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Sulöaer Zeitung
2. Blatt.
Drud der Fuldaer AcNeadruckerel, Fulda
JVs 66.
Sorttttag, 20. Mär; 1927.
und sie schien jetzt einen Heilungsprozeß einzuleiten, der das Leben des bereits dem Tode Geweihten um lange Jahre verlängern konnte.
Mit dieser Wendung hatte Scheele nicht gerechnet und sie kam ihm höchst ungelegen, Heimlich ballte er darob die Fäuste, die sich am liebsten würgend um den Hals des Mannes gelegt hätten, welcher so sorglos in seinem Lehnstuhl hindämmerte, während er nach Scheele in die Totengruft gehörte.
Ja, er haßte Herrn Stamm, und in dieser Stunde, wo Ellinors treue, zärtliche Augen nicht über den Kranken wachten, kochte der Grimm in Scheele — da tauchte der böse, ruchlose Gedanke in ihm auf: „Die Gelegenheit ist günstig, nütze sie!"
In wenigen Minuten hatte er auf dem dahinjagen- den Tier die Hazienda erreicht, aber eine verheerende Flut aufrührerischer, schwarzer Gedanken hatte sich in der kurzen Zeitspanne in seinem Hirn gewälzt.
Er warf die Zügel seines schnaubenden Tieres einem Schwarzen zu und eilte ins Haus.
Herr Stamm sah mit zufriedenem Gesicht in seinem Lehnstuhl, vor ihm ausgebreitet lag ein großer Bogen steifes, weißes Papier, auf das er mit einem Tintenstift Striche und Notizen zeichnete.
„Der Reiseplan!" fuhr es Scheele wild durch den leidenschaftlich erregten Sinn. Zugleich erhob sich ein Schreckgespenst vor ihm: Die Zukunft in ihrer ganzen Oede, von dem Hauch vernichtender tödlicher Verzweiflung verpestet.
Und noch ein anderes Bild tauchte vor ihm auf, das ihn rasend machte: Ellinor, blühend in Schönheit und Gesundheit," aus dem Deck eines stolzen Schiffes, umgeben von jungen, vornehmen Männern, welche um ihre Huld warben. Wie leicht gelang es einem derselben, Ellinors liebebedürftiges Herz zu entzünden, während er Jahr um Jahr ihr einziger Gesellschafter gewesen. Tag für Tag nach ihrer Gegenliebe gedürstet, und nichts weiter erreicht hatte als eine kühle Ablehnung.
Für wen plagte er sich vom grauenden Morgen bis zum finkenden Tag? Nur für Ellinor, in der Hoffnung, daß er in Zukunft vereint mit ihr die Früchte feines Fleißes, feiner aufopfernden Tätigkeit genießen werde! Er redete sich ein, daß Ellinor ihm heiteres Licht zuführen, ihm zu entgelten suchte, und einen anderen wollte, der hier Herr und Gebieter würde, mit den Reichtümern des Herrn Stamm nach Belieben schaltete und ihm, dem Oberverwalter, voraussichtlich den Stuhl vor die Türe setzte.
„Nein!" schrie er wie von Sinnen, „ich lasse es mir nicht bieten, und wenn alles darüber zu Grunde gehtj"
Er wollte, mußte eine Handhabe haben, um einen Druck auf Ellinor ausüben zu können, da seine Bemühungen um Ellinor bisher vollkommen erfolglos waren.
Sie entzog sich ihm. Wie er es auch anfing, sie für sich zu gewinnen, sie verstand es, all feine Pläne zu durchkreuzen. Sie zeigte sich weder trotzig noch hochmütig, aber was noch schlimmer war: sie behandelte ihn wie einen alten, vertrauten Freund. Dabei war sie klüger und gewandter als er. In keiner Weise war er ihr gewachsen. Die wiederholten Niederlagen erbitterten ihn, reizten erst recht sein Verlangen, sie zu besitzen.
Er war Kaufmann, ihr Reichtum erregte sein Wohlgefallen, doch er hätte sie auch geheiratet, wenn sie arm und verlassen gewesen wäre.
Denn so viele Schlacken auch sein Charakter aufwies, die Liebe zu Ellinor veredelte ihn. Er liebte sie ihrer selbst willen heiß, schrankenlos, unbezwinglich, und dadurch, daß er dauernd verurteilt war, seine ins Fieberhafte gesteigerten Herzensempfindungen zu beherrschen, ja zu verbergen, wurden seine Nerven überreizt. „Ellinor" lallte er des Nachts im Traum, und „Ellinor" war sein einziger Gedanke, sobald er die Augen aufschlug und sich von seinem Lager erhob.
Und sie schien — absichtlich oder unabsichtlich — von seiner Liebesqual gar nichts zu merken.
Lieb, ein wenig verträumt, in steter Sorge um den kranken Vater, in kindlicher Fröhlichkeit aufjubelnd, wenn es diesem besser ging, so zeigte sie sich ihm in ihrer holdseligen Mädchenhaftigkeit, immer dieselbe, sanft, vornehm, unnahbar.
... Es konnte so nicht weitergehen!
Er fühlte, daß er dem Wahnsinn nahe war. Fast fürchtete er sich bereits vor sich selbst.
Er fühlte, daß er über kurz oder lang eine Handlung beging, die er bei kaltem Blute verabscheuen würde, und konnte die schlimmen Gedanken doch nicht von sich weisen, er war mit einem Worte nicht mehr Herr über sich selbst.
Er liebte die Tochter und haßte den Vater. Denn dieser war Ellinors Talisman, die Mauer, welche schützend vor ihr stand. Solange sein siecher Körper sich aufrecht hielt, seine glanzlosen Augen mit Bewußtsein um sich schauten, war Ellinor geborgen, wie die Blume in der Pflege eines Gärtners.
Die Natur schien an dem kranken, alten Mann eines jener Wunder vollziehen zu wollen, denen selbst die tüchtigsten Aerzte staunend gegenüberstehen. Die menschliche Kunst und menschliches Wissen verspottende Natur hatte Herrn Stamm sieghaft über die schwere Krisis hin- weggeholsen, die ihn dem Tode ganz nahe gebracht.
Er schlug mit der Faust auf den Tisch, der vor Herrn Stamm stand, daß die Gläser und Flaschen klirrten. Und noch einmal schlug er in blinder Wut hin, daß es Glasscherben gab und aus einem klaffenden Riß an feiner Hand Blut träufelte.
Jäh und verstört schreckte der Kranke aus seinem friedlichen Behagen auf. Er war so entsetzt über den schrecklichen Anblick, den Scheele bot, daß er die Sprache verlor. Er wollte fragen, was geschehen sei, doch nur ein unartikulierter Laut kam über seine Lippen.
„Ich werde hier ausgenutzt, betrogen," keuchte Scheele heiser, mit verzerrtem Gesicht, „sprechen Sie ein Macht wort, Herr, damit Ellinor zur Besinnung kommt. Ich weiß nicht, was geschieht, wenn sie nicht einwilligt — um Himmelswillen, Herr Stamm — —"
Der Körper des Kranken neigte sich zur Seite. Er war ohnmächtig geworden.
Scheele lehnte den haltlosen Kopf des Bewußtlosen vorsichtig gegen das Gummikissen, das an der Rücklehne des Stuhles angebracht war und streckte die Hand nach dem elektrischen Knopf aus, um die Dienerschaft herbeizurufen.
Doch im selben Moment zog er die Hand wieder zurück, ohne den Knopf berührt zu haben. Es fuhr ihm durch den Kopf, daß er alle Trümpfe in der Hand hielt, sollte er dieselben unbenutzt aus den Fingern gleiten lassen?
Er sah auch, was er angerichtet, daß er durch seine Unbeherrschtheit den Genesenden dem Tode nahe gebracht hatte.
Ader er sagte sich, daß jetzt kein Mitleid am Platze sei, daß er zu viel schon gelitten habe um dieser unseligen Liebe willen, die wie ein Feuerstrom in seinen Adern glühte und durch Ellinors Gleichgültigkeit nur um so heißer, unerträglicher brannte.
Plötzlich kam Herr Stamm wieder zu sich und vor den blutleeren Lippen, vor Qual bebend, kam mühsam und mit letzter Anstrengung der Name seines Lieblings.
„Ellinor," stammelten sie, „Ellinor —"
Ungewiß schaute Scheele in das totenbleiche, zuckende Gesicht. Wie aus weiter Ferne klangen die Laute an sein Ohr. Nur unklar kam es ihm zum Bewußtsein, daß der Mann dort nach dem Anblick seines einzigen Kindes lechzte, und daß es heilige Pflicht sei, Ellinor so schnell wie möglich herbeizuholen.
Mit hämmernden Pulsen überlegte er sekundenlang — dann beugte er sich über den Halbohnmächtigen und raunte ihm ins Ohr: „Wo ist der Schlüssel zum Dokumentenkasten?"
tFortsetzung folgt.)
Das Glüdt in der Heimat.
Roman von A. Seyffert-Klinger.
15] ---------
Roß und Reiterin tummelten sich in größtem Behagen. Ellinor jauchzte vor Lust. Ihr gehört die unad- sehbare Weite, die keiner ihr streitig machte. Sie war die Herrin eines fast unbegrenzten Landes, das sich zu ihren Füßen dehnte. Jungfräulicher Boden war es.
Mußte sie sich in fernem Lande nicht zu Tode sehnen nach diesen auf den ersten Blick eintönigen Und in ihren Einzelheiten doch so warm belebten Landschaft?
Gedanken kamen und gingen, Träume umschwebten die klare Mädchenstirn.
Es war, als müsse Ellinor nachholen, was sie durch wochenlanges Fernbleiben versäumt hatte. Alle Richt- Wege wurden durchquert, jeder einzeln stehende Baum ausgesucht, betrachtet und dem Gedächtnis eingeprägt.
Ellinor war der Gegenwart entrückt, und erst, als ber schwarzgrüne Saum dort drüben mit dem Horizont in eins verschwamm, dachte sie erschreckt an die Heimkehr.
Einzelne Sterne zeigten sich bereits am dunkelnden Firmament, und heute ertönte kein schriller Pfiff, der Ellinor zur beschleunigten Heimkehr mahnte.
Beklemmend kam es Ellinor zum Bewußtsein, daß sie länger fortgeblieben, als sie beabsichtigt hatte.
In gestrecktem Trabe jagte das Tier zurück. Sie brauchte es nicht anzuspornen. Es hatte sich müde getummelt und verlangte nach seiner Koppel.
8.
Vor zwei Stunden, als Ellinor frohgemut hinaus- geritten, war ihr Scheele, von ihr selbst nicht bemerkt, in den Plantagen entgegengekommen.
Ms er die weiße Gestalt auf dem kleinen zottigen i^ier erblickte, zuckte es verstehend über sein gespanntes Besicht.
Ellinor ritt in die Prärie hinaus. Herr Stamm befand sich allein, unbewacht in seinem Krankenstuhl, denn ber Diener konnte unter einem Vorwand leicht entfernt werden.
Scheele wendete feinen Renner und verschwand in Entgegengesetzter Richtung. Er wollte Ellinor nicht be- Segnen, wollte von ihr nicht gesehen werden, denn un« heuschwere Gedanken schwirrten durch seinen Stopf.
Tag und Nacht hatte er schon überlegt, auf welche
Eise er in den Besitz des Dokumentenkastens nebst ^langen könne.
aus den Parlamenten.
Reichstag.
Der Reichstag führte am Freitag die allgemeine Aussprache zum Haushalt des ReichS- innenministeriums zu Ende. Reichsinnen- minister v. Keudell teilte unter anderem mit, daß zurzeit tm Reichsjustizministerium geprüft werde, welche Bestimmungen des Republikschutzgesetzes aufrecht erhalten werden sollten. Zu der Frage der Rückkehr des Kaisers werde die Regierung bei der Verlängerung des Republikschutzgesetzes Stellung nehmen. Die Frage eines Konkordats werde innerhalb der Ressorts zwar geprüft, aber zu Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl sei es noch nicht gekommen. Das Entschädigungsgesetz wird in den nächsten Taoen dem Kabinett vorgelegt. In der Einzelaussprache wurde noch das Kapitel Wis- senschaft und Kunst erörtert und die Weiterberatung alsdann auf Samstag vertagt.
Preußischer Landtag.
In der fortgesetzten Kultusdebatte erledigte der Landtag am Freitag die allgemeine Besprechung zum ersten Etatsabschnitt und ging dann über zum zweiten Abschnitt über Provinzialschulkollegien, höhere Lehranstalten und Turnwesen. Auch bei diesem Abschnitt wurden von den Rednern aller Parteien eine Fülle von Wünschen und Beschwerden vorgebracht. Die Weiterberatung wurde schließlich auf Samstag vertagt.
Hn die katholischen Abiturienten.
An die katholischen Abiturienten der Diözese Paderborn, von denen sich sehr oie'e dem akademischen Studium widmen werden, richtet der Bischof die eindringliche Mahnung tapfer zu bleiben und männlich zu handeln, damit niemand von ihnen, zum Schmerze feiner früheren Lehrer, zum bittersten Herzeleid feiner Eltern im Sumpf physischer und moralischer Verkommenheit versinke.
Ganz besonders weist der Bischof auf die Gefahren hm, die den jungen Studenten von den sogenannten I schlagenden Verbindungen her drohen. Es komme leider immer noch häufig vor, daß katholische Studenten aus fadenscheinigen Gründen, meistens geleitet von hohler Großtuerei, falscher Rücksichtnahme und aus nichtigen Karrierebedenken Mitglieder schlagender Verbindungen werden und sich dann an Duellen und auch an studentischen Mensuren beteiligen. In unverantwortlicher Weise geben nicht selten katholische Ettern zu dem Eintritt ihrer Söhne in solche Verbindungen ihre Zustimmung. Die Kirche sieht im Duell und in der studentischen Mensur eine Sünde gegen Leib und Leben, gegen das fünfte Gebot und noch dazu eine schwere Verletzung des der Kirche schuldigen Gehorsams. Wer an einem Duell oder an einer Mensur teilnimmt oder auch nur dazu herausfordert ober eine Herausforderung annimmt oder irgendwelche Dienste dabei tut, wer ein Duell oder eine Mensur gestattet ober sich nicht bie Mühe gibt, ben Zweikampf zu verhindern, fällt unter bie Strafe ber Exkommunikation. Katholische Eltern bürfen niemals ihre Einwilligung geben zum Eintritt tritt ihrer Söhne in bie schlagenben Verbindungen. Katholische Studenten gehören, wenn sie aktiv werden wollen, in die katholischen Korporationen hinein, bie an allen Hochschulen bestehen unb die eine segensreiche Tätigkeit zum Besten ihrer Mit- alieder entfalten. Diese katholischen Studentenverbindungen burch Zugehörigkeit zu stärken, in ihnen mitzu- kämpfen für Glauben unb Tugend, Recht unb Sitte, müsse für jeben katholischen Siubenten von Beginn fei« ncs Unioerfitätsftubiums an eine heilige Pflicht fein.
St vis pacem, para bellum . . . Wenn du den Frieden willst, fo bereite den Krieg vor. . . Das war die Losung im früheren Europa, das scheint auch setzt wieder die Losung werden zu wollen. Frankreich schafft ein Volk in Waffen, Mussolini erfüllt sein Land mit kriegerischem Geist, Amerika verstärkt auf seinen Schiffen die Artillerie, England vergrößert seine Luftflotte, Rußland kauft Pferde und Munition. Sie alle wollen den Frieden» und sie alle bereiten sich zum Kriege vor.
Wenn jetzt bald die Schwalben wiederkehren, dann werden sie vor allem tief fliegen, wie vor einem Gewitter. Das große Ringen zwischen England und Rußland nimmt bereits gigantische Formen an. Bei uns in Deutschland merkt man das einstweilen nicht so. Wir sind trotz der Völkerbundatmosphäre doch zu lange ausgeschaltet gewesen. Unsere eigenen Sorgen haben uns nicht Zeit gelassen, die Augen auf die weite Welt zu richten. Wer heute Europa und Asien sehen will, der muß nicht nach Berlin gehen. In Prag und in Wien sieht man viel, viel mehr.
Bekanntlich sind nächstens in Wien Wahlen. Man könnte denken, es handele sich einzig um eine österreichische Angelegenheit. Dem ist aber nicht so. Setzen sich nämlich in Wien die Kommunisten durch, dann wird Wien ein südeuropäisches Moskau werden. Was das bedeutet, mag sich jeder aus« malen. In Städten wie Wien ist noch immer ein gewaltiger Regierungsapparat erhalten geblieben. Es gibt da Verbindungen nach aller Welt. Kein Krieg kann Fäden endgültig zerschneiden, die in Jahrhunderten sind gesponnen worden. Dies alles, mittelbar oder unmittelbar, in bolschewistischer Hand würde einen weiteren großen Teil Europas unter asiatische Einflüsse bringen. So entscheiden sich heute Schicksale, die ganze Epochen bestimmen werden.
Es ist verständlich, wenn unter solchem Druck der Pessimismus der Menschen wieder wächst. Die Zahl der Propheten, die immer neues Unglück verkünden, nimmt ja auch nicht ab.. Und die Menschheit, die sich nun so lange schon gequält hat, um eine Hoffnung nach der anderen verrinnen zu sehen, diese Menschheit droht zu erliegen nud gänzlich interesselos den Dingen ihren Lauf zu lassen. Demgegenüber sollen gerade jene, die sich bei aller Nüchternheit den christlichen und deutschen Optimismus bewahrt haben, nun hervortreten und ihre Mitwelt stärken. Dürfen wir optimistisch fein?
Wir dürfen es darum, weil die großen Quellen der Kraft doch noch in uns fließen. Da ist einmal die gesunde Natur. Sie bereitet schon den Frühling vor. Erste Knospen glänzen schon auf. Es wird wieder das bescheidene Veilchen blühen und die liebliche Anemone. Und es wird wieder verjüngtes Blut durch unsere Adern rinnen. Der Mutterboden gesunden Wachstums ist unzerstört. Solange wir noch auf den Lenz in Wald und Flur hoffen dürfen, solange auch noch auf ein neues Blühen der Menschheit.
Andere meinen, es sei die Religion zerstört und so müsse der Materialismus und der Egoismus immer noch krasser werden. Aber auch das ist nickt
wahr. Wohl hat sich auch im Religiösen und im Sittlichen manches zersetzt. Wohl bröckelt es ab bei dieser und jener kirchlichen Gemeinschaft. Aber die Religion kann man nicht aus den Menfchenher- zen reißen, das, solange es pocht, entweder Gott lieben wird oder hasten, das aber ohne den Gedanken an Gott unb ohne die Sehnsucht nach dem Ewigen nicht sein kann. So lebt auch heute noch die Religion, und es ist das Interesse für sie in weiten Kreisen nur noch größer geworden. Wären nun die Menschen, die äußerlich religiös sind, es auch innerlich, wie viele von ihnen würden echte, erlösende Trostworte für unsere so schwer heimgesuchte Zeit finden.
Und da ist noch eins. Nicht wenige sind der Ansicht, wir müßten alle über kurz oder lang vor der steigenden Macht der Trusts und Organisationen kapitulieren, unb es werbe keine Freiheit mehr geben, unb nur noch bas allbeherrschenbe anonyme Kapital ber internationalen Banken. Nur gemach. Auch hier werben bie Bäume nicht in ben Himmel wachsen. Wer hat benn bie riesigen Konzerne auf« gebaut? Immer eine starke Persönlichkeit wie Stinues ober Rockeseller; unb biefe starke Persönlichkeit, bie hält eben boch bie Dinge zusammen. Nehmt biefe Persönlichkeit heraus, unb ber gewaltigste Trust bricht zusammen. Stinnes ist zusammengestürzt unb anbere nach ihm, unb es wirb immer auf ben Trümmern ber Menschenwerke sich von neuem bie herrliche freie Persönlichkeit erheben. Immer noch wirb es Raum geben für bie Freiheit, sa es sehnt sich bie Welt gerabezu roieber nach ber Herrschaft ber Persönlichkeit, nach dem sie es mehr unb mehr empfinbet, wie hart unb drü- ckenb unb entroürbigenb bie Herrschaft bes Mammon ist.
So haben wir Grunb zum Optimismus. Es wirb aber biefer neue Optimismus kein lustiges Gebilbe sein. Nein, er wirb unb muß ben Mut haben, ben Dingen ins Gesicht zu schauen. Was ist auch ein Optimismus wert, ber nur im Reiche ber Phantasie sich zurechtfinbet, mit ber Wirklichkeit aber nichts anzufangen weiß? Er ist so viel wert wie ein Christentum, bas am Kreuz vorbeigeht, statt es in bie Mitte zu stellen. Denn bas Kreuz ist bie Mitte ber Welt, unb nur am Kreuze wirb die Menschheit von ihrem Kreuze erlöst.
Nun, das wird ja beinahe eine Fastenprebigt! Ich bitte um Entschulbigung, forbert boch bie ernste Zeit auch ein ernstes Geplauber. Von verschiebenen Seiten habe ich übrigens noch „Fünfer" erhalten für die lieben Negerkinder, aus Baden, aus Bayern, aus Oldenburg, aus Westfalen, Schlesien, Hessen, vom Niederrhein, von Mainz, Neuwied, Duisburg, Ibbenbüren usw. Ach, und wie es mich glücklich macht, wenn sie alle schreiben, wie sie sich an ben Wochenplaubereien erfreuen unb wie sie immer barauf warten. Ich sehe alle biefe guten Menschen vor mir unb ihre leuchtenden Augen. Ja, es 'st wahr: Wir finb alle besser, als wir selber von uns glauben, unb jebes Menschenherz ist boch eine heimliche Gotteswiege. Viele Grüße
Rund um die Woche.
IDenn die Schwalben wiederkommen. — Wiener Eindrücke. — Der Grund zum Optimismus. — Roch immer „Fünfer" für die kleinen Reger.
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Reise und Wanderung.
= Bad Salzschlirf, im März 1927. Die Einrichtung und Ausgestaltunq der sogenannten Pauschal kure n in Bad Salzschlirf bedeutet einen Fortschritt im Baderwesen und wird Don dem erholungssuchenden Publikum, das heutzutage rechnen und sich eine genau vorher bestimmbare feste Summe für seine Badereise zurücklegen muß, lebhaft begrüßt. In dem Pauschalsatz ist der Preis für Wohnung und Verpflegung in gutem Hause für Kurtaxe und die durchschnittliche Zahl von Sol- oder Moorbädern mit enthalten, wobei naturgemäß der Preis für etwa nicht genommene Bäder voll zurückerstattet rotrb Das idyllisch gelegene Salzschlirf mit seinem Bomfattus- brunnen und dem schmucken Kurpark ist eines der bekanntesten deutschen Heilbäder gegen Gicht, Rheuma und Stoffwechselleiden, in dem schon mancher Gichtkranke den uneingeschränkten Gebrauch seiner Glieder roieber« fand. Die meisten Hotels und Pensionshäuser liegen tm Kurpark selbst oder in seiner unmittelbaren Nahe. Der Maimonat ist auch der Wonnemonat für Salzschlirf.
Theater und Musik.
— Beethovenseier in Paris. Die Feierlichkeiten zu Ehren Beethovens haben in der Kirche Notre Dame mit einer Aufführung der Missa Solemnis begonnen, die geleitet wurde vom Dirigenten der Colonnen-Concerte, Pirne. Der Kirchenchor war durch den Chor der Eo- lonne-Concerte und viele Mitglieder der Großen Oper verstärkt. Der Ausführung wohnten bei der Kardinal- Erzbischof mit ber gesamten höheren Geistlichkeit, ein Vertreter des Präsidenten der Republik und das gesamte diplomatische Korps.
— Errichtung einer Beethoven-Gedenktafel in Mergentheim. Die Stadt Mergentheim wird Mitte Juni zusammen mit der Einweihung des neuen Kurhauses — eine große Beethoven-Zentenarfeier veranstalten, in deren Mittelpunkt die Einweihung einer Beethoven-Gedenktafel an dem Hause auf der Schütt, in dem Beethoven einst Aufenthalt genommen hatte, stehen wird. Das Programm der Beethoven-Feier bringt ferner eine Serenade auf dem Marktplatz und die Aufführung von Beethovens „Die Geschöpfe des Prometheus" unter Mitwirkung des Stuttgarter Philharmonischen Orchesters und der Labanschen Tanzschule Würz- burg.
Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer, Verantwortlich tür Politik unb Heimatliches Dr. Kramer, für den Roman unb d?e .Vuchenblätter" Anton W e ß l e r. für ben übrigen Text tflib die Unterhaltungsbeilage Dr. rer. pol. Karl Austermann, alle in Fulda. Verantwortlich für die Anzeigen: Direktor ber Fuldaer 9frflenbn:<ferel ? Parzetter
wie wird das Wetter?
Das Hochdruckgebiet über dem Festland hat sich gehalten. Doch kommt es mehr zur Ausbildung einer West- strömung, unter deren Einfluß zeitweise Bewölkung, aber keine Niederschläge ober nich' nennenswerte bei uns auftreten werden.
Vorhersage für Sonntag: Keine nennenswerte Acn- bertmgen.
Wissenschaft und Forschung.
= Medizinische Kongresse im April. Der „Deutsch,. Verein für Psychiatrie" tagt vom 21. bis 22. April in Wien. — Die „Deutsche Gesellschaft für innere Medizin" tagt vom 25. bis 28. April in Wiesbaden unter dem Vorsitz von Professor Naegeli. An diese Tagung schließt sich eine gemeinsame Sitzung mit der Deutschen Röntgengesellschaft. Hier wird besonders die Bedeutung der Röntgenuntersuchungen für die innere Medizin zur Sprache kommen. — Dom 27. bis 30. April findet em „Kongreß für Psychotherapie" in Bad Nauheim statt.