Für unsere Frauenwelt.
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Beilage zur Zuldaer Zeitung
Nr. 103 vom 5. Mai 1927.
Mutterliebe.
Don Hans G ä s g e n - Wiesbaden.
Mutterliebe ist ein stiller Garten, Tief von Blüten überschneit. Eine dunkelschöne Glocke, Schwingend durch den Lärm der Zeit.
Eine Lampe, di« mit stillem Leuchten Licht erhellt die Dunkelheit, Ist die treue Mutterliebe, Strahlend wie aus Ewigkeit.
Wenn sich erdwärts unsere Tage neigen. Spricht das Herz am Tor der Ewigkeit: Mutterliebe war ein stiller Garten, Ties von Blüten überschneit . . .
Grenzen der Mutterliebe.
Don R. Scholich - Neustadt (D. 6.).
Mutterliebe, wo immer sie sich in ihrer Größe zeigt, wird selbst auf den gemütloseften Menschen ihre Wirkung nicht verfehlen. Und man kann sie ja Gott sei Dank täglich und überall sehen und sich daran immer wieder erbauen, trotz jener düsteren Gegenbilder, die oller Liebe bar, wahrem Menschentum und heiliger Mutterpflicht Hohn sprechen. Aber auch die groß«, heilig« Mutterliebe hat eine Grenz«, eine Grenze zum Be sten der Mütter wie der Kinder. Es sind nicht wenige Mütter, die bei aller Liebe und Sorge für die Kinder sich selbst tatsächlich ganz vergessen — die sich keinerlei Schonung gönnen, immer nur auf das Wohl ihrer Lieb- Nnge bedacht sind und dadurch naturgemäß an der eigenen Gesundheit schweren Schaden nehmen, sodaß sie allzu früh für immer von ihren Kindern scheiden müs. sen. Das ist in der Erfüllung der Mutterpflicht zuviel getan. Wohl hat die Mutter die heilige Pflicht, mit allen Kräften für ihre Lieblinge zu schaffen, aber doch nicht über ihre Kraft. Die Mutter darf sich bei aller Sorge um die Familie nicht vergesien; sie muß um ihre Gesundheit ebenso besorgt sein wie um die ihrer Kinder, denn ein früher Tod der Mutter ist ein großes Unglück für die Kinder, gleichviel ob sie mutterlos bleiben oder eine Stiefmutter erhalten. Eine gute Mutter kann durch keine zweite mehr ersetzt werden. Man braucht nicht alle Stiefmütter als lieblos gelten zu laßen — nein, es gibt zweifellos viele, die es mit ihren Mutterpflichten sehr gewissenhaft nehmen und liebevoll ihren Stiefkindern die erste Mutter nach Kräften zu ersetzen suchen, aber die e 'ebte Tragödie liegt doch wie ein Frühlingsreif auf den jungen Gemütern lange, lange Zeit. Und ist die zweite Mutter eine Herzlose — dann ist das Unglück für die Kinder ja doppelt groß. Wenn nichts eine eigene Mutter zur Schonung mahnen und bewegen kann — der Gedanke an ein solches Unglück ihrer Kinder müßte es können. Es mag vielleicht hart klingen, aber es ist Wahrheit und Notwendigkeit: auch die beste Mutter muß bis zu einem gewissen Grade egoistisch fein. Aber dieser Egoismus ist ein idealer! Aus Webe zu ihrer Familie muh sie die nötige Eigenliebe hegen, sich schonen und pflegen, um chren Lieben so lang« wie möglich das große Glück zu erhalten, eine liebe Mutter zu besitzen — die Sonne im traulichen Heim. Möge sich das jede allzu pflichteifrige Mutter zu Herzen nehmen! Ihrer Mutterliebe wird dadurch kein Abbruch getan. Nach wie vor kann sie ihre Lieben mit aller mütterlichen Sorgfalt umgeben und doch mich sich selbst da- bei berücksichtigen, sodaß sie nicht vorzeitig ihr« Kräfte erschöpft. Kein größeres Glück für Kinder, als recht lange eine gesunde Mutter zu haben, und kein größeres Glück für eine Mutter, als ihre Kinder umsorgen zu können, bis sie erwachsen, bis sie flügge geworden sind. Wie ganz anders, wie leicht und sorglos kann eine solche Mutter am Ende ihrer Tage von hinnen gehen: sie hat ihre großen Pflichten gegen sich und ihre Lieben voll und ganz erfüllt. Solchen Müttern gebührt nicht nur der Dank ihrer Kinder, sondern der Dank der Nation. Kann es ein erstrebenswerteres Ziel geben für jede Mutter!?
Mutterlos.
Der 14jähr!gen Anna ist die Mutter gestorben. Als der Vater zum zweiten Male heiratet, nimmt sie eine Stellung als Bedienungsmädchen bei einer alten Dame an Sie hat es gut. Ihr Gesicht wird runder und bekommt Farbe. Trotzdem kann sie es nicht lassen, hier und da za naschen. Einmal ertappt fif Frau Gerlach, ihre Herrn«, auf einer kleinen Unehrlichkeit. „Dos darf nicht mehr Vorkommen. Anna!" sagt sie ernst; „sonst könnte ich dich, so leid es mir wäre, nicht behalten." Anna meint und verspricht Besserung.
Einige Tage darauf hat Frau Gerlach Geburtstag. (9crübrt_nimmt sie einen von bunten Astern und Georginen unbeholfen gewundenen Strauß aus den Händen ihres gratulierenden Mädchens. „Bist doch ein gutes Ding!"
Am Nachmittag macht die alte Dame ihren gewohnten Spaziergang. Unterwegs wird sie von einer Bekannten angesprochen, die ihr vertraulich zuflüstert, der Anna doch gut auf die Finger zu sehen. Sie hätte heute in ihrem, Frau Raschkes, Garten, Blumen gestohlen: Astern und Georginen. — Betroffen geht die alte Dame weiter. Zufällig kommt sie an Annas elterlicher Wohnung vorüber Sie beschließt, hineinzugehen, um die Mutter zu bitten, dem Mädchen gründlich ins Gewissen zu reden.
Arn Fenster der vernachlässigten Wohnstube sitzt eine junge, mädchenhaft gekleidete Frau und garniert sich ein fesches Hütchen. In der Küche zanken sich die kleineren Gekchwister Annas um einen unreifen Apfel. Die junge Frau schließt 'gemütsruhig die Berbindungstür. Sichtlich gelangweilt hört sie auf den Klagebericht der alten Dame. Ohne mit einem Wort darauf einzugehen, schiebt sie, als diese geendet hat, den Stuhl zurück und sogt schroff, daß jede Gegenrede zwecklos erscheint: „Das kümmert mich nichts. Es ist nicht mein Kind!" . . . .
Herta Pohl.
(Einige winke zur Zpargelzs't.
Don Magda Trott-Misdroy.
Bei den Vorbereitungen zu Spargelgerichien werden vielfach Fehler begangen, die den Wohlgeschmack dieses prachtvollen Gemüses beeinträchtigen. So werden einige zweckmäßige Minke mancher Hausfrau willkommen sein. Kommt es vor, daß man einen zu reichlichen Vorrat an Spargeln hat und will man ihn recht frisch erhalten, so bringt man ihn an einen möglichst dunklen Ort und schlägt ihn, wie er gestochen wurde, oder wie man ihn vom Händler kaufte, in ein weißes Leinentuch ein. Doch versäume man nicht, es vorher ein wenig anzu- feuchten. Dieses einfache Verfahren erhält Spargeln für acht Tage vollkommen frisch. Ganz falsch ist es, den Spargel stundenlang zum Auffrischen ins Wasser zu legen. Nur während des Waschens darf der Spargel mit Wasser in Berührung kommen. Das Waschen darf aber auch nur am Tage der Zubereitung erfolgen.
Ebensoviele Fehler werden beim Schälen begangen. Das Messer muß stets am Spargelkopf angesetzt werden und nach abwärts laufen. Das ist notwendig, denn manche Spargelstiele enthalten Kieselsäure. Diese Bitterkeit würde sich beim Spargelschälen in entgegengesetzter Richtung dem Messer Mitteilen und dadurch den ganzen Spargel bitter machen. Man gebe aber auch beim Schälen acht, ob sich an den Spargelstengeln kleine rotbraune Flecken zeigen. Das ist ein Beweis, daß der Spargel bitter «st. Da muß man das Messer nach dem Schälen eines solchen Stengels abwischen, damit der bitter« Saft, der am Messer sitzt, sich nicht dem nächsten Stengel mitt eilt und auch diesen verdirbt.
Man wasche den Spargel, nachdem man ihn geschält hat. Dazu verwende man kaltes Wasser. Nach dem Waschen wird der Spargel sofort herausgenommen und dem betreffenden Kochtopf übergeben. Eine sparsame Hausfrau wird die Spargelschalen trocknen, um zur Winterzeit eine schmackhafte Suppe daraus herzustellen. Die Schalen müssen natürlich vor dem Trocknen gut ge- waschen werden. Am besten setzt man sie den Sonnenstrahlen aus, damit das Trockne nrasch vor sich geht.
vom Wert der Barzahlung.
Bei jeder Arbeit ist die Ordnung ein Hauptersorder- nis des Erfolges. W»r eine Arbeit begonnen hat, führe sie — dringende Fälle ausgenommen — vollständig zu Ende, bevor er eine neue Arbeit anfange. Eines nach dem Airdern muß die Regel fein, sonst bleibt alles halb- fertig, was stets auf uns lastet und andere Arbeiten nachteilig beeinflußt. Das Kaufen ohne sofortige Barzahlung ist auch eine halbfertige Arbeit und sa mangelhaft wie eine halbausgekehrte Stube. Zur Ordnung gehört Barzahlung, aber nicht erst morgen ober in 14 Tagen, sondern auf der Stelle beim Ankäufe. Der Schuldner hat ein unruhiges gedrücktes Dafein. Man sage niemals, daß eine zwei ober vierwöchige Borgzeit keine Schulb fei. Dies ist und bleibt eine halbfertige Arbeit, bie uns Verwicklungen und Verlegenheiten aller Art bringen kann. Unser lausender und zukünftiger Lohn ist erst dann unser Eigentum, wenn er in unserer Tasche ist. Vorher kann noch mamhes dazwischen kam- men, was unsere Hoffnungen vereitelt. Ein« plötzliche eintretenbe Krankheit, eine Feuersbrunst, ein Maschinenbruch ober ein anberes Unglück können Arbeit und Erwerb sofort einstellen, und wir sehen uns bann eine Schulbenlast aufgebürbet, die wir vielleicht nie mehr los werden.
Die Aufforderung, daß alles bar bezahlt und jeder Kauf, Zug für Zug geordnet werde, hat aber noch eine weitgehende Bedeutung. Sie geht dahin, daß jeder ohne Vorschuß oder Mithilfe eines anderen für sich selbst sorge und die Kunst lerne, ferne Ausgaben richtig einzuteilen, damit dieselben nicht mehr betragen als bie ,oor- ausgegangenen Einnahmen unb wenn irgenb möglich von den letzteren noch etwas zurückgelegt werde. Der Empfang immerwährender Hilfe macht den Menschen in der Regel unbeholfen, anspruchsvoll unb arm. Sobald wir uns losmachen von Hilfe des Kredits unb alles bar bezahlen, haben wir unsere Selbständigkeit erreicht Wir haben den Sinn für Ordnung und Sparsamkeit gewonnen. Unter Vermögen mag durch irgend ein Unglück verlören gehen: den Sinn zu ordnen unb zu sparen verlieren wir nicht mehr, unb er wird uns in kurzer Zeit alles wieder ersetzen.
Die Zrau a^s (Erzieherin.
f Schule unb haus haben ganz besondere Aufgaben bei der Erziehung der Heranwachsenden Jugend und sollen doch Hand in Hand arbeiten. Sorgt bie Schule mehr für den Wifsensbestanb, so pflege bie häusliche Erziehung bie Autorität ber Lehrer, andererseits sollen die Lehrer auch die Eigenart der Familie berücksichtigen. Zwei so wichtige Faktoren, wie Schule unb Haus dürfen zum Heil des Kindes nie getrennt werden.
Aus dem Zrauenleben.
f Bemerkenswertes über die Frage der noch nicht schulreifen Kinder. In einer der letzten Sitzungen des Reichstages führte Frau Abgeordnete Dr. Behm, die Vorkämpferin ber Heimarbeiterinnenbewegung aus, daß unter den heutigen Verhältnissen noch viele Kinder mit sechs Jahren körperlich und geistig nicht reif zur Einschulung seien. Dies« Kinder kommen dann auch aus der Schule in das Berufsleben, ehe sie arbeitsfähig sind. Da wäre ein Hinauffetzen des Schulalters angebracht. Für bie Schulentlassenen, bie noch keine Arbeit finden können, fordert sie Weiterbildung in eigenen Kursen. Kl. Ph.
katholische Zrauen-Grgamsatlon.
f. <kin Zusammentreffen ber Vertreterinnen ber internationalen katholischen weiblichen Jugenbliga findet vom 20. bis 23. Mai in Graz statt. Es wird bei demselben bie Arbeit in den einzelnen Ländern besprochen unb der nächste Kongreß vorbereitet, dessen Thema bie Frage behandeln wird: Die praktische Auswirkung ber Tauf- unb Firmgnabe im Leben der Christen. Die Grazer Ju- i gend rüstet sich voll Gastfreundschaft, bie auswärtigen I Gäste aufzunehmen. Die deutschen Vertreterinnen tref- 1
sen sich am 19. Mai in München zu gemeinsamer Fahrt. Nähere Auskunft erteilt das Jugendsekretariat München, Theresienstraße 25.
Die Zrau in der Büche.
f. Irühlingsgemüse. 6 Personen. VA Stunden. 2 Endivienköpfe werden gewaschen, in siedendem Wasser abgewällt, mit kaltem Wasser gekühlt, ausgebrückt und gehackt. Außerdem verliest man-3 Pfund Spinat, wäscht bie Blätter, wällt sie ab, kühlt sie, hackt sie fein und vermischt sie mit ber Endioienrnasse. In einer Kasserolle läßt man ein gutes Stück Butter siedend werden, bünftet bas gehackte Gemüse 15 Minuten darin durch, gibt etwas Sahne unb bas nötige Salz dazu, macht es mit etwas Hellem Schwihmehl seimig und schmeckt es mit V» Teelöffel Maggi's Würze angenehm ab. Beim Anrichten garniert man mit gebratenen kleinen Kartoffeln.
praktische Winke.
f wie die bastseidenen Kleiber, Röcke, Blusen gewaschen werden, ist wohl jeder Hausstau bekannt, dagegen machen sie meistens beim Plätten einen großen Fehler, indem sie bie Sachen, ebenso wie andere, feucht plätten Gerade hierdurch büßt die Basffeide ihr schönes Aussehen ein; sie muß trocken geplättet werden.
Bücher für Zrau«n.
Führer durch das private Unterrichts- unb Erzich- ungswesen Deutschlands. Herausgegeben von Ober» lyzealbirektor Hafa, Gnadau, Erster Vorsitzender des Reichsoerbandes freier (privater) Unterrichts- und Er- ziehungsanftalten .e V. 3. verbesserte Auflage. 1927. Verlag Ullstein Berlin SW. 68, Preis 1.80 M. 268 S. 8°. Berufswahl unb Schulwechfel erfordern gegenwärtig von vielen Eltern und Vormündern Entschlüsse, die gerade denjenigen am schwersten fallen, deren Verantwortungsgefühl stark entwickelt ist. Die sorgfältige Prüfung aller vorhandenen Möglichkeiten, welche bie verschiedenartigen Institute bieten, sollte deshalb für jeden Erziehungsberechtigten oberste Pflicht sein. Neue Wege zu neuen pädagogischen Zielen hat von jeher die Privatschule gesucht und gefunden. Die 3. Ausgabe des „Führers durch das private Unterrichts, und Erziehungswesen Deutschlands", herausgegeben vom Reichs- oerbond deutscher freier (prio.) Unterrichts- unb Erziehungsanstalten ist soeben erschienen und informiert vorzüglich durch Fachaufsätze aus ber Feder bekannter Pri- votschulmänner über alle einschlägigen Fragen der Einschulung, Umschulung, der verschiedenen Bildungsmög- llchkeiten, der Berussoorbildung und Berufswahl. Fast jedes Unterridjtsgebict wird hier behandelt. Der Weg nur kaufmännischen Ausbildung sowohl, wie die verschiedenen Möglichkeiten der M ä d ch e i> - E r z i e h. u n g, die Ziele konfessioneller Schulen ebenso gut, wie die der technischen Lehranstalten; stark berücksichtigt ist euch bas Gebiet ber Heil-Pädagogik. Man findet in dem Buche bie Adressen von etwa 2000 Privatschulen aller Gattungen, die in dem Reichsverband deutscher freier (prio.) Unterrichts- und Erziehungsanstalten zukammen- geschlossen sind, dessen Satzungen bie Gewähr dafür bieten, daß nur erstklassige Anstalten Mitglieder sein können. Es handelt sich deshalb bei diesem Werk um ein vorzügliches Handbuch, in dem jeder Erziehungsberechtigte Kcs für den besonderen Fall Passende finden wird
Weiteres.
Unter Freundinnen. „Aks ich den Heiraksontrag Georgs angenommen hatte, erklärte er, er sei im siebenten Himmel." — „Leicht möglich, meine Liebe. Er war nämlich schon sechsmal verlobt." („London Dp nion' ;
Eine treue Seele. Bevor der Besuch erschien, hatten wir uns über seine wirtschaftliche Notlage Unterhalter. Das mußte das Mädchen gehört haben. Als ihr beim Aufbruch ber Besuch ein Trinkgelb in die Hand drücke,: will, weist sie es mit den Worten zurück: „Behalten Si« man, Sie haben ja selbst nichts!" (Flieg. Bl.)
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So fuhren denn am folgenden Morgen Paul Spicker- mann und Elisabeth Zeuden hinaus nach Tiefenhofen. Da um diese Zeit wenig gereift wurde, waren sie in ihrem Abteil allein. Elisabech Zeuden saß ebenso stumm wie bewegungslos auf ihrem Platze. Müde und gleichgültig ruhte ihr Blick auf den Fensterscheiben, als ob sie undurchdringlich seien unb von vorbeiziehenben Städten und Dörfern, Bergen unb Wäldern nichts zu sehen sei. Die Stunde, bie vor ihr lag, erschien ihr schwer. Sie war sehr verdemütigend.
Paul Spickermann dagegen stand am Fenster unb eilte mit feinen Blicken ungeduldig dem Zuge voraus. Bon Zeit zu Zett riß er das Fenster auf. Er mußte es immer bald wieder schließen. Es war schon zu kühl.
Auch die Stunden, die vor ihm lagen, waren eigentlich schwer. Er sagte es sich immer wieder. Warum sollte sie denn heute auf einmal „Ja" sagen?
Nun, wer wagt, gewinnt! Er konnte sich auch die Vorstellung nicht aus dem Kopfe schlagen, daß sie selbst ihn heraus gelockt hatte aus dem Terpsychore-Palast. Eines aber wollte er ganz gewiß aus Tiefenhofen mit nach Hause bringen: Gewißheit unb Klarheit. Konnte diese Liebe, die fein Herz fast verzehrte, die es seinerzeit zum Himmel unb jetzt zur Hölle gemacht hatte, konnte di« nicht Anspruch erheben auf eine Erklärung, warum sie verschmäht wurde?
Der Zug hielt an Stationen, deren Namen bekannter klangen. Die Hügelketten auf beiden Seiten wurden auch bekannter. Und seinem Herzen wurde es dabei nicht enger, sondern weiter. Immer mehr tauchten alte Bekannte auf. Hecken, Pappelalleen, Steinblöcke, Gehöfte, Mühlen, die er alle noch kannte. Dort oben lag ein üppiger Wald. In diesem Walde lag der Waldsee. Durch diesen Wald klang einst das Lautenspiel. Wenn auch alles Laub verfault am Boden liegt, wenn keine Vögel dort mehr fingen, unb selbst wenn bie Liebe, die dort oben in fein Herz übermächtig eingezogen fft, nie erhört wird, sein Leben lang wird ihm dieser Ort heilig bleiben.
Um den letzten Bergvorsprung arbeitete sich ber Zug. Dann lag Tiesenhosen vor ihm. „Sjcimat", mit diesem
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Gedanken begrüßte er dies Erbenfleckchen. Dort lag das türm» unb erkergezierte Schlößchen inmitten uralter Bäume, die Pfarrkirche mit dem Doktorhaus, dort drüben der Buchenhof und — das Totengräberhäuschen. O, ihr meine alten Bekannten, möget ihr eure Gastsreund- schäft nicht verlernt haben! Schon einmal bin ich tief unglücklich zu euch gekommen, um zu gesunden. Ich bin noch ärmer wieder abgezogen unb komme doch wieder zurück. Denn hier wohnt doch mein Glück!"
Mit Wohlbehagen stieg Paul Spickermann in den Omnibus. Wie freute er sich, wieder in diesem allen Rumpelkasten zu sitzen, über dessen Alters,chwäche er sich «inst so bitter beklagt hatte. Zuerst fuhr der Wagen am Schlosse vor. Dort stieg Elisabeth Zeuden aus Paul Spickermann aber fuhr weiter. Obwohl ja eigentlich jenes unglückselige Mädchen die Veranlassung seiner Reise gewesen mar, so wollte er doch nicht in den ersten Augenblicken, in denen sich Vater unb Kind unter so traurigen unb peinlichen Umständen wieberfanben, sich aufbrängen. Er stieg tm Buchmhos ab. Dort kannten sie ihn noch. Auch seine Bitte, ihm sein altes Zimmer wieberzugeben, konnte lelcht erfüllt werden, da fein einziger Gast im Hause war.
Wie war doch alles noch so unverändert! Er konnte es kaum fassen, daß es nur vier Monate her war, skN er hier gewohnt hatte.
Kaum eine Halde Stunde war Paul Spickermqnn auf feinem Zimmer, hatte sich ein wenig eingerichtet, unb überlegte, was er denn nun hier in Tiefenhofen zunächst anfangen wollte, — da brummte vor dem Hause bas Auto des Grasen Warthorft. Der Gras ließ den fremden Herrn zu sich bitten. Einesteils die Begierde, auch von ihm über bas zufällige Zusammentreffen mit feiner Tochter unb über die Gründe, die ihn zu solcher Hilfeleistung, zu solchem Eingreifen in anderer Menschen Schicksal bewogen, näheres zu hören, andererseits die große Dankbarkeit, die er diesem Manne zollte, mußten den Grasen hierzu veranlassen.
Es war ja selbstverständlich, daß Paul Zpickermann auch sofort auf bas Schloß fuhr. Aber lieb war ihm bies keineswegs. Nun wurde er weiter in kiese Familientragödie hineingerissen. Und ihm lag doch jetzt sein eigenes Schicksal so viel mehr am Herzen.
Er kam auf bas Schloß. Daß o:r Graf noch sehr erregt unb erschüttert war, als er ihn empfing, lvar wohl nicht mehr als natürlich. Alles andere aber war ganz anders, als es Paul Spickermann erwartet hatte. Er hatte sich ja aus dem Wenigen, bas ihm der Mädchen erzähll hatte, nicht im geringsten ein klares Bild über die vorliegenden Verhältnisse machen können Aber oas, was er hier hörte und sah, entsprach nun ganz unb gar nicht seinen Vorstellungen. Wer den Grafen sah, wie er feine Tochter an ber Hand fuhrt-, glücklich unb liebevoll, ber konnte nicht begreifen, wa-, biefes Mädchen bestimmt haben mochte, sein Vaterhaus zu verlassen. Wer dieses Schloß mit all feiner Ordnung, seiner Wohnlichkeit und mit feinem Reichtum sah, der lonntc es nicht nachfühlen, warum ein Mensch in diese Well nicht zu paffen glaubte.
Alle diese Rätsel zu lösen, hätte Pani Spickermann wohl gereizt. Aber er konnte danach doch nicht fragen. Zudem wurde er gerade mit Fragen bestürmt unb cs blieb ihm nichts anderes übrig, als offen zu antworten.
„Sie haben an meinem Kinde mehr getan, als e"n Durchschnittsmensch getan hätte, Sie haben mehr getan, als die christliche Nächstenliebe fordert. Was hat Sie bewogen, so außerordentlich edel :inb hilfreich zu han-
So fragte ber Graf. Unb Paui Spickermann kennte nichts anberes erwidern als: „Nur ber Zufall hat mich bazu bewogen. Es hat mich schon lange von ganzem Herzen nach Tiesenhosen gezogen, weil hier meine (Beliebte wohnt. Allerdings habe ich mhk Io viel Glück, wieder geliebt zu werden. Als ich aber ihren Namen gehört habe: Liefet Hardert, bc hat mich nichts mehr hallen können.
„Liefe! Hardert! — Sie ist es gewesen, die Sie hier- hergezogen hat?" Der Gras stand auf unb sprach saft feierlich unb in hohem Erstaunen weiter: „So ist allo auch Liesel Hardert in letzter Hinsicht die Uriache gewesen, bie mein Kind zurückgeführt hat. Wie vieles habe ich diesem Mädchen jetzt schon zu verdanken."
Der Graf schritt zum Fenster. Paul Svickermann und Elisabeth Zeuden sahen ihm stumm unb erschrocken nach. Der Gras aber sandte Blick unb Gedanken hinüber zum Totengräberhäuslein. Sie ist es gewesen, bie ihm ben Taler gereicht, dort oben am Waldsee. Damals
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hol sie ihm den ersten Wink gegeben. Ohne es selbst zu wissen, hatte sie ihn auf die Spur gewiesen, die zu seinem Kinde führte. Sie ist es gewesen, bie froh unb liebevoll geholfen hat an seinem Rettungsversuche. Sie ist es gewesen, die noch trösten konnte, da aller Trost zerbrochen schien. Sie ist es gewesen, die, wiederum ohne es zu wissen, ber gute Engel war, der ihm fein Kind zurückführte.
Als er sich umwandte zu seiner Tochter und Paul Spickermann, waren seine Augen tränenfeucht.
„Sie lieben sie unb — wie sie sagen — ohne Hoffnung. Das ist hart."
Dasselbe Echo, bas Paul Spidermann einst verfolgt hatte und ihm aus allen Winkeln Nein! Nein! zugeschrien hatte, das flüsterte ihm diese Worte des Grafen zu, als er zum Buchenhose zurückging — vorbei am To- tengräberhäuslein.
Sie lieben Sie, unb ohne Hoffnung! Das ist hart Was der Graf sonst noch von Liesel gesagt hatte, dar hatte er nicht verstanden.
Unb als schon Stunde um Stunde vergangen war nach diesem Worte, da lag ein weher Klang Paul Spit« kermann noch im Ohre. Bald soll er verklungen fein. Bald wirb er hinübergehen in das Totengräberhäuslein. Roch einmal, zum letztenmale, will er mit ihr sprechen. Aber nicht nur eine Antwort will er .forbern, sondern auch Rechenschaft. Dann werden alle bangen- Fragen schweigen. Dann wird entweder schadenfrohes Geifter- gefinbel ihm nachlaufen unb ihn nicht verlassen durch Jahr unb Tag, unb aus jeder dunklen Ecke ihm das cnl- setzliche „Nein"! zurufen. — Oder — sie sagt „Ja"! bann — ja bann, wird sein Herz zerspringen — oder stillstehen — ober — er weiß es noch nicht, was dann wirb. Seine Vorstellungskraft reicht nicht aus.
Bang sah er hinüber zum Totengräberhäuschen, wo hinter ben Fensterscheiben bie Blumen standen, bie sie pflegte, wo ber Hektor in feiner Hütte lag, mit dem sie ihr luftiges Spiel oft trieb, wo an der Wand die Laute hing, bie sie spielt«, wo ber Großvater wohnte, mit dem sie den Platz auf der Ofenbank teilte, dem sie lauschte zu seinen Erzählungen, dem fie lachte und dem sie fang
(Fortsetzung folgt)