkollegiums kommen: Versetzung gefährdet^, dann fallen die Eltern aus allen Himmeln. Man greift zur Nachhilfe. Und wieder macht man einen Fehler. Der Nachhilfelehrer oftmals ein älterer Schülersoll die Schularbeiten mit ihm machen". Er soll nicht die Lücken im Wissen füllen, er soll nicht Fingerzeige geben, nicht unterrichten, nein, e r soll sich auf den Stuhl setzen unb ben Lehrer spielen. Wenigstens in ber Hauptsache.

Aber es gibt unter biefen nachhelfenden Jungen oft welche, bie bie Psyche eines Quartaners besser kennen als ber Lehrer unb bie nun mit fester Hand den Fau­len anfaffen. Das habt ihr erst vor kurzem gehabt. Das sage ich dir nicht. Du bist bloß zu faul, die Vokabeln nachzufchlagen. So, und nun schreibst du für mich dieses Stück "

Und wenn das Stück hinterher viele Fehler aufroeift, heißt es:Nun bringst du mir bie Unterschrift des Vaters". Da ist mancher Faule noch fleißig geworden durch einen älteren Kameraden.

Bus der Welt der Moden.

Von Gertrud C y b u 11 a.'

Im alten Rom benutzten die vornehmen Frauen Spiegel aus geschliffenem und poliertem Metall. Diese kostbaren unb prachtvollen Geräte bestanden aus silber­nen, ringsum mit Edelsteinen besetzten Platten, bie ver­möge einer Unterlage von Gold bie Bilder deutlicher zurück strahlten. Die runde Spiegelscheibe ruhte auf einem kunstvoll gedrehten Griff aus Elfenbein, an dem zu beiden Seiten zwei Schwämmchen befestigt waren, um jeden Dunst ober Anhauch sofort wegzuwischen.

Zur Zeit des Minnesangs ließ ein französischer Edel­mann seine Tafel nur mit solchen Gerichten besetzen, die beim Schein von Wachslichtern unb Wachsfackeln gekocht waren.

Als sich nach der Entdeckung ber neuen Welt ber Golbstrom Amerikas über Spanien ergoß, war in die­sem Land« ber Besitz an Gold- und Silbergeschirr so groß, daß sich die Familien für arm hielten, wenn sie nicht ungefähr 800 Dutzend Teller und 200 Schüsseln aus diesen Edelmetallen im Hause hatten. In manchen Häu­sern zählte man sogar bis zu 1200 Dutzend Teller unb 1200 Schüsseln aus Gold und Silber.

Im 16. Jahrhundert waren die aus schwerem Bro tat bestehenden Prachtgewänder der Damen derart mit großen Edelsteinen besetzt, daß man kaum darin gehen konnte. Claude de France und Jeanne dÄlbret mußten zur Trauung getragen werden, weil sie bie Last ihrer Kleider nicht zu bewältigen vermochten.

Der Brautrock ber Maria von Mebici war nach beir Bericht eines Chronistenein braun güldenes Stück, des sen Schwanz sich auf 15 Ellen erstreckte und mit eitel güldenen Lilien besetzt war, darin sie glänzte wie die Sonne in ben Wolken, weil sie überdies eine schöne Per­son gewesen." Ein anderes ihrer Pracktgewänder war mit 32 000 Perlen unb 3000 Diamanten besetzt.

Johanna von Burgund schmückte ihr Zimmer im Palast zu Reims mit 321 gestickten Papageien, bie des Königs Wappen trugen, unb mit 561 Schmetterlingen, auf bereu Flügel sich bas Wappen der Königin befand. Sämtliche Stickereien bestanden aus Gold.

Der Dresdener Weinkeller lieferte im Jahre 1639 täglich ein halbes Maß Zapfenwein für die Meerkatze einer Prinzessin, für den Hund des Herzogs Moritz täg­lich ein Maß und zum Baden derindianischen Raben" und berPapigoien" ebenfalls ein Maß

Hüchengebole.

Von Oskar Klein- Berlin-Neukölln.

Milch auf dem Feuer verlaß nur, wenn das Haus m Flammen steht.

Koch nicht, weil du gerade Feuer haft, sondern habe Feuer, weil du kochen willst.

Die Butterdose paßt auf den Herd, wie der Aschen- eimer auf den Speisezimmertisch

Bedenke, daß du mit jeder Mahlzeit ein Examen av- legft unb sorge, baß es gut bestanden wird.

Um einen Sperling zu braten, braucht es kein Feuer wie für eine Gans.

Denke beim Kochen nach, aber koche nicht beim Nach, denken.

Koche für den Mann, als sollte er es erst noch werden.

Geize mit Salz, spare mit Pfeffer, verschwende mit Zucker .

Laß dir nichts verderben, auch die gute Laune nicht.

Für die wärmere Jahreszeit.

Milch wird bekanntlich im Sommer leicht sauer, na- mentlich bann, wenn man sie über Nacht aufbewahren will. Ein nochmaliges Kochen am Abend verhindert*tzas Sauerwerden sehr einfach und leicht.

Fleisch kurz in eine leichte Lösung von Natron ge­taucht und vor dem Gebrauch gut abgewaschen, wirb nicht nur sehr rasch weich, fonbern bleibt auch frisch.

Käse hängt man, beim Fehlen einer dichtschließen­den Käseglocke, freischwebend in dichte Gazebeutel. Er bleibt so von Mücken unbehelligt, namentlich bann, wenn man ihn zur Vorsorge in bünnes Pergamentpapier wickelt.

Durchzug ist ein Radikalmittel gegen bie lästige Fliegenplage, doch muß man vorsichtig sein, daß man nicht selbst geschwitzt ist. Erkältungen sind sonst die Folge.

Schnaken fängt man durch Aufstellen flacher Was- ferbecken, denen eine Spur Petroleum zugesetzt wird.

Schnittblumen bleiben viel länger frisch, wenn sie abends nach Sonnenuntergang ober vormittags vor acht Uhr geschnitten werden. Niemals sollte man Schnittblumen in der größten Mittagshitze von der Mutterpflanze trennen.

Rhabarber als Schönheitsmittel.

Zur Zeit des frischen Rhabarbers wirb es von In­teresse fein zu erfahren, daß die Frauen im Orient aus dem Saft der frischen Rhabarberstengel einen Schön- heits- resp. Liebestrank bereiten. Die Stengel werden weich gekocht unb in ein Tuch zum Austropfen getan Den so gewonnenen Saft kochen ste mit Zucker auf. Die­len sehr wohlschmeckenden Saft verdünnen sie beim Ge­brauch mit Master unb haben so bas Jahr über einen sehr erfrischenden Trank, von welchem ste behaupten, daß er ihnen Schönheit unb Liebreiz verleiht. Die Orien­talinnen glauben außerbem, daß bie Männer, welche sie mit biefem Trünke laben, in heftiger Liebe zur Spen­derin entbrennen. Es ist wohl anzunehmen, baß das Getränk, welches biefe berauschende Wirkung hat, eine Art Rhabarberwein ist; alfojnieber etwas anderes als der gekochte Saft. Jedenfalls ist die orientalische Frau überzeugt, daß der Genuß des frischen Rhabarbers haut- reinigend und bie Schönheit fördernd wirkt. -z.

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Der Kris des Nadja.

Roman aus ber Tropenwelt ber ostindischen Jnselflur. 32] ---------

Ich mußte es fast als ein Glück nennen, daß die Truppe des Radja so zahlreich war. Auf dem engen Pfade, der sich durch den buschigen Wald dahinschlän­gelte, tarn ihm das gar nicht zustatten, denn die vielen Reiter behinderten sich gegenfeitig. Die schnellen Pferde wurden durch die langsameren aufgehalten, umgekehrt diese durch die schnelleren gedrängt, und so konnten unsere Verfolger weder einen gleichmäßigen Schritt noch ein gleichmäßiges Tempo einhalten, während wir, trotz­dem unsere Pferde schon Spuren der Erschöpfung zeig­ten, wie eine Windsbraut durch ben Wald bafjinfegten.

Minutenlang bauerte schon bie Hetze. Das Schreien unserer Verfolger nahm an Stärke ab. Ich sah mich um. Die große Masse von ihnen war weit zurückgeblie­ben, nur ber Rabja folgte uns beharrlich. Unb wieber ging der abenteuerliche Ritt weiter. Da weitete sich zu unseren beiden Seiten bas Tal, die Berge traten zurück, ber Walb hörte auf, unb wir bekamen freien Ausblick. Hätten wir nur Zeit gehabt, diesen Ausblick zu ge­nießen! Das Bild, das sich unseren Augen bot, war einzigartig schön. Im Süden begrenzte den Horizont die weite Fläche des Meeres. Die Sonne hatte sich gegen Westen geneigt und schickte sich eben an, in die kühle Flut zu tauchen. Der Himmel war mit einem flammenden Purpurfchetn umgoffen und in dem sanft- wogenden Meere brachen sich die Strahlen vieltausenb- fach, so daß es den Anschein hatte, als woge da reines, flüssiges Gold. Nur in einer kleinen Bucht bespülte das Meer eine ebene, nur leicht geneigte Küste. Und hier tagen in dem weichen Meeressand Dutzende von Praus, die phantastischen Fahrzeuge der Malaien. Der An­blick dieser Schiffe am Strande konnte an althomerische Zeiten erinnern. Wie oft besingt der Altvater der Dich- ter die reisigen Achäer, wie sie ihre Schiffe auf den Strand zogen unb diese in hartem Kampfe gegen das Ungestüm der Trojer verteidigten! Das gleiche Bild hier auf ber Insel Timor lockte es nicht gerabezu zum Vergleiche heraus! Gleich ben Griechen ber Sa­genzeit steht auch das Volk von Timor noch in den

allerersten Anfängen der Kultur, gleich ihnen wird es beherrscht von einer Anzahl kleiner Lanbeskönige, die in Art und Wesen den althomerischen Helden nicht viel nachgeben unb gleich den waffenkundigen Trojern wollten nun auch wir die Schiffe stürmen und als letzter Siegespreis winkte auch uns eine entführte Helena!

Allein die Situation war zu ernst, als daß ich mich lange mit klassischen Vergleichen häste befassen können. Zwischen uns unb ben Schiffen lagen noch bie burch die Tropensonne geschwärzten Basthütten von Beo zwi­schen riesigen Gruppen von Areca- und Cocospalmen, einen malerischen Vordergrund gegen den im Purpur­schein flammenden Himmel bildend. Doch ich hätte offengestanden gerne auf diesen malerischen Vordergrund verzichtet, denn die ganze Anlage des Dorfes war zur Ausführung meines Vorhabens, eines ber Fahrzeuge zu gewinnen, fo ungünstig wie möglich. Wir hätten bas Dorf feiner ganzen Länge nach burdjreiten müssen.

Aber mochte es sein! In einer Lage, wie wir uns befanden, schrecken selbst solche Schwierigkeiten nicht. Dem Kühnen gehört die Welt, unb ich war entschlossen, ben kühnen Streich zu wagen. Schließlich muhte ja auch bie Ueberraschung bas ihrige bazu beitragen, um ben Streich gelingen zu lassen. Kein Mensch in bem Dorfe wußte ja, was wir eigentlich vorhatten unb niemanb getraute sich wohl ohne weiteres die immerhin gefürchteten weißen Tuwans aufzuhalten.

Also frisch darauf los! In gestrecktem Galopp hielt ick auf das Dorf zu. Ohne jeden Widerspruch folgten mir meine Gefährten. Ein jeder von ihnen hatte er­

nt. daß bas Gelingen bes Unternehmens nur an wenigen Setunben hing unb baß Jebes Wort nun über­flüssig war. Nochmals blickte ich zurück. Weitaus als erster jagte hinter uns ber Radja drein, erst in ziem­lichem Abstand hinter ihm kam die Masse ber Ver­folger. Das war gut fo. Der eine Mann allem konnte uns nicht schaden. Wäre er vorsichtig gewesen, so würde er seinen Leuten nicht einmal so weit voraus- geeilt fein. Aber die Aufregung des Augenblicks hatte auch ihn mit fortgeriffen.

Näher und näher kamen die Hütten von Beo. Schon konnte ich den Moment berechnen, in dem wir über die Dorfstraße hinwegbrausten und die erschreckten Ma- laien bei unserem Anblick kreischend auseinanberftoben.

Da stellte sich uns ein unerwartetes Hindernis ent­gegen. Plötzlich sah ich vor mir ein aus massigen Bal­ken gezimmertes Tor, dessen Flügel bereits geschloffen waren. An ein solches Hindernis hatte ich nicht gedacht. Beo war 'non dem Radja also gewissermaßen als Fe­stung ausgebaut. Der Zweck dieser Maßnahme war leicht verständlich. Auch heute noch sind Kriege zwischen den einzelnen Fürsten des Landes keineswegs eine Sel­tenheit. Für alle Fälle hatte sich also der Radja ge­sichert, indem er seine Hauptstadt befestigte. Gegen­über ben homerischen Waffen, mit benen bie (Eingebore­nen noch zumeist ausgerüstet waren Gewehre be­kamen sie ja nur von ben Nieberlänbern in beschränk­tem Maße geliefert und dabei waren diese noch vor­sichtig genug, ihnen lediglich Waffen ganz alten Systems anzuvertrauen mußte die einfache Festung natürlich genügen. Bei einem Auftreten niederländischer Trup­pen war sie freilich so gut wie wertlos.

Aber auch wir waren nicht in ber angenehmen Lage, das Tor mit Waffengewalt stürmen zu können. Was war da zu tun? Der Entschluß mußte rasch gefaßt fein, denn Lankelan unb feine Leute warteten nicht, bis wir ben Fall hin und her beratschlagt hatten. In un­serer Not gab es nur einen Ausweg, nämlich den Ver­such zu machen, an dem Dorfe vorbei die Meeresküste zu gewinnen und dieser entlang zu fliehen. Wohin wir habet gerieten, war gleichgültig, die Hauptsache war, daß wir die Meeresküste überhaupt erreichen konnten. Dann eröffneten sich für uns vielleicht neue Möglich­ketten, unter Umständen fiel uns doch eine Prau in bie Hände oder machte die Macht der Flucht unb Verfol­gung ein Enbe.

Don neuem trieb ich mein Pferdchen zur Eile. Zwi­schen Lohngruppen hindurch, über Gärten und Felder hinweg führte uns der Ritt. Gleichzeitig mit uns hatte auch ber Rabja abgeschwenkt, sich unablässig an unsere Fersen heftend. Unsere übrigen Verfolger errangen da­durch, daß mir zu einer Aenderung unserer Flucht­richtung gezwungen waren, einen Vorteil. Sie ritten natürlich nicht den Winkel aus, ben wir notgedrungen beschrieben hatten, sondern bogen seitlich ab, wodurch sie sich einen erhebliche« Weg ersparten und den Ab­stand gegen uns verkleinerten. Immerhin war dieser

Umstand aber noch nicht gefahrdrohend, wenn nur un­sere Pferde aushielten und wir ein Terrain gewan­nen, auf dem wir die Tiere ausgreifen lassen konnten.

Gerade dieser letztere Punkt machte mir aber Sorge. Als wir vorhin bie Berge verließen unb Land unb Meer wie eine Landkarte offen vor unseren Augen lag, hatte ich bemerkt, daß der Meeresstrand nur unmittelbar bei Beo selbst flach verlies, während er in seiner wei­teren Fortsetzung in einem Chaos von zerklüfteten Klip­pen bestand. Gerieten wir in diesen Klippengürtel, so war eine weitere Flucht unmöglich. Ich gab mir des­halb Mühe, mich von dem Strande fernzuhalten, konnte es aber doch nicht vermeiden, daß wir diesem mehr und mehr zugedrängt wurden. Die Verfolger hatten ihren Vorteil nur zu gut erkannt und legten es darauf an, uns zu zwingen, daß mir nicht in einiger (Entfer­nung dem Strand parallel ritten, sondern uns diesem zuwandten. Dennoch tat ich mein Möglichstes, um diese Absicht unserer Feinde zu vereiteln.

Es hatte sich heute aber schon vielmals bewiesen, daß unser Unternehmen unter einem unglücklichen Sterne stand. Mehrere Minuten lang waren wir schon länge der Küste dahingejagt, als ich bemerkte, daß sich nut etliche zwanzig Pferdelängen vor uns eine schmale Bucht ins Land schob, deren Ränder nahezu senkrecht abfielen. Um sie zu umgehen, hätten wir uns eine gute Strecke nördlich wenden müssen, wobei wir mit unseren Ver­folgern natürlich zufammengestoßen wären. Das ver­bot sich also von selbst. Südwärts zu fiel aber bie Küste ebenfalls steil gegen das Meer ab und war infolgedessen auch dort unserer Flucht ein Ziel gesetzt.

Da war guter Rat teuer. Ohne Zweifel blieb uns nichts anderes übrig, als daß wir uns zum Kampfe stellten. Wie ber ausging, das lag in Gottes Hand. Das einzige, was ich noch tun konnte, war, daß ich für uns eine möglichst günstige Position zum Kampfe aus- suchte. Und die schien mir gerade am äußersten Rande ber Küste gegeben. Dort waren bie Felsen gezackt unb zerklüftet, bort hatten wir alfo Deckung, vermochten mit unseren Büchsen bie Feinde uns fernzuhalten unb brauchten einen Angriff vom Rücken her nicht zu fürch­ten.

Gfortiefcuna folat)