Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Nr. 112.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchendlätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.
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Sonntag, 15. Mai 1927.
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54.Zahrg.
Konhoröat und Schulgesetz.
Das Republikschutzgesetz. Ost-Befestigungen und Räumung.
Erklärungen der deutschnationalen Parteileitung.
Die Parteileitung der Deutschnationalen Volks- - Partei veröffentlicht zur Konkordatsfrage folgende Erklärung:
„Die Reichsverfassung hat die Rechts- Klag« deS Staates gegenüber den Kirchen grundsätz- ’ sich verändert. Dies nötigt in absehbarer Zeit zu , neuen Festsetzungen. Bei voller Beachtung - der reichsgesetzlichen Bestimmungen sollen diese F Festsetzungen unter Anknüpfung an die bisherige Entwicklung eine dauernde befriedigende Neuordnung der rechtlichen und finanziellen Beziehungen zwischen Staat und Kirchen bringen. Aus dem Bereich solcher Verhandlungen scheiden Schulfragen für uns aus. Deren gesetzliche Regelung fft grundsätzlich vorweg zu erstreben und sobald als möglich mit allen Mitteln durchzusetzen, Das Reichsschulgesetz fft das erste Ziel unserer Bemühungen. Wir wollen darin den Bestand und die Entwicklungsmöglichkeit der christlichen Schul e sicherstellen. Lebenserfordernis für das deutsche Volk fft besonders in der heutigen Zeit die Aufrechterhaltung des konfessionellen Friedens. Wahrung der Staatshoheitsrechte, nicht ihre Preisgabe, soll lettender Gesichtspunkt sein, wenn Vereinbarungen zwischen Staat und Kirchen abgeschlos- | sen werden müssen. Diese Vereinbarungen sind gegebenenfalls nicht nur mit der katholischen Kirche, fonbem gleichwertig mit den evangelischen Kirchen zu treffen. Ihre Regelung ist Landessache. Zur Durchsetzung dieser Grundsätze behält sich die Partei voll« Handlungsfreiheit vor."
Die Erklärung spricht sich also für den Abschluß eines Konkordates in den Ländern aus,scheint aber ein Reichskonkordat abzulehnen. Die Erklärung dürfte veranlaßt sein durch Kundgebungen von Unterorganisationen innerhalb der Deutschnationalen Vollspartei, die der Parteileitung unbequem sind. So hatte dieser Tage der Vorsitzende der Hamburger Deuffchnationalen in einer Vorstandssitzung des Landesverbandes erklärt, daß die „Gefahr bestehe, daß das Reichsschulgesetz im Sinne des Zentrums" entschieden werden solle. Bezüglich des Konkordats machte sich der betreffende Sprecher die schon vorangegangene Enffchließung des deuffchnationalen Landesverbandes Premen zu eigen, daß em Reichskonkordat unter allen Umständen abzulehnen wäre. Em solches Konkordat würde eine emseiffge Bevorzugimg der kacholischen Kirch« bedeuten.
Zum Abschluß der Berliner General- synode wurde auch eine Enffchließung zur Konkordatsfrage angenommen. Sie hebt hervor, daß ernste Besorgnis bestehe, es würden außer auf dem Gebiet äußerer Organisation und finanzieller Beziehungen Fragen auf dem Gebiete des Schul- wesens zum Gegenstand vertragsmäßiger Regelung zwffchen Staat und römisch-katholischer Kirche gemacht werden. „Die Generalsynode müßte hierin eine wesentliche Verschärfung der in der Kontor- datsftage an sich gegebenen Gefahren erblicken und davon eine schwere Schädigung der evangelischen Kirche, der Volksgemeinschaft und des Staates, insbesondere auch eine verhängnisvolle Störung deS konfessionellen Friedens befürchten." Sie fordert deshalb, daß diesen Gefahren vorgebeugt roirb itnb erwartet, daß ihr, falls eine Gefährdung der Lebensinteresfen der Evangelischen eintreten sollte, zu «meuter Stellungnahme Gelegenheit gegeben werde.
Die 5chul-5achverständigen.
Nach dem „Lokalcmz." schweben Erwägungen, als Referenten für das Reichsschulgesetz den würt- tembergischen Ministerialrat Löffler in das Reichsinnenministerium zu berufen. Reichsmini- ster des Innern v. Keudell dürfte einen kleinen Ausschuß von Sachverständigen in der Frage hören. Diesem Ausschuß werde wahrscheinlich auch der Freiburger Universitätsprofessor Krebs angehören, von dem es kürzlich irrtümlicherweise hieß, daß er als Referent für das Reichsschulgesetz in das Reichsinnenministerium berufen werden soll.
Hus dem Saargebiet
Protestaktion des Landesrates des Saargebietes.
Die Deuffchnaffonalen stimmen geschlossen für die zweijährige Verlängerung.
Der Initiativantrag der Regiemngsparteien zur Verlängerung des Gesetzes zum Schutze der Republik, der rm Reichstag eingebracht wordm ist, hat folgenden Wortlaut:
§ 1. Die Geltungsdauer des Gesetzes zmn Schutze der Republik vom 21. Juli 1922 in der ?Fassung der Abänderungsgesetze vom 31. März 926 und 8. Juli 1926 wird um zwei Jahre verlängert. Die noch bestehendm Zuständigkeiten des Staatsgerichtshofes zum Schutze der Republik gehen auf das Reichsverwaltungsgericht und bis zu dessen Errichtung auf einen Senat des Reichsgerichts der durch den Geschäftsverteilungsplan bestimmt wird.
§ 2. Dieses Gesetz tritt am 23. Juli 1927 in Kraft.
Ferner bringen die Regiemngsparteien die angekündigte Entschließung ein, worin sie die Reichsregierung ersuchen, in Erwägungen darüber emzutreten, für welche Vorschriften des Gesetzes zum Schutze der Republik ein Bedürfnis der Beibehaltung besteht.
Der Initiativantrag fft unterzeichnet von den Abgg. Graf Westarp (Dntl.) und Fraktion, von Guerard (Z.) und Fraktion, Scholz (D. Vp.) und Fraktion, Leicht (Bayr. Vp.) und Fraktion.
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Der „Deutschen Allgem. Ztg." zufolge wird di? Deuffchnationale Reichstagsfraktion, die nach langer Beratung dem Vorschlag ihres Vorstandes über die Verlängerung des Republikschutzgesetzes zustimmte, geschlossen für den Antrag der Regiemngsparteien stimmen.
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Die Link s-Presse höhnt in stärfften Tönen über die Deuffchnationalen, deren Führer in der letzten Zeit Bekenntnisse zur Monarchie abgelegt hätten und jetzt mit der Derlängemng des sog. Kaiserparagraphen in aller Form sich einverstanden erklärten. ,
Demokraten und Sozialdemokraten werden im Plenum gleichfalls für die Verlängerung des Republik-Schutzgesetzes stimmen.
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Reichspräsident von Hindenburg empfing am Freitag Reichskanzler Dr. Marx und ferner den preußischen Ministerpräsidenten Braun.
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Im Reichstag kam es im Zusammenhänge mit den Gegensätzen innerhalb der Kommunistischen Partei zu einem erregten Auftritt. Etwa fünfzig Mitglieder der Kommunistischen Partei erschienen im Hause und verfolgten den aus der kommunistischen Fraktion ausgeschlossenen Abgeordneten S ch l a g e w e r t h bis in die kleine Wandelhalle an der Seite des Sitzungssaales. Dort kam es zu einer Radauszene, die beinahe in eine Prügelei ausartete. Jedenfalls wurde Schlagewerth mit schlimmen Ausdrücken beschimpft. Schließlich gelang es den befonneren Elementen der kommunistischen Fraktion, die Radaumacher zu entfernen und den Abg. Schlagewerth aus feiner unangenehmen Lage zu befreien.
Die 5lrbeitslosen-versicherimg.
Aus parlamentarischen Kreisen schreibt man uns:
Der Arbeitslosen-Versicherungs-Gesetzentwurf dürfte im Sozialen Ausschuß des Reichstags bis Ende nächster Woche in der ersten Lesung durchberaten sein. Die Zusammenstellung der Beschlüsse wird am Ende der Beratung schon vorliegen; desgleichen ist der schriftliche Bericht des Berichterstatters Abgeordneten Andre schon weitgehend fertiggestellt. Die Zentrumsfraktion beabsichtigt, die besonders interessierten Kreise zwischen der ersten und zweiten Lesung im sozialpolitischen Ausschuß zu hören. Die Pfingstpause des Reichstags soll, wenn irgend möglich, noch zur zweiten Lesung im Ausschuß benutzt werden. Der Reichsfinanzminister besteht auf der parlamentarischen Verabschiedung des Entwurfs noch vor den Sommerferien des Reichstags. Solches wird allerdings nur möglich fein, wenn innerhalb der Regierungsparteien alles geschieht, um auftauchenden Schwierigkeiten einmütig zu begegnen. s
Kommunistenverhaftungen in Japan
rotb. Tokio, 14. Mai. (Eig. Funkm.) Reuter. Die Polizei nahm in den letzten Tagen zahlreiche Russen und Japaner fest, die kommunistischer Umtriebe verdächtig sind. Einige wurden wieder frei- gelassen. Gleichzeitig werden alle Häfen scharf überwacht. Es wird erklärt, daß die Maßnahmen hauptsächlich vorbeugenden Charakter haben, und infolge der Besorgnis der Polizei über eine Verstärkung der Agitation ergriffen worden sind.
Aus Saarbrücken wird gemeldet: Eine Abordnung des Landesrates wurde bei dem Mitglied der Regierungskommission Deszenski vorstellig, um gegen die Verhaftung des kommunistischen Lcm- oesratsmitgliebes Reinhard zur Verbüßung einer Gefängnisstrafe wegen Pressebeleidigung zu protestieren. Die Abordnung erhob die alte Forderung auf Immunität der Landesratsmitglieder und teilte mit, daß der Landesrat solange nicht zusammentreten werde, bis Reinhard freigelassen sei. Deszenski versprach, im Sinne der Abordnung bei der Regierung vorstellig zu werden und kündigte We Freilassung Reinhards an.
* Englisch« Auszeichnung eines deutschen Gelehrten. Am Donnerstag abend traf im Flugzeug aus Deutschland Prof. Ludwig B r a n d t e l von der Göttinger Universität in London ein. Prof. Brandtel wird die höchste Auszeichnung, die die britische Luftschiffahrt bieten kann, nämlich die goldene Medaille der Königlich Aeronautischen Ge- sellschast, verliehen werden.
* Tätlicher Angriff auf Mljukosf. Aus Riga wild gemeldet: Der ehemalige Außenminister der russischen Provisorischen Regierung von 1917, Mil- jukoff, wurde während eines Vortrages, den er hier hielt, von einem Herrn von Slberfas geohr- feigt. Der Angreifer wurde verhaftet. Er erklärte, die von Kenerenski und Mijukosf geführte Revo- lutionsregierung sei verantwortlich für den Hungertod seiner Eltern und feines Bruders in Petersburg.
* Einweihung bet finnischen Universität in Orbo. Aus Helsingfor wird gemeldet: Am 12. Mai fand in Orbo die Einweihung der dortigen finnischen Universität statt. Die Feier gestaltete sich zu einer imposanten nationalen Kundgebung. Beim Festakt sprachen unter anderem Gesandter Hauschild sowie Rektor Krüger von der Universität Greifswald als Vertreter sämtlicher deutschen Hochschulen gemeinsam die deutschen Glückwünsche aus.
rotb. Paris, 14. Mai (Eig. Funkm.) „Matin" behauptet "heute, daß Botschaftsrat Dr. Rieth gestern Philippe Berthelot im Quai d'Orsay aufgesucht habe ,um die neuen Instruktionen seiner llle- gierung über die Kontrolle der Niederlegung der Ostfestungen vorzulegen. Es scheine nicht, daß der deutsche Vertreter annehmbare Vorschläge habe formulieren können. Auf Grund dieser Umstände werde der Quai d'Orsay sich abwartend verhalten. Briand und Chamberlain seien der Ansicht, daß die Enquete über die Ostbefestigungen mit Diskretion durchgeführt werde, aber daß sie stattfinden müßte. Hinsichtlich der Verminderung der Resatzungstruppen wolle die französische Regierung sich ihre Handlungsfreiheit bewahren. Sie werde zur gegebenen Zeit außerhalb einer Demarche und jeden Druckes handeln.
Auch „Petit Parisien" erklärt zur Frage der Ost-Befestigungen, daß man sich mit einer durch die deutschen Behörden selbst vorqenommenen Fesfftel-. lung nicht begnügen kann. In der Frage der Be- satzungstruppen scheine es nicht, daß eine Verhandlung mit dem Reiche eingeleitet werden müßte, da es sich hier laut Friedensvertrag um eine Angelegenheit der Alliierten handle.
Der Kampf im Osten.
rotb. Deuthen, 14. Mai. (Eig. Funkm.) Bei den am vergangenen Sonntag in Ost-Oberschlesien erfolgten Neuwahlen zur Gemeindevertretung waren die Deutschen an verschiedenen Orten überfallen und schwer mißhandelt worden. Auf die Beschwerde der deutschen Abgeordneten beim Woj- woden stellte dieser die vorgebrachten Tatsachen zunächst in Abrede, erklärte sich aber schließlich bereit, eine Untersuchung a n 3 u ft eilen.
Protest Moskaus in London.
In einer Protestnote gegen die Haussuchung auf dem Grundstück der Arcos und der Handelsdelegation der U. S. S. R., die der Sowjet- geschäftsträger Rosengold bei einem Besuch im Foreign Office hinterlassen hat, wird unter anderem daraus hmgewiesen, daß der russische Handelsvertreter m London gemäß den Bestimmungen des englisch-russischen Handelsübereinkommens die diplo- matifdjcn Vorrechte eines Vertreters fremder Mächte genießt und daß diese Bestimmung des Vertrages durch die Haussuchung verletzt worden sei. Die Note zählt dann noch eine ganze Reihe einzelner Beschwerdepunkte auf und schließt mit der Feststellung, daß der Sowjetvertreter noch nähere Instruktionen von seiner Regierung erwarte, daß er aber bereits jetzt nachdrücklichst gegen die flagrante Verletzung des englisch-russischen Uebereinkommens Protest entlegen müsse.
Englische Antwort auf den russischen Protest.
wtb. London, 14. Mai. (Eig. Funkm.) Der diplomatische Korrespondent der „Westminster Gazette" schreibt: Auf den Protest des russischen Ge- schäststrägers wird heute oder später eine formelle Empfangsbestätigung erteilt werden. Das Foreign Office wird jedoch in dieser Sache keinerlei aktive Schritte tun, bis das Ministerium des Innern zu einer endgültigen Entscheidung gelangt ist.
Da die Beamten der Arcos nach wie vor die Herausgabe der Schlüssel zu den Safes verweigern, hat die englische Polizei einen für die Zerstörung der armierten Schränke geeigneten Apparat sowie ein KnaNgasgebläse, Hebestangen und Spitzhacken herbeischaffen lassen, um bie fünf Safes gewaltsam zu öffnen.
Konferenz der Kleinen (Entente.
In Ioachimstal traten die Außenminister der Kleinen Entente zu einer Konferenz zusammen. In ösfiziellen Kreisen herrscht eine optimistische Stimmung hinsichtlich des Gelingens der Konferenz. Die absolute Einigkeit der Entente wird von neuem betont. Nach einer Meldung der Prager Presse galt die erste Besprechung der drei Außenminister, die mehrere Stunden in Anspruch nahm, dem allgemeinen Gedankenaustausch über die politische Situation der Kleinen Entente. Die Zahl der in Ioachimstal eingetroffenen Journalisten beläuft sich auf über 80.
Zu den geführten Beratungen der Kleinen Entente wird in einem offiziellen Kommunique gesagt, daß jeder Außenminister eine Darstellung der auswärtigen Gesamtlage seines Landes gegeben habe.
— Einschränkun der Reportgelder. Die Mitglieder der Vereinigung von Berliner Banken und Bankiers (Stempelvereinigung) sind am Donnerstag untereinander übereingekommen die zu Report- und Lombardzwecken und zur sonstigen Beleihung von Effekten gewährten Gelder allmählich, aber erheblich herabzusetzen. Sie werden deshalb zunächst die börsenmäßige Report- und Ter- mingeldhergabe bis zur Medio-Juni-Liquidation um 25 Proz. vermindern und an den daraus folgenden Terminen weitere Einschränkungen vornehmen. Der Kund- schäft gegenüber wird im gleichen Sinne verfahren werden. Der Anschluß außerhalb der genannten Bereinigung stehender Geldgeber wird erwartet. — Wie der Börsenkurier hört, ist der Beschluß der Stempeloereinigung unter dem starken Druck des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht zustande gekommen. Es soll nach dem genannten Blatt den Banken im Falle einer Weigerung, auf die Forderungen der Reichsbank einzugehen, sogar mit eventuellen gesetzgeberischen Maßnahmen gedroht worden sein.
— Französische Pläne für ein Petroleummonopol. In der französischen Kammer wurde der Gesetzesvor- schlag des radikalen Abgeordneten Margtne verhandelt, der von 1928 an die Monopolisierung der Einfuhr von Petroleum und seinen Nebenprodukten vorsieht. Es soll eine Handelsgesellschaft gebildet werden, in der der Staat die Aktienmehrheit besitzt und den Dorsitz der Aussichtsrats stellt.
Politischer Terrorismus.
Solange es Staaten und Regierungen gibt, hat es Gewalt und Tötung gegeben. Das Schwert ist immer das Symbol der Macht gewesen, nicht nur für den Krieg nach außen, sondern auch für den Krieg nach innen. Für die Erhaltung der gerade bestehenden Regierungsgewalt, für die Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung. Ein Bliä in die Geschichte zeigt sehr schnell, daß es auch an Grausamkeiten nicht gefehlt hat, daß die Angst oder die Blutgier der Herrschenden niemals davor zurückschreckte, auch Massenhinrichtungen vorzunehmen. Das Blut der Untertanen ist niemals teuer gewesen, wenn die Regierenden schützen wollten, was sie besaßen.
Aber eines ist wohl erst eine Errungenschaft der modernen Zeit, nämlich die Erhebung des Massen? mordes, des politischen Terrorismus zu einem R e« gierungsprinzip. Und diese Errungenschaft, die aus dem Massenmord gleichsam eine ideale politische Forderung machte, ist das ureigenste „Verdienst" des Bolschewismus. Der Bolschewismus hat den Klasienkampfgedanken aus dem Bereich des Idealen und des Wirtschaftlichen her- ausgenommen und ins politische Richterliche bewußt umgebogen. Seit der Leninschen Revolution ist die ganze Welt in eine gewisse Angstpsychose geraten, weil sie nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den richterlichen Terrorismus des kommunistischen Prinzips kennen gelernt hat. Das Wort von der „direkten Aktion" mit allen seinen Auswirkungen ist zu einem Schreckgespenst geworden, das Schutz- und Gegenmaßnahmen gezeitigt hat, die in ihrer Heftigkeit, wie zu verstehen ist, dem Mordgeist jenes Begriffs in nichts nachstehen wollen.
Wir in Deutschland haben die bolschewistische Infektion der ersten Revolutionsmonate mit Erfolg zurückdämmen können und haben es deshalb auch nicht zu erleben brauchen, daß die Gegenmaßnahmen so brutal wurden, daß man nicht mehr recht zu beurteilen vermöchte, wo der schlimmere Geist herrschte, dort oder dort. Die Erinnerungen an die Ucbergriffe in der Gegenrevolution, vor allem in Berlin und München, sind allerdings noch sehr lebhaft im Gedächtnis, diese sind aber als Reaktionserscheinungen zu bewerten, auch dann, wenn ihre Opfer zahlreicher und mitleiderregender gewesen sind als die Opfer des bolschewistischen Aufstandes. Es galt eben bei der Niederkämpfung des Bolschewismus nicht nur irgend einen beliebigen Aufstand niederzuschlagen, sondern die militärischen Führer der Gegenrevolution setzten es sich auch zum Ziele, ein politisches Prinzip zu töten, das den Terrorismus auf seine Fahnen geschrieben hat.
Dor zwei Jahren hat der bekannte französische Schriftsteller Henry Barbusse die Balkanländer Rumänien und Bulgarien durchwandert, um sich über die Zustände näher zu informieren, die dort unter den antisozialistischen Regierungen herrschen sollten. Er hat seine Erfahrungen und Beobachtungen in einem Buche niedergelegt, das kürzlich unter dem Titel „Die Henker" auch ins Deutsche übersetzt worden ist. Das Beobachtungsmaterial das hier der dem Kommunismus nahestehende Schriftsteller vor- legt, ist in der Tat erschütternd. Es ist eine große Liste von offenen und verschwiegenen Hinrichtungen, von erbarmungslosen Folterungen und Verfolgungen aller Art. Und es handelt sich dabei nicht nur um Einzelpersonen, sondern um ganze Gemeinschaften, die bolschewistischer Anschauungen überführt oder nur verdächtig worden roaren. Es ist schwer, das Buch in einem Zuge von Anfang bis Ende durchzulesen, weil die Bilder, die es zeigt, zu grauenhaft sind. Neuerdings haben deutsche Sozialisten versucht, besonders in Bulgarien nachzuprüfen. Das bulgarische Iustizverfahren hatte bereits den Protest der sozialdemokratischen Arbei- terinternationale und des internationalen Gewerk- schaftsbundes geweckt und außerdem auch auf dem Podium des Völkerbundes durch sozialistische Organ« empörte Verurteilung gefunden. Der Versuch deutscher sozialistischer Rechtsanwälte, die bulgarische Gerichtspraxis zu studieren, ist aber gescheitert. Kurt Rosenfeld berichtet darüber in Nr 220 des Vorwärts in eingehender Weise. Die Rechtsanwälte sind, kaum in Bulgarien angekommen, gleich wieder über die Grenze abgeschoben worden. An üblen Drohungen hat es dabei nicht gefehlt. Der Bericht Rosenfelds kann natürlich nichts Positives bringen, es liegt ihm aber doch daran, feftzustetten, daß der bulgarische Terrorismus gegen Sozialisten und Kommunisten fernen Schrecken noch nicht verloren hat. Vieles an den Greueln, die in Bulgarien geschehen sind, mag der Rauheit der Bewohner zuzuschreiben fein. Vieler auch der Nachkriegspsychose. Der letzte Trieb des Terrorismus aber liegt in der Angst vor dem kommunistischen Schrecken, wenn er einmal zur Herrschaft kommen soll. Er ist primär, auch wenn er für ihn in Rußland mildernde Umstände gibt
In feinen Büchern schreibt Lenin, daß da» Prinzip der heutigen Gesellschaftsordnung letzten Endes nur deshalb ertragen werde, weil man sich daran gewöhnt habe. Man werde sich auch an die kommunistische Ordnung gewöhnen können, man werde sich dran gewöhnen müssen. Er ist der Auffassung, daß sich eine solche „Gewöhnung" erzwingen lasse. Von diesem Grundgedanken aus findet er das Prinzip der Terroismus logisch notwendig. Daß diese Auffassung ein Irrtum ist, hat sich inzwischen erwiesen. Aber die K-mmunisten haben es noch nicht zugegeben. Es ist möglich, daß sie, wie sie ihr ganzes soziales System bereits durchlöchert haben, auch das Prinzip des notwendigen Terrorismus langsam durchlöchern werden. Aber der Schrecken besteht noch. Es ist sehr interessant, daß dieselbe Nummer des „Vorwärts", in dem über den antikommunistischen Terror in Bulgarien berichtet wird, zugleich einen offenen Bries über den kommunistischen Terror in Rußland gv- gen die tommuniftifAe .Opposition veröffentlicht.