Fuld a er Z er tun g
Anzeiger für die Stabt und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Nr. 77.
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Samstag, 2. April 1927.
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Zahrg.54.
ßnischeibillWunde jür Die WM UmnzvolttiK.
Die 5reitag5fitzung der Reichstags. — Scharfe Spannungen. — Der preußische Minister-Präsident rüst den Staatsgerichtshos an?
Zum Zwecke der Balanzierung des Reichshaushalts und zum Ausgleich des infolge der Mehrforderungen der Reichstagsparteien für soziale und sonstige Zwecke entstandenen Defizits ist nunmehr im Haushalt der Allgemeinen Finanzverwaltung das Aufkommen an bestimmten Steuern wesentlich erhöht worden. Unter anderem sollen die Erträge aus der E i n k o m m e n st e u e r und zwar aus Lohnabzügen, aus dem Steuerabzug vom Kapitalertrag u. a. statt der vorgesehenen 2,4 Milliarden nunmehr bringen 2620 Millionen Mk.
Außerdem wird die K ö r p e r s ch a f t s st e u er, die mit 350 Millionen Reichsmark im Entwurf vorgesehen war, um 50 Millionen, nämlich auf 400 Millionen Mark, erhöht.
Neu werden in den Etat eingestellt an U e b e r- s ch ü s s« n aus dem Rechnungsjahr 1926 200 Millionen Mark und aus der Rücklage zur Verstärkung der Betriebsmittel der Reichshauptkasse, dem sogenannten Betriebsmittelfonds, 190 Millionen Mark. Damit wird der gesamte Betriebsmittelfonds zur Balanzierung des Reichshaushalts zur Verfügung gestellt.
Im Haushalt der Allgemeinen Finanzverwaltung ist ein neuer Titel unter der Bezeichnung Mehrbedarf aus Anlaß der Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses (Ortszuschläge) Eingestellt und mit 60 Millionen Mark ausgestattet worden.
Der Steuerausschutz hat den Gesetzentwurf über die Hinausschiebung der Bindung einzelner Länder und Gemeinden an die nach dem Reichsbewertungsgesetze festgestellten Einheitswerte unverändert angenommen.
Die Erörterungen, die bei dieser Gelegenheit über die Steuerverhältnisse, insbesondere über die Steuerbeitreibungen und die Schwierigkeiten der Steuereinziehungen im Ausschuß gepflogen worden sind, haben dazu geführt, daß der Ausschuß dem Reichstag folgende Entschließung vor-
„die Reichsregierung zu ersuchen, alle gesetzlichen Mittel anzuwenden und eine gleichmäßige Bewertung der Vermögensobjekte durchzuführen und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, auch strafrechtlichen, gegen solche I n- teressenvertretungen vorzugehen, die die pflichtmähige, freie Entscheidung der Mitglieder der Grundwertausschüsse und Oberbewertungsaus- schüsie gefährden."
Erklärungen des Finanzministers.
Den hier schon mitgeteilten bedeutsamen Erklärungen des Zentrumsabgeordneten Dr. D e s s a uer zur Frage des Dawesplans, die in der Vormittagssitzung des Reichstag Donnerstag erfolgten, schlossen sich die Sprecher der anderen Parteien zum Kriegslasten-Etat im großen und ganzen an. Der Kriegslasten-Etat wurde unverändert angenommen. Kommunistische Abänderungsanträge wurden abgelehnt. Kurz vor 1 Uhr trat dann die vorgesehene Pause ein.
In der Nachmittagssitzung wurde die zweite Lesung des Etats des Finanzmini st eriums in Verbindung mit dem Etatsgesetz begonnen.
Abg. Simon-Echwaben (Soz.) beantragt Abschaffung der Zuckersteuer, Besteuerung der Spekulationsgewinne und Erhöhung der Erbschafts- und Vermögenssteuern. Die Steuerrückstände müßten unter Schonung der kleinen Leute rücksichtslos beigetrieben werden.
Abg. Dr. Gercke (Dnatl.) befürwortet einen A b - bau der jetzt 10 Prozent betragenden Zinsen für Steuerrückstände. Er wendet sich gegen die sozialistischen Angriffe, die der Landwirtschaft Steuersabotage vorwerfen.
Abg. Dr. Scheiter (Ztr.) erklärt, Steuerrückstände bi» 1924 sollte man niederschlagen. Allerdings sei das Lohnsteueraufkommen neunmal so hoch gewesen wie da, aus l a n dw i r t s ch a f t l i che r Einkom- menlteuer. Da» fei jedoch auf den Rückgang der Ren- tabilltät der Landwirtschaft zurückzuführen gewesen. Von allgemeiner Steuerdrückebergerei in der Landwirtschaft könne man jedenfalls nicht sprechen. Die von den De- mokraten verlangte Einkommensteuer-Veranlagung nach dem dreijährigen Durchschnitt lehnt der Red- ner, weil die Zeit dafür noch nicht reif fei, ab. Die von den Demokraten ferner verlangte landwirtschaftliche Ein- heitssteuer würde den individuell verschiedenen Derhält- niflen in der Landwirtschaft nicht gerecht werden.
Abg. Dr. Er e m e r (D. Vp.) bezeichnet diesen Etat a!» das Schlußangebinde des vorigen Finanzministers. Die schwierigere Aufgabe habe dieser seinem Nachfolger überlassen.
Abg. Dietrich-Baden (Dem.) empfiehlt den Antrag feiner Fraktion, die Landwirtschaft nach vereinfachtem, einheitlichem System zu besteuern. Der Redner beantragt ferner die Einführung des dreijährigen Durchschnitts für die Einkommensteuerveranlagung.
Reich»flnanzminister Dr. Köhler:
Das Jahr 1927 soll eine durchgreifende Vereinfachung in sachlicher und personeller Beziehung bringen. Sie muß leider mit einer Vermehrung der Veran- lagungs- und Vollstreckungsbeamten beginnen. Die Rück stände von mehr als 500 Millionen (Hört, hört!) sollen un bedingteingetrieben werden, allerdings unter Rücksichtnahme auf die Bedürftigen. Die Ein- Ziehung der Rückstände sind wir aber den Lohnsteuerpflichtigen schuldig, die ihre Steuern regelmäßig abführen müssen. Die Zahl der Steuerämter werde ich nn Einvernehmen mit den Ländern wesentlich v e r mi n- dern. Die_ einzelnen Vorwürfe gegen Finanzämter ^rde ich prüfen. Ich wende mich aber entschieden g e- 9 e " D e rallge Meinerungen. Die Durchführung der Emheitsbewertung war schwer. Da ist es kein Wunder, daß Mißgriffe oorkamen. Steuersabotage
ist in einzelnen Gegenden tatsächlich vorgekommen. (Hört, hört! links.) Ich habe daher in den letzten Tagen verschiedene Strafanträge gestellt. (Erneutes hört, hört! links. Beifall bei der Mehrheit.)
Nachdem verschiedene Redner noch Einzelwünsche vorgebracht haben, vertagte sich das Haus auf Freitag 10 Uhr.
Grotzkampf am Freitag.
VDZ. Berlin, 1. April. (Eig. Funkm.) Auf der Tagesordnung des Reichstags am Freitag steht der Finanzausgleich in Verbindung mit der Erhöhung der füddeutfchen Biersteueranteile, der Hauszinssteuer und dem Etat der allgemeinen Finanzverwaltung. Abg. Graf Westarp (Dnatl.) erklärt namens der Regiernngspar- t e i e n, diese begrüßten den entschlossenen Willen des Finanzministers, bei der zukünftigen Gestaltung des Reichshaushalts, eine größere Klarheit und E i n fa ch h e i t herbeizuführen. Die Schwierigkeiten, die sich bei der Etatsbalanzierung und beim Finanzausgleich ergeben, feien gewaltig. Die Auswirkungen der Steuersenkungen von 1925 und 1926 hätten sich erst in den letzten Monaten vollständig gezeigt. Die Reparationslasten machten sich in immer steigendem Maße fühlbar.
Das Volk habe noch nicht den vollen Ernst der finanziellen Lage erkannt. Die Regierungsparteien hielten es,_ so führte Graf Westarp aus, für ihre Pflicht, nach- drücklich auf die Tragweite dieser finanzpolitischen Situation aufmerksam zu machen und darauf hinzuweisen, daß auf die Dauer das deutsche Volk die gegenwärtigen hohen Steuerlasten angesichts der Kriegs- und Jnfla- tionsverluste nicht tragen könne (Sehr richtig! bei der Mehrheit). Weitere Steuersenkungen seien der Wunsch der Regierungsparteien gewesen (Lachen links). Diese Wünsche hätten aber bei der Etatslage rurückgestellt werden müssen. Man habe die populärere Reichssteuersenkung vermieden und wolle durch höhere lieb er- weisungen den Ländern und Gemeinden die Möglichkeit zur Senkung der Realsteuern geben, die die Wirtschaft am schwersten träfen. Durch Ausdehnung des Finanzausgleichs auf 2 Jahre falle den Ländern und Ae. meinden eine solidere Etalsgeüai;rua>i errppAticht werden. Ferner fordern die RegleMiäspÄ.:?Ien efri'Re.hs- rcchmengesetz für die Real- und Houszinssteuern. Die Gemeindegetränkcsteuer haben sie für Wein und Branntwein beseitigt. Damit hätten sie den Wünschen weiter Erwerbskreise Rechnung getragen Für Bier sei die Getränkestruer aufrecht erhalten, um eine stärkere Anspannung der yealfteuem zu ersparen. Die Erhöhung der Biersteuerant'ile für die süddeutsch en Länder halten, die Regierungsparteien für innerpolitisch und finanziell begründet. Sie glauben, daß sie mit einfacher Mehrheit beschlossen werden kann. Zum Schluß macht die Erklänmg der Regierungsparteien darauf aufmerksam, daß die letzten Etatsreserven, nämlich der Betriebsmittelfonds in Höhe von 190 Millionen und die lieber« schlisse aus 1926 mit 200 Millionen, zur Deckung des Etats herangezogen werden und trotzdem eine Reihe dringender Wunsche zurückgestellt werden mußte. Die Parteien hoffen, daß es möglich fei, die große Verwaltungsreform für Reich, Länder und Gemeinden nach einheitlichen Gesichtspunkten recht bald durchzuführen. (Beifall bei der Mehrheit).
Der Protest der Länder.
Preußischer Ministerpräsident Braun erinnert an die Bestimmung des Biersteuergesetzes, daß Aenderrlngen dieses Gesetzes nur mit der für Verfassungsänderungen vorgeschriebenen qualifizier tm Mehrheit erfolgen sollen. Hiernach stehe fest, daß bei der Verabschiedung dieses Gesetzes eine Zweidrittelmehrheit sowohl im Reichstag wie im Reichsrat erforderlich sei. (Sehr richtig! links.) Hinzu kämen noch allgemeine Bedenken der preußischen Regierung gegen den Sonderausgleich für einzelne Länder. Zu diesem Zwecke solle der Reichshaushalt für dauernd mit rund 40 Millionen mehr belastet werden zu Gunsten von Ländern, deren Finanzlage nicht wesentlich ungünstiger sei als die der anderen Länder. Dagegen wolle man die Hilfe für die durch den Kriegsausgang besonders betroffenen Grenzgebiete ganz ausfallen lassen. Dadurch werde gegen den Gmndsatz der gleichmäßigen Behandlung aller Teile des Reiches verstoßen. Ein solches Vorgehen müsse in den durch den unglücklichen Kriegsausgang schwer betroffenen Gebieten berechtigte Erbittemng auslösen. Die preußische Regierung erhebt deshalb entschiedenen Widerspruch gegen diesen Finanzausgleich. • ’ __
Sächsischer G esandter Dr. Gradnauer erklärt: Durch diesen Finanzausgleich solle einzelnen Ländern, darunter Sachsen, ein Teil der Einkommen- und Körperschastssteuer weggenommen und anderen Ländern zugeteilt werden und zwar schematisch ohne Rücksicht auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der anderen Länder. Sachsen habe infolge seiner starken Bevölkerung und seiner Industrie höhere Aufgaben sozialer Art, solle jedoch an Preußen und Bayern Unterstützungen abführen, obwohl Preußen sie ablehne und B a y e r n wesentlich günstigere Lebensbedingungen habe als Sachsen. Die sächsische Regierung spräche in letzter Stunde die Erwartung aus, daß der Reichstag seine Hand zu Maßnahmen solcher Art nicht biete.
Abg. Dr. Herz (Sozialdem.) beantragt auf Grund dieser Erklärung, das Gesetz über die Erhöhung der süddeutschen Biersteueranteile an den Ausschuß zurückzuverweisen. Für den Antrag werden 117, gegen den Antrag 128 Stimmen der Regierungsparteien abgegeben. Das Haus ist also beschlußunfähig.
Vizepräsident Graes beruft ein« neueSitzung auf eine Viertelstunde später.
Berlin gegen den Finanzausgleich.
Im Berliner Rathaus fand eine gemeinsame Aussprache des Magistrats, der Vertreter der Berliner Wirtschaft und der Berliner Landtagsabgeordneten über das dem Landtag vorliegende Ausführungsgesetz zum Finanzausgleich statt. Die Berliner Industrie» und Handelskammer, die Berliner Handwerkskammer und die Gewerkschaften ließen, laut , B. T.", keinen Zweifel darüber, daß die gesamte Berliner Wirtschaft, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, es nicht verstehen könnte, wenn jetzt auch bei der Verteilung der Einkommensteuer und Körperschaftssteuer eine Verkürzung des Berliner Steueranteils beschlossen werden würde, die noch über die Regierungsvorlage hinausgeht. Schon der Gesetzentwurf bedeute praktisch, daß von der Berliner Einkommen- und Körperschaftssteuer mehr als 20 Millionen an andere Gemeinden abgeführt werden. Dies sei bereits eine schwere Benachteiligung, weil bisher der Grundsatz unangefochten war, die Einkommensteuer nach dem örtlichen Aufkommen zu verteilen. Eine noch weiter aehende Verkürzung sei für die Berliner Wirtschaft untragbar.
* kardinal Gasparris SOjähriges Priester-Jubiläum. Kardinalstaatssekretär Gasparri las zur Feier seines 50jährigen Priester-Jubiläums eine stille Messe in der poalinischen Kapelle des Vatikans. Zahlreiche Prälaten und Würdenträger des päpstlichen Hofes wohnten der schlichten Feier bei. Große Feierlichkeiten werden erst im Mai stattfinden. ______
* Aus dem österreichischen Ralionalral. Der Nationalrat nahm die Vorlage über das Nachlah- und Dormundschaftsabkommen mit dem Deutschen Reich an.
Die Lage in China.
Nach einem Telegramm aus Schanghai vorn 31. März, das im Ministerium des Auswärtigen eingetroffen ist, haben die Amerikaner und Engländer Befehl erhalten, das obere Jangtse- tal zu räumen.
Die letzten Berichte aus China, die in London eingetroffen find, deuten auf eine Verschärfung der Lage hin. Die Meldung, daß die Mächte an t)ie Kantonbehörden aus Anlaß der Vorgänge in Nanking mit Forderungen herantreten wollen, wird im Zusammenhang mit der Tatsache, daß der Sekretär für den Krieg, Washington Evans, eine Unterredung mit Chamberlain hatte, viel beachtet. Es wird berichtet, daß bereits ein Entwurf von Wiedergutmachungsforderungen formuliert worden sei, und daß auch dir Schritte für den Fall einer Ablehnung der Forderungen erwogen wurden.
Die tschechische Wehrvorlage.
Das Abgeordnetenhaus in Prag hat als sechste Militärvorläge das Gesetz über das jährliche Rekrutenkontingent, über die Ersatzreserve und über einige Aenderungen des Wehrgesetzes in zweiter Lesung angenommen. Die Vorlage setzt di? Zahl des jährlichen Rekrutenkontigents mit 70000 fest, während der Rest der Assistierten in die Ersatz- reserve eingereiht wird und eine 12wöchige Ausbildung mitzumachen hat.
Der Club der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten hat beschlossen, gegen die Regierung wegen der Vorlage gegen dieEntziehungdes Soldatenwahlrechts einen Mißtrauensantrags einzubringen.
Ein handels-politifcher Fortschritt.
Die Unterzeichnung des deutsch-französischen Handelsabkommens.
Das Zusatzabkommen zu dem vorläufigen Handelsabkommen und den wirtschaftlichen Vereinbarungen betreffend das Saargebiet zwischen Deutschland und Frankreich ist Donnerstag abend um &45 UPOasn Botschafter v. H ö s ch , Auß«n- minqtel Ärrand und Handelsminister Boka- nowski unterzeichnet worden.
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Der Außenhandelsausschuß des Deutschen Industrie- und Handelstages befaßte sich kurz vor der Unterzeichnung mit dem deutsch-französischen vorläufigen Handelsabkommen. In eingehender Erörterung wurde dem lebhaften Bedauern Ausdruck gegeben, daß es nicht gelungen ist, für die vielen Industrien, die bisher von den provisorischen Vereinbarungen keinen oder nahezu keinen Vorteil hatten,'in der Gesamtheit der qualifizier» ten deutschen Jndustrieakbeit aber einen sehr großen Anteil ausmachen, Zugeständnisse zu erlan- gen. Des weiteren wurde als eine nicht länger zu tragende Zurücksetzung Deutschlands festgestellt, daß die Aufhebung des französischen Einfuhrverbotes für Teerfarben noch nicht erreicht wurde. Das Provisorium erscheine demgemäß ungeeignet, Grundlage eines dauernden Vertragsverhältnisses zu sein. Für das Zustandekommen oder Nichtzu- standekoMmen eines endgültigen Handelsvertrages werde alles darauf ankommen, daß Frankreich sich entschließe, der deutschen Wirtschaft wirklich einen gleichwertigen Güteraustausch mit Frankreich zu ermöglichen, was neben der Einräumung der Meist- begünstigung und neben Tarifoergünstigungen um» angreiche und wesentliche Herabsetzungen der Zoll» ätze des übersteigerten protektionistischen franko ft» chen Zolltarifentwurfes zur notwendigen Voraus» etzung hat.
Im Zusammenhang mit dieser Unterzeichnung melden die Berliner Blätter, daß kurz vorher noch eine Fühlungnahme der Reichsregierung mit Vertretern der Regierungsparteien stattgefunden hat. In dieser Besprechung seien
auch aus den Kreisen der Regierungsparteien ähnliche Bedenken geäußert worden, wie sie in der Kundgebung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie züm Ausdruck gekommen sind. Eine Be- rücksichtigung der Bedenken sei in Anbetracht des fortgeschrittene» Stadiums der Pariser Besprechungen nicht mehr für angängig erachtet worden. Der „D.A.Z." zufolge soll jedoch von der Reichsregierung versprochen worden sein, den Bedenken bis zum Abschluß des endgültig en Handelsvertrages nach Möglichkeit Rech- nung zu tragen.
Das Saargebiet
In der Sitzung des Landesrates in Saarbrücken nahmen die Parteien Stellung zu den Geuse r B e s ch l ü s s e für das Saargebiet. Es wurde anerkannt, daß alles erreicht worden fei, was im Rahmen des möglichen zu erreichen war, und daß das Kompromiß über die Bahnschutztruppe von 800 Mann einen Fortschritt darstelle gegenüber der Tatsache, daß bisher im Saargebiet zirka 3000 Mann französischer Soldaten standen. Volle UebereinstiMmung herrschte auch in dem Bedauern darüber, daß die in der Frage der Ablösung des belgischen Mitgliedes der Regierungskommission Lambert nichts erreicht worden sei. Der zweite Punkt der Sitzung war einer Aussprache über die wirtschaftliche Notlage des Saargebietes gewidmet. Lohn- und Gehaltsabbau im Verein mit schlechter wirtschaftlicher Konjunktur und einer Steuerbelastung, die höher ist als im Reiche, bedrohen das Saargebiet mit einer schweren wirtschaftlichen Katastrophe, die nur durch Erleichterungen in der sozialen Gesetzgebung abgewendet werden könne.
In der Sitzung des Landesrates gab der Vertreter der Regierungskornmission bekannt, daß die Regierungskommission das Abkommen mit der französischen Regierung betreffend die K o h l e n ft e u e r für die im französischen Staatsbesitz befindlichen Gruben gekündigt habe.
Unt das Arbeitszeit-Notgesetz.
Die unter dem Vorsitz des Geheimrats von B o r s i g tagende Mitgliederversammlung der Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände veröffentlicht eine Erklärung, in der es heißt:
Die deutsche Unternehmerschaft steht in schwerem Ringen um den Wiederaufbau und die Produktivität ihrer Betriebe und die Wiederherstellung ihrer Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmärkte. Durch das unmittelbar vor der Verabschiedung stehende Arbeitszeitnotgesetz wird im Zusammenhang mit der Praxis der Schlichtungsbehörden bei der Lohngestaltung zu gleicher Zeit ein Eingriff in die wesentlichsten Produktionsgrundlagen der deutschen Wirtschaft vorgenommen. Darüber hinaus lassen die letzten Beschlüsse über das Invalidenversicherungsgesetz erkennen, daß auch durch die Mehrbelastung von dieser Seite her in die Rentabilität der Preisgestaltung der heutigen Wirtschaft eingegriffen werden soll. Die deutsche Arbeitgeberschaft erklärt nachdrücklichst, daß sie entschlossen ist, im Rahmen der wirtschaftlich möglichen technischen Entwicklung und des fortschreitenden Gefundungsprozesses mit allen Kräften auf dieHebungderLebenshaltung und derKau f- traft der Arbeitnehmerschaft positiv mitzu- wirken. Sie muh aber eine soziale Gesetzgebung ablehnen, die ihre Grundlagen nicht in rein sachlichen, sondern wesentlich auch in politischen Erwägungen findet, die zu den schwersten Beunruhigungen der Wirtschaft und des sozialen Friedens führen muß.
Die Vorstände des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, des Gewerkschaftsringes Deut- | scher Arbeiter und Angestellten, der Beamtenver- I bände und des Afabundes veröffentlichen eine Er- I
klärung, in der ausgeführt wird, daß der neue Entwurf des Arbeitszeitgesetzes von den Gewerkschaften ebenso entschieden abgelehnt werden muß wie der am 26. Februar veröffentlichte Dorentwurf. Während die Gewerkschaften die Wiederherstellung des Achtstundentages fordern, begnügt sich der Regierungsentwurf damit, die Ueberschreitung des Zehnstundentages einzu- schränken. Demgegenüber erklären die Gewerkschaften erneut, daß das Lebensinteresse der Arbeitnehmer und die wachsende Not der Millionen Arbeitslosen fordern, daß einer Verlängerung der Arbeitszeit über acht Stunden täglich mit allen Kräften entgegengetreten werden muß.
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Angesichts dieser widerstreitenden Interessen muß die Regierung einen Ausgleich suchen, der in der Richtung des von den Regierungsparteien erzielten Kompromisses liegt.
Dom Internationalen Arbeitsamt.
Der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes in G e nf hat einen Ausschuß eingesetzt, der die Durchführung der von der internationalen Arbeitskonferenz angenommenen Arbeitskonventionen in den Ländern zu überwachen hat, die diese Konventionen bereits ratifiziert haben. Deutschland ist in diesem Ausschuß durch den bekannten Sozialreformer v. 91 o ft t a vertreten.