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Beilage zur Fuldaer Zeitung

Für unsere Frauenwelt.

Der Mutter Lied.

Wenn eine Mutter leis ihr Kind In süßen Mittagsschlof gesungen, Dann haben wohl im Sommerwind Viel feine Glöckchen mitgeklungen.

Und all der zarte, weiche Klang, Von Blütenduft und Licht getragen — Das Lied, das einst die Mutter sang, Macht heimwehkrank in späten Tagen.

Frieda Collier.

Rationalisierung auch in der Haus­wirtschaft.

Obwohl die Eigenart der Hauswirtschaft, die nicht zu verkennen ist, sich einer reinen Mechanisierung und voll- ständigen Typisierung widersetzt, kann doch von {eiten der denkenden Hausfrau manches zur Vereinfachung und Erleichterung der notwendigen Arbeit getan werden. §s soll hier nicht von den Vorschlägen zu einer durch­gängigen Abschaffung aller Einrichtungsgegenstände, die Arbeit machen, die Rede sein. Für die ältere Hausfrauen­generation wird diese Trennung von manchem liebge­wonnenen Gegenstand ,oon manchem Stück, das die Woh­nung traulich macht, kaum erträglich sein. Bedeutet sie doch gar oft eine Aufgabe von traditionsgewordenen Ge- : mütswerten, von innigsten Erinnerungen. Aber auch ohne solche schmerzhafte Schnitte läßt sich manche Ver­besserung durchführen. Immer mehr bürgern sich die elektrischen Apparate, die Staubsauger und Bodenbür- ster, die staubfangenden Bodenwischer im Haushalt ein. Ihr Gebrauch kann nur warm empfohlen werden, er bedeutet tatsächlich eine wesentliche Entlastung von ermü­dender Arbeit bei größerem Reinigungserfolg. In man­chen Gegenden, wo der elektrische Strom schon sehr bll- lig ist, hat man auch bereits Zentralheizung mit elektri­scher Warmwasserbereitung eingeführt, so daß das Be- dienen der Heizung im Einschalten des Stromes und int Oeffnen des Zuflußhahnes besteht. Auch für zentrale Ofenheizung einer kleineren Wohnung ober für die Ein- stellung möglichst guter Dauerbrenner sollte sich die Haus­frau interessieren. Es gibt ja bereits Oefen, die man im Herbst anzündet und die ohne Unterbrechung den ganzen Winter bis tief ins Frühjahr hinein brennen bei spar­samsten Kohlenverbrauch und geringem Arbeitsaufwand für die Pflege. Die besten sind wohl die von Junker u. Ruh.

Aber nicht nur darauf ist zu achten, sondern man tut auch gut, einmal seine alltägliche häusliche Arbeit und deren Geräte daraufhin zu prüfen, ob man sie so ver­richtet, daß möglichst jede unnütze Bewegung und über­flüssige Transport vermieden wird. Und da wird man auf allerlei aufmerksam werden. Schon in der Frühe, beim Bettenmachen wird man gewahr werden, daß sich bei geeigneter Lagerung der Bettstücke, beim folgerichti­gen Wiedereinlegen der Betten mancher Schritt, mancher Handgriff vermeiden läßt, und daß somit Zeit und Kraft erspart werden können. Das gleiche gilt von der Reini­gungsarbeit. Wer fein Abständen richtig anpackt, muß sich nur halb so ost bücken, durch das Zimmer gehen und Gegenstände anfassen, als wer sich unsystematisch ans Werk macht. Ein Zimmer wird immer von hinten nach vorne, von oben nach unten abgestaubt, ein Boden dagegen von vorne nach hinten gereinigt Gerade beim ßambrisabftauben kann man Zeit einsparen durch richtige Einteilung. Richt minder gilt dies vom Kochen. Freilich gehört dazu auch eine praktische und arbeitsparende Raum- und Möbeleinteilung der Küchen. Und an dieser ehlt es in den meisten älteren Häusern. Daher sollte, wer sich heute ein Eigentum baut, darauf sehen, daß Küche mb Speisekammer so eingerichtet werden, daß möglichst

wenig Wege zum Zutragen und Wegstellen des Nötigen gemacht werden müssen. Herd und Gasherd sollen neben­einander stehen, und zwar nicht zu weit von einem Zaps- Hahn. Das Spülbrett sollte zur Rechten des Ausgusses sein, so daß man vom Spülkübel weg gleich das Geschirr in einer Bewegung ab stellen kann. Und wieder in der Nähe der Aufwascheinrichtung sollte der Geschirrschrank seinen Platz finden, damit man nicht mit dem Geschirr hin- und herlausen muß. Ist aber eine derartige Ein­teilung nicht möglich, so muß man eben sehen, wie man sich auf andere Weise Wege ersparen kann. Dann stellt man sich z. P. eine größere Kanne Wasser gleich neben den Herd, damit man beim Kochen verbrauchtes Wasser immer wieder ohne Hin- und Hergehen ersetzen kann. Wo abwechselnd mit Gas und Kohle gekocht wird, da bereiten oft Salzfaß, Kochlöffelbrett und Topflappen Schwierigkeiten. Man hat sie ja bekanntlich immer da, wo man gerade nicht kocht. Da ist es gut, sich zwei Be­hälter und zwei Garnituren Kochlöffel zu halten. Hat man Gefchirrschrank und Spülgelegenheit nicht nahe bei­sammen, so richtet man sich vor dem Spülen ein größeres Tablett mit einem reinen Tuch an handliche Stelle und trägt dann alles gereinigte Geschirr in einem Gang zum Schrank. Ebenso holt man sich vor dem Kochen möglichst alle Zutaten in die Nähe des Herdes. So wird man bei einer bewußten Kontrolle manches finden, was sich ver­einfachen läßt. Diese Anregungen sollen nur dazu bie­nen, unsere Hausfrauen aufmerksam zu machen unb sie auf eigene praktische Erfahrung unb deren Auswertung hinzulenken. Denn schließlich ist ja das Ziel der Haus­arbeit nicht die körperliche Ermüdung, sondern im Gegen­teil das Behagen der sämtlichen Familienmitglieder, zu dem auch eine noch frische, für geistige Interessen aufge­schlossene Hausmutter gehört.

Klara Philipp, M. d. R.

„Sorgenkinder“.

Bon Dina Ernstberger- Neunkirchen am Brand.

Jedes Kind, das Elternliebe umgibt, ist ein Sorgen­kind. Wo Angst und Sorge in der Kinderstube fehlen, da mangelt dem Kinde das höchste Glück der Jugend — — die Elternliebe. Jedes Kind macht den Eltern Sor­gen, manchmal von der Wiege bis zum Grabe; aber es gibt auch noch andere Fälle von Sorgenkindern. Don diesen soll hier gesprochen werden.

Ich denke da zunächst an jene armen Kleinen, die durch stete Krankheit ober durch irgend ein sonstiges Ge­brechen körperlicher ober seelischer Art von manchem ausgeschlossen find, was gesunde Kinder genießen. Was für Qualen leidet die Mutter, wenn sie ihr Kind leiden oder anderen Kindern gegenüber zurückgesetzt sieht. Oder wenn sie in schlaflosen Nächten an die Zukunft ihres Kindes denkt. Es liegt im Wesen der Mutterliebe, daß sie alles verzehnfacht fühlt, was chr Kind leidet. Wie ein schweres Kreuz schleppt sie dies Leid durchs ganze Le­ben. Man würde gern das Glück des Lieblings mit allem erkaufen, aber hart unb unerbittlich ist bas Leben. Es ist wohl leicht begreiflich, daß solche Sorgenkinder die Elternliebe in viel höherem Maße genießen als gesunde. Durch Liebe sucht man das harte Los etwas zu mildern. Man hat ein leises Ohr für die Wünsche der Sorgenkin­der und stets ein mildes Wort für ihre Schwächen. Da­mit aber erweisen wir dem Kinde keinen Dienst. Im Gegenteil, wir schaden ihm und legen zu dem liebel ein neues. Verzärtelt und verweichlicht darf kein Kind wer­den, wenn es im späteren. Lebenskampf sich durchsetzen soll, am wenigsten aber ein Kind, dem irgend ein Ge­brechen den Daseinskampf erschwert. Fremde Menschen kennen keine Rücksicht. Mit bitterer Münze fordert bas Schicksal vom Erwachsenen bas Zuviel ber Liebe der Kindheit.

Es mag für Eltern wohl hart sein gegen ein Kind, bas schon in der Wiege von viel Schönem unb Angeneh­

mem ausgeschlossen wirb, auch noch streng und hart in ber Erziehung zu sein. Aber die Eltern können nicht immer schützend hinter dem Kind stehen unb jebes harte Wort und jede Rücksichtslosigkeit ber Menschen bei Seite schieben. Der Tag tonn* wo bas Kinb allein ber Kälte ber Menge gegenüberfteljr* bann muß es gewappnet sein. Es muß gelernt haben, jelbstänbig zu stehen unb Rück­sichtslosigkeiten zu ertragen, festzustehen, wenn Stürme anprallen Wer sein Kinb liebt, wirb bem bei ber Er­ziehung Rechnung tragen. Eine vernünftige Erziehung ist das einzige, womit Eltern das Los ihres gebrechlichen Kindes mildern und die Zukunft erhellen können.

Aber auch gesunde, sehr häufig sogar glänzend be­gabte Kinder können Sorgenkinder sein. Charakter­fehler der Kinder bringen den Eltern oft tieferes Leid als körperliche Fehler. Das tiefste Weh unb ber härteste Kummer ist für brave Eltern sicher ein entartetes Kinb. Unb es ist nicht leicht, gegen Veranlagungen, tief in der Kindernatur wurzelnde Neigungen zu kämpfen. Mit Schrecken merkt oft die Mutter die schlechten Nei- gungen ihres Kindes. Es lügt, ober es ist leichtsinnig unb zuchtlos,, ober auch verstockt, trotzig unb so weiter. Sie versucht alle Mittel, biefer bösen Charakter­sehler Herr zu werben, aber leiber umsonst. Sie kann nichts tun, als alle Kräfte anfpannen, bamit durch forgfättigtfte Erziehung erfolgreicher Kampf ge­gen bie Veranlagung geführt werbe. ’ Unb müssen wir als Besiegte aus bem Kampf hervorgehen, fo tröstet uns nur der Gedanke, daß wir taten, was in unserer Kraft lag, auch im stillen, unverdrossenen Gebet.

Man hüte sich vor allzu großer Strenge. Dadurch werden die Kinder verstockt. Nicht alle können die Rute vertragen. Ein liebes Wort, Vernunftgründe, Liebe ufw. haben oft schon viel mehr erreicht, als Härtt und Zwang. Nur nicht gleich biegen ober brechen wollen, wenn wir irgenb einen starken Charakterfehler bei unserem Kinb bemerken. Man kann durch weise Erziehung auch schlechte Begabung zum Guten führen.

Dann ist noch über eine Art von Sorgenkinb zu reben. Es finb das die Einzigen. In banger Sorge 'werden sie von den Ellern behütet, beschützt unb be­wacht; man überschüttet sie mit Liede unb ihre Wünsche finb dem ganzen Hause Befehl. Das mag wohl für die Dauer der Kindheit ganz schön und angenehm fein, int späteren Leben rächt es sich aber Oft bitter. „Einzige" gehen aus der Kinderstube gewöhnlich nicht kampfbereit hervor. Die Verzärtelung macht sie schwach, unselbstän­dig, eigensinnig, unverträglich. Solche Menschen tun sich schwer im Leden. Sie stoßen überall an, wirken un­sympathisch. Im Lebenskampf müssen solche Einzige dann unter schweren Ueberwindungen ablegen, was bie unvernünftige Elternliebe bem Kinbe anerzogen hat. Lie­bevolle, strenge Erziehung hat beim heranwachsenben Menschen noch immer goldene Früchte gezeitigt.

Aus dem Frauenleben.

f 3am Gedächtnis Hedwig Dransfelds. Am 13. > März jährte sich zum zweitenmal Hedwig Dransfelds Todestag. In ihrer Heimatstadt Werl fanden fich ihre Freunde, u. a. die Vorsitzende der Katholischen Frauen­bundes, Dr. Krabbel, zu einem Seelengottesdienste ein. Allen aber aus nah und ferne, denen Hedwig Drans­felds Persönlichkeit lebendig vor der Seele steht, ist es eine Freude, daß die Märznummer der „Christlichen Frau" (Verlag Köln, Roonstr. 36) eine Sondernum­mer bringt, bie ihrem Andenken gewidmet ist. Schil- bentngen aus Hedwig Dransfelds Kindheit und Ju­gend, zum Teil aus Briefen zusammengestellt, vervoll­ständigen das Bild, das viele von dieser großen Frau des öffentlichen Lebens haben. Aus ihren eigenen Schriften und Reden ist von der Schriftleitung viel Wertvolles zusammengetragen und dadurch wieder wei­ten Kreisen zugänglich geworden. Die Broschüre wird

Nr. 63 vom 17. März 1927.

für Hedwig Dransfelds Lieblmgswerk, die Frauenfrie- denskirche, zum Preise von Mk. 1.— abgegeben.

Pünktlichkeit im Lssen.

Von E. K am m e l - Kaiserslautern.

Ein wichtiges Gesetz! Nur durch Pünktlichkeit im Essen bleibt bie Verdauungstätigkeit gesund unb ist die Auswertung der Speisen durch den Körper die beste. Der Magen beginnt mit Regelmäßigkeit zu bestimmten Zeiten den Magensaft abzusondern, der ungenutzt in den Darm übergeht, wenn er nichts zu verdauen hat. Es kann bann vorkommen daß spätere Nahrungsaufnahme keinen ober nur wenig Verbauungssaft vorfindet, baß sie gleichfalls ungenutzt in den Darm übergeht oder schlecht verdaut wird, mithin dem Körper keine Kräfte zutragen kann, ihn schädige» kann, wenn es zur Häufigkeit der Unregel- mäßigkell kommt. Dieses Nachlassen derälbsonderung der Verdauungssäfte ist sogar fühlbar, man spricht oft vom Ueberhungertsein, wenn das Hungergefühl nicht nachläßt.

Die Frau in der Rüche.

f Geschmorter Fisch. Hierzu kann man Kabliau, Schellfisch, Seelachs, Lengfisch usw. verwenden. Der sauber vorgerichtete Fisch wttd in Portionsstücke zerlegt, diese gesalzen, gepfeffert, in die Kasserolle gelegt, mit soviel Wasser übergossen, daß der Fisch knapp bedeckt ist, unb auf kleinem Feuer gargekocht. Dann bräunt man eine fein gehackte Zwiebel in einem kleinen Stück Butter, fügt etwas Mehl hinzu, das man hellbraun werden läßt, löscht mit der Brühe, in der der Fisch gar­gekocht worden ist, ab, kocht eine glatte seimige Soße, schmeckt nach Salz und Pfeffer ab und säuert mit dem nötigen Essig oder Zitronensaft nach Geschmack. Dann legt man in diese Soße die Fischstücke hinein und läßt sie noch kurze Zeit auf heißer Stelle ziehen. Vor dem Anrichten verfeinert man die Soße noch mit einigen Tropfen Maggi's Würze.

k Fischhackbraten. Hierzu kann jede beliebige Art von Fischfieisch verwendet werden. Aus dem Fischstück löst man sorgfältig alle Gräten heraus und dreht das Fischfieisch durch die Fleischmaschine. Dann gibt man auf 1 Pfund Fischfieisch zwei in Milch, Fleischbrühe oder auch nur Wasser eingeweichte unb wieder gut aus- gedrückte Weißbrötchen, 1 Ei, eine geriebene Zwiebel, 1 Teelöffel gehackte Petersilie, das nötige Salz, etwas Pfeffer unb verrührt die Masse sehr gründlich. Nun formt man davon eine Rolle wie ein längliches Brot, wendet in geriebenem Weißbrot um, legt in die Brat­pfanne, in der man Feit heiß gemacht hat, und brät den Hackbraten unter Begießen mit dem Fett 25—30 Minuten. Zur Soße gießt man während des Bratens etwas Fleischbrühe, die man aus 1 Maggi's Fleisch­brühwürfel hergestellt hat, und gibt auch einige Eß­löffel faure Sahne (Rahm), in die man etwas Mehl hineingeguirlt hat, zu. Vor dem Anrichten schmeckt man nach Salz ab, legt den Hackbraten auf eine' längliche Platte und reicht die Soße ertra. ,

f Delikate Kartoffelsuppe auf schnellste Art. 1 Wür­fel Maggi's Kartoffelsuppe wttd zerdrückt, in kaltem Wasser zu dünnem Brei angerührt und in stark 1/2 Liter siedendes Wasser gegossen, ohne Salz oder Fleisch­brühe zuzufiigen. Nach dem Wiederaustochen läßt man die Suppe bei kleinem Feuer 15—20 Minuten (ein größeres Quantum länger) kochen. Oder man röstet den zerdrückten Würfel in 15—20 Gramm Butter leicht an, gießt ’/* Liter kaltes Wasser zu, läßt auflochen, bann 10—15 Minuten weiterkochen und richtet die sehr feine Suppe, die auch das nötige Grünzeug bereits enthält, über geröstete Brotwürfelchen an. 1 Würfel für 2 Teller Suppe.

Kein ßous ohne Fuldaer Zeitung.

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Das Glück in der Heimat.

Roman von A. Seyffert-Klinger.

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„Wenn alles fich fo vollzieht, wie wir es wünschen mb hoffen, dann ja. Aber es könnte auch anders kom­men. Unser Leben steht in Gottes Hand: wenn mir etwas zustoßen sollte, so bist du unterrichtet. Den Ma­hagonikasten findest du also im Schreibtisch, den Schlüs­sel zum Kasten im Eckschrank. Merke es dir wohl. Unb nun wollen wir diese wichtigen Dokumente einer Durch­sicht unterziehen. Es darf nichts fehlen. Leiber besitze ich keine Militärpapiere außer ber einen Zustellung, daß ich als untauglich zum Militärdienst befunden mür­ben bin. Aber sieh, hier ist meine Heiratsurkunde, auch dein Geburtsschein, beide Papiere lauten auf unseren Stang unb vollen Namen."

Seltsam war dem schönen Mädchen zumute, als sie diese, junr Teil schon recht vergilbten Papiere durch ihre Hände gleiten ließ. Den Namen ihrer Mutter las sie mit heiliger Scheu, den der unbekannten, wohl längst ver­storbenen Großellern mit einem Interesse, als besichtige sie Antiquitäten in einem Museum.

Alle Papiere waren vollzählig da. Herr Stamm ordnete sie von neuem mit aller Umständlichkeit und Genauigkeit.

Endlich verschloß er den Kasten wieder und stellte ihn vor sich aus den Tisch. Den Schlüssel, den er an ber blauen Seibenschnur befestigt hatte, legte er oben auf den Deckel.

„Unb nun fordere ich ein Gelübde von dir, Ellinor," tt lehnte sich angegriffen zurück, „ein Gelübde für den voll meines vorzeitigen Ablebens!"

Sie sah ihn erschreckt an; denn sie ahnte, was er lagen wollte.

„Du mußt mir geloben, Ellinor, die Ueberfahrt, wenn es sein muß, auch allein zu machen. Es ist nichts Besonderes dabei. Daß Damen allein reisen, kommt häufig vor. Geschehen kann dir nichts. Du unterstehst wie jeder andere Passagier der Schisssordnung, befindest wch jedoch gleichzeitig unter dem Schutz des Kapitäns, bfr für die Sicherheit eines jeden Passagiers haftet. Die Reiseroute werde ich dir noch ausarbeiten. Sobald - "ach Deutschland und in die Nähe meines Geburts­

ortes gelangt bist, ziehst du Erkundigungen über den jeweiligen Besitzer ber Herrenstammburg ein. Sobann Ziehst du einen tüchtige» Rechtsanwalt zu Rate und machst deine Ansprüche geltend. Kosten hast du nicht zu scheuen. Du prozessierst, bis dir dein Recht wird. Es muß dir werden. Die Menschen, die sich auf deinem Erbe eingenistet haben, müssen weichen unb du nimmst Besitz bavon. In den verschiedenen Räumen befinden sich in die Wand eingelassene, holzvertäfelte Nischen, von denen ich dir noch eine Zeichnung anfertigen werde. Dort findest du vielleicht geheime Niederschriften meines Sßa- ters."

- „Sind denn noch entfernte Verwandte vorhanden, welche als Erben in Betracht tarnen?"

„Meines Wissens nicht. Du bist die letzte unseres Stammes, Ellinor, mit dir stirbt unser Geschlecht aus. Der gesamte Besitz verfällt wohl dem Fiskus, der einst» weilen einen Administrator ernannt haben wird. Es gibt aber »och andere Möglichkeiten. Mein Vater kann bei Lebzeiten alles veräußert und bas Kapital einer Stiftung überwiesen haben. Dann zwingst du als recht- mäßige Erbin bie Stiftung, das Geld wieder heraus­zugeben unb, wie schon gesagt, ber jeweilige Besitzer muß vor dir das Feld räumen."

Ellinor saß hilflos da, die Hände ineinander ver­krampft, die Brust von tausend Aengsten und Zweifeln durchschüttell.

„Verlange das nicht vor mir, lieber, lieber Papa, ich könnte schon sterbe», wenn ich nur an diese Widerwär­tigkeiten denke!"

„Solch eine Törin!" dachte Scheele zürnend, der jedes Wort hörte, „sie wird in ihrer Unklugheit alles ver- derben!"

Herr Stamm aber sagte: „Man stirbt nicht so rasch, du närrisches Kind, und nun versprich mir, daß du auch dann nach Deutschland gehen und deine gesetzlichen An­sprüche an dein Erbe gellend machen wirst, wenn ich vorher vom Tode ereill werde, wenn ich nicht mehr bin. Ich habe es dir oft genug gesagt, daß es mein höchster Wunsch ist, daß du in Zukunft den dir zukom­menden Namen fuhrst. Sofern ich dich begleiten kann, lasse auch mich in die Schifssliste unter meinem vollen Rang und Namen eintragen. Du machst dasselbe, wenn du gezwungen bist, die Ueberfahrt allein auszuführen." ,

„O, Papa, ich fürchte mich so sehr vor all dem Un- bekannten, aber ich schwöre es dir beim Andenken an meine liebe Mutter, daß ich jeden deiner Wünsche ge­wissenhaft erfüllen werde. Doch ber liebe Gott wirb dich mir schon erhallen. Wenn du bei mir bist, er- scheint mir alles in einem anderen, freundlicheren Lichte. Gemeinsam mit dir möchte ich wohl unser altes Schloß sehen. Aber allein — wenn ich nur daran denke — möchte ich schon meinen."

„Ich danke dir, Ellinor," sagte Herr Stamm. ,Zch habe mein Haus bestellt. . . . Wenn du dich aber wirk­lich so sehr fürchtest, was ich dir gar nicht zugetraut hätte, so mag Scheele dich begleiten. Er ist unser er­gebenster Freund unb wirb deine Sache zu seiner eigenen machen. . . Du ziehst ja schon wieder ein Gesicht? Ist dir dieser Vorschlag auch nicht recht, Elli? Ich glaube, es ist die höchste Zeit, daß du aus der Einsamkeit fort« kommst. Du scheinst mir Anlagen zu haben zu einem weiblichen Sonderling."

Ellinor brachte es, trotzdem sie vor Angst und Ver­wirrung vergehen zu müssen glaubte, fertig, mit einem hellen, schelmisch klingenden Lachen zu antworten. „Wenn unser zufriedenes, behagliches Leden denn durchaus eine Unterbrechung erfahren oder für immer zu Ende fein fall ,fo fahren wir eben beide, Papa!"

„Das war ein gutes, verständiges Wort, Ellinor, wir fahren beide, dabei bleibt es!"

Er sank sehr erschöpft zurück und Totenblässe überzog sein Gesicht. Erschrocken legte sie ihren Arm unter sei­nen Kopf und rieb ihm mit einer stärkenden Essenz, die jetzt immer bereit stand, die Schläfen.

Er erholte sich auch gleich wieder.

Als er in Ellinors Augen Tränen bemerkte, lächelte er matt. „Eine kleine Schwäche, Ellichen, das geht vor­über. Mach dir keine Sorge! Auf hoher See, in der kräftigenden Meeresluft wird es mir besser gehen, da gesunde ich vollständig. Die Gewißheit, daß ich meine' Heimat wiedersehen soll, hilft mir schon jetzt über den krankhaften Zustand in meinem Körper hinweg. . . . Wir müßten nur bald fort, recht bald, ehe es zu spät ist! Uns hält ja eigentlich nichts. Unser Haus ist in Scheeles Obhut gut aufgehoben. Reisevorbereitungen? Wozu? Unsere Taschen sind mit Gold gefüllt, für Gold bekommen mir alles, was mir brauchen. Wenn mir

I wollen, können wir morgen schon, ja heute noch unsere 1 Reise antreten!"

Er sprach jetzt hastig, fa daß die Worte sich über­stürzten. Rote Fieberflecken brannten in feinem Gesicht, seine Augen glänzten unnatürlich.

Ellinor glaubte vor tiefinnerem Jammer in die Knie zu brechen und doch kam es ihr zum Bewußtsein, daß sie sich mit Gewalt aufrecht halten müsse, mehr Henn je.

Herr Stamm sprach, nachdem er sich etwas erholt hatte, noch immer von den Annehmlichkeiten der über­seeischen Reise auf einem der herrlichen Lloyddampfer, von feinem Reiseziel und der fernen, fernen Heimat, die er nicht ohne Ueberlegung im Liebesrausch aufgegeben, deren Erde er küssen wollte, wenn der Himmel ihm die Gnade erwies, daß er sie wieder betreten durfte.

Ellinor aber sagte sich, daß dieses geschwächte Leben die Strapazen einer Seereise unmöglich bestehen würde. Denn neben all der von Menschenhand geschaffenen An- nehmlichkeiten und Erleichterungen gab es Naturgewal­ten, die menschliches Wollen und Können zunichte mach­ten und denen nur robuste Körperkraft gewachsen war.

Ihr armer Vater war ja viel zu elend, als daß ein geschwächter Organismus Sturm und Wetter ertrugen konnte.

Und sie, wenn er sie von ihrem Gelübde nicht ent­band, war bann gezwungen, allein den Weg übers Meer zu machen, den gefahrvollen Weg, der sie zu einem un­bekannten Ziel führen sollte, wo ihrer vielleicht die bit­tersten Enttäuschungen harrten.

„Bringe den Kasten wieder zurück an seinen Platz, Kind, und schließe ihn sorgfältig ein," sagte Herr Stamm endlich mit matter Stimme, „du kennst nun den Inhalt. Es ist am besten, du nimmst die Dokumente an dich unb verwahrst sie in einer wasserbichten Tasche. Ich ernenne dich überhaupt zu meinem Reisemarschall, überlasse dir alle Sorgen für unsere Bequemlichkeiten. Ich fühle mich außerstande, bie ungezählten Kleinigkeiten zu er- lebigen, bie täglich (eben Passagier beschäftigen."

«Ich will alles tun, lieber Papa. Aber nun mußt du ausruhen, unb bein Pulver nehmen, damit du fchläfft. Ein wenig kräftigen mußt du dich, ehe die Reife vor sich geht, fönst fällst du mir ja schon um beim ersten Ruck, den unser Auto auf dem Weg zur Station ab- bekommt."

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