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Fuldaer Zertung

Nr. 84.

Anzeiger für die Skadk und den kreis Fulda. Amtliches kreisbkatt.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage: .^Illustrierte Beilage" undBuchendlätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk >:

Sonntag, 10. April 1927.

Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Colonel) lokal 0,15 5Ut, auswärts 0,20 JUt. Reklamezeile: lokal 0,60 Ml, auswärts 0,80 3LK.. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr 4051 x

Zahrg.54.

Reichsgarantien für Rußland.

Gemäß einem von den Regierungsparteien, denen sich auch die Demokraten anschlossen, ein­gebrachten Gesetzentwurf über die Uebernahme von Garantien für Lieferunasaeschäfte nach der Union der Sozialistischen Sowjet-Repuliken (U. d. S. S. R.) wird der Reichsfinanzminister ermäch­tigt, bis zum Höchstbetrage von 23 500 000 Reichs­mark Garantien in Höhe von 35 Prozent des Kaufpreises von Lieferungsgeschäften nach der U b. S. S. R. zu übernehmen. Die Garantien dürfen nur entsprechend den Beschlüssen des Ausschusses des Reichstags für den Reichskaushalt vom 25. Februar 1926 übernommen werden.

Dieses Gesetz tritt am Tage der Verkündigung in Kraft. *

Zur Begründung wird folgendes geltend ge­macht:

Am 25. Februar 1926 hatte der Haushalts- ausschuß des Reichstages der Reichsregierung die Ermächtigung zur Uebernahme dieser Ausfallbürg­schaft erteilt (vgl. Bekanntmachung vom 20 April 1926 Nr. 92 des Reichsanzeigers). Auf Grund dieser Ermächtigung hat das Reich eine Ausfalls­bürgschaft in Höhe von 35 Prozent des Kaufpreises bei einem Gesamtgeschäftsumfang von 300 Mil­lionen Reichsmark übernommen. Die Bürgschafts­summe ist also auf 105 Millionen Reichsmark be­grenzt.

Diese 35prozentige Ausfallsbürgschast des Reichs, dis bekanntlich durch eine 25prozentige Ausfallsbürgschast der deutschen Länder ergänzt wurde, hat sich sowohl verwaltungstechnisch, wie Materiell glatt abgewickelt auch der Arbeitsmarkt ist, wie auch das Reichsarbeitsministerium fest­stellen konntr, durch die Ausführung der russischen Aufträge entlastet worden.

Nachstehende Beispiele geben einen Anhalt da­für, in welchem Ausmaß sich bislang die Ausfall­garantien praktisch für die deutschen Lieferfirmen äusgewirkt hat. Deutschland hat in den Jahren 1924 und 1925, die zum Vergleich herangezogen werden sollen, die in der Ueberficht aufgeführten, beispielsweise herausaegrisfenen Waren nach Sowjet-Rußland ausgeführt; ihnen sind die Be­träge gegenübergesetzt auf die sich die Ausfalls­bürgschaft bezieht (Stand Ende März):

Ueberficht

Vergleich der Ausfuhr in einigen Warengruppen in den Jahren 1924 und 1925 mit den Garantie- qeschäften.

1924

mit

Textilmaschinen 0.98

'Werfjeuomafdiinen 1.56

Elektroiechn. Maschinen u. sonstiae elektrotechn.

Erzeugnisse 7.88

Dampflokomotiven

Kraftsahrzeuae und

Kraftfahrräder 1.10

1925 Juni 1926 März 1927

Geschäfte mit AuS-

RM fallgarantie 2.42 572

4.22 45.41

12.28 4095»)

8.73

4.70

Da für bestimmte Sonderzwecke, und zwar zur Erleichterung des deutschen Transitgeschäfts durch das Gebiet der U. d. S S. R., ferner zur För­derung deutscher Konzessionsunternehmungen in der U. d. S. S. R., sowie zur Förderung des Ausfuhrgeschäfts der Kleinindustrie die Garantie bekanntlich mit herangezogen worden ist, so stand der Garantiefonds nicht in Höhe von 105 Mil­lionen Reichsmark, sondern nur in Höhe von 87,4 Millionen Reichsmark für die Garanfteaeschafte im engeren Sinne zur Verfügung. Demzufolge konnten mit diesem Betraae statt der vollen 300 Millionen Lieferungsgeschäfte nur Geschäfte im Umfange von 249 Millionen Reichsmark gestützt werden.

Do von der Handelsvertretung der U. d. S. S. R:, um den Termin für die Bestimmungen vom 31. März 1927 innezuhalten, stets eine Reihe von Geschäften nebeneinander vorbereitet werden mußten, stellte sich heraus, daß schließlich mehr Geschäfte abschlußbereit waren, als durch die Ga­rantie gedeckt werden konnten. Aus Anregung des Reichswirtschaftsministeriums sind auch diese Auf­träge erteilt worden jedoch nur unter dem Vor­behalt, daß die Garantie für sie durch eine ent­sprechende Erweiterung der Garantiesumme er­möglicht würde. Nach Mitteilung der Handelsver- tretung der U. d. S S. R bandelt es sich etwa um folgendeVorbehaltsgeschäste":

Mrllwnen Reichsmark

Elektrotechnische Bestellungen 14

Schifte 15

Koksöfen »

Röbren für Naphtaindustrie . 8

Maschinen für Landwirtschaft, chem. Industrie

Textil-Papierindustrie 1R

Sonstige Geschäfte ____7.

Zusammen:

Diese unter Vorbehalt abgeschlossenen Geschäfte, würden aller Wahrscheinlichkeit nach dann nicht zum endgültigen Abschluß gelangen, wenn sich nicht irgendein Weg findet, auch sie mit einer Ga­rantie der öffentlichen Hand zu versehen. Denn auch bei diesen Geschäften verlangt die Handels­vertretung lange Kreditfristen von zwei und vier Jahren, die zu übernehmen für die deutschen Lie- ferfirmen mit Schwierigkeiten verbunden find, falls sie nicht durch eine Ausfallsbürgschaft gestützt wer- den.

Um die restlichen Lieferverträge in Höhe von rund insgesamt 66 Millionen Reichsmark mii einer 35prozentigen Reichsausfallsbürgschaft ver­sehen zu können, bedarf es eines Betrages

von rund 23,5 Millionen Reichsmark.

Mit diesem Betrage, der nur zur Garantierung der auslaufenden Geschäfte der 300 Millionen-

schäften m der Arbeitszeitfrage herbeigeführt. Er erklärte:

In dem Verhalten der sozialdemokratischen Partei vermag ich einen politischen und gewerkschaft­lichen Sinn nicht zu erkennen, es sei denn, daß man glaubt, durch festes Auftreten in der Arbeitszeitfrage oerlorengegangenes Vertrauen von links, aus dem kom- munistiifchen Lager, wieder zurückzugewinnen. Dann kämpft aber die Sozialdemokratie wenigstens rednerisch in falscher Frontstellung.

Die Zentrumspartei ist ja von der Sozial­demokratie bei diesem Kampf glimpflich behandelt roor- den, weniger glimpflich behandeln sozialdemokratische Blätter die christliche Arbeiterbewegung. Deshalb an die Adresse der Sozialdemokratie ein ganz offenes und, wie ich glaube, auch hochpolitisches Wort.

Gewerkschaftlich und agitatorisch könnten wir einem frisch-fröhlichen Kampfe von ihrer Seite nur wärmstens begrüßen. Die christliche Arbeiterbewegung ist groß geworden nicht durch freundliches Dulden von ihrer Seite, sondern im schärf st em Kampfe gegen sie Minderheitsbewegungen können immer nur im Kampfe wachsen. Wenn ihre Presse und ihre Agita­tion im Lande wieder ein Tänzchen haben will, gut, wir sind dazu bereit.

Sie werden wohl selbst zpgeben, daß, wenn im katho­lischen Lager Kirche, Zentrumspartei und christliche Ar­beiterbewegung geschlossen zusammenstehen, ihre Presse und Agitation entsprechend umstellen, sie, zwischen christ­licher und kommunistischer Richtung eingekeilt, bestimmt nicht der gewinnende Teil sind. Aus dem Rechtslage): holen Sie bis auf weiteres sich keinen neuen Anhang, aus dem Zentrumslager auch nicht, wenn wir .unsere Front entsprechend formieren. Aber selbst angenom­men, Sie würden der Zentrumspartei ein halbes Dutzend Mandate abnehmen, glauben Sie damit dem Emanzipationskampf der deutschen Arbeiterschaft im ganzen einen Dienst geleistet zu haben? Ohne starken Ärbeiteranhang in der Zentrumspartei ist n"ch alle­dem, was sich im letzten Jahrzehnt in Deutschland ab­gespielt hat und wie es sich abgespielt hat, die deutsche Arbeiterschaft in ihren politischen Auswirkungsmöglich, teilen im nächsten Jahrzehnt zur politischen Ohnmacht verurteilt. In Preußen hängt Ihre Mitwirkung im Staate nicht von Ihnen, sondern von der Zentrums­partei ab, ebenso in Baden und Hessen. Im Reiche können wir als christliche Gewerkschaften manches durch- fechten ohne Sie, Sie ohne uns nichts. Ich war gestern im Sozialpolitischen Ausschuß erstaunt, mit welcher Oberflächlichkeit man in Ihrem Lager die Dinge sieht. Weil ich die Vorverhandlungen in Sachen der Arbeits­zeit für die Zentrumspartei führte, führte ich auch die Debatte in der Anaelegenheit im Sozialpolitischen Aus­schuß. Das hat Herrn Veranlassung qegeben, auszusprechen, ob damit wohl der sozialpolitische Rechts­kurs des Zentrums ausgedrückt werden sollte. Herr Kollege Hoch! Wenn Sie so etwas im Plenum sagen würden, würde 1. die ganze Zentrumspartei, 2. die Herren von rechts, mit denen ich wochenlang um die Arbeitszeit ringen mußte, hell auflachen. Sie ton­nen mir allerlei nachsagen. Aber mich als sozial­politischen Rückschrittler hinzustellen, dazu gehört doch eine große Weltfremdheit. Das können Ihnen auch Ihre Kollegen Braun und Severing, mit denen ich jahrelang Im Preußischen Kabinett gesessen bin, bestätigen.

Der Weg zur Arbeitszeitverkürzung, den Sie (z. d. Soz.) eingeschlogen haben, führt nicht zum Ziel. Auf meine Ausführungen, in der Großen Koalition wäre auch nicht mehr zu erreichen gewesen, rief mir neulich Herr Sollmann zu:Darum sind wir ja nicht in die Große Koalition gegangen!" (Hört! Hört! rechts und im Zentrum). Wenn man selbst wußte, daß nicht mehr zu erreichen war, bann darf man auch den christ­lichen Gewerkschaften daraus keinen Vorwurf machen." (Lebhafter Beifall im Zentrum).

Der Reichstagspräsibent Lobe hat sich am Donnerstag wieder zum ersten Mal nach seiner

schweren Krankheit im Reichstag eingefunden. Er sieht außerordentlich angegriffen und bleich aus. An eine Uebernahme der Amtsgefchäfte ist im Au­genblick noch nicht zu denken. Loebe wird eine Zeit für die Erholung notwendig haben. Loebe war Gegenstand lebhafter Glückwünsche von Sel­ten der Abgeordneten aller Parteien.

Die Beruhigung kann durch die Erwägung be­günstigt werden, daß die Wählerschaft des Zentrums in Preußen, Gesichtspunkte für eine Kursänderung nicht zu erkennen vermag.

Preußen und das Reich.

Von parlamentarischer Seite wird uns geschrie­ben:

Merkwürdig, wie es gewisse Kreise gibt, die qarnicht genug Krisen haben können! Kaum daß irgendwo eine Sache nicht gleich den normalen Verlaus hat, schon machen sie in Krisen. Besonders groß ist darin die demokratische, aber manchmal auch die dmtschnationale Presse.

Für diese war natürlich die Kontroverse Braun- von Euer ar d erwünschte Gelegenheit, wieder alles mögliche zu fabeln, und die Asvhaltvresse der Rechten sekundierte mit allen möglichen Kom­binationen. Letztere natürlich nicht nur aus Sen­sationslust, sondern auch aus begreiflichem In­teresse. Natürlich war die Kortroverse weder im Reich noch in Preußen gern gesehen, natürlich hat an ihr weder das preußische noch das Reichs­zentrum eine besondere Freude gehabt. Aber von da bis zu einer Krise ist doch noch ein weiter Weg, zvenn beide Teile sachlich bleiben. Schwierigkeiten sind da, um umgangen, und nicht um zu Kata- ftrophen gemacht zu werden.

Selbstverständlich ist längst alles geschehen, um diesenFall" aus der Welt zu schassen. Das Zen­trum in Preußen wird den gegenwärtigen Kurs solange steuern, wie es glaubt, daß er aus staats­politischen Gründen zwecknäßig sei. Keinen Augen­blick wird er länger gesteuert werden!

Völlig vergessen scheint auch in der gegnerischen Presse zu sein, daß die preußische und die deutsche Politik chre eigenen Gesetze haben. Darüber zu entscheiden bleibt den beiden Fraktionen des Zentrums im Reich und in Preußen Vorbehalten. Niemals denkt «ine der Fraktionen daran, sich in die Politik der anderen einzumischen: sie wissen beide voneinander, daß das nicht geht und daß eine sogenannte Homogenität zwischen Reich und Preu­ßen nötig sein kann, aber nicht nötig fein muß.

Jedenfalls ist die Kontroverse Braun- von Guörard keine Veranlassung gewesen, int Sinne der Asphaltpresse Sensationen herbeizuführen. Aller­dings erkennt man an solchen Situationen immer wieder, wie schwankend die öffentliche Meinung noch in Deutschland ist. Der Sinn der Zentmms- politik ist ihr offenbar völlig entgangen.

Aber sie möge sich beruhigen: Politik ist die Kunst des Möglichen, und sie ist eine schwere Kunst. Vor allem aber ist Stetigkeit des Wol­lens eins der Haupterfordernisse des Erfolges! Solange aber aus dm Kreism des preußischen Zentrums selber keine Besorgnis über dm gegen­wärtigen Regierungskurs geäußert werden, dürfte es an der Zeit sein, daß auch die gegnerische Presse wieder ruhiger wird und sich nicht den Kopf des Zentrums zerbricht, sei es nun in ehrlicher oder unehrlicher Arbeit.

Die neue Mbemzeit.

Sfcgerroalb in Front.

In seiner letzten Sitzung vor den Osterferien hat der Reichstag, wie schon gemeldet wurde, das Arbeitszeitnotgesetz angenommen. Wenn man ganz allgemein ein Urteil über dieses Gesetz fällen will, so kann man sagen, daß so recht zufrieden eigentlich n i e rn a n d ist. Es trägt die charak­teristischen Züge eines jeden Kompromisses, aber das ist, sowohl was die Natur des Stoffes anlangt, der hier gesetzgeberisch gestaltet werden sollte, als auch bei Berücksichtigung der Parteikon­stellation im heutigen Reichstage nichts anders denkbar. Um nun bas Mißvergnügen, bas so manchem ob bes kompromißlerischenCharakters bie- ses Gesetzes aufsteigen mag, zu überroinben, ist es nötig, zunächst einmal zu dem Ausgangs­punkt zurückzugehen, bei dem dieses Gesetz ent­standen ist.

Es war im Herbst vorigen Jahres, als die A r- beitslofenflut zu einer immer unerträgliche­ren Höhe emporftieg. Unter dem Druck der da­maligen Verhältnisse sagten sich die Gewerkschaf­ten aller Richtungen, baß zu überlegen märe, wie man btefer Flut Einhalt gebieten könne. Man hatte damals nun die etwas optimistische Auffas­sung, baß man vielleicht dadurch, daß die Arbeits­zeit auf 8 Stunden verkürzt werde, einen Aufsau­gungsprozeß der Erwerbslosen einleiten könne. So kam der Notgesetzentwurf zustande, zu dem die drei Richtungen der Gewerkschaften sich bekann­ten. Es wurde damals schon von anderen Seiten bestritten, baß eine Arbeitszeitverkürzung in bem Stile, wie es dieser Notgesetzentwurs vorsah, eine solche arbeitsmarktpolitische Wirkung zeitigen könne. Im Verlaus der weiteren-Diskusiion dieser Frage im Parlament und in der Oefsentlichkeit bil­dete sich auch bei den Zentrumsarbeiterführern mehr und mehr diese Neigung heraus. Aber eines blieb, ober besser gesagt, erkannte man in den christlichen Gewerkschaft'skreism immer besser: baß tatsächliche Mißstänbe im Ueberftunbenroefen vorhanben waren, zu deren Abstellung man sofort schreiten müsse, und man nicht auf die Regelung, rote sie durch bas Arbeitsschutzgesetz kommen soll, warten könne. Entsprechend dieser Ueberzeugung, die im übrigen auch vom Reichsarbeitsministerium geteilt wurde, wurde bann ein Notgesetzentwurf formuliert. Dabei zeigte sich nun der große grunb- fätzliche Unterschieb, ber zwischen der s o z i a l b e m o kratischen Auffassung über bie Arbeitszeit unb ber Auffassung, wie sie bie ch r i st l i ch en Ge­werkschaften hegen, bestand.

In ber Rebe, die ber Abg. Dr. Stegerwald bei ber 3. Lesung bes Gesetzentwurfes vor Ver­abschiedung bes Gesetzes gehalten hat, wird in klarer unb überzeugmber Weise aufgezeigt, wie man das Arbeitszeitproblem anzufassen habe unb um, wieviel weniger vorteilhaft ber sozialbemokra- tische Stanbpuntt ist. Es geht um die beiden Be- ariffe Schema unb Norm. Die Linke will bas Schema bes Acht st unben tage s. Sie hält auch heute noch daran fest, baß man badurch eine wesentliche Beeinflussung des Arbeitsmarktes aus­üben könne. Weiterhin will sie, was wichtig ist, biefen fchematischen Achtstunbentag sofort. Sie überspringt mit biefer Forberung tatsächlich bie Schwieriakeiten unb Entwicklungsphasen. Dieser direkte Weg ber Sozialdemokratie zum sozialen Fortschritt ist aber bei den gegebenen wirtschaft- liehen unb parlamentarisch-politischen Verhältnissen nicht gangbar. Es haben bie Urteile, bie so lang­läufig über das deutsche Wirtschaftsleben aefällf werden, viel zu sehr den Charakter ber Verall­gemeinerung, als baß sie zutreffenb fein könnten Manchen Wirtschaftszweigen geht es heute gut, bei manchen ist das genaue Gegenteil ber Fall. Auch ist bie Stellung Deutschlanbs auf bem Welt­markt noch lange nicht so, baß man bas gefährliche Experiment bes schematischen Achtstunbentages ausprobieren könnte. Weiterhin barf nicht verkannt werben, baß ein auffaHenber Facharbei­termangel in vielen Wirtschaftszweigen zwangsläufig unmöglich macht, einen starren sche­matischen Achtstundentag für die gesamte Wirt­schaft zur bindenden Pflicht zu erheben. Das ist die wirtschaftliche Seite des Problems.

Die politische Seite der Frage des Acht- stundentages ist einfach eine parlamentarisMe Machtfrage. Man kann sich kaum vorstellen, daß bie Sozilbemokraten in ihrem innersten Herzen da- von überzeugt sein werben, baß bei ben jetzigen Gegebenheiten bes Reichstages es überhaupt mög­lich sein könne, den schematischen Achtstundentag zum Siege zu bringen. Da bas nicht möglich ist, bleibt eben nicht anberes übrig, als ben Stanbpunkt einzunehmen, ben bie Zentrumspartei eingenom­men hat, nämlich bie Achtstunbentagforderung als Norm aufzustellen. Als bas Ziel, bem man nur unter Berücksichtigung ber konkreten wirtschaft­lichen, sozialen unb politischen Verhältnisse unb immer mit bem Wohle ber Gesamtheit im Auge sich anzunähern habe. So konnte es benn nicht anders kommen, als wie es gekommen ist, daß das Arbeitszeitnotgesetz eine Kompromißlösung gefun­den hat. Unb trotzdem kann die Allgemeinheit unb die Arbeiterschaft immerhin mit diesem Gesetz z u - frieden sein. Es bringt einen b reif ad) en Fortschritt: Die Achtstunbenschicht wirb wie­der zur Norm, bie Angestellten finden ebenfalls einen Schutz durch dieses Gesetz und die Ueberftun« ben, ber größte Stein bes Anstoßes, finb begrenz» unb müssen angemessen entschäbigt werden. Auch sonst ist dieses Gesetz geeignet, schon jetzt Schwie­rigkeiten beiseite zu räumen, bie ben großen sozial­politischen Wert bes Arbeitsschutzgesetzes entgegen- stehen, unb bamit bie Bahn zu weiterem sozialen Fortschritt freier zu machen Aus biesem Grunbe schon ist bas Gesetz in seiner jetzigen Form zu begrüßen.

Die oben erwähnten Ausführungen Dr. Stegerwalbs im Reichstag waren durch die sozialdemvkraftschen Kngtiffc gegen das Verhalten der christlichen Gewerk»

Sondjenr über bie WirtWtslW Europas.

Der frühere französische Minister Loucheur hielt auf Einlabung ber Berliner Jnbustrie- unb Han- belskammer in der Aula der Berliner Handelshoch­schule über biegegenwärtige Wirtschaftslage Europas unb die bevorstehende Weltwirtschaftskon- ferenz" einen Vortrag. Es wohnten ihm u. a. Staatssekretär Dr. Trendelenburg, ber preußische Handelsminister Dr. Schreiber, der französische Botschafter de Margierie, Oberbürgermeister Dr. Boeß sowie zahlreiche führende Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens und viele Mitglieder der franzö­sischen Kolonie bei.

Der französische Wirtschaftsführer führte u. a. aus:

Das erste und besonders ins Auge fallende Symptom der Weltwirtschaftskrise ist die allge­meine Verminderung der Kaufkraft des Geldes. In zweiter Linie ist zu beachten, daß die europäischen Staaten ihr Produktionsvermögen der Vorkriegs­zeit noch nicht wieder erlangt haben. Die mittlere Produktionsmenge in Europa ist noch immer 12 Prozent geringer; dagegen konnte Amerika seine Produktion erhöhen. Diese Umkehrung der frühe­ren Produktionsverhältnisse stört erheblich den Gü­teraustausch unb hat zu einer Veränberung ber Richtung ber Wirtschaftswege geführt. Als britter Grund ist die Veränderung der politischen Gren­zen anzusehen, welche, unterstützt durch bie Absper­rung zur Zeit bes Krieges, die Entstehung einer Treibhausblüte der Wirtschaft begünstigte, bie ihrerseits eine wahnwitzige Ueberprobuk- t i o n unb eine entsprechende Steigerung des Ver­brauches herbeiführte. Bei der Frage, welche Hilfs­mittel zur Beseitigung dieser Störungen der Wirt­schaft dienen können, wäre es zwecklos, ben Streit zwischen Schutzzoll unb Freihandel wieder aufleben zu lassen. Die Gründe, die allein einen Protektio­nismus in gewissem Umfange rechtfertigen können, sind vor allem bie Berücksichtigung ber nationalen Sicherheit. Der Gebanke, Europa nach bem Mu­ster Amerikas zu ben Vereinigten Staaten von Eu­ropa zusammenzuschließen, ist zwar nicht a priori zurückzuweisen, jeboch bezweifle ich, daß die Ge­wohnheiten unb Vorurteile ber Nationen eine bal- bige Verwirklichung bes genannten zulassen. Viel weniger utopistisch ist meiner Ansicht nach bie Idee

einer europäischen Zollunion einen freien Umlauf ber Wirtschaftsgüter auf bem europäischen Kon­tinent gestatten würbe. Gegen ben größeren Ein­wand gegen diesen Gedanken, daß fid) nämlich ver­schiedene an Kohle unb Erz arme Völker in einer unsicheren Lage befinben würben, während Län­der mit breiter Rohstoffbasis eine Konzentration der Schwerindustrie gewissermaßen ein Monopol für sich begründen könnten, ist zu sagen, daß dieser Einwand in gleichem Grade an Berechtigung ver­lieren würde, als durch regionale Vereinbarungen die Sicherheit der einzelnen Staaten wirksam ga­rantiert wird. Schon jetzt würde durch ein ein­heitliches Zolltarifschema und einen einheitlichen Handelsvertragstyp ein großer Fortschritt erreicht werden. Um Unzuträglichkeiten aus den Zollschran­ken zu vermeiden, gibt es noch einen anderen Weg als denjenigen der Verhandlungen von Staat zu Staat: die intereuropäische und wenn möglich sogar internationale Organisation der Wirtschaft. Deutsch­land will seine Wirtschaft nach amerikanischem Mu­ster rationalisieren, während man in Frankreich und England individualistischer und konservativer ist. Europa hat aber keine Wahl; es wird entwe­der den Weg der sogenannten rationellen Wirt­schaft beschreiten müssen, ober vor bem wachsenben Reichtum und Unternehmungsgeist der Vereinigten Staaten die Waffen strecken müssen.

Es bleibt nur die g r u p p e n w e i s e Zusam­menfassung ber Wirtschaft übrig. Um allen berechtigten Wünschen Rechnung zu tragen unb Mißbräuche von Machtbefugnissen zu verhin­dern, erscheint bie Staatsfontrolle weniger zweckmäßig, als eine weise Einflußnahme des Völkerbundes. Deutschland und Frank­reich haben bei dieser Reorganisation des eigenen Kontinents eine ungeheure Rolle zu spielen. Ich glaube aber nicht, daß diese beiden Nationen jetzt ihre Anstrengungen vereinigen sollen, um einen deutsch-französischen Wirtsschaftsblock zu gründen. Die Politik ber Blocks hat in ben Jah- ben 1914 bis 1918 ihre Verurteilung erfah­ren. Sie ist im Blute erstickt worden. Die euro­päische Vereinigung muß alle produktiven Völker umfassen, auch England, trotz bes ausgeprägten In­dividualismus des englischen Volkes

) Dazu kommen noch elektrische Meßwerkzeuge m Höhe von 2,7 Millionen Reichsmark