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Anzeiger für die Stadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amkliches Kreisblatt.

Nr. 117.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.

Samstag, 21. Mai 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Eolonel) lokal 0,15 JU4.. auswärts 0,20 JUl. Reklamezeile: lokal 0,60 Ml, auswärts 0,80 5LW. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr/ 4051. >•.

54.Zahrg.

ZO Ergebnis -er Lon-oner Reise Brian-s.

Die Preußenregierunq steht fest.

Locarno nur noch eine sentimentale Erinnerung?

Mitztrauenranträge abgelehnt. — Der Haushaltsplan angenommen.

wtb. Paris, 20. Mai. (Eig. Funkm.) Der Londoner Korrespondent der „Chicago-Tribüne" will berichten können, daß in englischen Kreisen das Gerücht verbreitet sei, daß es sich bei der Un­terredung Chamberlains und Briands um einen richtigen diplomatischen Hand el zwischen der französischen und der englischen Regierung ge­handelt habe und zwar auf folgender Grundlage: 1. Frankreich erklärt sich damit einverstanden, der englischen Führung in der Politik gegen­über Moskau zu folgen. 2. England willigt ein, sich der Führung Frankreichs in der Rhein­landpolitik anzuschließen. 3. Frankreich erklärt sich bereit, dem englischen Standpunkt betr. der italienischen Politik beizutreten. ^Frank­reich wird sich den englischen Standpunkt in der China-Politik zu eigen machen.

Man habe sich zwar außerordentlich bemüht, den Gedanken von vornherein zu zerstören, daß dieser Handel ein endgültiges Fiasko des Locarno-Pak­tes bedeute, und man habe sich bemüht, im Gegen- teil hervorzuheben, daß die neue Entente logischer Weise als eine Verstärkung des Locarno-Äbkom- mens angesehen werden müsse, obwohl keine Er- klärung dafür gegeben sei, wie man hierzu gelangen könne. Gewisse politische Kreise kn London glaub­ten jedoch, daß die dreitägigen Festlichkeiten anläß- lich der Besuches der ftanzösischen Staatsmänner Locarno nur noch als sentimentale Er­innerung zurückgelassen hätten.

wtb. Paris, 20. Mai. (Eia. Funkm.) Außen­minister Briand erklätte einem Vertreter des „Petit Parisien" nach einem Hinweis auf die herzlichen Kundgebungen während des Aufenthaltes in Eng- land u. a.: Diese Kundgebungen beweisen, daß die Entente Cordiale, von der gewisse Kreise behaupteten, sie sei nur noch eine Erklärung, eine lebendige Realität ist. Sie hat übrigens niemals aufgehört, das zu sein und es hat die für diese Reise sich bildende Gelegenheit genügt, da- mit die Atmosphäre von einst wieder entsteht und aufs neue die aufrichtige Freundschaft der beiden Völker und ihr Wunsch, ihre Entente verstärkt zu sehen, sich bestätigt.

Einem Vertteter des .-Journal" gegenüber er- klärte Außenminister Briand, das ausgegebene Kommunique genüge. Es sei eine Antwort für diejenigen, die die Entente Cordiale bereits als ge­lockert bezeichneten. In Wirklichkeit sei sie immer eine enge gewesen.

Unter dem Schutz der Entente Cordiale, die für die französische und die englische Natton nützlich sei, könnten die beiden Völker arbeiten.

Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" schreibt, die vorläufige Tagesordnung der bevorstehenden Tagung des Völker- bundsrates habe einen wichtigen Einfluß auf den allgemeinen Meinungsaustausch über inter­nationale Probleme gehabt, der zwischen Briand und Chamberlain am Mittwoch stattfand. Die Rheinlandfrage sei nicht eingeschlossen, nicht ein- mal die Frage der künftigen Ueberwachung der entmilitarisierten Rheinlandzone. Wenn nicht die deutsche Regierung selbst darauf bestehen sollte, die Räumungsfrage aufzuwerfen, was Sttesemann viel- leicht unter dem Druck der Deutschnationalen hm würde, würde das dornige Rheinlandproblem von neuem vettagt werden. Der Korrespondent be- mertt, ein konkretes Merkmal der Besprechungen am Mittwoch zwischen den Außenministern Groß- .Britanniens und Frankreich sei ihre Zustimmung zu der Ansicht, daß die Räumungsfrage nicht fällig sei und auch auf jeden Fall nicht fällig werden könne vor dem 15. Juni, dem Zeitpunkt der völligen Zerstörung der Königsberger und anderer Feshingswerke. Wie der Berichterstatter weiter meldet, ruft das Ersuchen der deutschen Regierung um Gewährung eines Sitzes in derstän- digen Mandatskommission (Kolonialkom- Mission) keine Begeisterung in Paris, Brüssel, Lvndon oder Tokio hervor.

Die französische Heeresresorm.

Der Kampf um die Herabsetzung der Dienstzeit.

Die französische Kammer hat die Beratung des zweiten der drei Heeresreformgesetze, nämlich den Gesetzentwurf über die allgemeine Organisierung der Armee, begonnen. Vor Eintritt in die Dis­kussion erhielt der kommuni st ische Abgeord­nete Marty das Wort, um einen Antrag aüf Ver­tagung der Diskussion zu begründen. Marty stützte sich auf die von der Sowjetdelegatton in Genf abgegebene Erklärung hinsichtlich der allge­meinen Abrüstung und beantragte, die Kammer möge die Regierung auffordern, sich mit der Sowjetregierung zwecks Organisierung der Abrüstung zu verständigen. Der Redner kritisierte vor allem die Tätigkeit des Völkerbundes und be­schuldigte ihn, die Beschlagnahme Asiens durch die Großmächte zu begünsttgen. Das Proletariat müsse sich gegen das Bürgertum schützen.

Krieasminister Painleve beantragte, den Vor­schlag Marty abzulehnen, was mit 415 gegen 31 Stimmen geschah. Als erster Redner in der Ge­neraldiskussion ergriff der ehemalige Kriegsmini- ftcr Maginct das Wort. Er erklärte: 32 Divi­sionen haben es uns gestattet, den schmierigsten Lagen zu genügen. Wir konnten das Ruhrgebiet besetzen und Feldzüge in Asten, Syrien und Ma­rokko durchführen. Wenn eine Organisation der­artige Beweise gegeben hat, darf man sie nicht kritisieren. Rach feinem Abgang als Kriegsmini­ster, so fährt der Redner fort, sei das Heer durch *** Dienst desorganisiert

worden. Insbesondere habe man auch nichts für die Heranbildung von Berufssoldaten getan. Wenn das Programm verwirklicht worden wäre, müßte man heute einen Effektivbeftand im Mutterlande von 310 OÖO Mann, 190 000 Mann Kolonialtrup- pen, 100 000 Mann Kapitulanten und 10 000 Aus­länder (Fremdenlegion) haben. Man sei jedoch weit von diesen Ziffern entfernt und jetzt wolle man sogar zur einjährigen Dienstzeit über­gehen. Rein, meine Herren! so ruft Maginot aus. Zwei Gesetzentwürfe stehen zur Beratung: Der Regierungsentwurf und der Gegenentwurf des So­zialisten Renaudel. Keiner dieser beiden Gesetz­entwürfe gebe seinen politischen Freunden Befrie­digung. Aber wenn sie zu wählen hätten, wurden sie für den Regierungsentwurf eintreten. Der Redner verwirft das Milizsystem, das vielleicht für ein kleines Land wie die Schweiz gut sei, dessen Reutrslität garantiert sei. Rach seiner Ansicht sei es unmöglich, im Verlaufe von drei Monaten einen Soldaten heranzubilden. Renaudels Antrag stütze sich zu sehr auf den Berufssoldaten. Unter die­sen Umständen würden bei der Entscheidung seine Freunde, wenn auch nicht freudig, so doch aus praktischen Gründen für den Regierungsentwurf eintreten, jedoch unter der Bedingung, daß die ein­jährige Dienstzeit erst in Kraft trete, wenn alle notwendigen Vorbedingungen erfüllt seien. Der Abgeordnete Missoffe von der Gruppe Marin tritt für eine ft arte Deckungsarmee ein, sowie für ein System rascher und rationeller Mobilisie­rung. Rach seiner Ansicht dürfte der Regierungs­entwurf allen Anforderungen genügen, vorausge­setzt allerdings, daß die Vorbedingungen erfüöt würden, bevor die einjährige Dienstzeit in Kraft trete. Hierauf wird nach unwesentlichen Debatten über Einzelfraqen die Weiterdiskussion auf kom­menden Dienstag vertagt.

Die Mission der Weltmächte.

Ehnmg Lord d'Abernons in Manchester.

In Manchester wurde der frühere britische Bot- schafter in Berlin, Lord d'Abernon, die Würde eines Ehrendoktors der Rechte von der Universität Manchester verliehen. Drof. Alexander hob in einer Rede die Verdienste d'Abernons als Botschafter in Berlin vom Jahre 1920 b i 5 1926 hervor und erklärte, d' Abernon gehöre zu jener kleinen Gruppe hervorragender Diplo­maten, die nicht so sehr das Sprachwhr des For- eign Office sind, als die Dolmetscher des brftischen Volkes selbst bei den Nationen, bei denen sie akkre- ditiert sind. Durch Takt und Persönllchkeit, durch Unabhängigkeit des Geistes und Großzügigkeit der Auffassung, so erklärte Prof. Alexander, trat d' Aber- nen für den Geist ein, der das Beste in Eng­land darstellt und der die Wohlfahrt des früheren Feindes wünscht. Der Sonderzug, der ihn von Berlin forttrug, wurde ihm zur Verfügung gestellt, nicht um seine Mreise zu beschleunigen, sondern um die Freundschaft kundzutun, die er für sein Land und sich selbst schuf. In der Antwort erklärte d'Abernon: Die wirklichen Verdienste an der Besse- rung der Verhältnisse auf dem europäischen Konti- nent gehören den Staatsmännern, die in Locarno zusammenkamen und den großen internationalen Patt unterzeichneten, der die Urkunde für die Zu­kunft des europäischen Friedens bildet. Zu keiner Zeit ist die enge Verbindung zwischen den West­mächten Europas dringender gewesen als heute.

Die Parlamente gehen in die pfingstferien.

Ter preußische Landtag hielt am Donnerstag eine T auersitzung ab, die sich bis in die späten Abendstunden hinzog. Bei der Aussprache zum Jnnenetat kam es wiederum zu scharfen Ausein­andersetzungen zwischen dem Innenminister Grze- sinski und der Linken einerseits und der Rechten anderseits. Auch beim Kultusetat gab es eine aus­gedehnte Debatte, die sich haupffächlich um die Konkordatsfrage drehte. Bei der Beratung des Haushalts für Wohlfahrtspflege kam Minister Hirtsiefer auch auf die amerikanischen Pläne zum Bau von 14 000 Wohnungen in Berlin-Schöne­berg zu sprechen, für die er wenig Sympathie an den Tag legte.

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D. D. Z. Berlin, 20. Mai. (Eig. Funkm.) Im preußischen Landtag wurde am Freitag das kom­munistische Mißtrauensvotum gegen das Gesamt-Kabinett mit 216 gegen 136 Stim­men der Kommunisten, Deutschnatio­nalen, Völkischen und Hannoveranern abgelehnt. Die deutsche Dolkspartei und die wirt­schaftliche Vereinigung beteiligten sich nicht an der Abstimmung.

Ein von allen Parteien mit Ausnahme der Kommunisten und Völkischen eingebrachter Gesetz­entwurf zur Aenderung des Schutzpolizei- beamtengesetzes, das Milderungen der Kün­digungsmöglichkeit für die Schutzposizeibeamten vor- fieht, wurde in allen drei Lesungen angenommen.

Zum Schluß wurde der Etat für 1927 in der Schlußabstimmung mit 211 Stimmen der Re­gierungs-Parteien gegen 155 Stimmen der Deutsch- nationälen, wirtschaftlichen Vereinigung, Völ­kischen, Kommunisten und eines Teiles der Volks­partei angenommen. 26 Mitglieder des Hauses enthielten sich der Stimme. Ein Teil der Deut­schen Volkspartei gab Enthaltungskarten ab.

Reichstag.

Der Reichstag hat in seiner Donnerstagssitzung sein Arbeitspensum erledigt und sich bis zum

14. Juni vertagt. Den Hauptgegenstand der Sitzung bildete die Deratting des Gesetzentwurfs über die Erlaubnispflicht für die Herstellung von Zündhölzern. Reichswittschaftsminister Dr. Curtius suchte die gegen das Zündholzmonopol faul gewordenen Bedenken zu zerstreuen und wies den Vorwurf, daß die Regierungsparteien im Aus­schuß eine Vergewaltigung der Minderheit und einen Bruch der Geschäftsordnung vorgenommen hätten, als vollkommen ungerechffertigt zurück. Rach einer längeren Aussprache wurde der Gesetzentwurf unter Ablehnung demokratischer Aenderungsanträge in zweiter Lesung gegen Demokraten, Sozialdema- ttaten und Kommunisten und gleich daraus auch in dritter Beratung angenommen. Beim Wrederzu- sammenttitt des Reichstags soll das Lebensmittel- gesetz beraten werden.

Reich und preutzen.

Wie verlautet, hat eine Besprechung zwischen dem Reichsfinanzminister Dr. Köhler und dem preußischen Ministerpräsidenten Braun über die bekannten Differenzen zwischen dem Reich und Preußen st a 11 g e f u n d e n. Im Anschluß an diese Besprechung tagte das Kabinett. Für die weiteren Besprechungen mit dem Reichsfinanzminister ist Minister Dr. Höpker-Aschoff bevollmächtigt, da der Ministerpräsident Braun in den nächsten Tagen an dem sozialdemokratischen Parteitag teilzunehmen beabsichtigt. Ferner tagten im Preußischen Land­tag die Fraktionsoorstände des Reichs- und preu- ßischen Zentrums. Auch der Reichskanzler Dr. Marx sowie sämtliche Reichs- und preußischen Minister des Zentrums nahmen an dieser Konferenz teil. Auf ihr wurden die Streitpunkte zwilchen dem Reich und Preutzen besprochen. Als einstimmige Meinung trat laut „Germania" hervor, daß es sich um Dinge handele, die auf dem Verwaltungsge­biete liegen und infolgedessen mit vermal- tungsmäßigen Mitteln beseitigt werden müs­sen.

Der Kaifer von f)onan.

was gibt es Neues in China? — Die Roten Lan­zenreiter.

Der Havaskorrespondent in Peking berichtet, daß die früher bereits bestehenden Verbände der Roten Lanzenreiter neu organisiert seien und im Honangebiet eine Truppe von 20 000 Mann zusammengestellt hätten. Es handele sich um eine Art B ü r g e r g a rd e, die oft von Missio­naren geführt werde und die Dörfer gegen Solda­ten und Plünderungen schützen wolle. Die Roten Lanzenreiter hätten im Honangebiet einen Kaiser ernannt. Die Nordregierung sei mit diesem Kaiser in Verhandlungen getreten und habe ihn aufgefor­dert, neutral zu bleiben. Sie habe ihm versprochen, den ausgehungerten Bauern Lebensmittel zu lie­fern. Innerhalb der Hankaupartei zeige sich ein Meinungsumschwung. Ein Teil des Heeres, der revoltiert habe, fei im Vorrücken auf Hankcm be­griffen und befinde sich 30 Kmtr. von dort entfernt.

Telegrammen zufolge, die in maßgebenden bri­tischen Kreisen eingetroffen sind, wurde vorgestern

l in Hankau der Belagerungszustand I verkündet. In der Stadt herrscht infolge des Vor­marsches der verschiedenen Heere große Beunruhi-

, gung. Die Regierung von Amman habe eine Pro- ; klamation veröffentlicht, die den Kommunisten zehn Tage zur Uebergabe gewähre. Zahlreiche Verhaf­tungen seien bereits vorgenommen worden.

wtb. London, 20. Mai. (Eig. Funkm.) Laut „Morning Post" hat der Außenminister der Han- fauregierung, Tschen, dem bisherigen Vertreter Englands, Basil Newton, auf die Mitteilung seiner Abberufung in einer eingehenden Note geantwor­tet. In dieser lehnt Tschen jede Verantwor- ? t u n g für die Hankauer Ereignisse ab und macht die britische Politik und die Besetzung von Schang- ! Hai dafür verantwortlich.

* Strafantrag des Reichsbankpräfidenten gegen die »Welt am Abend" . Wegen der einer in der : „Welt am Abend" gegen den Reichsbapkpräsiden- ten Dr. Schacktt erhobenen schweren Deschuldigun- ! gen hat der Reichsbankpräsident sofort Straf- ! ontrag gegen das genannte Blatt gestellt.

Die Zerstörung der Gstbefestigungen.

wtb. Berlin, 20. Mai. (Eig. Funkm.) Zu den Meldungen, daß die Zerstörung der Ostbefestigun­gen bereits beendet fei, wird den Blättern mitge­teilt, daß ein amtlicher Bericht hierüber bisher noch nicht vorliegt. Es wird aber erwartet, daß er in den nächsten Tagen von General von Pa- welfz eingeht. Die Reichsregierung wird sich dann darüber schlüssig werden, in welcher Form die Be­endigung der Zerstörungen den in Frage kommen­den Regierungen mitgeteilt wird.

vom Völkerbund.

Einberufung der 45. Tagung de« Dölkerbundsrates.

Die nächste Dölkerbundstaaung fft auf Montag, den 13. Juni nach Genf einberufen worden. Die Tagung (es ist die 45.) wird unter dem Vorsitz Chamberlains ftattfinben. Die Tagesordnung um­faßt 29 Punkte. Unter den zu beratenden Gegen- ständen befinden sich auch Fragen über das Sicher­heitsproblem und die Vorbereitungen der Ab­rüstungskonferenz. Besondere Bedeutung kommt der endgültigen Entscheidung über die DanzigerAn- leihe und der Frage der Form der Pariser Listen über das deutsche Zivilflugwesen entsprechend den Vereinbarungen vom Mai vorigen Jahres zu.

Kundgebung der Saararbeiter.

Tausende von Arbeitern legten am 19. Mai ohne Anweisung der Organisationen die Arbeit nieder, veranstalteten einen Umzug in der Stadt vor der Regierungskommission und vor dem Rat» Haus und eine Drotestversannnlung gegen die all­gemeine Notlage und die Notlage im Berg­bau im besonderen. Der Grund der Unzuftiedenheit liegt darin, daß die Dergwerksverwaltung bekannt­lich einen lOprozentigen Lohnabzug vorgenommen und außerdem zahlreiche Feierschichten eingelegt hat, sodaß am Hauptlohntage manche Bergarbeiter, die bereits im Vorschuß waren, oder Baudarlehen an die Verwaltung abzuzahlen hatten, wenig oder gar keinen Lohn erhalten haben. Die Organisation hat Schritte zur Milderung der troftlofen Lage bei den zuständigen Stellen eingeleitet.

Die MemchMerletzWen im Weltkrieg.

In der Plenarsitzung des Reichstages vom 18. Mai hat der frühere Rcichsininifter Abg. Dr. Bell (Zentrum) im Namen des dritten Unterausschusses des großen Untersuchungsausschusses den die Na­tionalversammlung am 20.8.1919 eingesetzt hat, dem Reichstag ein Werk überreicht, das den Titel trägt „Verletzungen desVölkerrechts imWeltkriege". Jener parlamentarischer Untersuchungsausschuß hatte eine Reihe von sehr wichtigen Fragen zu prüfen, die mit den Ursachen und dem Verlauf des Weltkrieges im Zusammenhang stehen. Die Frage, die dem dritten Umevausschutz dieses Untersuchungsaus­schusses vorgelegt war, lautete:

„Sind in der militärischen und wirtschaftlichen Kriegführung Maßnahmen angeordnet oder gedul­det worden, die Vorschriften des Völkerrechts ver­letzt haben, oder über die militärische Notwendig­keit hinaus grausam und hart waren?"

lieber sieben Jähre lang haben die Arbeiten ge­dauert und sind jetzt zum Abschluß gekommen. Die Stoffgebiete, die behandelt wurden, sind folgende: Die Einführung der Haager Landkriegsordnung beim deutschen Heer, die Verletzung der belgischen Neutralität, die Verletzung der griechischen Neu­tralität, die Zerstörungen in Nordfrankreich an­läßlich der Rückzüge des deutschen Heeres in den Jahren 1917 und 1918, der Gaskrieg, der Luft­krieg, der Wirtschaftskrieg, der belgische Volks- krieg, Verletzungen des Genfer Abkommens, Ver­letzungen des Kriegsgefanaenenrechts. Verletzungen des zehnten Haager Abkommens, die Verschlep­pung von Bewohnern Elsaß-Lothringens nach Frankreich, die Zwangsüberführung belgischer Ar­beiter nach DeutWand und der Unterseebootkrieg.

Mit Ausnahme des belgischen Neutra- litätsfrage sind sämtliche angeführten Unter- suchungskapitel abgeschlossen worden. Die belgische Frage konnte noch nicht beantwortet werden, weil der Unterausschuß, der sich mit der Aufhellung der Kriegsursechen beschäftigt, seine Arbeiten noch nicht abgeschlossen hat, die aber als Unterlage ’ür die völkerrechtlichen des dritten Unterausschusses benötigt werden. Es ist fein Zweifel, daß das Ergebnis dieser völkerrechtlichen Seftiteltunaen vor

allem im Auslande große Beachtung finden wird. Man weiß, daß der Kampf um die Kriegs­ursachen und die „humane" Kriegsführung in Deutschland sehr leidenschaftlich geführt wird, daß zum mindesten, wenn alle Parteien des Parla­ments Vertreter in einen Untersuchungsausschuß schicken, der diese Fragen prüfen soll, es dabei we­der an der Vielfältigkeit der Meinungen, noch an Leidenschaftlichkeit der Stellungnahme fehlt. Denn gerade in Deutschland stehen hinter den Unter­suchenden und ihren Fesfftellungen gewissermaßen weltanschauliche Ideologien, moralische Haltungen und ideale Forderungen, die jeder Stellungnahme leicht eine gewisse Härte des Urteils verleihen. Wenn trotzdem dieses Gremium von hartnäckigen Geistern zu e i n h e i t l i ch en Auffassungen kommt, dann kann man wohl sagen, daß solche ein Höchst- maß von Objektivität in sich tragen. In der Mehrzahl der Untersuchungsfälle ist diese Einheit­lichkeit der Beurteilung erreicht worden. Nur in wenigen Fällen hat sich eine Minderheit der Mei­nungsäußerung enthalten, während in zwei Fäl­len, welche die Beurteilung der Zwangsübersüh- rung belgischer Arbeiter im Jahre 1916 und 1917 nach Deutschland und die Frage der Behandlung der Kriegsgefangenen betreffen, besondere Minder­heitsentschließungen von den sozialdemokra­tischen Abgeordneten eingebractit worden sind.

Die Verhandlungen selbst, das Hin und Her der Debatten werden nicht veröffentlicht werden, nur ihr Ergebnis ist in Entschließungen niedergelegt. Eine Ausnahme machen die Verhandlungen über die Arbeiterdeportationen eben aus dem Grunde, weil hier die Meinungen leidenschaftlich gegenein­ander standen. Im übrigen ist der Unterausschuß zu der Meinung gekommen, daß die Verletzungen des Völkerrechts auf der Gegenseite nicht minder zahlreich und groß gewesen sind, wie beim deut­schen Heere. Hoffentlich gibt das Untersuchungs­ergebnis den einschlägigen ausländischen und inter­nationalen Stellen Gelegenheit, die bestehenden Be- stimmungen nachzuprüfen und zu ergänzen. Es hat sich nämlich gezeigt, daß manchen internationa­len Vereinbarungen über die Kriegsführung die