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Nr. 96

Mittwoch, 27. April 1927

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Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk.

treten sei und daß der Gewinn der Opposition nach Aufteilung der Reststimmenmandate höchstens drei

bis vier Mandate betragen werde. 2)ti

Lhina.

wtb. Schanghai, 26. April. (Eig. Funkmeldg. Reuter). Das amerikanische KriegsschiffPengwin" ist 100 Kilometer westlich von Schanghai von Na­tionalisten mit Artillerie und Maschinengewehren vom Ufer aus beschossen worden. Ein amerikani­scher Matrose wurde schwer, mehrere andere leicht verletzt.

Ter vorbereitende Ausschuß für die Abrüstungs­konferenz beschäftigte sich mit der Frage des chemischen Krieges, dem letzten Punkt der Tagesordnung der Tagung. Zu dem von Belgien, Polen, Südslawien, Rumänien und der Tschecho­slowakei eingebrachten neuen Antrag, demzufolge die Verwendung chemischer Kriegsmittel in Kriegszeiten verboten sowie die Einführung und Herstellung von chemischen Substanzen zu Kriegchwecken untersagt werden soll, ergriff auch der deutsche Vertreter, Graf Bernstorff, das Wort. Er erklärte, daß er den Antrag unterstütze und erinnerte daran, daß Deutschland sich schon auf der internationalen Konferenz über die Kontrolle des Waffenhandels vorbehaltlos bereit erklärt batte, jede internationale Regelung anzunehmen, durch die eine Unterdrückung der Verwendung chemischer Mittel im Kriege erzielt wird. Graf Bernstorff

könne. Die große Bewegung ,die sich in Deutsch­land zugunsten eines Zusammenschlusses geltend macht, muß nach meiner Ansicht wesentlich die Aufgabe derer erleichtern, die eine internatio­nale Annäherung wünschen. Es ist erforder­lich, daß die notwendige Verständigung innerhalb jeder Ration erfolgt, bevor man eine intereuro­päische Verständigung ins Auge faßt. In dieser Richtung ist Deutschland anderen Ländern voraus.

Freie Prelle" stellt fest, daß keinerlei Anlaß zum Rücktritt der Regierungsmitglieder bestehe und schreibt, die Linke in Oesterreich erlebte eine der schwersten Enttäuschungen.

Angesichts der noch kaum dagewesenen Wahl- propaganda, die von den Sozialisten entfaltet wor­den ist, kann man der Ansicht derNeuen Freien Presse" nur zustimmen. Mit unerhörter Wut ha­ben die Sozialisten Dr. Seipel und die von ihm geführte Einheitsliste angegriffen. Mancher be­dauerliche Vorgang der letzten Zeit im Lager der Regierungsparteien, namentlich Bankskandale, er­leichterten ihnen den Kampf. Prijjat Dr. Seipel hat sich aber auch in der Führung der Abwehr wieder als Staatsmann bewährt und seine sachliche Politik hat die demagogische Verallgemeinerung durch die Sozialisten zu paralysieren verstanden.

Bemerkenswert ist noch -die oben festgestellte starke Wahlbeteiligung. Damit dürfte die allzu billige These von dem P h l e g m a der Oesterreicher doch wvhl widerlegt sein. Denn wenn wir in Deutschland die Wahlbeteiligungsziffern in den ent­scheidendsten Augenblicken zugrunde legen und sie mit dem, was in Oesterreich sich jetzt an politischer Regsamkeit vollzog, vergleichen, dann fällt dieser Vergleich zweifellos sehr stark zu unseren Ungun- st e n aus.

Die Politik in Oesterreich wird auch in nächster Zeit nur als Kompromißpolitik zu führen sein. Allerdings wird das jetzige Wahlergebnis doch wohl die Wirkung haben, daß bestimmten Experimen­ten der Sozialdemokraten, die sich insbesondere auf die Wirtschaft im Sinne einer parteipolitischen Schutztruppe beziehen, energischer als bisher Wider­stand entgsgengesetzt werden kann.

In einem Aufruf, den das Internationale Friedensbüro an den Vorbereitenden Aus­schuß der Abrüstungskonferenz in Genf gerichtet hat, wird zum Ausdruck gebracht,daß sich der Well noch niemals einer tiefgehenderen Enttäuschung bemächtigt habe, als anläßlich der Beratungen des Vorbereitenden Ausschusses. Die Geschichte werde eines Tages ein hartes Urteil über diejenigen fällen, die in Genf nicht den Mut hatten, das Abrüstungsproblem in ernsthafter Weise zu prüfen und einer Lösung näher zu bringen."

verbot des chemischen Kriegs.

über, was Deutschland wohl tun würde, wenn es dem Abkommen nicht beittäte. In Deutschland ist dasselbe Rätselraten im Gange. Das Auswärtige Amt hüllt sich in Schweigen. Vermutlich wird Deutschland nichts anders tun können, als zu war­ten, bis der Abrüstungswille bei den Nachbar­staaten reifer geworden ist. Es wird natürlich nicht an Kräften fehlen, die das Verhalten der Entente als Vertragsbruch hinstellen und sich bemühen wer­den, Deutschland wieder aufzurüsten. Sie würden der deutschen Polittk keinen Gefallen tun, sondern höchst unverantwortlich vorgehen. Herr Stresemamr wird demnächst die schwierige Aufgabe haben, dem deuffchen Volke klar zu machen, daß in der Abrü­stungsfrage nichts erreicht ist. Hoffentlich hat er den Mut dazu, diese Wahrheit offen zu gestehen.

vertrat aber den Standpuntt, daß das Verbot der Anwendung von Giftgasen im Kriege, wie es der Antrag vorsehe, nicht genüge, sondern daß man schon in Friedenszeiten auf alle Vorbe­reitungen verzichte. Als Maßstab würde nicht die Bedeutung der chemischen Jndusttie eines Landes dienen, sondern die Ausbildung des technischen Personals und die Ausrüstung mit technischen Hilfs- Mitteln in einem Lande. Graf Bernstorfs beantragte eine entsprechende Ergänzung des Antrages. Die Antragsteller stimmten diesem Zusatzauttage zu.

Alsdann begann die Aussprache über den vom Büro ausgearheiteteu Schlußbericht. Auf be­sonderen Antrag wird in der Einleitung zu dem Bericht allen Delegationen eine volle Entschlie­ßungsfreiheit über die in der ersten Lesung aus­gestellten Grundsätze ausdrücklich zugestanden. Der polnische Delegierte Sokal betont bann in längeren Ausführungen, daß die Tagung nicht als ein Mißerfolg anzusehen sei, weil ein Konventious- enttourf noch nicht zustande gekommen sei, und wies auf die Frage der Sicherheit hin. Demgegen­über betonte Graf Bernstorfs, daß in den letzten Jahren für Schi edswesen und Siche rheit zwar eine Menge, für die Abrüstung aber garnichts getan sei, und daß in der öffentlichen Meinung der Glaube herrsche, man werde über die allgemeine Abrüstung leichter als auf einem anbe« reu Wege die Sicherheitsfrage lösen können. Die Ausführungen des polnischen Dertteters seien bccher im Grunde genommen eine Entschuldigung, und wenn sich der Ausschuß jetzt in seinem Schluß, bericht an den Rat wegen der wenigen Ergebnisse die erzielt wurden, noch enffchuldigen wollte, so würde man vielleicht den Eindruck erwecken: irQui s'excuse, säccuse." Das Büro wurde beauftragt, eine kurze Einleitung über den augenblicklichen Stand der Vorarbeiten auszuarbeiten.

von den Parlamenten.

Reichstag.

Das Nachrichtenbüro des Vereins Deutscher Zei­tungsoerleger teilt mit: Dem Reichstag ist jetzt das Luftverkehrsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakei zugegan« oen, ferner das Abkommen zwischen dem Deutschen Reich, Frankreich und Italien über die gegenfei- tige Anerkennung der Schu tzze ich e n der Handfeuerwaffen.

Preußischer Landtag.

Das Nachrichtenbüro des Vereins Deutscher Zei­tungsverleger teilt mit: Der Ausschuß zur Bera­tung des Baugesetzes nahm seine Beratungen wieder auf. § 119, wonach Entschädigun­gen nach den gesetzlichen Bestimmungen gewährt werden sollen, wurde angenommen. Es rour.be daraus angeregt, daß sich der Ausschuß vorläufig vertagen möge, zumal die Entschädigungsfrage noch einer eingehenden Klärung aufgrund des von der Regierung neu eingebrachten Material bedürfe. Der Ausschuß beschloß nach längerer Beratung, die nächste Sitzung am Dienstag abzuhalten, um die Entschädigungsfrage weiter zu erörtern.

sisch-deutschen Wirtschaftsblocks könne keine Rebe sein, ba man Großbritannien unb bie übrigen Jn- busttiestaaten Europas hiervon nicht ausschließen gung ,bie sich in Deutsch- Zusammenschlusses geltend

Loucheur über Deutschland.

Der framösische Wirtschaftsmann Loucheur hat einem Mitarbeiter desTemps" seine Ein- brücke über seinen Aufenthalt in Deutschland ge* schildert. Er erklärte: Ich habe Deutschland vor- gefunden in einer Auseinandersetzung über ernste politische Fragen. Gerechtfertigt sei, so erklärte er, weder der übertriebene Optimismus, den die Aus­länder in Bezug auf Deutschland hegten, noch der gern hervorgekehrte Pessimismus einiger Deut­scher. Ohne Zweifel arbeitet bie Industrie noch nicht mit Vollkraft, aber bie Ausf uhr ist bank der amerikanischen Krebite, bie vier Milliarden Gold­mark übersteigen, gewachsen. Jndusttie und Handel haben so die nötigen Bettiebskapitalien gefunden. Deuffchlanb hat die Notwendigkeit einge- sehen, seine Ausfuhr zu erhöhen, um die einzufüh­renden Rohstoffe bezahlen zu können. Die Lösung läge natürlich in der Herabsetzung des Herstel­lungspreises, und das ist der Hauptpunkt. Der Herstellungspreis ist durch entschlossene Konzen- trierung und Rationalisierung beträchtlich verrin­gert worben; bas schlagendste Beispiel für diese Konzentration ist natürlich die chemische Jn- dustr ie. Die Herabsetzung des Herstellungspreises hat nicht durchgesetzt werden können ohne Arbeits­einschränkungen. Deutschland hatte Anfang April mehr als 1.7 Millionen Arbeitslose, wobei zu be­merken ist, daß wenigstens bie Hälfte bieser Arbeits­losen burch verarmte bürgerliche Elemente gebildet wird, z. B. aus Offizieren und Unteroffi­zieren, bie infolge bet Auflösung des alten Heeres brotlos geworden sind. Man dürfe nicht verheimlichen, daß in sämtlichen besiegten Ländern gerade diese Klasse das Element der dauernd 2tr< beitslosen bildet. Was die übrigen Arbeitslose» anbetieffe, so sei nicht vorauszusehen, ob die Ent« Wicklung der Industrie es ermöglichen werde, ihnen Beschäftigung zu geben. Ich habe, fuhr Loucheur fort, bei meiner Konferenz mit der Handelskammer in Berlin erklärt, von der Bildung eines franzö-

Dr. Seipels (Erfolg.

Das Wahlergebnis in Oesterreich.

Die endgültige Verteilung der Mandate für den Nationalrat wird erst in der Woche nach dem 8. Mai durch die Hauptroahlbehörde festgestellt werben. Das schätzungsweise Gesamtergeb­nis ber Nationalratswahlen bürfte sein: Einheits­liste 85, Sozialbemokraten 71, ßanbbunb 9 Man­date. Das Verhältnis der bürgerlichen Mandate zu den sozialdemokratischen wäre bann im neuen Nationalrat 94 zu 71 gegen 97 zu 68 im alten Nationalrat. Die Spannung hat sich von 29 auf 23 Sitze vermindert.

Die Beteiligung an den Wahlen betrug in Wien über 90 Proz., in den Ländern 80 bis 90 Proz. gegenüber 86,95 Proz. im Jahre 1923. In sämtlichen 26 Wahlkreisen wurden, soweit bisher festgestellt werden konnte, bei den Wahlen für den Nationalrat 3 586 847 gültige Stimmen abge­geben gegen 3 312 855 im Jahre 1923.

Während dieArbeiterzeitung" das Ergebnis der Nationalratswahlen als einen Sieg der So­zialdemokratie feiert, betont die christlich-soziale Reichspost", derAnsturmderSozialde mo- kraten sei abgeschlagen. Die großdeutschen Wiener Neuesten Nachrichten" erklären, die Volks­abstimmung sei gegen die Sozialdemokraten aus­gefallen. Alle bürgerlichen Blätter, die nicht die Parteien der Einheitsliste vertreten, weisen darauf hin, daß eine wesentliche Aenderung nicht einge«

(Europa und Amerika.

vom Großgläubiger zum Großschuldner.

Aus New Bork wird gemeldet: Bei einem Frühstück im Bond-Club erklärte Sir George Paish, Europa nähere sich dem finanziei­le n Z u s a mm e n b r u ch. Eine Abhilfe hierfür x gebe es nur in der Streichung der Schulden, in der Niederschlagung der deutschen Reparationsver- I Pflichtungen, im Bau von Eisenbahnen in unent­wickelten Ländern unb in der 'Förderung des wah­ren Austauschs zwischen Europa unb' den.Ber­einigten Staaten. Die Welt sei sich nicht völlig bewußt, baß Eurpoa aus einem Großgläubiger ein Großschulbner geworden fei. Der Krieg habe für Europa einen jährlichen Einkommenver- tust von 1200 Millionen Dollar bedeutet. Das Einkommen aus Anlagen im Auslände fei fast verschwunden, während die Notwendigketten des Materialbezuges aus dem Ausland gestiegen seien. Das Ausland dagegen erschwere den Bezug euro­päischer Erzeugnisse.

Loolidges Hilfsbereitschaft.

wtb. New Pork, 26. April. (Eig. Funkm.). Präsident Coolidge hielt gestern abend im Pili» inore-Hotel eine Rede vor der amerikanischen Presse, in der er die Freund scha ft und das Wohlwollen gegenüber all en Völkern zum Grund­satz der auswärtigen Politik Amerikas erklärte. Mit Bezug auf Mexiko und Nicaragua lä­gen den Vereinigten Staaten imperialistische Ziele völlig fern. Dasselbe gelte auch für China, für dessen gegenwärtige Not Amerika volles M i t g e- fühl habe.

* 3»m zweiten Jahrestage der Wahl Hinden­burgs zum Reichspräsidten am 29. April schreiben die Wiener Neuefte Nachrichten: Niemanden zu­liebe, niemanden zuleide, nur in dem unentweg­ten Sinne, das durchzuführen, was er als feine Pflicht erkannt, was dem Woksie des deutschen Volkes dient, das ist der Wahlspruch und ber Wahr- sprach seines Handelns gewesen in den zwei Jah­ren seiner Präsidentschaft. Darum hat er auch seine ehemaligen Gegner gewonnen, soweit sie nichk bösen Sinnes sind. Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen sich in ihm, aber er war uns auch Wei­ser für die Zukunft. In harten schweren Tagen war er das Symbol des deutschen Volkes. An dem heutigen Tage, da es sich zum zweitenmale jährt, daß er auch äußerlich ber Repräsentant Deutschlands ist, ist es der Wunsch unseres Volkes, daß er noch lange bleiben möge.

Strammer Induftrieschutz in Italien.

wtb. Rom, 26. April. (Eig. Funkm.). Ein Dekret im Amtsblatt bestimmt, daß alle Zweige der Staatsverwaltung, ferner alle Verwaltungen und Unternehmungen, welche irgendwie vom Staat unterstützt werden, gehalten sind, bei allen Liefe­rungen italienischen Firmen den Vorzug vor ausländischen zu geben. Nur wenn die die inlän­dische Jndusttie überhaupt außerstande ist, die ge- wünschten Gegenstände anzufertigen, darf der Weit- bewerb ohne Teilnahme der inländischen Indu­strie ausschließlich unter den ausländischen Firmen stattfinden.

biiuellmmn 10 M. (mit Wslk. 15 M.

Fuld aer Z ertung

Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Drei Wochen Tang hat bie Abrüstungskonferenz in Genf getagt, um sich bann ergebnislos zu ver­tagen. Es ist zu betonen, baß bie Mitglieder dieser Konferenz Fachmänner im eigentlichsten Sinne des Wortes gewesen sind, Leute, bie etwas von ber Rüstung verstanden. Ihre Diskussionen haben bas sachliche Gebiet nie verlassen, aber es hat sich jetzt doch herausgestellt, baß bie Fachmänner für die nationalen Rüstungen nicht zugleich auch die Fachmänner für bie nationalen Abriistun - gen zu sein brauchen. Es ist kenntlich geworben, baß Männer, bie eine wirkliche Abrüstung zuwege bringen wollen, von einer anberen geistigen und sittlichen Form und von einer festeren politischen Verantwortungsbereitschaft, von einer voraus­setzungsloseren Kulturfreudigkeit sein müssen, als es bie Genfer Konferenzmitglieder gewesen sind. Kein Mensch wütet gern gegen sich selbst, kein Mensch sagt sich gern von den Liebhabereien los, bie er nun einmal zu seinem Beruf gemacht hat. So standen benn bie militärischen Sachver- stänbigen vor einer für sie psychologisch unmög­lichen Aufgabe. Die ganze Aufmachung ber Kon- ferenz hatte in ihrer Wurzel einen unheilbaren Fehler. Was von Skeptikern von vornherein be­merkt worden ist, nämlich, daß man Avrüstungs- abtommen nicht durch Verhandlungen von Militärs zustande bringen kann, hat sich bestätigt.

In den wochenlangen Beratungen in Genf hat man sich bemüht, einen für bie beteiligten 20 Staa­ten allgemeingültigen Schlüssel für bie Abrüstungs- maßnahmen zu finden. Das ist nicht gelungen, wenigstens nicht in einer Weise, daß es sich über­haupt lohnte, Einzelheiten anzuführen. Man muß sich aber jetzt fragen, ob ein solcher Schlüssel über­haupt auffindbar ist, ob überhaupt für 20 Staaten gemeinsam gültige Methoden erdacht werden kön­nen, welche den Abrüstungsvorgang und das Ab­rüstungsergebnis sirmvoll und für die beteiligten Staaten insgesamt gerecht erscheinen lassen. Wir stauben, baß man diese Frage ü^rn einen muß, obaß also nur übrig bleibt, daß jeder Staat für ich bie Initiative zu seiner Selbstabrüstung ergtei- en müßte. Aber das ist nicht zu erwarten. Obwohl eS geschichtlich erwiesen ist, baß ein ungerüsteter Staat nicht gleich bie Beute seiner Nachbarn wird. Vielleicht wirb ber Wille zu einer isolierten Jni- tiative ber Selbstabrüstung in ben europäischen Staaten bann langsam erwachen unb lebendig wer­den, wenn es sich noch deutlicher als bisher erweist, daß intereuropäische Kriege auf jeden Fall sowohl für den Sieger wie für den Besiegten ein Unglück sind, wenn es sich noch deutlicher als bisher erweist, daß auch ein vollgerüsteter Staat einen waffenlosen nicht ohne die Gefahr eines höch­sten wirtschaftlichen Risikos überfallen kann. Das wirtschaftliche Jneinanberwachsen der euro­päischen Völker hat heute schon einen hohen Grad von organischer Dichte erreicht, der natürlich in den kommenden Jahren fortlaufend höher steigen wird. In dieser Taffache liegt eine außerordent­liche Friedensgewähr. Es gibt keine Kriegs­kalkulationen mehr innerhalb Europas, die mit einem Ueberschuß rechnen können. Länder, die den Frieden nicht achten, begeben sich ohne weiteres in die Gefahr wirtschaftlicher Zerrüttung, verlleren jede Gewalt über ihre nationale Währung. Der Einmarsch Frankreichs ins Ruhrgebiet hat Deutsch­land schwere Wunden zugefügt, aber er ist für Frankreich selbst so kostspielig geworden, daß es vorgezogen hat, das Unternehmen aufzugeben. Die Folgerungen aus dieser europäischen Entwicklung werden noch sehr wenig gezogen, aber man wirb sie wohl eines Tages ziehen, unb bas wirb ber Tag beginnenber europäischer Abrüstung fein.

Ter Versailler Friedensverttag gibt uns das Recht, die Abrüstung unserer Verttagspartner zu verlangen .Das Fiasko der Genfer Abrüstungs­konferenz ist natürlich Anlaß geworden, dieses Der- ttagsrecht Deutschlands zu interpretieren. Man sagt, baß Teuffchlanb in jenem Derttagsattikel nur ein moralisches, kein juristisches Recht zugestanden wor- ben sei, biefe Abrüstung von seinen Verttagspart- nem zu verlangen. Oder man schränkt dieses Recht auch darauf ein, daß Deutschland nur verlangen könne, daß allgemeine Rüstungsbeschränkungen vorbereitet werden müssen. Es ist nicht anzu- nehmen, daß die deutsche Diplomatie eine solche Interpretierung anerkennen wird. Es muß aber hiiHUgefügt werden, daß eine solche Nichtanerken­nung der deuffchen Diplomatie nicht nützen wird. Die Abrüstungskonferenz wird versuchen, ihr schwindsüchtiges Ergebnis in formulierten Forde­rungen festzusetzen ,b .h. zu einem Abkommen zu gelangen. Dieses Abkommen ist aber im Grunbe völlig inhaltslos, es ist eine Täuschung unb Selbst­täuschung. Aber man will bamit einer Formalität genügen, man hat bas Bedürfnis, ein Dokument in ben Hänben zu haben als ein Zeugnis bafür, baß es an gutem Willen nicht gefehlt habe, baß es vielmehr an ben Schwierigkeiten bes Problems gescheitert sei. Der beutsche Vertreter, GrcffBern- ftorff, hat bereits in feierlicher Erklärung die Stel­lungnahme Deutschlands zu einem solchen Abkom­men präzisiert. Er sagte in ber Sitzung vom 22. April u. a.:Bei bem Abkommen muß Deuffchlanb bie Ueberzeugung haben, baß es sich wirklich um einen Schritt zur Abrüstung hanbelt, wie er ben Möglichkeiten ber gegenwärtigen Lage entspricht. Ein Abkommen, das nicht diese B:bingungen er.üilt, wäre für Deutschland nicht annehmbar, ba es ein derartiges Abkommen nicht als seinen rechtlichen und moralischen Ansprüchen entsprechend bettachten könnte." Diese Erklärung hat im Ausland zu aller­hand Mutmaßungen Veranlassung gegeben bar-

Mit der Sauft!

Die Schlägereien zwischen Rationalsozialisten und Linksrabikalen.

Zu den Vorfällen in P a s e w a l k, die Sonntag nacht zu Verhaftungen von Nationalsozialisten auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin führten, ist noch zu berichten, daß es bei der Kundgebung der Na­tionalsozialisten in Pasewalk, die auch von aus­wärtigen Ortsgruppen beschickt war, zu bluti­gen Zusammenstößen mit Linksradikalen kam. Die Polizei mußte mit blanker Waffe vor­gehen. Zehn Personen wurden ernsthaft, andere leichter verletzt. Zur Wiederherstellung der Ord­nung war ein Trupp Reichswehr ausgeru- fen worden, doch brauchte er nicht mehr einzugrei­fen, da inzwischen Schutzpolizei aus Stettin gekom­men war, die die Ruhe wiederherstellt und zahl­reiche Hiebwaffen bei den Nationalsozialisten beschlagnahmten. Bei den Zusammenstößen wa­ren aus den Reihen der Nationalsozialisten- auch Schüsse gefallen.

Störung einer deutschen Papstfeier.

Nach einer Meldung aus Kattowitz wurde die in Bielschowitz veranstaltete Papstfeier der Deut­schen von I n s u r g e n te n g e ft ö r t. Die Ein­dringlinge, 30 bis 40 an der Zahl, hätten die Fest­rede des Geistllchen durch Absingen derRota" unterbrochen. Als sie nach weiteren Lärmszenen mit Mißhandlungen drohten, sei die Versammlung auseinandergegangen.

Reuer tätlicher Angriff auf Kerenski.

DasB. T." meldet: Kerenski, der Führer der ersten Revolution im Rußland des Weltkriegs, wurde während feiner amerikanischen Vor­tragsreise zum zweitenmale in aller Oeffentlichkeit geohrfeigt. Bei einem Bankett zu seinen Ehren in Chicago trat ein ehemaliger zaristischer Offizier auf ihn zu und schlug ihm mit geballter Faust ins Gesicht. Es entstand eine allgemeine Prügelei, in deren Verlauf der Angreifer hinausgewoffen wurde.

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Der Abschluß der Abrüstungskonferenz

Enttäuschungen. Stresemann und das Genfer Ergebnis. Kein Gaskrieg mehr.