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Beilage zur Fuldaer Zeitung

Für unsere Frauenwelt.

Nr. 69 vom 24. März 1927.

Reue.

Don Melchior Meyr.

Wie süß der Ton der Zither erklingt am nebeligen Morgen!

Sr weckt in mir ein Sehnen nach Glück uni) lieblichen Sorgen.

Des Lebens hold« Freuden sie stehn so licht vor dem Herzen!

da denk' ich der geschwundnen Zeit iit Trauer und Schmerzen.

So wenig Stellen auf weitem Gebiet, die freundlich mir lachen Ich hätte können glücklicher sein und glücklicher machen.

Mode im Frühling.

Don Emmy F i c u s-Frankfurt a. M.

Neuartige Sloffgewebe.

Eigentlich haben nur die Namen und Bezeichnungen der neumodischen Gewebe gewechselt, Art und Qualität sind die gleiche geblieben! Was sich heute Erepe satin nennt, hieß vormals Charmeuse und zeigt heute noch den gleichen weichfließenden Seidenglanz in erlesenen schönen Farbentönen. Die neue Crepe Delontine gleicht der früher beliebten Eolienne, ihr ist, gleich der Ben­galin«, ein Schuh Baumwolle betgegeben, auch über­wiegt hierbei die Verarbeitung von Kunstseide. Otto­mane wird für Mäntel und Hüte verarbeitet. Als Stoff für elegante Jackenkleider tritt Crepe Mongole auf den Plan, Crepe de Chine und Georgette bleiben führend, einfarbig oder mit Blumenbuketts, Bordüren ober Ran­ken bedruckt. Auch in Seidenbändern gibt es entzückende Neuheiten: glänzend gewachstes, ombriertes oder bedruck­tes Lackband, ferner Lederband, welches jede Abart von Reptilienleder täuschend in Seide nachahmt. Man ver­wendet es hauptsächlich für Besätze und Gürtel.

In Wollfachen beherrschen Kascha und Shetland die Mode, beides sind leichte, weiche, praktische Gewebe für Mäntel und Jackenkleider, dem englischen Flanell ver­gleichbar, etwas porös und mit einem Spritzdefsin, nicht teuer, imprägniert und strapazierfähig. Compofe nennt man die Zusammenstellung von glatten und tarierten Wollstoffen, Kammgarnen, Jacquard und Givrine-Ca- chemire. Auch Wollrips und Seidenrips bleiben mo­disch, ebenso Schattenrips, Charmelaine, Royal und Ar- tnure.

Führende Farben.

Don allen angekündigten Farben der Frühjahrssaifon 1927 setzen sich folgende Töne endgültig durch: Alumi­nium (Silbergrau), Biskuit (Gelblich blasses Rosa), Por­zellan, Marine, Schwarz und Blond. Es besteht also eine reiche Auswahl für jedes Kolorit und jedes Tem­perament!

Silbergraue Crepe-Satinkleidchen zeigen blaßrosa Aueputz, (Schulterschleifen, Westen, Echarpes oder Blen­den), ebenso die schwarzen Kleider. Immer vornehm wirkt die schon so oft totgesagte, immer wieder auf­lebende Schwarz-Weiß-Mode. An weißen Wollkom­plets leuchten schwarzweiße Westen, flattert wenigstens eine schwarz-weiße Schleife. Schwarze Jackenkomplets

find mit Besähen aus schwarz-weißem Fell, Leder ober Lackband garniert. Zu weihen Jumperblusen aus Rips ober Atlas trägt man die schwarze Kravatte.

Marineblau wird mit Kardinalrot, Aluminium ober Biskuit ausgeputzt. Die Hutfarben harmonieren ent­weder mit Kleid und Bluse, ober aber mit Schal, Man­tel unb Schuhwerk. Der Hut aus Raupenhelm, Tür- kenfes ober umgestülpter Papierkorb wird reich mit Blumen und Band garniert und wiederholt, ab­getönt, die Farben des Anzugs.

Zuweilen trägt man unabhängig von der Toilette einen durchaus abstechenden Hut: Zum biskuitfarbigen Komplet eine pastellblaue Filz-Capeline mit mattrot abgetönter seitlicher Blume. Zum fiibergrauen Mantel ein bischofslila Beilchenbarett. Erlaubt ist, was gefällt, was kleidet!

Garnitur und Ausarbeitung.

Drapierung und Abschluß des Rocks durch Blenden, Säume, Plissees oder Spitzen sind unerläßlich. Die Nachmittagskleider zeigen plissierte Vorderteile, die Rückenbahn bleibt glatt. Die Vorderfront ist kürzer ge­halten als die rückwärtige Partie.

Sehr beliebt ist der breite Spitzenvolant ober bas eingefügte Motiv am Rock solcher besseren Kleider. Die Spitzen sind zudem durchaus führend: Spitzeneinsätze und Spitzenpassen werden im Ton des Kleides eingefärbt. Dunkle Seidenkleider stattet man mit weißen ober blon­den Westchen, Kragen, Manschetten und Aermelpuffen aus Spitzen aus. Offene, bogige Bolerojäckchen aus Spitzenstoss werden über farbige Samtkleider gearbeitet.

Einfach und billig, ober stets nett und schick macht sich der Ausputz an Strahenkleidern durch Säumchen, Bisen ober Hohlnähte. Mäntel unb Jackenkleiber zei­gen eine neuartige Anorbnung von Quersäumchen-Par- tien, vom Gürtel begrenzt. Aus Bisen werden kunst­volle Muster gesteppt oder gebrannt. Auch die erwei- terten Aermel bringen abgenähte Säumchen.

Der Hohlsaum wird nur in Handarbeit und einzig an besseren Kleidern verwendet, ebenso an Leibwäsche unb Sommerkleibern.

Kleid und Tackenkiomplel.

Das im Vorjahr bevorzugte Mantelkomplet wird heuer durch das Jackenkomplet abgelöft: Also Rock, Jacke und Bluse, ober Jacke unb Kleib. Röcke unb Jacke sind zumeist in Herrenschnitt ober englischem Stil gehal­ten; ber Rock ist auf beiden Seiten in Hohlfalten gelegt, die Jacke ist kurz, mit ausgesteppten Taschen unb Gür­tel, sowie abstehendem Seidenschal. Die Mäntel haben breiten, seitlichen Ueberschlag und Seberbtenben, Lack- banbborbüren ober aufgesetzte Plisseeranken.

Zu braunen Jacken trägt man gestreifte ober tarierte Röcke, zu weißen Röcken dagegen blaue, schwarze ober rote Jacken.

Das Nachmittagskomplet aus Selbe zeigt einen wei­chen, weiblichen Hang zu Ausputz, Garnierung und zu Schmiegsamkeit.

In seidenen Strickwebereien gibt es reizend jugend­liche Modelle in lichten Farben, zumeist Plisseeröckchen und Jumperblufen mit angeschnittenen Schals ober seit­lich befestigten Schulterschleifen, anstelle der vulgär gewordenen Ansteckblume.

Zum Abend bevorzugt man das Stilkleid in jeder Aufmachung, aus jedem Material und aus jeder Epoche.

Die Butter im Altertum.

Von Dr. H. 0 b e r l i e s-Würzburg.

Die Butter ist ein uraltes Nahrungsmittel. Welcher Mensch allerdings frische Butter zuerst gekostet hat unb wo dieses war, wissen wir nicht. Sicher ist jedenfalls, dah nicht Uebertegung, sondern der Zufall den Men­schen darauf brachte, aus Milch Butter zu bereiten. Wir wissen, daß die Menschen, nachdem sie in grauen Vor­zeiten als Jäger und Fischer von Wald zu Wald und von Gewässer zu Gewässer gezogen waren, durch Acker­bau unb Viehzucht seßhaft geworben sind unb bomit auch in ben Genuß von Milch traten. Die ältesten Nach­richten über Butter berichten von einem roilben germa­nischen Reitervolk, ben Skythen, bie in ben Steppen nördlich des Schwarzen Meeres hausten, daß diese But­ter aus Stutenmilch bereitet hätten. Es ist nun immer­hin denkbar, daß die Skythen auf ihren wilden Ritten durch die Steppen, die wasserarm waren, auch Milch in Lederschläuchen oder anderen Hohlgefäßen mitgeführt haben. Durch das Geschütteltwerden während des Rit­tes mögen sich kleine Stückchen Butter gebildet haben, die bann der Skythe, als er durstig den Lederschlauch ansetzte, zuerst mit Unwillen bemerkt und als störend für feinen Durst empfunden haben mag bis er ober Klügere die Köstlichkeit dieser Butterstückchen erkannten, wodurch Butter bald zu einem sehr beliebten Nahrungs­mittel wurde. Die Butter als Nahrungsmittel kommt sicher aus dem Norden, was ja auch schon die dort herr­schende kühlere Temperatur nahelegt. Auch alle Nach­richten führen nach dem Norden. Die Sythen, Thra­ker, Kelten und alle ©ermanenftämme bereiteten But­ter. Der Orient dagegen, bann die Griechen und Rö­mer, verwendeten statt ihrer wie noch heute in Italien das Del, während sie Butter nur zum Salben ober vor allem zu medizinischen Zwecken nahmen. In Pfahl­bauten und auch sonst fand man Hohlgefäße aus Ton ober Holz, ferner Rinbengefäße unb Leberschläuche, da- zu Quirle zur Butterbereitung. Letztere waren Holz- stämmchen von 2030 Zentimeter Länge, beren kleine Aeste bis auf den untersten, der auf wenige Zentimeter gestutzt war, abgestreift waren. Dann gab es damals schon Stoßbutterfässer und weiterhin flache Schalen mit breiten, meist hölzernen Rührscheiben. Die Skythen, wie schon erwähnt, schüttelten bie in Hohlgefäße geschüt­tete Milch von Stuten, bis sie aufschäumte und das leichtere Fett oben schwamm, während die dicke schwere Masse nach unten sank, die bann getrocknet unb zu Pferdequark verarbeitet wurde.

Meist wurde auch schon damals die Butter aus Kuh­milch gemacht; doch auch noch sehr viel wenigstens in manchen Gegenden aus Schaf- und Ziegenmilch; weniger dagegen aus Stuten- und Eselsmilch. Es ist nicht mehr festzustellen, ob man damals nur den Rahm ober bie ganze Milch zu Butter verarbeitet hat er­steres ist wohl das wahrscheinlichere. Im Winter wurde bie Milch vor der Butterbereitung angewärmt.

Butter war schon damals sehr beliebt unb galt als Zeichen von Wohlhabenheit, ba nur Reiche Kühe be­saßen, Arme aber mit Schaf ober Ziege sich begnügen mußten. Immerhin war die Butter, zumal in wär­meren Ländern, nicht ausschließlich Nahrungsmittel. In Indien z. B. brauchte man sie zur Heilung verwundeter Elefanten; Griechen und Römer dagegen machten aus ihr Salden. So ist Butter in dem bekannten Kochbuch

des Apicius nicht genannt, dagegen oft in medizinischen Werken jener Zeit. Es ist ergötzlich zu lesen, wogegen Butter gut und heilsam war. So galt Butter für ein erweichendes und Geschwüre fällendes Mittel", zumal bei Frauenkrankheiten. Erlitt jemand einen Schädel- druch, so dah die Hirnhaut zu einem Geschwulst aus­wuchs, so trieb man dieses mit in Butter zerriebenen Weinblättern zurück. Gegen die Ruhr verordnete man eine Klistier von Rosenöl und Butter. Gegen Lungen­geschwüre gab man Butter mit Honig, gegen Husten But­ter mit Speltmehl vermengt. Frische Butter gab er gegen Qhrenleiden und vor allem gegen das Anschwel, len des Zahnfleisches beim Zahnen der Kinder. Zu all diesen Zwecken wurde die Butter meist heiß zerlasse» und wirkte dann ähnlich heilend wie «armes Del.

Die Frau in der Mche.

f. weißbohnensalat. (Fastengericht.) 6 Personen. 2 Stunden. 500 Gramm beste, große, weiße Bohnen »et- den verlesen, gut gewaschen, über Nacht in Wasser ein­geweicht und in gleichem Wasser, dem man ein Eträuß. chen Suppengrün, eine Zwiebel und etwas Salz beige­fügt hat, auf gelindem Feuer langsam weich gekocht. Dann werden sie durch ein Sieb gegossen und gleich, so­lange die Bohnen noch heiß sind, mit feinem Del, mil­dem Essig, 10 Tropfen Maggis Würze, Salz unb Pfef» fer gemischt, gut damit durchgeschwenkt unb in einer Schüssel angerichtet. Man kann entgrätete, in Streife» geschnittene und gewässerte Salzheringe dazu reichen.

Frauen-Zeitschristen.

Guten Kaffee bereiten zu können, ist der Stolz der Hausfrau. Die Methoden der Herstellung sind in jedem Haushalt verschieden. Immer neue Kaffeemaschinen kom­men auf den Markt, und es ist nicht leicht, für jeden Haushalt das geeignete System herauszufinden. Ein Artikel in der ZeitschriftDer Bazar" erleichtert ben Hausfrauen die Wahl. Paul Böhnke plaudert über Kaffeemaschinen" verschiedener Art, erwähnt ihre Vor- teile und Nachteile, spricht von der Zubereitung unb von den Eigenschaften des Kaffees, die beim Kochen nicht verloren gehen dürfen. Gute Bilder von neuzeit­lichen Kaffeemaschinen ergänzen den Text.

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Da mußte schon einer wachen, damit nicht alles drun­ter und drüber ging. Und er begann sich einzureden, daß er mit dem, was er getan, ganz im Sinne des Verstorbenen handle.

.Herr Stamm wußte, daß er mir vertrauen konnte", sagte er ernst,er wußte, daß ich nur Ihr Bestes, Ihr Allerbestes will, Ellinor, sonst wäre diese mich ehrende Auszeichnung unterblieben. Mich aber macht es glück­lich, daß Herr Stamm noch in seiner letzten Stunde Ge­legenheit nahm, mir einen hohen Beweis seines Ver­trauen» zu geben, und ich gedenke dieses, sein letztes Vermächtnis, heilig zu halten. Er klärte mich auch über feine Herkunft auf und ich weiß, daß Sie, Ellinor, aus gräflichem Geblüt stammen."

Worttos drückte ihm Ellinor die Hand. Auch sie sagte sich in diesem Augenblick, daß ihr lieber Vater durchaus nicht unverständlich gehandelt habe, sondern nur von dem Wunsche geleitet worden fei, noch besser und um­sichtiger für ihre Zukunft zu sorgen als es bisher ge­schehen.

Sie hätte Scheele nun wohl bitten mögen, ihr den Kasten mit seinem Inhalte jetzt auszuhändigen, doch bie Stunde zu einer solchen Bitte schien ihr schlecht ge- wählt.

Ihr Freund war so durchdrungen von feiner Mis- sion, sie zu hüten unb zu schützen, daß es ihr pietätlos vorgekommen wäre, wenn sie jetzt eben den Kasten zu- rückgefordert hätte.

Scheele sagte:Ich gehe mit Ihnen nach Europa, Ellinor! In die Hand hab ich es Ihrem Vater geloben müssen. Sie nicht allein reifen zu lassen. Ich habe be­reits meine Vorbereitungen getroffen. Auf ein Jahr bin ich abkömmlich. ... Ich muß Ihrem Vater ja auch rechtgeben: Sie können einen männlichen Beistand bei Geltendmachung Ihrer Rechte dort drüben nicht entbeh­ren. Wer kann wissen, welche Hindernisse Ihnen ent» ßegentreten? Ich bin auf alles gefaßt und gewappnet."

»Ach. Scheele," sagte Ellinor mit Ueberaeugung, B»enn ich Sie nicht hättet"

Sie kam sich jetzt wirklich so klein und ohnmächtig vor, den Menschen gegenüber,, welche sie noch nicht kannte und mit denen sie vielleicht in Konflikt kommen würde ihrer Erbansprüche wegen. Es schwebte ihr auf der Zunge, Scheele mitzuteilen, welch ein großes Ver­mögen ihr der Vater ganz heimlicherweise geschenkt; sie wollte dadurch beweisen, daß auch sie Scheele unbedingt vertraue, doch eine unsichtbare Hand schien ihr die Lip­pen zu schließen. . . .

Als Ellinor sich dann allein in ihrem Zimmer be­fand ,und der Einfluß, den Scheeles überlegenes Wesen auf sie ausübte, geschwunden mar, tarnen ihr auch wie­der andere Gedanken und vieles erschien ihr nun in einem anderen Lichte. Sie begann zu grübeln.

Nie konnte sie sich verzeihen, daß sie an jenem Nach­mittag nachgegeben und hinausgeritten war zu ihrem Vergnügen.

Denn während sie sich draußen, von köstlicher Lust und Sonne umflossen, auf ihrem Pferdchen tummelte, hatte ihr armer Vater vergeblich nach ihr, seinem ein­zigen Liebling, verlangend, den Todeskampf gekämpft.

Scheele wollte es nicht wahr haben, daß der Ster­bende nach ihr gerufen, sie aber ließ es sich nicht aus­reden.

Hier fetzte auch ihr Argwohn ein, zuerst ganz leise, nur als ein unbequemes Empfinden sich andeutend, aber doch soweit zum Bewußtsein kommend, daß sie zu­frieden darüber war, Scheele das Vorhandensein ihres heimlichen Schatzes nicht verraten zu haben.

Noch hilfloser und ohnmächtiger kam sie sich jetzt vor ,auch Scheele gegenüber. Würde er ihr,, wenn sie darum bat, die Dokumente herausgeben?

Wenn ihm dann etwas geschah, wenn sie getrennt wurden? Ach, ungezählte unvorhergesehene Fälle konn­ten eintreten, wodurch sie ihr Eigentum für immer ver­lor.

Dann würde kein Mensch, weder hüben noch drüben, ihr glauben, daß sie die legitime Enkelin der Gräfin Ellinor Herrenstammburg war. Dann stand sie ganz allein und verlassen auf der Welt da.

Gleich am nächsten Tage wollte sie mit Scheele noch einmal ernsthaft über diese Sache sprechen. Vielleicht war er zugänglich unb ließ sich davon überzeugen, daß die Dokumente in ihren Besitz zurückgelangen mußten, daß sie ein Anrecht daraus habe, dieselben bet sich zu

tragen. Eine innere Stimme entmutigte sie. Aber sie wollte es trotzdem wagen. Noch einmal schärfte sie es sich ein, in keinem Falle ihr Geheimnis, den Besitz ihres Vermögens, zu verraten.

Am nächsten Tage, bald nach dem Abendessen, brachte sie ihr Anliegen vor. Sie sagte:

Es beunruhigt mich doch sehr, Scheele, daß meine sämtlichen Legitimationspapiere sich in Ihrem Besitz befinden. Bitte, geben Sie mir dieselben heraus. Glau­ben Sie nicht, daß ich Ihnen auch nur im geringsten mißtraue. Aber die Papiere könnten auf irgend eine Weise verloren gehen. Dann wäre mir der Weg in die Heimat meines seligen Vaters direkt abgeschnitten. Und es war ihm doch so unendlich viel daran gelegen, daß ich bas Schloß seiner Ahnen aufsuche und von mei­nem Erbe Besitz nehme.

Scheele betrachtete sehr angelegentlich seine gepflegten Fingernägel.Ihr Vater hat vorausgesehen, Ellinor, daß Sie mich in dieser Weise bedrängen würden, unb er hat ausbrücklich bestimmt, daß ich auch gegen Ihren Wunsch die Stafette in Verwahrsam behalten soll.

Das ist nicht wahr!" Sie rief es in einer spontanen Aufwallung, ohne sich Rechenschaft über ihre Entrüstung zu geben,nun und nimmer hat mein lieber Papa eine solche Anordnung getroffen!"

Unter ihrem zornigen, beharrlich auf feinen Zügen haftendem Blicke schwand die Farbe aus Scheeles ge­bräuntem Gesicht, aber um so gewaltsamer riß er sich zusammen.

Er zog fein Taschenmesser hervor und schnitt ein paar kostbare Blüten ab, die unseren Rosen ähnlich, nur noch berauschender duften als diese.

Er befestigte die taufrischen, farbenprächtigen Blumen an dem miederartigen Gürtel ihres fdjleierartigen Ge­wandes unb betrachtete sie mit huldigenden Blicken.

Ellinor, fo sehr ich Ihren Zorn fürchte, fo bitter ich unter einer zwischen uns entstehenden Entfremdung leiden würde, fo fest entschlossen bin ich, Ihrem Trotze meinen festen Willen entgegenzusetzen."

Sie ließ es sich gefallen, daß er sie schmückte. Sie war ja über sich selbst erschrocken. Auf eine so ge- wastsame, kindische Art konnte sie von dem Manne nichts erreichen,

Mißverstehen Sie mich nicht," sagte sie fast demü­tig;ich bitte Sie doch nur um Rückgabe meines Eigen­tums. Hie können mir die Dokumente unmöglich dau­ernd vorenthalten."

Davon ist auch keine Rede. Aber den Zeitpunkt, an dem ich Ihren Wunsch erfülle, muß ich bestimmen. Ihr Vater hat ganz gewiß nicht leichtfertig und unüber­legt gehandelt, als er mir diese Sache anvertraute. Er wird seine triftigen Gründe dafür gehabt haben, daß er fo und nicht anders bestimmte."

Ich weiß nicht, ob ein Sterbender einer solchen Wandlung seiner Sinnesart fähig ist. Mein Vater Hai mir durch diese letzte Bestimmung einen schlechten Dienst erwiesen. Korrigieren Sie, Scheele, was Papa viel­leicht bereits in Halder Bewußtlosigkeit angeordnet. Wa­chen Sie gut, was er in letzter Stunde verdorben. Ich will es Ihnen nie vergessen."

Das sind unüberlegte, eigenwillige Worte, Ellinor! Ihr Vater besah Menschenkenntnis, er war klug und weitblickend. Es war fein liebster Wunsch, uns noch vor seinem Ende vereint zu sehen, weil er wußte, daß Sie als mein Weib in meiner Hut am besten geborgen seien. Er wird sicherlich diesen Wunsch auch Ihnen ge­genüber geäußert haben. Beweis dafür ist mir, daß er in seiner letzten Stunde unsere Hände ineinander legte. Da er nun bei Ihnen auf beharrlichen Wider­stand stieg, da er einfehen mußte, daß Sie gar nicht daran dachten, seinen letzten Willen zu respektieren, so suchte er wenigstens für Sie zu retten, was zu retten war und legte die wichtigen Dokumente in meine Hände."

Aber, Scheele, wohin verirrt sich Ihre Phantasie! Sie selbst geben meinem Vater das Zeugnis, daß er klar und überlegen dachte und handelte! Da sagte er sich doch vor allen Dingen, daß Dokumente, die mir zur Er­langung von verbrieften Rechten nützen sollten, immer nur am sichersten und besten bei mir selber aufgehoben sind."

Nach der gegenwärtigen Lage der Dinge vielleicht! Aber wie bald kann Ihr Sinn sich ändern! Gefetzt, Sie lernen auf der Ueberfahri ober in Europa einen Mann kennen, welcher durch Schmeicheleien Ihr Herz erobert! Wie bald würden Sie ihm alles, das Geheimnis Ihrer Geburt, Ihre Hoffnungen und wohl nicht zuletzt Ihre wichtigen Dokumente anoertrauen!

(Fortsetzung folgt.)