M 81.
Donnerstag, 7. Slpril 1927.
Fuldaer Zeitung
S. Blatt
Druck der Fuldaer AcNendruckerel, Fulda
RchettslyaBbericht des Vorstandes der Fuldaer Actieudruckerei Mer das GeMästSjahc 1926
Dir auch das Jahr 1926 beherrschende wirt' schaftliche Notlage, die erst gegen Jahresende eine leichte Besserung erfuhr, ließ auch unseren Betrieb nicht unberührt. In fast allen Abteilungen, vorab im Anzrigengeschäft, in der Drucksachenabteilung und auch im Buchverlag blieb der Umsatz gegen das Vorjahr erheblich zurück. Nur mit Hilfe von. Bankkredit war es uns möglich, die begonnenen Aufgaben fortzuführen und den drückenden Steuerbelastungen zu genügen. Immerhin blieben wir von Betriebs-Einschränkungen verschont und tonnten das etwas mehr als 100 Köpfe zählende Personal, dank der regelmäßig wiederkehrenden Aufträge, durchhalten.
Unser Neubau am Schweinemarkt konnte Ende September bezogen werden. Durch Schaffung von vier Wohnungen trugen wir dazu bei, den Wohnungsmarkt zu entlasten. Am 19. Oktober konnte auch das Ladenlokal seiner Bestimmung übergeben werden. Der Bau, der unter Leitung des Architekten Herrn Hermann Mahr stand, ist ein ehrendes Zeugnis für den heimatlichen Gewerbefleiß. Etwa 90 Handwerker und Lieferanten wurden von uns beschäftigt.
Der Fuldaer Zeitung widmeten wir auch im verflossenen Jahr hinsichtlich Ausgestaltung und Verbreitung unsere besondere Aufmerk
samkeit. Ende des Jahres 1926 druckten wir 15 000 Stück, 1000 Stück mehr wie im Vorjahr.
Auch der Bonifatiusbote, das religiöse Sonntagsblatt der Diözese Fulda, machte Fortschritte. Neben dem St. Elisabethblatt, das für die Katholiken der Stadt Kassel in Anlehnung an den Bonifatiusboten bei uns verlegt wird, erscheint jetzt auch für das Dekanat Soden- heim (Frankfurt a. M.) eine eigene Kirchenzeitung.
Das Kalendergeschäft gestaltet sich von Jahr zu Jahr schwieriger; die wachsende Konkurrenz ist erdrückend.
Der allgemeinen Wirtschaftslage entsprechend, waren die Geldeingänge schleppend.
In be-r vorgelegten Bilanz kommt das hier Gesagte in Ziffern zum Ausdruck. Nach Vornahme der üblichen Abschreibungen verbleibt noch ein Saldo von 7064,48 Mark. Der Vorstand schlägt der Generalversammlung vor, diesen Saldo auf neue Rechnung vorzuträgen und eine Dividende von 5 Prozent (von 12 000 Mark Aktienkapital 600 Mark) zur Ausschüttung zu bringen. Der Dividendenschein für 1926 käme dann mit 7,50 Mark zur Einlösung. Die neuen Dioidendenschein-Bogen können bei unserer Geschäftsstelle in Empfang genommen werden. Die Generalversammlung ist inzwischen diesen VorWägen beigetreten.
dem zuldaer (and.
= Hünfeld. In der letzten Kreistagssitzvng wurde bei der Genehmigung der Kreissparkassenrech- nung für 1925 beschlossen, daß der Etat der Kreisspar- fasse künftig alljährlich dem Kreistag zur Genehmigung vorgelegt werden soll. Ferner wurden verschiedene Aenderungen bezüglich der Satzungen des Kreisjugendamtes, der Voravsleistungsordnung für die Wegeunter- haltung, sowie der Vergnügungssteuerordnung angenommen. Die Anstellung eines Kreiswiefenbaümeisters wurde vorläufig vertagt. Die Jahresrechnung der Kreiskommunalkasse für 1925 wurde genehmigt und den, Rendanten Entlastung erteilt. Der Uebeischutz soll zum Teil für den Anbau des Kreishauses und zum Teil für das Landjägerhaus in Burghaun verwandt werden. Dann trat die Versammlung in die Beratung des Voranschlages für den Kreishaushalt ein, der in Einnahme und Ausgabe mit 346 690.— Mk. abschlietzt. Davon entfallen 185 866.— Mk. auf den Etat des Wohlfahrtsamtes. Der durch Zuschläge zu den ReichseinkommensteueraMeilen, Grundvermögenssteuxr und Gewerbesteuer zu deckende Betrag beläuft sich auf 123 500.— Mk. Aus der Mitte der Versammlung wurde eine 5gliedrige Kommission gewählt, die den Haushaltsvoranschlag durchberaten und dem Kreistage Bericht erstatten soll. Das Haus beschloß ferner die s ch l e u- nige Aufstellung von Wegeprojekten für die Straße Rohbach—Betzenrod—Ünterbernhards—Eck- weisbach mit Anschlußstratze nach Gruben—Langenberg, sowie für die Wegeverlegung Rothenkirchen—Rosen- moor und für eine WegeverbindunA für Neunhards und herbertshöfe. Der Voranschlag für die Wegeunterhaltung für 1927 wird auf 139 900.— Mk. festgesetzt. Mit Rücksicht auf die im Kreise Hünfeld dringend nötigen Meliorationen wurde der Vorsitzende des Kreistages beauftragt, beim preußischen Landwirtschaftsministerium und den heimischen Landtagsabgeordneten dahin vorstellig zu werben, daß ein fachmännischer staatlicher Beamter des Kulturbauamtes zur Durchführung einer großzügigen Melioration der Rhöngebiete im Kreise Hünfeld stationiert wird. Endlich beschloß der Kreistag zur Durchführung der Notstandsarbeiten und zur Beseitigung der Hochwasserschäden eine Anleihe von 210000.— Mk. und für Wohnungsbauten eine solche in höhe bis zu 1000 00.— Mk. zu einem Zinssatz von höchstens 6 Prozent aufzunehmen.
— Sirchhafel. Vergangene Woche fand die mündlich« Prüfung der Abiturienten des bayerischen Gymna- simns in Münnerstadt statt. Aus hiesiger Gemeinde bestand dieselbe Herr Pius M o st von Neuwirtshaus. Er gedenkt Theologie zu studieren. Mit Herrn Pius Burkardt aus Rohbach, Abiturient des Fuldaer Gym- nostums, stellt die Pfarrei dieses Jahr zwei Theologiestudenten.
= Großenbach, Kr. Hünfeld. Der letzte Montag war ein Freudentag für die hiesige Gemeinde. Durch die tatkräftige Werbearbeit unseres hochverehrten Geistl. Rates Herrn Pfarrer Lomb und unseres so verdienten Bürgermeisters B r e h l e r war es gelungen, die Mittel zur Beschaffung von zwei neuen Glocken zusammen zu bringen. Große Freude und Begeisterung beseelt jung und alt, als die Nachricht kam: Unsere Glocken sind da. Das ganze Dorf wetteiferte miteinander, um die Abholung der Glocken so würdig als nur möglich zu gestalten. In Prozession zog die ganze Gemeinde Den neuen Glocken entgegen, die vom Bahnhof Hünfeld abgeholt wurden. Ein von der hiesigen Musikkapelle flott gespielter Marsch leitete die Feier ein. Gesangsvorträge des hiesigen Märmergefangvereins, Musikvorträge der Kapelle und Gedichte der Schulkinder wechselten miteinander ab. Das gemeinsam gesungene Lied: Großer Gott, wir loben dichk beschloß die so würdig verlaufene Feier. Am Dienstag wurden die beiden Glocken vom Herrn Stadtpfarrer Gramm aus Fulda geprüft und unter Assistenz des hochw. Herrn Pater Scharsch und Frater Lutz aus dem Dbtatenfföfter in Hünfeld eingeweiht. Die Fest- predigt hielt Herr Dechant Ley aus Hünfeld. Die neuen Glocken machen der Glockengießerei Gebrüder Otto aus Hemelingen bei Bremen, aus deren Werkstatt sie stammen, alle Ehre. Mögen die beiden neuen Glocken im Verein mit der im Knege verschont gebliebenen Schwesterglocke allezeit die treuen Begleiter der Menschenge
schicke fein, mögen sie aber mich Vermittlerin fein zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen. Beim Geläute der neuen Glocken wollen wir aber auch derer nicht vergeflen, die mit dazu beigetragen haben, das neue Geläute zu beschaffen. Vor allem Dank dem verstorbenen Herrn Harry Saalfeld von Frankfurt a. M. und seiner ebenfalls verstorbenen Gemahlin Eleonore geb. Pappert von Großenbach, die in so un- eigenütziger Weise in ihrem Testamente der Pfarrkirche in Großenbach gedacht haben. Dank der Testamentsvollstreckerin Familie Pappert in Frankfurt a. M., durch deren rastloses Arbeiten die im Auslande angelegten Gelder des Testamentes eingegangen sind. Dank aber auch allen Spendern und Wohltätern der Gemeinde Großenbach, die bereitwilligst dazu beigetragen haben, einen schon lang gehegten Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. -H. G.-
= Uttrichshausen. Die hiesige Ortsgruppe des Volksvereins für das Kathol. Deutschland veranstaltete am Sonntag, de m3. 4. eine ästend lich« Versammlung. Herr Dr. Wenz, Fulda bei; beste in seinem Vortrag die Notwendigkeit des Volksvereins und unterrichtete über die Aufgaben die derselbe zur Zeit besonders habe. Der Vortrag wurde mit Beifall ausgenommen und durch rege Aussprache seidens der Versammlung die Bedeutung des Volksvereins gewür- digt. Die Versammlung hatte deshalb auch den schö- nen Erfolg, daß sich 20 neue Mitglieder der Ortsgruppe entschlossen. Mit dem Wunsche der Mitglieder, daß es der Zenttale möglich sei, häufiger als seither durch solche Vorträge auch das flache Land zu unterrichten und auf« klärend zu wirken und mit dem Appell, daß alle die es angeht dem Volksverein bei treten müßten, damit derselbe seine Aufgaben erfüllen kann, würbe die Dersamm- lung gefchlossen. «i
= Soden-Salmünster. Der Kriegerverein Soden-Stolzenberg, Bahnstatton Salmünster-Soden (Kameradsch. Verein, ehern. Soldaten und Kriegsteil, nehmer) begeht am 18. und 19. Juni d. I. sein 50- jähriges Vereinsjubiläum. Die Bewohner unseres altehrwürdigen Kur- und Badestädtchens mit dem kohlensäurereichsten Solesprudel Deutschlands mürben sich freuen, an diesen Tonen recht viele Freunde imd Gönner begrüßen zu dürfen.
aus dem Nachbargebiet.
— Gelnhausen. Auf Anregung des Kurh. Feuerwehrverbandes fand hier am Sonntag ein Feuerwehrführerkursus statt, der, besucht von etwa 250 Wehrführern aus allen Kreisgegenden (Freigericht, Joßgrund, oberer und mittlerer Kreis), einen überaus anregenden und schönen Verlauf nahm. Der Mittelpunkt der Veranstaltung, die eine Schulübung der Geln- häuser Wehr einleitete, bildete eine besondere, mit aus» gewählten Vorträgen über das Gebiet des modernen Feuerlöschwesens ausgestattete Tagung, zu der sich u. a. eingefunden hatten: Landesbaurat Fleischer-Kassel, ferner der 1. Vorsitzende des Kurhefs. Feuerwehrverban- des, Boppenhaufen-Kafsel, BraMbirektor Bliesever- Kasfel, sowie Landrat Delius für den Kreis, und Bürgermeister Dr. Wilke für die Stadt Gelnhausen und zahlreiche sonfttge Behördenoertreter. Die Tagung eröffnete mit begrüßenden Worten der erste Vorsitzende des Kurh. Feuerwehrverbandes, Herr Boppenhaufen aus Kassel, der auf die Wichtigkeit des Feuerlöschwesens im Dienste der Allgemeinheit und der Nächstenliebe hinwies. Herr Kreisbrandmeister Schüßler-Hersfeld hielt an Hand von Zeichnungen und sonstigen Darstellungen einen Vortrag über die heute in den meisten Gemeinden des Kreises im Gebrauche befindliche „Handdruckspritze, deren Zusammensetzung und Behandlung". Für die zahlreichen, anwesenden Vertreter der Landfeuerwehren waren die Ausführungen des Redners von größtem Werte und wurden entsprechend aufgenommen. In zwei weiteren, ausgezeichneten Vorträgen erörterte Herr Landesbaurat Fleischer-Kassel die Wasserversorgung in den Gemeinden und das Thema „Feuerentstehung und -Bekämpfung", lieber den Dienst des Wehrführers auf der Brandstelle und die Tätigkeit des Rohrführers sprach der Vorsitzende des Feuerwetzrverbandes, Boppenhausen-Kafsel. Die Referate des Herrn Branddirektors Bliesener-Kafsel „Behandlung und Benutzung der kleinen Feuerlöschgeräte", „Schornsteinbrände und ihre Bekämpfung", sowie ein Vortrag über die Gefahren der Starkstromleitungen unter Berücksichtigung der Feuerwehrtätigkeit waren wertvollster Natur, desgl. die Auslassungen des Herrn Oberförsters Bindseil-Bieder über „Arten des Waldbrandes und die Bekämpfung derselben". Eine
größere Angriffsübung, mit der die Vorführung einer Motorspritze verbunden war, schloß die Tagung.
= Großkrotzenburg a M. Der hiesige Jungfrauen- Verein veranstaltete am Sonntage einen theatralychen Unterhaltungsabend. Der sehr geräumige Saal tm Gasthaus zum Anker war überdicht besetzt. Em wohlgelungener Reigen eröffnete den genußreichen Abend. Sodann gelangte zur Aufführung das 4attige Stuck: „heb- wigis" von Hedwig von Haza-Radlitz. Dieses Stuck behandelt eine Begebenheit aus dem Leben der hl. hedwlg. Cs erzählt von argloser Unschuld und Verderben brütender Arglist. Das Gute, Reine wird bedroht und raun- dersam geborgen im Schoße der göttlichen Vorsehung. Das Böse, unzufrieden und zerworfen mit sich selbst, sinkt ohnmächtig zu Boden. Die Spieler hatten sich nut großem Geschick ihren Rollen angepaht und leisteten wirklich Gutes. Die atemlose Stille und Ergriffenheit aller Teilnehmer zeigte, daß bas so ernste unb tief reh- gtöfe Stück lebenswahr unb wirkungsvoll dargestellt, wurde unb überaus reicher Beifall lohnte bie Darsteller für ihre Arbeit. Zum Schluffe spielte man den Einakter: „Ein neuer Engel", ein Schauspiel aus der Welt der Seligen von unserem Rhdndichter, Herrn Pfarrer Ludwig Nüdling, das manche Träne hervorrief. Der Erfolg der Spiele war so stark, daß die Aufführungen auf allseitigen Wunsch morgen nochmals wiederholt werden müssen. Allen denen, die diesen geistig bildenden, religiös und sittlich erhebenden Abend zustande gebracht haben, sei für ihr Bemühen herzlich gedankt. Besonders Herrn Lehrer Hein dahier, der mit seltener Kunstfertigkeit die herrliche Bühnenausstat- tung geschaffen und mit geeigneten musikalischen Darbietungen sich ganz der Stimmung des Abends anzu- pafsen verstand^ Ganz besonderen Dank aber gebührt unseren ehrwürdigen Schwestern dahier, die mit großer Selbstaufopferung, mit viel Geschick unb rechtem Eifer die Rollen eingeübt unb bas Theater geleitet haben, so daß in flottem Tempo bie wuchtigen unb ergreifenden Bilder der Stücke an unseren Augen vorüber zogen. Es waren erhebende Stunden, die die Zuschauer erleben durften, deren Eindruck sich wohl nicht sobald verwischen wird.
— vom Westerwald. Zum Landrat des Kreises Westerburg wurde Regierungsr. Dr. Schmeck als Nachfolger des Landrats Scheven, f. Zt. nach Köln versetzt, einstimmig gewählt.
wie wird das Wetter?
Von Westen her ziehen weitere Randwirbel des nordwestlichen Tiefdruckwirbels heran, sodaß mit Fortdauer der unbeständigen Witterung, mit neuen Regenfällen gerechnet werden kann.
Vorhersage bis Donnerstag abend: Bei westlichen Winden Fortdauer der unbeständigen Witterung mit einzelnen Regenfällen.
Radio-Programm.
Donnerstag, den 7. April.
Frankfurt (428.6 Mtr.), Kassel (272.7 Mtr.) 130 bis 2.30: Schallplattenkonzert. 3.30—4: Die Stunde der Jugend. 4.30—5.45: Konzert: 5.45-6.05: Die Lese- stunde. 6.15—6.45: „Von fernen Sonnen". Vortrag. 6.45—7: Stunde d. Kindes. 7—7.30: Stunde der „Frankfurter Zeitung". Alfred Auerbach: „Tiermimik". 7.30: „Madame Butterfly". Uebertragung aus dem Opernhaus. Anschließend bis 12.30: Tanzmusik.
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Das Glück in der Heimat.
Roman von A. Seyffert-Klinger.
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„Da kann ich nicht zustimmen, Dietrich! Nora würde unseren Bernd nicht glücklich machen. Aber es hat keine Gefahr damit. Wir können ohne Sorge sein. Bernd liebt Nora nicht. Er empfindet viel zu natürlich, um an so viel Derstellungskunst Gefallen zu finden."
„Die du nur sprichst, Ellinor, ich verstehe dich nicht!"
„Still, zu einer derartigen Aussprache ist hier weder Ort noch Zett. Aber du hast recht, wir können ja warten, bis Bernd sich entschließt, zu spielen."
Jndeffen sagte die Erbgräfin: „Wenn du wirklich so harmlos bist, Bernd, und ahnungslos, den Wünschen und Erwartungen deiner Eltern gegenüberstehst, so ist da« für uns alle sehr bedauerlich."
„3a, was ist denn? Sprich dich deutticher aus, Nora! Da« erwartet ihr alle von mir?"
Sie senkte di« Augen. Der schwache Schimmer einer Röte überhauchte ihr farbloses Gesicht. „Wenn wir in Amerika wären, würde ich es dir unumwunden sagen, Bernd. Aber bei euch denkt man über diese Dinge anders. Hier kann ein Mädchen vor Sehnsucht und Weh nach einem Manne vergehen, und darf es ihm um Himmelswillen nicht verraten, viel weniger aussprechen. Diese allernatürlichste Aeußerung eines Mädchens nennt ihr unweiblich. Daher müssen auch meine Lippen ge- schlossen bleiben, ob sie auch lechzen nach einem guten Wort von dir."
„Jetzt habe ich dich verstanden, Nora, und es soll klar zwischen uns werden. Ich will mit meiner bündigen Antwort nicht zurückhalten. Erstens: was du für Liebe hältst, ist ein flüchtiges Wohlgefallen an meiner Person. Dazu kommen praktische Gründe, die dir eine Vereinigung mit mir wünschenswert erscheinen lassen. Du aber entsprichst dem Ideal eines Weibes, das m i r vorschwebt, so wenig, daß ich dich auch dann nicht heiraten würde, wenn ich arm wäre wie Job und du reich wie eine Königin. Deine Wesensart wird mir immer fremd und unverständlich bleiben und niemals könnte ich mich in deiner Nähe wohlfühlen. Doch bitte, nimm meine aufrichtigen Worte nicht als Beleidigung auf, die sie nicht sein sollen. Aber es muß Klarheit herrschen zwischen uns. Mutter nannte mich oft einen „komischen Peter", der ich auch wohl bin. Das ist die ganze Erklärung."
„Du wirst dich früher oder später aber doch von deiner phantastischen Einstellung zu einer besseren Anschauung bekehren müssen. Schon deiner Pflege-Eltern we- gen mußt du eine Ehe eingehen, sie würden es dir nie verzeihen, wenn du ledig bliebest."
„In diesem Punkte muß ich dir zustimmen, unb es ist nicht ausgeschlossen, daß ich meinen Eltern zuliebe, denen ich so unendlichen Dank schulde, über kurz ober lang heirate. Du aber kommst nicht in Betracht. Wir gehören nicht zusammen unb es würbe ein furchtbares Leben für uns beibe. Um ein solches Unglück heraufzubeschwören .dazu bin ich zu ehrlich, zu gewissenhaft. Du selbst wirb einsehen —"
Er verstummte. Ein Geräusch, das ihn betroffen auf- horchen ließ, drang an sein Ohr.
Er sah in ein fahles, verzerrtes Gesicht. Die krampfhaft gekrümmten Finger der Fremden — denn etwas anderes war sie ihm nie gewesen — hatten das Notenstück, in dem sie geblättert, zerrissen, mitten durchge- rissen.
Er sah es mit Staunen, faßte sich aber sofort. Ein Lächeln huschte um seine bärtigen Lippen, ein befreiender Atemzug hob seine Brust.
Gottlob, daß er den Charakter dieses Weibes erkannt, zur rechten Zeit erkannt hatte.
„Bitte", sagte er mit leiser, aber gebietender Stimme, unb ein nicht mihzuoerstehenber Blick wies sie fort vom Klavier. .
Sie gehorchte, schlich in einen Winkel ,wo ihr Gesicht im Schatten blieb. Dort hatte sie Zeit, bie Tränen des Zornes und der Scham, die unaufhaltsam in ihre Augen drangen ,zu trocknen.
Benrd ließ ihr seine ganze Verachtung zuteil werden, ihn hatte sie durch ihre Unbeherrschtheit für immer verloren; das fühlte sie, und diese Gewißheit tötete, was sie für Liebe gehalten unb erzeugte ein häßliches Racheverlangen in ihr. Auch ihn unglücklich, von Zorn unb innerer Zerrissenheit getroffen zu wissen, das hätte eine schadenfrohe Befriedigung in ihr geweckt.
Aber Bernds Gesicht spiegelte das wieder, was ihn beherrschte, eine große Freude, eine heilige Begeisterung.
Er spielte Beethoven wie nie zuvor. Sein Spiel war ein Gebet in Tönen, eine Dankeshymne.
Er vertiefte sich mehr unb mehr, vergaß seine Umgebung. Als er geenbet, umarmte ihn die Mutter, der Vater drückte ihm die Hand.
Die Erbgräfin hatte sich unbemerkt hinausgeschlichen. Für ihren musikalisch nicht ausgebildeten Sinn waren diese herrlichen Melodien ein wirres Durcheinander von unverstandenen Tönen. —
Bernd ging in den nächsten Tagen unter einem nichtigen Vorwande auf sein Vorwerk unb richtete sich bort ein.
Er kam täglich zu den Hauptmahlzeiten unb um dem Vater Bericht zu erstatten, ins Schloß.
Aber die langen Abende verbrachte er auf seinem Vorwerk unb schlief auch dort.
Ein Flügel stand dort ohnehin zur Verfügung, seine Bücher ließ er hinausschaffen.
Als die Gräfin-Mutter ihm Vorhaltungen machte, und darauf hinwies, daß es nun einsam sei im Schloß, deutete er darauf hin, daß durch die Anwesenheit der Erbgräfin ja doch Ersatz für ihn vorhanden sei.
Da seufzte die Gräfin und bewegte bekümmert den ergrauten Kopf, und Bernd wußte, daß er sich auch in diesem Falle nicht getäuscht: seine Mutter, welche er so hoch verehrte, fand ebenso wenig Gefallen an dem fremden Eindringling, wie er.
16.
Vor wenigen Tagen noch waren Eisstürme über das Land dahingebraust, und nun, gleichsam über Nacht, hatte der Frühling seinen Einzug gehalten.
Die kleinen Boten des Lenzes schienen nur darauf gewartet zu haben, daß sie ihre blauen unb gelben Köpfchen hervorstrecken durften; sie machten sich überall breit, auf dem Rasen, im Moose, unter welken Blättern schauten sie hervor unb verbreiteten so süßen Duft, daß leise Sehnsucht auch bas verstockte Menschenherz erfüllt.
Bernb kam in langen Stulpstiefeln, in der Wetter- joppe unb Schlapphut, bas Gewehr über ber Schulter vom Felde.
Er wollte zum Schlöße hinauf, um die Enkelin zu begrüßen, ein Pferd satteln zu lassen unb bann nach seinem Heim, dem Vorwerk, hinüberzureiten.
Da sah er eine Dame, zart unb überschlank vor sich, bie ganz in den Anblick des Schlosses, den es von dieser Stelle aus bot, versunken zu fein schien.
Der Weg zur Hohe hinauf war hier ziemlich steil, doch in bestem Zustande. Das Schloß selbst bot tatsächlich einen herrlichen Anblick.
Um die graue Mauer rankte sich meterhoch grüner flE£*" Hohe, alte Bäume und dichtes Buschwerk umstan
den die Grundmauer unb verbeckten sie im Sommer durch üppig wucherndes Unterholz.
Jetzt war der ganze Naturfchmuck noch unvollkommen, noch im Werden begriffen, aber die Weitzdorn- hecken dufteten und schimmerten wie Schnee, und Knospen glänzten, wohin das Auge sah.
Bernd bemerkte, daß weiter unten ein Auto stand. Ohne jede Begleitung schien die Dame zur Höhe hinaus gestiegen zu sein. Sie wandte dem Näherkommenden den Rücken zu unb war so versunken, daß sie ihn offen» bar nicht hört«.
Bernds Auge ruhte jedoch mit Wohlgefallen auf der weichen, schmiegsamen Gestalt, die ihn an Bekannte erinnerte, er wußte nur nicht, an wen.
Er wollte die Fremde nicht erschrecken und blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen.
Sie trug ein lichtes Kostüm von dickem, warmem Winterstoff mit reichlichem Pelzbesatz. Ein gleichfarbiger Filzhut mit weißem, wehendem Schleier vervollständigte den Anzug.
Der Eindruck des Eigenartigen, Fremdartigen feffette Bernd. Auch er war nun ganz ins Schauen versunken.
Da wendete sich die Dame unerwartet ihm zu, und nun vergaß er fast, den Hut zu ziehen, so verblüfft war er.
Die Fremde dort sah ja der Gräsin-Mutter, ober vielmehr bem Porträt derselben, bas die Gräfin in ihrer Jugend zeigte unb im Ahnensaal hing, so ähnlich, baß man hätte glauben können, die holdselige, zwanzigjährige junge Gräfin sei aus dem Rahmen getreten.
Die junge Dame — ihr liebliches Gesicht wies die Spuren überstandener Krankheit auf — erwiderte feinen Gruß mit schlichter Höflichkeit.
Wie von einem Zauber umfangen trat Bernd näher zu ihr heran unb sagte: „Das Schloß scheint Sie zu interessieren, meine (Bnäbige! Aber Sie müßten es tm Sommer sehen, wenn alles blüht unb grünt. Es wäre eines Dornröschens würdig, aber leider — beherbergt es feines, viel eher eine böse Fee."
„Ach —?* machte die Fremde und zeigte lächelnd ihre gleichmäßigen weißen Zähne. „Wem gehört das Schloß?"
„Dem Grafen Herrenstammburg."
Jetzt tarn Bewegung in die leichte ,zarte Gestalt; sie trat dicht zu Bernd heran. Der Purpur der Erregung wallte in das leicht gebräunte Gesicht. „Gibt es wohl eine Nebenlinie der Herreustammburg?" fragte sie hasti» (Fortsetzung folgt)