* Wkielmmmer 10 Piq. (mit UM. Beilage 15 M.)
FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amkliches Kreisblatt.
7lr. 105.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.
Samstag, 7. Mai 1927.
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54.Zahrg.
Gegen politische Flegeleien.
Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei in Berlin verboten.
Wie hier schon gemeldet wurde, haben die 5) i t- ler-Anhänger in Berlin am Mittwoch abend in einer Versammlung im Kriegervereins- Haus sich wieder einmal richtige Roheitsakte geleistet. Die Berliner Hitler-Versammlung war eine ausgesprochene Pleite gewesen. Fast die gesamte Presse hat Herrn Hitler und die Seinen mehr k o- m i s ch als ernst genommen und wahrheitsgemäß festgestellt, daß die Ausführungen des großen nationalsozialistischen „Führers" in der Wiederholung abgedroschener nationalistischer Plattitüden bestanden. Das hat das Häuflein der Berliner Nationalsozialisten stark verdrossen. Und da der Spiritus bei ihnen schon längst ausgegangen ist, greifen sie zum Gummiknüppel, um damit Deutschlands Erneuerung vorzubereiten. Auf welche Weise das geschehen soll, kam in jetziger Versammlung der Nationalsozialisten zum Ausdruck.
Die Versammlung fand im Kriegervereinshaus in der Chausseestraße statt, in der ein Dr. Göbbels über den angeblichen „Ankauf der Reichspost durch Jakob Goldschmidt" sprechen sollte. Dieser Göbbels leitete sein Referat zunächst damit ein, daß er hintereinander die Pressekommentare der Blätter aller Richtungen zu der Rede Hitlers am 1. Mai verlas und die darin enthaltene Kritik zum Anlaß nahm, um die für diese Berichte verantwortlichen Redakteure, und zwar sowohl der R e ch ts- wie der Links presse, der Versammlung zu nennen, und zwar teilweise mit der Bezeichnung ,Ludensau", „Schweine" u. dgl., sowie mit der Aufforderung, diesen Journalisten bei passender Gelegenheit in ihren Wohnungen einen Denkzettel für ihre Kritik an Adolf Hitler zu verabreichen.
Als ersten Journalisten, der das Mißfallen der Nationalsozialisten erregt hatte, nannte er den Mitarbeiter der Hugenberg-Presse Kriegs, gab seine Adresse bekannt und sagte: „Ich will nicht sagen, daß meine Parteifreunde diesem Herrn eine Kopfwaschung verabreichen sollen; aber sie sollen ihn wohl im Auge behalten." Der „Deutschen Zeitung" warf er vor, daß sie die Resolution der nationalsozialistischen Versammlung im „Clou" verfälscht habe. Auch bezüglich der Vertreter der „Germa- nia" und des „Montag-Morgen" b-rach Dr. Goebbels die Erwartung aus, daß die Nationalsozialisten diese Berichterstatter feststellen und aufs Korn nehmen würden. Diese Ausführungen, die den stürmischen Beifall der Nationalsozialisten fanden und mit zustimmenden Rufen und Johlen begleitet wurden, hatten die Versammlung noch vor Eintritt in das eigentliche Referat bereits in eine sehr erregte Stimmung versetzt. Als Dr. Göbbels Mieder einmal einen Redakteur als „Judensou" bezeich- : net und sich dann heftig gegen den Bericht in der „Ger- mania" gewandt hatte, rief ihm ein unbeteiligter Zuhörer, der Pfarrer Stucke von der Reform-Gemeinde (früher von der Nazareth-Gemeinde entgegen: »Sie sehen mir gerade aus wie ein germanischer Jung- ong! Im ersten Augenblick herrschte sekundenlang Stille, dann aber brach auf einen ermunternden Zuruf des Dr. Göbbels von der Rednertribüne aus der Sturm los. Die in der Nähe des Pfarrers Stucke sitzenden Nationalsozialisten erhoben sich wie auf Kommando und drangen mit schweren Bierseideln auf den an feinem Rock als Geistlicher erkennbaren Mann ein. Hageldicht sausten die Hiebe mit den Seideln auf den Schädel des Pfarrers, der keinerlei Widerstand leistete, sondern nur seine Augen zu schützen suchte. Mit solcher Wucht führten die Rohlinge diese Schläge aus, daß mehrere Gläser buchstäblich auf dem Kopf des Pfarrers zertrümmert wurden. Blutüberströmt, mit zahlreichen schweren Hieb- und Schnittwunden am Schädel, wankte Pfarrer Stucke schließlich unter dem Gebrüll und Gejohle der Nationalsozialisten aus dem Saal. Er wurde sofort in das Augusta-Hospital in der Scharnhorststraße gebracht, wo seine schweren Kopfwunden genäht und verbunden wurden.
Bald nachdem Pfarrer Stucke in der obengeschilderten schrecklichen Art mißhandelt worden war, kam es zu einem neuen blutigen Zwischenfall in der Versammlung. Einige Nationalsozialisten machten plötzlich, als Dr. Göbbels sich gegen die Haltung der Blätter des Verlages Scherl wandte, in lauten Zurufen auf einen Redakteur aufmerksam, den sie als Angehörigen dieses Verlages bezeichneten. Im nächsten Augenblick wurde dieser in ähnlicher Weise wie der Pfarrer mißhandelt, mit Bierseideln und Stöcken geschlagen und aus dem Saal gestoßen. Er legitimierte sich auf der Polizeiwache, wohin man ihn brachte, als einen Redakteur Henning vom Verlag Scherl. Inzwischen hatte die Polizei Verstärkungen her- angezogen, und unter der Führung des Majors Heber besetzten etwa dreihundert Schupobeamte die Saaletn- gänge und das Kriegervereinshaus, worauf Major Hetzer der Versammlung die Mitteiluna Machte, daß alle Teilnehmer von der Polizei auf Waffen durchsucht würden. Das Ergebnis war, daß bei elf Personen Waffen gefunden wurden, und zwar vier Pistolen, ferner Schlagringe, Totschläger, feststehende Messer und dergleichen, insgesamt 36 Gegenstände. Die Waffenbesitzer wurden zwangsgestellt, ebenso weitere achtzehn Nationalsozialisten, die entweder den polizeilichen Anordnungen nicht Folge geleistet oder sich sonst renitent benommen hatten.
Die „Germania" bemerkt zu dieser Schilde- rung: Das sind die Erneuerer deutschen Geistes, die einzig wahren Vertreter völkischer „Belange". Die völkische Bewegung ist ja für die Politik längst erledigt. Sie wird immer mehr ein Gegenstand der Beschäftigung für die P o l i z ei und bestimmte Fachärzte.
Das verbot.
Der Polizeipräsident teilt mit: „Auf Grund des Artikels 124 der Reichsverfassung, des § 2 des Reichsvereinsgesetzes und des § 10 II 17 des Allgemeinen Landrechtes habe ich den Gau Berlin- Brandenburg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei mit ihren Unterorganisationen, Sportabteilung „Schutzstaffel", Nationalistischer Freiheitsbund, Nationalistischer Deutscher Studentenbund Ortsgruppe Berlin und Deutsche Arbeiterjugend Berlin („Hitlerjugend") aufgelöst, weil die Zwecke dieser Organisationen den Strafgesetzen zuwiderlaufen.
Die Verordnung tritt s o f o r t in Kraft. Demgemäß ist den Mitgliedern der aufgelösten Organisation jede vereinsmäßige Betätigung, insbesondere die Abbaltung von Versammlungen und Zu- iammeniünffen aller Art in geschlossenen Räumen
Genf und die Höhe der Zolltarife.
Von besonderer fachkundiger Seite wird uns aus Genf geschrieben:
Schon bei der ersten Besprechung des vorbereitenden Ausschusses für die Weltwirtschafts-Konferenz hat' sich hevausgestellt, daß einer der Hauptpunkte der Tagesordnung die Frage der Zolltarife sein müßte und aus diesem Grunde erhielt das Sekretariat den Auftrag, Zoll-Indexe für so viele Staaten wie möglich herzustellen. Das Resultat dieser Arbeit des Sekretariats ist jetzt veröffentlicht worden. Es enthält Daten, die weitestgehendes Ineresie wecken müssen und die Zuverlässigkeit dieser staftstischen Arbeit ist dadurch vielleicht am besten bewiesen, daß in den meisten Fällen die Folgerungen die sind, die man auf Grund allgemein bekannter Informationen erwartete.
Man ist mit zwei verschiedenen Methoden zu Werke gegangen, und zwar hat man bei der zweiten Methode die Ferttg-Güter speziell behandelt. Aus der nachfolgenden Tabelle ersieht man die Ergebnisse der zweiten Methode, welche — ein weiterer Vorteil — eine größere Anzahl von Ländern umfaßt. Trotzdem muß man von vornherein betonen, daß in der Praxis beide Methoden zu denselben Resultaten geführt haben. Damit man sich über den Prozentsatz der Einfuhrzölle in den verschiedenen Ländern ein Bild machen kann, sind hier die wichtigsten Güter in bezug auf ihre Bedeutung im Internationalen Handel nebeneinander gestellt:
Gesamt-Produktton
Ausschließlich
Fertig-Güter
1013
1925
1913
1925
Oesterreich
18 Proz.
12 Proz.
18 Proz.
16 Proz.
Ungarn
18 „
23 „
18
—
27 .
TfchechoSloivakeil8 „
19 „
18
—
27 „
Iugo-Slawien
— „
23 .
—
H
23 .
Pofen
■ ■»—•• —
28 „
—
..
32 .
Italien
17 .
17 ,
18
22 .
Frankreich
18 „
12 „
20
—
21 .
Deutschland
12 .
12 ,
13
20 „
Groß-Britannien— .
4 „
5 „
Belgien
6 ,
8 „
9
15 „
Niederlande
3 „
4 „
4
6 „
Dänemark
9 .
6 .
14
10 „
Schweden
16 .
13 .
20
16 .
Schweiz
7 „
11 .
9
—
14 .
Spanien
33 „
44 ,
41
41 „
Verein. Staaten 33 .
29 ,
44
37 .
Kanada
18 „
16 ,
26
H
23 .
Indien
4 „
14 .
4
16 a-«-
Argentinien
26 „
26 „
28
*
29 .
Der französische Tarif ist seit der Herstellung dieser Tabelle noch erhöht worden.
Die ausgesprochensten Freihandelsländer in Europa sind immer noch Groß-Britannien und die Niederlande, dann erst folgen Dänemark, Belgien und die Schweiz
Aus diesen Ziffern kann man eine Reihe von interessanten ©pfiffen ziehen, wenn man auch be
denken muß, daß man hierbei mit allergrößter Umsicht zu Werke gehen sollte.
Von allen Nachfolge-Staaten der alten Oesterreich-Ungarischen Monarchie ist die neue Oester- reichische Republik der einzige Staat, der geringere Einfuhrzölle hat als die, welche unter dem alten Regime in Kraft waren, wogegen Ungarn, die Tschecho-Slowakei, Polen und Iugo-Slarvien einen höheren Prozentsatz beibehalten haben als die 18 Prozent, die vor dem Kriege allgemein in Kraft waren. Nicht nur sind im Donaugebiet neue Zollmauern aufgebaut worden, sondern diese Mauern sind sogar — Oesterreich ausgenommen — höher als diejenigen, die man vor dem Kriege kannte. Dies ist eine Tatfache, mit der sich die Weltwirtschaftskonferenz insbesondere zu befassen hat.
Im Gegensatz dazu sind in Skandinavien -die Zölle herabgesetzt worden, weil die Goldwährung einen gewissen Prozentsatz ihres Wertes verloren hat, während die Zölle unverändert geblieben find. Es ist in dieser Beziehung bezeichnend, daß der Ausfuhrhandel dieser Länder höher ist, als vor dem Kriege.
Spanien und die Vereinigten Staaten haben immer noch die höchsten Tarife der Welt. Brasilien, das in die Tabelle nicht eingeschlossen ist, ist wegen seiner hohen Zölle berüchtigt. Ist es nur ein Zufall, daß diese drei Länder, welche sich geflissentlich vom Völkerbund fernhielten, die stärksten Schutz-Zoll-Länder der Welt sind?
Die Zölle für die Fertigwaren sind saft in jedem Falle höher, als ber allgemeine Zolltarif. Irgend jemand muß aber die Erhöhung der Preise für Industrie-Waren bezahlen und dieser „Jemand" ist unbedingt der Konsument. Diese Zölle belasten demnach auch in besonderem Maße die Landwirtschaft. Es ist bezeichnend, daß sämtliche Untersuchungen über Preis-Index und über Kosten der landwirtschaftlichen Produktion immer dieselbe Tatsache ergeben, daß ein hoher Schutz-Zoll hauptsächlich nur aus Kosten der Landwirtschaft beibe» halten werden kann. Es ist typisch, daß in einem Ackerbau treibenden Lande, wie Dänemark, wo die Landwirtschaft großen politischen Einfluß hat, alle Versuche zur Erhöhung von Schutzzöllen auf Industrie-Produkte wirksam blockiert worden sind.
Leider ist es aber auch Tatsache, daß in einem Lande nur zu selten die Handelspolitik das Resultat wirtschaftlicher Erwägungen ist; aber wenn man sich vor Augen hält, daß das Europa von heute zu kämpfen tat, um feine Weltgeltung zu behaupten, so entsteht ganz von selbst die Frage, ob es nicht endlich an der Zeit wäre, diese Frage leidenschaftslos zu erwägen und ihre Erledigung unter das Auspizium der gemeinschaftlichen Zufam- menarbeit zu stellen.
sowohl als auch unter freiem Himmel und die Veranstaltung öffentlicher Aufzüge und Demonstrationen verboten.
♦
Wie die Blätter hören, stützt sich die Auflösung des Gaues Berlin-Brandenburg der national-sozialistischen deutschen Arbeiterpartei vor allem barauf, daß Führer und Mitglieder der Partei in unverhüllter Form zu Gewalttätigkeiten gegen politisch Andersdenkende aufgefordert haben und vielfach auch zur Tat geschritten sind, so bei den Vorfällen auf dem Bahnhof Lichterfelde-Ost, bei dem lieber» fall auf friedliche Passanten an der Kaiser Wilhelms Gedächtniskirche usw. —
Der preußische Ministerpräsident Braun erklärt in der Morgenpost zu den national-soziali» frischen Ausschreitungen: Gnmal und nicht wieder! Diese auf Gewalttätigkeiten gegen Andersdenkende gerichtete und in der Organisation von Ungesetzlichkeiten sich erschöpfende Bewegung werden wir in Berlin und in ganz Preußen im Keime ersticken.
Der preußische Innenmintster G r z e s i n s k i schreibt in der „Voss. Ztg.": Für die Veranstaltung des Stahlhelms am 7. und 8. Mai in Berlin ho- ben die Vorgänge in der Versammlung der na» tional-sozialistischen Arbeiterpartei meines Erachtens keine Bedeutung. Es wäre daher falsch, wenn die Bevölkerung Berlins sich aufgrund der Vorgänge über den kommenden Samstag und Sonntag beunruhigen würde.
Gegen den Leiter der national - sozialistischen Versammlung im Kriegervereinshaus, Dr. Goebbels, ist von der Polizei ein Ermittlungsverfahren wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten und wegen Bedrohung eingeleitet worden.
Zusammenstöße in Magdeburg.
wtb. Magdeburg, 6. Mai. (Eig. Funkm.) In einer gestern abend abgehaltenen stark besuchten national-sozialistischen Versammlung, in der auch der Reichstagsabg. Straßer sprach, kam es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen Kommunisten und National - Sozialisten, wobei Straßer eine schwere' Kopfverletzung erhielt. Das sofort herbeigerufene lieber» fallkommando trennte d'e Streitenden und verhaftete zahlreiche Kommunisten.
ttommunistenbekämpfung.
rofb. Havas, 6. Mai. (Eig. Funkm.) Die Po- lifet in Toulon nahm gestern eine Reihe von Haussuchungen bei Kommunisten vor. Auch das Büro der kommunistischen Partei wurde durchsucht. Die Ergebnisse der Nachforschungen waren nicht sehr bedeutend. Die Vernehmung der beiden unter dem Verdacht der Spionage im Artillerie- Park von Vincennes verhafteten Kommunisten durch ben Untersuchungsrichter in Paris hat nicht wesentlich neues ergeben.
Sitzung des Reichskabinetts.
Das Reichskabinett trat am Donnerstag nach der Osterpause zum ersten Male nneber zu einer Sitzung zusammen. Bis auf ben Minister Dr. Koch, ber noch auf einer Besichtigungsreise unterwegs ist, u aren bie Minister vollzählig versammelt. Die Tagesorbnung war außerordentlich reichhaltig, da sich im Laufe der Osterpause viel Beratungsstoff angesammelt hatte.
Wie ben Blättern mitgeteilt wird, hat diese Sitzung des Reichskabinetts, bie bis in bie spaten Abendstunden dauerte, alle auf der Tagesordnung stehenden Punkte erledigt, so daß die zweite Kabinettssitzung, die ursprünglich für Freitag vorgesehen war, nicht mehr ftattfinben wird.
Das englische Gewerkschaftsgesetz.
Das Unterhaus hat den Antrag der Arbeiterpartei auf Ablesung des Gewerk- fchaftsgefetzes mit 386 gegen 171 Stimmen abge-
Darauf wurde beschlossen, in die zweite Lesung der Gesetzesvorlage einzutreten.
Preisabbau in Italien.
„Agencia Stefan! meldet aus Rom: In einer Verlautbarung des Ministerrates heißt es: Die auf die stufenweise Aufwertung der Währung gerichtete Politik führte zu eiter Senkung der Großhandelspreise und für die lebensnotwendigen Artikel zu einem Nachlassen der Teuerung. Die Großhandelsindexziffer, die Im August 1926 bis auf 691.3 gestiegen war, ist einem Ausweis des statistischen Zentralamtes zufolge in der vierten Aprilwoche auf 552.25 zurückgegangen. Die Kosten der Lebenshaltung haben mit dieser raschen Bewegung nicht gleichen Schritt gehalten. Indessen sind die Preisrückgänge für einzelne Verbrauchsgegenstände bemerkenswert. Vom 1. Nov. 1926 bis 30. April 1927 sank der Brotpreis um fast 20 Proz., der Kaffeepreis um 20 Proz., der Preis für frisches Fleisch um 10 bis 15 Proz. usw. Dementsprechend beschloß der Ministerrat, die zeitlichen Teuerungszulagen für alle Kategorien der staatlichen Zivil- und Militärbeamten herabzufetzen und sie bei den höchstgestellten Beamten, bei Ministern und Unterstaatssekretären angefangen, in Fortfall zu bringen. Diese Maßnahme steht im Einklang mit dem Beschluß der Regierung, den beschleunigten Preisabbau mit allen Mitteln durchzuführen.
* Der Reichspräsident hat am Donnerstag leitende Mitglieder des „Stahlhelms" empfangen, welche dem Reichspräsidenten als dem Ehrenmitglied des Bundes das Treugelöbnis und die Grüße der Frontsoldaten, die sich am kommenden Samstag und Sonntag in Berlin versammeln werden, überbrachten.
Bundesgenossen von geftern.
Die Kriegsschulden.
Die englische Note über die Kriegsschulden hat in New York ein Befremden hervorgerufen, wie seit langem kein anderes Dokument. Verletzt hat nicht nur die Tatsache, daß England den privaten Briefwechsel zwischen Mellon und dem Präsidenten ber Princeton-Universität Hibbon zum Anlaß für ein offizielle Note nahm, sondern hauptsächlich ber ironische Ton, ber bas Dokument kennzeichnet.
Die leise burchklingende Forderung, Mellon zur Zurücknahme seiner Behauptungen zu bewegen, hat ben denkbar schlechtesten Eindruck gemacht. Man würde es schließlich verstanden haben, wenn England die Genfer Weltwirtschaftskon- f e r en z benutzt hätte, um die Schulbendebatte wieder aufleben zu lassen. Für diese Art, eine Revision des Schuldenabkommens herbeizuführen, fehlt den Washingtoner Regierungskreisen aber jedes Verständnis.
Infolgedessen ist die Antwort, die das Staatsdepartement England erteilte, denn auch äußerst brüsk ausgefallen. Staatssekretär Kellog beschränkt sich darauf, den Empfang der Note festzustellen und dann wörtlich zu sagen: Die Regierung der Vereinigten Staaten betrachtet die Korrepondenzen zwischen Mellon und Hibbon als eine rein innere Diskussion und wünscht nicht, in irgendeinen formellen diplomatischen Schriftwechsel darüber einzutreten.
Man wird an den Ton gewisser französischer Antworten auf deutsche Noten über die Ruhrbesetzung erinnert, wenn man die Antwort Kelloggs lieft.
Weniger lakonisch hat aber Mellon bie englische Note ausgenommen. Mellon führt nun in einer Erklärung, bie ben Zeitungen gleichzeitig mit dem Text der englischen Note übergeben wurde, aus, daß das englische Zahlenmaterial lsöchst „buchführungstechnisch" zusammengestellt sei, daß die englische Note an Mellons Behauptungen vorbeigehe und ganz andere Unterlagen für bie Debatte zu Schaffen versuche, und daß England Ausdrücken, wie „alliierte Kriegsschulden" oder „deutsche Zahlungen" eine zu enge Auslegung gäbe. Sachlich bedeutsam ist die nochmalige Feststellung, daß die amerikanischen Schuldenabkommen so aufgebaut seien, daß die Schuldner sie aus eigenen Kräften erfüllen könnten. „Wir haben immer", Sagt bie Erklärung Mellins, „betont, . daß die Schulden in keiner Weise mit den Deutschen Reparationen zusammenhängen" (womit indirekt der Meinung Ausdruck gegeben wird, daß eine eventuelle Herabsetzung ber Reparationsleistung"n keinerlei Herabsetzung ber Schulden raten bedingen würbe.
Ganz scharf wirb Mellon am Schluß seiner langen Erklärung, wo er auf bie englische Behauptung eingeht, daß Amerikas Repara- tionsforberungen von Deutschland voll bezahlt würden, während bie Alliierten nur Teile erhielten. Mellon bezeichnet biefen Passus als ziemlich unglücklich in Anbetracht ber Tatsache, daß Amerika im Vergleich mit ben Forderungen seiner Kriegsassoziierten nur sehr beschränkte Forderungen gestellt habe. In den amerikanischen Forderungen seien jedenfalls Pensionen und dergleichen nicht eingeschlossen.
Das rote Sachsen.
Universitätssragen und das Konkordat vor dem sächsischen Landtag.
Bei ber fortgesetzten Beratung im sächsischen Landtag fand beim Kapitel „Universität Leipzig" der Antrag auf Errichtung eines Lehrstuhls für soziale Hygiene eine knappe Mehrheit. Ein kommunistischer Antrag auf Errichtung einer Professur für Marxismus wurde mit 44 gegen 43 Stimmen ber Altsozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten abgelehnt. Da die Abstimmung angezweifelt wurde, wurde sie namentlich wiederholt und ergab nunmehr StimmengltziA- heit Der Lehrstuhl für Marxismus bleibt damit abgelehnt.
Im weiteren Derlaus der Sitzung erklärte auf eine kommunistische Anftage über ein bevorstehendes Konkordat der Regierungsvertreter Ministerialrat Dr. von Zimmermann u. a., von entern unmittelbar bevorstehenden Konkordatsabschluß Preußens oder des Reiches sei der sächsischen Regierung bisher nichts bekannt. Rach dem bisherigen Verhalten oer sächsischen Regierung dürfe angenommen werden, daß sie sich dem Abschluß eines Reichskonkordats, das gegen die Vorschriften der Reichsverfassung verstoßen sollte, widersetzen werden Im übrigen behalte Sie sich ihre Stellungnahme vor.
Der Rnschluß-Gedanken.
Stegerwald über die Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich.
Aus Einladung der Gewerkschaften hielt Mini- sterpräsident a. D. Stegerwald in Wien einen Vortrag über die soziale und wirtschaftliche Lage ber Arbeiterschaft, lieber die Beziehungen zwischen Oesterreich und Deutschland erklärte er u. a.: Für die Frage des Zusammenschlusses beider Länder bleibe entscheidend, daß die Oesterreicher ein Volk mit alter Kultur seien und daher ein Recht hätten, sich dagegen aufzulehnen, wie ein Hotten- tottenvolk auf dem politischen Schachbrett behandelt zu werden. Die Behandlung Oesterreichs durch die Siegerstaaten sei ein Hohn auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die christliche Arbeiterschaft Oesterreichs und Deutschlands würde in Zukunft noch gemeinschaftlich für bie Verwirklichung ihrer Ziele kämpfen müssen. Wenn die Oesterreicher sich für den Anschluß entscheiden wollten, würden sie von uns mit offene« Armen ausgenommen werbe«.