JVo 94.
Sonntag, 24. Slprtl 1927.
aus dem Huldaer Land.
! --- Dipperz. Am Ostersonntag konnte die Pfarrei
Dipperz ihrem hochverehrten Lehrer, Herrn Edmund Schön Herr, ein würdiges Fest bereiten. Leh- rer Schönherr hat seine Berufstätigkeit in der Filialgemeinde Finkenhain begonnen. Dort wirkte er 7 Jahre, um bann nach dem Pfarrdors Dipperz überzusiedeln. Lehrer Schönherr gehört zu jenen Naturen, die äußere gerungen nur ungern sehen und am liebsten in der Stille wirken. Wie sehr er aber in den 4 0 Jahren gch aller Dipperzer Liebe und Wertschätzung erworben hat, zeigte sich deutlich an seinem Iubiläumstoge. Gegen Abend brachte ihm die dankbare Pfarrgemeinde «inen Fackelzug. Der Ortsgeistliche, Herr Pfarrer Ney, feierte den treuen Mitarbeiter in Kirche und Schule. Im Namen der Schüler, vor allem auch der vielen Ordensand Weltgeistlichen, die ihre erste Anregung zum Berufe Herrn Lehrer Schönherr verdanken, würdigte Herr Rektor Werthmüller den Jubilar als pflichttreuen Lehrer, der stets durch Wort und Beispiel die 3ugenb*für alles fflute and Edle begeisterte. Die Feier wurde umrahmt durch ble Darbietungen des Dipperzer Musikvereins, der dem Jubilar ein schönes Bild überreichen ließ. Die Schulkinder fangen ein Lied und trugen 2 finnige Gedichte vor, -as eine verfaßt von unserem Rhöndichter, Herrn Pfarrer Nüdling-Kleinsassen, das andere von einem seiner Dipperzer Schüler, Herrn Fr. Koch. Mit dem Dank des Jubilars und einer gemütlichen Feier im Kircherschen Saale schloß der schöne Tag.
— Ellers. Am Sonntag, den 24. d. M., feiern die ' Eheleute Kräh und dessen Ehefrau Sophia geb. Jordan, Ellers-Kahlberg, das Fest der filbernen Hochzeit.
i --- Alsberg b. Salmünster. Das Fest der „Auffindung : des hl. Kreuzes" wird hier am Sonntag, den 1. Mai in ’ althergebrachter Weife festlich begangen. Am Vortage ” hl. Messe mit Spendung der hl. Kommunion. 7 Uhr eine hl. Messe mit Spendung der hl. Kommunion. Nach Ankunft der Prozessionen aus der Umgegend ist um %10 Uhr Festpredigt und Levitenamt. Nach dem Amte wird der Segen mit der Kreuzpartikel erteilt. Nachmittags um 2 Uhr ist bei günstiger Witterung die übliche Pro- k Zession unter gütiger Mitwirkung der Musikkapelle von Soden-Stolzenberg, daran anschließend feierliche Eröffnung der Maiandacht. Die Gläubigen und religiösen Vereine der Umgegend sind hierzu herzlich eingeladen.
— Aus bet Rhön. Ein Schadenfeuer äscherte in Garaus bei Helmershausen eine Scheune mit Stallungen vollständig ein.
— Wetzlar. Einern hiesigen Metzgermeister rutschte tos Schlachtmesser aus und fuhr in das Auge, das im Krankenhaus entfernt werden mußte.
— Herborn, Die Anmeldungen zur Teilnahme an dem deutschen Wandertag, mit dem das Trachtenfest verbunden wird, laufen außerordentlich rege ein. Für den Trachtenzug, der zweifellos die größte bisher gesehene Trachtenschau in Deutschland darstellen wird, haben sich auch schon deutsche Vereine aus dem Ausland gemeldet, in erster Linie aus dem ehemaligen Deutsch- Böhmen, dann auch aus Oesterreich. Man rechnet schon heute mit einer gewaltigen Beteiligung aus allen fflauen an dieser Kundgebung für die deutsche Wanderbewegung.
--- Hofgeismar. Ein auf dem Gut Tuchtfeld ange- stelltet Stallschweizer feierte feine Verlobung, die von jungen Leuten dadurch gestört wurde, daß diese Steine in bas Zimmer warfen. Der Stallschweizer und mehrere Teilnehmer der Feier eilten aus dem Hause, um die Ruhestörer zu vertreiben. Dabei kam es zu einer schweren Schlägerei, in deren Verlauf der Verlobte erstochen wurde. Der Täter konnte noch nicht ermittelt werden.
. — Melsungen. Die neue F u l b a b r ü cke bei Obermelsungen wurde bieser Tage gelegentlich der Eröffnung der Omnibuslinie Niedervorschütz-Mel» sungen-Spangenberg dem Verkehr übergeben.
Fuldaer Zeitung
2. Blatt.
+$+ Druck der Fuldaer Actiendruckerei, Fulda
Rund um die Woche.
und von weiter nichts.
Dom Weißen Sonntag
Dies ist ein Blütentag. Vielleicht ist die Natur schon so weit, daß sie überall ihre weißen und rosigen Knospen öffnet. Jedenfalls sieht man schon, daß die Baumblüte nicht mehr ferne ist. Es ist aber auch fast jedes Blatt so fein und zart wie eine Blüte. Sieh dir's nur an. Besonders die Buchen- blättlein lassen die Sonne bis in ihr innerstes Gewebe ein, und sie sind ganz licht und durchsichtig. Nichts verbergen sie. Wenn sie leise flüstern, dann scheinen sie sagen zu wollen: Sieh, lieber Gott, wir sind ganz rein und fein. Kein Stäublein hält in uns den Strahl deiner Sonne auf. Und so hat uns deine liebe Himmelskönigin ganz und gar in sich verwandelt. Sonnenkinder sind wir und Licht tragen wir in allen unseren wundersamen Gefäßen. . . . Durch diesen Erdenfrühling zieht nun der Menschenfrühling. So zart sind diese Kiridlein noch, die auf das Wort hören: Lasset die Kindlein zu mir kommen .... Sie beten noch allabendlich:
Ich bin klein,
Mein Herz ist rein, Soll niemand drin wohnen Als Jesus allein.
Eine Knospe springt heute in ihnen auf. Sie ist wie ein heiliger Kelch. In diesem Kelch wird eine Sonne wohnen. Sie wird darin sein, wie das Licht da draußen in den zarten Buchenblättchen. Sie werden dieser Sonne näher stehen als die Blumen, die festlich den Altar schmücken. Noch näher sogar, als die Lilien, die unmittelbar vor dem Zelt des Herrn in ihrer blendenden Weiße strahlen. Sie werden selber ein Tabernakel sein und das Allerheiligste aufbewahren. Das sind unsere Kinder. Tabernakel sind sie. Hab dock Ehrfurcht vor dem Kinde. Hab es doch lieb. Sprich doch immer vor ihm, wie man an heiliger Stätte redet. Vertief dich in sein Glück. Selber kann es doch nicht alles verstehen. Du weißt aber, was aus einem Menschen werden kann. Du hast gesehen, wie man Blüten in den Staub tritt. Du weißt, was auch diesen Kindern droht. Schütze unsere kleinen Tabernakel.
Und nun ist es soweit. Der Tag ist gekommen, der für viele eine Wende ist. Bleiben sie auch noch in der Schule, es ist doch irgendwie ein Uebergang ins Leben. Seid getrost, liebö Eltern! Ihr könnt viel für die Kinder tun. Ihr könnt sie vor manchem bewahren. Aber vor dem Leben selber könnt ihr sie nicht bewahren. Sie müssen eines Tages hinaus. Sie fallen euch aus der Hand, wie die Vöglein aus dem Neste, wenn sie flügge werden. Aber sie fallen nicht aus Gottes Hand. Gottes Hand ist größer als die eure. Wie schön, daß in diesem Augenblick der göttliche Wanderer zu ihnen tritt. Sie werden nie allein fein im Leben. Er wird mit ihnen gehen. Wenn ihr das nur fertig bringt, daß die Rtnber es wirklich wissen, daß einer mit ihnen geht, überall hin die weiten und dunklen Straßen des Lebens. Wen man an diesem Tage auch anschaut, ob die Kinder, ob die Eltern, ob den Lehrer, ob den Herrn Pfarrer, ihrer aller Augen sagen so viel und sind so feierlich. In den Lüften aber singt der Lenz sein geheimnisvolles Lied. Immer ist es ein Lied
von Schönheit und Tod, von Sonne und Sterben, und es webt zwischen Farbe und Duft, lautlos und geheimnisvoll, als lausche es hinauf in das Land, wo die Frühlinge ewig blühen. Nun tritt der alte Herr Pfarrer auf die Kanzel. So verschieden die geistlichen Herren auch sind, je nach ihrer Art, wie wir denn alle Menschen sind, heute ist einer dem andern gleich. Ihr Blick ist voll Wissen und Güte. Worte, die heute gesprochen werden, bleiben oft haften für das ganze Leben. Gerade solche Worte aber kann man nicht überlegen. Sie müssen sich vom Herzen lösen, wie ein Kuß vom Munde.' Sie müssen die Seele berühren mit’ jener Unmittelbarkeit, wie sie sonst nur das Wort der Mütter hat: „Ihr wißt, meine lieben Kinder, was euch heute zuteil wird. Der Katechismus hat es euch gesagt. Ihr seid aufs beste vorbereitet, und nachdem ihr alles getan habt, so seid nun ganz ruhig und sorget euch nicht, wo ihr zu Jesus hintretet. Er kennt euer Herz und erkennt euren guten Willen." Das sagt er aber, daß sie nicht ängstlich seien, wie man es denn bei Kindern oft schön findet. Sie sollen heute erfahren, daß Religion Liebe ist und Vertrauen, nicht aber sinnlose Angst und quälender Skrupel. „Meine Kinder, bleibt Jesus treu. Es soll die erste und die größte Liebe eures Lebens sein. Fraget euch immer an ollen Scheidewegen: Wohin würde Jesus gehen? Fraget bei jedem Freunde, bei jeder Freundin: Was würde Jesus dazu sagen? Kommt er in euer Herz, so schenkt ihm dieses Herz und nehmet es niemals wieder zurück ..." Als er dieses sagte, da schien ihn etwas zu stören. Er konnte nicht recht weiter. Er nahm sein weißes Tüchlein und schien die Gläser seiner'goldenen Brille zu reiben — in Wirklichkeit aber wischte er das Feuchte aus den Augen. Er hatte doch schon viele vor sich gesehen. Wo sind sie nur hin? Was ist es um die Treue? Welch ein unergründliches Geheimnis mit solchen Kindern. Warum gehen sie nicht so weiß und schön durchs Leben? Warum verlassen sie ihren besten Freund? Warum ist diese Welt dem Kinde so feindlich? . . . „Und nun erweckt noch einmal das Verlangen der Seele: Jesu, Jesu, tomfh zu mir ..." Aber der Gedanke von eben verließ ihn nicht. Der gütige Mann wendet Vv" wie in einem Anflug von Zorn und Bitterkeit an die Aelteren. Er spricht wie der mildeste aller Menschen gesprochen hat. als er vorn Mühlsteine fpratb und von ü£tr Menschen dem es besser wäre, usw. ... Da wurde eine Totenstille in dem Gotteshaus. Die Kerzen flammten wie zum Gericht, und das Evangelienbuch schien zu erinnern an Eid und Meineid. Und er beschwört die Gemeinde Er vertraut ihr dies» Kinder an. In ihrem Schoße sollen sie ja noch weilen Jeder 'ist für sie verantwortlich. Wehe aber denen, die eins von diesen Kleinen ärgern .
Es ist längst vorüber. Mit Fahnen und Ministranten hat man sie aus der K'rche geleitet Sie kehren heim in die Familie. Auf k'n'ge wartet das tiefgläubige Elternpaar. Es ist da ein Tisch mit freundlichen Gaben. Fromm' ’Biibdjen, nützliche Sachen auch. 5* kommei die Hausfreunde und :'. Unso.en Gluck. Man tst den ganzen Nachmittag icifammen . . Und einige kehren heim
in das elende Quartier, wo Vater, Mutter und die Geschwister hausen. Dort war nie em Fest und ist auch heute kein Fest. Sie haben s eben zugelossen, daß er mitgehen darf. Vielleicht ist der Äiizug geliehen. 5ür ein Tischlern mit Geschenken ist doch kein Raum. Woher auch em Tisä-lem nehmen?«. Die Mutter wäre ja mitgegangen tn die Kirche, aber sie muß für die Kleinen sorgen, und der Vater? Kind, er kommt wohl bald zurück... Leg nur die Kerze dahin, sie wird doch nichts kosten? Wir können sie noch einmal gebrauchen ... Und zwei Kinderaugen ,me eben das Paradies geschaut, sehen groß und traurig in die Wohnungsnot dieser Erde, die em Nest hat für jedes Junge in Flur und Wald, aber keine Stätte für die kleinen Menschenkinder . . . Das Bildchen hat das Schwesterchen genommen und sie weiß es ja nicht, was es ist, und schon ist es tm Staub der Armfeligkei'.en, die das 'chöne Spielzeug dort vertreten müssen ... Es geht der Tag wie andere Tage. Und es kommt der Abend . . . Und es kommt'die Nacht . . . Wäre da nur ein Raum für meine Unschuld . . . die neue Unschuld .....Soll niemand drin wohnen ... so
flüstert es und träumt vom Hochamt und dem wei- ßen Jesukinde . . . Draußen aber leuchter der Lenz. Viel neue Blüten tun sich auf. Manch weißes Blättchen aber taumelt hinab. Taumelt wie ein müder Schmetterling. Und sinkt in den Staub der Erde. .» Und morgen treten die Menschen darüber hin. . .
Der Mann im Monde.
Bus der Sentrumspartei.
= 50 Zahre im Zeitungsdienst. Auf eine 50jährig- Tätigkeit im Zeitungsdienst kann der Redakteur der Bergischen Tageszeitung iy Elberfeld, Heinrich, Kühle, zurückblicken. Der Jubilar trat in feinem 14. Lebensjahre in bie .gunft der Gutenbergjünger ein. Er war zuerst bei der im Kulturkampf gegründeten katholischen „Bergisch-Märkischen Zeitung" in Hagen tätig. Var 45 Jahren kam er an die Wuppertaler Dolksblätter, jetzt Bergische Tageszeitung, nach Elberfeld. Anfangs hauptsächlich im Druckereibetrieb beschäftigt, Übernahm Herr Kühle mit 30 Jahren das Amt eines Lokalredakteurs. Zu feinem 50jährigen Berufsjubiläum wurden dem all- gemein geachteten und beliebjen Journalisten von Nah und Fern zahlreiche Glück- und Segenswünsche zuteil. Auch der Reichspräsident sandte dem Jubilar ein herzliches Glückwunschschreiben.
Häuf
wie wird das Wetter?
Im Norden ziehen fortgesetzt Tiefdruckwirbel vor- über, deren Ausläufer später Einfluß, jedoch nur auf die Witterung Norddeutschlands gewinnen werden. In unterem Bezirk wird es zwar zeitweise zum Auftreten ftär- kerer Bewölkung, aber nur in vereinzelten Teilen zu kurzen Niederschlägen kommen.
Aussichten bis Sonntag abend: Fortdauer der meist trockenen, mäßig warmen Witterung.
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Siegerin Sonne.
25] ---------
„Ich hatte zwar von jenem Schüler auch einen leer, Herr. Den wollte ich wegwerfen, weil Sie das alles zu mir gesprochen hatten. Aber ich habe den falschen weggeworfen. Und warum wollen Sie das wissen?"
„34 habe ein großes Interesse daran. Und Sie selbst scheinen auch Intöresse daran zu haben. Ich habe den Taler aufgehoben. Wollen Sie ihn zurück?"
,T> gern! bitte! bitte!!"
„Aber erst sagen Sie mir, warum Sie den Taler so gerne wollen."
„Warum? — Es war da« einzig« Andenken an meine Mutter, Herr".
„An Deine Mutter". Graf Warthorst stammelte es, kreideweiß geworden, vor sich hin. Dann aber stieg die Erregung wieder wie Glut in feinen Kopf. .Find! Don Deiner Mutter! Wo ist Deine Mutter?"
„Tot!" furchtbar klang da«. „Wahrscheinlich tot!*
„Und wie hieß Dein« Mutter. Wo war sie? Was war sie?"
„Sie hieß Elisabeth Zeuden. Sie war bei einer Zirkustruppe."
„. . . Elisabeth Zeuden — wiederholte der Graf nachdenklich. Er mußte sich einen Augenblick besinnen. Nein, so hatte aber jene nicht geheißen. Die ganze Zeit hatte ihm ihr Bild vorgeschwebt, an ihren Namen aber hatte er gar nicht gedacht.
„Aber wo hatte sie den Taler her?" So laut und erregt war die Frage, daß da« Mädchen heftig zusammenfuhr und ganz leise antwortete:
„Sie hatte den Taler von meinem Vater. Aber nicht nur den einen. Sie hatte drei."
Dann war sie es doch! Jetzt zitterte auch der Graf. „Aber sie hieß nicht Zeuden. Sie hieß anders, Kind, sagst Du mir die Wahrheit?"
„Herr, sie hieß so. Warum auch nicht? Warum glauben Sie es nicht? Aber eine Zeit lang hatte sie sich einmal anders genannt: Elise Brandt."
* -Za- Io hieß sie. Dann ist sie es. Und sie hat ge- fegt, daß sie die drei Taler von Deinem Vater hatte? Wußte sie das selbst genau? Und weißt Du es noch genau?*
„3a, Herr! Sie hat es gesagt, als sie mir die Taler gab."
„Kind, mein Kind! Wenn Du die Wahrheit gesagt hast, und wenn Deine Mutter die Wahrheit gesagt hat, taut schwöre ich Dir: Ich bin es, der Deiner Mutter
die Taler geschenkt. Ich bin es — Dein Vater; und Du bist — mein Kind!"
Das Mädchen aber fragte ihn: „Wie heißen Sie denn?"
Da nannte der Graf mit großer Deutlichkeit seinen Namen: „Graf Warthorst!"'
„. . . Warthorst . . . Graf... Ich kenne meinen Vater zwar nicht. Aber er hieß anders. Sie sind es nicht. Er hieß: Hans Schwartz."
,Hans Schwartz hieß er? ... Nein Kind! Ich versichere Dir: Dein Later hat sich nur Hans Schwartz genannt. Dein Vater heißt aber: Graf Warthorst. Und wie heißt Du, mein Kind?"
„Auch Elisabeth Zeuden, wie die Mutter."---
Zerschlagen von der Erregung des Augenblicks setzte sich der Graf auf das Sofa. Er ließ das Mädchen sich neben ihn setzen und legte dessen kühle Hand in seine heißglühende.
Darum hatte er dort oben am Waldsee schon immer Kind zu ihr gesagt. Darum hatte er von einer unsicht- baren Macht getrieben sich zu ihr hingezogen gefühlt. Darum wollte er sie retten. Darum wohl spielte das Schicksal jenen Taler in seine Hand. Darum trieb ihn das Gewissen den Spuren des Talers nach.
„Kind, mein Kind", redete er das Mädchen wieder an, „Du weißt jetzt, daß ich Dein Vater bin. Wiste such, daß ich Dir nur Gutes will."
Träumend hörte sie ihm zu. Weder schien sie sich zu ihm hingezogen zu fühlen, noch zeigte sie irgendwelche Erbitterung, als sie erfuhr, daß er ihr Vater fei.
Der Graf bestürmte sie jetzt mit Fragen. Da erzählte sie ihrer Mutter und ihr eigenes Schicksal, so gut sie es wußte.
„Die Mutter war bei einer Zirkustruppe. Sie hat dort geritten und vielerlei Kunststücke mit großen giftigen Schlangen gekonnt. Ich selbst habe als Kind Seil- tanzen gelernt. Ich war aber sehr ungeschickt. Viermal bin ich bei Vorstellungen heruntergefallen. Da sollte ich weggejagt werden. Aber die Mutter hat wieder gebettelt, daß ich bei ihr bleiben durfte. Und ich wäre so gerne »eggegangen, irgendwohin. Ich habe immer soviel Schläge bekommen, wenn ich herunterfiel; und so schwer nur konnte ich es lerne».
Als ich ungefähr elf Jahre alt «ar, kam die Mutter eines Abends wieder zu mir und weinte bitterlich. Ich habe sie gefragt, warum sie weinte; sie hat mir keine Antwort darauf geben können. Drei Taler gab sie mir aber in die Hand und sagte: J^ebe sie immer gut auf. Sie sind ein Andenken an Deinen Vater. Dein Vater hat fie mir geschenkt. Sterilere nie, nie einen davon und
gebe nie einen aus." Dann umarmte sie mich und küßte mich unzähligemal, und rief immer wieder meinen Namen, bis sie sich losriß, als ob es nur mit Gewalt ginge. Dann ging sie fort, zusammen mit einem Manne unserer Truppe, der sonst immer maskiert war, und jeden Abend Kunststücke und Späße gemacht hat, sodaß alle Leute gelacht haben. Dieser Mann war an diesem Abend auch ganz ernst ,und sah so finster aus, daß ich mich vor ihm fürchtete. Sie gingen zusammen fort. Nie kamen fie wieder. Niemand wußte etwas von ihnen.
Entweder haben sie ihrem Leben ein Ende gemacht, ober sie sind weit weg in ein fremdes Land gezogen. So haben die Leute bei uns gesagt. Ich glaube aber nicht, daß sie nur weggegangen sind, denn bann hätte bie Mutter mich mitgenommen.
Zwei Jahre bin ich dann noch allein bei dem Zirkus gewesen. Da trafen wir eines Tages hier mit diesem Karussell zusammen. Die beiden Besitzer haben ein bißchen hin und her geredet, ein paar Geldstücke gewechselt und ich gehörte nun zum Karussell. Ich bin gerne mitgejogen. Und ich habe es auch nicht schlecht hier."
Wie eine furchtbare Anklage fielen die Worte, mit denen das Mädchen sein Leben erzählte, Schlag auf Schlag auf des Grafen Seele. So war sie gestorben und verdorben in Armut und Schande. So lebte das Kind dahin, arm und preisgegeben.
Und einer war an allem Unglück schuld und ist bann feige entflohen. Sie aber hat bie Folgen mutig aus sich genommen, hat ihre Stellung verloren, ihr Talent zu Grabe getragen, hat gelitten unb entbehrt unb ist doch zu Grunde g^angen. Und einem Kinde, einem unschuldigen, wurde Armut und Leidenschaft zugleich in die Wiege gelegt. Die gute Erziehung wurde ihm ge- raubt, bei schlechtem Beispiel mußte es groß werden, ohne Halt, auf fremde Menschen angewiesen.
Und er — hat sie beide ins Unglück gestoßen — um einer Laune willen.
Krampfhaft griff er mit der Hand an fein Herz. Es flutete, es brauste und tobte. Es lebte: das Tote Meer.
„Mein Kind! Hier, sagst Du, hast Du es nicht schlecht. Möchtest Du es nicht gut haben? Ich bin Dein Vater. Du bist meine Tochter. Darum sollst Du es gut haben, wie ich es Dir nur bieten kann. Du sollst mit mir in Deines Vaters Haus. Willst Du mit?"
„5a", sagte sie ruhig und sonst nichts.
„Und noch eines muß ich Dich fragen. Hassest Du nicht Deinen Vater, der an allem schuld ist."
„Nein, Herr!" Sie sagte immer noch Herr. „Die Mutter hat immer gesagt: „Der Vater ist nicht schuld, daß wir unalücklich sind, sie bat den Kater iaunwt «
Schutz genommen, wenn andere gesagt haben, er sei schlecht!"
So hatte sie ihm alles verziehen, und ihrem Kinde nicht Haß gegen den Vater vererbt. Aber'recht hatten bie, bie da sagten, daß der Vater schlecht sei.
„Du fährst mit mir, und wirst meine Tochter fein."
Wieder fand ein Tauschhandel statt. Der Preis war ein Wucherpreis. Als ob er eine Last abschüttelte, warf der Graf das Lösegelb hin.
Dann fuhr das Auto wieder fort, nach Tiefenhofen. Und mit dem Grasen fuhr Elisabeth Zeuden, fein Kind.
♦
Warum wohl die Sonne so versteckt blieb, und der Himmel so trüb war in jenen Augusttagen? Wollte die Sonne bas Leid nicht ansehen, bas in zwei junge Menschenherzen eingezogen war?
Düsteres Allerseelenwetter mitten im Hochsommer. Kaum ftanben bie Stoppelfeiber, ba pfiff ber Wind über sie hinweg, als ob /s Herbst wäre.
Liefet Hardert sah fragend der Natur zu.
„Trauerst du mit mir?"
Nein! Die Natur trauert nicht mit einem armen Mädchenherzen. Was liegt ihr am Menfchenfchicksal?
Aber ein armes Mädchenherz trauert mit dir, Natur!
„Am düsteren Himmel fliegt ihr dahin, düstere Wolken, in sicherem Fluge, von Westen kommend .nach Osten fahrend. Zu euch hinaus sende ich meinen Blick unb meine ©ebanten aus trauerndem Herzen. Fliegt weiter, dann kommt ihr über eine ferne Stadt. Dort seht ihr noch ein gebrochenes Herz. Ich habe es gebrochen, brechen müssen. Dann regnet herab und grüßt mit Euren Tränen den Geliebten".
„Ein armes Mädchenherz trauert mit dir, klagender Wind, es versteht deinen Sang. Seitdem ich selbst nicht mehr fingen kann, singst du mir nun.
Wir wollen zusammen spielen, Wind, wenn ich auch nicht fingen kann. Ich habe eine Laute. Und ich mache bas Fenster auf. Damit du es besser hörst."
Einen Augenblick ist er leiser, ber Wind.
Hört er zu?
Er versteht das Lied, er kennt feine Melodie:
Wenn sich zwei Herzen scheiden bie sich dereinst geliebt bas ist ein großes Leiben wie s gröhres nimmer gibt . . .
Dann braust er roieber mächtiger unb ziehet fort.
Wehe ben Saitenklang weiter bis zur fernen Stabt. Dort horcht wohl noch ein Herz auf dein Lied. Vielleicht versteht es, was du von uns erzählen wirst."
CBortjefeuna folat)