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Mr. 75

Donnerstag, 31. März 1927

Jas Kabinett gewahrt keine Subventionen

Kein Rücktritt des Reichswehrministers

Händen sei, könne nicht ein

Notetats und Finanzhaushalt.

fung des

Einige Eng

geworden

Was so wird

Die Reichstagsfraktion des Zentrums befaßte sich dieser Tage in Gegenwart des Reichskanzlers, des Reichsarbeitsministers und des Reichsfinanz­ministers mit sozialpolitischen Fragen, ins­besondere mit den Fragen der Fürsorge für die Kriegsbeschädigten, und ist dabei zu einer einheit­lichen Stellungnahme hinsichtlich der berechtigten Forderungen dieser Kreise gekommen. Ferner bat sich die Reichstagsfraktion mit der Forderung des Reichsfinanzministers bezüglich der Vermehrung der Beamtenstellen in der Reichsoerwaltung zum Zwecke der besseren Erfassung und Veranlagung

nachmittags, solange, bis das Tagespensum er- ledigt ist. Am Donnerstag wird der Etat des Reichsfinanzministeriums und'am Freitag der Fi­nanzausgleich behandelt. Die dritte Lesung des Etats wird erst am Dienstag nächster Woche statt­finden. Infolgedessen muß ein Ermächtigungs- aeseß gegeben werden, das die Reichsregierunq in Stand fetzt, die Zahlungen auch über den 1. April hinaus zu leisten. Am 8. oder 9. April hofft man, in die Osterferien gehen zu können. Bis dahin sol­len aber auch die drei großen sozialpolitischen Ge­setze betreffend Invalidenversicherung, Kleinrentnerfürsorge und Arbeits­zeit erledigt werden. Die Vertagung wird bis

fordert „nationale Gesinnung" als Vorbedingung für die Einstellung in die Reichswehr.

Abg. Dr. Leber (Soz.) ist der Meinung, daß schon ein Fünkchen guter Wille erhebliche Ersparnisse ermög­lichen würde. Wir haben z. B. heute mehr Stabs­offiziere als Leutnants, worüber wir uns frü­her bei südamerikanischen Armee lustig gemacht hätten. Die Ausgaben für Waffen, Munition usw. seien in Deutschland doppelt so hoch, als jenseits des Kanals, ob­wohl wir keine Tanks, keine schwere Artillerie, keine Gas­waffen hätten. (Hört! hört! links.) Es gebe nur eine Erklärung: die Offiziere glauben, heute noch so aus dem Vollen schöpfen zu können wie im Kriege. Da der Minister nicht bremse, müsse es der Reichstag tun. (Zu­stimmung links.)

Reichswehrminister Dr. Gehler

erklärt daraus:

Wenn England für die Bewaffnung 104 Millionen ausgebe und Deutschland 130 Millionen, so liege das daran, daß England, wie die anderen Länder der Entente, große Vorräte an Munition habe. Es ist bekannt, daß z. B. Frankreich einen großen Teil der ungeheuren amerikanischen Munitionsbestände über­nommen hat. England hat ebenfalls einen großen eiser­nen Bestand an Munition. Wir haben diese Bestände nicht, mir mußten eine Unmenge von Munition zerstören und zwar im Werte von % Milliarde. Bis 1926 haben wir auch gar keine Munition ansertigen dürsen. Ein Vergleich mit England ist also unmöglich, dazu kommt

Zur Lage in Lhina.

Reuter berichtet aus Schanghai, daß der Ober­befehlshaber von Schanghai die exterritorialen Rechte aller Engländer in Schanghai' aufgehoben habe und die britischen Behörden infolgedessen alle dortigen britischen Untertanen abbefördert haben.

Die japanische Regierung hat beschlossen, mili­tärische Streitkräfte in China nicht zu verwenden, sondern eine friedliche Vereinbarung auf diplo­matischem Wege anzustreben.

der Steuern beschäftigt. Die Fraktion erkennt die Berechtigung dieses Wunsches des Finanzministers im Interesse der gesamten Finanzwirtschaft, aber auch im Interesse derjenigen an, die, wie die Lohn- und Gehaltsempfänger, ihre Steuern unmitteb bat on der Quelle zahlen müssen. Eine endgültige Entscheidung ist aber noch nicht getroffen.

Das Reichsschulgesetz.

Wie das „B. T." von unterrichteter Seite er fahren haben will, beabsichtigt Reichsinnenministet v. K e u d e l l unmittelbar nach den Osterferien im Reichstag den Entwurf für das neue Reichsschul­gesetz vorzulegen. In den Kreisen der Regierungs­parteien nimmt man an, daß das Gesetz noch v o r dem Beginn der Sommerferien verabschiedet werden kann.

ksergts wünsche.

Der „Lokalanzeiger" veröffentlicht eine Unter­redung mit dem Reichsjustizminister chergt, in deren Verlauf dieser nach Betonung der Notwendigkeit der Herbeiführung ruhiger, gesicherter Ent­wicklung es als notwendig bezeichnete, daß man sich auch in den Parteien der Regierungskoalition ein über die Parteien hinausgehendes Gemein­schaftsgefühl angewöhne^

„Selbstverständlich keine Aufgabe der Grund­sätze, kein Aufgeben der weltanschaulichen Unter­mauerung unserer praktischen Politik! Aber diese so natürliche Koalitionsgemeinschaft, die erst nach so großen Schwierigkeiten zusammengekommen ist, diese Zusammenarbeit der staatsbürgerlich einge­stellten Volksparteien, die die Klassen als solche und ihre Kämpfe ablehnt und jede in sich die verschiede­nen Volksschichten auf eine Gemeinsamkeit in ihren Reihen geeint haben, sie muß sich auf die größere Gemeinsamkeit aller staatsbürgerlich eingestellten Volksparteien stärker einstellen, als das in der Ver­gangenheit der Fall gewesen ist und sein konnte."

die Geschäftslage des Reichstags angeht, von Donnerstag ab der Reichstag zwei Sitzungen abhalten, die eine von 10 Uhr vormit­tags, bis 1 Uhr nachmittags, die andere von 3 Uhr

Deutschland und. die Tschechoslowakei

Bessere Beziehungen?

, , , Pfennig an diesem Etat ge­

strichen werden. Abg. Graf zu Reoentlow (Rat.- Soz.) kündigt die Zustimmung seiner Freunde (Zurufe links: Wieviel sind denn das?) zum Wehretat an und

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Die von einem Berliner Blatt veröffentlichten Enthüllungen über ein deutsch-feindliches offizielles Instruktionsbuch zur Er­ziehung der tschechoslowakischen Solda- t e n haben unter den sudetendeutschen Parteien und in der gesamten Presse große Erregung her­vorgerufen, die sich mit Rücksicht auf den Umstand steigert, daß eben jetzt verschiedene Wehrgesetze, ins- besondere das über die Verlängerung der Militär­dienstzeit mit den Stimmen der deutschen aktivisti­schen Abgeordneten im Plenum der Kammer geneh­migt werden sollen. Auch innerhalb der deutschen Regierungsparteien macht sich wegen des Lehr­buches, das zu einem Teil der Dienstvorschriften der tschechoslowakischen Armee bildet, Erregung be­merkbar und man plant in dieser Angelegenheit eine Interpellation einzubringen.

Aufhebung der MUilärkontrolle in Ungarn.

Zu der Entscheidung der Botschafterkonferenz betreffend die Aufhebung der Militärkontrolle in Ungarn teilt die Havasagentur mit, daß diese Ent­scheidung nicht-bedeute, daß Ungarn alle seine mi­litärischen Verpflichtungen erfüllt habe. Insbeson­dere müsse Ungarn noch die für die Beschränkung der Rekrutierung vorgesehenen gesetzlichen Bestim­mungen erfüllen lassen. Was die Herstellung von Kriegsmaterial anbetreffe, so lasse der Vertrag von Trianon für Ungarn eine Spezialfabrik zu. In dieser Fabrik seien Arbeiten im Gange, die bis zum 15. Mai beendet sein müßten. Bis zu diesem Zeitpunkt werde die Ueoerwachung beibe­halten werden.

wakei ist einmal die Zustimmung der Tschechoslo­wakei zum Anschlußgedanken Oester- r e i ch s und sodann die Regelung der sudetendeut­schen Frage im Sinne der Autonomie. Sind diese Vorbedingungen — durch die Tschechoslowakei — erfüllt, so steht der staatlichen Annäherung nichts im Wege; für andere Jrredenten (Ungarn) braucht sich nach Erfüllung dieser Prämissen die deutsche Politik nicht zu erhitzen.

Aus den Prager Parlament.

Aus Prag wird gemeldet: Im Verlauf der Debatte über die Militärvorlagen im Ab­geordnetenhaus wandte sich der sozialdemokratische Abgeordnete Derer gegen den nationaldemokrati­schen Abgeordneten Spacek, der neulich Deutsch­land und Ungarn als mögliche F e i n de der Tsche­choslowakei bezeichnet hatte. Derer führte aus: Es ist unzweifelhaft, daß Deutschland an internationa­lem Prestige und Macht gewinnt aber keineswegs aufgrund des Militarismus, sondern aufgrund der heutigen Politik Deutschlands, die auf den I d e en des Völkerbundes beruht. Wir glauben, daß es nicht richtig war, wenn hier das Wort fiel, daß unsere Rüstungen in erster Reihe gegen Un­garn und Deutschland gerichtet sind. Unsere Re­gierung hat sicherlich nicht im Sinne, einen Krieg vorzubereiten. Wir glauben nicht, daß Deutsch­land aggressive Absichten gegen die tschechoslowa­kische Republik hat. Solange die französisch-deutsche Freundschaft anhält, solange brauchen wir keine Befürchtungen zu hegen, daß wir in einen Konflikt verwickelt werden.

Aus Einzelheiten könne sich der Reichstag nicht einlassen, er müsse etwa 10 Prozent des gesamten Wehretats streichen.

Der Kgl. Bayerische Major d. L. a. D. Abg. Loibl (Bayer. Vp.) erklärt, seine Partei schließe sich in jeder Hinsicht den nach Form und Inhalt vollendeten Ausfüh­rungen des deutschnationalen Grafen v. d. Schulenburg an.

Abg. Henning (Völk.) ist damit einverstanden, daß Deutschland sich wenigstens in dem in Versailles gezo­genen Rahmen eine kleine Wehrmacht schasse, statt sich jedem kleinen Nachbar wie Polen wehrlos zu fügen. So­lange der Munitionsbestand nur zu 50 Prozent vor­

noch, daß für besondere Zwecke besondere Bewilllgungen in England erfolgen. '■’wWIfcW die chinesische Ex­pedition besonbere'-KreMr-bnwMgt worden, die nicht iw Etat erscheinen. Die Frage, ob wir von unseren Muni­tionsfabriken nicht überteuert werden, ist ein ernstes Problem. Diese Fabriken find ungünstiger gestellt als die Fabriken des Auslandes, weil sie nur für uns ar­beiten und nicht exportieren dürfen. Wir haben genauen Einblick in die Kalkulation dieser Fabriken. Die Verträge stehen dem Reichstag zur Einsicht offen. Die Gewehrpreise sind bereits etwas herabgedrückt worden. Verteuernd wirkt auch, daß wir z. B. nicht die billige Uebungsmunition bei der Marine verwenden dürfen, sondern daß wir scharfe Gefechtsmunition benutzen müs­sen. Der Pferdepreis beträgt durchschnittlich 1400 Mark. Wir mußten der Landwirtschaft anständige Preise zahlen, um nach dem Kriege die Zucht wieder hoch zu bringen. In unserer Ausrüstung stehen wir schlechter da als alle unsere Nachbarstaaten. Die Zahl der Offi­ziere ist nicht zu. hoch. Die Zahl der Stabsoffiziere ist nicht größer als die der Leutnants. Man muß ferner bedenken, daß wir früher große Offiziersre- fernen hatten, aus denen Verluste im Ernstfall ersetzt werden konnten. Heute können wir wohl Leutnants und Oberleutnants aus dem Unteroffizierssiand ersetzen, für die Stabsoffiziere müssen wir die Reserve aber schon im Frieden hoben. Zehn Prozent streichen kann man in einem Etat wie den meinigen nicht. Wenn es nicht mehr möglich ist, die Mittel aufzubringen, mag der Reichstag beschließen: Wir wollen nicht 100000, sondern nur 80 000 Mann. Aber ich kann nicht zehn Prozent kürzen an der Verpflegung, der Unterbringung ober der Kleidung (Heiterkeit) unserer Mannschaften. Der Ausschuß ist auch nicht mit allgemeinen Redensarten ab­gespeist worden. Das hätte sich Herr Stückten garnicht gefallen lassen. (Beifall bei der Mehrheit.)

Abg. Dr. Schreiber (Ztr.) tritt für die Fachschulen der Reichswehr ein. Zufriedenheit und Interesse am Dienst find abhängig davon, daß die Versorgung nach der Dienstentlassung gesichert erscheint. Den aus der Reichswehr Scheidenden sollten Siedlungsmög­lichkeiten geboten werden. Die Bezahlung der Lehrer an den Heeresunterrichtsschulen müsse besser ge­staltet werden. Leider fänden die aus dem Heeresdienst Entlassenen keine Unterkunft im Wirtschaftsleben. Wir würden es aufs schärfste verurteilen, wenn etwa eine ßegitimationstarte von irgendwelchen vaterländischen Verbänden für die Anstellung als Schulleiter verlangt würde. (Sehr richtig im Zentrum.)

Dagegen kritisierte Abg. Sonneberg (Dem.) das Heeresünterrichtswesen. Außerdem erklärte er, daß man am Pferdeetat sparen könne und die beiden neuen Admiräle unnötig seien.

Abg. S ch m i d t - H annover (Dn.) stimmt seinem Vorredner in der Herabsetzung der Pferdezahl bei und erklärt, daß damit allerbings nicht eine Verminderung der Kavallerie verbunden zu sein brauche. Er erklärte sich entschieden gegen das Milizsystem. Die Mißstände dieses Systems zeige das österreichische Beispiel.

Abg. Künstler (Soz.) erklärt die Zustände in den Zeugämtern für skandalös.

Weiterberatung Mittwoch 1 Uhr. Außerdem 3. Le-

wtb. hankau, 30. März. (Eig. Funkm.) Reu­ter. Die Lage der Ausländer, namentlich der Briten, ist infolge kommunistischen Terrors unmöglich geworden. Einige Eng­länder, die sich noch in Hankau aufhalten, blechen in der Nähe des Ufers, um die Stadt im Falle einer Gefahr schnell verlassen zu können. Selbst der amerikanische Konsul ist genötigt, am Ufer zu wohnen. Die gemäßigte Richtung innerhalb der Kuomintang-Partei und auch der Einfluß des Mi­nisters Tfchen sind vollkommen unterlegen Die ausländischen Banken mußten infolge unmöglicher Forderungen des .Personals das Büro schließen.

10. Mai erfolgen. Am 21. Mai hofft man dann die Pfingstferien beginnen zu können.

Der Reichskagspräsident Loede, der nun wieder soweit genesen ist, daß er in seine Wohnung zurückkehren konnte, hat ein handschrift­liches Schreiben an den Fraktionsvorsitzenden der Zentrumspartei von G u e r a r d gerichtet, in wel­chem er ihm dankte für die Anteilnahme während feiner Erkrankung und für die Unterstützung und Hilfe, die ihm in feiner schweren Lage seitens der Zentrumsfraktion zuteil geworden ist.

Kampfe in Spanisch-Marokko.

wtb. Madrid, 30. März. (Eig. Funkm.) Amt- sich wird aus Marokko gemeldet: Eine Vorhut von 400 Mann, die einem kleinen Eingeborenenposten bei Tabenat zu Hilfe eilte, bestand auf sehr schwie­rigem Gelände einen harten, verlu st reichen Kampf, vermochte aber ihren Auftrag, die Auf- ständischen von der Straße nach dem Innern der spanischen Zone abzuschneiden, auszuführen. Es werden Stoßtrupps zusammengezogen, die im Auf­standsgebiet operieren werden. Der Generalstabs­chef der französischen Truppen in Marokko, Oberst Giendre, wird für morgen in Tetuan erwartet, wo er mit dem spanischen Oberkommissar über eine Zusammenarbeit in den beiden marokkanischen Zonen beraten wird. Primo de Rivera erklärte gestern Sestern abend nach dem Ministerrat: Wir haben essere Nachrichten aus Marokko erhalten. Der Oberkommissar teilte uns mit, daß die ihm zur Verfügung stehenden Truppen ausreichten. Im übrigen werden die Operationen einen größeren Umfang annehmen. Der Ministerpräsident be­stätigte sodann, daß eine Zusammenarbeit der spa­nischen und französischen Truppen in Ma- rokko geplant werde.

Spanische Flieger von Marokkanern gefangen genommen.

wtb. Madrid, 30. März. (Eig. Funkm.) Amt­lich wird aus Marokko mitgeteilt, daß ein mit zwei Unteroffizieren besetztes Flugzeug, das gestern zum Kampf gegen die Beni Aros aufgestiegen war, infolge einer Panne bei Dschebelalam nieder- gehen mußte, wo die Insassen von den Eingebore­nen gefangen genommen wurden.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage: .Illustrierte Beilage" und „Buchenblätter'. RotattonSdruck und Verlag der Rulbaer Actienbruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. •x Monatlicher Bezugspreis 1.50 Ml. x

Anzeiger für die Skadk und den kreis Fulda. ülnrkNches krelsblak!.

Aus dem Reichstag wird uns mitgeteilt:

Wie mir hören, hat das Kabinett am Montag die erbetene Subvention für die Mologa - Ge - fellfchaft in Rußland abgelehnt. Das ist geschehen, weil die russische Regierung nicht die­jenigen Zusicherungen zu geben sich bereit fand, die als Voraussetzung für die Gewährung eines sol­chen Kredits angesehen werden müßten. Des wei­teren hat die Regierung aber auch die für dieUfa geforderten Kredite a b g e I e b n t. Somit hat das neue Kabinett feit feiner Tätigkeit noch keine ein­zige Subvention bewilligt. Die ungeheuerlichen Angriffe, die in einem Teil, vor allem der demo­kratischen Presse gegen die Mitglieder des Zen­trums im Kabinett wegen ihrer angeblichen Be­reitwilligkeit, solche Subventionen zu bewilligen, gerichtet wurden, fallen damit vollständig zusam­men. Die Vertreter des Zentrums haben ihre Stellungnahme einzig und allein nach nützlichen, dem Wohle der Gesamtheit gerecht werdenden Ge­sichtspunkten eingenommen.

Es ist ferner zu bemerken, daß, wie wir weiter von gut unterrichteter Seite erfahren, das Kabinett feine Beschlüsse in der Frage des Handelsprovi­soriums vollständig einmütig, also auch unter Zustimmung der Deutschnationalen gefaßt hat. Auch damit erledigen sich bestimmte Angriffe, die in letzter Zeit gegen das Zentrum aus diesem Anlaß gerichtet worden waren.

Die Gerüchte über einen Rücktritt des Reichs­wehrministers Geßler treffen nicht zu. Richtig ist, daß nach dem schweren Schicksalsschlag, den der Reichswehrminister durch den Verlust auch seines zweiten Sohnes erlitten hat, der Wunsch bei ihm vorherrschend war, von den Sorgen der Regie- rungsgeschäfte entlastet zu werden. Eine Entschei­dung ist aber noch nicht getroffen. Sie ist auch für die nächste Zeit nicht wahrscheinlich. Es trifft auch nicht zu, daß im Falle eines Ausscheidens Geßlers der oolksparteiliche Abgeordnete Brüninghaus die Nachfolgeschaft antreten würde. Auch die in parlamentarischen Kreisen umgehende Version, daß für diesen Posten gegebenenfalls der Zentrums- abgeordNete v. Guerard benannt würde, ist nur Kombination, lieber all diese Fragen haben über­haupt noch keinerlei Verhandlungen oder sonstige Aussprachen stattgefunden. Die Art, wie der Reichswehrminister seinen Etat verteidigt hat, hat allgemein einen guten Eindruck gemacht.

Die Fortsetzung der Wehrdebatte.

In der Sitzung des Reichstages am Dienstag wurde zunächst ohne Aussprache das Gesetz über den Notetatin erster und zweiter Lesung ange­nommen. Dann fuhr man in der zweiten Le­sung des W e h r e t a t s fort.

Als erster Redner sprach Dr. Bredt von der Wirt­schaftlichen Vereinigung. Er betonte die Bedeutung des alten Heeres als Erziehungsfaktor und meinte, es sei überraschend, daß so w e n i g von denen, die die Geschicke Deutschlands nach dem Kriege geleistet hätten, Kriegs­teilnehmer gewesen wären. Er fuhr dann fort, zur Verteidigung eines großen Landes sei nur ein Heer ge­eignet, das auf der allgemeinen Wehrpflicht aufgebaut (ei. Ein Vergleich der Kosten der deutschen und der eng­lischen Armee lehnte Bredt ab, da Deutschland für kost­spieliges modernes Kriegsgerät wie Tanks und bergt fc t n e Ausgaben zu leisten hätte. Wenn trotzdem jeder Mann bei uns 4000 Mk., in England dagegen nur 4800 JRart koste, so sei eben die deutsche Reichswehr zu t e u e r. 50r allem sei die Verwaltung viel zu g r v ß. zwangsläufig dürften überhaupt keine Ausgaben fein.

„Nach dem Reisebericht eines zuverlässigen Ge­währsmanns ist man — trotz relativ günstiger Preise — in den verschiedensten Kreisen der Tsche- choslowakei mit der Wirtschaftslage doch sehr un­zufrieden. Die Einengung der früher aus dem Absatz in ganz Oesterreich eingestellten Industrie in ein Heiners Gebiet macht sich immer unlieb­samer bemerkbar. Zudem schließen sich die Nach­folgestaaten fast vollständig durch hohe Zollmauern ab, da sie selber Industrien erdichtet haben oder ihre bereits bestehende Industrie schützen wollen. Man hatte gehofft, daß man das große Ruß­land als Absatzgebiet bekommen werde; daraus wurde nichts, weil die tschechische Regierung bis­her die Sowjetregierung nicht anerkannt hat. Po­len schließt sich gegen die tschechische Einfuhr voll­kommen ab und nach Frankreich besteht seit der dortigen Inflation ebenfalls kein Export mehr, weil die tschechischen Preise zu hoch sind.

Zur Besserung der Verhältnisse bleiben, so sagt man, nur zwei Möglichkeiten bestehen. Entweder man schafft wieder ein das ganze alte Oester­reich umfassendes Wirtschaftsgebiet, in dem die Tschechoslowakei das wirtschaftliche Uebergewicht haben würde oder man tritt in bessere Beziehungen zum Deutschen Reich.

Gegen den ersteren Plan spricht vor allem der Umstand, daß ihn Ungarn unter allen Umstän­den ablehnen würde, da dieses Land in der Lage ist, sich selbst zu ernähren und seinen geringen in­dustriellen Bedarf mit der in den letzten Jahren ansehnlich emporgewachsenen Industrie selbst zu decken.

Es bleibt daher eigentlich nur die zweite Möglichkeit übrig. Mit großer Genugtuung wurde daher die französisch-deu?tche Annäherung verfolgt, da ja die schwierige Lage der Tschechoflo- wakei zu Deutschland größtenteils auf die franzö­sische Bundesgenoffenschaft zurückzuführen ist, was man von Tag zu Tag mehr einsieht. Die Vorteile, die man bisher von der Anlehnung an Frankreich hatte, sind langsam im Schwinden begriffen, und in letzter Zeit drängen die Wirtschaftskreise immer mehr auf bessere Beziehungen zu Deutschland. Man hält dies für keine vorübergehende Ersche'nung, sondern für das erste Anzeichen, daß man erkannt hat, daß sich die Politik des Staates nach feiner Wirtschaft richten muß, nicht umgekehrt, wie dies bisher der Fall ist. Auch deutsche Industrielle und Geschäftsleute in Aussig und Reichenberg waren der Meinung, daß die grundsätzliche antideutsche Einstellung der tschechischen Regierung wohl end­gültig überwunden sei, da man erkannt habe, wie' sehr sie den Lebensinteressen des Staates zuwider- lief, und daß die Tschechoslowakei einfach durch die natürliche Lage in eine Umgebung versetzt fei, in der das deutsche Element politisch und wirtschaft­lich dominierend gewesen sei und wieder zu wer­den unternehme. Hierauf ist auch die politisch be» deutend bessere Einstellung zu den einheimischen Deutschen zurückzuführen, die bei einer kommenden Annäherung an Deutschland die gegebene Brücke darstellen und sich als solche auch schon zu betrach­ten beginnen.

Das Verhältnis er deutschen Politik zum tsche­choslowakischen Staat fällt wohl in den Rahmen der gesamten deutsch-slowakischen Verständigung; ein Gedankengang, der feit dem Berliner Vertrag be­sonders in Belgrad tiefe Wurzeln gefaßt hat.

Eine der Vorbedingungen für eine Annäherung zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslo-