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Nr. 103

Donnerstag, 5. Mai 1927.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Beznasvreis 1,50 Mk.

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Fuldaer Zertung

______Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Vie per önlichkeit.

Von Dr. Jos. Albert.

Je höher von Art, je seltener gerät ein Ding. Ihr höheren Menschen hier, seid ihr nicht alle mißgeraten?

Fr. Nietzsche.

Das Charakteristikum der heutigen Zeit ist das Herdenmenschentum. Seitdem das verfüh­rerische, Wort von der Demokratie gefallen ist, und diese Demokratie plötzlich und über Nacht f« hunderterlei Form sich konstituierte — leider allzuwenig in der einzig wahren und echten Form der Selbstverantwortung des einzelnen — seit die­ser Zeit schwimmt die Mehrzahl der Menschen alhu unselbständig im allgemeinen Strom des All­tags. Jeder auf seine Art, aber — die herrliche Urkraft der Demokratie verkennend — immer nach dem andern schielend, jede letzte Verantwortung anderen überlassend. So wuchsen die Menschen heran, die uns heute überall auf allen Straßen und öffentlichen Plätzen begegnen, die zwar mit lauernden Blicken einherqehen, aber immer doch eine Geste haben, als wiesen sie auf etwas anderes, das hinter ihnen stände, d. h. auf jene zwar unfaßbare, aber große Masse: den Inbegriff ihrer Autorität. Die einen nennen sich in stolzem Selbstbewußtsein Proletarier, die andern ziehen sich in Verbitterung zurück. Aber alle llammern sich doch im Grunde des Herzens an das schöne Idol der mißverstandenen Demokratie und — ver­gessen mittlerweile, daß sie in chrer eigenen Per­son so sehr verkümmern und veröden.

Ihnen gegenüber steht em anderes großes Heer. Das Heer der sogenannten Nichtproletarier. Auf dieser Seite herrscht der Glaube, man sei noch unberührt von der Gleichmacherei, von dem Her­denmenschentum, man besäße noch Selbständigkeit und gelte als Persönlichkeit. Und doch: auch hier ist die Gleichmäßigkeit so stark im Wachsen begrif­fen, daß sich keine der beiden großen Gruppen einen Vorwurf zu machen braucht. Nur offenbart sich die Zeiterscheinung auf der Nichtproletarierseit« anders. Sie offenbart sich hier in „besseren" For­men, in verfeinerten Zuständen. Aber während man noch glaubt, etwas „Besonderes" zu sein, ist man von Tag zu Tag doch längst in die Mode der Zeit hineingeglitten, läuft man von Stunde zu Stunde hinter Sensationen und Reklametricks ein­her .Und es ist für den besonnenen Menschen all- mählich schwer geworden, das echte vom falschen zu unterscheiden, das wirklich Tüchtige und Selb- ständige aus der Masse der Erscheinungen heraus­zufühlen. Ueberall wimmelt es von Herdenmenschen, auf allen Gebieten machen sie sich breit. Sie spie­len vor allem eine große Rolle in der Politik, sie geben sich aber auch als Künstler und Philo­sophen aus, als Wissenschaftler und Forscher, und sie finden sich zu Tausenden auf den Gemeinplätzen der eleganten oder auch der sogenannten „gut gesitteten" Welt.

' Obgleich nun der Herdenmensch innerlich unselb­ständig ist und vor allem nur sehr geringes an Charakterwerten sammelt, so besitzt er doch eine Gier, sich möglichst in den Vordergrund zu drängen, um als etwas zu erscheinen, das mehr der Beachtung wert sei als das andere. Das ist ja nur die Bestätigung eines allbekannten deutschen Sprichwortes, das wir hier nicht erst nennen wollen. Und da das Problem der Persönlichkeit auf das engste mit der Bildung zusammenhängt, so wird man ganz folgerichtig das Sich-in-den-Dorder- grund-drängen gleichzeitig als den Inbegriff der Bildung ansehen. Natürlich ersinnen sie dafür ver­schiedene Formen. Die einen geben sich so, di« anderen anders. Ihre Hauptgruppen können wir aber an folgendem erkennen:

Die Raffinierten schwärmen sehr geistreich die Größen der Weltgeschichte an, sie schwärmen für Bismarck und Napoleon, für Beethoven und Goethe, auch für den großen Heiligen von Assisi. Sie tragen diese Bilder in sich, — sich auf ihre Quali­tät mehr verlassend als auf ihre eigene. Sie ziehen sie immer wieder heran, um ihre eigenen, wenn auch noch so verkümmerten Geisteszustände damit ins rechte Licht zu rücken. Sie erwähnen bei jeder passenden Gelegenheit die Götter ihres Herzens. In jeder Teegesellschaft schwärmt man für diesen oder jenen. Aber man denkt nicht daran, daß es doch letzten Endes auf unsere eigene Qua­lität ankommt und nicht auf die unserer Heroen. Man lebt so gern im Schatten des Vergangenen, im Schatten anderer Besserer.

Wieder andere zeigen chre Bildung, ihre „Per­sönlichkeit"', indem sie sehr viel Wert auf ihr äuße­res Aussehen legen und korrekterweise nichts ver­säumen, was die Mode mit sich bringt. So wird es möglich, daß man mehr Zeit und Mühe auf die Pflege des Bubikopfes verwendet als auf jenen «bieten (?) Teil des Kopfes: das menschliche Hirn. Mehr Sinn und Sorgfalt auf seine Strümpfe und mädchenhaft schönen Schnitt des. Kleides, als auf das Herz, das unter dem Busen dieser „Mädchen" schlägt .Schönheit und Harmonie in Kleidung und Körper sind wohl zu pflegende Dinge, und keiner, ber noch Geschmack an der Welt besitzt, wird sie verachten. Aber darum geht es heute nicht mehr. Heute kommt bei aller „Harmonie und Schönheit" der edlere Inhalt zu kurz, und Hirn und Herz schrumpfen erbärmlich zusammen, die Eitelkeit und die Dummheit schauen an allen Ecken heraus. -7 „Herren" haben ihre eigenen Manieren. Die «inen machen in aktiver Elegcma, die anderen in vornehmer verträumter Passivität, die den Reiz der Melancholie besitzt und obendrein noch etwas Künstlerisches an sich hat.

Andere dünken sich im Besitze ihres Reich- 1 u m s gleichzeitig gebildet. Am" deutlichsten tritt "as ja bei dem „neuen" Geschlecht hervor, bei den „Neureichen", die gestern noch keine Ahnung von deutscher Bildung und deutschen Eeistesheroen hat­ten, heute aber Lüsten in geschmacklosen

MblößnUgsßtzungdelWirtschllWkoOrenzitlGens

Die Begrüßungsrede des Präsidenten Theunis. — In Erwartung der Vertreter Rußlands. — Vie Arbeiterinteressen auf der Gen er Tagung.

. wtb. Genf. 4. Mai. (Eig. Funkm.) Die Welt­wirtschaftskonferenz wurde heute, Mittwoch vor­mittag 11.25 Uhr, mit einer längeren Ansprache des Präsidenten Theunis eröffnet, in der er das ; einzigartige internationale Gremium von Bertre- i tern des gesamten Wirtschaftslebens begrüßte, ein Gremium, non dem man mit feinen Vertre­tern aus 47 Ländern einschließlich der Vereinigten Staaten, Rußland und der Türkei wohl sägen könne, daß es bis heute noch keine derar­tige Versammlung zur Prüfung des ge­samten Weltwirtschaftsprogramms gegeben habe.

Im ersten Teil seiner Rede gab der Präsident eine allgemein gehaltene Umschreibung des Pro­gramms der Weltwirtschaft-konferenz und im zwei­ten Teil eine Reihe von Vorschlägen für das Ar­beitsverfahren der Konferenz bekannt, wobei er vor Ueberstürzung, aber auch vor Verschleppung der Arbeiten warnte und der Hoffnung Ausdruck gab, daß die Ergebnisse der ersten Weltwirtschafts­konferenz den Boden für den Erfolg weiterer Weltwirtschaftskonferenzen vorbereiten wird.

Dem Erscheinen der einzelnen Delegationen, hauptsächlich den Vertretern der großen Industrie- und Wirtschaftsländer, wurde von den Presse-Tri­bünen aus mit größtem Interesse gefolgt. Die Bänke der deutschen Delegierten befinden sich dicht am Eingang rechts neben der Rednertribüne. Die noch leeren Bänke für die russische Delegation nehmen die letzte Reibe der den Delegationen zur. Verfügung gestellten Plätze ein.

*

Der Führer der russischen Delegation für die Weltwirtschaftskonferenz, der frühere Volkskom­missar O s s i n s k i, empfing auf der Berliner Sowjetbotschaft einige Pressevertreter, denen er Erklärungen über die Intentionen seiner Regie­rung bezw. der Delegation abgab. Ossinski wandte sich gegen Gerüchte, wonach die Beschickung der Konferenz eine Aenderung der Sowjet­politik gegenüber dem Völkerbund selbst bedeute. Die Teilnahme an einer Sonderkon­ferenz incluliiere keinesfalls eine Bindung bezüglich

des Völkerbundes. Er gab dann eine Darstellung der Absichten der Sowjetdelegaüon bezw. ihrer Mitarbeit an der Konferenz, Absichten, die sich im wesentlichen mit denjenigen der übrigen Delegatio­nen decken dürften, jedoch in einem besonderen Punkte auch die Auseinandersetzung über die „wirtschaftliche Co-Existenz zweier gegensätzli­cher wirtschaftlicher und sozialistischer "Systeme", wie das kapitalistische und das sozialistische, be­zwecke. Der Sowjetdelegierte sprach schließlich die Hoffnung aus, daß trotz des grundsätzlichen Unter­schiedes zwischen seiner und aller übrigen Delega­tionen inbezug auf ihren prinzipiellen und beson­deren Standpunkt eine Mitarbeit mit einer Reihe von Delegationen in einer Reihe von Fragen mög­lich sein werde, und fand dabei freundliche Worte für die deutsche Konferenzarbeit.

Die Delegierten und Sachverständigen, die zur Vertretung der Arbeiterinteressen an der Wirtschaftskonferenz teilnehmen werden, haben in einer gemeinsamen Sitzung programma­tische Richtlinien aufgestellt, die sämtlichen Konferenzteilnehmern mitgeteilt werden sollen und in denen die Arbeitervertreter auf folgende vier Punkte besonderen Wert legen: Beseitigung der Schranken gegen den internationalen Handel, Verbesserung und soziale Angleichung der Arbeits­verhältnisse in allen Ländern, Kontrolle der mono­polisierten Jndustrieen, Vermehrung der landwirt­schaftlichen Erzeugung, Besserung der Absatzver­hältnisse für landwirtschaftliche Produkte.

Im einzelnen verlangen die Arbeitervertreter die Anerkennung des Achtstundentages durch Ratifizierung des Washingtoner Abkommens, Einrichtung eines internationalen Kontrollamtes für Preisgestaltung und Absatzverhältnisse, Schaf­fung eines internationalen Wirtschaftsamtes, das u. a. die Anwendung der Beschlüffe der Wirtschafts­konferenz beobachten soll. An den Beratungen wa­ren die deutschen Arbeiter durch Gewerkschaftsse­kretär Eggert und Reichstagsabgeordneten H i l- ferding beteiligt.

Innen- und außenpolitische Probleme.

Vr. Stresemann und das Konkordat.

Wachsender Widerstand. — Anhalt lehnt ab. — Die Unterschriftensammlung des Evangelischen Bundes.

Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht eine ZusHsift, in der Dr. S t r e s e m a n n entschieden die Darstellung zurückweist, daß er einmal gegen und einmal für das Konkordat gesprochen habe. Rach sämtlichen Berichten über seine Rede auf der Kulturtagung der Deutschen Volkspartei habe er sich dahin ausgesprochen, daß diese Frage nach den Vorgängen in Bayern und Preußen heute nicht mehr so liege, daß man die Fragestellung vorneh­men könne: Reichskonkordat ober nicht, sondern daß man das Verhältnis eines Reichskonkordats zu dem in Bayern bestehenden und dem in anderen Ländern noch abzuschließenden Konkordaten leiden- schaftslos betrachten müsse. Mit denselben Worten habe er im Reichstag Herrn Dr. Breitscheid ge­antwortet. Dr. Stresemann bezieht sich auf eine Erklärung, in der Geheimrat Dr. Kahl für die Reichstaasfraktion der Deutschen Volkspartei im Juni 1925 die Zusammenstellung der Einzelkonkor- date unter einem einheitlichen Reichsgesetz ge­wünscht hat. Dr. Stresemann erklärt außerdem, daß er nicht zu den Kreisen gehöre, die jede Vereinbarung mit der Kurie a d l e h n e n wollen.

Dr. Stresemann und auch der bekannte evangelischen Kirchenratslehrer Prof. Dr. Kahl ziehen also, nach der letzten Aeußerung Strese- manns, den Abschluß eines Konkordats in Betracht. Ob sie neuerdings umfallen werden, hnägt von dem Eindruck ab, den die Unter­schriften auf fie machen werden, die der E v an» gelische Bund zurzeit in ganz Deutschland ge­gen da? Konkordat durch die evangelischen Lehrer und Pfarrer sammeln läßt.

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Im Anhaltischen Landtag gab namens der Staatsregierung Dr. Weber die Erklärung ab, daß Anhalt seinen Vertreter im Reichsrat beauf­tragen werde, gegen den Abschuß eines Kon­kordates zu stimmen.

Deutschland und Frankreich.

Stockung in den deuksch-ftanzösischen Berhand- lungen.

Es läßt sich nicht mehr länger verschweigen, daß die deutsch-französischen Verhandlungen sowohl wirtschaftlicher wie auch politischer Na- tur in der letzten Zeit ins Stocken geraten sind. Man hat eine Zeitlang von einer Aktion der

Reichsregierung in der Frage der Rheinlandräu­mung gesprochen. Die französische Oeffentlichkeit hat mittlerweile alles getan, um diese Aktion schon vorher zu diskreditieren. Es steht im Augenblick auch noch nicht fest, ob die Reichsregierung in ir­gend einer Form einen diplomatischen Schritt in dieser Frage direkt in Paris unternimmt oder ob auf dem Wege internationaler Verhandlungen diese wichtige Angelegenheit wieder in Angriff ge­nommen wird. Wir haben Grund zu der An­nahme, daß die gegenwärtig in Genf stattfindende Weltwirtschaftskonferenz doch auch Gelegenheit gibt und geben muß, um diese Frage immer reic­her anzuschneiden, denn es ist ganz selbstverständ­lich, daß ein Wirtschaftsfrieden ohne eine politische und nationale Befriedung der Völker garnicht möglich ist. Und dieser Befriedung stehen die gegenwärtigen Verhältnisse im Rhein­land, die sich, soweit die Besatzungsziffer in Frage kommt, nur ganz unwesentlich zwischenzeitlich ge­ändert haben, vollkommen im Wege.

Oesterreich.

Protest der Christlich - Sozialen gegen die Ge- meinedreahlen in Wien.

wtb. Wien, 4. Mai. (Eig. Funkm.) Die C h r i ft- lich-Sozialen erhoben gegen die Stimmen- zählung in vier Wiener Gemeindebezirken Ein­spruch. Sie protestierten ferner dagegen, daß Ma- gistratsbeamte die Wahlakten kontrollierten, was aber der Bürgermeister als gesetzmäßig bezeichnete.

Kombinationen.

Ein Berliner Morgenblatt brachte Dienstag eine Meldung aus London, die von neuen Plänen über eine Aufteilung Oesterreichs wissen will. Währestd der letzten Genfer Rats­tagung sei der Plan erörtert worden, daß der grö­ßere Teil Oesterreichs mit Wien Deutschland überlassen und dafür der Tschecho-Slowakei und Südslareien österreichische Grenzgebiete zugestanden werden sollen. Die „Deutsche Allgem. Ztg? bemerkt dazu: Der ganze Gedankengang die­ser Meldung trägt schon den Stempel unwahr- scheinlichster Kombinationen. Es be­darf wohl kaum einer besonderen Feststellung, daß man in Deutschland solche Gedankengänge ablehnt und keiner Beachtung für wert hält. Aehnlich äußert fich die Germania, die von einer aus der Luft gegriffenen Erfindung spricht und die Wiedergabe derartiger Meldungen scharf kriti­siert. ____________________________

* Reichspräsident von Hindenburg empfing am Mittwoch den ReichskanzlerDr. Marx zum Vortrag.

Empfangszimmern dem Besucher präsentieren. Sie sind eine ganz besondere Sorte von Menschen, die am vorteilhaftesten den Beweis erbringen, Wie lächerlich der scheinbar geblldete, die scheinbar ge­formte Persönlichkeit sich im Leben ausnimmt. Aber es nützt nichts, daß man diese Typen immer wieder in Witzblättern der Masse zeigt, man sollte die Masse belehren, daß der größte Prozentsatz aller Menschen ein gut Stück dieses Raffke-Typus in sich träat. Der arönte Prozentsatz der Heu­

tigen hat sich in Eile auf allen Gebieten der Bil­dung etwas zusammengerafft — nichts Halbes und nichts Ganzes — und spielt damit den Herrn. Die Belächler und Spötter des Rafftetyvus wären fast ausnahmslos in die Kategorie der „Neureichen" mit eingereiht, wenn einmal eine Statistik über den wirklichen Bildungsgrad und Persönlichkeits­wert unserer Vollsgenossen geschaffen würde.

Ganz Schlaue gründen heutzutage „Schulen der Weisheit". Keyserling tat es in Darmstadt, und

er fand genügend Gleichgesinnte. Die Halbbildung und die Scheinweisheit wird immer wieder Ver­ehrer finden. Verehrer, die in der Sonne solcher „Meisbeit" als etwas mehr erscheinen möchten als andere, die aber den beschwerlichen steinigen Weg zum Berge des Wissens unter allen Umstän­den vermeiden möchten.

Die primitiven Menschen offenbaren ihre „Per­sönlichkeit" naturgemäß auf primitivere Weise. Sie stellen sich nur insofern heraus, als sie in dieser oder jener Versammlung laut Beifall klatschen, bei diesem ober jenem Umzug lauter mitrufen ober gar bei der unpassendsten Gelegenheit einmal hand­greiflich werden, um im Namen der persönlichen und allgemeinen Freiheit den Nächsten zu belehren, daß keine Widersprüche in der Welt geduldet wer­ben. Emporkömmlinge — vor allen Dingen poli­tische — aber werben immer genügenb süße Worte finden, um fich in ben Augen unb Obren ihrer Zuhörer recht angenehm zu machen. Alle aber glauben eine annehmbare „Persönlichkeit" zu fein.

Gehen wir nur immer borthin, wo Menschen zusammenkommen unb sich gegenseitig zu gefallen suchen, wir werben immer neue Typen mobcrner „Persönlichkeiten" kennen lernen. Und wir wer­ben gleichzeitig mit Erschauern wahrnehmen, wie biefe Typen in Wirklichkeit doch Herdenmenschen sinb, bie bem Augenblicke bienen. Freilich gibt es auch heute noch wirkliche Charaktere, unb zwar in sämtlichen menschlichen Berufen, aber wir müssen schon anbere Wege als in ber eleganten oder laut- schreienden Welt gehen, um diese in sich Geschlos­senen, aus sich selbst Erwachsenen zu finden. Wa­rum will man so häufig eines anderen Menschen Ueberzeugung und Charakter nicht verstehen? Weil man selbst keine Ueberzeugung und keinen Charakter besitzt. Seitdem mit Kant und den Rationalisten der Mensch das Maß aller Dinge wurde, es also außer dem Menschen keinen Maßstab mehr auf Erden gab, nach dem man sich gerichtet hätte — seitdem war es klar, daß im Namen der Demo­kratie die Persönlichkeiten verschwanden und bie meisten im Drang ber Freiheit nur noch die Be­quemlichkeit des Lebens forderten, aber allzu wenig an fich selbst vornahmen, um dieses eigene Ich zu formen.

Dieser Säkularisierung des Geistes, diesem fal­schen demokratischen Grundzug unserer Tage, der bem einzelnen bie Selbstänbigkeit des Handelns nimmt — beizukommen, ist nicht leicht. Der „Zug" ist zu allgemein geworden, um ihn mit ein paar billigen Gesten auszurotten. Aber es wird trotzdem immer wieder Menschen geben, die sich von diesem Geist befreien möchten, unb bie nur auf ben Augen­blick warten, ht bem sie die richtige Wegweifung finden. In manchen wird das Gefühl der Unem- heitlichkett schon immer deutlicher, immer leben­diger, und sie fühlen unbewußt, daß irgend etwa« aus ihnen selbst heraus geschehen muß, um der Lethargie zu entgehen.

Was fft bie Vorbedingung dazu?

Die Feigheit unserer Zeit besteht darin, daß die Menschen sich zwar überall vordrängen, aber nirgends die Verantwortung für irgend etwas übernehmen wollen. Das Bewußtsein dieser Verantwortung für all bas, was mit unserer Kraft im Leben überhaupt geschehen kann unb muß — dieses Bewußtsein des Verantwortlichseins ist die Vorbedingung für bie Persönlichkeit.

Es muß endlich wieder der Mut aufgebracht werden, auch gegen ben Strom der Waffe zu schwimmen, gegen die Richtung einer Saison, gegen die Meinung des Tages anzugehen. Der Schwimmer und der Borer leisten sich die größten Rekorde — rücksichtslos, ohne den anderen zu fragen, ob er mitkommt. Aber der geistig denkende Mensch geniert sich, rücksichtslos ein anderer zu fein, als feine verschwommene Tischgesellschaft ober gar ber ober jener einflußreiche Herr, zu dem er Beziehungen unterhält. Es ist das recht bequem, unb man hat bann immer bie „öffentliche Mei­nung" hinter sich, auf die man sich stützen kann. Die Persönlichkeit aber fragt überhaupt nicht n h dieser öffentlichen Meinung, sie spricht und handelt, wie sie es verantworten kann. Und in der Tat: die Persönlichkeit kann sich ruhig einmal irren, ihre verfehlte Tat schadet dem Polke weniger als die Jnhaltlosigkeit des Herdenmenschen.

Die Selbständigkeit, die Abgeschlossenheit, ist also in diesem Sinne das Wesentliche am Menschen. Das um ihn herum Lebende gewinnt nur insoweit Bedeutung, als er es nach seinem eigenen inneren Maßstabe, nach seinem Gewissen, verwertet, es in einheitlicher Richtung gebraucht. Daraus erkennt man sogleich, daß die Persönlichkeit nicht ein Pri­vilegium einer bestimmten Kaste ober Berufsgruppe ist. Sie wachsen in allen Berufen unb sie wachsen bestimmt in jenem Beruf am besten, bei am här­testen in ber Arbeit bes Tages steckt. So kann ber einfachste Arbeiter eine ebenso starke Persönlichkeit sein wie der Geblldete. Und auch nicht die Wissen­schaft, die Kunst, das Gelehrffein, nicht der gei­stige Besitz schlechthin und in erster Linie, macht die Persönlichkeit aus, sondern der markante, nad. strengen Regeln des inneren Gesetzes handelnde Wille und das gütige Herz. Aber erst der zur Tat gewordene Wille, die zur Tat gewordene Güte sind die Maßstäbe.

Das Wort Persönlichkeit drückt also etwas $er» bes und dennoch Gütiges, und in diesem Sinne zugleich etwas Festgefügtes aus. Alles Wissen, alle reine Kenntnis der Welt unb der Dinge aber kann nicht ausreichen, diese Form zu schaffen. Sondern sie steigt nur aus der Glut unserer innersten Seele auf, und die ganze Kraft dieser Seele ist erforder­lich, um inmitten der Gewalt dieser Welt die Formung zu vollenden. Oder wir glichen jenen Gelehrten, ore lieber „im kühlen Schatten saßen und sich hüteten, dort zu gehen, wo die Sonne auf die Stufen brennt“.

Nichts ist abstoßender im Leben als der unein- heilliche Mensch, das schwankende Rohr im Winde