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Nr. SS.

Anzeiger für die Skadk und den Kreis Fulda.

Erschein, sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage: Illustrierte Beilage" und „‘Burfjenblätter* *. Rotationsdruck und Beklag bet Bridbett Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Str. 0. •x. Monatlicher Bezugspreis 1,50 ML x

Dienstag, 8. März 1927.

AmkNches LrelsblaN.

SölKerbMsrat-Tagung unter StresemannS Vorsitz.

Die Verhandlungen in Gens.

Hauptmann Lutsch und Abgeordneter Hopf als Vorsitzender des Landesausschusses in ihre Aemter eingeführt und vereidigt.

* Deutschland und die Fremdenlegion. Wie die „Tägliche Rundschau" mitteilt, wird die deutsche -Regierung anläßlich der letzten Vorfälle bei der französischen Regierung wegen der Werbung zur A^?denlegion vorstellig werden. Von feiten Frank- '^selbst anerkannt worden, daß die ftanzö- Werber keinerlei Recht haben, im besetzten St?” -«lne Werbetätigkeit zu entfalten. Unbe- "uch das deutsche Recht, zur Fremden- «WWNLLSL «--«--mg-r-ug-b-im

wird wohl von keiner Seite mehr bestritten. Die deutsche Politik muß sich vorbereiten, den Zeit­punkt zu wählen, an dem Deutschland die Anwen­dung dieses Artikels formell verlangen wird. Die Behauptung, daß die Bildung der neuen Regie­rung Schwierigkeiten für die Fortführung der Thoiry-Besprechungen hervorgerufen^habe, ist un­richtig. Die Urfadje für das unverkennbare Stocken in den Derftändigungsbemühungen lag vielmehr in der starken Reaktion der französischen öffent­lichen Meinung auf die Vereinbarungen während der Dezembertagung des Völkberundsrates in be­zug auf die Aufhebung der Militärkontrolle. Die Angriffe auf Briand sind damit verstummt und er hat sich neuerdings grundsätzlich gegen 'den Weg der Besetzung und für den Weg des Verständi­gungsverfahrens in deutlichen Worten erklärt. Bei den Besprechungen zwischen Dr. Stresemann und dem polnischen Außenmini st er wird die Frage des Niederlassungsrechtes einen Hauptgegenstand bilden. Deutscherseits ist die Unterbrechung der Handelsvertragsverhandlun­gen keinesfalls auf die letzten polnischen Auswei­sungen, vielmehr auf die Gesamtheit dieser Fälle, auf die grundsätzliche Entdeutschungspolitik gestiitzt worden. Der polnische Außenminister hat in einer Unterredung mit den Vertretern der Reuen Freien Presie den Wunsch nach Verständigung kundgege­ben. Wenn sich das in Genf in der Form witt- schafts-politischer Verhandlungen mit dem Ziele einer vertraglichen Einigung verwirklichen läßt, so wird auf deutscher Seite sicherlich die Hand dazu geboten werden.

wtb. London, 7. März. (Eig. Funkm.) Der diplomatische Berichterstatter der „Westminister- Gazette" schreibt: Während die Meldung über eine aktive Unterstützung der Polen durch Groß-Bri- tannien zur Erlangung der Hilfe Polens gegen Sowjet-Rußland zweifellos eine auf Sowjet-Pro­paganda zurückzuführende Uebertreibung ist, ist c>? Tatsache, daß Groß-Britannien auf eine gegen festige Verknüpfung der ost-europäischen Interessen durch die Regelung örtlicher Mei- imngsverschiedenhesten hmziett, mn die Sowjet-Be­mühungen, einen diplomatischen Druck auf diese Länder auszuüben, wirkungslos zu machen. „Daily News" hofft, daß Chamberlain die erste Gelegen­heit in Genf benutzen werde, um das in ganz Euro­pa verbreitete Gerücht zu erledigen, daß Groß- Britannien em Geheim-Abkommen mit Polen gegen Rußland abgeschlossen habe.

Hm Montag.

wtb. Genf, 7. März. (Eig. Funkm.) Die Rats­tagung hat heute vormittag kurz nach 11 Uhr mit einer nicht-öffentlichen Sitzung unter dem Dor- sitz von Reichsminister Dr. Stresemann begonnen. Auf die Punkte von Interesse, die die Tagesordnung bietet, deutete schon das Bild hin, das die große Vorhalle des Völkerbundsgebäudes kurz vor Beginn der Tagung bot. Die Gruppen der einzelnen Delegationen, die zu verschiedenen Zeiten eintrafen, waren je nach ihrer Beteiligung an die­sen Fragen Gegenstand des Interesses, doch fehlte der übliche Ansturm von Fremden. Vor Beginn der Sitzung machte Reichsminister Dr. Stresemann dem Generalsekretär Sir Eric Dru mm an deinen Besuch, um mit ihm die Formalitäten der Vor- sitzführung zu besprechen. Gegen 11.45 Uhr wurde die erste Sitzung der neuen Ratstagung für öffent­lich erklärt.

Neue deutsch-polnische Verhand­lungen.

Die Polnische Telegraphenagentur meldet: Durch die Aussetzung der deutsch-polnischen Handelsvev- tragsverhandlungen wurden die zwischen der pol­nischen und der deutschen Regierung in Berlin ge­führten Verhandlungen über Rechts-, sozialpvli- tische und Berrechnungsfragen nicht berührt. Der polnische Bevollmächtigte Dr. Prondzynski, in des­sen Wirkungskreis diese Fragen gehören, wird in den nächsten Tagen nach Berlin reifen, wo demnächst Verhandlungen über die Fragen der Wanderarbest, der Sozialversicherung und die Der- rechnungsfrage beginnen sollen.

Die lettisch-rufsischen Verhandlungen.

„Eunday Times" veröffentlicht eine Unter« rebung mit dem von Riga zurückgekehrten letti- Ichen Gesandten Vesmanis, der in Abrede stellt, daß die augenblicklichen lettisch-russischen Verhand­lungen eine Neuorientierung der lettischen Polittk bedeuten. Er betonte, daß Lettland entschloßen sei, seinen Völkerbundsverpflichtung en getreu nachzu kommen, und sagte, Lettland sei stets westlich eingestellt gewesen, da seine besten Kunden Deutschland, Skandinavien und England seien.

Am Sonntag vormittag hoben sich die Völker­bundsdelegierten, Briand, Chamberlain, Strese- mann und die Sterne kleinerer Ordnung in Genf eingefunden und sofort die Besuche und Bespre­chungen ausgenommen, damit für die erste Rats­sitzung am Montag vormittag Vorarbeit geleistet würde. In Genf begegnet die diesmalige Rats­sitzung im allgemeinen einer verhältnismäßig nüchternen Auffassung in bezug auf die Mög­lichkeit von Ergebnissen, die nicht scharf durch die umfangreiche Tagesordnung — nunmehr 40 Punkte — umrissen sind. Die Tatsache, daß der deutsche Reichsaußenminister den Vorsitz führt, ist zu den verschiedensten Kombinationen benutzt wor­den. Sie sind vollkommen abwegig, da die al­phabetische Reihenfolge diesen Vorsitz herbei­geführt hat.

In der Saarfrage liegt das sogenannte Kompromiß vor, das von der Regierungskommis­sion des Saargebiets gegen die Stimme des saar­ländischen Vertreters dem Rat unterbreitet worden ist. Dieser Vorschlag weist zunächst verschiedene of­fensichtliche Mängel auf; so vor allem den, daß die Zurückziehung der französischen Truppen nicht von vornherein an ein bestimmtes Datum geknüpft ist. Die Verhandlungen werden darauf abzielen müssen, in erster Linie den genauen End­termin für den Abzug der französischen Truppen festzusetzen, ferner den Bahnschutz insbesondere we­gen seiner Größe zu beanstanden, und schließlich die genauen Kompetenzen irgendwelcher neuen Organisationen festzulegen.

Zur Frage des oberschlesischen Schul­konflikts liegt dem Rat eine Petition von 7041 Bewohner Ostoberschlesiens vor; durchweg Leute polnischer Muttersprache, die um den Besuch der deutschen Schule für ihre Kinder einkommen, weil ihnen eine doppelte Kultur unerläßlich erscheint. Der Präsident der deutsch-polnischen Kommission für Oberschlesien, Ealonder, hat diese Frage nach dem Wortlaut der Genfer Konvention zugunsten eines deutschen Anspruchs der Einwohner Oftober- fchlefiens entschieden. Polen hat sich mit dem Hin- roeis darauf widersetzt, daß ein solcher Anspruch aufgrund des Minderheitsrechts, der von Angehöri­gen der Mehrheit ausgehe, das gantze Minder- nettenrecht auf den Kopf stelle, aber gerade damit em Argument für die stets von Deutschland ver­tretene Auffasiung in bezug auf die besondere Ei- genart der oberschlesifchen Verhältnisse geliefert. Es T't kaum anzunehmen, daß diese Frage in der ge­genwärtigen Tagung enschieden wird, vielmehr ist zu erwarten, daß sie einem Gutachten des Haager Gerichtshofes unterworfen wird.

Es ist auch möglich, daß die Verhältnisie in Eyma m der einen ober andern Form vom Rate behandelt werden. Der Vertreter Chinas im Völ­kerbund, Schu, trifft frühestens Sonntag abend in MNs ein.

Reichsaußenminister Dr. Stresemann stattete Sonntag nachmittag 5 Uhr dem französischen Mi- ^s Auswärtigen, Briand, einen unge­fähr etnftunbtgen Besuch ab. Anschließend tegr Reichsminister zu dem briti- schen Minister des Aeußern, Sir Austen Cham- v e r l a i n, mit dem er eine ungefähr zweistün­dige Unterredung hatte. 1

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k-i^Z^ninister Dr. Stresemann sandte vor aus San Remo an den Premier­minister Mussolini folgendes Telegramm:

'ch den gastlichen Boden Italiens wieder verlasse, mochte ich nicht versäumen. Eurer Exzel­lenz meine besten Grüße zu übermitteln. Exzellenz wollen m.r gleichzeitig gestatten, meinen verbind- llchen Dank für die außerordentlich liebenswürdige mirsorge auszudrücken, die mir seitens aller Be- nÄl hichgen Provinz und Stadt zuteil ge- roor“n ist- Stresemann'

oe bas imn bcr deutsch-demokratischen Partei SorfiJ -vv/iben Stresemanns an Mossolini in ^Y^Sudtirol scheint es sich hier nicht zu

Die Besprechungen am Sonntag. ftrigen'sHpretbunm?^3' g- Funkm.) Die ge- und Brian^eiwrfeiÄ" Stresemann Minister und Eha'mbeS- 9tel*5?“&e"’ ten bei dem jetzigen ©tanV beTÄ'S M’ gen Fragen der Tagesordnung^ m . I’ den anderen großen Fragen aeonn^ 3 Fragen der Rheinla^nd f^umL ^u- Die dabei entsprechend der Auffassunn ^i? £ bjrfte« den letzten Wochen in der

dicht big zu einem positiven (Ergebnis6 f werden können. Das Recht Deutschlands onVm "°n Art. 431, die Räumung des besetzten ©SÄ I oor Ablauf der Besatzungsfristen, zu beanspruchen I

* Marx bei Lobe. Der Reichskanzler Dr. Marr stattete am Samstag dem Reichstagspräsidenten Lobe einen Besuch in der Klinik ab. Der Reichs­kanzler brachte dem Präsidenten feine Freude über den bisherigen guten Verlauf der Operation zum Ausdruck und fügte die Hoffnung hinzu, den Prä­sidenten bald wieder in alter Frische und bei gutem Humor feines Amtes walten zu sehen. Präsident Lobe, der über den Besuch des Reichskanzlers sicht« Wünsche"* °ar' banfte öem Reichskanzler für feine fühH Landeshauptmann Lutsch in sein Amt einge- k/"' ..An Samstag vormittag wurden durch den voerprafibenten Dr. Schwander-Kassel Landes-

Das deutsche Volk im Krieg.

Mas Churchill sagt und was die deutschen firiegs- Memorienschreiber sagen. — (Ein wohlverdienter Rippenstoß.

Die „Kölnische Volkszeitung" weist auf die so­eben in London erschienenen hochinteressanten Kriegserinerungen des derzeitigen englischen Schatzkanzlers Winston Churchill, der im Kriege an hervorragender ©teile gestanden hat, hin und verzeichnet das Urteil Churchills über die gewaltigen Leistungen Deutschlands im Kriege. In dem Kapitel Sieg schreibt er nach der Uebersetzung der „Neuen Züricher Zeitung"

„Aber im Umkreise der Macht kennt die Geschichte der Menschheit nichts, das sich mit der Eruption des deutschen Vulkans vergleichen ließe. Vier Jahre lang stritt Deutsch­land trotzig gegen die fünf Kontinente der Welt, auf dem Land, zur See und in der Luft. Die deutschen Heere hielten die erschütterten Verbündeten aufrecht; sie traten erfolgreich auf jedem Kriegsschauplatz auf, sie standen überall auf erobertem Gebiet, und sie zwangen ihren Feinden mehr als doppelt so große Verluste auf, wie sie selbst erlitten. Um ihre Macht und Wissenschaft zu brechen, mußten die größten Völker der Menschheit ge­gen sie zu Felde ziehen. Ueberwöltigend große Men- schenmassen, schrankenlose Hilfsmittel und Opfer ohne Maß, die Blockade zur See, all das hatte 50 Monate lang nicht zum Ziele geführt. Kleine Staaten wurden in diesem Kampf zertreten, ein mächtiges Reich wurde zu unkenntlichen Fragmenten zertrümmert, und nahezu 20 Millionen Mann vergossen ihr Blut, bevor das Schwert dieser furchtbaren Hand entrungen werden konnte. Sicherlich war das, ihr Deutschen, genug für die Geschichte."

Auch bei dieser Gelegenheit müssen wir fest- stellen, so bemerkt dazu die „K. V.", daß die Ge­schichtsschreiber auf der gegnerischen Seite im all­gemeinen mehr Objektivität gegenüber den un­erhörten Leistungen des deutschen Volkes in allen seinen Schichten aufbringen als die deutschen Verfasser von Sriegserinnerungen. Wer die Kriegsliteoatur aufmerksam undmtt dem glühenden Drange verfolgt, die Spuren der ganz unerbittlichen Wahrheit zu finden, wird immer wieder traurig über die Lieblosigkeit, mit der die deutschen Mernorienschreiber ihre Anklagen ge­gen ihr eigenes Volk schleudern. Es ist keine Schande, den Krieg nach solchen heroischen Opfern verloren zu haben; aber es ist eine Schande, daß es unter uns immer noch Menschen gibt, die behaupten, das Volk hätte versagt. Unser Volk hat nicht versagt; es hat bis zum letzten Hauch gekämpft und gearbeitet, und eine gerechtere Zeit wird ihr Erstaunen darüber, daß diese geduldigen Menschen zu allem sich auch noch beleidigen ließen von denen, die Geschichten schrieben, um Geschichte zu machen.

(Erregung in Frankreich.

Havas berichtet aus Slimes: In Aimar- gues kam es in einem Saal, in dem französische Faschisten eine Sitzung abhielten, zu Zusam­menstößen zwischen diesen und Antifaschisten. Auch am Nachmittag kam es zu erneuten Zusam­menstößen. Gendarmerie gelang es, die Ruhe wie­derherzustellen. Zwanzig Personen sollen verletzt fein, darunter auch der Bischof von Slimes, der durch einen Stein am Kopf getroffen worden sei.

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Der Verband der Weinbauern von Mit­tel- und West frankreich hat in Clermont- Ferrance heute eine Entschließung angenommen, in der er sich gegen die schlechte Behandlung der land­wirtschaftlichen Produkte im allgemeinen und der Weine im besonderen im neuen französischen Zoll­tarifentwurf wendet und fordert, daß die französi­schen Weine mit der Einfuhr nach Deutschland zu- mindesten die gleiche Behandlung genießen wie die spanischen und italienischen Einfuhrweine.

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Da die Kommuni st en, wie sich auch aus der „Humanitt" ergibt, gegen eine rasche Durch- peitschung des Gesetzentwurfes betreffend die all- femeine Organisierung der Nation n Kriegszeiten sind bei jedem einzelnen Artikel Zusatzanträge stellen und Redner vorschik- ken, scheint, wie die Havasagentur berichtet, der Abgeordnete SDloriaub — derselbe, der seinerzeit durch di« Gründung der interfrakttonellen Gruppe die Bildung des Kabinetts der nationalen Eini­gung vorbereitet hatte — die Absicht zu haben, in der Kammer vorzuschlagen, daß künftig nicht mehr 20 Abgeordnete einen Antrag auf öffentliche Abstimmung auf der Tribüne, durch den die Si­tzungen hinausgeschoben werden, zu stellen bered)« itgt sind, sondern daß dazu 35 oder 40 Unterschrif­ten in Zukunft nötig fein sollen. (Die kommuni­stische Fraktion besteht aus 28 Mitgliedern, die Zahl der unabhängigen Kommunisten beträgt 3.)

Zur Beschleunigung der Beratung will eine ge­wisse Anzahl von Abgeordneten, darunter Paul Boncour, vorschlagen, daß Zusatzanträge erst dann in öffentlicher Sitzung diskutiert werden dürfen, wenn sie vorher dem zuständigen Ausschuß un­terbreitet worden sind.

* Eine elsaß-lothringische Abordnung bei Poin- eare. Der französische Ministerpräsident hat eine Abordnung elsaß-lothringischer Senatoren empfan­gen und sich mit ihnen über die Lage der Be­amt en in Elsaß-Lothringen, über die Zwei- sprachen-Frage, über die Ernennung des neuen Rettors der Universität Sttaßburg (der bisherige ist kürzlich zum Rektor der Universität Paris er­nannt worden), sowie über die Klagen betreffend die langsame Abwicklung der Liquidierung der Kriegsseauester ausgesprochen.

am Zehnhofs.

Was die Gegner über ihn sagen. •

Dem zurückgetretenen preußischen Finanzmini« fter Am Zehnhoff, de malten bewährte Zentrums- mann, widmen auch die politischen Gegner unge­mein warme Anerkennungsworte.

Der demokratische Landtagsabgeordnete Riedel hat an den scheidenden Minister am Zehnhoff nach­stehendes Schreiben gerichtet:

Hochverehrter Herr Minister! Die deutsch-demokra­tische Fraktion des Landtages hat den Unterzeichneten be­auftragt, Ihnen anläßlich Ihres Scheidens aus der Staatsregierung den herzlichsten Dank der Fraktion für die selbstlose und aufopfernde Tätigkeit auszusprechen, die Sie seit der Staatsumwälzung in schwerster Zeit im Dienste unseres Dolksstaates zum Volkswohle geleistet haben. Die Fraktion beehrt sich, die Wertschätzung, die von ihr schon kürzlich anläßlich Ihres goldenen Dienst. Jubiläums ausgedrückt wurde, noch einmal ganz beson­ders zu betonen. In ganz vorzüglicher Hochachtung gez. Riedel.

Die sozialdemokratische Landtags­fraktion hat an den scheidenden Justizminister Dr. Am Zehnhoff folgendes Schreiben gerichtet:

„Sehr verehrter Herr Minister! In dem Augenblick, in dem Sie das Justizministerium verlassen, das Sie durch volle acht Jahre mit soviel Klugheit und Erfolg geleitet haben, ist es uns ein Bedürfnis, Ihnen unsere Dankbarkeit und unsere besten Wünsche auszuspre­chen. Mitten in den Stürmen der Revolution in Ihr hohes Amt berufen, haben Sie in stiller, aber zielklarer Arbeit das Preußische Justizministerium zu einer Be­hörde von vorbildlicher Arbeitsleistung und edler Huma­nität gestaltet. Sie selbst haben mit umfassendem Geist und vornehmer Menschlichkeit auch die politisch anders Denkenden entzückt, die die Ehre hatten, Sie näher ken- nen zu lernen.

Wir hoffen, daß die von Ihnen gepflanzte Tradition der Milde und des Verstehens auch nach Ihrem Ausschei- den aus dem Amt im Preußischen Justizministerium fortleben wird. Ihr Wirken werden mir in liebevoller und dankbarer Erinnerung bewahren und wünschen Ihnen auch fern von den Amtsgeschäften noch viele geistesftische Jahre eines Sie befriedigenden Wirkens."

Das sozialdemokratische Organ in Kas­sel, die „Kasseler Volkszeitung", schreibt zum Rücktritt Am Zehnhoffs:

Am Zehnhoff ist stets ein ehrlicher Republi- kaner gewesen. Schon in der Kaiserzeit hat er getreu feinen freiheitlichen Traditionen Titel und Orden aus- geschlagen, die er als Spezialanwalt für Fideikommiß« recht und Vorsitzender der Anwaltskammer Düsseldorf in beliebiger Fülle hätte haben können. Daneben freilich ist Am Zehnhoff stets das Gegenteil eines umstürzleri- schen Neuerers gewesen, ein durchaus konservativ er Mann, dessen Lieblingswott das nihil per faltum (nur nichts sprungweise) ist. Getreu feiner Art und seinem Charakter hat er auch sein Ministerium geleitet, ohne sich besonders um die jeweilige taktische politische Lage zu kümmern.

Langsam und unmerklich hat Am Zehnhoff zuerst im eigenen Hause Ordnung geschaffen. Er hat niemanden zur Disposition gestellt. Er hat ruhig gewartet, bis di« Mügel, Geisler, Kubier usw. überalterten ober im Wege der Beförderung aus dem Ministerium herausgebracht werden konnten. Dann aber hat er sie durchweg durch ruhige und fachliche Arbeiter ersetzt, die jeder reaftionä- ren Sabotage am neuen Staat unbedingt fern standen. So ist das Justizministerium selbst eine vorbildliche flei­ßige und objektive Behörde geworden, und man muß an­erkennen, daß in der Personenauswahl Am Zehnhoff eine außergewöhnliche Menschenkenntnis an den Tag gelegt hat. Darüber hinaus hat er dem Justizministerium sei­nen Geschmack an freier Bildung und vornehmer Mensch- lichkeit eingeflößk. Die Gnadenpraxis des Preu­ßischen Justizministeriums verdient geradezu rückhaltloses Lod und hat vieles von den Schäden einer überalterten Strafgesetzgebung und eines reaktionären Richtertums wieder gutgemacht.

Solche Würdigung im Lager politischer Gegner ist ein seltener Vorgang, der die Verdienste Zehn­hoffs ins rechte Licht stellt.

Mittelamerika.

Aus Mexiko wird gemeldet: Die Somjet« gesandtschaft erklräie zu dem Gerücht, die Der- treterin der Sowjetunion, Frau K o l l o n t a y, werde ihren Posten verlassen, weil sie das Klima nicht verttagen könne, daß sich Frau Kollontan zwar nicht wvhlfiihle, sie beabsichtige jedoch nicht, von ihrem Posten zurückzutreten.

Die Lage in Nicaragua.

Der Führer der liberalen Armee General Mon- cada erklärte zu dem bereits gemeldeten Angebot, in Friedensoerhandlungen einzutreten, er sei sol­chen Verhandlungen nicht abgeneigt, wenn sich an ihnen der amerikanische Gesandte in Managua, Eberhardt, beteilige.

Die Lage in China.

Die militärische Lage ist unverändert. Nicht be­stätigte Gerüchte, wonach Tschantschantschang zu einer Verständigung mit den Kantonesen wegen der Besetzung der Stadt Schanghai durch die Südarmee, ohne daß Widerstand geleistet werden solle, ge­kommen wäre, sind in Kuomintang-Kreisen im Um­lauf.

Der Handel auf dem oberen Pangtsc ist völlig lahmgelegt.

Landung japanischer Matrosen ht Schanghai.

500 japanische Mattosen sind in Schanghai ge­landet. Sie sind in japanischen Baumwollsabrikcn untergebracht worden.

* Vor einem Rücktritt Macdonalds? „Weekly Dispatsch" will wiffen, daß der englische Arbeiter­führer und frühere Ministerpräsident Macdonald wegen der Uneinigkeit in der englischen Arbeiter­pattei enttäuscht sei und sein Rücktritt als Führer der englischen Arbeiterpartei kein Erstaunen Hervor­rufen würde.