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JVo 106.

Sonntag, 8. Mai« 1927.

Fuldaer Zeitung

s. Blatt.

Druck der Fuldaer Acllendruckerel, Fulda

Der Gesundheits-Zel-zug 1927.

Motto: Tod den Fliegen!

Im vorigen Jahre hatten wir die große Reichsgesundheitswoche", gipfelnd in der Düssel­dorferGesalei". Jeder wird sich noch daran er­innern. Auch das Jahr 1927 soll nicht ohne einen Gesundheitsfeldzug vorübergehen. Er soll diesmal unter dem MottoTod den Fliegen!" stehen und in stärkerem Maße, als dies voriges Jahr möglich war, das flache Land, die Dörfer und Markt­flecken und Gutsbezirke erfassen. Die Fliegen kom- pren überall hin und schassen eine höchst uner­wünschte Verbindung zwischen Stallungen, Trink­wasserquellen und Aborten. So wird die plan­mäßige Bekämpfung der Fliegerplage sich auch ganz von selbst verbinden mit allen hygienischen Ratschlägen und Aufklärungen, die sich niit diesen Dingen befassen, und es stellt sich heraus, daß der Kampf gegen die Fliegen zugleich eine Sorbett* gungsmaßnahme gegen Typhus, Ruhr, Sommcr- durchfall, Milzbrand und andere Krankheiten be­deutet.

Die Vorbereitungsarbeiten für diesen Feldzug sind im ganzen Reiche im Gange; Lehrerschaft und Geistlichkeit, Presse, landwirtschaftliche Vereine werden zur Mithilfe herangezogen, Lichtbilder, Plakate, Trickfilme und Postkarten werden vor­bereitet, und die Zeit zwischen erster Heuernte und Kornernte, etwa die zweite Hälfte des Juni, wird den Höhepunkt der Aktion bilden.

Besitzer; Gustav Hesse, Bahnhofstrasse II, Tel 222.

Das Cafö

Die Conditorei

Täglich Künstler-Konzerte

Da* neue Deutsohe Reiehsadresebuoh liegt zur gefl. Bmiobt offen.

Neues aus Frankfurt.

*. Die Goethe-Erinnerungen wieder zurück. Nahe­zu dreizehn Jahre hat es gedauert, bis die für die Lyoner Städte-Ausstelluno 1914 bestimmt gewesenen kostbaren Erinnerungen an Goethe wieder nach Frank­furt zurückgekehrt sind. Am Freitag trafen die wert­vollen Stücke in 22 Kisten sorgfältig verpackt -wieder im Goethehause ein Der Transport der Sen­dung, deren Inhalt völlig unbeschädigt war, in Frank­reich wurde von der französischen Regierung, in Deutsch­land bis nach Frankfurt von der deutsche» Reichsbahn­verwaltung frei ausgeführt.

Familienzwist mit tödlichem Ausgang. Im Hause Schwazrburgstrahe ereignete sich ein blutiger Familien­zwist, dem ein Menschenleben zum Opfer fiel. Der 22- jährige Emil Neff hatte, als er nachhause gekommen war, wegen Geldangelegenheiten mit seiner Mutter eine heftige Auseinandersetzung, in deren Verlauf er diese mißhan­delte und zu Boden warf. Dabei scheint der junge Mann fjeftolpcrt und, da die Mutter während der Auseinander- etzung gerade mit Brotschneiden beschäftigt war, in das Brotmesser hineinegfallen zu sein. Die herbeigeholte Ret­tungswache betrachtete den Fall zuerst als harmlos und fuhr, nachdem sie den Verletzten verbunden hatte, wieder weg. Erst später bekam er Erbrechen und die wiederum herbeigeeilte Rettungswache schaffte ihn ins Spital, wo er gegen 3 Uhr verstarb. Die Mutter bekam einen Ner­venanfall und ist noch nicht vernehmungsfähig. Soweit bis jetzt feststeht, scheint es sich um einen unglücklichen Zufall zu handeln. Der Verstorbene hatte häufiger heftige Auseinandersetzungen mit seiner Mutter und war im all­gemeinen als Tunichtgut bekannt.

Neuer Geschästspalast auf der Zeil. Wie wir er­fahren, wird das der bekannten Lebensmittelfirma Klei- böhl gehörige Haus auf der Zeil (Ecke Stiftsstraße-Brön- nerstrahe) im Herbst dieses Jahres niedergerissen werden. Oie Firma beabsichtigt, dort einen großen, modernen, etwa 8Ivstöckigen Geschäftspalast mit zahlreichen- «n, die vermietet werden sollen, zu errichten.

du haft recht.

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Mit gespannten Blicken verfolgt die Mensch- hett nun die Sitzungen der Weltwirtschafts­konferenz. Wir haben viele Enttäuschungen mit Genf erlebt und mancher hält den Wlkerbund bereits für einen Ausbund von Lüge und Ohn­macht. Geduld, Geduld! Lassen wir die Wirt­schaftler nun einmal arbeiten, ob sie mehr zustande bringen als die Politiker. Der Ruf der Industrie ist, was die Friedensfrage betrifft, nicht eben gut. Es haben die Herren an den Rüfttingen zum Kriege immer ein vorzügliches Geschäft gemacht, und bekanntlich blüht dieses Geschäft in Italien, in Frankreich und sozusagen allüberall. Aber es könnte doch sein, daß der Friede vorläufig ein besseres Geschäft wäre, rind so steigt meine Hoff­nung sogleich wieder. Man kann sich das Ver­gnügen machen, einmal zu zeigen, wie die eng­lische Kohle zum französischen Erz wandert, um dann als Roheisen nach Deutschland in die Ma­schinenfabriken zu gehen. Eine deutsche Maschine wird nach Oestereich geliefert und produziert dort Pflüge, mit deren Hilfe man in Rumänien Wei­zen baut, der auf ungarischen Mühlen vermahlen wird. Das Mehl gelangt dann wieder nach Eng­land und dient dem Arbeiter, der die Kohle fördert. Der Mann, der diesen Kreislauf beschrieben hat, will damit den Zusammenhang der europäischen Wirtschaft darlegen, und das soll uns die Hoffnung geben, daß Länder, die so zusammengehören, zu­künftig auch im Frieden miteinander leben. Im übrigen aber herrscht Ruhe in der großen Politik, was man immer daraus sehen kann, daß Herr Stresemann Goethevorträge hält . . .

Dafür aber gilt es andere sehr ernste Fragen, so zum Beispiel, ob man zum Smoking einen Strohhut tragen dürfe. Die Männerwelt wird sich damit auseinandersetzen müssen. Ist das nicht lu­stig, daß nun auch die Männer ihre Modesorgen haben? Die neue Bewegung stammt aus Amerika, wo man seit einiger Zeit begonnen hat, zum Smo­king einen Strohhut zu tragen. Sollen wir Män­ner «enn erok- «*»n gleichen Hut au"-<-en. mm die Spatzen, während unsere Damen sich mit allen Federn vom Paradiesvogel vis zum Kolibri schmücken? Eine große Berliner Firma hat sich bereits für die Sache erklärt, während eine andere behauptet, es passe ein Strohhut so wenig zum Smoking, wie die Sportmütze zum Frack. Das hier in Frage kommende Ministerium, nämlich das Modeamt der deutschen Hut- und Mützenindu­strie hat sich indessen fürStrohhut zum Smoking" ausgesprochen und wird die Sache auf dem näch­sten Strohhuttag mächttg fördern. Vielleicht nimmt sich auch der Reichstag noch der Sache an, indem er einfach mit Strohköpfen erscheint, falls er es nicht vorziehen sollte, dieses Stroh durch den Völ­kerbund weiterdreschen zu lassen, ist es dock) eine internationale Angelegenheit, die auch bereits die Londoner Klubs beschäftigt. Sinnig hatte die Zei­tung, in der ich dies zuerst gelesen, mitten in diese Aussührungen hinein den Kopf des Mattia Bat- tisti, des weltberühmten Baritons, gesetzt,

Aus verlorenem Sonnenlund

Reise- und Jaydbilder aus Deutsch-Ost­afrika von Rektor Rudolf Sendke mit einem Vorwort von Gouverneur z. D. Schnee.

Ein Buch für die deutsche Jugend und für jeden Erwachsenen. 254 Seiten.

Preis gebunden 3,80 Mk.

Verlag der Fuldaer Actlendruckerei Fulda

Rund um die Woche.

welkwirtschafkskonferenz. Smoking mtt Strohhvt. - Ein Dollarstück. Ein Künstler, der in-Kloster zieht. Am Grabe Alexanders. Kapuziner.

der sich im Alter von 70 Jahren in ein Kloster zurückzieht,um den Rest seines Lebens als Buß­fertiger zu verbringen". So ist einmal das Leben: Auf der einen Seite der Mann mit Smoking und Strohhut und auf der andern Seite ein Künstler in der Kapuze. Dabei lächelt Mattia Battistini, der die Welt vielleicht noch besser kennt, als sie ihn, so vergnügt, als verspreche er sich von der Zukunft unter der Kapuze wirklich mehr als das Modeamt vom Strohhut der Zukunft.

Bleiben wir dabei, recht ehrfürchtig nach Amerika hinüberzuschauen, denn man soll seinem Bankier möglichst jeden Wunsch vom Auge ablesen. Es ist schon ein sonderbares Land. Hast du gehört vonAbies Jrih Rose", das ein Theaterstück ist und 260 Wochen lang nunmehr ununterbrochen im Republiktheater von New Port gespielt witd? Die Zahl der Aufführungen dort hat die 2000 überschritten. Die Verfasserin, zugleich die Unter­nehmerin, verdient daran die Hälfte dessen, was die Aufführungen einbringen, das heißt die Hälfte von etwa 16 Tausend Dollar pro Woche für New Bork allein. Da zugleich in vier Wandertruppen gespielt wird und in Philadelphia ein eigenes Theater für das Stück besteht, so macht das bei der Gesamteinnahme aller Kassen, die sich bereits auf 15 Millionen Dollar erhöht hat, ein erkleck­liches Honorar. Miß Anne Nichols, die geschäfts­tüchtige Autorin, die nun auch das Verfilmungs­recht gegen 50 Prozent aller Einnahmen bei zwei Millionen Dollar Garantie, vertraglich festgelegt hat, ist also in dieser Hinsicht Gerhart Hauptmann noch bei weitem über. Deutscher Dichter, wandere nach Amerika! Es braucht in deinem Stück nur ein junger Jude eine junge Christin zu heiraten. Die Väter einigen sich nach langem Strest, daß die Trauung sowohl nach jüdischem wie nach christ­lichem Ritus vorgenommen werde; was aber die Kinder angeht, so soll die ganze Nachkommenschaft jüdisch werden, wenn zuerst ein Junge kommt. Nun gibt es aber gleich das erste Mal Zwillinge, und so wird das Alte und das Neue Testament in gleicher Weise zu Ehren gebracht. Es fließen bei dem Stück unendliche Tränen der Rührung, und das Geschäft fft gerettet, ob man auch die Schranken der Kunst vor diesen Tränenströmen einreißen muß. wie die Dämme des Miffissippi . . . Mattia Battistini aber lächelt und scheint zu sa­gen: Begreifst du nun. warum die Künstler von Europa am besten ins Kloster gehen?

Noch wollte ich erzählen von den Sorgen der ägyptischen Gelehrten, die allzugern in das Grab Alexanders des Großen schauen möchten, das in Alexandrien liegt, während die Mohommedaner behaupten, es befinde sich dort die Ruhestätte Da­niels, des Propheten. Was hat sich nicht alles an diesem Grabe schon ereignet, seit jenem Tage, als der Sarkophag des Göttersohnes, der Zeus fernen Vater nannte, dort unter ungeheurem Pomp beigesetzt wurde. Julius Cäsar, Augustimrs Okta­vian, Caligula, Septimus Severus und Caracalla haben dort gestanden, teils ergriffen von Frömmig-

Der Umfang des veamtenhandels.

Man schreibt uns:

Wer da geglaubt hat, daß der Beamtenhandei infolge des gewiß nicht abzuleugnenden energischer Vorgehens verschiedener Behörden gegen ihn er­heblich abgenommen habe, der dürfte eines an­deren belehrt werden durch die vor einiger Zeil auf einer Einzelhandelstagung von dem Syndi­kus Effer, Düsseldorf, mitgeteilte Tatsache, daß nach einer Schätzung der Hamburger Detaillistenkam­mer der Umsatz im Beamtenhandel in einem bestimmten Zeitraum größer gewesen ist als der Umsatz des Karstadtkonzerns, der bekanntlich zu den bedeutendsten Konzernen im Em- zelhandel gehört. Was das besagen will, das kön­nen wir hier genügend illustrieren durch den uns in diesen Tagen zugegangenen Geschäftsbericht die­ses Konzerns für das Geschäftsjahr 1926. Dieser Bericht weist einen Umsatz von 175 Millionen und einen verhältnismäßig nicht großen Reingewinn von 4,8 Millionen Mark aus. Der Konzern umfaßt nebenbei bemerkt, nicht weni- oer als 80 Detailaffcbäfte, 5 Emkaufshäuser und 12 Fabrikationsbetriebe. Der Konzern kann also wohl die Konkurrenz des Veamtenhandels ertra­gen, man kann hiernach ermessen, welche gewal- tigen Schäden dem gesamten Einzelhandel, der ohnehin schon mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, aus dieser Konkurrenz erwachsen. Besonders lebhaft klagt der Einzelhandel über das geringe Verständnis, das er bisher bei der Reichs vo st behörde gefunden hat. Er hofft indes, daß neue Verhandlungen, die mit dem jetzi­gen Minister Schätzle angeknüpft sind, zur Besei­tigung l r Konkurrenz des Beamtenhandels fuh­ren werden. Inzwischen wird aber die Hauptge­meinschaft des Einzelhandels nicht untätia bleiben. Sie trifft, wie wir erfahren, bereits Vorderen- jungen zu einer großen Protestkundgebung gegen den Vsamtenhandel.________

Gerhard Wiegand

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test, teils auch von andern Gefühlen, ließ doch Caracalla, der viel Geld brauchte, den goldenen Sarg durch einen gläsernen ersetzen. 1850 ist bei letzte Europäer in die Gruft gestiegen, aber em Blick in den Sarg wurde ihm nicht gestattet. Nun will auch hier die Wissenschaft den mystischen Schleier heben. Aber bei allem, was ich noch erzählen möchte aus dem bunten Kaleidoskop dieser Welt sehe ich immer Mattia Battistini lächeln... Geh doch ins Kloster, das ist viel gescheiter . . . Du änderst die Menschen nicht. Aendere dich selbst, so hast du wenigstens einen vernünftigen Anfang gemacht ... Die Kapuze ist doch mehr als ein Strohhut, und wer barfuß geht, den drückt nie­mals der Schuh . . . Mein Bariton hat oft das Publikum entzückt, aber wozu die Anstrengung, wo doch Anne Nichols dies gleiche Publikum ganz anders zu rühren weiß . . . Mattia Battistini, du hast recht . . . Horch, singt man da nich, em frommes Lied? . . . Milde Königin gedenke ... Maiandacht ... In den jungen Blättern der Ka­stanie zittert der letzte Sonnenstrahl. Eine Amsel singt auf dem höchsten Zweig. Ich falte fromm die Hände, und er lächelt wieder, dieser kluge Bariton ... Ja, Mattia Battistini, du hast recht. Ich werde bestimmt Kapuziner . . .

Siegerin Sonne.

37s (Schluß.)

So kam es auch. Im tiefsten Wald, stundenweit ab­seits von den Wohnungen der Menschen, zimmerte er sich ein Häuslein. Ein kleiner Bach vor seiner Hütte und ein winziges Ackerland in der Nähe boten ihm alles, westen er bedurfte. Des Morgens, fast noch in der Nacht, stand er auf und wanderte wohl zwei Stunden weit zu einer fast gerade so einsamen Klosterkirche. Dort ging er zum Gottesdienst, nahm nur bei den Mönchen, die ihn alle gern hatten, einen kleinen Imbiß, dann ging er zurück und lebte des Tages über einsam mit den Vögeln und dem Wilde des Waldes.

Aus seinem großen Brevier betete er laut die Tages- zeiten: bei schönem Wetter vor seiner Hütte auf und ab­schreitend, bei schlechtem Wetter in der Hütte sitzend. Man könnte dann seine Stimme im stillen Wald weithin vernehmen. Eines Morgens kam ein zierliches Reh herangeschlichen und kam ganz nah zu seiner Hütte und lauschte dem betenden Klausner, der es jedoch weiter nicht beachtete. Als das Reh aber jeden Morgen wieder» kam, wunderte er sich und es fiel ihm auch auf, daß es so traurig und wehe ihn anschaute. Dann kam auch des Abends regelmäßig ein Reh und hörte ihm zu, wenn er die Vesper sprach.

Tag für- Tag ging es so weiter. Zur Morgenstunde kam die Ricke und am Abend das Böcklein.

Einst fiel es dem Klausner ein, das Rehlein einmal mzusprechen, just so, wie man zu einem Tiere spricht:

Nun, Du treues Freundchen. Du kommst ja gar so regelmäßig zum Morgengebet." Als er so sprach, sprang bas Rehlein freudig umher und blickte ihn wieder so slehend an. Deß' wunderte sich der Klausner nun doch sehr.Verstehst Du gar die Menschensprache?" fragte er.

Da sprang das Reh wieder wie unbändig umher. Das ist seine Antwort, dachte der Klausner. Hat man doch schon mehr gehört von Tieren, die der Menschensprache kundig sind, gleichwie von Menschen, die die Tiersprache verstehen.

So sprach er:Wenn Du es verstehst und es Dir Freude macht fo kann ich Dir ja einmal etwas erzählen". Sogleich kam das Rehlein, legte seinen Kopf in des Klausners Schoß und blickte ihn dankbar an. Ein wun­dersames Tierlein, dachte er, und da er sich besann, was er erzählen sollte, fiel ihm gar nichts ein. Nur von den Werken und von den Geboten des Herrn wußte er zu sprechen. Aber auch große Heilige haben sogar zu Fischen und Vögeln gepredigt. So redete denn auch der Klaus­ner zum Rehlein von seinem Schöpfer.

Als bann am Abend das Böcklein kam, fragte er es .autf), ob er ihm etwas erzählen solle und ob es auch :bie Menschensprache verstehe. Da es sich gerade so freudig gebärbete unb ihm dann gerade so froh zuhörte, so sprach «. auch zu ihm vom Herrn der Well.

Daß dies alles, wenn nicht ein Wunder, so doch ein tiefes Geheimnis war, bas er nie erfassen konnte, bas merkte ber Klausner nun wohl, unb er erzählte jetzt jeben Morgen ber Ricke unb jeden Abend dem Böcklein von Gott. So wie man kleinen Kindern Religionsunterricht gibt, denn so glaubte er, würden die Tierlein am besten verstehen.

Noch etwas ganz Sonderbares merkte der Klausner hierbei. Wenn er ber Ricke erzählte von dem Böcklein, bas jeden Abend kam, unb umgekehrt, wenn er bem Böcklein erzählte von ber Ricke, die am Morgen da war, bann ging immer ein Zug des Schmerzes über der Tiere Gesicht unb sie fingen an auf ihre Art zu wehklagen.

Es war am Tage vor Weihnachten, ba merkte der fromme Einsiedler, daß die Altersschwäche an seinem Le­ben stark zehrte. Er mußte sich auf fein armes Lager niederlegen und seine Kraft war schon erschöpft, wenn er nur ein Scheitlein Holz auslegte.D Herr", betete er, da es nun doch sein soll, daß ich von der Erde scheide, so habe ich noch einen Wunsch. Ist er nicht gar zu unbe­scheiden, so möchtest Du ihn mir doch erfüllen. Nimm mich am Christtage in den Himmel auf, denn gibt es auf Erden kein schöneres Fest als den Weihnachtstag, so mag es doch im Himmel wohl auch so sein."

Der heilige Abend kam und die Christnacht. Der Klausner, der nunmehr den Weg zur Christmette in das ferne Kloster nicht mehr gehen konnte, lag ohne Schlaf zu finden auf feinem Lager. Kurz vor Mitternacht aber, wohl um dieselbe Zeit, da die Glocken des Klosters zur Mette läuteten, drang auch in des Einsiedlers Hütte voll und laut der Glockenklang. Sonst hörte man hier die Glocken nie. Unb es klang auch nicht wie aus ber Ferne, nein, als ob bie Glocke hoch oben In den Tannenwipfeln hänge. Der Klausner hörte das Läuten und in dem- selben Augenblick fand er seine Kraft wieder. Er gürtete seine Kutte um und trat hinaus, um zu sehen, woher der nahe Glockenton kam.

Da stand vor feiner Hütte im Walde bekleidet mit dem weißen Schneegewande, die mit tausend Lichtern fun- kelnd, denWald erhellend, ein strahlender Christbaum. Die Glocke verstummte, es ward still im Wald. Bewundernd stand ber Klausner im Scheine des Baumes unb be­trachtete ihn im höchsten Erstaunen.

Plötzlich entftanb ein Geraschel im Unterholz. Neste knackten, in eiliger Flucht kamen bie beiden Rehe zu ihm. Sie waren verwundet. In des Bockes Brust stak noch der Pfeil. Vor ihm unb vor bem brennenden Christ­baum fielen sie beide zusammen. Jetzt tönte aus der Höhe wieder die unsichtbare Glocke und kündete mit zwölf schweren Schlägen die Mitternacht. Einen Augenblick sah ber Klausner in bie Höhe zu den Tannenwipfeln, aber er sah keine Glocke. Als er aber wieber zur Erde sah, lagen nicht mehr Ricke unb Böcklein zu seinen Füßen, sonbern ein stolzer Jüngling unb eine holde Jungfrau in vrunkenben Gewänbern, aber mit blutender Brust.

Sterbend lösten sie nun dieses Rätsel.

Vor tausend Jahren um diese Stunde waren sie, Prinz unb Prinzessin, dem Zauber einer neidischen Fee verfallen. Zu einem Rehpaare verwandelt lebten sie im Walde. Nur des Morgens eine Stunde durfte die Ricke . umherspringen und des Abends eine Stunde war das Böcklein frei. Sonst waren sie gebannt jedes an seinen Platz. Nicht einmal gesehen hatten sie sich in den tausend ' Jahren. Jetzt aber mar ber Zauber der Fee verfallen, denn länger als taufenb Jahre wirkt selbst der mächtig- ften Fee Zauber nicht. In letzter Stunde, ba sie schon | ber Freiheit entgegenzogen, traf sie ber Pfeil eines Jä­gers, ber burch Blut unb Mord selbst bie heilige Nacht zu schänben wagte.

Darum wäret Ihr so wehmütig, so oft ich von bem anderen sprach", sagte der Klausner,fjabt Ihr denn auch alles verstanden, was ich Euch immer erzählt habe?"

Sie antworteten:Ja".

f)abt Ihr bas aber nicht alles schon früher gewußt?" Da antworteten sie:Nein".

So wäret Ihr wohl Heiden und keine Christen!" sprach der Klausner, griff mit ber hohlen Hand in bas Bächlein unb sprach bann über bie Tobgeweihten bie Worte ber Taufe.

Kurz barauf starben beide.

Der Klausner ging in die Hütte zurück. Die alte Schwäche kam wieder. Er schlief ein, erwachte aber nicht mehr."--

Als der Totengräber seine Erzählung beendet hatte, waren die Kerzen des Christbaumes fast abgebrannt. Nur einzelne wenige flackerten noch im Todeskampfe. De­ren unruhiges Licht unb ber Lampenschein, ber aus der kleinen Stube herüberdrang, waren die ganze Beleuch­tung.

Sie gingen deshalb hinüber in das kleine Nebenzim- mer zum Abendbrot unb wünschten sich bann ganz halb in Liebe unb Dankbarkeit und FreudeGute Nacht!"

Zwei Tage konnte Paul Spickermann nun noch in Tiesenhofen bleiben. So einfach unb schlicht diese Fest­tage waren, so mußten sie ihm immer unvergeßlich blei­ben. Denn über ber Weihe ber nächtlichen Mette unb über ber Weihnachtsfreude, bie amStammtisch" herrschte, wo er am zweiten Feiertag mit Liese! war, unb als Zugehöriger unb Freunb ausgenommen würbe, lag verklärenb ber Zauber bräutlicher Liebe.

Es zog aber auch über diesen Tagen ein Schatten auf. Vielleicht hätte niemand ihn schlimm gedeutet, wenn nicht ber Großvater selbst immer gesagt hätte:Es ist der Anfang vorn Ende." Es ging fein Atem langsamer unb fein Herz träger. Es schien ganz unbebeutenb, aber ber Totengräber hatte recht. Drei Tage war Paul Spicker- mann wieder fort, da schrieb Liefet:Leider, ach lei­der hat sich des Großvaters Zustand sehr verschlimmert. Er liegt nun zu Bett. Doktor Berger sagte: Es scheint

doch ber Anfang vom Ende zu sein, aber bas Ende kann lange, sehr lange werden."

Das war eine harte, schwere Aussicht für die Zukunft. Hart für den Großvater. Hart auch für Liefet. Doch sie wird ihn gerne pflegen und ihm Trost und Freude fein. Hart auch für Paul Spickermann selbst. Wird dies Ende sehr lange, so wirb er auch lange, sehr lange war­ten müssen, bis er feine Braut in fein Heim führen wirb.

Wie ein Blitz in ber Nacht, so fuhr in btefes Dunkel ber Zukunft ftärenb bie Nachricht:Großvater soeben sanft entschlafen." Liefet telegraphierte ihm dies.

So schnell war es also gegangen. Er hatte richtig geahnt unb prophezeit. Nun fuhr also Paul Spickermann wieber nach Tiefenhofen, so kurz nach festfrohen Tagen zu solch traurigem Anlaß.

Wie ein Bildwerk aus Marmor lag ber Totengräber in seinem Sarge zwischen Blumen unb Kerzen. Nur Friebe lag lächelnb auf seinem Antlitz.Wie Du ihn siehst", sagte Liefet zu Paul Spickermann,so ist er ge- ftorben."Ich gehe nun zur Ruhe", hat er gesagt. Dort braußen unterm Schnee unb unter ber Erbe ist mein Bett". Er ist herrlich gestorben, mit bem Herrgott ver­eint, ohne Kampf, ohne Schmerzen entschlafen, so wie er es verdient. Ich aber bin nun ganz verwaist. Ohne Vater unb ohne Mutter unb ohne i h n. Nun mußt Du mir auf Erben alles fein."

Arn anberen Tage betteten sie ihn zur Ruhe, wie er gesagt unter Schnee unb Erde. Es war Sitvesternach- mittag. Arn alten Friedhof würbe er begraben. Dort hatte der letzte Platz auf ihn gewartet. So groß aber hatte der alte Friedhof noch keine Beerdigung gesehen. Ganz Tiefenhofen, von den Ersten bis zu den Letzten war chrn bekannt und Freund gewesen. Sie standen alle um fein Grab.

Wenn der Frühling kommt, bann wird ber Schnee geschmolzen fein unb bie Kränze auf dem Grabe ver­modert. Dann werden frische Blumen erblühen und bie Zugvögel werben wiederkommen, unb bas Grab zum Tanzboben, den Totenhof zum Konzettsaal machen.

Wenn der Frühling kommt, bann werden die Glocken wieder läuten in Tiefenhofen, aber nicht zum Begräbnis, sondern zur Hochzeit. Dann sollen alle, die heute mit getrauert haben, auch teilnehmen an der großen Freude. Von Straße zu Straße die luftigen Schulkinder, von Haustür zu Haustür bie Nachbarinnen, von Dach zu Dach bie Spatzen sollen es erzählen: Es ist Festtag heute, des Totengräbers Töchterleins Hochzeitsfest."

Wenn ber Frühling kommt, wird eine neue Welt unb ein neues Leben anfangen. Nur eines wirb beim alten bleiben, Liefe! Hardert, Deiner schlichten, reinen Seele siegende ©onncntrafü